Wie erwerben Kinder Werte: 10 Thesen

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1 Regionalkonferenz Stark für s Leben Lebenskompetenzen von Kindern und Jugendlichen stärken und fördern Wie erwerben Kinder Werte: 10 Thesen Prof. Dr. Udo Rudolph TU Chemnitz Regionalkonferenz Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge Landespräventionsrat im Freistatt Sachsen 1

2 Überblick: Teil 1. Was sind eigentlich Werte, die Kinder und Jugendliche stark machen? Teil 2. Welche psychologischen Erkenntnisse können uns weiterhelfen, wenn es um die Vermittlung von Werten für Kinder geht? Teil 3. Was bedeutet dies konkret für die Vermittlung von Werten und für die Prävention? 2

3 Psychologisches Wissen, das uns hier weiterhelfen kann, betrifft 4 Bereiche: 1. Lernen Was wird wann und wie gelernt? 2. Emotion Was haben Gefühle mit Werten zu tun? 3. Motivation Wie komme ich vom Wollen zum Handeln? 4. Entwicklung Was ist das ideale Zeitfenster für unser Handeln? 3

4 These 1: Die für unsere Frage relevanten Werte sind moralische Werte. Moralische Werte treffen eine Unterscheidung zwischen gut und böse, richtig und falsch, sollen und müssen. Moralische Werte regulieren das menschliche Miteinander und fast alles, was wir lernen, geschieht in einem sozialen Kontext (Familie, Kindergarten, Schule, Freizeit...). Moralische Werte sind zu unterscheiden von bloßen Normen, Regeln und Konventionen, die kulturell und individuell recht unterschiedlich ausfallen können. 4

5 These 2: Moralische Werte sind (weitgehend) universeller Natur. Moralische Werte haben sich in einem sehr weiten Kontext -- lange Zeit, für die weitaus meisten Kulturen der Welt -- in hohem Maße bewährt: Diese Werte lösen Probleme und regeln das Zusammenleben. Du sollst nicht töten, Du sollst nicht lügen, nicht stehlen, Du sollst andere so behandeln, wie Du selbst behandelt werden möchtest... Vieles spricht dafür, dass diese moralischen Werte einen Anpassungsvorteil (einen evolutionären Vorteil) haben, und mit Fug und Recht werden diese auch oftmals als natürliche Werte bezeichnet. 5

6 These 3: Werte erwerben heißt Werte lernen. Lernen bedeutet, dass eine Person sich verändert, und zwar in recht stabiler Weise. Lernen findet immer statt und funktioniert dann gut, (1) wenn etwas gerne getan wird, (2) wenn etwas konkret erfahrbar ist, und (3) wenn es oft wiederholt wird... 6

7 These 4: Kinder wissen schon früh um Werte. Wir können den Zeitpunkt, ab dem Kinder ein Wissen um Werte haben, recht genau bestimmen: Diese moralischen Werte kennen die meisten zwei Jahre alten Kinder nicht, während die meisten drei Jahre alten Kinder diese kennen. Dass Kinder diese Werte kennen, erfordert einige kognitive Voraussetzungen, die typischer Weise in diesem Zeitfenster -- zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr erworben werden. 7

8 These 5: Wissen ist nicht gleich Handeln. Nun haben wir gesehen: Kinder wissen früh um moralische Werte. Kinder sind uns Erwachsenen aber in einem Punkte sehr ähnlich: Nur weil man etwas weiß, will man es nicht unbedingt, nur weil man etwas will, heißt das noch nicht, dass man es auch tut. Zwischen Wollen und Können liegt eine Kluft, und diese zu überwinden, will gelernt sein, und zwar immer, gerne, konkret, oft... 8

9 These 6: Gefühle [Emotionen] sind die Brücke zwischen Wissen und Handeln. Emotionen motivieren und leiten das Handeln. Mitleid Hilfe Ärger Behauptung Dankbarkeit Kooperation Reue Wiedergutmachung Schuld Einsicht Bewunderung / Respekt Vorbild Stolz Anstrengung Scham Rückzug 9

10 These 7: Früh übt sich... FRÜH... bedeutet rechtzeitig, und das ist mit Sicherheit dann, wenn Kinder mit moralischen Ideen (automatisch) in Kontakt kommen. ÜBEN... aus der Perspektive der Lernpsychologie: Ein kontinuierliches, stetiges Angebot ist unabdingbar. Aus der Perspektive der Bindungstheorie: Ab einem Alter von 4 Jahren (wenn eine neue Offenheit entsteht für zusätzliche Angebote) wäre ideal. Aus der Perspektive der ontogenetischen Entwicklung: Bis zum Eintritt in die Schule sollte diese moralische Entwicklung hinreichend gesichert sein, denn nur dann ist ein gemeinschaftliches Lernen möglich. 10

11 These 8: Individuelle Unterschiede sollten berücksichtigt werden. Ist es okay wenn Vera sich eher die Schuhe zubinden kann als Ann-Sophie?... wenn Franz schüchterner ist als Meike?... wenn Fritz schon mit 4 Fahrrad fährt, aber Michael erst mit 5?... wenn Felix öfter Ärger zeigt als Stephan?... wenn Henning sich noch nicht abwechseln kann, Kira aber schon? 11

12 These 9: Die alles führt zu konkreten Empfehlungen für gute Prävention: Wann? Das bei weitem wichtigste Zeitfenster ist das zwischen 4 und 6 Jahren. Für wen? Für diejenigen Kinder, die es brauchen (und das lässt sich leicht diagnostizieren). Wie lange? Für einen bedeutsamen Teil dieser Lebensphase, mindestens mehrere Monate... Wie? In einem vertrauten Umfeld und in der persönlichen Interaktion mit jemandem, den das Kind mag, so dass es gerne lernt... Von wem? Hier gibt es konkrete Modelle und (in Deutschland) noch viel zu lernen: siehe These

13 These 10: Es ist möglich, eine solche gelungene Prävention auch wirklich in die Tat umzusetzen; ich gebe hier ein Beispiel, dessen wesentliches Merkmal darin besteht, dass schon existierende Ressourcen gebündelt werden... Kindertagesstätte als Lernumgebung Betreuung durch (geschulte) Mentoren Zeitfenster: für mindestens ein Jahr während der Vorschulzeit Mit drei Säulen: (1) Mentor-Kind-Beziehung (2) Erzieherinnen (3) Eltern 13

14 Fazit zum Thema Prävention und Werte: Zeitfenster: Zielgruppe: Zeitdauer: Werkzeug: Umgebung: Kontext: Motto: Zielstellung: 4-6 Jahre Die, die es brauchen (und dies wird signalisiert durch die Stellung in der Gruppe) Mindestens ein Jahr Mentoren und feste Bezugspersonen Vertraute Lernumgebung Spiel und Freude Der Weg ist das Ziel Mehr Kompetenzen beim Eintritt in die Schule 14

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