Abschlussbericht. Auslandsaufenthalt 2006/07. Studiengang Energie und Verfahrenstechnik

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1 Abschlussbericht Auslandsaufenthalt 2006/07 Studiengang Energie und Verfahrenstechnik Studienarbeit und Kursbesuch an der Ècole Polytechnique de Montréal Montreal war für mich ein sehr schönes Erlebnis. Am Anfang hatte ich etwas Sorgen, da ich ein paar Monate vor Winterbeginn ankam und mir schon die schlimmsten Geschichten über den Kanadischen Winter erzählt wurden ( Sometimes it gets so cold that if you stay outside longer than twenty minutes you will DIE! ). Aber letztendlich habe sogar ich mich an die Kanadischen Wintertemperaturen gewöhnen können, dank meines Michelin-Männchen- Wintermantels. Irgendwann kommen einem -10 C vor wie 0 C und -35 C ist auch in Montreal eher eine Ausnahme. Da ich in der Schule kein Französisch hatte, und sich meine Sprachkenntnisse auf ein paar Kapitel einer Französisch-CD beschränkten, wurde mir kurz vor Abflug dann doch plötzlich etwas unwohl. Aber wenn man erst einmal dort ist, kommt man relativ schnell auf ein Niveau, mit dem man sich einigermaßen gut auf Französisch verständigen und auch Kurse besuchen kann. Die folgenden Kapitel sind eine Zusammenfassung meiner Erfahrungen, die für die nächsten Austauschstudenten interessant sein könnten. 1. Ankunft Der Flughafen von Montreal liegt ca.15 km außerhalb der Stadt. Je nachdem wo man wohnt ist es praktischer ein Taxi oder einen der Flughafenbusse zu nehmen. Für das Taxi gibt es einen Festpreis von 30$, wenn man ins Zentrum von Montreal fährt. Mit dem Bus kostet es ungefähr 15$, allerdings fährt dieser direkt ins Zentrum und hält dort vor ein paar Hotels und schließlich an der zentralen Bushaltestelle Berri-UQAM. Falls man also in einem Viertel wie Côtes-des-Neiges oder Mont-Royal wohnt, die zwischen Stadtzentrum und Flughafen liegen, lohnt es sich meiner Meinung nach ein Taxi zu nehmen, auch wenn das dann etwa 10$ mehr kosten wird als der Bus. Theoretisch gibt es eigentlich auch eine Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, leider lässt diese aber sehr zu wünschen übrig. Einmal habe ich diese Verbindung ausprobiert und für 13 km tatsächlich zweieinhalb Stunden gebraucht, sie ist also nicht sehr zu empfehlen. 2. École Polytechnique de Montréal Die École Polytechnique ist eine frankophone technische Universität mit etwa 5500 Studenten. Sie befindet sich auf der Westseite des Mont-Royal Hügels (immer windig, aber dafür mit sehr schöner Aussicht!) und teilt sich den Campus mit der Université de Montreal. In der Uni wird generell Französisch gesprochen, wobei innerhalb vieler Arbeitgruppen, wie z.b. in Meiner, wegen der vielen ausländischen Studenten auch oft englisch gesprochen wird. 1

2 In den Kursen hat man auch oft die Option seine Hausaufgaben und Klausuren auf Englisch zu schreiben, da so gut wie jeder Dozent auch fließend Englisch beherrscht. Zu Beginn muss man natürlich als Austauschstudent erst einmal sämtliche existierenden Ämter abklappern und sich einen Haufen Formulare besorgen und abstempeln lassen. Das Abstempeln scheint überhaupt immer sehr wichtig zu sein, je mehr Stempel, desto besser! Das Allerwichtigste ist, dass man schon vor seiner Ankunft einen Brief von der Polytechnique bekommen hat, der bestätigt, dass man als Austauschstudent aufgenommen wurde und in dem auch die zukünftige Matrikelnummer enthalten ist. Somit ist man dann quasi bereits im System registriert und muss im dortigen Auslandsamt eigentlich nur noch seine Ankunft bestätigen lassen (mit Stempel natürlich). Anschließend muss man noch ins dortige Immatrikulationsamt, genannt Registrariat, und ein großes Formular ausfüllen. Zum Schluss bekommt man noch eine Bestätigung für seine