Es gilt das gesprochene Wort. Sperrfrist: , Uhr. Meine sehr geehrten Damen und Herren,

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1 Es gilt das gesprochene Wort. Sperrfrist: , Uhr Meine sehr geehrten Damen und Herren, wer gestern in der Innenstadt irgendwo in der Gegend um den Parkplatz an der Ladestraße oder am Rathauscenter war, der meinte schon zu glauben, dass unsere Stadt ein neues Wahrzeichen bekäme: Den schiefen Turm von Heiligenhaus. Nachdem die Gebäude rings herum abgerissen waren, neigte sich ein nunmehr frei stehender, gigantischer Turm auf dem Kiekert- Areal langsam immer weiter und weiter dem Umfallen entgegen. Das Schauspiel war so imposant, dass sich am Zaun der Parkplätze an der Ladestraße Menschen aufreihten, etliche bewaffnet mit Fotoapparaten. Doch am Ende siegte die Schwerkraft über das Bauwerk. Heute sehen sie von diesem Turm keine Spur mehr, wenn man vielleicht von einem Schutthaufen unter vielen auf dem Kiekert- Areal absieht. Das Bild auf diesem Grundstück entwickelt sich so rasch und tief greifend, dass wir uns bekanntlich zur Installation einer Webcam entschlossen haben, die Ihnen auf alle fünf Minuten ein neues Bild der Lage liefert wo auch immer sie gerade auf der Welt sein mögen. Im Internet wirken die zahlreichen Bagger, die mit ihren Greifarmen auf dem gesamten Gelände um sich wirbeln, wie Kolonie Ameisen, die mit kleinen Griffen in unaufhaltsamem Eifer alles zerbeißen, was ihnen im Wege steht. Die Idee mit der Webcam ist schon beim zweiten Bauabschnitt der Entflechtungsstraße, den wir diesen Sommer zwischen Rathaus und Bahnhofstraße eingeweiht haben, entstanden und umgesetzt worden. Die Bilder der Webcam kann man später leicht zu einem Film aneinander fügen, der Ihnen zeigt, wie in einem bisherigen Stückchen Niemandsland eine Straße gestaltet wird. Diesen Film kann man sich übrigens unter herunterladen und anschauen. Die Webcam ist indes keine Hommage an die schöne, neue Technik, mit der wir Ihnen beweisen wollen, dass die Stadtverwaltung auch etwas von modernen Medien versteht. Wir wollen damit einerseits die gezeigten Projekte in die Welt hinaus tragen, sie andererseits aber auch dokumentieren, weil Menschen nun einmal schnell vergessen, wie es vorher war. Ist Ihnen zum Beispiel noch bewusst, wie es vor wenigen Jahren war, in Heiligenhaus einen Parkplatz zu suchen, als die Straßendurchstiche zwischen Rathaus und der Firma Hitzbleck sowie hinter dem Kirchplatz von der Rheinland- bzw. Kettwiger Straße auf die Parkplätze hinter Comet und Aldi nicht vorhanden waren? Nur ganz wenige Monate und Jahre haben uns vergessend gemacht. Ich mache mir persönlich daher keine großen Sorgen um den Moment, wenn die Entflechtungsstraße fertig gestellt ist, das Kiekert- Areal ganz oder auch schon nur in Teilen neu bebaut ist, der ein oder andere Platz in der Innenstadt ein neues Gesicht bekommen hat, Menschen im Nahversorgungszentrum an den Ilpen einkaufen, Bürger ihre Häuser im Neubaugebiet GrünSelbeck, auf den Flächen der ehemaligen 1

