ITCHM International Academy for Traditional Medicine Culture and Health Management. Sucht, Nervensystem, Philosophie Mark J. Emmenegger

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1 ITCHM International Academy for Traditional Medicine Culture and Health Management. Sucht, Nervensystem, Philosophie Mark J. Emmenegger Liebe Kolleginnen und Kollegen Anders-Sein Es gibt sie überall, die Gleichen und der Andere, bei den Steinen, bei den Tieren Bei den Menschen, anders als sonst, anders als vorher, anders als die anderen, anders als jetzt Darf ich Ihnen Anna vorstelle, diese 30-jährige Frau will anders sein. Sie hat Wünsche und Träume, Sie empfindet ein Verlangen, eine Begierde Sie spürt Leidenschaft, Erregung und Lust Sie strebt nach etwas Speziellem ausserhalb der Norm 1

2 Es gibt es: das Anderssein die Sehnsucht, der Rausch die Sucht Die Erfahrung der Sehnsucht, der Sucht, des Rausch wird stets aus Erst-Personen-Perspektive erlebt aus der Perspektive der Beteiligten. Doch jede perspektive Erscheinung zeigt niemals die Ganzheit, Sondern nur immer einen bestimmten, begrenzten Anteil. There is no View From Nowhere Lebenswelt des Sehnsüchtigen und des Süchtigen ist, seine perspektivische Gegebenheit, in seinem Raum, in seinem sozialen Umfeld, in seiner Zeit, in seiner Biographie, in seiner Geschichte und seiner Kultur, ist situationsgebunden. Es ist seine relative Wahrheit Dieser 1-Personen Perspektive steht ein Pluralismus von Perspektive gegenüber: Ich, Du wir, Betroffenen, Beteiligten, Musiker, Künstler, Schriftsteller, Philosophen, Psychologen, Neurobiologe, Therapeuten, Politiker, Jurist, Östliche westliche Kultur 2

3 Wir sprechen dabei von der Menschenkunde, Anthropologie des Andersseins, der Sehnsucht, der Gier, der Sucht Naturalistische Anthropologie: Mensch als biologisches Wesen Objekt Philosophische Anthropologie: Qualitative Eigenschaften Subjekt Welches sind die qualitativen Eigenschaften der philosophischen Anthropologie? Das ist hauptsächlich die Sehnsucht und den Rausch 3

4 Sie will hoch hinaus, tief hinein, weit weg An einem Ort sein, den es NOCH nicht gibt, den es eigentlich geben müsste, eine neue Wirklichkeit. Es ist der Versuch das Mögliche und das Unmögliche zusammen zu denken Es ist ein Zustand ohne Sprache Es ist das schmerzhaften Gefühl, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Die Sehnsucht ist eine Suche ohne Ziel Es ist eine Suche nach den Grenzen, eine Suche diese Grenzen zu überschreiten. Es ist eine Flucht in eine Welt die besser, lebenswerter, schöner ist Eine Flucht in eine Welt die nicht mehr öde, banal, real Sehnsucht nach Erlösung. Im Diesseits, im Jenseits Nach hinten in die Nostalgie nach dem längst vergessenen nach vorne in die Utopie nach dem kaum vorstellbaren 4

5 Viele Wege führen uns aus der Sehnsucht: Wissenschaft die Suche nach dem Verlässlichen, dem Gültigen, der Erkenntnis, und dahinter immer noch mehr Revolte der Aufstand, die Leidenschaft, die Destruktion Liebe die Alles will und oft scheitert Glaube dass das Ende nicht das Ende ist, sondern der Neubeginn, die Hoffnung Tod, alle Sehnsucht sucht den Tod, das Ende allen Treibens Was sagen die Philosophen? Die Schule von Athen ist Raffael,

6 Platon: Wer sich sehnt, begehrt was er noch nicht besitzt; Bedingung für Erkenntnis Mittelalter: Sehnsucht als Schmerz, als Krankheit, als sehnende Sucht, von der kein Mensch befallen sein will. Rousseau: Suche nach der Natur, weil der Mensch seine natürliche Beziehung zur Natur verloren hat. 6

