31. März und 1. April 2014

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1 31. März und 1. April 2014 Veranstalter: Landhotel Yspertal und Institut für Zukunftskompetenzen Veranstaltungsort: Höhere Lehranstalt für Umwelt und Wirtschaft, Yspertal Landhotel Yspertal Thema Woher nehmen, wenn nicht stehlen: Finanzierungsmöglichkeiten für alternative Projekte und Unternehmen Begrüßung: Tun statt auf der Schwelle treten und gegen Zukunftsängste aktiv werden durch Dialog mit best practice Beispielen. Über dieses Zukunftsrezept waren sich die Veranstalter ebenso einig wie Johann Zechner, Gründer und Leiter der Höheren Lehranstalt für Umwelt und Wirtschaft, Karl Moser, Bürgermeister der Marktgemeinde Yspertal und Abgeordneter zum NÖ-Landtag sowie Christof Kastner, Obmann des Wirtschaftsforums Waldviertel. Wolf Lotter, Mitgründer des Wirtschaftsmagazins brandeins, eröffnete als Key Note Speaker die Veranstaltung, die mit rund 100 Teilnehmenden die Erwartungen der Veranstalter übertroffen hatte, und hielt ein Plädoyer für den konstruktiven Streit. Er leide, dass zu viel gewusst und zu wenig diskutiert wird, dass Positionen behalten werden, bis Essen auf Rädern kommt. Die Auseinandersetzung mit Ökonomie stünde seiner Ansicht nach ganz oben auf der Liste der aktuellen Notwendigkeiten. Erfolge auf materiellem Gebiet könne man nicht bezweifeln, wir seien aber trotzdem nicht glücklich, Systeme seien dafür aber nicht zuständig, sondern die Individuen selbst. Zukunft zu gestalten habe es früher nicht gegeben, vielfach sei es daher auch eine Überforderung. Es werden uns viele Entscheidungen abverlangt, die aber kulturell gar nicht vorgesehen seien. Lotter fragte rhetorisch in die Runde: Können wir damit leben, dass wir in einer Gesellschaft leben, die mehr Angebot hat als wir glauben zu brauchen? Lernen wir die Technik des richtigen Auswählens oder sagen wir, es muss alles weniger werden? Er machte klar, dass er von Letzterem nichts halte, sondern dass wir lernen müssen, mit Überflüssen umzugehen und Entscheidungen zu treffen und in den gesellschaftlichen Diskurs einzutreten, was der Einzelne braucht. Es müsse eine eigenverantwortliche Ökonomie entwickelt werden und dazu brauche es Mut zur Auseinandersetzung und den Willen, sich mit Finanzierungsfragen zu beschäftigen mit der zentralen Frage dahinter, ob andere bereit seien an das zu glauben, was einem wichtig ist. Tage der Zukunft/Dokumentation 1

2 THEMENBLOCK: NEUER WOHN- UND ARBEITSRAUM Genossenschaftlicher Vermögenspool Ronald Wytek meinte, viele Menschen wüssten, was ein gutes Leben sei und was sie wollen, sie seien aber nicht kreditwürdig und die Möglichkeit Geld zu bekommen sei geringer geworden. Vermögenspool-Erfinder Dr. Markus Distelberger habe mit dem Vermögenspool, einem Werkzeug solidarischen Wirtschaftens mit klarer Vertragsstruktur, eine legale Variante geschaffen um Realwerte wie etwa Grundstücke finanzieren zu können. Im Grunde ginge es nur darum, wie das Geld, das ja vorhanden sei, auf legalem Weg zur Innovation kommt. Wie funktioniert der Vermögenspool für die Geldgeber? Ein Geldgeber borgt Geld, wird damit Gesellschafter (VPI-angepasst), bekommt keine Zinsen. Geldgeber sind außerodentliche Mitglieder ohne Stimme (bei Vereinen) bzw. stille Gesellschafter. Bei Ausstieg bekommt der Geldgeber 10 % (VPI gesichert), der Rest ist erst in 3 Jahren möglich. Wie funktioniert der Vermögenspool für die Projekte? 90 % des Pools werden investiert = Anlagevermögen; 10 % Liquiditätsreserve für Aussteiger. Jedes Projekt bedarf eines eigenen Vermögenspools, wirbt für sich selbst, hat einen eigenen Vertrag und arbeitet mit einem eigenen Treuhänder. Jeder Projekt-Pool ist eine eigene juridische Person und ist im Grundbuch eingetragen Was ist die Motivation, Geld zu geben? * Regionalmarkt/Gemeinwohl zu fördern versus undurchsichtiger Finanzmarkt * Realer Gegenwert wird geschaffen (statt Finanzblasen) * aktive Förderung von gesellschaftlichen Innovationen bei hoher Transparenz und persönlicher Beziehung zum Projekt * Sicherheit Treuhänder-Abwicklung Wie steigt man ein? 1-Tages-Workshop: Kosten: 100 Euro, Anmeldung unter: Tage der Zukunft/Dokumentation 2

