Gefährdungsbeurteilungen in der Praxis

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1 Fakultät Maschinenwesen, Institut für Technische Logistik und Arbeitssysteme Professur für Arbeitswissenschaft Fachtagung Arbeitsschutz 2012 TÜV NORD Akademie Hamburg, 13. Juni 2012 Gefährdungsbeurteilungen in der Praxis M. Schmauder

2 Gliederung 1 Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung - Gefährdungsermittlung - Risikobeurteilung 2 Maßnahmenhierarchie 3 Praxisbeispiele Folie 2

3 Es gibt nichts praktischeres als eine gute Theorie! Immanuel Kant ( ) Folie 3

4 Vorbemerkungen I Wer macht die Gefährdungsbeurteilung? Arbeitgeber / Führungskräfte Beschäftigte / Betroffene Fachkraft für Arbeitssicherheit Fachexperten / Messtechniker Was ist der Anlass? Routine Veränderte Technik Erfüllung von Vorgaben (LärmVibrationsArbSchV, GefStoffV, ) Beschwerden Folie 4

5 Vorbemerkungen II Spezielle Verfahren Leitmerkmalmethoden BAuA - Vereinfachtes Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe Psychologische Checklisten Vertiefende Analysen Messungen (nicht nur orientierend) Folie 5

6 Beurteilung Analyse Erklärungsmodell Gefahrenquellen Gefährdungsfaktor Verletzungs- Krankheitsbewirkender Faktor bewirkender Faktor Menschen Beschäftigter mit seinen Leistungsvoraussetzungen Gefahrbringende Bedingungen Möglichkeit des Zusammentreffens Mögliche außerberufliche Einflüsse Unfallgefährdung Gefährdung Gesundheitsgefährdung Sicherheit Beurteilen der Gefährdung Unfallgefahr Gefahr Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahr Kein Handlungsbedarf Handlungsbedarf Folie 6

7 Gliederung 1 Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung - Gefährdungsermittlung - Risikobeurteilung 2 Maßnahmenhierarchie 3 Praxisbeispiele Folie 7

8 Gefährdungsbeurteilung Gefährdungsermittlung bzw. -analyse Risikobeurteilung Folie 8

9 Gefährdungsanalyse (Ermittlung) Ermittlung der relevanten Gefährdungsfaktoren Identifikation der Gefahrenquellen Identifikation der gefahrbringenden Bedingungen Zusammentreffen von Gefahrenquelle und Mensch mit seinen individuellen Leistungsvoraussetzungen prüfen Feststellen und Beschreiben der konkreten Gefährdung Folie 9

10 Übersicht Gefährdungsfaktoren Mechanische Faktoren Elektrische Faktoren Thermische Faktoren Klima Arbeiten in feuchtem Millieu Arbeiten in Über- und Unterdruck Vibrationen Schall Gefahrstoffe Biologische Arbeitsstoffe Physische Belastung/ Arbeitsschwere Psychische Belastungen Beleuchtung Strahlungen Menschen Farbe Brände, Explosionen Tiere Multifaktorielle Gefährdungen Folie 10

11 Beispiel Dokumentation Dokumentation der arbeitsablauforientierte Gefährdungsermittlung Tätigkeiten: Bremsenprüfung, Austausch der Bremsflüssigkeit und der Bremsbeläge Teiltätigkeit Pkw vom Parkplatz in die Halle auf den Bremsenprüfstand fahren Durchführen der Bremsenprüfung für Vorder- und Hinterachse Rangieren zur Hebebühne Einstellen der Hebebühne Gefährdungs faktor Klima Gefahrstoffe Gefahrstoffe Haltearbeit Gefahrenquelle Offenstehende Hallentore Abgase aus laufenden Motoren (Benzin-, Dieselmotoremissionen) Abgase aus laufenden Motoren (Benzin-, Dieselmotoremissionen) Räumliche Anordnung des Kfz über der Hebebühne Gefahrbringende Bedingungen Jahreszeitliche Klimaschwankungen Luftaustauschbedarf wegen Abgasen Im Folgenden erforderlicher Aufenthalt mit Emissionsgebiet Leistungsvoraussetzungen Gelenkigkeit Beschreibung der Gefährdung Expositionsdauer Belastungen durch Nur an sehr kalten Zugluft, Hitze (im Tagen werden Sommer) bzw. Kälte Hallentore nur kurz (im Winter) geöffnet Einatmen giftiger Nur kurze und Eintragszeit; bei krebserzeugender Lüftung Abgase Expositionszeit nur Einatmen giftiger und krebserzeugender Abgase Belastung durch unergonomische, verdrehte Körperhaltung wenige Minuten Nur kurze Eintragszeit; bei Lüftung Expositionszeit nur wenige Minuten Nur kurz zu Beginn (ca. 1 Minute) Folie 11

12 Gliederung 1 Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung - Gefährdungsermittlung - Risikobeurteilung 2 Maßnahmenhierarchie 3 Praxisbeispiele Folie 12