Adresse (mit Stempel), das ist wie eine Meldebestätigung; man braucht diese später z. B. wenn man ein Konto eröffnen möchte. Außerdem, wenn man noch unter 26 ist bekommt man ein weiteres Formular, mit dem man bei den öffentlichen Verkehrsmitteln eine Studentenfahrkarte beantragen kann. Zu guter Letzt erhält man noch einen Zettel, mit dem man zum Studentenkartenbüro gehen soll, um sich die Studentenkarte erstellen zu lassen. Wenn man nun also diese ersten Hürden gemeistert hat, kann man sich endlich ein bisschen zurücklehnen und umsehen, was die Uni sonst noch zu bieten hat: Auf dem Campus gibt es ein großes Sportzentrum mit Schwimmbad, Sporthallen etc.. Das Angebot an Sportaktivitäten ist wirklich immens. Als Student kann man auch jederzeit das Schwimmbad benutzen, man darf aber nicht (wie ich) vergessen sein eigenes Schloss für den Spind mitzubringen. Wenn man irgendwann nach dem vielen Herumlaufen auf dem Campus Hunger bekommen sollte, muss man nicht lange suchen, um auf eine der vielen Cafeterien zu stoßen. Das Angebot fand ich eigentlich immer ganz gut und abwechslungsreich, wenn auch teurer als in der TU-Mensa. Besonders gut fand ich, dass es in fast allen Unigebäuden Mikrowellen gab, in denen man sein mitgebrachtes Mittagessen aufwärmen konnte. 3. Studienarbeit und Kurse Während meines Aufenthalts habe ich eine Studienarbeit angefertigt und Kurse besucht. Die Studienarbeit habe ich im Institut für Papier- und Zellstofftechnik durchgeführt, über das auch das Austauschprogramm läuft. Die Leute am Institut waren alle sehr nett; die meisten anderen Studenten kamen ebenfalls aus dem Ausland und haben mir sehr geholfen, mich schnell in der Uni zurechtzufinden und gut in Montreal einzuleben. Das fensterlose Büro ging mir auf Dauer doch etwas auf die Nerven aber insgesamt hat mir die Arbeit viel Spaß gemacht. Man arbeitet sehr selbstständig aber nicht voneinander abgeschottet und alle paar Wochen gibt es Meetings, in denen jeder seine Fortschritte präsentiert. Da ich die erste Austauschstudentin in diesem Programm war, die auch Kurse belegen wollte, war die Empörung darüber im Prüfungsamt quasi schon vorprogrammiert und ich durfte vorerst natürlich keine Kurse anmelden. Netterweise schrieb mein betreuender Professor daraufhin einen Brief an das Prüfungsamt, und dann war die Sache auch schon geregelt. Bei der Kurswahl sollte man beachten, dass viele Kurse nur in einem bestimmten Trimester angeboten werden. Die Kurse sind im Allgemeinen sehr überschaubar, mehr als 40 Studenten habe ich nie in einem Hörsaal gesehen. Es gibt sogar Zwischentests und Hausaufgaben mit Abgabepflicht, also eine völlig neue Erfahrung für jemanden von der TUB! 2

3 4. Montreal, Stadt und Leute Montreal ist eine unheimlich vielseitige Stadt. Die Bevölkerung ist sehr gemischt und man merkt deutlich, dass Kanada ein Einwanderungsland ist. Das spiegelt sich auch in den Restaurants und Supermärkten wieder. Selbst in den ganz normalen Supermärkten findet man typische Produkte aus anderen Ländern wie z. B. Mexiko, Russland oder Indien. Was die Sprachen betrifft, sind Französisch und Englisch in etwa gleich stark vertreten, wobei man mit Französisch in jedem Fall auf der sicheren Seite ist. Da viele Leute Französisch nicht als Muttersprache gelernt haben, wird man auch nicht schief angeschaut, wenn man bei seinen ersten Kommunikationsversuchen einen Fehler nach dem anderen macht. Ich fand es sehr angenehm, dass die Montrealer im Alltag generell sehr höflich und geduldig miteinander umgehen. Niemand würde auf die Idee kommen, sich über einen vollen Bus oder eine lange Schlange im Supermarkt aufzuregen. Die Stadt selbst ist sehr grün, es gibt viele Parks und Bäume an den Straßenrändern. Besonders beliebt ist natürlich der große Parc