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1 N MAI 2015 Würde Einstein heute in der Schweiz forschen?

2 Tür zu, Tür auf. Tür zu, Tür auf. Ihre neue Lieblingsbeschäftigung in langweiligen Meetings. MIT VOLVO ON CALL ÖFFNEN UND SCHLIESSEN SIE DIE TÜREN IHRES VOLVO EINFACH PER SMARTPHONE. Und geben Ihrem Smartphone noch eine ganze Reihe weiterer nützlicher Funktionen. Rufen Sie alle relevanten Fahrzeugdaten ab oder programmieren Sie Ihr Navigationssystem egal, wo Sie gerade sind. Besuchen Sie jetzt Ihren Volvo Vertreter und testen Sie Volvo on Call persönlich. VOLVOONCALL.CH SWISS PREMIUM 10 JAHRE/ KM GRATIS-SERVICE 5 JAHRE VOLL-GARANTIE Volvo Swiss Premium Gratis-Service bis 10 Jahre/ Kilometer, Werksgarantie bis 5 Jahre/ Kilometer und Verschleissreparaturen bis 3 Jahre/ Kilometer (es gilt das zuerst Erreichte). Nur bei offiziellen Volvo Vertretern.

3 EDITORIAL/INHALT Aufgelesen, kurz bevor sie ertrunken wären: Flüchtlinge auf der San Giusto, einem Schiff der italienischen Marine. S. 20 ILLUSTRATION COVER: CRAIG & KARL; BILD EDITORIAL: NICOLA SCEVOLA Die Schweiz ist, was die naturwissenschaftliche Forschung betrifft, Weltklasse. Mit ein Grund war immer die grosse Offenheit des Landes, gepaart mit einer gewissen «Händlermentalität», wie es der Biochemiker Gottfried Schatz in unserer Titelgeschichte über die Zukunft des Forschungsstandortes Schweiz sagt. Eine hohe Wissenschaftskultur ist jedoch ein Gut, das gepflegt werden muss. Nun mehren sich die Anzeichen, dass unser Land seinen Vorsprung verlieren könnte. Die Schweizer Forschung ist stark international geprägt, die Masseneinwanderungsinitiative torpediert diesen Vorteil. Hinzu kommt eine steigende Tendenz zur Bürokratie. Natürlich muss Forschung geregelt werden zu viel davon zerstört jedoch den nötigen Freiraum, den kreative Geister brauchen. Finn Canonica S. 10 Wir sind Weltmeister in der Forschung. Aber wie lange noch? Von Mathias Plüss S. 20 Salaam Italia. Khalid Chaoukis unermüdlicher Einsatz für die Flüchtlinge. Von Sacha Batthyany und Nicola Scevola S. 32 Ach, mein Papa. Erinnerungen an den Regisseur und Vater Kurt Früh. Von Katja Früh 3

4 KOMMENTAR SELBSTSABOTAGE DER FDP Von DANIEL BINSWANGER Es ist ein sicheres Indiz dafür, dass eine Debatte zur propagandistischen Schaumschlägerei verkommt, wenn die Sonntagszeitungen «geheime Papiere» vorlegen, die in Tat und Wahrheit schon lange öffentlich sind und nur deshalb nicht zur Kenntnis genommen wurden, weil sie nicht die geringste Substanz haben. Im immer gehässiger werdenden Abstimmungskampf zur Revision des Radiound Fernsehgesetzes ist es mal wieder so weit: Die «Schweiz am Sonntag» hat am letzten Wochenende nach allen Regeln des Pseudo-Primeurs ein Papier von FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen zum Scoop erhoben, das schon lange auf dem Netz abrufbar ist und wohl vor allem deshalb zuvor niemanden interessiert hat, weil es nur in einer Hinsicht aussagekräftig ist: als Dokument der erschütternden medienpolitischen Ahnungslosigkeit des «Medienpolitikers» Wasserfallen. Wasserfallen, der auch als Vizepräsident der Blocher-nahen «Aktion Medienfreiheit» amtet, skizziert in einem Fünfpunkteplan seine Vorstellungen von der SRG aus «liberaler» Perspektive. En passant begründet er auch noch, weshalb er die zur Abstimmung stehende Gebührenerhebungsreform, bei der es gar nicht um die Definition des SRG-Auftrags geht, zur Ablehnung empfiehlt. Seit dem Nein zur RTVG-Revision durch die FDP-Delegierten darf sich der Nationalrat nun nicht nur von der Gesamt-SVP, sondern sogar von seiner eigenen Partei getragen fühlen. Der wichtigste Reformvorschlag von Wasserfallen betrifft die Ausgewogenheit zwischen den Sprachregionen. Die minoritären Landessprachen sollen überproportional gefördert, die Deutschschweiz zu einer Gebührenumverteilung gezwungen werden. Diese Forderung ist einleuchtend; allerdings scheint es dem FDP-Medienpolitiker entgangen zu sein, dass er damit keinen Reformvorschlag aufstellt, sondern den Istzustand beschreibt. Im Jahr 2014 wurden 71 Prozent der Einnahmen in der Deutschschweiz erzielt, aber nur 45,6 Prozent der Mittel für deutschsprachige Kanäle ausgegeben. Mehr als ein Drittel der Gelder wird aktuell also umverteilt ein massives Investment in den Ausgleich zwischen den Sprachregionen. Seltsam sachfremd erscheint auch Wasserfallens Beleg für die vermeintliche Tatsache, dass die Deutschschweizer SRG überdotiert sei. Er glaubt, dies ergebe sich daraus, dass auch Kanäle von debattierbarer Unverzichtbarkeit wie beispielsweise SRF Info betrieben werden. Unberücksichtigt bleiben bei dieser Argumentation die realen Kostenstrukturen: Nicht das Unterhalten eines Sendekanals schlägt zu Buche, sondern die Bereitstellung von Inhalten. Da SRF Info lediglich Informationssendungen von SRF 1 wiederausstrahlt, sind die Kosten dieses Senders äusserst tief. Die wirklich relevante Frage ist nicht, wie viele Sender die SRG sich leistet, sondern, über wie viel Mittel sie verfügen muss für teure Eigenproduktionen. Wenn Wasserfallen der Ansicht ist, die Eigenproduktion soll zurückgefahren und beispielsweise ein Format wie «Der Bestatter» nicht mehr finanziert werden, dann soll er das öffentlich so deklarieren. Deutlich macht der Nationalrat immerhin, dass er generell bei der Unterhaltung abbauen will. Unterhaltungssendungen, die auch von Privaten produziert werden könnten, sollen künftig nicht mehr zum SRG-Auftrag gehören. Auch hier manifestiert sich eine eher realitätsferne Vorstellung vom Medium Fernsehen. In allen Ländern mit einem öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Rundfunk sind die öffentlichen Anstalten massiv bei Unterhaltungssendungen (und Sport) engagiert. Ganz besonders gilt dies von der absurderweise immer als Gegenmodell zitierten BBC. Fernsehsender können ihren kulturellen und informationspolitischen Auftrag nur erfüllen, wenn ein gewisser Unterhaltungsanteil zum Programm gehört. Eine Beschränkung auf Informationssendungen führt zur völligen Marginalisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wie das eindrücklich das Beispiel der USA belegt. Er erreicht dort einen Marktanteil von nicht einmal 2 Prozent. Die politische Geschichte der Schweiz der letzten zwanzig Jahre ist leider zu guten Teilen die Geschichte der Selbstsabotage der FDP. Mit dem Nein zur RTVG-Revision hat der Freisinn es nun tatsächlich geschafft, seine autodestruktiven Triebe noch einmal zu überbieten. Gewerbeverbandspräsident Hans-Ulrich Bigler wird für seine an Stillosigkeit nicht zu übertreffende Anti- RTVG-Kampagne sogar mit einem bevorzugten Nationalratslistenplatz belohnt. Seit Jahren investiert Christoph Blocher gigantische Summen, um sich ein Medienimperium auf SVP-Linie zusammenzukaufen. Die Schwächung der SRG ist für ihn deshalb ein sorgfältig aufgegleistes, zentrales, strategisches Ziel. Die FDP hingegen wird bei einem Abbau der SRG politischen Schaden nehmen. Doch das hindert den Freisinn nicht im Geringsten daran, beflissen am eigenen Ast zu sägen. DIE NEUE DINERS CLUB KARTE VON CORNÈRCARD. Die ideale Begleitung für aktive Menschen, die leidenschaftlich gerne die Welt erkunden, das gewisse Etwas schätzen und das Leben mit seinen vielen Facetten auskosten. Der Spezialist für Kredit- und Prepaidkarten. 4 DANIEL BINSWANGER ist Redaktor bei «Das Magazin». dinersclub.ch

5 DRAUSSEN SEIN MIT: PATRICK DIETRICH Der Direktor des Hotels Waldhaus spaziert den Silsersee entlang und erklärt, warum er Echtheit dem Gekünstelten vorzieht. Von MICHAEL HUGENTOBLER Patrick Dietrich steht am Fenster der Raucherlounge und beugt sich vor. Draussen, nur eine Armlänge entfernt, ragt eine Felswand empor. Dietrich senkt den Blick zum Fuss der Wand. «Das sind etwa zehn Meter», sagt er, «da braucht man eine Leiter.» Es riecht nach teuren Zigarren. Ein Streifen Licht fällt schräg durch das Glas herein und malt gelbe Quadrate auf das Fensterbrett. «Vermutlich geschah es nachts», sagt Dietrich. «Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiss, wer das war.» Er hebt den Kopf zu einem horizontalen Schlitz in der Wand, einige Meter weiter oben, wo etwas Rotes schimmert, das nicht nach Stein aussieht, sondern nach Plastik. «Eigentlich ist das Biedere ja nicht unser Stil, aber ich muss zugeben: Diese Ironie ist ganz interessant.» Die Rede ist von einem Gartenzwerg. Der Zwerg steht im Schlitz der Wand, halb verborgen hinter einem Häufchen Steine. Er ist etwas grösser als ein Whiskeyglas, trägt eine gelbe Mütze, einen roten Umhang, verschränkt die Arme über dem Bart und grinst uns an. Kurz darauf spazieren wir den Hügel hinab zum Silsersee, Schnee schmilzt auf dem Weg, die Schuhe schmatzen in der weichen Erde. Nach seinem Erscheinen habe der Zwerg Diskussionen in der Familie ausgelöst, sagt Dietrich. Man habe aber entschieden, ihn zu lassen, wo er war, der Ironie wegen. Patrick Dietrich führt das Waldhaus mit seinem Bruder Claudio. Seit fünf Generationen ist das Hotel im Besitz der Familie, der Ururgrossvater hat es gebaut. Es ist ein alternatives Fünfsternhotel, in dem es einiges gibt, was nicht ins Bild eines Luxushauses passt. Etwa der Radiator im Eingang, der aussieht, als wäre er im Atelier eines Künstlers abgeschraubt worden. Oder zwei seltsam gemusterte Sofas in der Lobby, die so gar nicht zu den Kronleuchtern passen. Patrick Dietrich sagt: «Show bedeutet uns nichts, ein Ort muss ehrlich sein.» Wir erreichen die Halbinsel Chasté; der See hat die Farbe von Tinte, der Wind kräuselt das Wasser, die Wellenspitzen glitzern wie Sterne in der Nacht. Blesshühner schwimmen zur Mitte des Sees, wo das Eis noch nicht getaut ist, und sie stossen knarzende Rufe aus. Patrick Dietrich wird noch oft stehen bleiben, auf die Krokusse und Enziane zeigen, die Bergspitzen und die Wolken und irgendwann sagen: «Was bringt ein Spaziergang schon, wenn man die Landschaft nicht anschaut?» Er klingt dann ein bisschen wie ein alter Mann, dabei ist er 34. Er komme oft hierher zur Halbinsel, sagt er, wo er im Winter seinen Sohn im Schlitten hinter sich herziehe; im Sommer würden sie manchmal gar am Ufer baden. In der Ferne ist immer der Hügel zu sehen, wo aus den Baumkronen zwei Türme ragen. Das Hotel wirkt wie auf Leinwand gemalt, ein Ort, der nur in unserer Vorstellung Treppen und Türen und Klinken hat, den wir aber nie betreten werden. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum seit Jahrzehnten Künstler und Intellektuelle hierherkommen. Joseph Beuys hat im Waldhaus geschlafen, Hermann Hesse, Thomas Mann, David Bowie, Albert Einstein, Theodor Adorno. Die Luft duftet nach Lärchen, Bienen summen, Patrick Dietrich spricht so leise, dass der Wind manchmal seine Stimme wegträgt. «Es ist schon interessant die Leute sagen immer wieder, dass sie hier auf Gedanken kamen, auf die sie sonst nicht gekommen wären.» «Haben Sie einen guten Geist im Hotel?» «Ich glaube, dass ein Haus eine gewisse Seele besitzt. Das ist ja das Schöne: dass man sich das nicht kaufen kann.» «Wie meinen Sie das?» «Es ist schwierig, das zu erklären. Solche Dinge klingen schnell esoterisch. Ich denke, am Ende kommt es nur darauf an, wie man im Haus lebt und wie sehr man daran hängt.» «Hängen Sie daran?» «Natürlich. Es ist ein Daheim.» Eine Pause, er denkt nach. «Nicht nur ein Daheim, um darin zu wohnen, sondern auch ein Daheim für die eigene Lebensaufgabe.» «Würden Sie es verkaufen?» «Nein. Es ist keine Geldanlage, wir wollen uns nicht bereichern.» Ein Grund, warum das Haus für ein Fünfsternhotel etwas ungewöhnlich wirkt, ist auch, dass die ersten drei Generationen fast nur schlechte Jahre hatten und nicht genug Geld für Renovationen besassen. Dietrichs Mutter wuchs als Nomadin innerhalb des Hotels auf, sie bewohnte mit ihren Eltern und den drei Geschwistern jeweils jene Zimmer, die gerade leer standen. Als sie heiratete und mit Bruder und Ehemann die Leitung des Hotels übernahm, war die Einrichtung in die Jahre gekommen, aber gerade das schien ihnen als charmant. Sie wollten es so renovieren, dass dies erhalten bleibt. Die Gäste scheinen es zu mögen. Von drei kommen zwei früher oder später zurück. Und einer, Maximilian Maria Joseph von Löwenthal- Chlumecky, verbrachte insgesamt sechs Jahre hier. Auch die Angestellten bleiben, oft für Jahrzehnte. Ein Concierge kam für eine Saison, daraus wurden 45 Jahre. Nach etlichen Pausen, während denen der Spaziergang immer langsamer wird, gehen wir den See entlang zum Hotel zurück. Der Wind flacht ab, die Sonne brennt. Eine Weile spricht niemand, und nur die Blesshühner sind vom Wasser her zu hören. «Herr Dietrich, wer hat denn nun den Zwerg in die Felswand gestellt?» «Ich weiss es nicht.» «Aber Sie haben doch eine Vermutung.» «Schon. Aber es ist bloss das: eine Vermutung. Es ist irrelevant.» Patrick Dietrich: «Eigentlich ist das Biedere ja nicht unser Stil.» Bild PIERLUIGI MACOR 7

6 HAZEL BRUGGER SCHAM IM HOLOZÄN Haben Sie sich heute schon geschämt? Schämen Sie sich mehr für sich selbst oder für andere? Können Sie sich noch daran erinnern, als Sie sich zum allerersten Mal geschämt haben? War das, bevor oder nachdem Sie sich zum ersten Mal stolz gefühlt haben? Schämen Sie sich manchmal für Dinge, die noch gar nicht passiert sind? Hilft Ihnen das, in Zukunft peinliche Situationen zu vermeiden? Wie würden Sie Scham, Pein und Verlegenheit unterscheiden? Ist Ihnen Ihre Familie peinlich? Können Sie sich für etwas schämen, worauf Sie gleichzeitig stolz sind? Welche Rolle spielt das Gegenüber im Schämprozess? Gibt es etwas empirisch Peinliches? Kann Selbstmitleid Scham ersetzen? Wenn Ihre Fussballmannschaft im entscheidenden Moment versagt, sorgt das dann für stärkere Emotionen, als wenn sie gewinnt? Welches Gefühl hält länger an, Fremdscham oder Fremdstolz? Ist ein Opfer, das sich nicht schämt, immer noch ein Opfer? Ist es schlimmer, schamlos auszunutzen oder jemanden auszunutzen, während man sich schämt? Fragen Sie «Isch da no frei?», bevor Sie sich auf einen freien Platz in der S-Bahn setzen? Und fühlen Sie sich Ihrer Freiheit beraubt, wenn jemand sich kommentar- und fraglos neben Sie setzt? Hätten Sie lieber, dass ein Fremder Sie auf der öffentlichen Toilette überrascht oder dass Sie einen Fremden dort überraschen? Für welchen Teil Ihres Körpers schämen Sie sich, auf welchen sind Sie stolz? Schämen Sie sich nur vor Menschen oder auch vor anderem Leben? Hatten Sie schon einmal Sex, während ein Haustier im selben Raum war? Ist Ihnen Sex oder Masturbation peinlicher? Ist Scham für Sie etwas Produktives? Wenn ein Schöpfer sich für seine Schöpfung schämt, ist er dann ein Versager? Schämen Sie sich mehr, wenn Sie nicht wählen gehen oder wenn Ihre Initiative nicht angenommen wird? Ist es sinnvoller, seine Scham zu verbergen oder sich in aller Öffentlichkeit zu schämen? Schämen Schweizer sich anders als Deutsche? Schämen sich Männer anders als Frauen? Wer schämt sich mehr? Wer schämt sich lieber? Welche Nation schämt sich am meisten, welche am wenigsten? Warum halten Schweizer im Ausland den grösstmöglichen Abstand? Spielt hier Scham, Ekel oder Angst die Hauptrolle? Stellen Sie sich vor, Sie sind SS-Soldat: Schämen Sie sich eher für einzelne Taten oder für das System? Ist es politisch oder menschlich, wenn Menschen sich für Politiker fremdschämen? Schämen Sie sich mehr für Urteile oder für Vorurteile? Haben Sie schon einmal jemandem gesagt, er soll sich schämen? Glauben Sie, es hat funktioniert? Macht Schämen schmutzig, oder reinigt es? Wie sieht es mit Sich-Rechtfertigen aus? Kann man sich schämen, ohne es zu merken? Kann man sich zu viel schämen? Hatten Sie schon einmal einen Partner, für den Sie sich geschämt haben? Haben Sie ihn zur Rede gestellt, oder war die Scham zu gross? Ist Erotik noch möglich, wenn man sich gar nicht mehr schämt? Schämen Sie sich mehr dafür, dass Sie geboren wurden, oder dafür, dass Sie einmal sterben werden? Gibt es eine Moral, wo es keine Scham gibt? Haben Sie sich schon einmal für jemanden geschämt, weil dieser sich zu wenig geschämt hat? Haben Sie schon einmal zu viel Alkohol getrunken, um sich weniger zu schämen? Wie würden Sie Scham mit maximal fünf Strichen zeichnen? Wovor bewahrt Sie Ihr Schamgefühl? Woran hindert es Sie? Die Slampoetin HAZEL BRUGGER schreibt hier im Wechsel mit Katja Früh. Bild LUKAS WASSMANN

