Prof. Dr. Rainer Gömmel

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1 Prof. Dr. Rainer Gömmel Universität Regensburg Fakultät Wirtschaftswissenschaften Deutsche Wirtschaft und Wirtschaftspolitik Wintersemester t 2009/10

2 Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von Die Phase relativer Stabilität Die Währungsreform 1923/ Die Goldenen Zwanziger Jahre ( ) 3. Die Weltwirtschaftskrise Der Verlauf der Krise 3.2. Die wichtigsten Maßnahmen unter Reichskanzler Heinrich Brüning ( ) Beurteilung 3.4. Die letzten Rettungsversuche Gliederung 2

3 Teil 2: Der Nationalsozialismus Hintergründe 2. Grundzüge der NS-Wirtschaftslehre bis Die Organisation der NS-Wirtschaft (Wirtschaftsordnung) 3.1. Die Landwirtschaft 3.2. Die gewerbliche Wirtschaft Die staatlich gelenkte Wirtschaft 4. Wirtschaftspolitische Maßnahmen Autarkie und Außenwirtschaft 6. Der Aufbau der Rüstungsindustrie 7. Die Kriegsjahre und Kriegsfinanzierung Gliederung 3

4 Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von 1923 Während des 1. Weltkrieges stieg die Geldmenge (Bar- und Buchgeld) von 13 Mrd. auf 60 Mrd. Mark. (Von diesen 47 Mrd. Mark bestanden 15 Mrd. Mark aus kurzfristigen Krediten der Reichsbank an das Deutsche Reich) Reales Volkseinkommen k (Sozialprodukt): 90 % im Vergleich zu 1913 Anteil der Güter für den zivilen Bedarf: ~ 50 % Auswirkungen auf die Kaufkraft des Geldes? Kaufkraft nur noch % gegenüber 1913 Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

5 Wechselkurs der Mark: Juli 1914: 1$= 4,2 Mark Januar 1919: 1 $ = 8,9 Mark Ursache für Geldvermehrung und Geldentwertung: Kriegsfinanzierung (Schuld des Reiches Anfang 1919: ~ 155 Mrd. Mark davon ~ 64 Mrd. Mark kurzfristige Schulden) War damit schon eine Hyperinflation vorprogrammiert? Ni Nein, aber... natürlich musste gegen die bestehende Inflation (Halbierung des Geldwertes!) und die drohende weitere Inflation etwas getan werden Besonders wichtig: Reduzierung der Geldmenge, denn Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

6 Der Schuldendienst des Reiches betrug % der ordentlichen Einnahmen! Das bedeutet, dass Zinsen und Tilgung teilweise durch neue Schulden gedeckt werden mussten. Theoretisch gab es 4 Möglichkeiten für eine Stabilisierung der Währung: a) Rigorose Steuer- und Anleihepolitik (Abschöpfung der überschüssigen Kaufkraft) Zusätzlicher Vorteil: Staat kann seine kurzfristigen Schulden und (fälligen) Anleihen tilgen. = Rückkehr zum Vorkriegszustand Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

7 b) Keine weitere Erhöhung der Staatsverschuldung Stabilisierung des Niveaus 1918/19 Währung bei der Hälfte des Vorkriegsstandes ( = eine Art Währungsreform) c) Klassischer Staatsbankrott Wie funktioniert das? Staat lehnt Verzinsung und Rückzahlung seiner Schulden ab ( = Entwertung der staatlichen Schuld) d) Weitere Erhöhung der Staatsverschuldung und damit auch der Geldmenge Konsequenz: Entwertung der öffentlichen (und privaten!) Schulden Anschließend Einführung einer neuen Währung, weil die alte Währung völlig zerrüttet (wertlos) ist. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

8 Erfolgsaussichten: zu a) Rigorose Steuer- und Anleihepolitik : Versuch eine Sparprämienanleihe Sparprämienanleihe unterzubringen scheiterte, weil das Publikum eine Entwertung der Staatsschulden befürchtete. - Bei Schuldentilgung durch ordentliche Steuereinnahmen hätte die Steuererhöhung sehr drastisch sein müssen. - Es bestanden Zweifel an der Stabilität der soeben gegründete Republik bei Durchführung einer solchen Maßnahme Eine gefährliche h Variante, welche höht höchstwahrscheinlich h hilihnicht ihtrealisierbar i war Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