13 Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Höhe/Schwere eines Schadens DIN EN ISO 12100: Sicherheit von Maschinen Risikobeurteilung Folie 13

14 Risikobeurteilung 1. Risikoabschätzung Schadensschwere Eintrittswahrscheinlichkeit 2. Risikobewertung Ja Risiko akzeptabel? Nein Sicherheit Gefahr Folie 14

15 Risikobewertung Risikoabschätzung Risikobeurteilung Schadensschwere abschätzen und einstufen Eintrittswahrscheinlichkeit abschätzen und einstufen Risiko einstufen Grenzrisikoermittlung Vergleich vorhandenes Risiko - Grenzrisiko Ableitung von Handlungsbedarf Folie 15

16 Einstufung der Schadensschwere Schwere der Gesundheitsschädigung Schweregrad Beschreibung Beispiele für Unfallfolgen Beispiele für Erkrankungen 1 Keine gesundheitlichen Folgen 2 Bagatellfolgen (die Arbeit kann fortgesetzt werden) 3 Mäßig schwere Folgen (Arbeitsausfall, ohne Dauerschäden) 4 Schwere Folgen (irreparable Dauerschäden möglich) Keine Verletzung Kleine Schnittverletzung Lokale Verbrennung ersten Grades Platzwunde Einfache Brüche Verlust von Gliedmaßen Keine Erkrankung Leichte Erkältung Kopfschmerzen Grippaler Infekt Hörsturz Organschädigungen Posttraumatische Belastungsstörung 5 Tödliche Folgen Tödliche Verletzungen Asbestose Krebs Folie 16

17 Eintrittswahrscheinlichkeit abschätzen Expositionszeit Intensität der Einwirkung verstärkende Bedingungen Bewältigungsmöglichkeiten Hinweise auf bereits eingetretene Ereignisse Folie 17

18 Du hast eine Münze in die Luft geworfen, und zum zehnten mal hintereinander war Kopf" oben. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kopf" beim nächsten Mal wieder oben liegt? Folie 18

19 Risiko-Einschätzung und deren Ursachen irgendwo hin gehen mit dem Auto fahren ein Loch in die Wand bohren Rindfleisch essen in einem Hochhaus arbeiten Flugzeug fliegen subjektives Risiko objektives Risiko Menschliche Wahrnehmung und objektives Risiko überschätzt unterschätzt keine Kontrolle sehr selten unregelmäßig wenig bekannt katastrophale Folgen beeinflussbar häufig vorkommend regelmäßig bekannt reversible Folgen

20 Optische Täuschungen A B C

21 Einstufung der Eintrittswahrscheinlichkeit Eintrittswahrscheinlichkeit Skala 1 Skala 2 A praktisch unmöglich sehr unwahrscheinlich B vorstellbar C durchaus möglich mittel D zu erwarten hoch E fast gewiss sehr hoch Folie 21

22 Risikoeinstufung - Risikomatrix Eintrittswahrscheinlichkeit praktisch unmöglich vorstellbar durchaus möglich zu erwarten fast gewiss Schadensschwere Keine gesundheitlichen Folgen 1 A extrem B extrem C sehr D sehr E sehr Bagatellfolgen (die Arbeit kann fortgesetzt werden) 2 1 extrem 1 sehr 2 eher Mäßig schwere Folgen (Arbeitsausfall, ohne Dauerschäden) 3 1 sehr 2 eher Schwere Folgen (irreparable Dauerschäden möglich) 4 2 eher Tödliche Folgen 5 3 mittel 4 3 mittel 4 hoch 5 3 mittel 4 hoch 5 sehr hoch 2 mittel 4 hoch 5 sehr hoch 2 mittel 4 sehr hoch 6 extrem hoch 6 extrem hoch 7 extrem hoch Folie 22

23 Risikograph Mögliche Schadensschwere Eintrittswahrscheinlichkeit Risikobewertung Sehr Leicht Mittel Schwer Möglicher Tod 1 2 Risiko sehr Start Gering Leicht Mittel Schwer Möglicher Tod 3 4 Identifizierte Gefährdung Mittel Leicht Mittel Schwer Möglicher Tod 5 Hoch Leicht Mittel Schwer Möglicher Tod 6 7 Risiko sehr hoch

24 Risikobewertung Grenzrisiko (höchstes ( Risiko akzeptables Festgestelltes niedriges Risiko Festgestelltes hohes Risiko Risiko Sicherheit Gefahr Folie 24

25 Grenzrisikoermittlung Quantitativer Grenzwert im Vorschriften- u. Regelwerk vorhanden? ja Grenzrisiko < Grenzwert nein Qualitative Anforderungen im Stand der Technik vorhanden? ja Grenzwert ableiten nein Betriebliche Ziele bzw. Standards des Arbeitsschutzes ( Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz ) ja Grenzwert betrieblich vereinbaren