7 Immanuel Kant: Sehnsucht ist der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren des Begehrten vernichten zu können. und dem Erwerben Der Künstler Francis Bacons hat seine Perspektive der Sehnsucht malerisch ausgedrückt Er gilt als der Maler-Junkies. Sein Antrieb war die Gier, die Gier nach Leben. Der Aussenseiter war oft unter dem Einfluss von Alkohol und Glücksspielen. Er zerstörte viele seiner Werke, war unentschlossen und voller Selbstzweifel I just love living in chaos 7

8 Er sah das Portrait von Papst- Innozenz X, von Diego Velázquez Der misstrauische Blick, die rote Gesichtsfarbe, das rote Gewand die Macht, die beherrscht Unruhe Ich hasse diese Art von europäischer Schlamperei-Malerei Das war seine Antwort: Bacon öffnet die Schleusen und lässt die Energie, das Entsetzen frei. Der innere Schrei des Papstes, das Entsetzen, die Angst, der bestialische Schmerz Der Papst als Würdenträger wird zum Repräsentant der Sehnsucht Auch dieses Triptychon stellt den rauschhaften Horror des menschlichen Leidens dar. Die gesuchte Unausweichlichkeit des Lebens ist nur über das Scheitern der bewussten Tätigkeit zu erlangen 8

9 Wenn die Sehnsucht, unsinnig, verrückt, absurd, abwegig wird, wenn Begehren, Ekstase, Gier, Trunkenheit, Geilheit, Leidenschaft, und Ausschweifung dazu kommen wird die Sehnsucht zum Rausch. Wenn beim Rausch die Abhängigkeit, die Besessenheit dazukommt, die Zwanghaftigkeit, die Entartung, das Krankhafte wird Rausch zur Sucht. Der erotische Rausch, die erotische Ektase Amor und Psyche (Antonio Canova Paris, Louvre (1793) Ekstase: ausser sich sein Nichts ersehnen und fürchten die Menschen mehr als die Ekstase. In der Ekstase ist man dem Nichts, dem Allumfassenden so nahe, wie man es mit Worten nicht beschreiben kann. (Bernd Schüll) 9

10 Ist die erotische Ektase nicht oft aber auch ein Kampf zwischen Lust und Schmerz? Erlebnisse mit Angst, mit Entblössung, mit Schamlosigkeit, mit Entwürdigung? Übergang von der Normalität und Perversion? Lust oder Horror? Sadomasochismus ist Lust zu erfahren durch die Zufügung oder das Erleben von Schmerz, Macht oder Demütigung. Voyeurismus: Es ist die Lust am Betrachten Exhibitionismus: Ist die Lust zu erleben, nackt oder bei sexuellen Aktivitäten beobachtet zu werden. Fetischismus: Ein Gegenstand dient als Stimulus der sexuellen Erregung und Befriedigung Pädophilie: Kinder sind das primäre sexuelle Interesse. Zoophilie: Tiere werden als Sexualpartner bevorzugt Der paraphile Mensch fühlt sich nicht krank. Die versessene Persönlichkeit gibt die Impulse für extravagantes sexuelles Verlangen, mit Verachtung der normalen Sexualität. Die Lust, der Rausch sind vergänglich Alles ist vergänglich und deshalb leidvoll. (Buddha) Streben nach der unendlichen Jugend Melancholie: Verwandtschaft von lustvoller Schönheit mit dem Tod. Freud: Krieg zwischen dem Liebes- und dem Todestrieb; zwischen Eros und Thanatos 10