9 zu b) Keine weitere Staatsverschuldung, Schließung der vorhandenen inflatorischen Lücke Vorschläge: - Zwangsanleihen (!) - Erhöhung der Verbrauchs- und Einkommensteuer - Erhebung einer einmaligen Vermögensabgabe Frage: Was wäre bei dieser Vermögensabgabe wichtig gewesen? Keine Ratenzahlung, da sonst Charakter einer laufenden Steuer Überwälzung auf Preise zu c) Klassischer Staatsbankrott t tt Absolut unrealistisch, dies käme einem Selbstmord der jungen Republik gleich Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

10 zu d) Weitere inflationäre Preissteigerung Ernsthafte Diskussion über diese Variante Vorteil: Verhinderung einer schweren Stabilisierungskrise Inflation hat die gleiche Wirkung wie eine Steuer Welche Variante wurde verwirklicht? d): aber offene Frage, ob gewollt oder ungewollt Denn: Die Erzbergersche Finanzreform vom Herbst 1919 hatte wesentliche Elemente der Variante b) z.b. den Verzicht auf eine weitere inflationäre Erhöhung der Staatsverschuldung und Stabilisierung des bei Kriegsende erreichten Niveaus Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

11 Verschiedene Maßnahmen zur Stabilisierung der labilen Währungssituation und der beängstigenden Staatsverschuldung: Grundlage war die (neue) Weimarer Reichsverfassung von Grundsätzliche Stärkung des Reiches: Umkehr des finanzpolitischen Verhältnisses bis Das Reich bekam Steuern, die bisher die Länder hatten (Reich musste auf die Lebensfähigkeit der Länder Rücksicht nehmen, praktisch wurde ein Finanzausgleich durchgeführt) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

12 Umsetzung der neuen Rechte des Reichs durch den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (Bildquelle: Vor allem: Zentralisierung der Finanzhoheit auf das Reich - Alle direkten Steuern (insbes. Einkommens- und Vermögenssteuer) - Das Reich übernahm die Staatsschuld der Länder Die Länder bekamen Gewerbe-, Grund- und Gebäudesteuern + Zuweisungen aus den Reichssteuern. Insgesamt: Gründliche Reform der Finanzverfassung Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

13 Reichsschuld: 155 Mrd. Mark 90 Mrd. langfristig (Anleihen) = Inflationspotenzial? i l? Nein, wenn Zins/Tilgung durch Steuereinnahmen gedeckt sind Ja, wenn nicht ih durch Steuereinnahmen Gedeckt 65 Mrd. kurzfristig = Erhöhung der Geldmenge (5x) = Inflationspotenzial 1919: Z/T = 126 % der Steuereinnahmen Variante a = Z/T durch neue Schulden = Inflationspotenzial Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

14 Variante b: Langfristige und kurzfristige Schuld wird mit Steuereinnahmen bedient (= Zins und Tilgung durch Steuern gedeckt) Steuereinnahmen müssen drastisch steigen Vergleich heute: Steuereinnahmen ~ 500 Mrd. Euro Zinsausgaben ~ 64 Mrd. Euro (~ 12 %) 1919: 126 % der Steuereinnahmen für Zins/Tilgung wenn 26 % der Steuereinnahmen für Z/T Steuereinnahmen müssen um 100 % steigen Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

15 Konkrete steuerliche Maßnahmen: 1. Ausdehnung der indirekten Besteuerung - Umsatzsteuer: bisher 0,5 % jetzt 1,5 % - Luxusgüter Luxusgüter : 15 % - Erhöhung der Tabak-, Zündwaren- und Spielkartensteuer - Erhöhung einer Exportsteuer 2. Einkommensteuergesetz (plus Körperschaft- und Kapitalertragssteuer) im März Neu: Der Arbeitgeber zieht die Lohnsteuer ein (Quelle) - Drastische Anhebung der Steuersätze: z.b. früher preußische Einkommensteuer max. 4 % jetzt bis max. 60 % Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