7 MAX KÜNG REISENDER REIS Der Mann sass auf einem weissen Plastikstuhl vor einem kleinen Haus. Freundlich grüsste er. Er sitzt immer dort, am Kanal, und wenn ein Schiff kommt, dann hüpft er ins Haus, holt eine altertümlich anmutende Kurbel aus geschmiedetem Eisen, die Manivelle, und eilt zur Brücke. Er dreht an einem Rad, eine Barriere senkt sich, er steckt die Manivelle auf eine Welle, kurbelt die Brücke auf eiserne Räder hinab, und mit reiner Menschenkraft schiebt er dann den feingliedrigen 15-Tonnen-Koloss auf diesen Rädern zur Seite. 90 Grad schwenkt die Brücke, das Schiff kann passieren, dann drückt er die Brücke zurück, kurbelt; alsbald sitzt er wieder in seinem Stuhl und blickt bald in den weiten Himmel von Frankreichs Osten, bald auf den Canal de l Est, der als Teil eines Netzes für Schiffe das Mittelmeer mit der Nordsee verbindet. Das ist der Beruf des jungen Mannes: Er ist Brückenwart. Und weil die Schwenkbrücke ein denkmalgeschütztes Kulturgut aus dem 19. Jahrhundert ist, wird sie bis in alle Ewigkeit von Hand zur Seite geschoben. Die «ponte tournante» ist eine Attraktion hier. Sonst gibt es nicht viele Attraktionen, ausser einer grandiosen Landschaft und Wäldern mit Namen wie Bois de Foignouse oder Bois de la Craie. Manchmal durchschneidet ein Kampfjet den weiten Himmel, eine Mirage, leicht erkennbar an den charakteristischen Deltaflügeln; eine aufgeschreckte Ente steigt dann aus dem Wasser, und für einen Moment heben die prächtigen Charolais-Rinder ihre massigen Köpfe, um alsbald das saftige Gras weiterzufressen, bis sie dann irgendwann zerteilt in der Kühlvitrine im Hyper-Casino in Saint-Loup-sur-Se mouse liegen. Das Hyper-Casino ist auch eine Attraktion, ein gigantischer Supermarkt, in dem man tiefgekühlte Schnecken bekommt, Jahrgangsdosensardinen und Monoblockstühle für 9.99 Euro. Unter der Woche ist kaum jemand im Hyper-Casino, man ist allein mit dem Brummen der Kühl vitrinen. 150 Schritte geht man vom einen zum anderen Ende des Supermarktes, die Breite misst 48 Schritte. Interessante Wanderungen sind dort möglich. Von der Drehbrücke bis ins Hyper-Casino sind es 25 Kilometer, die durch ein paar Dörfer führen, in denen nicht mehr viel los ist. Die Öfen in den Bäckereien sind kalt, in den ehemaligen kleinen Hotels sind die Bettwanzen längst verhungert, in den Coiffeursalons fiel das letzte Haar vor Jahren. «A vendre»-schilder an jeder Ecke. Kaum Menschen auf den Strassen, wenn, dann gerne im Trainer. Das Einzige, was noch zu funktionieren scheint, sind nebst der Landwirtschaft die Autowerkstätten von französischen Marken, denn einerseits sind die Franzosen patriotisch markentreu, und andererseits scheinen die französischen Autos ihrer Natur gemäss noch immer häufig kaputtzugehen. Dann und wann fährt ein Schiff auf dem Kanal vorbei. Meist sind es Boote mit wortlos grüssenden Touristen. Manchmal kommt auch ein Binnenfrachter, so wie kürzlich. Mit geübtem Auge manövrierte der Kapitän, ein alter Holländer, seinen Kahn durch das Nadelöhr der Schwenkbrücke, um bald vor einer Schleuse zu warten, von denen es alle paar Hundert Meter eine hat. Er sei unterwegs von Arles nach Gelsenkirchen, sagte er, 18 Tage würde die Fahrt dauern. Und als er gefragt wurde, was er geladen habe, da schlug er einen Zipfel der von der Sonne ausgebleichten Plane zurück, die sich über den Frachtraum spannte, darunter weiss glänzend wie ein Schatz: 250 Tonnen Reis aus der Camargue. Reis, der im Schiff reist, 18 Tage lang, das gibt es noch im alten Europa. Kein Kahn war zu sehen, als ich Tage später, am Ende der Ferien, das kleine Dorf verliess, und der Brückenwart sass nicht auf dem weissen Plastikstuhl, auf den dicke Regentropfen prasselten. Gerne hätte ich ihm zugewinkt, als ich über die Brücke fuhr, nicht ohne Neid auf seinen Beruf. MAX KÜNG ist Reporter bei «Das Magazin». 9

8 Im Labor macht der Schweiz keiner was vor. Doch der Platz an der Spitze ist bedroht. ILLUSTRATION: STEPHAN WALTER Von Mathias Plüss 11

9 Kein Land der Erde hat so viele Nobelpreisträger pro Einwohner wie die Schweiz. Von Morgarten bis Marignano, vom Apfelschuss bis zum Bundesstaat: Im Multigedenkjahr 2015 ist die Schweiz krampfhaft auf der Suche nach einem tauglichen Landesmythos. Bislang war noch keiner in Sicht, der allseits akzeptiert würde. Dabei gäbe es doch längst etwas, das die Schweiz treffend charakterisiert und über alle Landesund Konfessionsgrenzen hinweg eint: die Wissenschaft. Die Fakten sind unbestritten. Kein Land hat so viele Nobelpreisträger pro Einwohner wie die Schweiz. Regelmässig sind wir Patent- und Innovationsweltmeister. Gemessen an der Bevölkerung ergattern hiesige Wissenschaftler nach den israelischen am zweitmeisten EU-Elitestipendien ein wichtiger Gradmesser für die Fitness des Forschungsplatzes. «Die Schweiz ist ein Land von Naturforschenden. Nur ist sie sich dessen nicht bewusst», heisst es in der Einführung des Jubiläumsbuchs * zum zweihundertsten Geburtstag der Schweizer Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT), das dieser Tage erscheint. Dass die Blüte der hiesigen Wissenschaft im eigenen Land so wenig präsent ist, erstaunt vor allem deshalb, weil einer der Gründe des Erfolgs in ihrer breiten Verankerung liegt vor allem im 19. Jahrhundert kamen immer wieder gewichtige Beiträge von Laien. Ein weiterer Grund: «Die Schweiz hat eine republikanische, dezentralisierte Wissenschaft. Das passt zu unserem demokratischen, republikanischen Staat», sagt der Historiker Patrick Kupper, einer der Herausgeber des Jubiläumsbuches. Dass die Wissenschaft dennoch kaum Spuren im Nationalbewusstsein hinterlassen habe, liege schliesslich an einem weiteren Charakteristikum: «Sie lässt sich nur schwer national festschreiben. Gerade die Schweizer Wissenschaft ist sehr stark international geprägt.» Föderalismus und Internationalität: Jene beiden Merkmale, die sich auf den ersten Blick widersprechen, auf den zweiten aber kongenial ergänzen, sind die wichtigsten Triebfedern des Schweizer Erfolgs. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Wissenschaft. Ein gutes Beispiel dafür ist die SCNAT, die bei ihrer Gründung 1815 noch Schweizerische Naturforschende Ge- sellschaft hiess. Sie verstand sich explizit als «einfache, zwang- und anspruchlose Organisation», die die Gelehrten und Institutionen aus den Kantonen bloss ein wenig vernetzte. Keinesfalls wollte man ein zentralistisches Gebilde schaffen, das den Puls vorgab. So kam es, dass sich in der Schweiz niemals so etwas wie eine nationale Wissenschaft entwickelte. Umso mehr dockten hiesige Forscher an die Wissenschaftskulturen der Nachbarländer an. Seit dem 18. Jahrhundert wurden Schweizer überdurchschnittlich oft zu Ehrenmitgliedern der berühmten Akademien von Paris, London und Berlin ernannt. Ein späteres Ranking aus dem Jahr 1873 zeigt, dass wir in dieser Disziplin schon damals, gemessen an der Bevölkerungszahl, unangefochten an der Weltspitze lagen. Ein anderes Beispiel für den Schweizer Erfolgsweg ist die ETH Zürich: «Die Gründer von 1855 hatten einen extremen Weitblick», sagt der heutige ETH-Präsident Lino Guzzella. Das Eidgenössische Polytechnikum, wie es zunächst hiess, war gut alimentiert und konzentrierte sich auf Naturwissenschaften und Technik. Hinzu kam auch hier das Prinzip der Selbstbestimmung: Man redet einander nicht drein. So geniesst die ETH innerhalb der Schweiz, aber auch der einzelne Professor innerhalb der ETH ein hohes Mass an Autonomie. Überdies sind die Hierarchien extrem flach: «Wir haben an der ETH fast eine Landsgemeinde-Situation», sagt Guzzella. «Das gibt es sonst nirgends.» Hinter dieser Form der Wissenschaftsorganisation steckt die Vorstellung, dass die Leute vor Ort selber am besten wissen, wo es brennt. Zur Illustration zitiert Guzzella einen seiner Amtsvorgänger, den Physiker Olaf Kübler: «Wenn ein Politiker ein Wissenschaftsthema vorgibt, ist es meist fünf Jahre zu spät. Wenn die ETH-Leitung ein Thema vorgibt, ist es zwei Jahre zu spät. Die Einzigen, die wissen, welches Thema wirklich aktuell ist, sind die Forscherinnen und Forscher an der Front.» Die ETH-Schulleitung verstehe sich als Ermöglichungsgremium, sagt Lino Guzzella. «Wir versuchen, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen, aber keine inhaltlichen Vorgaben zu machen.» ILLUSTRATION: MÄRT INFANGER 12

10 In die gleiche Kerbe schlägt Gottfried Schatz, Biochemiker, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats und einer der besten Kenner der Schweizer Forschungslandschaft. Auf die Frage nach dem Grund des Erfolgs der hiesigen Wissenschaft nennt er die «Händlermentalität» der Schweizer, die im Gegensatz zur «Beamtenmentalität» unserer Nachbarvölker stehe. «Eine starke Beamtenschaft ist der Wissenschaft nicht zuträglich», sagt Schatz. «Beamte sind grundsätzlich konservativ weil es ihr höchstes Ziel ist, Fehler und unerwartete Ereignisse zu vermeiden. Dies ist durchaus legitim. Aber Fehler und unerwartete Ereignisse sind das Herzblut jeder innovativen Forschung. Darum sind Forschung und Verwaltung grundsätzlich Gegenspieler.» Als abschreckendes Beispiel nennt Schatz das zentralistische Frankreich, dessen Wissenschaft «bürokratisch gefesselt» sei. Handelsleute hingegen, deren Gesinnung Schatz bei den Schweizern walten sieht, zeichnen sich durch einen gesunden Pragmatismus aus. Nicht Ideologie ist wichtig, sondern Erfolg: Die Dinge müssen funktionieren, die Qualität muss stimmen. Und solange sie stimmt, braucht man keine umfassenden Regeln und Kontrollen. So entsteht jener Freiraum, in dem die Forschung am besten gedeiht. Hinzu kommt, dass Handelsleute seit jeher gewohnt sind, internationale Beziehungen zu pflegen. Schon sehr früh hat die Schweiz nicht nur hochwertige Güter importiert, sondern auch hochkarätige Wissenschaftler. Unter den 25 Professoren des ersten ETH-Jahrgangs 1855 waren elf Schweizer, elf Deutsche und drei Franzosen. Auch die Studentenschaft war sehr international in den 1870er-Jahren erreichte der Ausländeranteil zeitweise fast zwei Drittel. Darunter waren nicht nur Europäer, sondern auch viele Amerikaner und Russen. Solche Werte werden erst in der heutigen Zeit teilweise wieder erreicht. Zwei Drittel der ETH-Doktoranden, um ein Beispiel herauszugreifen, sind derzeit sogenannte Bildungsausländer also Einwanderer, die ihre Grundausbildung nicht in der Schweiz gemacht haben. «Die Schweiz hat ihre Professorinnen und Professoren weltweit rekrutiert schon zu Zeiten, als dies in Europa noch selten war», sagt Gottfried Schatz. Er ist selbst ein Betroffener: 1974 bekam er vom Biozentrum der Universität Basel ein «Traumangebot, das alles in den Schatten stellte, was damals in Europa zu haben war». Dass er aus Österreich kam, hat ihm nie geschadet: «Als ich im Jahr 2000 Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats wurde, habe ich Bundesrätin Dreifuss angeboten, den Schweizer Pass zu erwerben. Und sie hat mir gesagt, das sei ihr völlig gleichgültig.» Darum ist Schatz bis heute Österreicher und ein Fan der Schweiz. Auch der Historiker Patrick Kupper sieht in der Offenheit der Schweiz den wichtigsten Grund für den wissenschaftlichen Erfolg. «Gerade jene, die Spitzenforschung betreiben, sind sehr oft Zugewanderte», sagt er. «Eine der Stärken der Schweiz besteht darin, dass diese Leute vergleichsweise einfach in die wissenschaftlichen Strukturen eingebunden wurden und die Möglichkeit hatten, hier Karriere zu machen.» Dabei hat man natürlich auch davon profitiert, dass es immer wieder Zeiten gab, da etwa in Deutschland und Österreich die besten Köpfe das Land verlassen mussten. Eine gute Illustration für die Internationalität der Schweiz sind die Nobelpreise. Zwar mögen es Wissenschaftler nicht, einem Land zugeordnet zu werden. Aber gerade im Fall der Schweiz ist es aufschlussreich. Insgesamt 21 Nobelpreisträger aus den Bereichen Physik, Chemie und Medizin besassen zum Zeitpunkt der Preisverleihung einen Schweizer Pass. Das Nobelpreiskomitee ordnet aber nur zwölf Preisträger der Schweiz zu. Des Rätsels Lösung: Das Komitee unterteilt nach Geburtsland, nicht nach Staatszugehörigkeit. Von den 21 Schweizern sind etliche im Ausland geboren; mehr als ein Drittel, nämlich acht, wurden im Verlauf ihres Lebens eingebürgert der Bekannteste davon ist Albert Einstein. Die Schweiz hat also viele ihrer besten Leute importiert. Österreich hingegen hat seine besten Leute exportiert: 14 Naturwissenschafts-Nobelpreisträger wurden dort geboren, zwei mehr als in der Schweiz, aber kaum einer lebte zur Zeit der Preisverleihung noch in Österreich. Das hat vor allem mit der Nazizeit zu tun, aber auch mit dem nicht besonders attraktiven Forschungsplatz. ILLUSTRATION: JANNE IIVONEN Die Schweiz hat viele ihrer besten Leute importiert, Österreich hingegen seine Besten exportiert. 14