du Mont Royal mitten in der Stadt. Im Winter wird der Park auf dem Mont Royal Hügel auch gerne zum Langlaufen und Schlittenfahren genutzt. Als Austauschstudent wird es einem in Montreal auf keinen Fall langweilig. Es gibt viele Bars und Discos im Plateau-Viertel (z.b. Boulevard Saint-Laurent, Avenue du Mont-Royal) und im Centre-Ville (z.b. Rue Sainte Catherine). Neben einigen Kunst- und Geschichtsmuseen gibt es auch ein sehr schön gestaltetes Insektarium mit echten Bienen- und Ameisenkolonien zum beobachten. Das Biodom, in dem Flora und Fauna von verschiedenen Klimazonen der Erde zu besichtigen sind, ist auch einen Besuch wert. Besonders gut gefiel mir das Viertel Petite Chine mit seinen vielen kleinen Geschäften und Petite Italie, wo man aus Wohnungsmangel irgendwann Kirchen zu Wohnhäusern umfunktioniert hat. Dort gibt es auch einen Markt namens Marché Jean-Talon, auf dem man leicht seinen halben Sonntag verschlendern kann. 5. Alltägliches Leben in Montreal 5.1. Einkaufen Viele Geschäfte haben längere Öffnungszeiten, als in Deutschland. Die meisten Einkaufzentren und Supermärkte haben auch sonntags bis circa 17 Uhr geöffnet. Im Allgemeinen würde ich sagen, dass das Preisniveau dem Deutschen ähnelt. Derzeit profitiert man auch vom starken Euro, 2007 war der Wechselkurs CAD zu EUR im Schnitt etwa 1,4 zu 1. Wer irgendwann Gummibärchen, Spekulatiuskekse oder etwas anderes heimisches vermisst, der sollte dem kleinen Supermarkt an der Kreuzung zwischen Chemin Queen Mary und Chemin de la Côte-des-Neiges einen Besuch abstatten Telefonieren Um nach Deutschland zu telefonieren bietet es sich an, sich eine Telefonkarte zu besorgen. Diese bekommt man in fast jedem Kiosk oder Drogeriemarkt. Am besten fand ich EuroCard, da die Verbindungsqualität relativ gut war Elektrizitätsnetz 3

4 Einen Tag vor meinem Abflug ist mir eingefallen, dass ich vielleicht mal nachschauen sollte, wie es eigentlich mit der Netzspannung in Kanada aussieht. Zu meiner großen Bestürzung musste ich feststellen, dass es dort nicht unsere tollen 220V/50Hz und Rundstecker gibt, sondern natürlich 120V/60Hz und Flachstecker. Zum Glück hat es aber gereicht einen einfachen Adapterstecker zu kaufen, da Notebook- und Handy-Adapter für beide Netze ausgelegt sind Banken Das Banksystem in Kanada hält für Austauschstudenten schon ein paar Überraschungen parat. Sämtliche Überweisungen werden per Cheque abgewickelt und so etwas wie Online-Banking ist den meisten Banken völlig fremd. Will man nicht sechs Tage auf sein Geld warten und einen Cheque direkt einlösen, muss man viel Geduld mitbringen und viele Zettel unterschreiben, dafür bekommt dann aber auch viele Zettel zurück (mit Stempel, versteht sich) und wird gleich ausbezahlt. Trotz alledem sollte man, für den Fall, dass man irgendwann einen Cheque einlösen oder ausschreiben muss, doch ein Konto eröffnen. Die Grundgebühren für Studenten belaufen sich auf etwa 2-3 Dollar pro Monat. Es kann sein, dass man für Überweisungen zu anderen Bankinstituten extra zahlen muss, deshalb lohnt es sich z. B. das Konto bei der gleichen Bank wie der seines Vermieters zu eröffnen. Mit EC-Karte kann man z. B. bei der BMO (Banque de Montréal) zum aktuellen Währungskurs von seinem Konto Geld abheben. Je nachdem, von welcher Bank die EC-Karte stammt, kann man kostenlos (z. B. Deutsche Bank) oder für eine Gebühr von ca. 5 EUR (HVB) abheben. Man kann sich auch im Voraus bei seiner Bank erkunden, ob und welche Partnerbank sie in Kanada hat Öffentliche Verkehrsmittel Zu Beginn ist die STM (Société de transport de Montréal) schon etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man zuvor BVG-Luxus gewohnt war. Als Münchner weiss man die BVG schon sehr zu schätzen, aber in Montreal bin ich endgültig zu einem echten