26 Vergleich: Vorhandenes Risiko - Grenzrisiko Das Risiko ist hoch, sehr oder extrem hoch (Risikowerte 5 bis 7) Das Risiko liegt deutlich über dem Grenzrisiko. Es besteht Gefahr und daher dringender Handlungsbedarf. Das Risiko ist mittel oder eher (Risikowerte 4 oder 3) Das Risiko liegt im Bereich des Grenzrisikos. Handlungsbedarf und Verbesserungspotenziale sind genauer zu prüfen. Das Risiko ist sehr oder extrem. (Risikowerte 1 oder 2) Das Risiko liegt klar unter dem Grenzrisiko. Sicherheit ist gegeben. Kein Handlungsbedarf, aber ggf. weitere Verbesserungspotenziale. Folie 26

27 Risikomatrix mit Ampelzuordnung Eintrittswahrscheinlichkeit Schadensausmaß Keine gesundheitlichen Folgen 1 Bagatellfolgen (die Arbeit kann fortgesetzt werden) 2 Mäßig schwere Folgen (Arbeitsausfall, ohne Dauerschäden) 3 Schwere Folgen (irreparable Dauerschäden möglich) 4 Tödliche Folgen 5 praktisch unmöglich A extrem 1 extrem 1 sehr 2 eher 3 mittel 4 vorstellbar B extrem 1 sehr 2 eher 3 mittel 4 hoch 5 durchaus möglich C sehr 2 eher 3 mittel 4 hoch 5 sehr hoch 6 zu erwarten D sehr 2 mittel 4 hoch 5 sehr hoch 6 extrem hoch 7 fast gewiss E sehr 2 mittel 4 sehr hoch 6 extrem hoch 7 extrem hoch 7 Folie 27

28 Entscheidung I Grenzrisiko (höchstes ( Risiko akzeptables Festgestelltes niedriges Risiko Festgestelltes hohes Risiko Risiko Sicherheit Kein Handlungsbedarf Unfallgefahr Gefahr Handlungsbedarf Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahr Folie 28

29 Entscheidung II Wer ist bereit für das vorhandene Risiko die Verantwortung zu übernehmen? Folie 29

30 Reichweite der Maßnahmen Restrisiko höchstes akzeptables Risiko IST-Zustand notwendige minimale Risikoverminderung ideale Risikoverminderung Risiko niedrig hoch Folie 30

31 Gliederung 1 Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung - Gefährdungsermittlung - Risikobeurteilung 2 Maßnahmenhierarchie 3 Praxisbeispiele Folie 31

32 Reichweite der Maßnahmen Maßnahmenhierarchie 1. Gefahrenquelle vermeiden/beseitigen/reduzieren; Eigenschaften der Quelle verändern 2. Sicherheitstechnische Maßnahmen (räumliche Trennung an der Quelle) 3. Organisatorische Maßnahmen (räumlich/zeitliche Trennung von Faktor und Mensch) 4. Nutzung persönlicher Schutzausrüstung (räumliche Trennung am Menschen) 5. Verhaltensbezogene Maßnahmen

33 Maßnahmen zur Gefährdungsreduzierung (I) Gefahrenquelle Mensch Maßnahmen Wirksamkeit Beseitigung der Gefahrenquelle Abschirmung der Gefahrenquelle (räumliche Trennung) Entfernung der Person (organisatorische Maßnahmen)

34 Maßnahmen zur Gefährdungsreduzierung (II) Gefahrenquelle Mensch Maßnahmen Wirksamkeit Schutz der Person Hinweis Achtung Krokodil

35 Gliederung 1 Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung - Gefährdungsermittlung - Risikobeurteilung 2 Maßnahmenhierarchie 3 Praxisbeispiele Folie 35

36 Folie 36

37 Folie 37

38 Gruppe/Art Kurzbeschreibung Gefahr? Risiko Maßnahme Wer? Termin Folie 38

39 Folie 39

40 Folie 40

41 Kritik und Fazit Eine dünne Gefährdungsbeurteilung ist besser als gar keine! Gefahrenquellen nicht erkannt, sondern nur Defizite benannt deshalb kein geeigneter Maßnahmenansatz Es werden nicht alle Betriebszustände (Tätigkeiten) betrachtet Keine differenzierte (auch individuelle) Risikobetrachtung Oft geht es von den Defiziten gleich zu den Maßnahmen, es fehlt die individuelle Zielsetzung Gefährdungsbeurteilung ist kein Selbstzweck: Es geht um die Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten Folie 41

42 Gefährdungsbeurteilung im betrieblichen Management Folie 42

43 Gefährdungsbeurteilung im betrieblichen Management Folie 43

44 Gefährdungsbeurteilung im betrieblichen Management Folie 44

45 Sicherheit schaffen ist besser als Vorsicht fordern. Ernst Gniza ( ), Dresdner Arbeitspsychologe Begründer der 2-Wege-Theorie des Arbeitsschutzes Folie 45

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