11 Wir haben die Uhr entwickelt, Valium und das LSD. Der Schweizer sieht das Leben mehr von der praktischen Seite. Der Vergleich zeigt: Der Schweizer Erfolg resultiert aus einer guten Politik nicht einer wie auch immer gearteten biologischen Überlegenheit. Landestypisch ist, wenn schon, dass gebürtige Schweizer ihre Nobelpreise eher für Tüftlerisches bekamen (Rastertunnelmikroskop, Schilddrüsenchirurgie) als für visionäre Theorien. «Uns fehlt dieser Hang zum Genialen», sagte Friedrich Dürrenmatt einmal. «Wir haben hauptsächlich die Uhr entwickelt, dann die chemische Industrie, Valium, DDT und vor allem das LSD. Der Schweizer sieht das Leben mehr von der praktischen Seite.» Gewiss, bedeutende Teile der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik wurden in der Schweiz entworfen. Aber eben nicht von gebürtigen Schweizern. Gerade österreichische Physiker spielten hier eine wichtige Rolle: Erwin Schrödinger schrieb seine Nobelpreisarbeit in seiner Zürcher Zeit. Wolfgang Pauli war gar dreissig Jahre lang ETH-Professor und hat die Schweizer Physik geprägt wie kaum ein anderer. Doch eingebürgert wurde er erst 1949 vier Jahre nachdem er den Nobelpreis erhalten hatte. Schuld daran waren Behörden und Kollegen, die seine Einbürgerung zehn Jahre zuvor verhindert hatten mit der Begründung, Pauli habe sich der hiesigen Wesensart zu wenig angepasst. Mit einer grosszügigeren Politik hätten wir also sogar noch einen Nobelpreis mehr. Es fällt auf, dass die Schweizer Nobelpreise nicht mehr so dicht fallen wie auch schon. Seit dem letzten Chemiepreis sind 13 Jahre vergangen, seit dem letzten Medizinpreis 19 und seit dem letzten Physikpreis gar 28 Jahre. Befinden wir uns etwa auf dem absteigenden Ast? Nein, meint ETH-Präsident Lino Guzzella. «Wir sind immer noch sehr gut und in letzter Zeit sogar noch besser geworden. Doch um die Position zu halten, reicht es nicht, gut zu bleiben. Es reicht auch nicht, dass man besser wird. Sondern man muss schneller besser werden als die anderen, das ist das Verrückte.» Das Problem ist, dass die Konkurrenz explosionsartig wächst. Die Zahl der Wissenschaftler auf der Welt verdoppelt sich alle zehn bis fünfzehn Jahre. In manchen Bereichen hat sich der wissenschaftliche Output in den letzten hundert Jahren vertausendfacht. Ange- sichts solcher Zahlen ist klar, dass der Kampf um die Nobelpreise härter wird. Oder wie es Guzzella formuliert: «Die Anzahl Kuchenstücke bleibt gleich, aber es gibt mehr, die sie haben wollen.» Im Grossen und Ganzen geht es der Schweizer Wissenschaft immer noch gut. So ist das Budget für die Grundlagenforschung viermal so gross wie jenes in Österreich. Doch es kommt natürlich immer darauf an, mit wem man vergleicht. Guzzella erwähnt das Beispiel der kalifornischen Stanford University, deren naturwissenschaftlicher Teil in puncto Grösse und Niveau mit jenem der ETH Zürich vergleichbar ist, aber mehr als doppelt so viel Geld zur Verfügung hat: «Allein an Spenden bekommt Stanford eine Milliarde Dollar pro Jahr.» Da kann die ETH nicht mithalten. Und Geld ist eben schon auch wichtig. Guzzella: «Wenn Sie die Champions League gewinnen wollen, dann dürfen Sie bei den Spielersalären nicht knausern.» Man darf getrost fragen, ob denn die Schweiz oder die ETH unbedingt in der Champions League spielen müssen. Wenn man in den Rankings ein paar Plätze zurückfiele, wäre dies nicht weiter schlimm, sagt Lino Guzzella. «Schlimm wäre vielmehr, wenn die ETH ihren Charakter verlöre.» Den Charakter als autonome, beinahe basisdemokratische Hochschule, die von unnötigen Reformen und staatlichen Exzellenzprogrammen bisher weitgehend verschont blieb. Just hier aber droht Gefahr. Der Grundlagenforschung wohnt ein Paradox inne: Sie ist nur dann erfolgreich, wenn sie nicht erfolgreich sein muss. Der Antrieb der besten Wissenschaftler ist pure Neugier. Nützliche Anwendungen sind oft nicht mehr als ein zufälliges Beiprodukt. Ein Bonmot, das dem Physiker Richard P. Feynman zugeschrieben wird, bringt es auf den Punkt: «Wissenschaft ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Sinnvolles dabei raus, aber das ist nicht der Grund, warum wir es tun.» Wenn nun den Forschern von aussen Bürden wie Rechenschaftspflicht und Erfolgsquoten auferlegt werden, kann die spielerische Wissenschaft, die von der Freiheit lebt, nicht mehr funktionieren. Und genau diese Beschränkungen kommen. Und sie werden mehr und mehr. «Der Druck nimmt zu», sagt Guzzella. «Wir versuchen, dann ILLUSTRATION: JODY BARTON 16

12 18 etwas zu mitzuteilen, wenn es etwas mitzuteilen gibt und nicht ständig vermeintliche Sensationen anzukündigen. Aber unsere Zeit bringt die Geduld dafür nicht mehr auf. Man muss immer mehr nachweisen, immer mehr versprechen.» Die Wissenschaftsbürokratie habe in der Schweiz explosiv zugenommen, klagt auch Gottfried Schatz. «Ein Grossteil dieser Bürokratie ist nicht nur nicht nützlich, sondern aktiv schädlich», sagt er. Etwa, wenn man für einen Antrag für Forschungsgelder mehrere Wochen braucht, weil man dazu ein halbes Buch einreichen muss. Ob jemand all das Papier überhaupt liest? Schatz berichtet von einem Schweizer Physiker, der in seinem Fortschrittsbericht für die Regierung regelmässig den Satz unterbrachte: «Wir setzten unsere Arbeiten an der Entwicklung einer Schweizer Atombombe fort.» Und damit keinerlei Reaktionen auslöste. Die zweite Bedrohung für die Schweizer Forschung ist die Masseneinwanderungsinitiative. Letztes Jahr hat die EU die Schweiz bereits einmal kurzzeitig von ihren Forschungsprogrammen ausgeschlossen. Nun ist man zwar wieder dabei, aber Ende 2016 droht abermals der Rauswurf. Zum Problem würde dabei nicht so sehr das Geld: Die Schweiz ist finanziell potent genug, um allenfalls ausbleibende Mittel aus Brüssel zu ersetzen. Viel schlimmer wäre, dass die Schweiz ein Stück weit vom internationalen Austausch ausgeschlossen würde. «Forschung findet zwischen Menschen statt, im Dialog der Ideen», sagt ETH- Präsident Guzzella. «Wir müssen extrem aufpassen, dass wir von diesem Sauerstoff nicht abgeschnitten werden.» Bei der Einwanderung ist es ähnlich: Mit gewissen Restriktionen könnten die Hochschulen wohl leben. Die Universität St. Gallen beschränkt den Ausländeranteil bei den Studierenden schon seit 1963 auf ein Viertel, ohne dass dies ihrem Renommee geschadet hätte, ganz im Gegenteil. Und die Zahl der Spitzenforscher, die auf Professuren in der Schweiz berufen werden, ist ohnehin klein. Allenfalls wäre zu überlegen, ob die beiden ETHs dafür eigene Kontingente bekommen sollen. Verheerend wäre allerdings, wenn die Spitzenleute trotzdem nicht mehr kämen nicht weil sie nicht können, sondern weil sie nicht mehr wollen. Sollte die Schweiz zunehmend ein ausländerfeindliches Image bekommen, so hätte das vermutlich eine abschreckende Wirkung. Lino Guzzella bemüht nochmals den Fussball: «Wenn Sie Messi haben wollen, muss das Gesamtpaket stim- men. Natürlich sind der Lohn und die Mitspieler wichtig. Aber auch das Willkommensgefühl muss da sein.» Zum Gesamtpaket gehört aber noch viel mehr, und hier sieht es für die Schweiz womöglich doch nicht so düster aus: Lebensqualität. Ein hochkarätiges Kulturangebot. Funktionierende Institutionen. Die republikanische Tradition der Autonomie und Partizipation. Die gerade an der ETH gepflegte Kultur des kritischen Denkens. Das alles sind Standortvorteile, dank derer die Schweiz wohl noch auf viele Jahrzehnte hinaus attraktiver sein wird als etwa China, das derzeit mit sehr viel Geld Spitzenhochschulen aufzubauen versucht. Nach Jahren im amerikanischen Exil entschloss sich der jüdisch-österreichische Physiker Wolfgang Pauli nach dem Krieg zur Rückkehr an die ETH Zürich. Trotz hochkarätiger Stellenangebote der Spitzenuniversitäten Columbia und Princeton. Und trotz der Ablehnung, die er in der Schweiz zeitweise erfahren hatte. Ausschlaggebend waren für ihn ganz andere Dinge: Sein schönes Haus in Zollikon mit dem prächtigen Blick auf den Zürichsee. Die Berge, die Beizen, die Bars. Der interdisziplinäre Dialog mit dem Psychologen C.G. Jung, den er hier wiederaufnehmen wollte. Die Kronenhalle, die Tonhalle. Die Glace von Sprüngli. Aber eben auch die kosmopolitische Stimmung. In einem Brief an Albert Einstein schilderte sie Pauli 1946 so: «Ich fand Zürich keineswegs ein Alpendorf, sondern einen sehr internationalen Platz. Unter meinen Studenten und Mitarbeitern sind nicht nur Schweizer, sondern auch Schweden und Belgier. Die politische Stimmung der bekanntlich sehr launischen Dame Helvetia ist momentan günstig.» Für die Wissenschaft wäre es gewiss förderlich, wenn die Schweiz weiterhin ein internationaler Platz bliebe. Auch wenn Dame Helvetia derzeit gerade ein wenig schlechte Laune hat. * Patrick Kupper und Bernhard C. Schär (Hg.): Die Naturforschenden. Auf der Suche nach Wissen über die Schweiz und die Welt, Hier und Jetzt, 2015 MATHIAS PLÜSS ist redaktioneller Mitarbeiter bei «Das Magazin»; DIE TOYOTA MODELL-PALETTE AB SOFORT NOCH ATTRAKTIVER! CHF CASH-PRÄ MIE AYGO DER CITYFLITZER AB CHF CHF CASH-PRÄ MIE PRIUS DER VOLLHYBRID-PIONIER AB CHF CHF KUNDENVORTEIL VERSO DER FAMILIEN-VAN VERSO AB CHF HYBRID SONDERMODELL INKL. LEDER U.V.M. Super Prämien! 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Fahrzeug: Prius Hybrid Sol Premium 1,8 VVT-i, 100 kw, 5-Türer, CHF abzgl. Cash- Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 4,0 l/100 km, Ø CO₂ 96 g/km, En.-Eff. A. Prius+ Wagon Hybrid Luna 1,8 HSD, 100 kw, 5-Türer, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 4,1 l/100 km, Ø CO₂ 96 g/km, En.-Eff. A. Abgeb. Fahrzeug: Prius+ Wagon Hybrid Sol Premium 1,8 VVT-i, 100 kw, 5-Türer, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 4,4 l/100 km, Ø CO₂ 101 g/km, En.-Eff. A. GT86 Race 2,0 M/T, 147 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 7,8 l/100 km, Ø CO₂ 181 g/km, En.-Eff. G. Abgeb. Fahrzeug: GT86 Sport 2,0 M/T, 147 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF Avensis Wagon Terra 1,8 M/T, 108 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 6,6 l/100 km, Ø CO₂ 153 g/km, En.-Eff. E. Abgeb. Fahrzeug: Avensis WagonSol Premium, 2,0 M/T, 112 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 6,9 l/100 km, Ø CO₂ 162 g/km, En.-Eff. F. Verso Terra, 1,6 M/T, 97 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 6,6 l/100 km, Ø CO₂ 154 g/km, En.-Eff. E. Abgeb. Fahrzeug: Verso swisstrend, 1,8 M/T, 108 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 6,8 l/100 km, Ø CO₂ 158 g/km, En.-Eff. E. RAV4 Luna 2,0 4x4, M/T, 111 kw, 5-Türer, CHF abzgl. Cash- Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 7,3 l/100 km, Ø CO₂ 169 g/km, En.-Eff. F. Abgeb. Fahrzeug: RAV4 swisstrend 2,04x4, M/T, 111kW, CHF abzgl. Cash-PrämievonCHF =CHF , ØVerbr. 7,3l/100km, Ø CO₂ 169 g/km, En.-Eff. F. Sienna 3,5 l V6 Dual VVT-i, 4x4, 198 kw, CHF abzgl. Cash-Prämie von CHF = CHF , Ø Verbr. 11,3 l/100 km, Ø CO₂ 260 g/km, En.-Eff. G. Land CruiserProfi 3,0 D-4D 4x4, 140 kw, 3-Türer, M/T, CHF abzgl. Cash-Prämievon CHF = CHF , Ø Verbr. 8,1 l/100 km, Benzinäquiv. 9,1 l/100 km, En.-Eff. F. Abgeb. Fahrzeug: Land Cruiser Sol 3,0 D-4D 4x4, 140 kw, 5-Türer, M/T, CHF abzgl. Cash-Prämievon CHF = CHF , Ø Verbr. 8,1 l/100 km, Benzinäquiv. 9,1 l/100 km, En.-Eff. F. Ø CO₂-Emission aller in der Schweiz immat. Fahrzeugmodelle: 144 g/km. Leasingkonditionen: Eff. Jahreszins 0,5%, Leasingzins pro Monat inkl. MwSt., Vollkaskoversicherung obligatorisch, Sonderzahlung 15%, Laufzeit 24 Monate und km/jahr. Eine Leasingvergabe wird nicht gewährt, falls sie zur Überschuldung führt. Die Verkaufsaktionen sind gültig für Vertragsabschlüsse ab 10. April 2015 bis 31. Mai 2015 oder bis auf Widerruf. Abbildungen zeigen aufpreispflichtige Optionen. HYBRID 4x4 CHF CASH-PRÄ MIE AVENSIS DER PERFEKTE KOMBI AB CHF CHF CASH-PRÄ MIE LAND CRUISER DIE 4x4-LEGENDE AB CHF HYBRID 4x4

13 SALAAM BILD: BILD: MARCELLO SCOPELLITI ITALIA

14 Khalid Chaouki, der erste Muslim im italienischen Parlament, kämpft für die Flüchtlinge und ein neues Italien. Von Sacha Batthyany und Nicola Scevola Am 3. Oktober 2013, kurz nach vier Uhr morgens, kenterte ein Kutter wenige Hundert Meter vor der Küste Lampedusas. Er war in der libyschen Hafenstadt Misrata losgefahren und schon seit zwei Tagen auf See, 500 Männer und Frauen, die meisten aus Somalia und Eritrea, als der Motor ausfiel und ein paar der Flüchtlinge ihre T-Shirts anzündeten, um die Küstenwache auf sich aufmerksam zu machen. Doch das Feuer geriet ausser Kontrolle, Panik brach aus, das Schiff begann zu sinken und riss einige mit in die Tiefe, andere schwammen oder hielten sich an den Leichen fest, die auf der Oberfläche trieben. Die Fischer Lampedusas wunderten sich über die gellenden Schreie der Möwen an jenem Morgen, der Wellengang war hoch, wie immer zu dieser Jahreszeit. Erst nach einer Weile bemerkten sie, dass es keine Vögel waren da draussen, sondern Menschen und sie retteten 155 aus dem Wasser, über 300 starben. Taucher berichteten, sie hätten Kinderleichen auf dem Meeresgrund entdeckt. Der Arzt auf Lampedusa, Pietro Bartolo, sagte: «Ich habe noch nie solch eine menschliche Tragödie gesehen.» Die Bürgermeisterin Lampedusas, Giusi Nicolini, sagte: «Es ist furchtbar, einfach nur furchtbar.» Angela Merkel sagte, sie sei tief bestürzt, und José Manuel Barroso, damals EU-Kommissionspräsident, schritt an den Särgen vorbei, die im Flughafenhangar der Insel aufgereiht waren, und sprach davon, wie er all diese Toten sein Lebtag nicht vergessen werde. «Es muss, muss, muss anders werden!», rief der italienische Innenminister Angelino Alfano beim selben Anblick, und Cecilia Malmström, damalige EU-Innenkommissarin, sagte: «Das ist das Bild einer Union, die wir nicht wollen.» 366 Särge waren es am Ende, braune Kästen mit namenlosen Leichen, und die, welche überlebt hatten, kamen ins Flüchtlingslager nebenan. Sie erhielten neue Kleider, lagen auf ihren Matratzen, rauchten und hörten vielleicht, wie all die Politiker nach ein paar Tagen in ihren Helikoptern wieder davonflogen; der Journalistentross zog weiter, es wurde kalt auf Lampedusa, der Winter kam, als ein junger Mann beschloss, nach ihnen zu sehen. Aber Khalid Chaouki, frisch gewählter Abgeordneter des sozialdemokratischen Partito Democratico, der erste Muslim in Italiens Parlament, ein Junge aus Marokko, hatte nicht vor, nur Hände zu schütteln und nach ein paar Interviews wieder zu verschwinden. Chaouki nahm sich eine Matratze und legte sich neben sie. Er sprach ihre Sprache, nahm Notizen, machte Selfies von sich auf dem Bett, wie das 32-jährige Menschen heute eben tun, und stellte sie ins Netz. Er twitterte «buona notte da #lampedusa», schrieb auf seinem Smartphone Medienmitteilungen auf Italienisch und Englisch, in denen er den Alltag der Menschen beschrieb, den Schimmel in der Dusche, überforderte Wärter, die den Insassen befehlen, sich draussen im Hof nackt auszuziehen, und sie mit Desinfektionsmittel gegen Krätze einsprühen. «Ich gehe erst, wenn sich das hier bessert», postete er auf Facebook und Lampedusa war wieder zurück in den Schlagzeilen. Giusi Nicolini, Bürgermeisterin dieses kleinen Stückchens Felsen, sprach daraufhin von KZ-ähnlichen Zuständen, weil die Menschen im Lager nur Nummern seien. Die BBC rief an. Italienische Politiker meldeten sich genervt aus ihren Weihnachtsferien und versprachen Besserung, und tatsächlich wurden die Flüchtlinge noch vor Ende des Jahres 2013 an einen anderen Ort verlegt mit Flugzeugen der Poste Italiane. Und er, Khalid Chaouki, geboren in Casa blanca, wurde landesweit bekannt. «Khalid for President», schrieb man ihm damals auf seine Facebook-Wall, und die Anzahl seiner Freunde und Follower wuchs im Minutentakt. «Chaouki, du Kebabfresser, du lebst nicht mehr lange», schrieben seine Gegner, und auch die formierten sich, mittlerweile erhält er mindestens eine Morddrohung pro Woche. Damals, Anfang 2014, rechnete er nicht damit, dass er ein Jahr später im Weissen Haus bei Präsident Obama zu Abend essen würde, weil er als Symbol für gelungene Integration junger Muslime in Europa gilt. Weil er einen Draht hat zu den jungen Einwanderern aus Afrika und ihre Geschichten kennt. Womit er aber immer rechnete, waren neue Schiffsunglücke, schlimmere als jenes im Oktober Neue Schreie ertrinkender Männer und Frauen, die tönen wie Möwen, neue Kinderleichen auf dem Meeresgrund, wie jetzt wieder im April. Eineinhalb Jahre sind zwischen den beiden Tragödien vergangen, mehr als 5000 Flüchtlinge starben seitdem auf ihrer Reise übers Meer. Politiker haben Reden gehalten, Prominente Geld gesammelt, der Papst hat für die Toten gebetet, und Chaouki war jeden Tag unterwegs, in Lagern und Problem- BILD: ROBERTO BALDASSARRE 22 Khalid Chaouki, 32, in der Moschee von Rom, der grössten Europas.