2 Geisterhochhäuser Rhönstraße 10/12 in der Oberilp und in den Kanthöfen auf dem ehemaligen Sportplatz Jahnstraße bezogen haben. Gleiches gilt für den Augenblick, wenn Firmen auf der ehemaligen Fläche des Bundeswehrdepots neben dem THW- Logistikzentrum ihre Produktion aufnehmen, unser Innovationspark Grüner Jäger bebaut sein wird und Autos auf der A 44 fahren. Übrigens können wir viele der genannten Projekte nur durch die massive Förderung des Landes Nordrhein- Westfalen stemmen, so dass ich den anwesenden Vertretern aus Bezirksregierung, Ministerien und unserem Landtagsabgeordneten Dr. Wilhelm Droste an dieser Stelle noch einmal unseren Dank ausrichten möchte! Diese Neuigkeiten werden ganz schnell zu Selbstverständlichkeiten werden, so wie wir heute andere Dinge selbstverständlich finden und nicht (mehr) bemerken, die zu anderen Zeiten die Gemüter bewegten. Fast alle aufgezählten Projekte und es sind bekanntlich nur die Größten haben eines gemeinsam: Es sind keine bloßen Ideen mehr; sie haben die Planungsphase längst verlassen, sind allesamt in die Umsetzung gelangt. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis wir den Zeitpunkt der Fertigstellung erreicht haben werden und damit die eben skizzierte Gewöhnung eintritt. ABER: An diesem Zeitpunkt befinden wir uns heute noch NICHT. Wir befinden uns stattdessen in einem Stadium der Umsetzung, das je nach Projekt mal mehr, mal weniger weit fortgeschritten ist, d.h. die grundlegenden Entscheidungen über das Ob und Wie sind gefallen, die Realisierung aber noch nicht abgeschlossen. Nehmen wir als Beispiel die A 44, die planfestgestellt ist, so dass der Bau eigentlich morgen beginnen könnte, wenn nicht noch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig über einige Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss zu entscheiden hätte. Fragen Sie mich bitte nicht, wann genau in diesem Jahr das jedenfalls über die Eilanträge geschehen wird; das hängt allein von den Richtern ab. Dieses Beispiel zeigt aber sehr deutlich, dass ein Projekt sich im Zuge seiner Umsetzung noch mit Widerständen konfrontiert sieht. Ich werde mich hier nicht dazu hinreißen lassen, über die Motivation der Kläger zu spekulieren, ausgenommen derer der Stadt Ratingen. Sie hat ebenfalls, wenn auch nur gegen ein einzelnes Element des Planfeststellungsbeschlusses geklagt, um eine Änderung der Regenentwässerung im Kreuz Ratingen- Ost zu erreichen. Damit hat sie zwar nicht rechtlich, wohl aber faktisch durch das Ganze Hin und Her von Klagebegründungen etc. das Projekt schon bis heute mächtig verzögert. Man fragt sich allerdings, warum die Klage nunmehr, nachdem das Entwässerungsproblem zwischen Land, Bergisch- Rheinischem Wasserverband, Wasserbehörden und der Stadt geklärt ist, nicht zurückgenommen wird. Ich schließe mich daher gerne der Neujahrsansprache von meinem Bürgermeisterkollegen Stefan Freitag in Velbert an und appelliere nicht nur an die Stadt Ratingen und unseren Bürgermeisterkollegen Harald Birkenkamp, die Klage umgehend zurückzunehmen, sondern ich fordere sie dazu auf. Ansonsten setzt man sich dem Verdacht aus, das Infrastrukturprojekt auf Kosten der Nachbarstädte verzögern zu wollen, um dem eigenen Wirtschaftsstandort Konkurrenz fernzuhalten. Genau in dieser Form ist es auf einem Neujahrsempfang in Ratingen vom Fachreferenten für jedermann nachlesbar vorgetragen worden: Ratingen ist aufgrund der Autobahnen und des 2