16 3. Abschließende Kriegsbesteuerung ( ) a) Außerordentliche Kriegsabgabe für das Rechnungsjahr 1919 b) Kriegsabgabe vom Vermögenszuwachs c) Reichsnotopfer (einmalige Vermögensabgabe) steigende Sätze von 10 % (ab Mark) bis 65 % (ab 7 Mio. Mark) Damit sollte etwa 1/3 des Volksvermögens abgeschöpft werden Kapitalstock der deutschen Wirtschaft Sozialprodukt 1913: 256 Mrd. Mark 1913: 49 Mrd. Mark. Ein beispielloser i steuerlicher Eingriff iff in der Finanzgeschichte ht Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

17 Mit dieser abschließenden Kriegsbesteuerung, vor allem mit dem Reichsnotopfer sollte die Reichsschuld getilgt werden (~ 155 Mrd. Mark) Das Reichsnotopfer musste in bar entrichtet werden. War dies sinnvoll? Diese Beträge sofort aufzubringen war vielen nicht möglich, deshalb Ratenzahlung: bis zu 28 ½ Jahre (bei Grundbesitz über 47 Jahre) Worin bestanden die Vor,- und Nachteile? Tatsächliche Entwicklung: Die Ratenzahlungen verloren immer mehr an Wert, weil sich die Inflation beschleunigte. Anfang 1920: 1$ = 99 Mark Januar 1919: 1$ = 8,9 Mark Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

18 Von den Ratenzahlungen waren bis 1922 nur etwas über 1 Mrd. Mark (in Goldmark) eingegangen. Bis 1922 war also die Inflation fortgeschritten. Eigentlich überraschend, denn folgende Maßnahmen sollten dem entgegenwirken: - die Erhöhung der indirekten Steuern (Verbrauchssteuern) - Einführung der Lohnsteuer (März 1920) erhebliche Mehreinnahmen für den Staat (Reich), was dazu führte, dass Ausgaben in höherem Maße gedeckt werden konnten Stabilisierung der Währung Sommer 1920: 1 $ = 40 Mark Januar 1920: 1 $ = 99 Mark Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

19 Allerdings: 1 $ = 99 Mark war wirtschaftlich nicht berechtigt, sondern... Illusorische, exorbitant hohe Reparationsforderungen der Alliierten Bis Sommer 1920 wurde eine relative Stabilität der Mark erreicht. Grund: Wirksame Finanzpolitik - Steuererhöhung - Keine drastischen Mehrausgaben Reduzierung der Geldmenge (tendenziell) Jedoch steigerte sich in dieser Zeit die Furcht vor der Arbeitslosigkeit. Dies rührte v.a. aus der Tatsache, dass es in den USA und Großbritannien eine hohe Arbeitslosigkeit gab. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

20 Warum trat dies nicht in Deutschland ein? Hier hatte nach dem Krieg die Vollbeschäftigung absolute Priorität - 10 Millionen Soldaten drängten auf den Arbeitsmarkt - Problem der Umstellung auf Friedensproduktion - Abtrennung von Gebieten (Ostpreußen, Posen usw., Elsaß-Lothringen, insges. 13 % der Staatsfläche 10 % der Bevölkerung - Besetzung des Rheinlandes - bis Juni 1919 Blockade (keine Rohstoff-Importe!) Schwere Behinderung der Produktion Lösung: Staat t und Unternehmer mussten zusammenarbeiten Staat brauchte die Mithilfe der Unternehmer Staat konnte seine Ausgaben nicht drastisch senken Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

21 Warum gab es Hilfe für Unternehmer? Die Unternehmen hatten hohe Anleihen gezeichnet. - drohender Verlust, geringe Liquidität Die Unternehmer mussten (seit 1880er Jahre) Beiträge für die Sozialversicherung (Kranken-, Unfall, Renten-Versicherung) leisten; Die Versicherungen hatten ebenfalls hohe Anleihen gezeichnet - Gefahr für die Lebensversicherungen (z.b.) Kurzum: Die Unternehmen mussten entlastet werden keine sofortige Barzahlung der Vermögensabgabe, sondern Ratenzahlung Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

