Editorial zur Ausgabe 19: Ethik und Zensur die LIBREAS Ausgabe 19

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1 Editorial zur Ausgabe 19: Ethik und Zensur die LIBREAS Ausgabe 19 von der LIBREAS-Redaktion Es gibt keine einfachen Antworten, noch nicht einmal einfache Fragen. Das wird uns beim letzten Lesen der aktuellen Ausgabe der LIBREAS vor der Veröffentlichung noch einmal klar. Das Thema Ethik und Zensur scheint einerseits nahe am beruflichen Alltag von Bibliotheken und Informationseinrichtungen zu sein, aber gerade deshalb nicht leicht zu bearbeiten. Zudem kann gerade die Umsetzung ethischen Handelns in Bibliotheken selber nicht durch Konzeptpapiere erfasst werden. Iris Reiß-Golumbeck und Jens Boyer berichten in einem Text dieser Ausgabe davon, wie wenig sich die Praktikerinnen und Praktiker auf die ethischen Standards selber zu beziehen scheinen, wenn man sie fragt, obgleich sie weithin ethisch handeln. Diese Differenz ist auch deshalb interessant, da in Julia Spenke in ihrem Text zeigt, dass eine der Hauptkritiken an den berufsethischen Kodizes in Deutschland die praxisferne Erstellung derselben war. Offensichtlich gibt es eine schwer zu überbrückende Differenz zwischen der Anforderung an berufliche Ethiken und der tatsächlichen Nutzung derselben. Gleichwohl hoffen wir mit den Texten in dieser Ausgabe etwas tiefer zu graben und zumindest Modelle dafür zu liefern, über ethische Fragen im Bibliothekswesen und angrenzenden Gebieten nachzudenken. Dessen ungeachtet fallen Fragen auf, die weiterhin ungeklärt sind. Erstaunlich ist, dass Rückbezüge auf die allgemeine Ethik oder angrenzende Berufsethiken praktisch nie gezogen werden. Selbst die Informationsethik, auf die in einem Text der aktuellen Ausgabe Bezug genommen wird, scheint im bibliothekarischen Bereich kaum referenziert zu werden. Dabei steht zu fragen, ob eine bibliothekarische Ethik sich allein aus der bibliothekarischen Praxis ergeben kann. Zudem ist auffällig, dass einerseits Veranstaltungen zu bibliothekarischer Ethik, wie zuletzt auf dem Bibliothekartag in Berlin, großen Zulauf haben, gleichzeitig aber die eigentliche Diskussion zum Thema noch nicht wirklich zustande gekommen zu sein scheint. Insoweit kann die 19. Ausgabe der LIBREAS auch als weitere Aufforderung verstanden werden, über die Ethik in Bibliotheken und Informationseinrichtungen nachzudenken. Wie gesagt: Einfach Antworten gibt es nicht, aber die Hoffnung, dass wir Antworten finden können, besteht weiterhin. Ihre / Eure LIBREAS-Redaktion (Berlin, Bielefeld, Mannheim, Leuven) Editorial #19, Redaktion urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 1

2 Abstract Bibliothekarische Berufsethik Mit welchen Themen befassen sich bibliothekarische Ethikkodizes? von Julia Spenke Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit bibliothekarischer Berufsethik und ihrer Formulierung in Form von Ethikkodizes. Es wird untersucht, welches die Themen bibliothekarischer Ethik sind und ob es ethische Themenstellungen gibt, die für den bibliothekarischen Beruf zentral sind. Grundlage ist eine Auswertung bibliothekarischer Fachliteratur und bibliothekarischer Ethikodizes aus unterschiedlichen Ländern bezüglich deren Kernaussagen zur Ethik für Bibliothekare. Der deutsche bibliothekarische Ethikkodizes, der 2007 verfasst wurde, wird in Bezug auf Entstehung und Inhalt genauer untersucht. Einleitung Einige Berufsgruppen, welche schwerwiegende ethische Entscheidungen zu treffen haben, verfügen seit Jahren über eine Berufsethik. Die bekannteste Berufsethik ist wohl das Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes von Die deutschen Bibliothekare haben seit 2007 einen Ethikkodex. Mit welchen ethischen Problemstellungen müssen ein Bibliothekar bzw. eine Bibliothekarin umgehen? Bibliothekare verstehen sich selbst häufig als Informationsvermittler und die Bibliothek als Schnittstelle für den freien Zugang zu Informationen. Ethische Themenstellungen, die sich daraus ergeben können, sind beispielsweise die Sicherung der Informationsfreiheit, der Schutz des geistigen Eigentums, die Zensur und der Datenschutz. Der Aufsatz behandelt die Fragen, mit welchen Themenstellungen sich bibliothekarische Berufsethik beschäftigt, ob es Kernaussagen zur bibliothekarischen Ethik gibt, die unabhängig von Land und Kultur sind und welche Kernaussagen die deutsche Berufsethik im Allgemeinen trifft. Grundlage dieses Textes sind die Ergebnisse und Untersuchungen meiner Diplomarbeit, die sich mit Ethikkodizes unterschiedlicher Länder und dem deutschen Ethikkodex befasst. Bibliothekarische Berufsethik und Informationsethik Bei der Berufsethik oder auch professionellen Ethik handelt es sich um eine Form der Ethik, die speziell auf die Anforderungen der Berufsgruppe abgestimmt ist. Sie entwickelt keine grundsätzlich neuen ethischen Prinzipien, sondern wendet allgemeine Prinzipien auf den Bereich des Berufes an. Die bibliothekarische Berufsethik beschäftigt sich demnach mit ethischen Fragestellungen, die das Betätigungsfeld des Bibliothekares betreffen. Die Prinzipien einer professionellen Ethik können in Form eines Ethikkodexes manifestiert werden. Dieser kann als das kollektives Gewissen eines Berufsstandes ( collective conscience of a profession ) angesehen werden. Es lässt sich vermuten, dass ein Ethikkodex, wenn möglichst viele Mitglieder des Berufsstandes in seine Entstehung mit eingebunden sind, das Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 2