3 Baugenossenschaft mehr als wohnen Monika Sprecher teilte ihre Erfahrung, ein Baugenossenschaftsprojekt funktioniere nur, wenn man sich extrem gut vernetzt und redet. Wenn man überzeugt ist von seiner Idee und dran bleibt. Das genossenschaftliche Wohnprojekt in Zürich mit 13 Häusern, 400 Wohneinheiten und 185 verschiedenen Wohnungstypen sowie einem Gästehaus mit 20 Zimmern und einer Erdgeschosszone mit Gewerbeflächen sei ein Leuchtprojekt, über das sie als Mitinitiatorin jede Woche zahlreiche Vorträge halten könne. Besondere Aufmerksamkeit fand die Tatsache, dass das Siegerteam der Architekten ein ganz junges Frauenteam war und sich alt eingesessene Professoren dem dialogischen Prinzip unterordnen mussten. Ein Dialog könne ganz schön anstrengend sein, wie man dennoch motiviert bleibt, beschreibt sie so: Werdet wieder Kinder. Probiert es doch mal aus. Spielt es einmal durch. Wirklich spielen und nicht denken. Die Arbeit muss FREUDE machen! Wir allen haben nur eine Chance, wenn wir uns bewegen. Mit wem und wie führt ihr Dialog? Wir haben von oben nach unten organisiert. Eine Person macht jetzt ausschließlich Begleitung, auch mal Mediation, wenn notwendig. Was heißt nachhaltig für euch? Auf ökonomischer Ebene wurde bewiesen, dass es möglich ist, kostengünstig zu arbeiten und neu zu bauen, auf ökologischer Ebene wollen wir eine Nachhaltigkeitswohnung, wo auch Leute von außen kommen können. Für das Soziale haben wir eine Gemeinschaftsküche und eine Satellitenwohnung. Wie sehen die Kosten für die zukünftigen Bewohner aus? 6% Eigenkapital. 250 Schweizer Franken /m2. Es gibt Stellen, die helfen diese Mittel aufzustellen. Beim Anteilkapital gilt: 1 Stimme, egal wie viel Eigenkapital hineinfließt. Miete ist extra! Gibt es Werkzeuge, die ihr für den Gründungsprozess verwendet? Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, Art of Hosting, Gruppenlernen Wie habt ihr eure Ziele ausformuliert, wie wurden die Gemeinsamkeiten gefunden? ECHO Räume. Open Space. Information. Anfangs gab es viele Menschen, die nie dort wohnen werden, die den Prozess spannend fanden. Jetzt gibt es ständige Dialoge mit zukünftigen BewohnerInnen. Was ist die Herausforderung? Die Kunst ist es, offen und innovativ zu bleiben und dennoch auch klassische Immobilienverwaltung zu machen. Was würdest du anders machen? Ich würde früher für mehr personelle Kapazitäten sorgen und das immer wieder thematisieren. Tage der Zukunft/Dokumentation 3