22 Konsequenz: Es wurde (volkswirtschaftlich) nicht genügend Kaufkraft abgeschöpft (= zu wenig Geld stillgelegt) Weiterhin Inflationspotential Staat Die Einnahmen wurden erhöht, aber ebenso die Ausgaben (ab Frühjahr/Sommer 1920 v.a. wegen der Furcht vor Arbeitslosigkeit) Ausgaben: Demobilisierung im weitesten Sinne, z.b. - Arbeitslosenunterstützung (½ Reich, ½ Länder/Gemeinden) - Stundung von Steuerschulden -staatliche tli Kredite - Unterstützung für Witwen, Kriegsbeschädigte usw. staatliche Projekte (z.b. Bau) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

23 Folge: Kurzfristige Schulden des Reiches: März 1919 = 64 Mrd. Mark März 1920 = 92 Mrd. Mark Bargeldmenge (Banknoten, Darlehenskassenscheine): März 1919 = 30 Mrd. Mark März 1920 = 59 Mrd. Mark Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

24 Vorläufiges Fazit (Frühjahr/Sommer1920): Reichsregierung und Reichsbank ahnten die möglichen Folgen (Inflationstendenz), aber: 1. Von Januar 1920 bis Sommer 1920 Währungsstabilisierung 2. Ab Sommer wachsende Furcht vor Arbeitslosigkeit (USA, GB) Beschäftigungspolitik hatte Vorrang Befürworter: Gewerkschaften Arbeitsminister Brauns (Zentrum) Preußischer Ministerpräsident Braun (SPD) staatliches Beschäftigungsprogramm Haushaltsjahr 1921: 3,7 Mrd. Mark für Wohnungsbau Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

25 Argumente der Reichsbank: Diese Ausgaben (z.b. Wohnungsbau) können nicht mit Steuern finanziert werden weitere Kredite Geldschöpfung Inflation, deshalb weniger Ausgaben. Reichsbank also gegen dieses Programm. Warum war die Reichsbank in Sorge? Zunächst die Verfassung der Reichsbank (Geldschöpfung!) Die Verfassung war grundsätzliche in Ordnung: Deckungsvorschrift: 1/3 Primärdeckung (für Geldmenge) 2/3 Sekundärdeckung (für Geldmenge) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

26 Ursprünglich (seit 1875) bestand die Primärdeckung aus Gold und Devisen, die Sekundärdeckung aus guten Handelswechseln Juni 1919: Primärdeckung:12 % Gold 88 % Darlehenskassen-Scheine (= Schuldtitel der bei Kriegsbeginn gegründeten Darlehenskassen; = Geldsurrogat; = Kredite an Wirtschaft, Länder, Kommunen) Sekundärdeckung: fast 100 % Schatzanweisungen (des Staates) fast keine Handelswechsel Die Deckungsvorschrift war nach dem Gesetz eingehalten, aber kaum mehr wirtschaftlich fundiert Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

27 Die umlaufende Geldmenge nur noch zu ~ 4 % in Gold gedeckt. Die Reichsbank lehnte deshalb die Finanzierung des Bauprogramms (für 1921) ab. Aber: Breiter politischer Konsens für Beschäftigungspolitik Regierung vom : Reichskanzler H. Müller (SPD) Wirtschaftsminister Schmidt (SPD) Finanzminister Wirth (Zentrum) weitere Minister auch von der DDP Regierung vom : Reichskanzler Fehrenbach (Zentrum) Wirtschaftsminister Scholz (DVP) Finanzminister i i Wirth (Zentrum) weitere Minister von Zentrum, DDP, DVP Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

28 Deshalb: Der Reichskanzler (Fehrenbach) machte von seiner Weisungsbefugnis gegenüber der Reichsbank Gebrauch 4. Mai 1921: Reichstag ohne Gegenstimmen (!): Reichsbank ist vom von der Primärdeckung gemäß Bankgesetz von 1875 befreit Reichsfinanzminister konnte ungehindert kurzfristige Notenbankkredite in Anspruch nehmen Was passierte jetzt? Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

29 Seit 1921 sank das Steueraufkommen real Grund: wachsende Geldentwertung (Inflation) Steuereinnahme kleiner als die geforderte Steuersumme Anteil der steuerfinanzierten Ausgaben sank Logische Folge? Anteil der (kurzfristigen) Verschuldung stieg Entwicklung der kurzfristigen Verschuldung: März 1919: 64 Mrd. M. März 1920: 92 Mrd. M. Banknotenumlauf 45 Mrd. M. März 1921: 166 Mrd. M. Banknotenumlauf 131 Mrd. M. März 1922: 272 Mrd. M. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