11 Dies Darstellung der beiden Satyrn von Peter Paul Rubens stellt die wichtigste Suchtform dar: der Alkohol-Über-Konsum In Europa werden 12 L reiner Alkohol/Person/J konsumiert Alkohol ist eine relevante, vermeidbare Ursache für Krankheiten und Unfälle. Erhebliche Bürde für Individuum, Familie, Freunde, Arbeit, Gesellschaft. 92,600 deaths/j Die durch Alkohol bedingten Kosten werden auf Mia geschätzt. Diese Frau hat auch Alkohol getrunken, aber nicht nur. Sie war High jetzt ist sie in der Phase des Katers, depressiv, körperlich und psychisch abgeschlagen. Sie sniffte vor 8 Stunden Crystal Speed, das Meth-Amphetamin ein kristallines Pulver (90%) Gefährlicher als Amphetamin (10%), da viele Konsumenten die Konzentration des Stoffes unterschätzen. Da Meth-Amphetamin gut fettlöslich ist, gelangt schnell ins Gehirn 11

12 Es werden Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin freigesetzt, Dies führt zu gesteigertem Selbstbewusstsein, vermindertem Schmerzempfinden, unterdrücktem Hunger- und Durstgefühl. Das Schlafbedürfnis verringert, die Leistungsfähigkeit und das sexuelle Verlangen gesteigert. Bei Langzeitkonsumenten psych. Abhängigkeit, Toleranzentwicklung, höhere Dosen, körperlicher Verfall, Nierenschäden, Gewichtsverlust, Bluthochdruck, Potenzstörungen, Zerfall der Zähne, Austrocknung der Mundschleimhäute. Neurobiologische Perspektive der Sucht Welches sind die beteiligten Strukturen? Limbisches System ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die massgeblich an der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten beteiligt ist. Dopamin: der wichtigste Neurotransmitter, ein biogenes Amin aus der Gruppe der Katecholamine macht uns glücklich und macht uns süchtig. Die psychotrope Bedeutung des Dopamins wird allerdings hauptsächlich im Bereich der Antriebssteigerung und Motivation vermutet. 12

13 Es wird für eine Vielzahl von lebensnotwendigen Steuerungs- und Regelungsvorgängen benötigt. Dopaminergic System Frontaler Kortex, Striatum, Substanzia nigra, Hippocampus, Ventr Tegentum, Nc accumbens Unter anderem beeinflusst Dopamin die extrapyramidale Motorik (M. Parkinson) Dopamin wird eine wichtige Rolle bei Suchterkrankungen zugeschrieben. So kommt es beim Gebrauch von verschiedenen Rauschdrogen zur Wirkungsverstärkung von Dopamin, Serotonin und Gamma-Aminobuttersäure. Schaltkreise der Sucht Ventrales Tegmentum (VTA) finden sich Nicotinic Acetyl- Cholin Receptor VTA reagiert auf die Wahrnehmung eines Belohnungsreizes, es sendet Nachrichten an den Ncl. Accumbens, sowie die Amygdala und orbitofrontalen Kortex. (Dopamin) Nucleus accumbens: Lachen, Vergnügen, Sucht und Angst, Hauptsächlich aktive wenn eine Belohnung erwartet oder angekündigt wird u. diese eintrifft Amygdala: Bewertet die Intensität der Belohnung. Die Stärke der positiven und negativen Gefühle werden hier kodiert. Dies sind zusammenfassend nochmals die wichtigsten neurobiologischen Strukturen und Funktionen 13

14 Was macht uns süchtig? Chemie des Suchtmittels, Induktion von Rezeptoren, Zu- und Abnahme von Zellverbindungen, Ungleichgewicht von Dopamin, Pathologischer Lernvorgang, fehlende Alternativen, Kontrollverlust: Regelkreise, Genetische Prädisposition Gehirn Geist Neurochemie menschlichem Verhalten, Erleben 14

