Nummer März 2014 WIE WIR WURDEN, WAS WIR SIND. Zehn Männer über die entscheidenden Momente ihres Lebens

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1 Nummer März 2014 WIE WIR WURDEN, WAS WIR SIND Zehn Männer über die entscheidenden Momente ihres Lebens

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8 EDITORIAL ZEHN MANNER, ZEHN WEGE Auf nichts haben wir so wenig Einfluss wie auf unsere Kindheit. Aber unsere Kindheit hat einen riesigen Einfluss auf uns. Es ist eine Zeit, in die wir nicht zurück kommen, von der wir aber auch nicht loskommen, ob sie schön war oder nicht. Für diese Ausgabe haben wir prominente Männer zu ihrer Kindheit befragt und dazu, wie sie in späteren Jahren mit den frühen Prägun gen ihres Lebens umgegangen sind: den Sänger Roberto Blanco zum Beispiel, dessen Vater in Beiruter Nachtclubs tanzte und den Zweijährigen in einem Nonnen kloster unterbrachte; den Medizinnobel preisträger und Waldorf schüler Thomas Südhof; den Hollywoodstar Willem Dafoe, der mit vielen Geschwistern aufwuchs. Und sieben andere, ganz unterschiedliche Männer, von denen jeder eine besondere Geschichte hat. Seine eigene. 66 Stil leben Jeder Mann hat sein Lieblingskleidungsstück auch wenn er damit modisch nicht immer ins Schwarze trifft. Sieben Geschichten über eine ganz besondere Beziehung. Titelfoto: Markus Jans 18 Sagen Sie jetzt nichts 20 Gewissensfrage, Gefühlte Wahrheit, Gemischtes Doppel, Die drei großen Lügen 76 Kosmos 77 Hotel Europa 78 Das Kochquartett 80 Das Kreuz mit den Worten 81 Gewinnen, Impressum 82 Das Beste aus aller Welt

9 I N H A LT 14. März ARMIN ROHDE (Schauspieler) über seinen sadistischen Großvater. 28 THOMAS SÜDHOF (Mediziner und ROBERTO Nobelpreisträger) über seine Jugend als Rebell. 32 BLANCO (Musiker) über seine Kindheit in einem Kloster in Beirut. WILLEM DAFOE 36 (Schauspieler) über die Genese seines bösen Blicks. 40 JOHANN KÖNIG (Galerist) über einen Unfall, der ihn fast blind gemacht hat. 44 NIKLAS FRANK (Autor) über seinen Vater, den»schlächter von Polen«. 54 FRANK BSIRSKE (Verdi-Chef) über seinen ersten Streik. 58 PAUL- JULIEN ROBERT (Regisseur) über seine unglückliche Kindheit in der Kommune von Otto Muehl. 62 PETER SODANN (Schauspieler) über seine Abneigung gegen den Westen. 72 GERHARD STEIDL (Verleger) über seinen Lehrmeister Joseph Beuys. Süddeutsche Zeitung Magazin 17

10 S A G E N S I E J E T Z T N I C H T S FRANK SCHÄTZING Geboren: 28. Mai 1957 in Köln Beruf: Schriftsteller Ausbildung: Studium der Kommunikationswissenschaften Status: Der reiche Poet Vor ein paar Jahren warf ein Kritiker dem Schriftsteller Frank Schätzing vor, dass er wesentlich besser aussehe als er schreibe. Darauf Schätzing:»Umgekehrt wäre es schlimmer.«man darf gespannt sein, was ihm oder seinem neuen Werk diesmal vorgeworfen wird: zu lang? zu verschwurbelt? Im Grunde kann es ihm egal sein. Gerade ist sein neuer, wieder tausendseitiger Roman Breaking News erschienen, eine Mischung aus Enthüllungsthriller und Politdrama, der wochenlang in den Verkaufsranglisten nach oben stieg, obwohl er noch gar nicht erschienen war. Irgendwie hat der Mann ein Gespür für kollektive Interessen und Ängste. Zehn Jahre ist es her, da erschien Schätzings bislang erfolgreichster Roman Der Schwarm, der sich bis heute 3,8 Millionen Mal verkauft hat. Die Filmrechte hat unter anderem die Hollywood-Schauspielerin Uma Thurman erworben. Bei unserem Fototermin merkte man Schätzing an, dass er in den letzten Jahren viel Zeit am Schreibtisch verbracht haben muss. Auf die Frage, welches Buch er mit auf eine einsame Insel nehmen würde, entschuldigte er sich kurz, rannte aus dem Zimmer, quer über den Kölner Domplatz zum Bahnhof und kam fünf Minuten später mit dem Comic-Heft zurück. Was ist wichtiger für das Verfassen eines Romans: Fantasie oder Disziplin? Was hilft, wenn Sie beim Schreiben nicht weiterkommen? Vor fünf Jahren waren Sie mal Unterwäschemodel. Lange her, oder? Fotos: Heinz Augé Mit welchem Gesichtsausdruck kommt man am besten durch eine Buchmesse? Ist Edward Snowden ein Held oder ein Verräter? Bestellen Sie gelegentlich bei Amazon? Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? 18 Süddeutsche Zeitung Magazin Weitere Fragen und Bilder finden Sie auf und in unserer App.

11 Aufwand G E F Ü H L T E W A H R H E I T Nr. 95 Kosten-Nutzen-Rechnungen des Alltags Steuererklärung Krieg und Frieden lesen persönliche Befriedigung Frühjahrsputz Online-Shopping Ein Weißbier in der Sonne D R. D R. R A I N E R E R L I N G E R GEWISSENSFRAGE»Wenn mein Freund in einer Kneipe einer Fremden einen Drink ausgeben würde, wäre ich verärgert und eifersüchtig. Letztens wurde mir ein Drink angeboten, und ich habe ihn ohne nachzudenken angenommen. Später jedoch geriet ich ins Zweifeln. Hätte ich das Getränk doch ablehnen sollen?«birgit L., HAMBURG G E M I S C H T E S D O P P E L von Patrick Fischer Groko-Klotzer Kroko-Glotzer Weitere Gemischte Doppel finden Sie auf um eigene Vorschläge einzureichen, schreiben Sie an In seinem Buch Ethik widmet der australische Philosoph John Leslie Mackie ein Kapitel dem, wie er meint, im Grunde unbestrittenen Prinzip der»universalisierbarkeit«moralischer Urteile:»Jeder, der ernsthaft behauptet, irgendeine Handlung (Person, Sachverhalt usw.) sei sittlich richtig oder falsch, gut oder schlecht, geboten oder verboten, ist damit gehalten, dieselbe Ansicht hinsichtlich jeder in den relevanten Gesichtspunkten ähnlichen Handlung (usw.) zu vertreten.«die erste Stufe dabei sei, so Mackie, dass ein moralisches Urteil nicht davon abhängen darf, wen es betrifft:»etwas, was für dich falsch ist, kann nicht für mich nur deshalb richtig sein, weil ich ich bin und du du bist.«danach sieht es jedoch sehr aus, wenn Sie bei Ihrem Freund verurteilen würden, dass er einer Frau einen Drink ausgibt, umgekehrt aber selbst einen annehmen. Es sei denn, Ausgeben und Annehmen wären»in relevanten Gesichtspunkten«unterschiedlich. Inwiefern? Zu Recht verärgert darüber, dass Ihr Freund eine Fremde einlädt, können Sie eigentlich nur sein, wenn Sie das für eine Form des Flirtens halten. Der Unterschied wäre dann, dass Ihr Freund, wenn er ein Getränk ausgibt, das Flirten aktiv betreibt also was auch immer beabsichtigt, während Sie den Drink ja nur annehmen und sich vorbehalten können, nichts zu wollen, den Flirt also nicht weiter mitzumachen. Unter diesen Voraussetzungen wäre eine unterschiedliche Beurteilung der beiden Verhaltensweisen gerechtfertigt. Mit einem Haken: Wenn dem so ist, tun Sie zwar Ihrem Freund nicht Unrecht, wohl aber dem Fremden, auf dessen Einladung Sie sich einlassen. Sie spielen ihm damit nach Ihrer eigenen Einschätzung, was die Einladung bedeutet etwas vor. Falsch ist Ihre unterschiedliche Bewertung also auf jeden Fall, Sie müssen sich nur noch entscheiden, wem gegenüber. Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an DR. DR. R AINER E R L ING E R D I E D R E I G R O S S E N L Ü G E N des Systemadministrators 1)»Ich glaub, ich weiß, woran das liegt.«2)»ich komm gleich vorbei.«3)»jetzt sollte es funktionieren.«fotos: Juniors Bildarchiv, dpa; lllustration: Serge Bloch; alle Autoren-Illustrationen: Grafilu 20 Süddeutsche Zeitung Magazin

