Spuren Blickpunkte 7

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1 6 Spuren Blickpunkte Buddha-Figuren im Gartencenter? Ein Halbmond auf einem Lüftungsrohr? Eine Kirche im Bahnhof? Spuren von Religion finden sich im Alltag an vielen Orten. Manchmal entdeckt man sie erst auf den zweiten Blick.

2 Spuren Blickpunkte 7

3 8 Meine Anhänger Olena stammt aus Kiew in der Ukraine und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz. Die junge Frau trägt oft auffallenden Schmuck, vor allem viele Halskettchen mit Anhängern, fast täglich in wechselnder Zusammensetzung: «Alle meine Anhänger haben eine eigene Bedeutung und Geschichte. Ich trage sie je nach Stimmung. Mit der Zeit sind sie wie ein Teil von mir selbst geworden.» «Angefangen hat es mit meiner besten Freundin, wir sind seit zwölf Jahren ein Herz und eine Seele. Nachdem ich von Kiew in die Schweiz gezogen war, vermissten wir uns schrecklich. Wir sind stets in Kontakt geblieben, doch der Austausch im Alltag fehlte Einmal entdeckte ich Ringe mit der Inschrift Moments da habe ich sofort an meine Freundin gedacht, an unsere Moments.» «Diesen Anhänger nenne ich Blume. Die Grossmutter meines Mannes hat ihn mir geschenkt. Sie war eine wunderbar lebensfreudige Frau! Mit 77 Jahren besuchte sie Tanzkurse für Senioren und lernte, wie man mit dem Computer umgeht.» «Das Peperoncini-Amulett habe ich auf dem Markt von Gallipoli in Süd italien gekauft. Mein Schwiegervater stammt aus dieser Gegend. Es heisst, dass dieses Amulett vor bösen Kräften schütze. Mein Schwiegervater glaubt aber nicht daran.» «Den Skarabäus habe ich von meinem Mann zu meinem 31. Geburtstag geschenkt bekommen, weil ich mich für das Leben der alten Ägypter interessiere. Der Skarabäus ist ein Käfer, der im Nilschlamm lebt und Mistkugeln vor sich herrollt. Er wird auch der «Heilige Pillendreher» genannt. Die alten Ägypter sahen darin eine Verbindung zum Sonnengott Ra.»

4 Spuren Meine Anhänger 9 «Den Sonnenstein hat mir eine gute Freundin aus Mexiko mitgebracht.» «Die drei christlichen Anhänger mit Jesus und Maria stehen für meine Familie. Das in Gold gefasste Bild ist orthodox, es stammt aus meiner Heimat. Die beiden silbernen sind katholisch. Mein Mann ist katholisch aufgewachsen.» «Ein Buch hat mich tief berührt. Es handelt von der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg: Sarah ist noch ein Kind und kümmert sich nicht um Religion oder Nationalität. Und dann entscheidet jemand, dass sie und ihre Familie nicht mehr leben dürfen nur weil sie Juden sind! Darum trage ich den Davidstern.» «Die kleine Kapsel ist ebenfalls jüdisch. Darin ist das wichtigste Gebet der Juden. Die Kapsel und den Davidstern habe ich von meiner jüdischen Freundin Deborah.»

5 10 Schauplatz Hauptbahnhof Täglich besuchen Menschen die kleine Kirche im Zwischengeschoss des Hauptbahnhofs Zürich: die einen zum Beten, andere einfach, um Stille zu finden. Vereinzelt verrichten hier auch Muslime oder orthodoxe Juden auf Reisen ihr Gebet. Es kommen alle möglichen Menschen, oft auch solche, die sonst nicht in die Kirche gehen. Manche wünschen ein persönliches Gespräch. «Wenn etwas Schlimmes passiert», sagt Seelsorger Roman Angst, «greifen wir oft auf unsere innersten Überzeugungen zurück, religiöse oder nichtreligiöse. Jeder Mensch hat solche Überzeugungen. Meist sind das ganz einfache Sätze. Zum Beispiel: Meine Grossmutter hat immer gesagt, es wird einem nichts aufgeladen, was man nicht tragen kann. Oder jemand sagt: Es hört ja nicht auf mit dem Tod. Dann frage ich zurück: Woher wissen Sie das? Darauf höre ich oft: Ohne diese Gewissheit könnte ich gar nicht leben. Ich staune immer wieder, wie einfach diese Sätze sind. Wenn mir jemand von seinen Schwierigkeiten erzählt, frage ich: Woran halten Sie sich jetzt fest? Häufig lautet die Antwort: An meiner Freundin, sie steht zu mir. Oder: Am Arbeitsplatz sind alle gegen mich. Aber meine Mutter sagte immer: Ich habe dich gern. Ein Banker erzählte mir, er habe im Moment so viele Probleme, dass er sich nach der Arbeit zu Hause immer erst hinsetzen müsse Kopf hörer auf und eine halbe Stunde Musik!

6 Spuren Schauplatz Hauptbahnhof 11 Ich fragte ihn: Hilft das? Und er sagte: Ja. Nachher habe ich Abstand. Einmal sagte mir ein Atheist: Ich werde mit meinem Jobverlust einen Umgang finden, ich weiss, dass ich es schaffen kann! Er ist sicher, dass er darüber hinwegkommen wird, obwohl das jetzt noch nicht der Fall ist. nichts bedeutet. Und sie wissen auch um die Kraft von Gesten und Ritualen, die mehr sind, als was man sieht. Ich stelle dies heute etwa in Begrüssungsritualen von Jugendlichen fest: Das ist nie nur ein blosses Hallo!» Viele Menschen sprechen selbstverständlich von der Seele selbst solche, denen Religion Die religiöse Landschaft der Schweiz Die religiöse Landschaft der Schweiz hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark gewandelt. Religionszugehörigkeit evangelisch-reformierte Kirche 43,8 % 38,5 % 34.1 % 28,0 % römisch-katholische Kirche 47,6 % 46,1 % 42,5 % 38,6 % christkatholische Kirche 0,25 % 0,2 % 0,2 % 0,2 % christlich-orthodoxe Kirchen 0,6 % 1 % 1,8 % 2,0 % Islam 0,9 % 2,2 % 4,25 % 4,5 % Judentum 0,3 % 0,25 % 0,25 % 0,2 % Hinduismus 0,4 % 0,5 % Buddhismus 0,3 % 0,3 % Konfessionslose 4,9 % 8,9 % 11,2 % 20,1 % Quelle: Bundesamt für Statistik Die Zahlen stammen aus den Volkszähl ungen und der Strukturerhebung. Konfessionslose gehören keiner Religionsgemeinschaft an. Die Grenze zwischen religiös und religionslos lebenden Menschen lässt sich aber nicht scharf ziehen. Viele Menschen, in deren Leben Religion kaum eine Rolle spielt, gehören dennoch einer Kirche an. Andererseits gibt es Menschen, die konfessionslos sind, sich aber gleichwohl als religiös bezeichnen. Andere wiederum sind Religion gegenüber gleichgültig oder lehnen sie bewusst ab. Wie sich die religiöse Landschaft in Zukunft entwickelt, ist offen. Wird die Bedeutung der Religionen abnehmen? Oder wird im Gegenteil Religion für den Einzelnen wie für die Gesellschaft wichtiger?

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