BVG-Fan geworden. Im Großen und Ganzen lernt man aber schnell, sich auch ohne Fahrplanaushang oder sichtbare Haltestellen zurechtzufinden. Hat man sich erst einmal an der U-Bahn-Station Berri-UQAM einen Stadtplan mit U-Bahn- und Busnetz besorgt (gibt es kostenlos am Fahrkartenschalter) und die wichtigsten Busfahrpläne zusammengesucht, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Mit der Zeit bekommt man auch einen Blick für die versteckten Haltestellen, die manchmal nur mit einer Stange und einem Zettel in Plastikfolie gekennzeichnet sind. Eine Monatskarte kostet 65$. Ist man noch jünger als 25 zahlt man nur 35$, muss aber vorher einen entsprechenden Antrag stellen, mit einer Bestätigung von der Uni, dass man Vollzeitstudent ist. Anfangs habe ich mich immer gefragt, warum die Leute an den Bushaltestellen so brav in einer Reihe stehen. Es hat sich dann herausgestellt, dass oft, besonders zur Rush-Hour, die Busse total überfüllt sind, so dass nicht alle Leute einsteigen können. Die Ersten an der Haltestelle können somit also am ehesten Mitfahren. Leute mit Kinderwagen oder Ältere werden natürlich vorgelassen. Es kann also schon vorkommen, dass man im Winter, bei minus 17 C auch mal auf den zweiten oder dritten Bus warten muss. Dafür kommen aber viele Busse auch alle 10 bis 15 Minuten, wenn es nicht allzu spät ist. Im Winter habe ich mich auch sehr darüber gewundert, warum so oft drei Busse hintereinander fahren, bis ich beobachtet habe, dass die Busse an den Haltestellen häufig im 4

5 Schnee stecken bleiben und dann vom hinteren Bus angeschoben werden. Die Montrealer wissen eben schon, wie sie mit ihren Wintern fertig werden. 6. Wohnen Die Wohnungslage in Montreal ist recht entspannt und die Preise gleichen ungefähr denen in Berlin (300 bis 450 CAD für ein Zimmer, alles inklusive). Im Internet kann man kostenlos Annoncen aufgeben oder nachsehen (z. B. bei Kijiki-Montreal, mcgill.ca/classified/, Easy roommate oder routarde.com). Zusätzlich kann man noch im Wochenmagazin Le Voir suchen, das Magazin findet man in Cafés oder U-Bahn-Stationen ausliegen. In Montreal ist es übrigens absolut üblich als Untermieter keinen Vertrag zu unterschreiben. Vermietet wird normalerweise immer auf Basis mündlicher Absprache. Der Vermieter meines Zimmers war sehr nett und hatte bereits zwei andere Studenten der TUB beherbergt. Bei Interesse gebe ich gerne seine Kontaktdaten weiter. 7. Ausflüge Von Montreal aus kann man ein paar sehr nette Ausflüge unternehmen wie z. B. nach Quebec City (3 h), und von dort nach Tadoussac (noch mal 3 h) zum Wale beobachten. Hat man ein paar Tage Zeit, kann man auch einen Ausflug nach New York oder nach Maine an die Küste unternehmen (beides 8-9 h). Oft lohnt es sich, ein Auto zu mieten, besonders, wenn man zu Mehreren fährt. Möchte man mit dem Bus fahren, erkundet man sich am besten an der Buszentrale (Metrosation Berri-UQAM). Nach Toronto gibt es eine recht gute Zugverbindung (4 h), allerdings hat die Stadt, meiner Meinung nach nicht besonders viel zu bieten außer Hochhäusern und dem CN-Tower. Wer einen Ausflug in einen der vielen Nationalparks plant sollte das am besten für den Frühling oder Frühherbst machen, da zur warmen Jahreszeit überall die berühmt-berüchtigten Black Flies herumschwirren, die sehr penetrant und vor allem absolut resistent gegen jegliches Mückenspray sind. Sogar dem Qualm einer brennenden Zigarette schenken sie keinerlei Beachtung. Ich hoffe, ich konnte euch einen allgemeinen Eindruck und ein paar nützliche Tipps geben. Allen, die nach Montreal gehen, wünsche ich ebenso gute Erfahrung wie ich sie machen konnte. Elodie (Falls ihr noch weitere Fragen habt meldet euch einfach: Elodie_Lutz bei gmx.net) 5

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