15 Leon Wurmser, ein Drogen-Experten, und Psychoanalytiker hat den Zwanghafter Drogenkonsum in sieben Punkten zusammengefasst. 1. Narzisstische Krise steht immer am Anfang. Es ist der Zusammenbruch des Selbstwertgefühles. Die Selbstüberbewertung, das Gefühl der Frustratio und Enttäuschung. Hinter der Maske der Grossartigkeit existiert ein einsamer und wütender Mensch 2. Affektregression: Zusammenbruch der Affektabwehr. Die Gefühle der Wut, des Schams, der Verzweiflung werden überwältigend, beängstigend. 3. Suche nach Affektabwehr. Unerträgliche Ruhelosigkeit, Verleugnung, Verneinung, Verdrängung. Überflutung von unkontrollierbaren Affekten. Jetzt kommen die Drogen ins Spiel, als ersehnte Lösung, als gefundene Hilfe, als neu entdeckter Bewältigungsmechanismus.Versuch der Selbstheilung: Drogenwirkung als stellvertretende Abwehr gegen Affekte. Medikamentös hervorgerufene Abwehr. 4. Externalisierung als Abwehr Aktionsdrang Wut, Niedergeschlagenheit überfluten mich. Diese Furcht vor dem traumatischen Zustand wird durch die Droge abgewehrt. Dadurch bekommt ich Kraft, die Wut, den Schmerz, die Langeweile zu ertragen. Vorstellung, dass das innere Problem durch die äussere Droge gelöst werden kann. Externalisierung ist daher der magische Schlüssel. 5. Aggression gegen sich selbst, gegen andere 6. Ueber-Ich Spaltung. Werte wie Gewissen, Zuverlässigkeit, Verpflichtungen werden bedeutungslos. Als ehrenwerte Person kann ich diese Demütigung nicht mehr ertragen. Es kommt zum Zusammenbruch des Gewissens 7. Lust: Nachdem ich ausgebrochen bin, ist alles gut. Anspruchhaltung, die Welt schuldet mir meinen Lebensunterhalt. Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden. Lust regressive Wunscherfüllung. Ich will das, was ich will und dann wenn ich es will. Narzisstische Lust: ein Versuch der Wiederherstellung des Selbstwertgefühls Einer der diese Kompromisse kennt, der selbst diesem Teufelskreis ausgesetzt war, ist der Schriftsteller Walter Vogt Hören wir abschliessend seine Perspektive Er war Arzt und Drogensüchtige 15

16 Nach seiner autobiographisch aufzeichnet Drogenentziehungskur der meinte: Als Arzt unterliege ich der Schweigepflicht, als Schriftsteller der Pflicht zu reden. Immer wieder kam es vor, dass ich mich auf die Insel der Krankheit rettete aus den Stürmen meiner zwanghaften und chaotischen Existenz. Nicht die Substanz hat mich süchtig gemacht, ich habe auf die Substanz gewartet, um endlich süchtig und psychotisch zu werden. Das Irrenhaus wird zur Welt während gleichzeitig die Welt als Irrenhaus erscheint Die Chemie kann etwas zudecken, sie kann etwas hervorholen schaffen kann sie nichts Auf der einen Seite gibt es Menschen aus Fleisch und Blut Auf der andern Seite das leere Zeichen ICH Ich: Sehnsucht, Euphorie, Rausch, Sucht Liebe, Lust, Zwanghaftigkeit und Perversion Trance Hingabe Ekstase Exzess Ideen Gier Leidenschaft Besessenheit 16

17 Fassen wir zusammen: fliessende Übergänge Sein Anderssein Sehnsucht Rausch Sucht zahlreiche Perspektiven, neurobiologische und philosophische oft Sucht Entwicklung in: Zwanghaftigkeit, Illegalität, Würdelosigkeit, Verwahrlosung Krankheit/Tod Es ist unsere Aufgabe die Süchtigen und die gefährdeten Menschen auf ihrem Weg zu begleiten 17

18 Es ist unsere Aufgabe: Ihre Situation zu entkriminalisieren Ihre persönliche Perspektive zu respektieren Aber auch alternative Perspektive aufzuzeigen und ermöglichen Wir sollten mit ihnen menschliche Beziehungen aufzubauen und pflegen. So, dass diese Menschen sich irgendwie in unsere Lebenswelt wieder sinnvoll und würdevoll integrieren können. Mark J. Emmenegger Dr. med. FMH Neurologia CAS in Philosophy and Medicine World Trade Center B Agno +41 (0)

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