15 vierteln, auf den Schiffen der italienischen Marine, die für die Operation Mare Nostrum Flüchtlinge in Seenot aufgriff. Er war auf Gemüseplantagen im ganzen Land, dort, wo einige der jungen Afghanen und Syrer, Bangladesher und Inder landen, wenn sie einmal Arbeit finden, wobei man von Arbeit nicht reden kann, denn sie werden gehalten wie Tiere. Hat sich sein Einsatz gelohnt? Hat sich irgendwas zum Besseren verändert? Stille. Khalid Chaouki ist in Strassburg an einem Parlamentariertreffen, Angela Merkel spricht mit Matteo Renzi, David Cameron hat seinen Wahlkampf unterbrochen, die ganze politische Klasse Europas tagt in irgendwelchen Zimmern. Es ist Ende April 2015, vier Tage sind vergangen, seit 800 Menschen vor Lampedusa starben. Chaouki schweigt und sagt schliesslich: «Nein. Natürlich nicht.» Betrachte man die Zahlen, dann habe sich gar nichts verbessert, im Gegenteil. Nur der Druck sei grösser, endlich etwas tun zu müssen. Lampedusa habe bis vor kurzem kaum jemanden interessiert, «nun geht es um die Würde Europas. Wir müssen Lösungen präsentieren.» Und die wären? Wie in Guantánamo Ein Jahr zuvor, an einem wolkenlosen Tag, steuert Khalid Chaouki seinen grauen Fiat Freemont durch den dichten Verkehr Roms. Er telefoniert, schreibt ein paar SMS, checkt sein Twitter-Konto, während er nebenbei erklärt, was in der europäischen Flüchtlingspolitik alles schiefläuft. Chaouki ist auf dem Weg nach Ponte Galeria in ein sogenanntes Identifikationszentrum. Es befindet sich ausserhalb der Stadt, eingefasst von schmutzigen Feldern, und erinnert von weitem an die Gefangenenlager Guantánamos: Hohe Zäune mit Stacheldraht umgeben das Gelände, Wachtürme an jeder Ecke, Innenhöfe ohne Schatten. Hierher kommt, wer auf einem der Schiffe aus Afrika unterwegs nach Europa von der Polizei festgenommen wurde, wer keine Papiere hat, weil er sie wegschmiss. Es gibt in ganz Italien 13 dieser Zentren, doch Ponte Galeria hat einen besonders schlechten Ruf. Mehrmals haben sich Migranten ihre Münder zugenäht, um gegen die unmenschlichen Bedingungen zu protestieren. Sie zogen kleine Metallstäbe aus ihren Feuerzeugen, rissen Fäden aus ihren Laken und stachen sie sich in die Lippen. Chaouki ist nicht zum ersten Mal hier. Gemeinsam mit Juristen vermittelt er zwischen Migranten und der Polizei und konnte in kurzer Zeit einiges bewirken: Hunde werden nicht mehr eingesetzt, um Druck auf die Insassen auszuüben. Die Beratung habe sich verbessert, heisst es aus NGO-Kreisen, es komme zu regelmässigen Treffen mit den Botschaften. Kurz vor dem Eingangstor des Lagers bleibt Chaouki stehen, steigt aus und beginnt mit einem jungen Senegalesen zu sprechen, der am Strassenrand wartet. «Die Polizei hat mich erwischt, als ich Taschen in Roms Gassen verkaufte», sagt der Mann. Er hatte kein Visum und keinen Pass, also brachte man ihn nach Ponte Galeria und liess ihn heute frei, «nach drei Monaten», weil keiner wusste, was man mit ihm soll. So wie dem Senegalesen geht es den meisten hier. Sie werden aufgegriffen, enden auf irgendwelchen Stockbetten, wo sie bis zu sechs Monate verbringen, unterschreiben Formulare, die sie nicht verstehen, und werden wieder vor die Tür gesetzt. BILD: MARCELLO SCOPELLITI «Was wirst du jetzt tun?», fragt Chaouki. «Keiner da, der dich holt?» Der Senegalese schüttelt den Kopf: «Wer denn?» Der Geschichtensammler Es ist früher Nachmittag. Um diese Uhrzeit dürfen sich alle in den Innenhöfen frei bewegen, ein langer Korridor, umgeben von sechs Meter hohen Gittern, keine Bäume, keine Bänke, Flugzeuge vom nahen Flughafen Fiumicino donnern über die Köpfe der meist jungen Männer, die hier draussen stehen und rauchen. Als sie Chaouki sehen, kommen sie auf ihn zu. Einige kennen ihn und schütteln seine Hand, andere nähern sich ihm langsam und erzählen ihm zögerlich ihre Geschichte: von der Überfahrt, der Polizei, ihren Familien zu Hause. Chaouki schreibt sich ihre Namen auf, macht Notizen, aber vor allem hört er ihnen zu, zwei, drei Stunden lang. Er war Journalist, bevor er Abgeordneter der Sozialdemokraten wurde, das sieht man, und er wird die einzelnen Lebensgeschichten, die er sich notiert hat, später mit Juristen durchgehen und schauen, was sich machen lässt. Dann steigt er wieder in sein Auto, auf dessen Rückbank sich zwei Kindersitze befinden. Vor dem Eingangstor sucht er nach dem Senegalesen, den er angesprochen hat, doch der ist weg, verschwunden in einem der anonymen Wohnhäuser am Stadtrand Roms. Er wird in ein paar Tagen wieder Taschen verkaufen in Trastevere oder Sonnenbrillen auf dem Campo dei Fiori, wer weiss das schon; einer dieser Schwarzen halt, an denen die Touristen, die das ganze Jahr über die Innenstadt verstopfen, vorbeiziehen, als existierten sie nicht. Chaouki braust wieder zurück in die Stadt, er hat Dutzende von Nachrichten auf seinem Telefon, das er wie ein Süchtiger einmal pro Minute in die Hände nimmt. Er ist spät dran. Er wollte doch seiner Frau helfen, wollte mit seinen Söhnen spielen, Adam und Ilias, fünf- und dreijährig, doch jetzt steckt er im Stau, nichts geht mehr, weder vorwärts noch rückwärts; für jemanden, der so rastlos ist wie er, ist der Abendverkehr Roms die Höchststrafe. «Geh zurück zu deinen Ziegen» 1992 kamen Khalids Eltern von Marokko nach Italien und lebten in einer Einzimmerwohnung ohne Heizung in Reggio Emilia. Sie besassen einen Kebabstand, der aber nicht gut lief, und weil Italien in der Krise ist und es keine Arbeit gibt, zogen sie weiter an den Stadtrand von Charleroi, belgische Öde, kurz nachdem ihr Sohn Khalid 2013 jüngstes Parlamentsmitglied wurde. Chaouki spricht nicht gern über seine Eltern, sagt nur, dass es vielen so gehe wie ihnen, die Zahl der Migranten in Italien nehme in Wirklichkeit ab. Auch wenn alle das Gegenteil behaupten. «Zwar steigt auch hier die Angst vor Überfremdung, wie überall in Europa, dabei ziehen viele der Flüchtlinge weiter in den Norden», nach England, nach Skandinavien, weil sie keine Arbeit finden. Im Unterschied etwa zu Holland, Deutschland oder der Schweiz hat Italien keine Erfahrung mit Einwanderern. Noch vor Jahren gab es kaum Menschen mit ausländischem Hintergrund in höheren Ämtern, keine Ärzte, keine Lehrer, und so ist Chaoukis Generation der heute 30-Jährigen die erste, die in der italienischen Gesellschaft angekommen ist. «Ich bin ein neuer Italiener», beantwortet er die Frage nach seiner Identität, stolz auf seinen italienischen Pass und seine marokkanischen Wurzeln, ein Muslim im Zentrum der christlichen Welt. «Salaam Italia» heisst sein erstes Buch, in dem er aufgeschrieben hat, wie so ein Leben geht zwischen den Kulturen und Religionen. «Ich bin ein Symbol dafür, dass man es schaffen kann», sagt er selbstbewusst, und es gibt viele, denen es bei solchen Sätzen Schaum vor den Mund treibt: «Geh zurück zu deinen Ziegen, wo du herkommst», schreiben sie ihm auf seine Facebook-Seite, «du hast hier nichts verloren, und nimm die Zigeuner gleich mit.» «Natürlich verstehe ich die Angst vieler Italiener», sagt er und hupt und flucht über den Verkehr wie ein echter Römer. «Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Wir haben grosse soziale Probleme in den Aussenbezirken.» Diese Angst aber lasse sich abbauen, dafür brauche es Zeit; blanker Rassismus allerdings sei das andere, der sei hartnäckig und tief verwurzelt. Bereits als Kind habe er damit Erfahrungen gemacht. Er war der einzige Ausländer seiner Klasse in einem Dorf in der Nähe Parmas. Als ein Regenschirm verloren ging, hat man natürlich ihn bezichtigt, den kleinen Marokkaner, «marocchino bastardo». Und Jahre später, 2001, als Präsident der Jungen Italienischen Muslime, wurde er nach den Anschlägen auf die Twin Towers in New York als Radikaler verunglimpft dabei ist das Gegenteil der Fall. «Khalid war der Erste, der sich für einen italienischen Islam starkmachte», sagt Adil El Marouakhi, Direktor eines interkulturellen Zentrums in Reggio Emilia und Khalids langjähriger Freund. «Er proklamierte einen neuen, einen progressiven Islam, der weniger geprägt sei von der arabischen Kultur, und viele der Jungen, die ihm zuhörten, konnten sich damit identifizieren.» Nach der zweistündigen Fahrt von Ponte Galeria ist Chaouki endlich in der Nähe seiner Wohnung, keine zehn Minuten vom Bahnhof Termini entfernt. Er stellt den Wagen ab und eilt zur Piazza Vittorio, wo seine Söhne auf ihn warten. «Papa», rufen sie von weitem, und er rennt ihnen entgegen. Auf den Schiffen der Marine Vier Monate später, Oktober 2014, steht Chaouki in der grossen Halle des Flughafens Catania. Er hat ein paar Parlamentarier eingeladen, gemeinsam wollen sie sich ein Bild machen von der Operation Mare Nostrum, einer humanitä ren Mission, die am 18. Oktober 2013 startete, kurz nach der Lampedusa- Tragödie: Fünf Marineschiffe, begleitet von vier Helikoptern, drei Flugzeugen und zwei Drohnen halten Ausschau nach Menschen in Not, bis zu 90 Seemeilen von der italienischen Küste entfernt. Doch schon jetzt, nach einem Jahr, soll Mare Nostrum eingestellt und durch die Operation Triton ersetzt werden, weil das alles viel zu teuer sei, 9 Millionen Euro im Monat. Ausserdem würde ein Anreiz geschaffen, so sagt es Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière: Noch mehr Menschen würden versuchen, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, jetzt, da die Marine Notleidenden hilft. Chaouki sieht das anders. «Menschen fliehen in Nussschalen übers Mittelmeer, weil sie keine Zukunft mehr haben. Sie Tut, was er am besten kann: zuhören, Geschichten sammeln. Khalid Chaouki in einem Römer Aussenbezirk

16 Wären ohne italienische Marine ertrunken: Migranten auf ihrer Reise übers Mittelmeer. Hierher kommt, wer keine Papiere hat: Flüchtlingsheim Ponte Galeria bei Rom. Ein Land ohne Bomben Chaouki wippt mit den Füssen, wie ein Schüler, der bereits alles weiss und nicht warten kann, bis es weitergeht. Eine Stunde schon dauert die Präsentation, telefonieren kann er nicht, sein ipad muss in der Tasche bleiben, er will zu den Migranten, deskommen sowieso, ob sie nun aufgelesen werden oder nicht», sagt er, umringt von seinen Politikerkollegen. Deshalb ist er gekommen, um für Mare Nostrum zu werben. Gemeinsam folgen sie einem Marineoffizier in blütenweisser Uniform in einen Bus, der sie zu zwei grauen Helikoptern führt. 40 Minuten dauert der Flug übers Meer bis auf das Deck der San Giusto, ein 136 Meter langes Schiff der italienischen Marine, in dessen Bauch sich Hunderte von Flüchtlingen befinden, die aufgelesen wurden, kurz bevor sie ertrunken wären. Khalid Chaouki und seine Parlamentarier, alles Männer, die sich ein wenig fühlen wie auf einem Abenteuerurlaub, werden auf der San Giusto von Kapitän Mario Mattesi begrüsst und von Admiral Massimo Vianello, der für die Koordination der gesamten Operation Mare Nostrum verantwortlich ist zwei Männer, die vielleicht mehr über das Flüchtlings desaster der letzten Jahre wissen als alle anderen, weil sie täglich die Leichen im Wasser einsammeln, als wären es PET-Flaschen, und in die Gesichter sehen von denen, die es eben noch geschafft haben. Die Offiziere bringen die Politiker in einen fensterlosen Konferenzraum mit Neonlicht an der Decke und beginnen ihre Powerpoint-Präsentation, kurze, militärische Sätze, jedes Wort ein Treffer: Sieben Schiffe voller Flüchtlinge sind täglich Richtung Italien unterwegs. Im Sommer mehr als im Winter. Die meisten starten von Zuwara oder Gasr Garabulli in Westlibyen. Andere von Ägypten. Selten von Tunesien. Flüchtlinge aus Zuwara reisen in der Regel in Holzbooten, während die aus Gasr Garabulli Schlauchboote benutzen, die in China hergestellt werden und bei den ersten Wellen kentern. Migranten aus Ägypten kommen auf alten Fischerbooten. Menschen flüchten, weil sie in ihren Herkunftsländern verfolgt werden oder weil sie keine Zukunftsperspektive haben. Die Kritik an Mare Nostrum, die Operation ziehe Flüchtlinge an, ist falsch. Die meisten Migranten sind männlich, meist unter 45, der Frauenanteil liegt bei 10 Prozent, Jugendliche sind selten, kommen aber vor. Kleinkinder ebenso. Seit dem Start der Operation Mare Nostrum wurden 330 Menschenhändler festgenommen. Noch Fragen? BILDER: NICOLA SCEVOLA halb ist er gekommen. Endlich verteilt ein Arzt des Gesundheitsministeriums Ganzkörperanzüge, Masken und Handschuhe und führt die Gruppe von Männern, die aussehen wie Ärzte im Ebola-Gebiet, in eine Halle von der Grösse eines Fussballfeldes, in der sich die Flüchtlinge befinden. Sie sitzen am Boden, eng beieinander, ohne Matratzen, keine Kissen. Manche haben sich Nummern auf die Hosen geschrieben, damit man ihre Verwandten anrufen kann, falls man sie tot aus dem Wasser zieht. Es gibt drei Toiletten, eine Ecke für medizinische Notfälle, einen Isolationsraum für Menschen mit ansteckenden Krankheiten und ein Abteil für Frauen und Kleinkinder, getrennt nur durch eine blaue Plane. Insgesamt sind 774 Flüchtlinge an Bord, die meisten aus Afrika, erstaunlich viele Familien, 74 Jugendliche ohne Eltern. Die Luft ist schwül, speziell unter den weissen Anzügen, die Politiker fluchen. Sie wissen nicht genau, wie sie sich verhalten sollen, nur Chaouki ist in seinem Element. Im Unterschied zu den anderen, die eng beieinander stehen bleiben, schüttelt er Hände, spricht Englisch, Französisch und Arabisch, macht sich Notizen, so wie in den Lagern in Rom, so wie auf Lampedusa, so wie fast jeden Tag seit Monaten. «Warum haben Sie sich auf die Reise gemacht?», fragt er einen Syrer, der mit seiner Frau und fünf Kindern unterwegs war, als sein Boot kenterte. «Entweder wir sterben zu Hause oder auf der Überfahrt», antwortet der Mann, was mache das für einen Unterschied. «Was erwarten Sie sich von Italien?», fragt er einen Jugendlichen. «Ein Land ohne Bomben.» So geht das weiter, bis die San Giusto am frühen Nachmittag den Hafen von Reggio Calabria erreicht, wo Polizisten auf die Migranten warten, Routineangelegenheit an Europas Küsten. Sie stellen sich in Reihen auf, Jugendliche da, Familien dort. Es sind dieselben Gurtbänder wie an den Flughäfen, wo Menschen geordnet Schlange stehen auf ihrem Weg zu Geschäftsterminen oder in die Flitterwochen, aber dieser Hafen hier hat damit nichts zu tun, es ist dessen Antipode. «Wer keinen Pass hat und sich weigert, Fingerabdrücke zu hinterlassen, kann trotzdem passieren was sollen wir denn tun?», sagt ein Polizist. Sie hätten keine Zeit, jeden Einzelnen zu überprüfen, die nächste Schiffsladung komme in wenigen Stunden. «Und wenn ich ehrlich bin», sagt er noch, «dann würde ich als Flüchtling auch nichts unterschreiben und Italien so schnell wie möglich verlassen.» Italiens Asylwesen wird immer wieder kritisiert, die Grenzkontrolle sei zu nachlässig, Akten würden verschwinden; der Informationsaustausch (Eurodac) gestalte sich schwierig, heisst es gerade auch von Schweizer Behörden, die acht von 26 27