30 Fazit: Seit Sommer 1920 langsame Inflation Seit Sommer 1921 deutliche Inflation Ursache: - Kurzfristige Verschuldung des Reiches - Vermehrung der Geldmenge Aber: Es blieb nicht bei der Geldmengen-Vermehrung Was ist noch wichtig im Zusammenhang mit Geld? Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes! Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

31 Folgende logische Kausalkette: Kurzfristiger Kaufkraftschwund (in Tagen messbar) kein bargeldloser Zahlungsverkehr (Warum?) keine Schaffung von Buchgeld bei Banken hohe Zinsen für Kontokorrentkredite Juli 1922: 50 % Für den geldtheoretischen Laien ein erstaunliches Phänomen: Trotz großer Geldvermehrung gab es eine Kreditkrise! Grund: Sehr hohe Umlaufgeschwindigkeit des Geldes Historische Erfahrung: Bei Inflation immer der Fall Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

32 Wie versuchte man diese Kreditkrise zu lösen? Reichsbank empfahl: Handelswechsel diskontieren War das für die Unternehmer lohnend? Diskontsatz: Dezember 1914: 5 % ab Juli 1922: 10 % Wechselkredit enorm günstig Bestand an Handelswechseln im Portefeuille der Reichsbank: Anfang 1922: Ende 1922: Ab Juli 1922: 1 Mrd. Mark 422 Mrd. Mark Hyperinflation Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

33 Allerdings: Es bestanden noch Hoffnungen auf allmähliche Stabilisierung Dann 2 Ereignisse: 1. Reparationen 2. Ruhrkampf (Besetzung des Ruhrgebietes und passiver Widerstand der Bevölkerung) Indikator Wechselkurs ($): Januar M Sommer 1920: 40 M Januar 1922: 192 M Juli 1922: 420 M Große Reparationsleistung i Ermordung ( ) W. Rathenaus (Außenminister) Dezember 1922: M Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

34 Im November und Dezember 1922 orientierte sich der Dollar-Kurs am Stand der Verhandlungen über die Reparationen: Tagesnotizen zwischen und Kapitalflucht, (Devisenspekulationen) teilweise Devisenbewirtschaftung 2. Januar 1923: 1 $ = M 11. Januar 1923: 1$ = M 31. Januar 1923: 1 $ = M Was war geschehen? h Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

35 11. Januar 1923: Einmarsch von französisch-belgischen Truppen in das Ruhrgebiet Reaktion der Bevölkerung: Passiver Widerstand Es drohte ein völliger Verfall der Währung Reichsbank versuchte die Mark zu stützen: Anfang Februar 1923: Kauf von Mark-Beträgen auf den Devisenmärkten in Berlin, New York, London und Amsterdam (mit Gold und Devisen von der Reichsbank) Innerhalb von 14 Tagen wurden 105 Mio. Goldmark (= 25 Mio. $) ausgegeben. Ergebnis: 1 $ = Mark ( : M) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

36 Diese Käufe haben vor allem die Spekulationsbeträge (zwischen den einzelnen Börsen) aufgesogen. Deshalb wurden weitere Interventionen nötig: : Ausgabe von 460 Mio. Goldmark für Stützungskäufe Ergebnis: $-Kurs schwankte um Mark Stabilisierung auf diesem Niveau Durch den Ruhrkampf musste sich das Reich weiter verschulden Zerrüttung der Reichsfinanzen Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

37 Kurzfristige Reichsschulden: März 1919: 64 Mrd. M. März 1922: 272 Mrd. M. Nov. 1923: 191 x 1018 M. (= 191 Trillionen) (= Mrd. M.) Geldmenge: Herbst 1923: Banknoten Buchgeld Notgeld 500 x 1018 Mark 500 x 1018 Mark 200 x 1018 Mark Notgeld vieler Gemeinden und Unternehmen z.b. Lederstücke, Plastikstücke, Bedrucktes Papier Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