12 ARMIN ROHDE Interview H I L MAR KLUTE Foto MARKUS JANS Wuppertal in den frühen Sechzigerjahren: vier Kinder in zwei Zimmern, ein Vater, der ständig auf Achse ist. Armin, der älteste Sohn, darf aufs Gymnasium, er soll es eines Tages besser haben. So lief es auch, aber anders, als seine Eltern gedacht hatten: Rohde, heute 58, wurde Schauspieler und jahrelang kam kaum eine deutsche Komödie ohne ihn aus, vom»bewegten Mann«bis zu»das Leben ist eine Baustelle«22 Süddeutsche Zeitung Magazin So ähnlich inszenierte Armin Rohde sich schon als junger Mann in Süddeutsche der Hoffnung, Zeitung entdeckt Magazin zu werden. 23

13 24 Süddeutsche Zeitung Magazin SZ-Magazin: Herr Rohde, Ihr Großvater Franz Bayer hat im Warschauer Getto Hunderte Menschen getötet. Können Sie sich vorstellen, ihn zu spielen? Armin Rohde: Dafür weiß ich zu wenig über den. Ich weiß, dass er kein guter Familienvater war, er war ein selbstmitleidiger Sadist, der hat die Familie terrorisiert. Was hat er genau im Getto gemacht? Der wurde von seinen SS-Kollegen als schießwütig bezeichnet. Selbst von denen. Wenn die Kollegen den schon als schießwütig bezeichnen, dann muss sich das in einer Dimension bewegt haben, die einen nur gruselt. Er hat an der Tür des Dienstzimmers seine Abschüsse mit Kreide vermerkt, das fanden die anderen lustig. Der zog dann abends gerne noch mal mit geladener Waffe alleine los. Auch wenn er keinen direkten Befehl zum Töten erhielt? Ja. Meine Lieblingstante Irmel, die kürzlich gestorben ist, hat erzählt, dass sie als Kind die Fotos gesehen hätte von Leichen. Er hat die Fotos wie Urlaubsansichtskarten auf einem Stapel in seinem Zimmer zu Hause liegen gehabt. Götz George hat seinen Vater Heinrich gespielt, der in der NS- Zeit eine große Karriere gemacht hat und nach dem Krieg im Internierungslager der Sowjets starb. Götz Georges Vater war eine Künstlerpersönlichkeit; während ich von meinem Großvater nicht mehr weiß, als dass er ein Sadist, ein Denunziant, ein Killer, ein Schläger war. Ein Mann, der aus Freude tötete? Ja. Der stand schon Anfang der Dreißigerjahre, als der Druck noch gar nicht so groß war, mit seinem Fotoapparat vor jüdischen Geschäften, um Kunden zu denunzieren. Der war ganz vorn dabei. Also ein militanter Antisemit? Ich weiß nicht, ob es Antisemitismus war. Er hatte überhaupt Lust am Quälen und Machtausüben. Und die politischen Strukturen damals das war wie geschaffen für solche Leute. Der hat es nicht verdient, dass ich ihn spiele. Diese Art Denkmal will ich ihm nicht setzen. Haben Sie ihn noch gekannt? Der ist gestorben, da war ich vier, ich hab keine Erinnerung. Es wäre unerträglich gewesen, wenn ich den als lieben Großvater gekannt hätte, der gestorben wäre, als ich sechzehn oder siebzehn war. Einer, der mir vielleicht noch Taschengeld zugesteckt oder gesagt hätte, komm her, Junge, der Opa macht das schon. Und im Nachhinein zu erfahren was er getan hat. Wie wurde in der Familie über Ihren Großvater geredet? Meine Mutter nannte ihn auch immer nur»vader«, mit dieser distanzschaffenden Aufweichung des Mittelkonsonanten. Diese Aufweichung vom T zum D war wie ein Schutzschild. Stimmt es, dass Ihre Mutter unter diesem Vater so gelitten hat, dass sie einen Teil ihres eigenen Lebens verleugnet hat? Ja, sie wollte nicht, dass ihr Name nach ihrem Tod auf einem Grabstein steht. Sie hat verfügt, dass ihre Asche ins Meer gestreut wird. Hat Sie die Qual Ihrer Mutter erschreckt? Das ist mir erst später klargeworden. Die Sache mit dem Großvater wurde ja erst nach dem Tod meiner Mutter entdeckt. Da habe ich allerdings einiges über meine Mutter begriffen. Was zum Beispiel? Ihre Art, über Dinge nicht zu sprechen. Ihr»Ach, es ist nix, ist schon gut.«von ihrer Schwester, So kennt man ihn nicht: Armin Rohde, links mit Hosenträgern und Fliege, ist 1955 geboren und der Älteste der Brüder. In der Mitte Erwin, rechts Uwe. eben dieser Tante Irmel, habe ich das mit dem Großvater erfahren. Die war robuster und hatte nicht diese Scham, darüber zu reden, wie meine Mutter. Wusste Ihr Vater davon? Wie viel mein Vater wusste, weiß ich nicht. Er hat meine Mutter kennengelernt, als mein Großvater noch lebte. Keine Ahnung, wie der sich meinem Vater gegenüber präsentiert hat. Wohnraum war knapp. Sie mussten sich alle zusammen in einer Unterkunft arrangieren, wo die Verhältnisse beengt waren. Ich selbst habe mein erstes Lebensjahr noch in einer Baracke gelebt. Wie wichtig ist der Vater für einen Sohn? Der ist so wichtig, wie er genommen wird oder wie er sich selber werden lässt. Ich glaube, dass es Väter gibt, von denen man sagen würde, hättest du den mal besser nicht gehabt. Das, was Mutter Gutes im Sinn hatte, hat er konterkariert, also: Besser wäre, der wäre gar nicht da gewesen. Andererseits glaub ich, dass es gut ist, wenn ein Junge oder ein Mädchen ein Rollenmodell vorgelebt bekommt. Wobei das schwieriger geworden ist. So einfach wie früher Mann, Ernährer der Familie ist das ja heute gar nicht mehr. Da kamen die Sechziger-, die Siebzigerjahre, als das Mannsein in Frage gestellt wurde. Haben Sie sich selber als Mann in Frage gestellt? In der Emanzipationsdiskussion kam man als Mann schnell in die Kategorie Vergewaltiger und Ausübender sexueller Macht. Wo Jungs wie ich sehr nachdenklich wurden; ich habe versucht, ein guter Feminist zu sein in den Siebzigerjahren. Ist mir nur teilweise gelungen. Das war eine große Herausforderung. War Ihr Vater ein starker Vater? Mein Vater war eine mächtige Gestalt, obwohl er nicht viel da war. In der Zeit, an die ich mich bewusst erinnere, hat der nur gearbeitet. Er hatte seine Fabrikarbeit und am Wochenende seine Tauben, hat bei Meisterschaften mitgemacht, und nachmittags ging er bei anderen Leute die Bude tapezieren für nen Appel und n Ei. Wie schafft man sich als Junge in einer solchen Welt seine Nischen? Da gibt es nicht so viele, allein durch die räumliche Beengung: Wir hatten eine Werkswohnung, 76 Quadratmeter, zwei Zimmer für vier Kinder, das Mädchen hatte ein Zimmer für sich und wir Jungen haben in Etagenbetten gestapelt geschlafen. Bis zu meinem 20. Lebensjahr habe Foto: privat W W W. Z E N I T H - W A T C H E S. C O M F O L L O W Y O U R O W N S T A R EL PRIMERO CHRONOMASTER 1969 Der als bester Chronograph der Welt bezeichnete Zeitmesser steht in direkter Nachfolge des legendären, 1969 eingeführten El Primero und weist die unverwechselbaren Farben des ersten automatischen Hochfrequenzkalibers mit Säulenrad auf. 