3 Potenzial hat, zu mehr Bewusstsein für ethische Problemstellungen innerhalb des Berufsstandes beizutragen. Weiterhin dient er als Entscheidungshilfe bei ethischen Problemstellungen. Für den bibliothekarischen Berufsstand existieren neben dem deutschen Ethikkodex, weitere Kodizes aus anderen Ländern. Alex Byrne beobachtet, dass zwar die Formulierungen von Themen bibliothekarischer Ethik in verschiedenen Kulturen unterschiedlich sind, die Kernaussagen aber größtenteils die gleichen Themengebiete betreffen. Eng verknüpft sind diese Themen mit den Aufgaben, die dem Bibliothekar zugesprochen werden, der sich selbst zunehmend als Informationsvermittler versteht. Daraus resultiert die Frage, wie bibliothekarische Ethik zur Informationsethik zu positionieren ist. Informationsethik ist, weit gefasst, jede Beschäftigung mit ethischen Fragen, die im Zusammenhang mit den Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Information auftreten. Der Zugang zu Informationen, das geistige Eigentum des Urhebers, die Vertraulichkeit, die Sicherheit und die Auswirkungen von Information auf die Gemeinschaft sind für sie relevante Themen. Diese überschneiden sich mit denen bibliothekarischer Berufsethik. Allerdings befasst sich die Informationsethik übergreifender mit diesen Fragen und den gesellschaftlichen Auswirkungen von Informationsstrukturen, als es die bibliothekarische Berufsethik bisher tut. Sie ist dennoch nicht als eine Unterdisziplin der Informationsethik anzusehen, sondern als eine verwandte Disziplin. Bibliothekarische Berufsethik behandelt auch Fragestellungen zum Berufsstand, die nicht Gegenstand der Informationsethik sind. Was sind Themen bibliothekarischer Berufsethik? Diese Frage soll von zwei Seiten beleuchtet werden. Zunächst soll untersucht werden, was ausgewählte Autoren als wesentliche Bereiche der Berufsethik ansehen. Diese Ergebnisse sollen anschließend mit den Aussagen verglichen werden, die tatsächlich in den Ethikkodizes verschiedener Länder getroffen werden. Ausgewählt werden vier Autoren, die in der Literatur besonders häufig genannt werden. Die von ihnen als zentral angesehenen Kernaussagen werden miteinander verglichen und versucht, vergleichbare Aussagen zusammenzuführen. Es handelt sich um die Kernaussagen, die Wallace Koehler und Michael J. Pemberton, Richard Rubin und Thomas J. Froehlich, Michael Gorman sowie Bob Usherwood in ihren Texten formuliert haben. Die von den Autoren getroffenen Kernaussagen (zwischen sechs und neun) unterscheiden sich in ihrer Formulierung und darin, wie weit sie gefasst sind. Sie lassen sich aber auf sinngemäß ähnliche Aussagen zusammenführen. So befassen sie sich alle mit dem freien und gleichberechtigten Zugang zu Informationen sowie dem Datenschutz. Drei Autoren nennen die gesellschaftliche Verantwortung des Bibliothekars ( social and legal responsibilities, societal issues oder democracy ) und drei beschäftigen sich mit dem Konflikt, der sich aus der Verantwortung gegenüber unterschiedlichen Interessensgruppen ergibt. Zwei Autoren thematisieren Zensur und Auswahl der Medien betreffende Themen als ethische Kerngegenstände. Koehler und Rubin und Froehlich Gorman Usherwood Pemberton Client/ Patron Rights and Privacy Issues / Service / Discretion and respect of Privileges Reference Service Privacy the client's privacy Selection Issues Selecting Materials and Censorship Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 3

4 Access Issues Issues of Access / Technology-Related Issues Professional Practice and relationship Responsibilities to Conflicting Loyalities employers Social and legal Societal Issues responsibilities Administrative Issues Copyright Issues Intellectual Freedom / Equity of Access to recorded knowledge and information Democracy Stewardship Rationalism Literacy and learning Professional independence and intellectual freedom Competence of the librarian Integrity of members Impartiality of the library profession Financial ethics Zusammenfassend können der freie Informationszugang, die bibliothekarische Dienstleistung, der Datenschutz, die gesellschaftliche Verantwortung des Bibliothekars, Interessenkonflikte, sowie die Zensur und Aspekte, die konkreter den Berufsstand betreffen, als zentrale Themengebiete bibliothekarischer Ethik bezeichnet werden. Um im Vergleich zu diesen Ergebnissen feststellen zu können, ob es in Ethikkodizes unterschiedlicher Länder ebenfalls überschneidende Kernaussagen gibt und welche dies sind, wurden 38 verschiedene Ethikkodizes aus verschiedenen Ländern untersucht. Es handelt sich hierbei ausschließlich um Ethikkodizes, die sich an das gesamte Bibliothekswesen eines Landes richten und in englischer oder deutscher Sprache online zugänglich sind. Hauptergebnis dieser Untersuchung ist, dass sich unabhängig vom jeweiligen Land und Kultur vergleichbare Kernaussagen feststellen lassen. Es wurden elf verschiedene Themengebiete identifiziert, die in mindestens 30 % der untersuchten Ethikkodizes behandelt werden. Kernaussage Häufigkeit in Prozent Häufigkeit total Professionalität / Berufsstand 100,00% 38 Freier Zugang zu Informationen 86,84% 33 Datenschutz 86,84% 33 Dienstleistung gegenüber dem Nutzer 84,21% 32 Neutralität und Objektivität 71,05% 27 Gesellschaftlicher Auftrag 63,16% 24 Interessenkonflikt 60,52% 23 Zensur 56,71% 21 Verhalten gegenüber Kollegen 52,63% 20 Urheberrecht 39,47% 15 Tab.: Themengebiete der aus 38 Ländern stammenden Ethikkodizes Obwohl die Ethikkodizes zu den gleichen Themenstellungen Aussagen treffen, können sich die Empfehlungen, welche die verschiedenen Ethikkodizes zu einem Themengebiet treffen, voneinander unterscheiden. Ebenfalls verschieden ist die Gewichtung der Kernaussagen: Der Datenschutz wird beispielsweise in nahezu allen Ethikkodizes als ein Kernelement Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 4

5 bibliothekarischer Ethik genannt. Die getroffenen Aussagen hierzu unterscheiden sich allerdings. Meistens wird hier der Schutz von persönlichen Nutzerdaten verlangt. In seltenen Fällen wird die Einschränkung getroffen, dass sich der Bibliothekar bezogen auf den Datenschutz innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen bewegen soll. Bei dem Themengebiet Zensur sticht der Ethikkodex der Association des Bibliothécaires Français (ABS) besonders hervor. Er lehnt nicht wie alle anderen untersuchten Ethikkodizes die Zensur ab, sondern fordert, die gesetzlichen Restriktionen bezüglich Diskriminierung und Gewalt einzuhalten. Datenschutz und der freie Zugang zu Informationen scheinen zentrale Themenbereiche der bibliothekarischen Ethik zu sein. Diese Themen werden sowohl von den untersuchten Aussagen der oben genannten Autoren, als auch in den untersuchten Ethikkodizes häufig angesprochen. Auffällig ist, dass die Ausführungen der Einzelautoren dem bibliothekarischen Berufsstand wenig Bedeutung beimessen. Im Vergleich dazu ist dies die Kernaussage aller Ethikkodizes. Eine Erklärung könnte sein, dass die Ethikkodizes in den meisten Fällen von dem oder den bibliothekarischen Verbänden eines Landes verfasst wurden, denen der Berufsstand besonders wichtig ist. Es scheint also eine weitgehende Übereinstimmung darüber zu herrschen, welches als die zentralen Themen bibliothekarischer Ethik auch länderübergreifend- angesehen werden. Deutsche bibliothekarische Berufsethik. Wie und warum wurde der Ethikkodex verfasst? Der deutsche bibliothekarische Ethikkodex wurde im Jahr 2007 unter dem Namen Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe auf dem Bibliothekskongress in Leipzig, dessen Motto "Ethik und Information" lautete, vorgestellt. Urheber des Ethikkodexes war die Arbeitsgruppe Informationsethik des BID. Grundlegend für die inhaltliche Gestaltung des deutschen Ethikkodexes waren die Webpräsenz der FAIFE und die Untersuchung der auf den FAIFE-Webseiten veröffentlichten Ethikkodizes verschiedener Länder. Das FAIFE-Programm scheint ebenfalls ein Auslöser dafür zu sein, dass der Ethikkodex verfasst wurde. FAIFE sammelt auf seiner Webpräsenz Ethikkodizes und fragt in seinen Weltberichten regelmäßig ab, in welchen Ländern es bibliothekarische Ethikkodizes gibt. Die Verfasser des Ethikkodizes waren der Meinung, dass auch ein deutscher Ethikkodex auf den Website der FAIFE zu finden sein sollte. Weiterhin soll die Publikation der ethischen Grundsätze dem Zweck dienen, das Bewusstsein darüber zu verbessern, dass es sich bei den bibliothekarischen Berufen um einen Berufsstand handelt, welcher gemeinsame ethische Werte vertritt. Sie sollen als ein Mittel dienen, um den Berufsstand in der Öffentlichkeit positiv darzustellen. Darüber hinaus bieten sie nach Aussage der Verfasser die Chance, die Diskussion innerhalb des Bibliothekswesens über ethische Fragestellungen anzuregen. Am Entstehungsprozess ist zu bemängeln, dass der Ethikkodex nicht auf Grundlage einer Diskussion in der bibliothekarischen Öffentlichkeit entstanden ist, sondern erst als bereits fertig ausgearbeitetes Papier vorgestellt wurde. Die mangelnde Akzeptanz des Papiers zeigt sich daher nicht in der inhaltlichen Ablehnung, sondern in dem geringen Interesse. Eine Beteiligung am Entstehungsprozess hätte zur Auseinandersetzung mit ethischen Themen innerhalb der Berufsgruppe beitragen können. Ein zweiter Kritikpunkt ist, dass zu wenige Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 5