38 Devisenkurs: April 1923: 1 $ = Mark Juni 1923: 1 $ = Mark Juli 1923: 1 $ = Mark August 1923: 1 $ = Mark Sept. 1923: 1 $ = Mark Okt. 1923: 1$ = Mark (Mrd.) Anf. Nov. 1923: 1 $ = Mark (Billion) 20. Nov. 1923: 1 $ = Mark Der Dollarkurs deutet nur die Größenordnung der Geldentwertung (Inflation) an. Wechselkurs zeigt den Außenwert des Geldes an. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

39 Binnenwert = Kaufkraft im Inland, gemessen an verschiedenen Größen, insbesondere Kosten für die Lebenshaltung Geldentwertung gemessen an den Lebenshaltungskosten: 1918: 25 % (gegenüber dem Vorjahr) 1919: 70 % ( ) 1920: 244 % 1921: 65 % 1922: % 1923: ~ % praktisch nur noch Naturaltausch 1 Liter Bier80 Milliarden Mark 1Lit Liter Milch 80 Milliarden Mark 1 Zigarette 6-25 Milliarden Mark Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

40 Die innere und äußere Geldentwertung verlief nicht immer parallel, z.b. bis Mitte 1919: Juli bis Dez. 1922: äußere G. - Entwertung niedriger äußere G.- Entwertung größer Grund: Internationale Einschätzung der Stabilität der Mark Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

41 Ursache für die inflationäre Entwicklung: Geldvermehrung: Sommer 1920: mäßige Vermehrung relativ gebremste Inflation Sommer Sommer 1921: mäßige Vermehrung langsame Inflation Sommer Ende 1922: immer größere Geldvermehrung Übergang (Mitte 1922) zur Hyperinflation Frühjahr h Nov. 1923: ungebremste Vermehrung Hyperinflation Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

42 Ursache für die Geldvermehrung: Wachsende Staatsverschuldung (kurzfristig) Ursachen der Staatsverschuldung: 1. Fehlende Konsolidierung der Kriegsverschuldung (keine Streichung der Staatsschulden Reichsnotopfer, Sondersteuern und Steuererhöhungen reichten nicht aber: politischer Aspekt!) Streichung der Staatsschulden hätte zu einer Revolution geführt 2. Wachsende Staatsausgaben Demobilisierung (z.b. Sozialausgaben) Beschäftigungsprogramme Reparationen Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

43 Das Problem der Reparationen Anfängliche Forderung Januar 1919: Mrd. Mark Juni 1920: 269 Mrd. Mark Januar 1921: 248 Mrd. Mark April 1921: 132 Mrd. Mark (31,5 Mrd. $) J.M. Keynes, Wirtschaftsexperte der englischen Delegation, meinte: Offenbar geht es darum, den deutschen industriellen Vorsprung gegenüber Frankreich auszugleichen; Forderungen unrealistisch 29.Jan 1921: Pariser Beschlüsse - Frankreich 52 %, GB 22 %, Italien 10 %, Belgien 8 %, andere zusammen 8 % - Zhl Zahlungsplan: l 2S Serien 5%Shld %-Schuldverschreibungen h á50mdm Mrd. Mark 1 Serie zinslose Schuldverschreibung über 82 Mrd. Mark 5. Mai 1921: Londoner Ultimatum Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

44 Die entscheidenden Probleme: 1. Aufbringung der Leistung 2. Transfer der Leistung Zu 1.: Aufbringung: Potenzielle Möglichkeit: Hohe Besteuerung (= Anteil des Staates am Sozialprodukt = Verminderung des privaten Konsums) Diese Maßnahme aber unrealistisch, da politisch nicht durchsetzbar Realistische Möglichkeit:... Kreditaufnahme bei der Reichsbank Wirkung: Erhöhte Geldmenge Preissteigerungen Senkung des Realeinkommens größerer Anteil des Staates am Sozialprodukt (Verwendung für Reparationen) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

45 Zu 2.: Transfer Verschiedene Möglichkeiten [z.b.: a) Alliierte bestellen Waren in D. Regierung kauft (mit den Krediten) Regierung liefert an Alliierte b) Alliierte bekommen Mark-Guthaben] Alle Möglichkeiten laufen auf folgendes hinaus: Gratisexport deutscher Güter. Genau dies war der problematische Punkt: Die wichtigsten Siegerstaaten (F, GB) hatten wie Deutschland eine hoch industrialisierte Volkswirtschaft (ähnliche Produktions- und Exportstruktur). Sachlieferungen hätten Beschäftigungsprobleme in F, GB bedeutet. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