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14 ich so gelebt. Ich hab mich in Bücher geflüchtet obwohl ich es nicht als Flucht gesehen habe; ich wollte in diesen Geschichten sein. Ich will gar nicht so viel psychologisieren, man könnte sagen, das Lesen sei ein Ersatz gewesen, andererseits war das Leseerlebnis so stark, dass man sich fragen kann: Wofür war es bitte schön ein Ersatz? Wünschen Sie sich, in einer Familie aufgewachsen zu sein, wo Ihnen Bildung und Kunstverständnis auf dem Silbertablett serviert worden wären? Das weniger, ich habe eher im Nachhinein die Töchter meiner Schwester beneidet. Sie hat ein Haus gebaut, da gab es für jedes Kind ein Zimmer und ein weiteres kleines Zimmer, das man mit einer Leiter erreichen konnte. Dieses Für-mich-Sein ist mir heute noch wichtig. Wenn ich Drehschluss habe, treff ich mich selten mit Kollegen an der Bar. Ich bin froh, wenn ich im Hotel die Zimmertür zuziehe, mir hört keiner zu, ich schau nur blöd aus dem Fenster, das ist für mich Luxus. Sie lebten damals in Wuppertal, saßen Tag für Tag im Café, inszenierten sich mit Zigarette, rauchten und warteten. Worauf eigentlich? Darauf, dass ich entdeckt werde. Ja, das Gefühl hatte ich jahrelang. Dieses aufgeregte Gefühl, wie wenn man sich verliebt hat und sich eine gewisse Chance ausrechnet, dass sie zurückruft. Und mein Leben ist ja dann auch aufregend geworden. Ich weiß nicht, ob das eine Vorahnung war oder ob das Gefühl die Energie dafür geschaffen hat. Aber das Grundgefühl war: Das, was jetzt passiert, ist noch nicht das, was das Leben wirklich mit mir vorhat. Sie waren also verliebt in Ihr späteres Leben? Ja, weil ich diese eigenartige Gewissheit hatte, dass etwas passieren würde. Da muss man sich doch jeden Tag großartig fühlen. Nicht unbedingt. Das kann einen auch erschöpfen. Aber generell war es eher ein gutes Gefühl, ja. Als all des Knaben Blütenträume reiften Sie haben sich dann doch an der Essener Folkwangschule beworben und wurden angenommen. Von da an haben Sie sehr unterschiedliche Männertypen gespielt: Polizisten, Richard II.»AUF BEGABUNG KANN MAN NICHT STOLZ SEIN«oder Mackie Messer. Ist das auch immer ein Versuch gewesen, verschiedene Männermodelle auszuprobieren? Das ist es, wenn man von schräg oben drauf guckt. Ich würde das nicht so beschreiben. Mit vierzehn habe ich angefangen, Psychologiebücher zu lesen. Aber mich hat diese Küchenpsychologie immer abgestoßen. Inzwischen ist jeder ein Psychologe und weiß genau, warum dies in seinem Leben passiert ist und das nicht. War bei mir nie so. Ich hatte den Wunsch, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen um zu gucken: Wie riecht die Welt für den? Kriegt man das denn raus? Man kommt fast so weit. Dabei gerate ich aber in keinen pathologischen Zustand. Diese hysterische Empathie brauche ich wirklich nicht. Beobachten Sie so etwas bei Kollegen? Wenn ich so jemanden erlebe, ist mir das ein bisschen peinlich. Wie man einem Journalisten vorwirft, er wahre die journalistische Distanz nicht, würde ich bei dem sagen, der wahrt die schauspielerische Distanz nicht. Es gibt Kollegen, die sagen: Sprich mich nicht an, ich bin in der Rolle. Ich sag dann einfach: Entschuldigung, ich wollte dir nur n Kaffee mitbringen. Mir ist es ziemlich peinlich, wenn sich jemand dermaßen hysterisch auflöst oder so tut. Wenn du die Distanz zum Arbeitsgeschehen verlierst, wirst du irgendwann bekloppt und bist sozial kaum noch kompatibel. Gab es Situationen bei Ihnen, in denen es kippte? Sie können sich ja schwer vom Set trennen, heißt es. Ja, vom Arbeitsvorgang. Nicht von der anderen Identität, sondern von der Freude, die es mir bereitet, dieser anderen Identität nachzuspüren und ihr Gestalt zu verleihen. Ich will auch ein bisschen Küchen psychologie betreiben. Kommt das Vertrauen ins Handwerk aus dem Elternhaus, wo der Vater als Bergmann arbeitet und nachmittags die Zimmer der Kumpel tapeziert? Ich bin fasziniert von Handwerk und Leuten, die Handwerker sind. Wenn so ein Fachmann sagt: Gib mir mal den Fünfzehner-Schlüssel, halt fest, etwas höher, so läuft das. Oder ein Innenausstatter, der in einem Raum steht, zu dem mir nicht viel mehr einfällt als: Da hinten kann man ein Poster hinhängen und hier vorn einen Stuhl hinstellen. Und der sagt, pass auf, hier hauen wir was weg, dann wird das ein Schmuckstück. Wären Sie ein anderer Schauspieler geworden, wenn Sie in Hamburg als Sohn eines Rechtsanwalts geboren wären? Wahrscheinlich, wobei ich mir da nicht sicher bin: Ich glaube schon, dass die Aromatisierung und die Durchfärbung der Begabung davon geprägt ist, dass ich in einem Handwerkerhaushalt groß geworden bin. Wobei man für Begabung ja nichts kann, da kann man auch nicht stolz drauf sein. Man kann sich drüber freuen, aber stolz bin ich, wenn ich fünfzig Liegestütze schaffe oder alle kurzen Wege nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Rad mache und mit dem verdammten Rauchen aufhöre. Wann wird die Nähe der Rolle für einen Schauspieler gefährlich? Das beste Beispiel dafür ist Romy Schneider: Bei allem, was man von ihr liest, glaubt man, die hat überhaupt keine Möglichkeit gehabt sich abzugrenzen. Mich ekeln diese Liebeserklärungen an Romy Schneider an. Dass man die Wundheit ihrer Seele in ihren Augen lesen konnte, in jeder Pore ihrer Haut. Ich könnte mir den Finger gar nicht so tief reinstecken in den Hals, wie ich da kotzen möchte. Das ist bürgerliches Gewäsch, der Wunsch des Bürgers nach Überhöhung aber fehlgeleitet. Sie tut mir leid für ihre Komplexe und ihre Wehrlosigkeit. HIL MAR KL U T E hat überrascht, dass Armin Rohde abends nach Drehschluss wie der Teufel twittert und immer auf der Suche nach dem perfekten Tweet ist. Sein bester bisher geht so:»albernheit ist die reflexhafte Weigerung des Gehirns, ausschließlich nützlich zu sein.«hackett.com 26 Süddeutsche Zeitung Magazin