6 Maßnahmen ergriffen wurden, um den Ethikkodex innerhalb des Berufsstandes bekannt zu machen. Dazu hätte sich zum Beispiel eine gesonderte Veranstaltung zur Vorstellung des Ethikkodexes auf dem Bibliothekskongress 2007 in Leipzig angeboten. Von Seiten der bibliothekarischen Öffentlichkeit gab es wenige Reaktionen auf den Ethikkodex. Untersuchungen der wichtigsten Fachzeitschriften des Bibliothekswesens aus dem Jahr 2007, der bibliothekarischen listen Forumoeb und Inetbib aus dem Jahr 2007 und verschiedener bibliothekarischer Fachblogs ergaben, dass es als Reaktion auf den deutschen Ethikkodex kaum Veröffentlichungen zu dem Thema gab. Mittlerweile lässt sich ein etwas stärkeres Interesse in der bibliothekarischen Welt für bibliothekarische Ethik verzeichnen. Dies zeigt sich beispielsweise durch den Blog "Ethik von unten" zum Thema Ethik für Bibliothekare, den es seit 2010 gibt. Auch der Themenschwerpunkt "Bibliotheksethik" in der Zeitschrift BuB und die Vortragsreihe auf dem Deutschen Bibliothekartag 2011 mit dem Titel Berufsethik: Randerscheinung oder Grundlage bibliothekarischer Praxis, lassen auf ein wachsendes Interesse an Ethik in dieser Profession schließen. Es bleibt jedoch fraglich, ob sich das auf die deutschen bibliothekarischen Grundsätze zurückführen lässt. Welche Kernaussagen werden getroffen? Wie gestaltet sich der Ethikkodex inhaltlich im Vergleich zu anderen Ethikkodizes? Der deutsche Ethikkodex gliedert sich in drei Abschnitte. Nach der Einleitung, in der kurz Entstehungshintergrund und Zweck des Kodexes erläutert werden, werden im zweiten Abschnitt ethische Richtlinien für den Umgang mit dem Bibliothekskunden formuliert. Die angesprochenen Kernthemen in diesem Zusammenhang sind Dienstleistung (Gleichbehandlung und qualitativ hochwertig), Zugang zu Informationen, Datenschutz, Berufsstand und Neutralität.. Im darauf folgenden Abschnitt werden unterschiedliche Tätigkeitsgebiete des Bibliothekars näher beleuchtet. Daraus lassen sich folgende Kernthemen erkennen: freier Zugang zu Informationen, Zensur, gesellschaftliche Aufgabe der Bibliothek, Bestandsschutz, kollegiales Verhalten, Neutralität, Dienstleistung, Urheberschutz und Bestandsschutz. Vergleicht man die Kernaussagen des deutschen Ethikkodexes mit den gefundenen Kernaussagen in der Literatur und den Ethikkodizes anderer Länder, fällt auf, dass keine wesentlichen Aspekte fehlen. Lediglich Kernaussagen bezogen auf einen möglichen Interessenskonflikt, zum Beispiel gegenüber den Interessen des Berufsstandes, der Trägerinstitution und dem Nutzer werden nicht formuliert. Der deutsche Ethikkodex weist verschiedene Besonderheiten auf. Was den deutschen Ethikkodex von den Kodizes anderer Länder unterscheidet sind seine Länge (zweieinhalb Seiten: so lang ist kaum ein anderer Ethikkodex) und die Wiederholungen von Kernaussagen bzw. Bezüge. Der deutschen Gesetzgebung wird durch den Verweis auf das Jugendschutzgesetz und die gesetzlichen Regelungen zum Datenschutz auffällig viel Bedeutung zugemesssen. Andere Ethikkodizes verweisen sehr selten auf die geltende Gesetzgebung. Problematisch kann ein solcher Verweis dann sein, wenn sich Gesetze so ändern, dass sie den ethischen Grundsätzen der Berufsgruppe nicht mehr entsprechen. Ein Ethikkodex, der sich auf Gesetze beruft, kann in diesem Fall nicht seine Aufgabe als Gewissen des Berufsstandes erfüllen. Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 6

7 Ebenfalls unüblich sind die recht konkreten Forderungen, zum Beispiel nach Barrierefreiheit oder Veranstaltungen zur Leseförderung. In anderen Kodizes werden solche Themen nicht explizit angesprochen. Sie lassen sich aber allgemeineren Kernaussagen zuordnen und werden daher indirekt angesprochen. Es geht dann zum Beispiel nicht konkret um Leseförderung, sondern um die gesellschaftliche Aufgabe der Bibliothek sich in der Bildung zu engagieren. Insgesamt erfüllt der deutsche Ethikkodex jedoch, obwohl er knapper und weniger detailliert ausfallen könnte, die inhaltlichen Anforderungen an einen bibliothekarischen Ethikkodex, da er zu den zentralen Themengebieten Aussagen trifft. Was lässt sich aus diesen Ergebnissen schließen? Es lässt sich festhalten, dass ethische Problemstellungen existieren, die speziell den Beruf des Bibliothekares betreffen. Dieser Schluss lässt sich auf Grundlage der Untersuchung der Fachliteratur zu diesem Thema und der Untersuchung der Ethikkodizes verschiedener Länder ziehen. Der deutsche Ethikkodex greift die wesentlichen Themengebiete bibliothekarischer Ethik auf. Kritik an dem deutschen Papier ergibt sich eher aus seinem Entstehungsprozess. Wünschenswert wäre es, die Diskussion innerhalb des deutschen Bibliothekswesens über aktuelle ethische Konflikte anzustoßen. Ein Mittel hierzu wären regelmäßige Veranstaltungen zu konkreten Kernthemen bibliothekarischer Ethik, wie zum Beispiel Zensur oder Urheberrecht (vergleichbar mit der banned books week der ALA). Die im deutschen Ethikkodex getroffenen Aussagen können als Ausgangspunkt für die Diskussion dienen. Literaturverzeichnis Bibliothek & Information Deutschland: Ethik und Information. Ethische Grundsätze der Bibliotheksund Informationsberufe, Online verfügbar unter: (zuletzt aktualisiert am ). Byrne, Alex: Introduction. Information Ethics for a New Millenium. In: The Ethics of Librarianship. An international survey. Vaagan, Robert W. (Hg.). München: Saur, 2002, S Frankel, Mark S.: Professional Codes. Why, how, and with what impact? In: Journal of Business Ethics, 8, 1989, 2-3, S Online verfügbar unter: (zuletzt geprüft am ). Froehlich, Thomas J.: Survey and analysis of the major ethical and legal issues facing library and information services. München: Saur, 1997 (IFLA publications, 78). Gorman, Michael: Our Enduring Values. Librarianship in the 21st Century. Chicago,2000 (ALA Editions). Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 7