46 Laut Friedensvertrag mussten neben Geld- auch Sachleistungen erbracht werden: z.b. 900 Hochseeschiffe (= alle) Lokomotiven (27 % des ges. Bestandes) Eisenbahnwaggons (23 % des ges. Bestandes) Lastwagen (50 % des ges. Bestandes) 54 Mio. Tonnen Kohle (= ca Züge zu je 50 Waggons) Zug von ~ km Länge Pferde Rinder Schafe Ziegen Zuchtsauen Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

47 Seit 1919 wurden neben Geld- auch beträchtliche Sachleistungen erbracht. Was die Gläubigerstaaten aber wirklich interessierte: Barzahlung in Devisen Wie bekommt Deutschland (und jedes andere Land der Welt) Devisen? Exportüberschuss Man muss also exportieren Das geht aber nur, wenn... andere Länder bereit sind zu importieren. Was ist, wenn die wichtigsten Handelspartner (z.b. F, GB) hohe Zollschranken errichten? Genau das war der Fall Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

48 Die Reichsregierung bemühte sich deshalb eifrig, Devisen am Devisenmarkt zu kaufen und zwar mit frisch gedruckten Reichsbanknoten. Folge? Der Kurs der Mark fiel (umgekehrt z.b. $ - Kursanstieg). Deutsche Exporteure konnten auf ausländische Märkte vordringen. Dies stieß jedoch nicht auf Begeisterung in Frankreich, Belgien und Italien. - Anfang 1923 erklärten diese Länder (gegen den Widerstand Englands), Deutschland sei mit Kohle- und Holzlieferungen im Verzug (tatsächlich t h nur minimal) i Januar 1923: Besetzung des Ruhrgebietes Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

49 Wie hoch waren die Reparationsleistungen bis zum ? Deutschland: Alliierte: 42 Mrd. Goldmark 10 Mrd. Goldmark J.M. Keynes u.a.: 26 Mrd. Goldmark, aber höhere Bewertung möglich, da die Preise in Deutschland und in den Empfängerländern verschieden waren Wie wurden die Devisen transferiert? Jährliche Raten:2 Mrd. Mark (2 fixe Halbjahresraten) + 26 % des Wertes der deutschen Exporte (variabel) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

50 Wie realistisch war diese Größe? Export 1921: 3,8 Mrd. Mark 2Mrd Mrd. Mark(fixeRate) + 1 Mrd. Mark (variabler Teil, 26 % von 3,8 Mrd. M.) = 3 Mrd. Mark = 80 % des gesamten Exportwertes 80 % der gesamten Exporterlöse für Reparationsleistungen unrealistisch 1921Zahlungsverzug ( Londoner Ultimatum) 1922Senkung der Rate auf ca. 1,5 Mrd. Mark Meinung Englands: Meinung Frankreichs: D. ist zahlungsunfähig D. ist zahlungsunwillig Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

51 Die Reparationen in bar (Devisen) hatten natürlich einen großen Einfluss auf die Inflation, denn: Die Reparationsleistung (3 Mrd. M. jährlich) wurde nicht durch zusätzliche Steuern aufgebracht (also nicht Verminderung des Einkommens), sondern durch Geldschöpfung (Reichsbank). Mit diesem Geld kaufte die Regierung die Devisen (sinkender Wechselkurs der Mark) Ursache der Inflation: Rapide Geldvermehrung: a) Staatsausgaben allgemein b) Reparationen Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

52 Etappen der Reparationsleistungen: 29. Januar 1921 Pariser Beschlüsse: 226 Mrd. Goldmark (GM) in Raten bis Mrd. GM (nicht festgesetzter Posten) + 12 % des Wertes des Exports (Gegenwartswert 1921: 56 Mrd. GM, Zinssatz 8%) Angebot Deutschlands: Gegenwartswert 50 Mrd. GM, Zinssatz 5 % + Anrechnung der bisherigen Leistung von 20 Mrd. GM + Statt 12 % des Exportwertes: Zusatzleistungen bei steigendem Volkseinkommen k Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