15 THOMAS SÜDHOF Für seine Erforschung der Kommunikation von Nervenzellen im Gehirn hat er letztes Jahr den Medizinnobelpreis bekommen doch für Wissenschaft hat er sich erst spät interessiert. Als Jugendlicher wollte Südhof, heute 58, lieber reisen und Musik machen. Seit über 30 Jahren arbeitet er in den USA, seit 2008 an der kalifornischen Stanford-Universität. Doch eins hat er sich aus seiner Jugend als Waldorfschüler in Hannover erhalten: die Neigung zur Rebellion Interview TI L L KRAUSE Fo to MA RGO M O R I TZ Zwischen diesen Bildern liegen 42 Jahre, ein Umzug nach Amerika, ein Nobelpreis und ein Haarschnitt: Als 16-Jähriger (links) wollte Thomas Südhof an der Waldorfschule über Ausdruckstanz diskutieren. Heute genießt er seine Arbeit in Kalifornien. Gelbe Hemden trägt er immer noch gern. SZ-Magazin: Herr Südhof, wie fühlt man sich so als Aushängeschild? Thomas Südhof: Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen. Sie sind der erste Waldorfschüler, der einen Nobelpreis bekommen hat. Der Bund der deutschen Waldorfschulen platzt vor Stolz. Ach darauf wollen Sie hinaus. Viele in meiner Familie waren große Anhänger von Rudolf Steiner, meine Großeltern haben in einer Waldorfschule gearbeitet und kannten ihn sogar persönlich. Ich verstehe, dass die Schulen sich freuen über meinen Preis. Denn er widerlegt das Klischee, dass Waldorfschüler nicht hart genug sind, sich in der Welt durchzusetzen. Trotzdem muss ich sagen: Von den Lehren Steiners habe ich mich schon als junger Mensch etwas distanziert. Was hat Sie an der Waldorfpädagogik gestört? An der Schule erst mal gar nichts, ich hatte Glück und gute Lehrer. Ich hatte eher ein Problem mit dem Glaubenssystem dahinter, der Nähe zu romantischen Philosophen wie Schlegel, und dem Hang zum Esoterischen. Ich habe mich schon als Jugendlicher für Geistesgeschichte interessiert aber kann nicht behaupten, die Lehren von Rudolf Steiner wirklich zu verstehen. War das ein Konflikt zu Hause? Es gab lebhafte Diskussionen, auch über den typischen Ausdruckstanz, Eurythmie, der für Anthroposophen ja eine heilige 28 Süddeutsche Zeitung Magazin Süddeutsche Zeitung Magazin 29

16 Kuh ist und für mich eher bezweifelbar war. Meine Eltern haben immer gehofft, dass ich irgendwann ein Einsehen habe und mich ändere. Diesen Gefallen habe ich ihnen aber nie getan. Sehr viele Eltern würden alles dafür tun, damit ihr Kind Nobelpreisträger wird. Was haben Ihre Eltern richtig gemacht? Ich hatte viele Freiheiten allerdings nicht, weil meine Eltern einen Master-Plan für meine Erziehung hatten, sondern einfach, weil das Schicksal es nicht immer gut mit uns meinte. Mein Vater ist gestorben, als ich noch ein Teenager war. Ich habe drei Geschwister, meine Mutter hat als Ärztin gearbeitet und hatte keine Zeit, uns ständig hinterherzulaufen. Dadurch hatte ich ein hohes Maß an Selbstbestimmung. Viele Dinge, die ich damals gemacht habe, habe ich meinen Kindern nie erlaubt. Was empfinden Sie im Rückblick als besonders gewagt? Ich bin schon mit vierzehn Jahren allein durch Europa getrampt, bis nach Rom, ohne dort jemanden zu kennen. Später sogar bis Istanbul, ich war im Sommer wochenlang unterwegs. Das ist natürlich Wahnsinn. Aber mir hat es viel geholfen: Mit Menschen in Kontakt zu kommen, ihnen zuzuhören, das habe ich bei meinen Reisen gelernt. Ich habe wohl geahnt, dass ich das später mal brauchen könnte. Weil Sie Arzt werden wollten wie Ihre Eltern? Ich wollte zunächst etwas Geisteswissenschaftliches studieren: Kunst, Literatur, auf eine sehr unspezifische Art. Wirklich gewusst, was ich mit meinem Leben anfangen will, habe ich lange nicht, auch nicht nach dem Abitur. Die Entscheidung für das Medizinstudium war eher: Damit verbaue ich mir nichts. Und man musste damals, Ende der Siebzigerjahre, als Medizinstudent in Deutschland nicht zur Bundeswehr. Das war auch ein Grund, ja. Mit Militär konnte ich nie viel anfangen. Und glauben Sie mir: Das wäre nicht gut gegangen mit mir bei der Bundeswehr. Warum nicht? Ich war immer schon ein Rebell, also nicht sehr autoritätshörig. Meine Freiheit war mir immer das Wichtigste. Ihr Abiturschnitt? 1,0. Klingt nicht sehr rebellisch. Überschätzen Sie mal die Noten nicht. Natürlich habe ich mich hingesetzt und gelernt. Aber was mich immer begleitet hat, ist der Unwille, Dinge, die andere Leute als normal und etabliert ansehen, von vornherein zu akzeptieren. Meine instinktive Reaktion ist immer: Das könnte richtig sein, aber ich will das selbst wissen. Ich habe immer alles in Frage gestellt, das ist heute noch so. Wurden Sie je Streber genannt? Das Wort Streber wurde nicht oft benutzt damals, aber nicht alle waren froh über meine Natur und Begabungen. Man darf einfach keine gute Noten haben, vor allem bei männlichen Jugendlichen, da ist es unmöglich, cool zu sein und ein guter Schüler. Ich habe das nicht so sehr als Problem erlebt, vielleicht weil es mich auch nicht so sehr interessierte, cool zu sein. Was wollten Sie stattdessen sein? Jemand, der viel Spaß daran hat, möglichst viele Dinge zu erfahren. Ein freier Mensch, jemand, der sich für Experimente genauso interessieren kann wie für Philosophie, Kunst und Musik. Musiker war mein erster Traumberuf. Welches Instrument haben Sie gespielt? Erst Geige, dann Fagott. Ich habe mittlerweile zwar kaum noch Zeit dafür, aber trotzdem bin ich der Meinung, dass ich als Jugendlicher mindestens genauso viel von der Musik gelernt habe wie durch den Unterricht an der Schule.»ICH WAR EI N REBELL. F R E I H E I T I ST MIR DAS WI C H T I GSTE«Das müssen Sie erklären. Wenn man ein Instrument spielen will, erfährt man viel über das Verhältnis aus Kreativität, Arbeit und Sorgfalt. Denn vor allem in der klassischen Musik heißt es erst mal: üben, üben, üben, stundenlang. Man muss das Handwerk beherrschen, aber gleichzeitig über dem Handwerk stehen. Denn wer die Sachen nur wie ein Affe nachspielt, wird nie tolle Musik machen. In der Wissenschaft ist es ganz ähnlich. Man muss die Technik verinnerlicht haben, bevor man sich fragen kann, was man damit eigentlich hinterfragen will. Muss gute Forschung rebellisch sein? Ich glaube schon. Nur weil alle an eine bestimmte Tatsache glauben, heißt das nicht, dass ich sie automatisch akzeptiere. Ich habe auch schon mal die Arbeit meiner Vorgesetzten in Frage gestellt, weil ich mir nicht sicher war, ob ihre Annahmen richtig waren. Vielleicht kommt da dann doch der Waldorfschüler in mir zum Vorschein, der mit dem Lehrer über den Sinn des Ausdruckstanzes diskutieren will. Ich bin gerne aus Strukturen ausgebrochen, die ich als beengend empfunden habe. Sie sind gleich nach der Doktorarbeit im Jahr 1983 nach Texas gezogen. War Ihnen Deutschland zu eng damals? Das kann man so sagen, ja. Hitler hat die deutsche Kultur so gründlich zerstört. Alles, was lebendig