8 Hohoff, Ulrich: Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe. Eine Einführung in das Papier der BID (2007), 97. Deutscher Bibliothekartag Online verfügbar unter: zuletzt aktualisiert am (zuletzt geprüft am ). Koehler, Wallace; Pemberton, Michael J.: A Search for Core Values. Toward a ModelCode of Ethics for Information Professionals. In: Journal of Information Ethics, 9, 2000,1, S McMenemy, David; Poulter, Alan; Burton, Paul F.: A handbook of ethical practice. Apractical guide to dealing with ethical issues in information and library work. Oxford: Chandos Publ., 2007 (Chandos information professional series). Preer, Jean L: Library ethics. Westport, Conn.: Libraries Unlimited, 2008 Rubin, Richard; Froehlich, Thomas J.: Ethical Aspects of Library and Information Science. In: Encyclopedia of library and information science. Kent, Allen (Hg.). New York: Dekker, 1996, S Smith, Martha: Information Ethics. In: Advances in Librarianship. Lynden, Frederick C.(Hg.). San Diego: Academic Press, 2001, S Spenke, Julia: Ethik für den Bibliotheksberuf: Zu Entwicklung und Inhalt eines bibliothekarischen Ethikkodexes in Deutschland, 2011, Online verfügbar unter: zuletzt aktualisiert am (zuletzt geprüft am ). Usherwood, Bob: Towards a Code of Professional Ethics. In: Aslib Proceedings, 33, 1981, 6, S Anhang: Liste der inhaltlich untersuchten Ethikkodizes: Armenien Australien Bulgarien China Estland Großbritannien Frankreich Indonesien Israel Irland 2007.pdf Italien Jamaika Japan Kanada Korea Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 8

9 Kroatien Lettland Litauen Malaysia Malta Mauritius Mexiko Neuseeland Philippinen Polen Portugal Russland Schweden Schweiz Singapur Slowenien Sri Lanka Südafrika Thailand Tschechien Türkei Ukraine Ungarn USA Bibliothekarische Berufsethik, Spenke urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 9

10 Zusammenfassung Bibliothekarische Berufsethik in der Praxis Ergebnisse eines Studienprojekts aus Deutschland und Großbritannien von Jens Boyer und Iris Reiß-Golumbeck Sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien existieren seit einigen Jahren Grundsatzpapiere zur Berufsethik im Informations- und Bibliotheksbereich. Neben der bloßen Existenz derartiger Kodizes stellt sich die Frage, welche Relevanz diese Dokumente in der beruflichen Praxis haben. Dieser Frage wurde im Rahmen einer Team-Projektarbeit an der FH Köln nachgegangen. Mithilfe eines standardisierten Fragebogens wurden deutsche Bibliotheksleitungen zu der Thematik befragt. In Großbritannien wurde ein Interview mit Paul Sturges geführt, darüber hinaus erfolgte eine Analyse der Online-Angebote von CILIP, insbesondere des Information Ethics Blog. Abstract Codes of ethics for library and information professionals have been in place both in Germany and the United Kingdom for several years. Besides the existence of the codes it is interesting to analyse which practical relevance they have. A team project at the University of Applied Sciences in Cologne tried to do this. A questionnaire was sent to German libraries to analyse the practical use of the ethical code. In the UK interviews were conducted with Prof. Paul Sturges and experts of CILIP following an analysis of CILIP s online resources with special regard to the Information Ethics Blog. Einleitung Im Rahmen des berufsbegleitenden Masterstudiengangs Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der FH Köln führten wir eine ein Projekt, das sich mit der Berufsethik im Bibliothekswesen beschäftigte, durch. Der folgende Beitrag geht zurück auf einen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung Berufsethik Randerscheinung oder Grundlage bibliothekarischer Praxis? des 100. Deutschen Bibliothekartages 2011 in Berlin. Ein ausführlicher Projektbericht ist in dem Band MALIS-Praxisprojekte 2011 Projektberichte aus dem berufsbegleitenden Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Fachhochschule Köln der Reihe B.I.T. online innovativ im Verlag Dinges & Frick erschienen und ist als elektronisches Dokument einschließlich des Fragebogens zur Datenerhebung auf der auf der Webpräsenz der Fachhochschule Köln abrufbar. Grundlagen des Projekts Vieles ist mir so selbstverständlich, dass ich mich mit solchen Leitlinien nie beschäftigt habe., lautet eine Äußerung eines Bibliotheksmitarbeiters, der im Rahmen des Studienprojekts befragt wurde. Diese legt bereits nahe, dass es eine Verbindung zwischen den Leitgedanken ethischen Handelns und dem bibliothekarischen Alltag gibt. Doch welcher Art Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 10

11 sind diese Bezüge? Wie werden diese umgesetzt und welche Bedeutung hat das Thema in der bibliothekarischen Praxis? Im Mittelpunkt des Projekts stand eine Untersuchung der berufspraktischen Umsetzung, die sich aus der Veröffentlichung des Kodex Ethik und Information ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe der BID im Jahre 2007 ergeben hat. Das Dokument diente als Referenzrahmen einer Umfrage unter deutschen Bibliotheken. Von besonderem Interesse war dabei der Aspekt, welche Einschätzungen Kolleginnen und Kollegen in der beruflichen Praxis mit den Grundsätzen verbinden und wie diese inhaltlich bewertet werden. Berufsethik als solche beschränkt sich nicht auf den nationalen Raum. In der Vorbereitung des Projekts war zunächst auch das Ziel formuliert worden, einen internationalen Vergleich anzustellen, um die Situation der Anwendung berufsethischer Grundsätze in Großbritannien zu untersuchen. Dies sollte anhand eines einheitlichen Fragebogens für deutsche und britische Bibliotheken geschehen. Bei der inhaltlichen Vorbereitung wurde allerdings deutlich, dass dies aufgrund der Unterschiedlichkeit der Kodizes nicht durchführbar sein würde, so dass die Befragung auf deutsche Bibliotheken beschränkt und für Großbritannien ein anderer methodischer Ansatz gewählt wurde. Befragung in Deutschland Der inhaltlichen Gestaltung des schriftlichen Fragebogens für die deutschen Bibliotheken lagen zwei Aspekte zugrunde: Eine enge Orientierung an den Inhalten der BID- und CILIP- Kodizes und eine übersichtliche Gestaltung in Form und Umfang. Der Fragebogen bestand aus zehn Fragen zu verschiedenen Schwerpunkten und gliederte sich in vier Abschnitte: Berufsethische Grundsätze Ethik und Information ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe, hier auch: Umsetzung in der eigenen Bibliothek CILIP-Kodex Aufgaben der BID Es handelte sich dabei zum einen um Fragen zur Bewertung der Bedeutung einzelner Grundsätze, zum Beispiel der Gleichbehandlung von Nutzern und zum anderen um offene Fragen mit der Bitte um Kommentare und Einschätzungen einzelner Aspekte. Es war im Rahmen des Projekts nicht möglich, eine umfassende Studie für die deutsche Bibliothekslandschaft umzusetzen. Insofern sind die Ergebnisse nicht repräsentativ, sie ergeben jedoch ein prägnantes Stimmungsbild. Die schriftliche Befragung wurde in einem Befragungszeitraum von sechs Wochen von Ende Juni bis Ende August 2010 durchgeführt und richtete sich an die jeweilige Leitungsebene der insgesamt 17 Bibliotheken aller Typen. In fünf von acht Fällen erfolgte die Beantwortung unmittelbar durch die Bibliotheksleitung, in weiteren drei Fällen wurde diese Aufgabe delegiert. Bei den befragten Bibliotheken handelte es sich um fünf Öffentliche Bibliotheken, drei Hochschulbibliotheken, zwei Landes- und Hochschulbibliotheken, die Deutsche Nationalbibliothek, drei Spezialbibliotheken, eine Staatsbibliothek, eine Zentrale Fachbibliothek sowie eine Fachstelle. Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck 11 urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx

12 Resonanz in Deutschland Acht der 17 befragten Bibliotheken beantworteten den Fragebogen. Dies entspricht einer Rückmeldequote von 47%. Angesichts des von vornherein begrenzten Ansatzes unserer Befragung haben wir darauf verzichtet, die Rückmeldungen nach Bibliothekstypen zu gliedern. Parallel zu dem Rücklauf der Antworten wurde die Fragestellung untersucht, inwieweit die veröffentlichten Leitbilder der Bibliotheken einen Bezug zu den Ethischen Grundsätzen herstellen. Überraschenderweise war dies überhaupt nicht der Fall, in keinem von sieben über das Internet zugänglichen Dokumenten wurde das BID-Papier erwähnt. Die Leitbilder lassen daher bestenfalls indirekt eine Schlussfolgerung auf den Stellenwert ethischer Fragen für die Bibliotheksarbeit generell zu. Ergebnisse in Deutschland Die Auswertung der Antworten zeigte eine Bekanntheit des BID-Papiers bei annähernd zwei Drittel der Bibliotheken. Zusätzlich zu den Einschätzungen einzelner Grundsätze ergaben sich interessante Kommentare zu einzelnen Aspekten, die in dieser Form in dem BID-Papier nicht enthalten sind. So wurde in einem Fall das Schlagwort Chancengerechtigkeit als Aspekt bibliothekarischer Ethik angeführt. In der Frage der Umsetzung berufsethischer Grundsätze in der eigenen Bibliothek wurde mehrfach die Existenz lokaler Arbeitsgruppen und Handlungsleitfäden als Basis für die praktische Arbeit genannt. Hier bieten sich ein konkreter Ansatzpunkt und die Chance des Erfahrungsaustausches zwischen interessierten Kolleginnen und Kollegen. Bislang fehlen jenseits des unmittelbaren Kodex der BID weiterführende Materialien und erläuternde Hinweise. Die Befragung wies ein hohes Interesse zu diesem Punkt, 88% der Bibliotheken befürworten einen Leitfaden mit Praxisbeispielen, der von dem bibliothekarischen Dachverband BID herausgegeben beziehungsweise erarbeitet werden sollte. Nur eine der antwortenden Bibliotheken gab Kenntnis internationaler Kodizes an, ohne diese jedoch näher zu spezifizieren. Dies ist als Hinweis darauf zu sehen, dass internationale Erfahrungen anderer Verbände in Deutschland wenig bekannt sind Dabei bietet eine solche internationale Perspektive interessante Aspekte für die Bereicherung der Debatte in Deutschland. Der CILIP-Kodex befasst sich etwa auch mit dem Umgang bei Verstößen gegen ethische Grundsätze. In dem Kodex ist der Grundsatz enthalten, derartige Verstöße den zuständigen Einrichtungen zu melden, ein Vorgang, der mit dem Begriff whistle blowing umschrieben wird. Eine solche zuständige Einrichtung könnte CILIP sein, öffentliche Stellen oder zuständige Kollegen in der Bibliothek. Eine genaue Vorgabe wird hier nicht gemacht. Fünf der befragten Bibliotheken sprachen sich ausdrücklich gegen eine solche Praxis in Deutschland aus. Kommentare waren zum Beispiel Anzeigen auf höherer Ebene kämen für mich nicht in Frage und Das erscheint mir überprotektiv und nicht wünschenswert. Internationaler Vergleich - Analyse in Großbritannien In Großbritannien hat der Berufsverband CILIP bereits im Jahre 2004 einen ethischen Kodex erstellt, der aus zwei Dokumenten besteht, dem eigentlichen Code of Professional Practice und den Ethical Principles. Während diese Ethical Principles 12 recht kurz und Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 12

13 allgemein formulierte Prinzipien enthalten, ist der Code of Professional Practice ausführlicher. Daraus wurde im Rahmen des Projekts das Ziel abgeleitet, zu untersuchen, ob der Berufskodex in Großbritannien in der Praxis tatsächlich einen größeren Stellenwert einnimmt als dies in Deutschland der Fall zu sein scheint. Da sich die ethischen Kodizes von BID und CILIP im Aufbau und teilweise auch im Inhalt zu sehr unterscheiden, hätte die Erstellung eines eigenen Fragebogens für Großbritannien keinen direkten Vergleich ermöglicht. Für die Analyse in Großbritannien wurde daher innerhalb dieses Projektes ein anderer methodischer Ansatz gewählt. Bei der Analyse der sehr umfangreichen Informationen auf der CILIP Webseite zum Thema Professional Ethics war vor allem die der Information Ethics Blogs aufschlussreich. Damit verbunden war die Hypothese, dass die darin enthaltenen Fallstudien Beispiele für die praktische Umsetzung des ethischen Kodex in Informationseinrichtungen in Großbritannien liefern und nähere Informationen dazu geben würden, welche Problemstellungen vor allem diskutiert werden. Der Zugriff auf den Information Ethics Blog mit 50 im Jahr 2008 hinzugefügten und nicht mehr aktualisierten fiktiven Fallstudien ist jedoch nur CILIP- Mitglieder vorbehalten. Allerdings bietet die frei zugängliche Webseite Infoethics ebenfalls eine Sammlung von Fallstudien. Diese 42 Studien, die zwischen 2005 und 2007 aufgenommen wurden, sind dieselben wie im Information Ethics Blog, jedoch detaillierter erschlossen. Bedauerlicherweise wird diese hervorragende Ressource nicht aktualisiert und der freie Zugriff auf ein äußerst hilfreiches Instrument von CILIP nicht beworben. Es stellt sich die Frage, welchen Stellenwert das Thema Ethik in der Bibliothekswelt und die praktische Umsetzung des Berufskodex in Großbritannien tatsächlich einnehmen. Die CILIP-Webseite zu dieser Thematik scheint vernachlässigt zu werden, wie unter anderem auch die Pflege der Ressourcenliste zeigt. Um der Frage nach der Bedeutung des Berufskodexes in Großbritannien weiter nachzugehen, wurde ein Interview mit dem Experten Paul Sturges, langjähriger Vorsitzender von FAIFE und seit vielen Jahre sehr aktiv, in verschiedenen Ländern Berufsethik zu propagieren. Sturges stellte im Interview die These auf, dass gerade in Ländern, in denen ein ethisches Bewusstsein im Beruf vorhanden sei und zu denen er sowohl Deutschland als auch Großbritannien zählt, die verfügbaren Kodizes in der Praxis nicht unbedingt häufig konsultiert würden. Bei konkreten Problemfällen würde ohnehin versucht, ethische Grundsätze, die in den Köpfen der Bibliothekare verankert seien, zu berücksichtigen. Dies bedeute aber nicht, dass man in diesen Fällen an den jeweiligen Kodex denken und versuchen würde, diesen zur Hilfe zu ziehen. Laut Sturges ist der Kodex in Großbritannien nicht präzise genug, um wirklich Hilfestellung geben zu können. Dennoch hält er die Existenz und Verbreitung solcher Kodizes durchaus für sinnvoll: Yes, it is worth having the codes. Yes, they should be promoted whenever possible. [ ], because librarians in Britain and Germany are quite well-oriented ethically they are maybe a bit too confident in themselves and forget the codes. Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 13