53 Die Alliierten sahen die Reparationsforderung als Diktat, nicht als Vertrag - nach der Weigerung D. Besetzung von Düsseldorf und Duisburg - Londoner Ultimatum 5. Mai Geänderter Plan: 132 Mrd. GM + 26 % des Exportwertes Auch dieser Plan nicht durchführbar ( Stundungen, Umwandlungen) Dawes-Plan am 1. September 1924 (Dazu später mehr) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

54 Zurück zur Inflation 1923 Zur Erinnerung: Devisenkurs Inflationsrate (gegenüber Vorjahr) Aug. 1923: 1 $ = M % Sept. 1923: 1 $ = M % Okt. 1923: 1 $ = 25 Mrd. M % Anfang Nov. 1923: 1 $ = 2,2 Billionen M ,87 Mrd. % 20. Nov. 1923: 1 $ = 4,2 Billionen M Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

55 Indikatoren und Folgen der Inflation: Spätestens seit 1921/22 verlor die deutsche Währung (M) ihre Funktion als Wertaufbewahrungsmittel Immer mehr Unternehmen fakturierten in fremder Währung (Bezahlung in Devisen) fremde Währungen übernahmen in D. die Geldfunktionen : - Gesetz gegen Devisenspekulation - Einzelhandel (u.a.) musste seine Verkaufspreise in Mark angeben Reaktion des Einzelhandels: Preis in Mark und Multiplikator (hing vom Kurs $ zu Mark ab) Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

56 Diesem Verfahren schlossen sich alle an (die in Mark rechnen mussten), z.b. Krankenkassen [Beiträge nach Grundzahlen (fix) und variabler Schlüssel-zahl ] Löhne: Grundbetrag und Multiplikator Index für Ärzte Indexziffer für Gerichtskosten Einige Preise 1923 (Berlin) in Mark: 1 kg Roggenbrot 1 kg Rindfleisch Mrd. 240 Mrd Mrd. 4 Bio. 800 Mrd. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

57 Beispiele aus dem täglichen Leben: Im Oktober/November 1923 wurden die Bankfilialen täglich mit Wagenladungen voll Geld beliefert (Geldscheine: u.a Millionen Mark). Größere Unternehmen holten Geld von der Bank für Lohnzahlungen mit Lastkraftwagen oder Pferdefuhrwerken, kleinere Unternehmen holten das Geld in Waschkörben oder Kinderwagen. Banken brauchten die doppelte Anzahl von Angestellten. Warum? um Geld zu zählen Nach der Lohnzahlung wurde der Arbeitsprozess unterbrochen, damit Arbeiter und Angestellte sofort etwas kaufen konnten. Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

58 Lange Schlangen vor den Läden (zeitraubendes Zählverfahren bei jedem Kauf). Gaststätte/Café: Bei der Bestellung 1 Tasse Kaffee kostete diese (z.b.) 5000 M; wenn der Kellner die Rechnung brachte 8000 M. In ländlichen Gegenden (weniger Läden) kehrte man zum Naturaltausch zurück,allmählich auch in Städten: 1 Haarschnitt kostete 4 Eier 1 Beerdigung (Bestattung) mit Predigt: 40 Eier 1 Kinobesuch: 2 Briketts Arzthonorar z.b. 1 Flasche Wein oder 1 Pfund Butter Teil 1: Die Weimarer Republik Ursachen und Verlauf der Inflation von

1929: Anlage-Investitionen 1,2 Mrd. RM (1928: 2,1 Mrd.) Lager-Investitionen./. 1,0 Mrd. RM (1928: 2,0 Mrd.)

1929: Anlage-Investitionen 1,2 Mrd. RM (1928: 2,1 Mrd.) Lager-Investitionen./. 1,0 Mrd. RM (1928: 2,0 Mrd.) 3. Die Weltwirtschaftskrise 1929-1933 3.1. Der Verlauf der Krise 1928: Indizien für das Ende des Konjunkturaufschwungs: Anlage-Investitionen + 12 % Lager-Investitionen./. 42 % 1929: Anlage-Investitionen

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