3 Flughafens stark, aber das Umfeld schläft nicht gerade auch mit jedem Tag, mit dem der Bau der A 44 näher rückt. Dies ist übrigens nicht der einzige Fall von Argwohn. Dieser wird uns neuerdings auch von Essener Seite zuteil, wo man äußerst allergisch auf unsere Stadtentwicklungsprojekte reagiert. Über Jahrzehnte hat es unseren großen, nördlichen Nachbarn nicht ansatzweise interessiert, was sich in Heiligenhaus tut. Doch das hat sich in 2007 geändert. Wenn man Bauleitplanung für z.b. ein Projekt betreibt, muss man bekanntlich auch die umliegenden Städte beteiligen. So sind wir natürlich auch im Falle des Wohngebietes GrünSelbeck verfahren und wurden mit einem neuen Phänomen konfrontiert: Unser großer Nachbar wird hellhörig auf die Heiligenhauser Stadtentwicklung und hat über den Chef des Planungs- und Bauordnungsamtes in scharfer Form schriftlich protestiert. Man befürchtet eine Sogwirkung auf Zielgruppen mit einem höheren Einkommen und junge Familien, weil man unsere Angebote und unsere Stadt offenbar für attraktiver als die Eigene hält. Dabei spielt übrigens die neu angesiedelte International School Heiligenhaus, die als Privatschule nach britischem Vorbild unterrichtet, sicher keine ganz untergeordnete Rolle. Man hört ja schon aus Nachbarstädten, dass dort in einer Grundschule Gruppen zusammengelegt werden müssen, weil so viele Schüler nach Heiligenhaus auf die International School wechseln. Wir haben diese Essener Äußerung einfach als Kompliment zur Kenntnis genommen; verhindern kann sie das Projekt damit ohnehin nicht. Doch möchte ich den Blick wieder zurück auf die Vorgänge in unseren Stadtgrenzen lenken. Ich habe eingangs meiner Rede über die Fortschritt der Abrissarbeiten auf dem Kiekert- Areal sowie viele weitere Projekte berichtet und als verbindendes Element angeführt, dass alle zwar in der Umsetzung, aber noch unvollendet sind. Wenn man alle Bauprojekte gedanklich zusammenfasst, ist die Aussage erlaubt, dass Heiligenhaus sich in einem gigantischen Stadtumbauprozess befindet und dies nicht nur baulich und in der der Innenstadt, auch wenn dort natürlich der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt. Was bedeutet das? Zusammengefasst in einem Satz kann man sagen: Heiligenhaus verändert sich. Sie werden mir im Grundsatz zustimmen, dass dies als Vorgang positiv zu bewerten ist. Dennoch muss man mit Veränderungen sensibel umgehen, weil sie Betroffenheiten auslösen. Wir haben uns in Anbetracht all dieser Umwälzungen in den vergangenen Wochen und Monaten im Rathaus viele Gedanken über dieses Thema gemacht. Es geht dabei um die Frage, was Veränderungen im Leben des Einzelnen bedeuten und wie man angemessen darauf reagieren kann. Dieses Thema ist mit Blick auf die Veränderungen in Heiligenhaus alles andere als banal. Es gibt viele Erklärungsansätze in Psychologie, Philosophie und Soziologie, wie Menschen Veränderungen auffassen und begreifen bzw. verarbeiten. Man könnte sich zum Beispiel dem Gedanken anschließen, dass die Veränderung einen besonders ambivalenten Charakter aufweist, weil sie sich eher unbewusst als bewusst mit einem tiefen emotionalen Geschehen verknüpft. Konkret bedeutet dies, dass jede 3

4 Veränderung zwei Seiten hat, und je nachdem, für welche Seite man dabei empfindet, erlebt man die Veränderung als positiv oder negativ. Nehmen sie zum Beispiel einen demokratischen Vorgang wie einen Regierungswechsel: Für die eine politische Strömung ein großer Erfolg und von großer Freude begleitet, stößt er die andere Seite in eine tiefe Krise. Anders betrachtet, hängt es damit aber auch vom Einzelnen und seinem gedanklichen Umgang mit der Veränderung ab, ob er sie als traumatisch oder als Antrieb oder sogar Bereicherung erlebt. Im Grundsatz allerdings nehmen Menschen Veränderungen und Wandel tiefenpsychologisch IMMER kritisch wahr, weil sie Unsicherheit bedeuten. Das Meistern der Veränderung hängt davon ab, inwiefern diese Angst vor dem Unbekannten nicht in eine (gedankliche) Blockade mündet, sondern in der Überwindung der Bindung an das Alte durch ein Loslassen, mithin in die Öffnung für das Neue. Dies kann den Menschen durch äußere Einflüsse zusätzlich erschwert oder erleichtert werden. Nicht anders verhält es sich mit dem Stadtumbau. Auch hier gibt es diese Ambivalenz: Etwas Altes geht, etwas Neues kommt. Wenn man sich in der Betrachtung dabei auf die reine Gebäudesubstanz beschränkt, geht in Heiligenhaus gerade eine ganze Menge Altes. Gebäude weichen der Entflechtungsstraße, das Haus der Kirche einer Passage ins neue Kiekert- Areal, die alten Firmengebäude machen Platz für Wohnen und Innenstadt ergänzenden Einzelhandel. Nun kann man trefflich darüber streiten, ob dies jeweils architektonisch und städtebaulich ein Verlust ist. Aber man darf nie den Aspekt aus den Augen verlieren, dass mit den Gebäuden auch Lebensgeschichten zu verschwinden drohen. Stellen Sie sich den mittlerweile im Ruhestand lebenden, ehemaligen Mitarbeiter der Firma Kiekert vor. Ich bin von so vielen Menschen beim Abrissfest angesprochen worden, die sichtlich sentimental durch die großen Hallen gingen und meinten: Da hinten stand meine Maschine. Dreißig Jahre lang habe ich hier in dieser Halle gearbeitet. Diese Menschen haben anders als heute Berufstätige keinen beruflichen Neuanfang an anderer Stelle mehr, sondern mit dem Gebäude verschwindet auch ein Teil dieser Lebensphase in die reine Erinnerung. Derartige Beispiele lassen sich zahlreich finden, auch bei den anderen Bauprojekten. Dies beschäftigt das Gemüt umso mehr, als die Projekte Zeit in Anspruch nehmen. Wir erleben in der Abriss- und Bauphase viel Trümmer, Dreck und Niedergang, ohne dass vielen kommunalpolitisch uninteressierten Menschen klar ist, wofür denn eigentlich der Abriss erfolgt, was also danach kommen wird. Es gilt also, bei aller Veränderung ein Stück weit die Wurzeln des Gewesenen zu wahren, damit die Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt gewahrt bleibt. Es darf niemals bei den Menschen heißen: Das ist nicht mehr mein Heiligenhaus. Dazu bleiben uns meines Erachtens drei Chancen, die es zu nutzen gilt: Wir müssen erstens garantieren, dass das Neue die Aufgabe des Alten lohnt. Anders als bei vielen Gesetzesvorhaben, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, gibt es im Städtebau und in der Architektur so ohne weiteres kein Nachbessern. Lassen Sie uns also weiterhin alle Anstrengungen unternehmen, um architektonische und städtebauliche Qualität zu wahren, auch wenn es einiger Sitzungen und Diskussionen 4