14 Anfragen bei CILIP an den Director of Policy and Advocacy und Secretary des Ethics Panels sowie an den Governance Manager für weitere Expertenaussagen blieben leider unbeantwortet. Die verschiedenen Antworten der Befragungen in Deutschland und Großbritannien bestätigen, dass zwar in beiden Ländern bibliothekarische Berufskodizes und deren Inhalte für sehr wichtig angesehen werden, dass in der Praxis jedoch kaum ein direkter Bezug zu den Texten der Kodizes bei Problemstellungen und Herausforderungen bibliothekarischer Arbeit hergestellt wird. Bibliothekare wünschen sich vor allem verständlich und klar formulierte sowie nachvollziehbare Grundsätze. Darüber hinaus besteht der Wunsch nach Hilfsinstrumenten, mit denen die Grundsätze konkret auf bestimmte Problemfälle im beruflichen Alltag bezogen werden können. Zusammenfassung Zwar scheint die Relevanz der ethischen Kodizes in der beruflichen Praxis auf den ersten Blick sehr gering und ein direkter Bezug zu den Texten der Kodizes bei Problemstellungen und Herausforderungen bibliothekarischer Arbeit nicht hergestellt zu werden, dennoch ist klar, dass die in den Papieren festgehaltenen Inhalte und Themenfelder in der individuellen Einschätzung von großer Bedeutung sind. Die Beantwortung der gestellten Fragen zeigt, dass sich die Bibliotheken vor allem verständlich und klar formulierte sowie nachvollziehbare Grundsätze für das Handeln in der eigenen Institution wünschen. Den ausgewählten sieben Grundsätzen aus dem BID-Papier wird überwiegend sehr hohe Wichtigkeit zugeschrieben. Allerdings erscheint es zweifelhaft, daraus eine Schlussfolgerung im Hinblick auf die Zufriedenheit der Bibliotheken mit den Inhalten des BID-Papiers zu ziehen. Sind die Grundsätze womöglich so allgemein formuliert, dass hier die Bewertung sehr wichtig in den meisten Fällen nahe liegend erscheint? Zur Frage der Umsetzung berufsethischer Grundsätze in der eigenen Bibliothek wäre es rückblickend notwendig gewesen, eine weiterführende Frage an die Bibliotheken anzuschließen, um konkrete Informationen über die Motivation der Institutionen zu erhalten, wie diese Richtlinien und Strukturen beschaffen sind, welches die Gründe für oder wider die Einführung der selbigen waren und wie sich die Anwendung vollzieht. Hilfsinstrumente, mit denen die Grundsätze konkret auf bestimmte Problemfälle im beruflichen Alltag bezogen werden können, wären durchaus wünschenswert. Sieben von acht Bibliotheken hätten gern einen von der BID erstellten Leitfaden mit Praxisbeispielen, was die Autoren unterstüzen. Die Antworten auf den Fragebogen haben wichtige Informationen zur Beantwortung der Frage geliefert, wie die praktische Anwendung der ethischen Grundsatzpapiere in den Bibliotheken aussieht. Allerdings bleibt festzuhalten, dass bei dieser Methodik der formalen und inhaltlichen Anlehnung rein an den Text der Kodizes nicht ermittelt werden konnte, wie die praktische Anwendung in konkreten (Problem-)Fällen aussieht. In dem Projekt sollte jedoch bewusst zunächst eine eher formale Analyse des Bekanntheitsgrades und der direkten praktischen Umsetzung der Berufskodizes durchgeführt werden. Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 14

15 Literaturverzeichnis Code of ethics (2008) / American Library Association. Online verfügbar unter: Code of Professional Practice for Library and Information Professionals (2009 [2004]) / CILIP Chartered Institute of Library and Information Professionals. Online verfügbar unter: braryandinformationprofessionals.pdf Draft IIS guidelines for professional ethics for information professional (1998) / Institute of Information Scientists. In: Inform, No. 201 (1998), S. 4-5 Ethical principles for library and information professionals (2009 [2004]) / CILIP Chartered Institute of Library and Information Professionals. Online verfügbar unter: rmationprofessionals.pdf Ethik und Information (2007): ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe / BID Bibliothek und Information Deutschland. Leipzig. Online verfügbar unter: Ethik von unten : Bibliothekarische Berufsethik und so, Hohoff, Ulrich (2008): Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe : eine Einführung in das Papier der BID (2007). - Referat bei der Veranstaltung Ethik von oben? Zum Ethik-Papier der BID (2007) beim 97. Dt. Bibliothekartag in Mannheim am Online verfügbar unter: Lison, Barbara (Hrsg.) (2007): Information und Ethik : Dritter Leipziger Kongress für Information und Bibliothek. Wiesbaden: Dinges & Frick, Online verfügbar unter: Mahrt-Thomsen, Frauke; Kühn-Ludewig, Maria (2010): Ethik im Bibliotheksalltag? : Berichte aus zwanzig Jahren kritischer Bibliotheksarbeit. Nümbrecht: Kirsch Professional Codes of Ethics for Librarians / IFLA/FAIFE. Spenke, Julia (2011): Ethik für den Bibliotheksberuf : Zu Entwicklung und Inhalt eines bibliothekarischen Ethikkodexes in Deutschland. Fachhochschule Köln, Online verfügbar unter: Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 15

16 Sturges, Paul (2003): Doing the right thing : professional ethics for information workers in Great Britain. In: New Library World, 104 (2003), Nr. 1186, S Sturges, Paul: Information Ethics in the Twenty First Century. In: Australian Academic & Research Libraries, 40 (4), 2009, S Online verfügbar unter: Usherwood, Bob (1981): Towards a code of professional ethics. In: Aslib Proceedings, Vol. 33 (1981), No. 6, S Bibliothekarische Berufsethik, Boyer / Reiß-Golumbeck urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 16