4 Wohnprojekt Wien Heinz Feldmann und Eva Maria Haas Einen vernünftigen ökologischen Fußabdruck im städtischen Raum zu hinterlassen, war eine Motivation für die Gründung des Wohnprojekts Wien. Mit Instrumenten wie Soziokratie und Dragon Dreaming wurde Gemeinschaftsbildung gestaltet. Gemeinschaft zu erfahren, betrachten die Vertreter des Wohnprojekts als Kapital, auf das sich auch aufbauen lässt. Die Absicht war außerdem, nicht nur ein Gemeinschaftswohnprojekt für Besserverdiener zu bauen. Deshalb war auch eine Förderung der Stadt Wien notwendig. Dazu muss man ein gemeinnütziger Bauträger sein. Das wollten sie nicht, denn dann müsse man alle zwei Jahre bauen. Und eine Genossenschaft zu gründen, sei sehr schwierig für eine kleine Gruppe in Österreich. So wurde ein Verein als österreichische Version der Genossenschaft gegründet. Österreichische Banken seien nach und nach weggebrochen, schließlich klappte die Finanzierung in der Zielgeraden mit der GLS-Bank in Deutschland. Offiziell sind sie ein Wohnheim, damit sie eine Stellplatzverpflichtung von nur 10 Prozent haben. Stattdessen konnten sie Gemeinschaftsräume schaffen. Warum hat man sich an die GLS-Bank gewendet? Es war ein großer Vorteil, dass sie sich definitiv selber zu Wohnprojekten committen. Sie hätten viel Erfahrung in Deutschland. Das Problem war, dass sie nicht sicher waren, ob sie nach Österreich gehen wollen, weil es hier einen anderen Rechtsstatus gäbe und ob sie sich das antun wollen. Die Bank habe sehr viele Fragen gestellt und war nicht leicht zufrieden zu stellen. Dass eine Bank bei uns nicht mit voller Kreditsumme in den ersten Rang kommen kann, hat österreichische Banken abgeschreckt. Durch die vielen Fragen hat die GLS Bank verstanden, worum es ihnen geht und wie es sich ausgeht. Ihnen war der Grundbucheintrag im ersten Rang nicht so wichtig, sondern dass das Haus voll ist und die Mieten bezahlt werden. Ein anderes Wohnprojekt in Gründung erzählte, dass sie auch mit der GLS Bank verhandelt hätten, sie aber sehr zurückhaltend gewesen wäre und dass es sehr schwierig wäre, wenn man es eilig hätte. Sie wollten im Grunde nicht schon wieder ein österreichisches Projekt. Wie verlief der Aufnahmeprozess? Es war ein mehrstufiger Prozess mit Fragebögen und Interviews. Zwei Drittel der Wohnungen waren nach einem Großgruppentreffen dann vergeben. Nach einer weiteren Runde das letzte Drittel. Bei der Aufnahme wurden verschiedenste Kriterien berücksichtigt: Durchmischung von Jung und Alt, unterschiedliche berufliche Hintergründe und Herkünfte und auch welche Wohnungsgrößen gebraucht werden. Auf jeden Fall gab es mehr spannende Leute als Wohnungen, sodass zuletzt per Los ausgewählt wurde. Ablehnungen wurden oft noch nach Jahren als Verletzung empfunden. Was gibt es Gemeinschaftliches? Mobilitätspool mit Autos, Laufrad und Lastenauto. Gemeinschaftssauna, Gästeappartments, damit man nicht in der Wohnung Gästezimmer haben muss. Gemeinschaftsküche. Mittagstisch, der von 2er-Teams gekocht wird. Funktioniert sehr gut. Warum wurde ein Verein gegründet? Genossenschaft wäre ihnen lieber gewesen, aber Genossenschaft zu gründen sei sehr kompliziert. Tage der Zukunft/Dokumentation 4