17 <wm>10cfwloq4cqqwfv6ib1_z126wsnlsgcp4mqfp_igohmgtezl53dpy4brfhdm-fkui5v1jb0rfmobqqo5lacknb46lb1ejov0xisgcobynwmr6ncir7ktnez9chz0pmtnuaaaa=</wm> <wm>10casnsjy0mdqx0tu2n7m0nqiav7mmtq8aaaa=</wm> zehn Flüchtlingen, die über Italien nach Chiasso kommen, wieder zurückschicken was gemäss Dubliner Übereinkommen auch rechtmässig ist. Doch die Bedingungen in Italien sind derart prekär, dass nicht einmal die Grundversorgung gewährleistet ist. «Was wir hier sehen, passiert in Italien jeden Tag an mehreren Orten rund um die Uhr», sagt Chaouki und zeigt auf die Menschen in löchrigen T-Shirts, die später in Busse verfrachtet werden und irgendwann auf den Strassen landen. «Manchmal muss man Dinge mit eigenen Augen sehen, um das ganze Chaos zu verstehen», sagt er. Hochzeitsreise nach Paris Khalid war neun Jahre alt, als er nach Italien kam, ein schmächtiger Junge, der stark an Asthma litt. Man brachte ihn in eine Klinik in der Nähe des Skiortes Cortina d Ampezzo, die christliche Nonnen leiteten. Dort hatte er ein religiöses Erwachen, so nennt er es heute, er fing an, fünfmal am Tag zu Allah zu beten auf einem kleinen Teppich unter den Jesuskreuzen an der Wand war er einer der Gründer der Jungen Muslime Italiens, «er hat früh gelernt, sich zu behaupten», sagt seine Frau Khalida, die ebenfalls aus Marokko stammt und gemeinsam mit ihrem Mann 2007 die italienische Staatsbürgerschaft erhielt. «Früher hatten wir dauernd Angst, Italien verlassen zu müssen. Auf unserer Hochzeitsreise wollten wir nach Paris, da hatten wir noch keine EU-Pässe, und wir wurden an der Grenze zurückgehalten»; auch das habe ihn zu dem gemacht, was er heute sei, erzählt Khalida über ihren Mann. «Er kam von ganz unten, und heute ist er im Parlament: Das ist sein Bild von Europa, dafür kämpft er.» Khalida studierte Pädagogik und arbeitet heute nachts in einem Migrantenheim für Kinder. Sie trägt das traditionelle Kopftuch, ihre Lippen sind geschminkt. «Wir waren überglücklich, als er ins Parlament gewählt wurde, der erste Politiker Italiens aus Marokko, der erste Muslim, aber wir wussten auch, dass sich unser Leben verändern wird.» Die Presse fiel über sie her, und wenn ihr Mann wieder mal in einer Talkshow antritt, wie jüngst gegen Matteo Salvini von der Lega Nord, der ihm zurief, er solle doch nach Syrien, in Italien habe er nichts verloren, dann sei in den sozialen Medien die Hölle los. «Das Land muss sich in Zukunft noch mehr öffnen. Ich hoffe es auch für unsere Kinder», sagt Khalida. Manchmal, wenn alles zu viel werde, wenn ihr Mann Khalid dauernd am Handy hänge und er zwischen zwei Gutenachtgeschichten twittere und Sky-TV ein Interview verspreche, «dann verstecke ich alle seine Geräte, seine Telefone und Tablets, weil er sonst nie aufhört». Stundenlohn 3 Euro Wieder auf der Strasse. Eine neue Woche, eine neue Expedition Chaoukis. Nachdem er die Flüchtlingslager abgeklappert hat, auf den Schiffen war und in den Aussenquartieren, macht er sich auf, um sich die Arbeitsbedingungen genauer anzusehen von denen, die in Italien bleiben. Chaouki rast mit seinem Auto nach Sabaudia, 90 Kilometer ausserhalb Roms, dafür braucht er eine gute halbe Stunde. Jemand sagte ihm, dass es indische Sikhs gebe, die gehalten würden wie Sklaven. Das Amphetamin und Opium, die einige benötigten, um die Müdigkeit und die Strapazen der Feldarbeit auszuhalten, bekämen BILD: MARCELLO SCOPELLITI sie gleich von ihren Arbeitgebern geliefert. Chaouki hat daraufhin seine Anwälte informiert, ein paar Journalisten angerufen, und schon ist er unterwegs in dieser ländlichen Gegend, wo heute über 8000 landwirtschaftliche Unternehmen ihr Gemüse und ihre Früchte anbauen, die auch in der Schweiz auf dem Teller landen, aber das nur so nebenbei. «Die meisten der Arbeiter auf dem Feld sind illegal hier», sagt Marco Omizzolo, ein Mann, der die Gegend gut kennt; er war es, der Chaouki kontaktierte. «Sie kamen vor Jahren nach Italien und sind einfach geblieben.» Menschen aus Bangladesh und Indien, erstaunlich viele Sikhs, sagt Omizzolo, «stolze, in sich gekehrte Männer. Man muss sie gut kennen, damit sie erzählen, welche Substanzen sie einnehmen, um so eine Zucchini-Ernte zu ertragen.» In einem nahen Sikh-Tempel trifft Chaouki auf Gurvinder Singh, einen Bauern aus Punjab, der älter wirkt als seine 28 Jahre. Singh kam 2011 nach Italien mit einem Arbeitsvisum für neun Monate, das längst abgelaufen ist. «Wir werden gezwungen, 13 Stunden am Tag zu arbeiten, sieben Tage die Woche», erzählt er nach einer Weile; dann verstummt er wieder, was Chaouki kaum aushält. «Der Stundenlohn beträgt 3 Euro», fährt der junge Bauer aus Indien endlich fort, ein kräftiger Mann, mehr als einen Kopf grösser als Chaouki. Er arbeite für einen Gemüsebetrieb, sein Chef, ein Italiener, schulde ihm 6000 Euro, behauptet Singh, die Arbeit für sechs Monate. «Wenn wir ihn darauf ansprechen, droht er damit, das Geld für immer zu behalten.» Chaouki, der so viele Geschichten gesammelt hat über die Flüchtlinge und deren Blick auf sein Italien, wirkt schockiert. «3 Euro in der Stunde?» «Ja», antwortet Singh, «ich fühle mich betrogen und vergewaltigt.» Chaouki greift zum Telefon, benachrichtigt Politiker, noch mehr Journalisten. Dem leisen Singh, der so ungern über sich spricht, wird der ganze Rummel unheimlich, aber da ist Chaouki schon nicht mehr zu stoppen. Er steigt ins Auto, wütend fährt er zu Ortoverde, einem Gemüse- und Früchteproduzenten, der 80 Prozent seiner Ernte nach Deutschland, Österreich, auch in die Schweiz exportiert, vor allem Karotten, Kraut und Kohlrabi. Er hat keinen Plan, als er den Besitzer, einen Herrn namens Sergio Filosa, mit den Vorwürfen konfrontiert, wie er sich dabei fühle, seinen Angestellten 3 Euro zu bezahlen, worauf ihn Filosa von seinem Grundstück jagt. «Das ist moderne Sklaverei, einen Katzensprung von Rom entfernt», wird Chaouki später in die Fernsehkameras sagen, die er selber bestellt hat. Auch so kommt man in die Schlagzeilen. Nicht alle seiner Parteimitglieder mögen Chaoukis Auftritte, er sei zu jung, zu unerfahren, er mache es sich zu leicht, weil er Probleme zwar anspreche, sie aber nicht löse. Chaouki kennt die Vorwürfe aus den eigenen Reihen, doch sie lassen ihn kalt. «Die Linke in ganz Europa leidet unter Komplexen. Aus lauter Angst, es sich mit jemandem zu verscherzen, haben sie vergessen zu handeln. Und was ist passiert? Sie haben das Feld der Lega Nord überlassen, die im Fernsehen sagen darf, was sie will.» Sehen wie man gut aussieht Cornelia Kaufholz geht mit der Mode Hand in Hand, oft ist sie ihr sogar einen Schritt voraus. Die begeisterte Fashionista hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und verbindet ihre Modepassion mit einer anderen Faszination, dem guten Sehen. «Gutes Aussehen und gut Sehen ist nicht dasselbe, aber lässt sich wunderbar in Einklang bringen.» Die leidenschaftliche Augenoptikerin hat das Auge für Ihren perfekten Stil. Kochoptik liegt Ihre Sehkraft am Herzen, gutes Sehen bedeutet schliesslich pure Lebensfreude. Unsere ausgewiesenen Spezialisten setzen alles daran, dass Sie gut Sehen und gut aussehen. Kommen Sie zu uns und lassen Sie sich beraten. Wirfreuen uns darauf. 28 Arbeiten bis zum Umfallen für das Gemüse auf unseren Tellern: Sikh-Gemeinschaft in Sabaudia. Gratisnummer

18 30 Dinner im Weissen Haus In den Wintermonaten November, Dezember verschwinden die Bootsflüchtlinge aus den Medien, obwohl die Zahlen alarmierend sind. Es sind zwar weniger als im Sommer, doch im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl verzehnfacht. Dann folgt der Terrorakt auf die Zeichner von «Charlie Hebdo» in Paris, der Anschlag in Kopenhagen. Barack Obama und sein Aussenminister John Kerry organisieren in Washington eine Konferenz zur Terrorbekämpfung, und sie laden nebst Staatschefs auch wichtige Vermittler ein, Brückenköpfe aus Europa. Menschen, die beide Seiten kennen, keine Falken, eher Tauben, darunter den Bürgermeister Rotterdams, Ahmed Aboutaleb, und den 32-jährigen Kahlid Chaouki, den rastlosen Journalisten, der das Italien der Migranten so gut kennt wie kaum ein anderer. Er gelte als Stimme des neuen Italien, so stellt er sich vor und spricht in der Rede von seinen Plänen, ein neues Davos zu organisieren, aber nicht für die Grossen und Mächtigen, sondern für den arabischen Raum, speziell für die Jugend, jene Menschen, die illegal nach Europa kommen wollen. «Man muss ihnen zuhören, auf ihre Bedürfnisse eingehen», sagt er, nur so könne man sie von der Reise über das Mittelmeer abhalten. Am Abend isst er im Weissen Haus, wo ihn viele für einen Praktikanten halten, das erzählt Chaouki am nächsten Tag in einer Filiale von Subway in der Nähe des Aussenministeriums und lacht, während er an einem Roastbeefsandwich kaut und über sein weisses iphone fegt. «Die italienische Nachrichtenagentur braucht ein paar Zitate», sagt er mit vollem Mund, aus den Boxen an der Decke singt Taylor Swift. Wer hätte gedacht, dass man das Paradies mit der Bergbahn erreichen kann! Es ist Mitte Februar, in Washington tobt ein Schneesturm, Chaouki steht eingehüllt in seinen Mantel am Strassenrand. «Es wird wieder zu Tragödien auf dem Meer kommen, die Lage in Libyen und in Syrien ist ausser Kontrolle.» Er sei mit den Leuten vor Ort in Kontakt. «Die warten nur, bis es wieder etwas wärmer wird und das Meer sich beruhigt.» Was kann man tun, um die Katastrophe zu verhindern? «Wir müssen die Operation Mare Nostrum wieder ins Leben rufen, es ist unsere Pflicht, Flüchtlinge in Seenot vor dem Ertrinken zu retten, das Meer ist längst ein Friedhof. Gleichzeitig braucht es Auffanglager der EU in Afrika. Die Flüchtlinge sollen Asyl beantragen können, bevor sie sich auf die Reise machen. Es bräuchte ein Quotensystem, damit sie gerecht unter den Ländern Europas verteilt werden können, das Dubliner Übereinkommen taugt nichts, zu viel lastet auf den Schultern Italiens.» All das sagt Chaouki, während wir die Strasse überqueren zu Obamas Konferenz. 800 Tote? Ja, 800. Zwei Monate später, in der Nacht vom 18. auf den 19. April, kentert ein völlig überladener Fischkutter rund 200 Kilometer von Lampedusa entfernt. 800 Menschen sterben. Die Betroffenheit ist gross, aber es gibt keine Demonstrationen in europäischen Innenstädten, ein paar Kerzen vielleicht, aber keine Lichterketten, keine Schweigeminuten wie nach dem Attentat in Paris. Es sind ja auch nicht unsere Toten, die auf dem Meeresgrund liegen, nachdem sie um Hilfe schrien, was tönte, als wären es Möwen. Vier Tage später treffen sich Europas Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel in Brüs- Diese Berge. Diese Seen. Dieses Licht! sel. Merkel sagt, sie sei «erschüttert», im Oktober 2013, beim ersten Unglück, war sie noch «tief bestürzt». David Cameron sagt nicht viel, denn er ist im Wahlkampfmodus und wägt jedes seiner Worte ab. Papst Franziskus betet, spricht später von «tiefem Schmerz» und hat Tränen in den Augen, während Tony Abbott, der Regierungschef Australiens, den Europäern empfiehlt, die Grenzen endlich dichtzumachen und das Meer zu sperren, so wie er das tue. «Es braucht europäische Asylbüros in afrikanischen Ländern», fordert Italiens Regierungschef Matteo Renzi, es sind Chaoukis Worte; sowieso sind sich plötzlich alle einig, Mare Nostrum sei richtig gewesen. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière stand vor einem Jahr noch auf der Bremse und fand alles zu teuer, jetzt sagt er: «Seenotrettung ist das Erste, Wichtigste und Dringlichste, was unverzüglich beginnen muss.» Also verdreifachten sie das Budget das zwei Jahre zuvor schon einmal so hoch war, dann aber um zwei Drittel gekürzt wurde, etwas mussten sie ja tun; allerdings sind in der Zwischenzeit 5000 Menschen ertrunken. Es gibt keine Logik in der Asylpolitik Europas, es gibt nur kopfloses Agieren und ein bisschen Betroffenheit. Was fühlen Sie, wenn Sie von Ihrem Büro hinaus aufs Meer schauen, Frau Nicolini? Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin Lampedusas, sagt: «Trauer. Ich denke an die Tausenden von Menschen am Meeresgrund, die nie ein Begräbnis bekommen werden und über die niemand spricht. Ich denke an die 366 Särge vor 19 Monaten im Hangar meiner Insel. Es waren nicht genug, um die europäischen Politiker wachzurütteln.» Ein paar Tage vor der Tragödie fuhr Khalid Chaouki nach Catania, um ein Flüchtlingsheim zu inspizieren. Er fuhr ohne Anmeldung, machte Fotos, tat, was er immer tut: Er sprach mit den Menschen und versuchte, ihre Lage zu verbessern, sei es auch nur, die Ration an warmem Wasser zu erhöhen. Bei den Sikhs in Sabaudia hat er auch erreicht, dass die Gewerkschaften zu intervenieren begannen und höhere Stundenlöhne fordern. Es sind nur Tropfen im Meer, aber immerhin. Er fuhr weiter nach Pisa an eine Konferenz über Migration und war schon auf der Rückfahrt nach Hause, als ihn die Nachricht erreichte. Er rief das Innenministerium an, um die Anzahl der Toten zu verifizieren. 800? Ja, 800. Dann schrieb er seiner Frau, wie er sich fühle, und stellte sein Telefon für wenige Minuten auf lautlos. heute jünger aussehen als gestern aktiv gegen Falten hellt Pigmentflecken auf stark antioxidativ Bergbahnen mit der 2. Hotelübernachtung inklusive. Jetzt buchen: SACHA BATTHYANY ist Redaktor bei «Das Magazin»; NICOLA SCEVOLA ist freier Journalist und lebt in Mailand. Permamed unterstützt mit jeder verkauften Packung Lubex anti-age die Krebsliga Schweiz im Programm Brustkrebsprävention mit einem Franken. Bestellen Sie Mustersachets unter: erhältlich in Apotheken und Drogerien Therwil