17 Abstract Zensur und Bibliotheken Historische Reminiszenz oder Dauerthema? von Hermann Rösch Zu klären ist zunächst, was unter Zensur zu verstehen ist. Ferner geht es um die Frage, ob Zensur in den westlichen Demokratien als überwundenes historisches Phänomen gelten kann oder in unterschiedlicher Gestalt auch gegenwärtig und zukünftig die Grundrechte auf Informations- und Meinungsfreiheit zu gefährden droht. Wenn, wie zu zeigen ist, Zensur eine allgegenwärtige Gefährdung darstellt, erhebt sich die Frage, wie Bibliotheken dazu beitragen können, erkennbare Ansätze zur Einschränkung der Informationsfreiheit zurückzudrängen und damit das Streben nach Zensurfreiheit nachhaltig zu unterstützen. Schließlich soll die mögliche Rolle des bibliothekarischen Berufsstandes im öffentlichen Diskurs um Zensurfreiheit und die Bewahrung der Informationsfreiheit beleuchtet werden. 1. Zensur: Begriff und Aktualität Zwar können im Rahmen dieser knappen essayistischen Annäherung definitorische Fragen nur eine untergeordnete Rolle spielen, dennoch ist es unausweichlich, kurz auf das Begriffsverständnis einzugehen. In Allgemein- und Fachlexika wird Zensur zumeist beschrieben als politische Kontrolle öffentlich geäußerter Meinungen (vgl. Schubert/Klein 2006, S. 333) oder etwas weiter gefasst als Überprüfung und Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in Wort, Schrift und Bild durch staatliche Behörden (Zensur 2003, S. 1076). Auch das ältere Sachwörterbuch der Politik definiert Zensur als staatliche Kontrolle mit dem Ziel, politische unerwünschte öffentliche Meinungsäußerungen zu verhindern (Beck 1986, S. 1084). 1 Wollte man es bei einer schlichten Normenüberprüfung belassen, könnte man das Thema in Deutschland mit Blick auf das Grundgesetz zügig abhandeln. In Art. 5, Abs. 1 GG heißt es unmissverständlich: Eine Zensur findet nicht statt. Allerdings werden schon im nachfolgenden Absatz 2 Einschränkungen gemacht: Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. Bei Lichte betrachtet stellt sich heraus, dass Artikel 5, Abs. 1 GG eine Vorzensur definitiv ausschließt, Nachzensur jedoch in bestimmten Fällen (Strafrecht, Jugendschutz, persönliche Ehre) durchaus vorsieht. Jugendschutz und Schutz vor ehrverletzenden Äußerungen sind zweifellos Anliegen, die eine Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung vertretbar erscheinen lassen. Konfliktpotenzial liegt jedoch in der Frage, wann der Jugendschutz und das Recht der persönlichen Ehre verletzt sind. 2 1 Einige Autoren sprechen auch dann von Zensur, wenn andere als staatliche Instanzen die Informations- und Meinungsfreiheit einschränken: the intervention by a third party between the free exchange of a willing sender and a willing receiver of information. (Peng Hwa Ang 2010, S. 882f.) 2 Jüngstes Beispiel bietet das Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen ( Zugangserschwerungsgesetz bzw. ZugErschwG), das 2009 verabschiedet wurde, aber wegen handwerklicher Fehler auf Anweisung des Bundesinnenministeriums nicht angewendet wird. Das Gesetz hat zum Ziel, den Zugang zu kinderpornographischen Darstellungen im Internet zu erschweren. Die dafür vorgesehen Infrastruktur ließe sich Zensur und Bibliotheken, Rösch urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 17

18 Darüber hinaus wäre es selbstverständlich naiv zu glauben, allein durch die geltenden Rechtsvorschriften sei garantiert, dass es in der politischen und gesellschaftlichen Praxis nicht dennoch zu Verfehlungen und Rechtsbrüchen kommen könne. In ihrem Wertbezug ist die politische und gesellschaftliche Praxis tatsächlich höchst labil. Im Kampf um politische Macht, um ökonomische Macht oder um persönliche Vorteile treten ethische Orientierungen und rechtliche Vorschriften nicht selten in den Hintergrund. Es ist Aufgabe auch und gerade der Öffentlichkeit, entsprechende Rechtsverletzungen aufzudecken, zu thematisieren und damit dafür zu sorgen, dass der Rechtszustand durch die Organe der Rechtspflege wiederhergestellt wird. Zensur ist also keineswegs ein Thema der Vergangenheit sondern bleibt auch in Deutschland als ständige Bedrohung höchst aktuell. 2. Auftrag der Bibliotheken: Informationelle Grundversorgung durch Einsatz für Zensurfreiheit und das Recht auf Informationsfreiheit In Art. 5, Abs. 1 GG werden neben der Zensurfreiheit auch das Recht auf Meinungsfreiheit und das Recht auf Informationsfreiheit als Grundrechte formuliert. Dabei kann Informationsfreiheit als Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten als Voraussetzung für die Meinungsfreiheit angesehen werden. Dieses Recht auf Informationsfreiheit, das auch in Art. 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte explizit formuliert ist, 3 bringt die Bibliotheken ins Spiel. Mit ihren Informationsangeboten leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur informationellen Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger. Voraussetzung dafür ist, dass Bestände und Dienstleistungen frei von Zensur sind und das gesamte Meinungsspektrum repräsentieren. Die politische Teilnahme der Bürger an aktuellen gesellschaftlichen Diskursen und Entscheidungen wird durch die Nutzung bibliothekarischer Angebote erleichtert. Darüber hinaus lässt sich dadurch die informationelle Asymmetrie zwischen Regierung und Regierten verkleinern, im Idealfall beseitigen. Erst unter diesen Bedingungen ist wirksame demokratische Kontrolle möglich. Die Bibliothek kann diese Funktionen aber nur erfüllen, wenn sie für ihre Nutzer zu einem informationellen Schutzraum wird, der unabhängig von Vermarktungszwängen und weltanschaulichen Einseitigkeiten ist. Die Bürger müssen zudem sicher sein, dass sie sich in der Bibliothek unkontrolliert und unbeeinflusst über Gegenstände ihrer Wahl in gedruckten und digitalen Medien sowie im Internet informieren können. Zensurfreiheit in Bibliotheken hat also viele Facetten. Auch nutzerorientierte Öffnungszeiten, die Verpflichtung zur Geheimhaltung der Benutzer- und personenbezogenen Benutzungsdaten, das Streben nach kostenloser Benutzbarkeit oder, falls unausweichlich, sozial verträglichen Benutzungsgebühren haben Auswirkungen darauf, ob die Bibliotheken ihren fundamentalen Auftrag erfüllen und dazu beitragen, das Recht auf Informationsfreiheit zu verwirklichen. jedoch ohne weiteres für Zensurmaßnahmen missbrauchen: Das Bundeskriminalamt sollte demnach eine Liste zu filternder Seiten zusammenstellen und beständig weiterentwickeln. Diese Liste sollte an inländische Provider mit der Auflage übermittelt werden, die genannten Seiten unverzüglich zu sperren. Die vom BKA erstellte Sperrliste sollte nicht öffentlich einsehbar sein und wäre der demokratischen Kontrolle entzogen. Im Frühjahr 2011 hat das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Aufhebung des zwar geltenden, aber nicht angewendeten Zugangserschwerungsgesetzes initiiert (Bundesregierung 2011). 3 Dort heißt es: Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten. (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948). Zensur und Bibliotheken, Rösch urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 18