5 Kann man noch weitere Nachbarhäuser dran hängen? Feldmann: Ja, wir müssen aber erst mal verdauen, dass wir im Paradies angekommen sind. Christine Amon-Feldmann erläutert in einem Vortrag die Werkzeuge der Wertschätzung, die unter anderem auch in dem von ihr mitgegründeten Wohnprojekt Wien zur Gemeinschaftsbildung zum Einsatz kamen. Grundsätzlich gehe es darum, die Weisheit der Gruppe zu nutzen, nicht recht zu haben. Soziokratie betrachtet jedes Mitglied als gleichwertig. Im Mittelpunkt steht der Konsent in der Beschlussfassung. Das ist Zustimmung ohne schwer wiegenden Einwand. Mehrere Wohnprojekte, aber auch Firmen setzen Soziokratie ein. Redestabrunden im Kreis garantieren, dass die Person mit Stab beim Reden nicht unterbrochen wird. Dragon dreaming ist geeignet zur Verwirklichung von Visionen, Träumen und Projekten Systemisches Konsensieren wird angewandt, wenn es mehrere gleichwertige Vorschläge gibt. Diese werden von der Gruppe mit Widerstandspunkten bewertet. Der mit der geringsten Ablehnung wird zum Konsent gestellt. Tage der Zukunft/Dokumentation 5

6 Mietshäusersyndikat Stephan Metze, Gunter Kramp Das Mietshäusersyndikat gibt es bereits in 40 deutschen Städten. Erklärtes Ziel ist die Rückgabe der Entscheidungsfähigkeit zurück an die Menschen, indem selbstverwaltete Hausprojekte unterstützt werden und ein Modell geschaffen wird, damit Objekte nicht auf den Immobilienmarkt zurückgeführt werden können und das dauerhaft günstige Mieten durch einen Solidarfonds schafft. Die Anzahl der Projekte wächst schnell, mittlerweile gibt es bereits über 80 selbstverwaltete Immobilien im Syndikat Ab welcher Größe verschwindet die Selbstbestimmung? Bei 80 Hausprojekten kann nach wie vor basisdemokratisch entschieden werden, ein anderes Entscheidungsinstrument ist nicht notwendig. Derzeit gibt es 300 aktiv mitgestaltende Mitglieder. Im Syndikat gibt es zwei halbe Stellen, die für Ihre Arbeit bezahlt werden. Entstehungsgeschichte? Ein Gießereigelände in Freiburg wurde besetzt und genutzt. Das Gelände konnte gekauft werden, finanziert über Direktkredite von Verwandten und Bekannten. Höhe der Mieten? Ungefähr 80 Prozent der Vergleichsmiete am freien Markt. Die Zielgruppe ist sehr breit gestreut. Von Mittelschicht, die Geld hat, als Direktkreditgeber bis hin zu jungen Punks zwischen 15 und 25 Jahren. Referenzprojekt dafür ist Zeppelin 29, eine Gruppe von Punks, die mithilfe der Schweizer Edith Marion Stiftung eine Immobilie in Selbstverwaltung übernehmen konnten Es gab Zweifel, dass die billigen Mieten für Direktfinanzierung geeignet sind. Mit einem Standardzinssatz von 2 Prozent und Querfinanzierung - ein Projekt finanziert das andere - geht sich jedoch aus. Laufzeit der Finanzierung? 3 Monate bis 30 Jahre. In Gegenden mit stark steigenden Mieten ist das Konzept nicht zu realisieren, weil der Ankauf zu teuer ist. Gescheiterte Projekte? Ein selbstverwaltetes Projekt, das paradoxerweise gescheitert ist wegen zu starker Hierarchie, massiver Baukostenüberschreitungen und jeder Menge Fehlentscheidung. Daraus wurde gelernt, dass vom Syndikat mehr Unterstützung im Projektcontrolling notwendig ist. Tage der Zukunft/Dokumentation 6