19 ACH, MEIN PAPA Erinnerungen an Kurt Früh, einen grossen Regisseur, Geldvernichter, Selbstzweifler und Vater Von Katja Früh

20 34 Leberknödelsuppe-Essen in der Kronenhalle. Ich war etwa acht. Es musste heimlich geschehen, nur er und ich, denn er gab zu viel Geld aus, gab sich gern dem Luxus hin. Für einen Kommunisten ist nichts gut genug, zitierte er oft und gern Tucholsky. Ich war seine Verbündete. Er brachte mir mit Vergnügen unnütze Sachen bei, erzog uns nach dem Lustprinzip: Ihr sollt kein Homo faber werden! Der Homo ludens war sein Vorbild. Werdet bloss keine Filialleiter! Von Erziehung kann man nicht eigentlich sprechen. Wenn er eben Lust hatte, beschäftigte er sich mit uns, mit mir und meiner Schwester, eher mit mir; wenn nicht, eben nicht. Man kann nicht sagen, dass wir der Mittelpunkt seiner Welt waren, das war seine Arbeit. Aber er liebte uns. Leider noch etwas mehr, als wir selbst anfingen, in der Öffentlichkeit zu stehen. Er war das fünfte Kind einer Posthalterfamilie, alles Buben. Seine Mutter liess ihn aus Enttäuschung darüber als Mädchen aufwachsen, mit langen blonden Haaren und Faltenröckchen. Das brachte ihm mit etwa acht Jahren seine erste Rolle ein, die Prinzessin in «Don Carlos», im Stadttheater St. Gallen, wo er aufwuchs. Diese Prinzessin hat ihn lebenslänglich geprägt, seine Weicheiseite, wie er es nannte, und natürlich seinen Beruf, denn nach seinem Auftritt damals liess er alles Bubenhafte fallen. Der Fussball, den ihm sein Vater sozusagen als Gegenpol zum Mädchenhaften geschenkt hatte, blieb in der Ecke liegen. Seine vier älteren Brüder, Huldreich, Walter, Willi, Eugen, beeinflussten ihn in Richtung Kunst, Musik, Theater. Das war etwas Besonderes, nicht wie heute, nicht populär und verbreitet. Das Unbedingt-besonders-sein-Wollen war das Wichtigste, war schillernd und aufregend. Es hob ihn aus der banalen Welt heraus und hat ihn später wohl auch zugrunde gerichtet, wie ich heute begreife. Spiele Einmal im Jahr durften wir das heiss geliebte Spiel «Eltern sind Trottel» mit ihm spielen. Wir konnten dann mit ihm machen, was wir wollten, ihn verkleiden, schminken, herumjagen, ihm alles Mögliche befehlen. Wenn ich an meinen Vater denke, was jeden Tag der Fall ist, denke ich vor allem an die Spiele. Er hasste Pädagogik, machte sich lustig über alles Erzieherische, wollte alles ohne Zwang und Strafen erreichen. Erziehung ist Beispiel, sagte er immer, und wenns nicht anders geht, dann eben ein schlechtes. Mit diesem frei zitierten Einstein-Zitat rauchte und trank er fröhlich weiter, vor unseren Augen. So viele Spiele. Alles war unernst, dafür betete ich ihn an. Wir mussten extra dumm Geld ausgeben, indem wir etwas garantiert Nutzloses kauften. Wir beobachteten heimlich Menschen auf der Strasse und gaben ihnen Punkte. Wir wurden dazu angehalten, besonders viel Mut zu zeigen, indem wir zum Beispiel zu einem Metzger gehen mussten, um ihn «Händ Sie chalti Wädli?» zu fragen und, wenn der Metzger bejahte, «dänn müend Sie halt Socke alegge» zu antworten. Viele solche Spiele, verrückt und anarchistisch, lustig und liebevoll. Und die Geschichten, allen voran die sogenannten Ich-Geschichten, in denen er sich erfand in tollen, weltbewegenden Situationen: Kurt, erzähl doch eine Ich-Geschichte, wie du den Nordpol entdeckt hast oder Amerika! Dann erzählte er den Kindern und ihren Freunden, wie er Heldentaten vollbracht hat, geschichtsverändernde, grossartige Abenteuer, von denen wir ihm kein Wort glaubten oder höchstens die Hälfte. Wenn ich die Schatten verdränge, dann war meine Kindheit eine blühende Wiese. Aber die Schatten sind da, immer noch. Es war immer etwas Dunkles über allem. Eine irre Angst, die ich nicht deuten konnte. Das Gefühl, sein Leben hänge nur an einem seidenen Faden. Oder das Leben überhaupt. Die Familie Seine Brüder und er musizierten oft bei uns zu Hause. Im Quartett, soviel ich mich erinnere, denn Huldreich war damals schon nicht mehr am Leben. Ich durfte manchmal ans Klavier, vierhändig mit meinem Vater. Alles vergessen, alles verlernt, wie schade. Die Musik war der Kern, das Wichtigste von allem. Kurt, so nannten wir ihn, nicht «Vater», sammelte mit Leidenschaft alte und fremdländische Musikinstrumente. Er beherrschte sie auch alle, was ihm bei uns endgültig den Nimbus eines Genies einbrachte. Das liess er sich gern gefallen, er sonnte sich mit Vergnügen darin. Oft trafen sich die Brüder im Odeon, am Sonntagmorgen, meine Liebe zu Tomatensaft und Künstlerkaffeehäusern hat sich dort entwickelt, denn manchmal nahm mich mein Vater mit. Das hob mich heraus, denn ich war das einzige Kind mit so einem Privileg. Ich war die Erstgeborene, und seine Liebe umhüllte mich wie ein warmer Mantel. Er projizierte in mich alles Mögliche hinein, Talent und Intellekt, was sich später zu einem oft unerträglichen Druck entwickelte. Damals aber beglückte mich meine Sonderstellung. Die Brüder hatten engen Kontakt, der später irgendwie kaputtging. Meine Mutter versuchte, die Beziehung zwischen den Geschwistern mit allerlei Ritualen aufrechtzuerhalten, aber der Dialog zwischen ihnen erstarb immer mehr. Zum Schluss blieb nur noch die sogenannte Frühweihnacht. Onkel Willi, der Schlagzeuger, kam jeweils ein paar Tage nach Weihnachten schon mittags zu uns, um zu schnetzeln. Zu schnetzeln waren die Zutaten eines böhmisch-mährischen Salates, dessen Rezept von meiner böhmisch-mährischen Grossmutter stammt. Onkel Willi kam also und breitete die Zutaten des Traditionssalates aus, und wir durften seine Helfer sein. Mit Akribie wurden Hering, Gürkchen, Kartoffeln und Randen zerkleinert, dann musste mein Vater in sein Lieblingsgeschäft, die Fischhandlung Bianchi, rennen, weil jedes Mal die Anguilotti vergessen wurden. Am Abend dann war die ganze Familie väterlicherseits versammelt: die Brüder mit ihren Frau- Höchster Wein-Adel Jetzt entdecken! Grandiose Riserva: Castello di Meleto 2009 San Siro Chianti Classico Riserva Sichern Sie sich Einfach bestellen: Jahrhundert Jahrgang 2009 Verführerisches Bouquet mit Kirschen- und Beerenaromen und feinwürzigen Noten, überaus elegant mit langem, intensivem Abgang. -54% GRATIS-SMS: Senden Sie eine kostenlose SMS mit Kennwort PAKET 1 (für 1 Paket) oder PAKET 2 (für 2 Pakete) oder PAKET 3 (für 3 Pakete) + Name, Adresse an die Zielnummer 880. Beispiel: PAKET 3, Hans Muster, Musterstrasse 9, 9999 Muster. Tel.: Geniessen ohne Risiko: Sollte Ihnen wider Erwarten dieser Wein nicht munden, erhalten Sie den vollen Kaufpreis zurückerstattet! 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21 en, meine Schwester und ich und Willis Sohn Peter. Mit den Jahren wurden es immer weniger. Zuerst starb Huldreich, der Komponist, dann Walter, der musizierende Zahntechniker, dann Eugen, der Maler, dann Willi, der Tonhalle-Schlagzeuger, dann mein Vater. Und später die Frauen, wie so oft, weit nach ihren Männern. Der Frühsalat existiert aber immer noch, von uns weitergeführt, dann von den Enkeln. Wir schaffen es nicht jedes Jahr, aber der Wille ist vorhanden, und der Salat lebt weiter. Volksbühne Kurt war früh politisiert worden. Schon im Gymnasium in einer roten Zelle, was er immer mit Stolz erzählte. Dann in der KP und bei der kommunistischen Volksbühne, wo er Sketches und Stücke schrieb und inszenierte. Er hasste zwar den politischen Kitsch, spielte aber mit Leidenschaft den Kapitalisten, der auf einem Podest stand, unter ihm das Proletariat. Brecht war sein Guru. Massgeschneiderte, seidene Hemden im Arbeiterstil, das fand er gut. Mit dem Taxi dem 1.-Mai-Umzug hinterher, um Seitenstechen zu vermeiden, das war sein Stil. Einen finsteren Salonkommunisten schimpfte er sich selbst. Das aber erst später. In den Anfängen war er hier wohl eins mit sich wie selten. Das antifaschistische Engagement, seine Leidenschaft fürs Theater und die Musik fanden an der Volksbühne zusammen. Geld Eines Tages rief ihn jemand an und fragte, ob er Filmregisseur werden wolle. So einfach. Er wurde für Werbefilmproduktionen engagiert. Natürlich kämpfte er mit seinem Gewissen. Aber die Verlockung des vielen Geldes war stärker. Er liebte das Geld. Auch das auf spielerische Art. Einmal liess er eine Hunderternote aus dem Fenster fliegen, zeigte mir, wie sie auf den Boden segelte, wollte damit auf ihre Bedeutungslosigkeit hinweisen. Wenn er verdient hatte, war er in Feierlaune, dann musste geprasst und gefeiert werden, das Geld war meistens schnell weg. Dann wurde es wieder ernst, er kochte Kartoffeln mit Kümmel, fand Luxus und Besitz verachtenswert. Es war ein Auf und Ab, langweilig wurde es nicht. Kurt verachtete sich für seine Neigung zum Luxuriösen, er geisselte sich, sah darin den Beweis, nie ein wirklich Grosser zu werden. Sein Ideal waren die Philosophen wie sein komplett verarmter Freund Ludwig Hohl, der oft bei uns wohnte, zum Unwillen meiner Mutter. Denn der Alkohol floss dann dermassen in Strömen, dass es nicht auszuhalten war, wenn man Ehe und Familie irgendwie zusammenhalten wollte. Hohl lebte in einem Keller und schrieb zwölf Stunden am Tag. Geld und Konsum bedeuteten ihm nichts. Da kam sich mein Vater mit seinen Austern und seinen Grand-Cru-Weinen unzulänglich vor. «Der Teufel hat gut lachen» ist der Film, in dem er versuchte, sein Verhältnis zum Tanz ums goldene Kalb zu beschreiben, wohl auch zu bannen. Geld war für ihn nicht das notwendige Übel, das Mittel zum Zweck. Geld war Arznei gegen sein geringes Selbstwertgefühl, war Rausch und Droge. Es bewirkte merkwürdige Höhenflüge, eine seltsame Selbstüberschätzung, eine gewisse Arroganz. Es kehrte nicht die nettesten Seiten meines Vaters hervor. Zwar wirkte es nicht ganz so schlimm wie der Erfolg, aber ähnlich. Nach den Höhenflügen kam der Absturz. Dann musste er sich besinnen, sammeln. Manchmal sperrte er sich einen Tag in ein Zimmer, liess klassische Musik laufen und dirigierte dazu. Wir sahen durchs Schlüsselloch zu. Seelenreinigung nannte er das. Frühe Filme Über eine lange Zeit war er äusserst produktiv. Ein Film folgte dem andern. Angefangen bei «Polizischt Wäckerli», seinem ersten Auftrag, bei dem er den Verdacht hatte, seine Seele wieder mal dem Teufel zu verkaufen. Es war allerdings sein erster grosser Erfolg. Und dann schwamm er sich frei. Seine Themen wurden eigener, seine Haltung in den folgenden Filmen klarer. Die Parteinahme für die kleinen Leute aus seiner linken Vergangenheit erschien als Selbstverständlichkeit, wie in «Oberstadtgass». Seine Liebe zur Poesie, zum Absurden, zum Märchen blühte: «Hinter den sieben Gleisen», «Der 42. Himmel» und «Bäckerei Zürrer», ein Wurf. Der Vergleich mit den italienischen Neorealisten kam auf. Und doch reichte es nie ganz dorthin. Zu stark war seine Sentimentalität, zu stark seine Liebe zu den Happy Ends, die meine Mutter ihm immer auszureden versuchte, deren Macht er aber nicht widerstehen konnte. Er wollte das Publikum glücklich machen, wollte gefallen, geliebt werden. Kleinbürgeridyllen waren damals seine Welt. Oft musste er beim Anschauen seiner Werke weinen, war gerührt von sich selbst. Das grösste Glücksgefühl war, wie er in seinen Memoiren, den «Rückblenden», schreibt, wenn jemand auf der Strasse ihn fragte, wie es denn dem Mäni aus «Oberstadtgass» gehe, er sei doch krank gewesen, oder ob der Zürrer sich erholt habe von seiner Sturheit. Alkohol Die dunkle Wolke, die immer über uns hing, die ich nie fassen, nie begreifen konnte, das war wohl König Alkohol. Die Panik, dass er abends nicht in mein Zimmer kommen möge, nicht, wenn er so verändert ist, die Augen glasig, die Stimme verschwommen, die Gesten fahrig. Die Panik, dass er dich gleich beschimpft, wegen irgendeines Blödsinns, wegen irgendeiner Schuld, die keine ist. Die Versuche meiner Mutter, ihn von uns fernzuhalten, was schlecht gelang; ihre irre Angst, dass irgendwas passieren werde; die Angst, die grösser war, wenn er nicht zu Hause war, zu spät oder gar nicht kam. Ihre Verzweiflung, die sie dazu trieb, mich auf die Strasse, in Restaurants zu schicken, um ihn zu suchen. Viel zu jung war ich für so was. Dann seine fürchterliche Reue nach den Abstürzen, seine Selbstzerfleischung, die Rosen, der Schmuck, die Bussgeschenke, auch für die Kinder; Barbiepuppen, Fotoapparate. Verkatert lag er tagelang im Bett. Für uns war er krank, wir nahmen Rücksicht, gingen auf Zehenspitzen, er musste nachdenken, am liebsten liegend, das sei eine schöpferische Position, erklärte er uns. Er kämpfte. Jahrelang nahm er Antabus, das heisst, meine Mutter verabreichte ihm das Medikament, das ihn daran hinderte zu trinken. Das machte sie für ihn endgültig zu einer Art Gefängniswärterin. Wie gut das für eine Ehe ist, kann man sich vorstellen. 37