5 mehr bedarf und das Projekt dadurch etwas längere Zeit in Anspruch nimmt. Die Verzögerung fällt nicht so sehr ins Gewicht, weil die Veränderungsgeschwindigkeit in Heiligenhaus momentan ohnehin enorm ist. Vor allem aber werden die heutigen Veränderungen den Ansprüchen vieler Generationen gerecht werden müssen. Zweitens müssen wir die Menschen an den Veränderungen beteiligen, indem sie durch Werkstattverfahren etc. mitentscheiden können, was sich verändert. Drittens müssen wir trotz allen Neuen auch Altes bewahren, wenn auch unter Umständen in neuer Form. So ist auch das Bühnenbild gedacht. Trotz allen Abrisses haben wir neben städtebaulichen Strukturen, die jetzt schon planerisch gesichert sind, die Sicherung der Stuckelemente der Fassaden bei Kiekert veranlasst. Durch ein Sponsoring des Abrissunternehmens Döweling werden die Stuckarbeiten mit Kautschuk abgedrückt und so für künftige Verwendungen gesichert. Auch wenn das Haus der Kirche der Stadtentwicklung ab 15. Februar weichen wird, so werden wir dennoch das alte Pfarrhaus erhalten. Und als wir bei den Bauarbeiten des dritten Bauabschnitts der Entflechtungsstraße letzte Woche im Bereich des Güterbahnhofs unter dem Asphalt die alten Kopfstein- Naturpflaster gefunden haben, über die schon viele Pferdefuhrkarren Heiligenhauser Spediteursfamilien geholpert sind, hat Herr Flügge umgehend veranlasst, dass die Steine wie dieser hier auf der Bühne - gesichert statt entsorgt werden. Wir sind uns sicher, dass wir bei den vielen anstehenden Umgestaltungen in der Innenstadt eine Fläche finden werden, auf der auch das Heiligenhauser Bahnhofspflaster wieder aufleben kann. Das ist weit mehr als bloße Symbolik. Auch der Schlotschmed stand nicht zufällig neben dem Stand der Schlüsselregion. Velbert und Heiligenhaus werden Dank der erheblichen Spenden aus der Wirtschaft noch dieses Jahr zum Standort eines neu gegründeten Instituts für Schließ-, Sicherungs- und Beschlagtechnik der Bergischen Universität Wuppertal. Bei alldem wollen wir nicht die Wurzeln vergessen, die unsere heimische Industrie hat. Am Ausgang erhalten Sie alle daher als kleines Souvenir Exemplare des Heiligenhauser Schlösschens, hergestellt vom Bäcker- und Konditormeister Horst ten Eicken. Allerdings hat er natürlich kein Metall verwendet, sondern bekömmlichere Materialien. Ich möchte Sie also für das Jahr 2008 und die vielen anstehenden Veränderungen herzlich bitten, sich zum Anwalt dieses Prozesses zu machen, indem Sie für die positiven Seiten der Veränderung werben und uns zugleich unterstützen, mit dem nötigen Augenmaß Altes zu bewahren, wo immer sich dies lohnt und möglich ist. Der schönste Lohn für diese Aktivität wird sein, wenn wir eines Tages das Kiekert- Areal betrachten, uns an die Abrissszenarien erinnern und mit Schillers Strophe zur Architektur in seiner Huldigung der Künste behaupten können: Ein Paradies der Herrlichkeit und Größe Stieg unter meiner Zauberruthe Schlag. Jetzt rauscht des Lebens lustiges Getöse, Wo vormals nur ein düstrer Nebel lag. 5

6 Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! 6

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