war, ging nach Amerika. Und in der Nachkriegszeit war in den USA viel los, als Schüler war ich ein halbes Jahr in Amerika und habe es als große Befreiung erlebt. Deutschland hingegen wirkte begrenzt und steril, dazu dann die Ost-West-Teilung, das ständige Starren auf den Osten als Abschreckungsbild. Ich fand nicht, dass es in der alten BRD viel von einer lebendigen Kultur gab. Das ist heute anders. Haben Sie während Ihres Studiums dumme Sprüche zu hören bekommen, weil Sie Ihr Abitur an der Waldorfschule gemacht haben? Nie. Aber ich wurde während des Studiums für ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen, weil ich einer der besten in meinem Jahrgang war. Ich war beim Bewerbungsgespräch und wurde abgelehnt. Ich glaube, das hatte mit meiner Schulbildung zu tun, die damals einfach noch nicht so anerkannt war. Anders kann ich es mir nicht erklären. Peinlich für die Studienstiftung: einen Nobelpreisträger abgelehnt zu haben. Ach, Pipifax. Im Nachhinein ist das doch völlig egal. TILL KRA USE hatte als Jugendlicher genauso lange Haare wie Thomas Südhof. Anders als der Nobelpreisträger hält er die Bilder von damals aber unter Verschluss. Foto Seite 28: privat 30 Süddeutsche Zeitung Magazin

17 ROBERTO BLANCO Seine Eltern kamen als kubanische Varieté-Stars nach Europa, bald starb seine Mutter, der zweijährige Roberto wurde bei französischen Nonnen in Beirut untergebracht. Dank seinem Vater, einem Sänger und Tänzer, lernte Blanco dann die Welt kennen, und schon nach wenigen Jahren hatte der heute 76-Jährige mehr erlebt als andere in ihrem ganzen Leben (oder wie oft waren Sie zur Privataudienz beim Papst?) Jeder kennt ihn, aber wie viel weiß man wirklich über ihn? Roberto Blanco, 76. Interview JO H A NNES WA ECH T ER Foto RO BERT B R E M B ECK SZ-Magazin: Herr Blanco, Ihre Mutter Mercedes starb, als Sie noch nicht einmal zwei Jahre alt waren. Können Sie sich an sie erinnern? Roberto Blanco: Nein, leider nicht. Sie starb so entsetzlich früh. Aber ich habe viele Fotos von ihr und mein Vater hat mir viel erzählt. Nur über den Tod meiner Mutter wollte er nicht reden. Da hatte er immer Tränen in den Augen. Woran ist sie gestorben? Es war irgendeine Krankheit, die sehr plötzlich kam und schnell zum Tod führte. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Was wissen Sie über Ihre Mutter, was war sie für eine Frau? Sie war eine tolle Sängerin und Tänzerin und muss ein unglaubliches Charisma gehabt haben. Mein Vater hat mir oft erzählt, wie sie überall, wo sie auftrat, das Publikum begeistert hat. Wie haben sich Ihre Eltern eigentlich kennengelernt? Sie trafen sich Anfang der Dreißigerjahre im Teatro Terry von Cienfuegos in Zentralkuba, einem schönen alten Varieté. Meine Mutter war die Haupttänzerin, mein Vater ihr Partner. Sie verliebten sich auf der Bühne, kurze Zeit später wurden sie von Sponsoren aus Havanna entdeckt, die eine Revue mit den besten kubanischen Künstlern um die Welt schicken wollten. Zuerst reisten sie jahrelang durch Südamerika, dann quer durch Europa. Als ich im Sommer 1937 zur Welt kam, gastierte die Revue gerade in Tunis. Aufgewachsen sind Sie aber in Beirut. Was hat Sie dorthin verschlagen? Nach Tunis trat die Revue noch eine Zeitlang in Paris auf. Meine Eltern waren dort mit dem kubanischen Botschafter befreundet, der sie im Frühjahr 1939 darauf ansprach, dass es möglicherweise Krieg in Europa geben würde.»wenn ihr zurück nach Kuba wollt, fahrt jetzt«, sagte er.»wir wollen aber nicht zurück«, antworteten sie,»wo können wir sonst hin?«er empfahl ihnen den Libanon, das sei ein sicheres Land. Damit hatte er recht, aber für meine Eltern war es trotzdem kein glücklicher Ort: Kaum waren wir dort angekommen, ist meine Mutter gestorben. Nun stand Ihr Vater also im Sommer 1939 in Beirut, einer fremden Stadt, und musste sich um seinen zweijährigen Buben kümmern. Was hat er gemacht? Er hat damals im besten Nachtclub von Beirut gearbeitet, und sein Boss gab ihm den Tipp, es bei den Nonnen vom Kloster Heiliger Josef zu versuchen. Das war ein riesiges Kloster mitten in Beirut, in dem französische Nonnen eine Mädchenschule betrieben.»aber mein Roberto ist doch ein Junge!«, rief mein Vater. Trotzdem wurde dann ein Termin mit der Oberin gemacht, den ich noch schemenhaft im Gedächtnis habe ich glaube, das ist meine älteste Erinnerung. Was ist dort geschehen? Die Oberin hat zugestimmt, mich im Kloster zu behalten. Sie meinte aber, dass es für alle am einfachsten sei, wenn ich gleich dabliebe. Die Szene sehe ich bis heute vor mir: Die Nonnen nehmen mich mit, mein Vater geht weg und ich schreie wie am Spieß. Wie lange haben Sie gebraucht, um sich an das Leben im Kloster zu gewöhnen? Nicht lange. Ich habe dort viel Liebe und Wärme bekommen. Hatten Sie im Kloster eine Ersatzmutter? Eine Nonne, Schwester Alfonse, hat sich besonders um mich 32 Süddeutsche Zeitung Magazin Süddeutsche Zeitung Magazin 33

18 gekümmert, ich habe sogar in ihrem Zimmer geschlafen, wo noch zwei anderen Nonnen hinter Vorhängen ihre Betten hatten. Auch Schwester Marie, die Oberin, war immer sehr nett zu mir, ich wurde dort schon sehr verwöhnt. Das änderte sich, als ich mit sieben auf das Jungen- Internat Sacre Cœur kam. Wenn die Mitschüler sonntags Besuch von ihren Müttern bekamen, hätte ich auch gern eine Mutter gehabt. Da hat mir manchmal die Geborgenheit gefehlt. Aber ich habe dort gelernt, mich durchzusetzen und auf eigenen Füßen zu stehen. Es war nicht immer leicht, aber doch eine wichtige Erfahrung für mich. Wie präsent war Ihr Vater damals in Ihrem Leben? Mein Vater war selten in Beirut, er ist schließlich immer irgendwo aufgetreten in Damaskus, in Kairo, in Teheran vor dem Schah von Persien. Aber obwohl wir uns nicht oft gesehen haben, hatten wir eine besonders enge Vater-Sohn-Liebe. Ich war die Nummer eins für ihn und wusste das auch. Viele sagen, er hätte in mir meine Mutter gesehen. Es war damals gar nicht so einfach, Kontakt zu halten. Haben Sie sehnsüchtig auf seine Briefe gewartet? Er hat Briefe geschrieben und sonntags angerufen. Vor allem hat er aber schon sehr früh Reisen für mich arrangiert. Ich bin schon mit sechs allein nach Kairo geflogen, um ihn zu besuchen. Später habe ich dann immer meine dreimonatigen Sommerferien dort verbracht, wo er gerade gastierte Rom, Athen, Holland, Kairo, Kopenhagen, wo auch immer. Um diese Reisen haben mich meine Schulkameraden schwer beneidet, da habe ich nämlich oft ziemlich viel erlebt. So? Was denn? Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach den Ferien zurück an ein katholisches Internat und erzählen allen, dass sie zu einer Privataudienz bei Papst Pius XII. in Castel Gandolfo eingeladen waren. Zuerst hat mir das keiner geglaubt, aber ich hatte ein kleines Beweisfoto, und als das die Runde machte, wurde ich sofort zum Direktor gerufen. Ich habe ihm erzählt, dass ich den Papst von ihm gegrüßt hätte und nun ganz herzlich zurückgrüßen solle. Von dem Moment an war ich der Star der Schule. Wie war es denn zu dieser Audienz gekommen? Die hatte der kubanische Botschafter in Rom arrangiert; der amerikanische Filmstar Tyrone Power und die Schauspielerin Anna Magnani waren auch dabei. Im Auto hatte mir mein Vater eingeschärft, nur etwas zu sagen, wenn ich angesprochen würde. Aber kaum standen wir vor dem Papst, plapperte ich los: Ich sei der Roberto und würde in Beirut auf die Brüderschule gehen und so weiter und so fort. Da hat der Papst kein Wort mehr mit meinem Vater geredet, sondern nur noch mit mir. Als die Audienz vorbei war, guckte mein Vater mich an und sagte nur:»das ist mein Roberto!«Über Ihren Vater hatten Sie Einblick in die Welt der Nachtclubs und Varietés. Wie hat diese Welt damals auf Sie gewirkt? Ich durfte mich leider nie nachts in den Clubs aufhalten, dafür war ich noch zu klein. Bei den Proben war ich oft, aber einen Auftritt meines Vaters habe ich in diesen Jahren nur ein einziges Mal gesehen in Athen, wo ich vom Beleuchterzimmer aus zugucken durfte. Er war so elegant, wie überhaupt jeder in diesen Nachtclubs extrem elegant gekleidet war. Die Damen trugen Abendkleid und teuren Schmuck, selbst die Kellner trugen Smoking oder Frack. Der Club in Athen war einer der schönsten, aber sehr spektakulär war auch die»auberge des Der kleine Roberto in der Uniform der ägyptischen Armee sein Vater war mit einem ägyptischen General befreundet, der die Kinderuniform extra anfertigen ließ. Pyramides«in Kairo, dort hat König Faruk riesige Partys geschmissen. Als Bub saß ich dort auf dem Schoß von Zarah Leander, die auf Faruks Wunsch extra aus Europa eingeflogen worden war. Von Ihrem Vater Don Alfonso Zerquera sagt man, er habe großen Erfolg bei den Frauen gehabt.»papa, schon wieder eine?«, habe ich als Kind immer gesagt. Hat es Sie gestört, dass Ihr Vater oft neue Freundinnen hatte? Nein, die mussten ja immer nett zu mir sein. Man muss auch unterscheiden: Es gab Zeiten, wo er ungebunden war, da hatte er dann häufiger neue Freundinnen, er war aber auch noch mehrmals verheiratet, mit einer sehr hübschen Türkin, einer Amerikanerin, einer Libanesin und einer Schweizerin. Ich habe aus diesen Jahren fünf Halbgeschwister. Mein Vater hat sein Leben gelebt. Es heißt, Sie hätten bereits mit zwölf Ihre Unschuld verloren. Ich sah aber schon aus wie 14! Was ist passiert? Es war in Athen. Während mein Vater auftrat, spielte ich abends immer noch ein paar Runden Dame mit den Portiers in unserem Hotel. Eines Tages war da eine Frau: schlank, vollbusig, schwarze Haare bis zu den Knien eine rassige Griechin. Alle Männer waren begeistert. Manchmal saß sie abends an der Bar, hat etwas getrunken, geraucht. Eines Abends fragt sie mich, ob ich mit ihr spielen möchte. Wir spielen also zusammen Dame, bis sie irgendwann fragt, ob ich nicht schlafen gehen müsse. Ich sage»ja«, sie erwidert»komm, wir gehen«und nimmt mich mit auf ihr Zimmer. Am nächsten Tag ist sie abgereist und hat beim Portier ein Paket mit Schokolade für mich hinterlassen. Haben Sie Ihrem Vater von dem Ereignis erzählt? Er hat gleich gemerkt, dass etwas passiert war. Als ich ihm dann alles gebeichtet hatte, war er total überrascht und hat gleich seine Musiker zusammengeholt. Er hat eine Runde Cognac bestellt, ich bekam auch ein paar Tropfen, wir haben angestoßen, und mein Vater sprach:»mein Sohn ist jetzt ein Mann.«Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie von Ihrem Vater gelernt haben? Von ihm habe ich natürlich die Musikalität und die Professionalität, die es braucht, um im Showgeschäft oben zu bleiben. Aber noch wichtiger ist vielleicht, wie er meinen Charakter geformt hat. Er sagte zu mir:»roberto, du bist du. Sei kein Egoist, aber denke zuerst an dich. Du musst erst dir selbst helfen, bevor du anderen helfen kannst.«sein Vorbild hat mich, glaube ich, zu einem eigenständigen Men- Foto Seite 34: privat. Herzlichen Dank an das GOP Varieté-Theater München schen gemacht. Ich weiß, was ich kann, und glaube an mich. Deshalb konnte ich auch negative Kritik immer gut wegstecken. Die vielen Reisen, die Sie schon in jungen Jahren unternommen haben, dürften Sie ebenfalls geprägt haben. Im Libanon habe ich erlebt, wie verschiedene Religionen miteinander klarkommen, ich habe viele Länder gesehen, viele interessante Menschen kennengelernt. Ich spreche sieben Sprachen, inklusive Arabisch ich bin überall zu Hause! Von kleinkarierten Menschen habe ich mich nie unterkriegen lassen. Wie lange waren Sie auf dem Internat in Beirut? Bis Dann entschied mein Vater, dass der Krieg nun lange genug vorbei sei. Er ließ sich in Barcelona nieder, ich kam auf ein Internat in Madrid. Spanien wurde damals vom faschistischen Diktator Franco beherrscht. Den habe ich öfter bei Paraden gesehen. Wurden Sie dort wegen Ihrer Hautfarbe diskriminiert? Nein, im Gegenteil. Ich war immer der einzige Schwarze, das hat die Leute eher neugierig gemacht. Das war später bei meiner Karriere als Sänger in Deutschland ja genauso. An der Schule in Madrid war ich jedenfalls sehr beliebt, die Schwestern und Cousinen meiner Freunde fanden mich so süß, so nett. So kam es, dass ich ständig auf riesige Landsitze eingeladen wurde, wo Diener mit weißen Handschuhen das Essen servierten. Nach dem Abitur haben Sie dann begonnen, Medizin zu studieren. Obwohl ich das gar nicht wollte. Aber mein Großvater war Zahnarzt gewesen, deswegen sah mein Vater wohl einen Doktor Roberto in mir und hat mich selbst bei der Universität angemeldet. Und während Sie im Hörsaal saßen, haben Sie davon geträumt, auf der Bühne zu stehen? Ja, so ungefähr. Schon in der Schule war ich immer der Entertainer gewesen und hatte bei Festen für meine Mitschüler gesungen. Ich war sicher, dass mir das Showgeschäft im Blut lag, hatte aber keine Idee, wie ich da reinkommen könnte. Bis das Schicksal zu Ihren Gunsten eingriff. Haben Sie das auch so gesehen? Ja, das war Kismet, wie wir in Beirut gesagt hätten flog ich nach Frankfurt. Im Flugzeug sprach mich der Regisseur Alfred Weidenmann an.»ich möchte Sie für meinen nächsten Film engagieren«, sagte er und gab mir seine Visitenkarte. Der Agent meines Vaters hat dann einen Riesen- Vertrag für mich ausgehandelt, so dass ich trotz meiner kleinen Rolle, glaube ich, mehr verdient habe als die meisten anderen Schauspieler. Und ein Jahr danach habe ich den Gesangswettbewerb Dem Nachwuchs eine Chance gewonnen; das war damals das, was heute Deutschland sucht den Superstar ist. So ging es los. Hat Ihr Vater Ihnen noch einen Rat mit auf den Weg gegeben? Eine Sache hat er mir tatsächlich gesagt, die mich unheimlich beeinflusst hat.»in deinem Beruf brauchst du eine positive Ausstrahlung«, sagte er zu mir.»die Leute sollen sich freuen, dich zu sehen. Also lass deine Sorgen und Probleme zu Hause und lächle.