22 Doch das Mittel verschaffte der Familie auch gute, fröhliche Zeiten. Wenn er trocken war, war er liebevoll und lustig, keineswegs griesgrämig oder frustriert. Dann kamen wieder die Rückfälle, die Verzweiflung, die Aggressionen. Zweimal versuchte er, sich umzubringen, was ich aber erst viel später erfahren habe. Das war in Zeiten, als er nie zu Hause war, im Niederdorf und im Kreis 4 herumzog mit seinen Säuferfreunden, Familie und Ordnung verachtete. Viele Frauengeschichten, viele Puffs, viel Milieu. In seinen Filmen sieht man alles. Die drei Clochards, die in so vielen seiner Filme herumziehen, die leben wie die Lilien auf dem Felde, die nicht säen, die nicht ernten, und Gott der Herr ernährt sie doch Sie waren sein Vorbild, sein Alter Ego oder vielleicht sogar sein ureigentliches Wesen. Wenn es zu schlimm wurde, kam er wieder nach Hause. Schwor, dass all das nie mehr geschehen werde, dass alles gut werde, dass er nie mehr einen Tropfen trinken werde und so weiter. Spät im Leben fand er zu den Anonymen Alkoholikern. Das war die beste Zeit. Er fühlte sich erleichtert, befolgte die zwölf Schritte, war begeistert von dem Programm und erzählte freimütig davon. Es war eine Zeit der Demut und der Fröhlichkeit. Dort, in seiner Gruppe, musste er niemand mehr sein. Der Druck fiel von ihm ab. Das Besonderssein war nicht gefragt. Er war nur der Kurt und fühlte sich wohl. Dann erlitt er eine Streifung, «es Schlegli», wie die Schweizer es verharmlosend formulieren, und alles veränderte sich. Seine neue Bescheidenheit verflog, er wurde zu einem halben Kind, und man wusste nie, wie krank er wirklich war. Er liess sich zu gern bedienen, war zu gern der bedauernswerte Mittelpunkt, war schlicht zu gern krank. Die AA waren vergessen, er schluckte Pillen mit Bier hinunter, er nahm sich heraus, alles zu dürfen. Sein Ego war wieder intakt, oder aufgeblasen, ich weiss es nicht, jedenfalls war er nie mehr ganz sich selbst. Seine Alkoholsucht verlagerte sich auf diverse Medikamente, Valium war dabei, nicht zu knapp, und einiges mehr. «Wo isch miis Hämpfeli Gmischts?», fragte er abends, dann bekam er seine Pillen und zog sich meistens früh zurück, auch wenn Gäste da waren, oft mitten im Gespräch. Erfolg Erfolg war alles, alles. Zu Hause beteten wir inständig, der Erfolg möge sich einstellen, wir drückten uns die Daumen ab vor jeder Premiere. Wir beschworen in Gedanken die Kritiker: Schreibt gut, seid lieb, tut ihm nichts an! Ein paarmal ging meine Mutter wirklich zu ihnen, brachte Cognac, versuchte, sie mit ihrer Schönheit und ihrem Charme um den Finger zu wickeln. Falls die Kritiken schlecht waren, liefen wir am Morgen ihres Erscheinens unsere ganze lange Strasse entlang und sammelten alle Zeitungen ein, die vor den Häusern lagen, damit er keine zu Gesicht bekam. Dabei wussten wir eigentlich nicht, was wir uns mehr wünschen sollten: Erfolg oder Misserfolg. Denn Erfolg war zwar schön und heiss ersehnt, doch die Folgen waren es nicht. Die Folgen waren ein anderer Vater. Einer, der völlig von sich selbst überzeugt war, der nichts mehr gelten liess, der abhob bis an den Broadway, bis nach Cannes, bis an alle Festivals der Welt, bis in jedes Feuilleton, bis nach den Sternen. Ich bin berühmt, ich bin berühmt. Ich bin bedeutend, ich bin wieder wer. Ich kann alles machen, alles erreichen. Meistens wiederholte er dann den Film, den er schon gemacht hatte. Thematisch und besetzungstechnisch. Und dieser zweite wurde dann meistens kein Erfolg mehr. Und er wurde krank. Er lag im Bett, so depressiv, dass er kaum mehr ansprechbar war. Er fühlte sich als totale Null, hatte Angst, auf die Strasse zu gehen. Er dachte, die Leute würden mit dem Finger auf ihn zeigen oder die Strassenseite wechseln. Eva Ich glaube schon, dass meine Mutter seine grosse Liebe war. Ich habe kofferweise Liebesbriefe und Gedichte an sie. Er hob sie in den Himmel. Er betete sie an. Er beschrieb sie in tausend Varianten als das schönste, zauberhafteste Wesen, das ihm je begegnet sei. Sie war eine literarische Figur. Sie war sein Massstab, seine Richterin, seine Muse, seine Kritikerin, seine oberste Instanz. Sie war die Madonna. Und wie viele Männer seiner Generation verlangte es ihn neben der Madonna auch nach ihrem Gegenteil, einer Hure. Beziehungsweise nicht nur einer. Meine Eltern liebten sich, taten einander aber nicht gut. Jedenfalls aus meiner heutigen Sicht. Zu sehr klammerte sie sich an ein Bild von ihm, dem er nicht zu entsprechen vermochte, zu sehr kreisten ihre Ängste um ihn, zu sehr wuchs sich das zu einem Kontrollsystem aus, dem er nicht entkommen konnte. Und er litt unter diesem Druck, wollte dem Bild entsprechen und stürzte immer wieder ab in seine dunkle Welt, in seine Depressionen und seine zerstörerischen Selbstzweifel. Nie wieder habe ich einen Menschen gesehen, der dermassen an sich zweifelte. Der sich dermassen dafür geisselte, nicht gut genug zu sein. Das ist die Kehrseite des Grössenwahns, zu dem er auch neigte, die Kehrseite des Dünkels, des Ehrgeizes, des Ausserordentlich-sein-Wollens. «Der Riese seiner Träume, der Zwerg seiner Ängste», zitierte meine zu Pathos neigende Mutter gern aus einer Quelle, die wir nicht kannten. Mein Vater beschenkte meine Mutter jedes Jahr zu Weihnachten mit einem Band Gedichte. 365 Gedichte, jeden Tag schrieb er eines. Die «Chroniken». Wenn sie mal ausfielen, oder halb ausfielen, war das ein Zeichen dafür, dass es ein schlechtes Jahr gewesen war, ein dunkles. Manchmal fügte er auch schwarze Seiten ein, für Tage oder Nächte, über die er nie mehr sprechen wollte. Die «Chroniken» sind ein richtiges Werk, wenig daraus ist veröffentlicht worden. Die stehen als wunderbares Geschenk in meinem Bücherregal. Der Sohn meiner Schwester hat einige Gedichte daraus vertont, schöne, sehr spezielle Lieder sind entstanden. 38

23 Gesucht gebucht Gute Handwerker zu guten Preisen auf renovero.ch Online Handwerkerofferten einholen und vergleichen. In einem Gedicht aus den «Chroniken» heisst es über meine Mutter: Das war ein Tag, an dem du kamst Und mich aus grauem Tage nahmst! Vergoldet standen Haus und Baum. Ein blaues Band, ein Frühlingstraum Und Pfefferminz und Thymian Fingen zu blühn und duften an. Oh Rosmarin! Oh Akelei! Du wunderbare Arzenei! Fernsehen Ein paar Jahre lang war mein Vater Ressortleiter in der sogenannten Abteilung Dramatik am Schweizer Fernsehen. Der Dienst im Sender war seine Sache nicht. Zu sehr kämpfte er mit der Administration, zu sehr enttäuschte ihn, dass die Fernsehleute den reibungslosen Ablauf und die Einhaltung von Terminen über den Inhalt und die Qualität einer Produktion stellten. Trotzdem sind ein paar beachtliche Fernsehspiele entstanden, «Gsetz isch Gsetz», «Gift», «Das Landhaus», «Konvention Belzebier» und einige andere. Aber die sogenannten Führungsqualitäten gingen meinem Vater ab, interessierten ihn nicht. So kam es zum Bruch mit der Leitung des Hauses, der Fabrik, wie mein Vater das Fernsehen nannte. Bald stand er wieder ohne Arbeit und regelmässiges Einkommen da, in der Filmwelt herrschte Flaute, und zu Hause hatten wir wieder die wohlbekannte Angst um ihn. In den «Chroniken» schrieb er: Nachgedacht. Ob ichs noch soll machen. (zum Lachen!) Ob ich es schaff. Aber dort ein Aff und da auch ein Aff Und über mir ein ernster Aff und zuoberst ein unfreier Neandertaler... man ist paff! Was ist die TV-Welt für ein Kaff! Der Mensch ist ein Aff. Und so weiter. Ende der Stange. Der Ressortleiter. Filmschule Die Anfrage der Kunstgewerbeschule kam wie gerufen. Die Schule wollte einen Versuchsbetrieb starten, eine Filmschule gründen, und Kurt wurde als Dozent eingestellt. Er liebte es. Er hat mehr gelernt als alle Schüler, behauptete er immer. Das erste Mal als er vor der Klasse stand, fragte er die Schüler, was wohl der wichtigste Satz für angehende Filmemacher sei, der eine Satz, der sie ein Leben lang bei allem, was sie tun und möchten, immer begleiten wird. Der Satz heisst: Dafür haben wir kein Geld. Er war von den jungen Leuten begeistert, er interessierte sich in diesen Vor-68er-Jahren heftig für den Aufbruch und die neue Popkultur, er ging an Stones-Konzerte und an Demos, an Sit-ins und in die neuen Jugendbars. Sein Stil zu lehren machte ihn bei seinen Schülern sehr beliebt, bei den Rektoren der Schule weniger. Wieder einmal stolperte er über die Administration, und man attestierte ihm eine (was für ein Wort!) Führungsschwäche. Als die Schule sich wieder auflöste, führte mein Vater sie in unserem Wohnzimmer weiter, Abend für Abend kamen diese interessanten Gestalten zu uns, ich wurde dann allerdings ins Bett geschickt. Markus Imhoof erzählte mir kürzlich, dass er von mir nur noch den Satz «Katja Zähne putzen» in Erinnerung behalten hat. «Dällebach» Endlich war ich dabei, einen ganzen Film lang. Ich durfte die Klappe schlagen. Der tiefere Grund, dass meine Eltern mir das erlaubten, vielmehr dass meine Mutter mich sogar ein bisschen dazu drängte, war wohl, dass in dieser Zeit mein Vater eine Art Aufpasserin gebrauchen konnte. Ich musste ihn nach den Dreharbeiten sofort nach Hause bringen, in die kleine, in Bern gemietete Wohnung, auch wenn die Equipe ihn in die Kneipe schleppen wollte. Ich war verantwortlich für den Film. Für den ganzen Film. So fühlte es sich an. Beliebt war ich dementsprechend natürlich nicht. Dann brach sich mein Vater beim Vorspielen einer Betrunkenenszene das Bein. Ich musste ihn die ganzen Dreharbeiten im Rollstuhl herumstossen. Schliesslich verschwand der Produzent, und es war kein Geld mehr da. Als wir erfuhren, dass er sich umgebracht hatte, war mein Vater so tief schockiert, dass alles stillstand. Die Equipe und die Schauspieler boten an, ohne Bezahlung weiterzumachen. Es wurde also weitergedreht, später fand sich ein neuer Produzent. Der «Dällebach» stand unter einem traurigen Stern, wurde ein trauriger Film und doch ein wunderbarer. Im Dällebach Kari, diesem tieftraurigen Trinker, der die Menschen mit seinen Witzen unterhielt, erkannte mein Vater sich wieder. Weil der Dällebach auf der Leinwand so echt war, ihm so aus der Seele sprach, traf er das Publikum mitten ins Herz. Ein letztes Mal in seinem Leben gelang ihm ein strahlender, grosser, heiss ersehnter Erfolg. Krankheit Der zweite Schlaganfall folgte. Er veränderte meinen Vater nochmals, er wurde steif und irgendwie laut. Verstand nur noch, was er verstehen wollte. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr zu ihm durchzudringen. Trotzdem arbeitete er wieder an einem Film. Der Erfolg des «Dällebach» hatte ihm Mut gemacht. Das erste Mal produzierte er selbst, mithilfe des Bundes. Er schwebte und schwor sich, diesmal einen harten, weniger sentimentalen, an die Nouvelle Vague angelehnten Film zu machen. Wieder mit Walo Lüönd. «Der Fall» wurde tatsächlich gedreht. Das Publikum mochte ihn nicht, sie wollten ihren alten Kurt Früh, nicht einen modernen Regisseur, der Betonwüsten abdrehte. Zurück blieben Schulden und tonnenweise Briefpapier mit der Aufschrift: Kurt Früh, Filmproduzent. Heute wird «Der Fall» wieder gefeiert, die Jungen mögen ihn und sehen in ihm das, was mein Vater sich so gewünscht hatte: einen Nouvelle-Vague-Film internationalen Formats. Letzthin lief er in San Francisco. Psychiatrie Dann gings abwärts. Eine Klinik folgte der andern. Seine Krankheit wurde immer undurchsichtiger. Er trank wieder, nicht viel, aber es reichte, um ihn zu verändern, und er nahm Haufen von Medikamenten. Ob sein schneller Abbau psychischer Natur war oder ob er nur mit seinen zwei Schlaganfällen zu tun hatte, war schwer zu sagen. Es vermischte sich alles. Einmal war er auf Entzug in der psychiatrischen Klinik Kilchberg und dann, lange, in der Klinik Schlössli in Oetwil am See. Dort schrieb er immerhin noch seine «Rückblenden», allerdings schon sehr beeinträchtigt. Jedenfalls ging es ihm nicht allzu schlecht, er hatte Pläne, wollte mit den Patienten Beckett und Shakespeare aufführen, doch dazu kam es nicht. Nach Hause kehrte er nicht mehr zurück. Nach seiner Zeit in der Psychiatrie ging er nach Boswil in ein Künstleraltersheim, sehr persönlich geführt, wo er liebevollst betreut wurde. Er hatte dort neue Freunde und fühlte sich sichtlich zu Hause. Trotzdem hatte meine Mutter für immer quälende Schuldgefühle, sie warf sich vor, ihn nicht zu Hause gehegt und gepflegt zu haben. Ausser ihr selbst warf ihr das niemand vor, ich schon gar nicht, denn die brutale Veränderung meines Vaters war so schwer zu ertragen, dass ich ihren Entscheid, Abstand zu halten und ihn im Künstlerhaus zu lassen, immer vollkommen verstand. Einmal noch versuchte er es mit einem erneuten Entzug in der Klinik Littenheid, wo er dann nach kurzer Zeit gestorben ist. Woran genau, wissen wir bis heute nicht, vermutlich an einem erneuten Hirnschlag. Vielleicht hat er auch ein bisschen nachgeholfen, aber den Vorschlag seiner Ärzte, eine Obduktion zu machen, schlugen wir aus. Das Grab Eine richtige Beerdigung gab es nicht. Zum Entsetzen vieler Freunde und Bekannten. Meine Mutter hatte gegen jede Art von kirchlicher oder ritueller Veranstaltung ein tiefes Misstrauen, sie empfand dies alles immer als eine Form der Heuchelei. Und wie in meiner Familie üblich, schwebte sogar über dem Tod meines Vaters der Nimbus des Aussergewöhnlichen, Besonderen. So holte ich die Urne mit dem Tram beim Bestattungsinstitut ab. Eine Weile stand sie noch bei uns zu Hause, um genau zu sein: auf seinem Flipperkasten. Später begruben wir ihn in unserem Tessiner Garten, ein Ort, an dem er glücklich war. Es wuchs eine schöne Kamelie auf dem «Nicht-Grab». Zwanzig Jahre später fand meine Mutter plötzlich, das sei nicht mehr der richtige Ort für ihn, und eine Freundin der Familie, die bei der Stadt Zürich arbeitete, schlug vor, ihm ein Ehrengrab zu ermöglichen. Die Idee gefiel meiner Mutter, zu meiner und meiner Schwester Verblüffung. Wir waren erstaunt, dass sie, die immer über solche Dinge gespottet hatte, diese «Ehre» überhaupt als Ehre empfand. Jedenfalls verlangte sie von uns, die Urne unseres Vaters im Tessin wieder auszubuddeln, was wir ausschlugen und die Arbeit einem Gärtner überliessen. Es gab dann eine kleine Feier, rituell und steif, aber meine Mutter war stolz und zufrieden. So verändert sich der Mensch. Und nun liegt er da, auf dem schönen Friedhof Fluntern, zwischen James Joyce und Elias Canetti. Es hätte ihm gefallen. Unsere Mutter verdächtigten wir, dass sie selbst dort ganz gern begraben wäre, was sie nun auch ist. Alles ist gut. Menschen mit Autismus haben grosse Gefühle. Aber es fällt ihnen schwer, sie auszudrücken. Mehr über Autismus: KATJA FRÜH ist Autorin, Regisseurin und «Magazin»-Kolumnistin»»; Anz_90x127_Liebesbrief_RomeoJulia_DasMagazin_d_RZ.indd :48