19 Diese Aspekte dürfen auf keinen Fall vernachlässigt werden. Sie sind daher in vielen nationalen bibliothekarischen Berufsethiken explizit angesprochen (Professional Codes 2010). 2.1 Bestandsaufbau und Informationsfreiheit Unmittelbarer noch sind Zensur beziehungsweise das Recht auf Informationsfreiheit selbstverständlich beim Bestandsaufbau und dem Zugang zu Internetressourcen tangiert. Solange Bibliotheken in vordemokratischen Strukturen agierten, dienten sie als Herrschaftsinstrument. Zugang erhielten in der Regel nur Nutzer, die den Machthabern genehm waren. Seit der Erfindung des Buchdrucks und vor allem seit der allmählichen Öffnung der Bibliotheken für breite Schichten der Bevölkerung im 19. und 20. Jahrhundert nutzten diktatorische Regime besonders das Mittel der Zensur, um die Verbreitung unerwünschter Meinungen und Ideen zu unterbinden. Auch heute existiert offene Zensur via Verbot einer Publikation oder eines Angebots in totalitären Staaten wie China oder Saudi-Arabien. Grundsätzlich müssen Bibliothekare und Bibliotheken beim klassischen Bestandsaufbau beachten, dass für diesen weder staatliche Vorgaben noch persönliche Vorlieben ausschlaggebend sind. Leitidee muss es sein, möglichst das gesamte Spektrum an Ideen und Vorstellungen zu repräsentieren. Nur so kann die Idee einer möglichst neutralen, politisch, weltanschaulich, religiös oder ökonomisch unabhängigen Bibliothek in die Praxis umgesetzt werden. Voraussetzung dafür ist ferner, dass Bestandsaufbau von Bibliothekaren professionell betrieben wird und nicht etwa ausgelagert wird an Buchhandlungen oder andere Library Supplier, die eindeutig ökonomische Interessen verfolgen. Auch die in jüngster Zeit so wohlwollend diskutierte User Driven Acquisition ist unter ethischen Gesichtspunkten höchst problematisch. Selbst wenn diese Form dem Zeitgeist voll entsprechen mag: Sie bietet hohes Missbrauchspotenzial und garantiert keineswegs die erforderliche Professionalität, die für einen der weltanschaulichen Neutralität verpflichteten, ausgewogenen Bestandsaufbau zwingend ist. Unverzichtbar bleibt, dass die Bibliothekare selbst sich ihres ethischen Auftrages im Hinblick auf Zensurfreiheit und Informationsfreiheit bewusst bleiben beziehungsweise werden und entsprechend handeln. Dass es auch im Alltag deutscher Bibliotheken der Gegenwart Zensurbestrebungen gibt, mag folgender Fall illustrieren, der sich Ende 2010 zugetragen hat (vgl. dazu Rösch 2011a): 4 In einer süddeutschen Kleinstadt hatte die Bibliotheksleiterin Medien zum Thema Atomkraft im Eingangsbereich zusammengestellt und eine entsprechende Literaturliste mit Umschlagfaksimiles über die Website der Bibliothek bereitgestellt. Anlass war eine Vortragsveranstaltung zum Thema Risiken der Atomenergie in der Stadt. Zu den präsentierten Medien gehörten unter anderem: a. Energie! Entdecke, was die Welt bewegt. Hrsg. RWE-Energie AG Essen. Hamburg (Jugendsachbuch) b. Die Kernfrage: Insider berichten über ihre Erfahrungen mit der Kernenergie. München 2009 c. Gerd Rosenkranz: Mythen der Atomkraft. Wie uns die Energielobby hinters Licht führt. Hrsg. Heinrich-Böll-Stiftung. München Der Bürgermeister warf der Bibliothekarin Meinungsmache vor, weil die Titel, die sich kritisch zur Atomenergie äußern, deutlich in der Überzahl waren. Er verlangte per Dienstanweisung, Medien für und solche gegen Atomenergie in gleicher Anzahl zu präsentieren. Sollte dies nicht binnen dreier Wochen erfolgt sein, müssten alle Titel aus dem 4 Die Angaben bleiben auf Wunsch der Betroffenen anonym, der Verfasser verbürgt sich für deren Richtigkeit. Zensur und Bibliotheken, Rösch urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 19

20 Bestand entfernt werden. Da sich diese Parität auf dem Sachbuchmarkt nicht herstellen ließ, musste die Dienstanweisung befolgt werden. Der Hinweis, die Auswahl spiegele den Buchmarkt und damit den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs, wurde nicht akzeptiert. Im geschilderten Fall hat sich der Bürgermeister, der hier stellvertretend für eine politische Interessengruppe steht, durchgesetzt und den Grundwert der Informationsfreiheit gezielt verletzt. Aus berufsethischer Sicht handelt es sich eindeutig um ein politisch motiviertes Zensurbegehren. In den USA kommt es auf Druck meist religiöser Interessengruppen immer wieder dazu, dass lokale Behörden die Entfernung vermeintlich gefährdender Publikationen aus dem Bestand der Public Library erzwingen. Entsprechende Streitfälle, die tatsächlich zur Entfernung der jeweiligen Werke aus einem lokalen Bibliotheksbestand geführt haben, werden von der American Library Association (ALA) beziehungsweise ihrem Office for Intellectual Freedom gesammelt und jährlich im Rahmen einer landesweiten Kampagne, der Banned Books Week, publik gemacht. Im Jahr 2009 handelte es um 460 verschiedene Titel. Zu den Top Ten gehörten damals so bedenkliche Werke wie Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger, Wer die Nachtigall stört von Harper Lee oder Twilight von Stephenie Meyer (Doyle 2010, S. 124f.). 2.2 Filtersoftware und Informationsfreiheit Neben dem Bestandsaufbau ist der über Bibliotheken gebotene Zugang zu Internetressourcen besonders anfällig für offene oder verdeckte Zensurbestrebungen (vgl. zum folgenden Rösch 2011a). In vielen deutschen Bibliotheken wird Filtersoftware eingesetzt, um damit einerseits dem Jugendschutz Genüge zu tun und andererseits grundsätzlich Konflikte vorbeugend auszuschließen. Oft erfahren die Nutzer nicht einmal, dass ein Filter eingesetzt wird. Sie erhalten zudem selten eine Information darüber, mit welchen Verfahren gefiltert wird, wer darüber aufgrund welcher Kriterien im Einzelnen entscheidet oder wer im Falle von Beschwerden als Ansprechpartner zur Verfügung steht. So setzte die Öffentliche Bibliothek eines Berliner Stadtteils im Frühjahr 2011 eine Filtersoftware auf allen frei zugänglichen Rechnern ein. Dies führte dazu, dass auch die Seiten von Bild.de geblockt wurden. Daraufhin erschien dort ein Artikel, der diese Praxis empört kommentierte und als Zensur wie in China bewertete (Riedel 2011), da die Filter auch an den Rechnern eingesetzt wurden, die nur Erwachsenen zugänglich sind. Der zuständige Administrator hat eine Änderung dem Artikel zufolge mit der Begründung abgelehnt, es handle sich um eine Software aus dem Ausland und eine einzelne Adresse frei zu schalten, sei zu aufwändig. Den Einsatz von Filtersoftware begründet die Bibliotheksleiterin in einer an den Verfasser unter Berufung auf 6,2 der Benutzungsbedingungen der Öffentlichen Bibliotheken Berlins. Dort heißt es: Medien rassistischen, pornografischen, Gewalt verherrlichenden oder nationalsozialistischen Inhalts dürfen nicht in die Bibliothek mitgebracht, entsprechende Inhalte nicht über elektronische Medien aufgerufen werden. (Benutzungsbedingungen 2009) Aus diesem Wortlaut, aber auch aus dem für 6 gewählten Titel Verhalten in Bibliotheken lässt sich jedoch eindeutig schließen, dass es hier um Verhaltensmaßregeln für die Benutzer und nicht um Anweisungen zur Einschränkung des freien Zugangs zu Informationen seitens der Bibliotheken handelt. Als zweites Argument wurde angeführt, der Filter diene vor allem dem Jugendschutz. Da jedoch nicht sichergestellt werden könne, dass Kinder oder Jugendliche die Computer im Erwachsenenbereich benutzten, werde der Filter auf allen öffentlichen Internetrechnern der Bibliothek eingesetzt. Eine solche Argumentation mag aus pragmatischen Gründen zunächst nachvollziehbar erscheinen. Unter Zensur und Bibliotheken, Rösch urn:nbn:de:kobv:11-100xxxxxx 20

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