Die zehn Mädchen schnatterten durcheinander, während Tina wie hypnotisiert in die Smaragde starrte. Das Ziehen in ihrem Bauch verstärkte sich noch

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2 Die zehn Mädchen schnatterten durcheinander, während Tina wie hypnotisiert in die Smaragde starrte. Das Ziehen in ihrem Bauch verstärkte sich noch mehr, und sie merkte, wie das Blut durch ihre Adern schoss. Ihr Puls verdreifachte sich unter dem starren Blick der Lehrerin. Wie in Trance ließ Tina sich von ihrer Schwester am Arm nehmen und aus dem überhitzten Klassenzimmer führen. Bei jedem Schritt merkte sie, wie ihre Knie wackelten, unter ihr nachzugeben drohten. Erst, als sie das dunkle Gebäude hinter sich ließen und in der kalten Nachtluft standen, begann Tinas Beklemmung sich zu lösen.»was ist denn mit dir los? Bist du krank? So habe ich dich ja noch nie erlebt.«die Besorgnis in der Stimme ihrer Schwester war echt und ließ heiße Tränen in Tinas Augen aufsteigen.

3 »Tut mir leid, Sarah, es ist alles gut. Es war nur so heiß und stickig in dem Zimmer, ich muss erstmal etwas frische Luft schnappen, dann ist wieder alles in Ordnung.«Langsam gingen sie zu Tinas Auto. Gerade, als Tina einsteigen wollte, kam Frau Dr. Sperling die große Treppe heruntergelaufen, ging zu dem kleinen Peugeot, der neben Tinas Mazda stand, stieg ein und fuhr ohne ein weiteres Wort davon. Tina starrte ihr hinterher. In ihrem Inneren tobten die Gefühle. Auch wenn sie sie jetzt schon vier Jahre nicht mehr gesehen hatte, sie war ohne Zweifel eine wunderschöne Frau, und noch immer brachte sie Tinas Blut in Wallung. Schweigend fuhr sie mit Sarah nach Hause, murmelte etwas von müde und ging schnell in ihr Zimmer. Dort warf sie sich aufs Bett und starrte an die dunkle Decke.

4 Ich kann das nicht, oh Göttin, das kann ich einfach nicht! Das wird kein Wintertraum, sondern ein Winteralptraum! Sie fühlte die heißen Tränen, die sich aus ihren Augenwinkeln lösten und über ihr Gesicht liefen. Der Gedanke, mit ihrer ehemaligen Lehrerin eine Woche im Skigebiet verbringen zu müssen, machte sie beinahe körperlich krank. Die letzten Jahre hatte sie versucht, das Geschehnis zu verdrängen mehr oder weniger erfolgreich. Und nun tauchten die alten Bilder wieder in ihrem Kopf auf... Sie hatte sich in ihre Lehrerin verliebt. Rettungslos verliebt, um genau zu sein. Ihre beste Freundin Karin hatte es als einzige gewusst. Hatte ihr immer beigestanden, wenn sie mal wieder einen schlechten Tag gehabt hatte. Denn Frau Dr. Sperling war unnahbar. Kalt, kompromisslos und sehr hart.

5 Diese Härte hatte Tina beinahe täglich zu spüren bekommen. Wegen ihrer Schwärmerei war es ihr oft nicht möglich gewesen, dem Unterricht zu folgen. Sie saß einfach nur da, starrte ihre Lehrerin an und träumte vor sich hin. Etwas, das Frau Dr. Sperling absolut nicht mochte, weshalb sie Tina immer wieder auflaufen ließ. Holte sie an die Tafel, machte sie vor versammelter Klasse lächerlich und strafte sie mit Missbilligung und Missachtung. Beides tat Tina mehr weh, als es die schlechten Noten je geschafft hätten. Dann kam der Tag des Abiballs. Tina machte sich schick, brezelte sich regelrecht auf, wie Karin es scherzhaft nannte. Während des Abends trank sie mehr, als sie vertragen konnte. Vom Alkohol benebelt blamierte sie sich schließlich bis auf die Knochen. Sie hielt es einfach nicht mehr aus, von

6 ihrer Lehrerin so ignoriert zu werden. Die ungerechte Behandlung der vergangenen zwei Jahre, die Demütigungen, all die aufgestaute Wut entluden sich mit einem Mal. Karin versuchte sie noch aufzuhalten, hielt sie am Arm fest. Doch Tina schüttelte sie ab und stürmte auf Frau Dr. Sperling los, drehte sie zu sich um und Tina schloss gequält die Augen. Ja, sie hatte sie geküsst. Vor allen Leuten. Es war ein himmlischer Moment, der ganze zwei Sekunden dauerte. Dann machte sich ihre Lehrerin von ihr los und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Die grünen Augen funkelten Tina voller Wut an. In Tinas Ohren rauschte das Blut so stark, dass sie die Worte ihrer Lehrerin nicht verstehen konnte. Doch das war auch nicht nötig. Der Hass, den sie in ihren Augen sah, sagte mehr als tausend Worte.

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