24 CHRISTIAN SEILER EIN PAAR WAHRHEITEN ÜBER SPARGEL Spargel ist das Saisongemüse schlechthin. Tipps, um bis Juni wirklich genug davon essen zu können Spargel, Leute, ist das Memento mori des Gemüsesektors. Die Asparagaceae gehören zu den wenigen Lebensmitteln, deren ausschliesslich saisonales Vorkommen wir akzeptieren. Zwar winken wir auch zypriotische, marokkanische oder, ich weiss nicht, peruanische Ware durch, sobald die ersten, voreiligen Bäume knospen und wir endlich den typischen Frühlingsgeschmack auf der Zunge schmecken wollen, aber wenn Anfang Juni die Spargelbauern zusammenpacken und den Märkten fernbleiben, ist auch unsere Lust auf Spargel vorbei. Wie aber schaffen wir es, in knapp zwei Monaten so viel Spargel zu essen, dass wir im Juni gelassen seufzen können: Ciao, bella, bis nächstes Jahr? Hier ein paar Vorschläge abseits der klassischen Zubereitungsweisen. 1. Essen Sie Spargel roh. Claudio Del Principe weist in seinem Kochbuch «Italien vegetarisch» (Brandstätter) emphatisch darauf hin, «wie knackig, frisch und intensiv» roher Spargel schmeckt, wenn man ihn gar nicht erst mit Hitze in Berührung bringt. Die frischen Spargeln werden geschält und von den harten Enden befreit, dann diagonal sehr dünn geschnitten oder gehobelt, die Spitzen längs halbiert und mit dem Rest auf den Tellern verteilt. Nun werden die Spargeln mit bestem Olivenöl und Weissweinessig beträufelt und mit Salzflocken und frisch gemörsertem Pfeffer bestreut. Als zusätzliche Säure empfiehlt Del Principe den Saft von Amalfi-Zitronen oder sizilianischen Grapefruits. Köstlich. 2. Garen Sie den Spargel in der Folie. Dieser grossartige Tipp stammt von Hans Haas aus dem Münchner «Tantris». Den weissen, gut geschälten Spargel mit Salz, Zucker und einem Stück Butter portionsweise auf eine doppelt gefaltete Alufolie legen, in der sich so viel Luft befindet, «dass der Dampf gut zirkulieren, aber nicht entweichen kann» (Haas). Spargelstangen bei 190 Grad 30 bis 35 Minuten im Ofen garen, sodass sie im eigenen Saft weich werden. In der Folie servieren, samt brauner Butter und Schnittlauch. 3. Braten Sie Ihren grünen Spargel. Godfather Alain Ducasse steuert dieses etwas deftige Rezept bei (aus «Ducasse Nature», Hädecke): Grüne Spargeln im unteren Drittel schälen, harte Enden abschneiden. Köpfe auf 7 Zentimeter Länge abtrennen, Stangen in der Mitte halbieren. In einer Schmorpfanne Olivenöl erhitzen, Spargeln hineinlegen, salzen und braten, bis sie weich sind. Auf eine vorgewärmte Platte legen. Nun 5 Esslöffel Balsamico in die Pfanne geben, Bratensatz damit abschaben. 2 Esslöffel schwarze, entsteinte Oliven zugeben (Ducasse empfiehlt Taggiasca- oder Nizza- Oliven) und erhitzen, dann die Balsamico-Oliven über die Spargeln geben, mit frisch gehobeltem Parmesan bestreuen, kräftig pfeffern. Dazu Weissbrot (und Cava, Leute, Cava!). 4. Grillen Sie den grünen Spargel. Ich glaube, das ist das einzige Rezept von Yotam Ottolenghi, zu dem dieser keinen Knoblauch verwendet. Auch Ottolenghi («Genussvoll vegetarisch», DK) befreit die grünen Spargeln von ihren holzigen Enden, mischt dann allerdings die ganzen Stangen mit Rapsöl und würzt sie mit Salz und Pfeffer. Dann legt er sie im rechten Winkel auf die Rillen einer bereits heissen Grillpfanne: «Sechs bis neun Minuten unter gelegentlichem Wenden grillen, bis die Spargeln gerade mal al dente sind und leichte Grillspuren aufweisen.» Kein Gericht, um es ohne Zähne zu essen, das nur zur Vorwarnung. Dazu gibt es Feta (zu einem halben Kilo Spargel acht dünne Scheiben, etwa 60 Gramm) und, essenziell, die abgeriebene Schale einer unbehandelten Zitrone. Ein Fest. 42 Mehr von CHRISTIAN SEILER immer montags in seiner «Montagsdemonstration» auf blog.dasmagazin.ch Illustration ALEXANDRA KLOBOUK

25 Max Lamb designt keine Sitzmöbel, er kreiert Charaktere. Auf der Mailänder Bühne gaben sie eine eindrucksvolle Vorstellung. HANS ULRICH OBRIST 42 STÜHLE MAX LAMB: EXERCISES IN SEATING, FOTO: CLAUDIA ZALLA Die Mailänder Möbelmesse ist nun schon seit einer Weile vorbei, aber eine Sache, die ich dort sah, lässt mich nicht los. Es handelt sich um Stühle, um 42 Stühle, um exakt zu sein. Sie stammen alle von dem jungen britischen Designer Max Lamb, der sie in den vergangenen zehn Jahren gefertigt hat. Die Kuratorin Federica Sala stellte sie im kargen Ambiente einer leeren Grossgarage zu einem riesigen Stuhlkreis auf in einer Anordnung, die etwas Archaisches, Archetypisches hat. Der Kreis erinnert an die mystischen Steinkreise des Land-Art-Künstlers Richard Long, aber auch an eine Bühne. Wie ich so die verschiedenen Modelle in der Halle ausprobierte, fiel mir denn auch Eugène Ionescos Theaterstück «Les Chaises» (Die Stühle) ein. Darin geht es um ein altes Ehepaar, das sich ausmalt, von allen möglichen Personen Besuch zu bekommen, weshalb es immer mehr und mehr Stühle heranschafft, auf denen sich die unsichtbare Gesellschaft in ein langes, imaginäres Gespräch vertieft. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich Ionesco das erste Mal begegnet bin. Ich war 15 Jahre alt, und der berühmte Dramatiker kam nach St. Gallen, um dort seine Lithografien drucken zu lassen. Er erzählte mir von seinem Stück «Die kahle Sängerin», das seit mittlerweile 60 Jahren in Folge täglich in Paris läuft, und dass dieses Stück schon fast die Ewigkeit einer Skulptur angenommen habe. Die Durchdringung von Kunst und Bühne hat mich damals enorm fasziniert. In Max Lambs Kreis wiederholte sich diese Erfahrung: Als ich auf einem der Stühle sass, war mir, als sei das der Auftakt zu einer grossen Konferenz, zu der viele Wissenschaftler und Künstler den Raum bis auf den letzten Platz besetzen und zu diskutieren beginnen. Natürlich hatte ich mir das nur eingebildet. Und dennoch gab es eine Art Zwiesprache und Unterhaltung in dem Raum nämlich zwischen den Stühlen selbst. Jedes der Objekte war sehr verschieden von seinem Nachbarn. Es waren nicht einfach Sitzmöbel, sondern genauso gut Skulpturen. Manche hat Lamb aus Beton gegossen, andere aus Holzstrünken geschnitzt. Oft verbindet er gegensätzliche Materialien, harter Stein und weiches Holz, schweres Metall und leichter Stoff, Organisches und Geometrisches. Wie bei einem Bildhauer leben seine Arbeiten von der Energie der Materialien, die er verwendet und verfremdet, wodurch sie selbst zu spannungsreichen Charakteren werden, wie Personen in einem Theaterstück. HANS ULRICH OBRIST ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Galleries in London. 43

26 TRUDY MÜLLER-BOSSHARD FRENKEL THOMAS MANN BESUCHTE KEINEN DEUTSCH-INTENSIVKURS KANN EINEM DIE GRILLPARTY VERMIESEN: Die Lösung ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend. Man muss wissen, dass ich im Fach Hauswirtschaft an der Bezirksschule Baden nur eine 3 4 schaffte. Die Lehrerin meinte, ich wäre ihr schlechtester Schüler gewesen, den sie je hatte. Mich kümmerte das wenig. Hauswirtschaft zählte nicht zu den relevanten Noten. Ausserdem war die Lehrerin eine verdammte Judenhasserin. Wenn ich allerdings ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich ihr das auch leicht machte. Denn bei jedem Gericht maulte ich: «Das darf ich aus religiösen Gründen nicht kochen!» Da ich momentan krank bin und viel Zeit zu Hause verbringe, wollte ich etwas Neues in meinem spannenden Leben ausprobieren. Ich zog also die Kleider meiner Frau an und versuchte in der Küche etwas zu kochen. Ich nahm den «Tiptopf» hervor und wartete auf ein bisschen Inspiration. Heute wollen wir Riz Casimir kochen, sagte ich schliesslich mit hoher Stimme. Ich guckte das Bild im «Tiptopf» an und verzichtete auf die Bauanleitung. Zuerst öffnete ich eine Konservenbüchse Ananas und zerstückelte die Scheiben in mundgerechte Stücke. Dann leerte ich Wasser in die Pfanne. Ich entdeckte vier Schalter beim Herd und drehte vorsichtshalber alle auf 12. In die Pfanne mit dem Wasser schüttete ich Reis, die mundgerechten Ananasstücke und natürlich eine Prise Salz hinein. Man braucht nicht für alles im Leben eine Gebrauchsanleitung. Picasso malte nicht nach Zahlen, und Thomas Mann be suchte keinen Deutsch-Intensivkurs an der Migros-Klubschule. Vor allem die Jugendlichen trauen sich immer weniger, etwas Neues zu beginnen. Früher war das anders. Früher wurden Männer BENI FRENKEL ist freier Autor und lebt in Zürich. in Frauenkleidern allerdings auch weggesperrt. Schnell rannte ich in mein Arbeitszimmer und schrieb diesen interessanten Gedanken in ein Heft, wie das Literaten halt so machen. Als ich wieder in die Küche trat, dampfte es schon sehr appetitlich. Ich öffnete den Kühlschrank und jubelte: Griessköpfli! Gierig schwappte ich den Riz Casimir in einen Teller und ass alles auf. Danach Griessköpfli. Dann wurde es mir schlecht. Eigentlich sehr schlecht. Ich eilte in unsere winzige Toilette und blieb dort eine Stunde lang. Irgendwann kamen die Kinder vom Nachmittagshort nach Hause und hämmerten an die Toilettentür. Ich hatte aber immer noch die Frauenkleider an, und mir ging es elend schlecht. Blöder «Tiptopf», fluchte ich und quälte mich raus. WAAGRECHT (J + Y = I): 4 Sie lässt sich beim Distanzüberwinden Zeit. 12 Lustbetonte Bodenkontaktverluste. 18 Von eins bis vier ist der Lümmel ein Säugetier. 19 Sichtet bei Schiller Hammer und Rochen. 20 Schmerzhaft klingendes Ehrgeizreizen. 22 «Hamlet»- oder Bergman-Movie-Fragmente. 23 Der unsere endet mit Grossvaters Vater. 26 Wird von geflügeltem Liaisonstifter gespannt. 28 Von ihm Verehrter, ist andenseits ein Kamel. 30 Begegnet einer Mieze, die bis aufs Grinsen verschwindet. 32 Schwarzgoldhaltiger Kanal. 36 Stehen nicht mit dem Rücken zur Wand. 37 Ging, laut Buch der Bücher, in Ostanatolien an Land. 38 Seltenes Versammlungsevent Frauenquote: null Prozent. 39 Tschechows Vanja folgt ihm in Valencia. 40 Ist blosser Nachhall des Originals. 41 Bei drögen Dozenten reine Platzverschwendung. 42 Hilfsmittel, damit störendes Hören vergeht. 43 Nimmt eine gewisse Tami nicht zum Lesen ins Bett. SENKRECHT (J + Y = I): 1 Zusammen mit Lo: mehrfach betonklotzgekröntes Duo. 2 Faser mit Hohlmass: bodigte in Wimbledon legendär! Sampras. 3 Gangart von Mitbestimmungsrechts wegen. 4 Bezieht bewegende Kraft vom eigenen Dach. 5 Behält Hinterlegtes, falls Auslösegeld fehlt. 6 À la Julienne geschnipselte Fruchtoberschicht. 7 Der Benjamin unter den Hauptstädten der Welt. 8 Jene des Lavaux: schutzwürdig laut Unesco. 9 Vor zehn Jahren kam das Aus für das Warenhaus. 10 Lieben auf Luxuriöses fixierte Taschendiebe. 11 Die pittoreske Kulisse der Ring-Filmtrilogie. 13 Darin simulieren Zücchin das einfache Leben. 14 Der Experte rät: Zum Grund gehen, wenn man in eine gerät. 15 Stilistisch, was typisch Landwirtschaft. 16 Pessimistisch gesehen: Rosenkriegsparteien in spe. 17 Was ein roter Alt-Bundesrat zur Angetrauten sagt. 21 Vertrautheit, die dem Schneider Befehl. 24 Im urbanen Gelände rollende Kraftverschwendung. 25 Seine Steinlaus ist kein Thema bei Brehm. 27 Am Webdesign kann man die Stämme erkennen. 29 Wie man den Biokatalysator Ferment heute nennt. 31 Von halbem Schwedenquartett vertontes Game mit Brett. 33 Beschert Einmannorchester wiederholt einen fetteren Sound. 34 Ist mehr als ein Gastspiel in Paris am Ziel. 35 Hier wird die Missgestalt gepimpt. Ruf Lanz WenN Tiere selber richten könnten, würde Tierquälerei härter bestraft werden. Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) kämpft für tier- gerechte Gesetze und ihren konsequenten Vollzug. Unter- stützen auch Sie uns dabei mit Ihrer Spende: Postkonto Herzlichen Dank. HELPLINE FÜR RATLOSE: Sie kommen nicht mehr weiter? Wählen Sie (1.50 Fr. / Anruf vom Festnetz), um einen ganzen Begriff zu erfahren. Wenn Sie nur den Anfangsbuchstaben wissen möchten, wählen Sie (90 Rp. / Anruf vom Festnetz). LÖSUNG RÄTSEL Nº 18: MAEHDRESCHER WAAGRECHT (J + Y = I): 5 BADEZIMMERSPIEGEL. 13 MILITAERPARADEN. 18 HAMSTERKAUF. 19 (M)INI. 20 NDR (Norddeutscher Rundfunk). 21 ZIMTSTERN. 23 TEINT. 24 Rapperswil JONA Lakers (abgestiegener Eishockeyclub). 25 ESEL (Bremer Stadtmusikanten). 26 MALSTATT. 28 INN in -innen. 29 ULRICH Bräker (rich = engl. für reich). 30 TEA TIME. 33 SÈTE, sete (ital. für Durst). 34 (Raum-)INHALT. 36 DEE (Fluss bei Balmoral). 37 (Berg-)ISEL. 38 (sou-)venir (franz. für kommen). 39 GENFER (enfer = franz. für Hölle). 40 ERATO. 41 «Lady Chatterley s LOVER». 42 ROTHENTHURM. SENKRECHT (J + Y = I): 1 FELSMALEREI. 2 OMAR Sharif («Doktor Schiwago»). 3 VER ARMT. 4 CYANIT. 5 BOHRINSEL. 6 Amazon (Online- Buchhandel) in AMAZONEN. 7 DIMINUTIV («Ein Männlein steht im Walde»). 8 ZITTERIG. 9 SAFTLADEN. 10 PRIESTER. 11 GENT(-leman). 12 ENDOTHERM. 14 Tess in TESSINER. 15 EKELHAFT, Anagramm: Kalthefe. 16 PUNA. 17 DYNAMIT. 22 TECHNO (Street Parade). 27 oro (ital. für Gold) in TESORO (ital. für Schatz). 31 ÊTRE («L être et le Néant»). 32 YEAH. 35 LEHM, Anagramm: Helm. «DAS MAGAZIN» ist die wöchentliche Beilage des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung», der «Berner Zeitung» und von «Der Bund». HERAUSGEBERIN Tamedia AG, Werdstrasse 21, 8004 Zürich Verleger: Pietro Supino REDAKTION Das Magazin Werdstrasse 21, Postfach, 8021 Zürich Telefon Telefax Chefredaktor: Finn Canonica Redaktion: Sacha Batthyany, Sven Behrisch, Daniel Binswanger, Anuschka Roshani Artdirektion: Michael Bader Bildredaktion: Frauke Schnoor, Christiane Ludena / Studio Andreas Wellnitz Berater: Andreas Wellnitz (Bild) Abschlussredaktion: Isolde Durchholz Redaktionelle Mitarbeit: Anja Bühlmann, Miklós Gimes, Max Küng, Trudy Müller-Bosshard, Paula Scheidt, Christian Seiler, Thomas Zaugg Honorar: Claire Wolfer VERLAG Das Magazin Werdstrasse 21, Postfach, 8021 Zürich Telefon Verlagsleiter: Walter Vontobel Lesermarkt: Bernt Maulaz (Leitung), Nicole Ehrat (Leitung Leserservice) Werbemarkt: Walter Vontobel (Leitung), Jean-Claude Plüss (Anzeigenleitung), Michel Mariani (Agenturen), Katia Toletti (Romandie), Esther Martin-Cavegn (Verkaufsförderung) Werbemarktdisposition: Jasmin Koolen (Leitung), Selina Iten Anzeigen: Tamedia AG, ANZEIGEN-Service, Das Magazin, Postfach, 8021 Zürich Telefon Deutschschweiz Telefon Westschweiz Trägertitel: «Tages-Anzeiger», Werdstrasse 21, Postfach, 8021 Zürich, Tel , «Berner Zeitung», Tel , «Basler Zeitung», Tel , «Der Bund», Tel , Nachbestellung: Ombudsmann der Tamedia AG: Ignaz Staub, Postfach 837, CH-6330 Cham 1 Bekanntgabe von namhaften Beteiligungen der Tamedia AG i.s.v. Art. 322 StGB: 20 Minuten AG, 20 minuti Ticino SA, Aktiengesellschaft des Winterthurer Stadtanzeigers, Berner Oberland Medien AG BOM, car4you Schweiz AG, CIL Centre d Impression Lausanne SA, Distributionskompagniet ApS, Doodle AG, DZB Druckzentrum Bern AG, DZO Druck Oetwil a.s. AG, DZZ Druckzentrum Zürich AG, Edita S.A., Editions Le Régional SA, Espace Media AG, FashionFriends AG, homegate AG, JobCloud AG, Jobsuchmaschine AG, LC Lausanne-cités S.A., LS Distribution Suisse SA, MetroXpress Denmark A/S, Olmero AG, Schaer Thun AG, search.ch AG, Société de Publications Nouvelles SPN SA, Soundvenue A/S, Starticket AG, Swiss Classified Media AG, Tagblatt der Stadt Zürich AG, Tamedia Publications romandes SA, Trendsales ApS, tutti.ch AG, Verlag Finanz und Wirtschaft AG, Zürcher Oberland Medien AG, Zürcher Regionalzeitungen AG 44 45

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