«diesen Rat haben Sie ohne Zweifel bis heute beherzigt! Ja, und das ist ein Grund dafür, warum ich nach sechzig Jahren im Showgeschäft immer noch da bin. Waren Sie seit Ihrer Kindheit eigentlich noch mal in Beirut? Von 1963 an bin ich dort mehrmals in Nachtclubs aufgetreten. Da kamen dann immer mehr als 50 ehemalige Schulkameraden das war toll war ich zum letzten Mal dort, da habe ich auch wieder das Grab meiner Mutter besucht und gepflegt, das auf einem wunderschönen Friedhof direkt am Meer lag. Warum waren Sie seitdem nie wieder da? Den Friedhof gibt es leider nicht mehr. Wie ich gehört habe, steht dort jetzt ein Hotel. J O HANNES WAECHTER S Plattensammlung besteht überwiegend aus Soul, Krautrock und Countrymusik; eine LP von Roberto Blanco besitzt er aber doch: das Album Hallelujah heißt mein Lied mit ziemlich guten deutschen Versionen alter Gospelsongs. Tipp! carlgross.com Finest Menswear 34 Süddeutsche Zeitung Magazin

19 Nach einer Jugend in der Provinz findet Willem Dafoe, dass die Großstadt der richtige Ort ist, um Kinder aufzuziehen. Sieben Geschwister und zwei Vollzeit arbeitende Eltern. Die Schauspielerei war für den jungen Willem, geboren 1955 in Wisconsin, erst mal vor allem ein Weg, Aufmerksamkeit in der Großfamilie zu bekommen. Auf den Straßen des alten, gemeinen New York lernte er dann, finster zu schauen,»als Schutz«, wie er sagt eine ideale Vorbereitung auf die bösen Rollen, für die er heute berühmt ist WILLEM DAFOE Interview MA RC BAU M A N N Foto JA K E C H E S SUM 36 Süddeutsche Zeitung Magazin Süddeutsche Zeitung Magazin 37

20 SZ-Magazin: Herr Dafoe, auf dem Weg zu diesem Interview saß ich in der Berliner U-Bahn einem Kerl gegenüber, der mich die ganze Zeit bedrohlich anstarrte, da dachte ich: Jetzt müsste man so böse schauen können wie Willem Dafoe. Willem Dafoe: Die Wahrheit ist: I am a lover, not a fighter. Aber ja, ich würde das gut hinkriegen. Sie haben viele Verbrecher und Psychopathen gespielt, zuletzt in Wes Andersons Grand Budapest Hotel. Wie viel Böses steckt in Ihnen? Ich bin in einer Mittelklassefamilie in Appleton im Mittleren Westen der USA aufgewachsen, in einer harmlosen, verträumten Welt. Als ich über die Theaterspielerei Anfang der Siebzigerjahre nach New York gekommen bin, war New York eine gefährliche Stadt. Die Zeiten waren hart, wirtschaftlich schlecht. Ich hatte überhaupt kein Geld, lebte in einer schlechten Gegend: Ich war hier plötzlich nicht mehr Mittelklasse. Zu der Zeit habe ich mir die Maske des harten Kerls zugelegt. Die habe ich nicht nur auf der Bühne gebraucht, sondern tatsächlich auf der Straße, als Schutz. Warum tragen Sie diese Maske des Fieslings so gern? Wenn man Angst erzeugt, werden die Dinge oft erst interessant, in einem schauspielerischen Sinne. Die intensivsten Momente im Leben sind oft die, in denen man Grenzen erreicht und überschreitet und wenn man das auf der Leinwand zeigen will, sind Gewalt und Verbrechen oft der beste Weg. Und es ist lustiger, den Diabolischen zu spielen als einen sensiblen, weichen Charakter. Wäre es möglich, einen großartigen Film zu drehen, in dem einfach mal kein Mord, keine Tragödie, kein Schicksalsschlag vorkommt? Ich glaube nicht. Ich überlege, fällt Ihnen ein solcher Film ein? Mary Poppins? Denken Sie an den strengen Vater! Nein, wir brauchen Probleme im Film, dann erst können wir uns mit den Figuren identifizieren, eine Handlung ohne Sorgen würde uns nicht berühren. Sie haben Appleton erwähnt, die Stadt, in der Sie aufgewachsen sind. Sie reden in Interviews immer nur davon, wie Sie die Stadt verlassen haben aber nie davon, wie es dort war. War es nicht ein guter Ort zum Aufwachsen? Vielleicht. Ich erinnere mich an die frühen Jahre nicht mehr so. Aber ich möchte gar nicht, dass Sie so viel von meiner Kindheit wissen, weil das Ihre Wahrnehmung von mir als Schauspieler verändert. Das haben Sie immer im Hinterkopf und interpretieren es vielleicht in die Rolle hinein. Als ich ein junger Schauspieler war, fand ich es fast beleidigend, dass Journalisten so besessen von meinem Privatleben waren. Es nimmt mir meine Wandlungsfähigkeit als Darsteller, wenn die Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von mir als Mensch hat. Ich schütze meine Privatsphäre nicht obsessiv, aber ich muss mir Teile davon bewahren. Ich habe auch nach Ihrer Kindheit gefragt, weil ich überlege, ob ich mit meiner Familie in der Großstadt bleiben soll oder lieber aufs Land ziehe. Wie haben Sie es gehalten? Ich habe einen Sohn und ich habe es geliebt, ihn in einer Großstadt aufzuziehen. Man kann doch trotzdem in die Natur Kann dieser junge Mann zum Monster werden? Auf dem Foto: undenkbar. Auf der Leinwand: ja. rausfahren. Es gibt diese romantische Idee des unschuldigen Kindes auf dem Lande, aber ich glaube, eine Stadt ist ein guter Ort, um Kinder zu haben. In einer Stadt, einer großen Stadt, lernt ein Kind, wie viele verschiedene Lebensentwürfe es gibt. Das ist eine mindestens ebenso wichtige Erfahrung. Die Großstadt macht Kinder offener. Und sie können besser entscheiden, was sie selber einmal machen möchten. Es heißt doch:»es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.«mein Sohn ist am Theater aufgewachsen, darum hatte er nicht nur seine Eltern als Vorbilder, was einengend sein kann. Er hat Menschen kennengelernt, die politisch, sozial, sexuell total unterschiedlich waren. Und hat Toleranz und Offenheit gelernt, die im Leben sehr wichtig sind. Ihr Vater war Chirurg, Ihre Mutter Krankenschwester, Sie haben sieben Geschwister. Was prägt mehr: Arztkind zu sein oder so eine große Familie? Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Ärzte wie Götter behandelt wurden. Die Leute sagten:»oh, Onkel Joe lag im Sterben und dein Vater hat ihn gerettet.«ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass mein Vater magische Kräfte hat, eine Art Superheld ist, das war seltsam. Entscheidender für mich war, dass beide Eltern so viel arbeiteten. Ich habe sie selten gesehen. Meine Schwestern haben mich großgezogen. Ich habe sehr früh gelernt, für mich selber zu kochen, selbstständig zu sein. Später habe ich bei meinem Vater gearbeitet, um etwas Geld zu verdienen, als Putzkraft. Wissen Sie, ein Krankenhaus zu reinigen, ist sehr spannend. Ein ganz schön verantwortungsvoller Nebenjob, mangelnde Hygiene im Krankenhaus kann tödlich sein. Definitiv. Ich habe dabei auch gelernt, nicht zimperlich zu sein. Ich hatte jeden Tag hart gesagt mit Blut und Scheiße zu tun. Ich dachte immer, dass jeder Arzt abends nach Hause geht mit dem Gefühl, ein Held zu sein, bis mir ein befreundeter Arzt sagte, das wäre auch nur ein Job wie jeder andere. Ärzte entwickeln schnell diesen Pragmatismus im Umgang mit Leben und Tod. Wenn mein Vater wusste, dass einer seiner Patienten sterben würde, ging er sehr sachlich damit um. Ich fand es fast schockierend, dass er nicht aufgewühlter war. Aber das wird wohl zum Alltag, wie Autos reparieren. Was ist die bessere Kindheit, um Schauspieler zu werden: als Einzelkind permanent im Scheinwerferlicht der elterlichen Aufmerksamkeit zu stehen oder, wie Sie, als ein Kind von acht um die Aufmerksamkeit der Eltern zu kämpfen? Ich war der Clown der Familie, das war meine Überlebenstaktik. Mein Weg, um meinen Eltern aufzufallen. So habe ich mit dem Schauspielern begonnen. Ihr Sohn ist am Theater aufgewachsen und dennoch nicht Schauspieler geworden. Seine Art der Rebellion? Ich glaube nicht. Obwohl. Hollywood ist voll mit Nachwuchsschauspielern, die Kinder großer Stars sind. Man sieht ja als Kind, dass Schauspieler ein sehr gutes Leben führen, Aufmerksamkeit bekommen, Geld, Ruhm. Aber Fotos: Foto Jake Chessum /Trunk Archive, Seite 38 hgm-press mein Sohn ist Anwalt für Umweltschutzrecht geworden, Politik interessiert ihn mehr. Sie waren in den späten Sechzigerjahren jung, in einer sehr politischen Zeit in Amerika. Ist das bis zu Ihnen nach Appleton durchgedrungen? Oh ja! Wenn meine älteren Geschwister, die schon studiert haben, in den Semesterferien nach Hause kamen, haben wir gemerkt, wie sie die Universität radikalisiert hat in ihrem Denken. Sie waren alle auf der Universität Wisconsin, da passierte viel, es gab sogar einen Bombenanschlag. Durch meine Geschwister bekam ich das alles mit. Und doch haben Sie sich für das Theater, für eine Fantasiewelt entschieden. Warum? Theater, wie wir es gespielt haben, ist politisch, es kann Menschen verändern. Sogar der Hollywoodfilm Spider-Man, in dem ich gespielt habe, hatte eine politische Botschaft. Ich bin politisch engagiert, nur auf eine andere Art als Menschen, die protestieren. Erinnern Sie sich noch an Klaus Daimler? Oh, ja. Ein toller Name, nicht? Das war Ihre Rolle in dem Wes Anderson Film Die Tiefseetaucher. Sie haben Klaus mit großer Ernsthaftigkeit gespielt, aber zugleich mit diesem lustigen deutschen Akzent gesprochen. Eine fremde Sprache ist die Eingangstür in eine Rolle, haben Sie mal gesagt. Nun gilt Deutsch im Ausland als Befehlstonsprache. Was für einen Raum betreten Sie mit dem Deutschen? Mich so reden zu hören schafft eine Distanz zu dem Willem, den ich kenne. Erst wenn man seine gelernten Verhaltensweisen verlässt, kann man jemand anders werden. Ganz einfache Dinge können der Auslöser sein, ein Kostüm, bayerische Lederhosen. Sie leben einen Teil des Jahres mit Ihrer italienischen Frau in Rom. Dort spricht man lebendiger, gestenreicher, schauspielerischer. Ist Deutsch verglichen dazu wie ein Korsett? Nein, so habe ich es nicht empfunden. Was ich an Klaus Daimler mochte, war, dass er so klischeehaft deutsch war, so diszipliniert und fleißig. Wissen Sie, ich kenne genug Deutsche privat, um zu wissen, dass das absolut gar nicht stimmt. Also sind wir Deutsche doch nicht so überkorrekt? Klaus Daimler tat, als ob er alles unter Kontrolle hatte, aber eigentlich war er so sensibel und hatte gar nichts im Griff. Das mochte ich an Klaus, sein Scheitern war in seiner Lächerlichkeit so menschlich. Diese Maske der Effizienz, hinter der er unsicher und ineffizient war, wie wir alle. Sie müssen ein sehr effizienter Schauspieler sein, die Liste Ihrer Filme und Theaterstücke ist beachtlich lang. Gab es Entscheidungen für oder gegen Rollen, die Sie bereuen? In Hollywood reden die Leute oft darüber, wie anders Filme geworden wären, wenn etwa nicht Vivien Leigh in Vom Winde verweht gespielt hätte, sondern Ingrid Bergman. Ich bereue nichts, aber die Vorstellung ist interessant, was passiert wäre, wenn ich andere Rollen angenommen hätte. Sie haben Madonnas Liebhaber gespielt und einen Fisch in Findet Nemo gesprochen. Sie hatten die Hauptrollen in Die letzte Versuchung Christi und Antichrist. Kann es sein, dass Sie schon jede denkbare Rolle gespielt haben? Ich denke nicht so in Rollen, ich denke an die Personen, mit denen ich arbeiten möchte. Ich mag es, nützlich zu sein am Set, ein Werkzeug eines Regisseurs zu sein, das erfüllt mich. Warum sind Sie nicht in einer der viel gelobten neuen TV-Serien wie Homeland zu sehen? Ich sehe wirklich nie fern. Das Fernsehen spielt eine viel zu große Rolle in unserem Leben, gesellschaftlich, kulturell. Und beim Fernsehen nimmt man noch viel mehr Rücksicht auf den Publikumserfolg. Zumindest die Kinoregisseure, die ich mag, sehen in Filmen weniger ein Kalkül als TV-Regisseure. Ich bin da altmodisch ich mag Filme, deren Produktion ein Abenteuer ist. Auf Twitter schreiben Besucher noch im Kinosaal, ob sie den Film gut oder schlecht fanden. Achten Sie auf so etwas? Nein. Aber neulich habe ich unter einem Artikel über mich den Kommentar gelesen:»ich werde so weinen, wenn Willem Dafoe > Das kostenlose Girokonto mit Zufriedenheitsgarantie 1. Kostenlose Kontoführung Kostenlose Visa-Karte Kostenlos Bargeld weltweit Details unter 2 Im Ausland an Geldautomaten mit der Visa-Karte, im Inland mit der girocard an rund Automaten der Commerzbank, Deutschen Bank, HypoVereinsbank und Postbank. comdirect bank AG, Pascalkehre 15, Quickborn stirbt!«ich lache, aber das hat mich wirklich bewegt. Wird Willem Dafoe vor der Kamera alt werden? Die Kraft alter Schauspieler, die seit sehr langer Zeit vor der Kamera stehen, ist etwas sehr Schönes. Die Weisheit, mit der sie sich vor der Kamera bewegen. Ich hoffe, dass ich das eines Tages erreiche. MARC BAUM A N N war überrascht, als Willem Dafoe ihm beim Interview den Arm auf die Schulter legte, um gemeinsam eine Filmszene nachzuspielen. Dafoe war grandios, Baumann noch verschreckter als beim Krippenspiel 1983 in der Grundschule. 38 Süddeutsche Zeitung Magazin Süddeutsche Zeitung Magazin 39

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