7 THEMENBLOCK: SOLIDARISCHE ÖKONOMIE Unser G schäft in Bärnkopf Tanja Wesely, Arnold Bauernfried Als der Nahversorger in Bärnkopf/Waldviertel in Pension ging, fand sich kein neuer Pächter mehr. Daher wurde ein Verein gegründet, der das Geschäft weiterführt. Der Ursprung der Idee kommt aus einem EU-Projekt in Norddeutschland, umgesetzt wurde sie auch schon in Österreich, im Mühlviertel. Das dortige Projekt in St. Thomas am Blasenstein Vorbild. Die Umbaukosten wurden zu 70 Prozent von der Gemeinde, zu 30 Prozent von NAFES übernommen, die Erstausstattung wurde zur Gänze von Bevölkerung finanziert. Wenn, dann gehen wir alle durchs Feuer. 150 Haushalte haben 330 Bausteine à 100 Euro finanziert. Das Geld wird in Form von Einkaufsgutscheinen innerhalb von 3 Jahren zurückgezahlt. Bärnkopf ist eine überaltete Gemeinde, ältere Menschen müssten 10 Kilometer zum nächsten Nahversorger fahren. Es gibt auch viele Gäste, denen kann man auch nicht zumuten, dass sie sich frische Semmeln nicht vorort kaufen können. Außerdem geht ohne einen Nahversorger viel Kommunikation verloren. Mittlerweile gibt es einige Nachfolgeprojekte in Österreich. Gibt es Abnahmepflichten? Nein, keine. Alle Produkte können wir uns selbst aussuchen. Die Vorgängerin ist einmal in der Woche nach Linz zum Einkaufen gefahren, mit dem Nachteil, dass die Ware nicht immer frisch war. Jetzt gibt es öfter Lieferungen, die Ware ist frischer. Es können auch Produkte von wo anders gekauft werden, etwa regionale Produkte. Das ist egal. Wer macht die Arbeit? Es wurden 4 Arbeitsplätze geschaffen für Frauen aus dem Ort. Wie ist der Preis im Gschäft im Ort? Wir haben einen Warenkorb um 60 Euro verglichen. Da ist kaum ein Unterschied zu Supermarkt. Wenn man sich 2 Euro erspart, lohnen sich 8 Euro Fahrkosten nicht. Man räumt ein, man sei nicht weltfremd, natürlich kaufen Leute auch wo anders ein. Wenn aber nur gekauft wird, was im Supermarkt vergessen wurde, könnte man davon nicht leben. Durch Bausteine gibt es aber eine Kundenbindung. Der Profit ist, dass man zu Hause einkaufen kann. Wie schaut Bevölkerungsstruktur aus? Durchschnittlich sind die Einwohner zwischen 40 und 60 Jahre alt und die Schere geht nach oben auf. Das ist ein großes Handicap und daher ist auch keiner als Nachfolger des Geschäfts hergekommen. Es wurden 6000 Plus im ersten Jahr gemacht, dafür kommt keiner und betreibt ein Geschäft. Tage der Zukunft/Dokumentation 7

8 Wie wurde es geschafft, dass 100 Prozent der Haushalte mitmachen? Es wurde die Bevölkerung informiert, gefragt, wer mitmachen will? Sofort sind 12 Leute aufgestanden. Das Geschäft wurde nie ganz zugesperrt, ein Notbetrieb wurde aufrecht erhalten. Beim zweiwöchigen Umbau haben viele mitgeholfen. Auch wenn Inventur ist, helfen viele mit. Wie haltet ihr die Leute bei der Stange? Es werden immer wieder Aktionen gemacht wie Verlosungen bzw. in Gesprächen hingewiesen, wie wichtig das Gschäft für den Ort ist. Funktioniert das nur bei Gemeinden, wo man weit fahren muss? Wenn 3 km daneben ein Supermarkt ist, hätte man schon Bauchweh. Wie viele sind nicht mobil im Ort? Sicher 20 Prozent. Ältere Frauen haben oft keinen Führerschein oder wollen sich eine Autofahrt zum Einkaufen nicht antun, vor allem im Winter. Behindertenorganisation als Träger: wurde das je angedacht? Ja, schon, wurde aber nicht weiter verfolgt. Dass Damen aus dem Ort aufgenommen wurden, war schon sehr gut, denn die waren alle aus dem Verkauf. Von anderen wusste man, dass mit Quereinsteigerinnen viel schief gelaufen ist, dass etwa zu viel bestellt und dann weggeworfen wurde. Sichtbare Veränderung in Sachen Abwanderung? Das Wegziehen bringen wir damit nicht weg, aber es stabilisiert das Wir-Gefühl. Und was hätten Ältere wirklich getan, wenn es kein Geschäft mehr gibt? Tage der Zukunft/Dokumentation 8

9 Premium Cola Uwe Lübbermann sitzt irgendwann in der Badewanne, trinkt Cola und merkt, die schmeckt anders. So beginnt die Geschichte von Premium Cola. Irgendwie hat er dann das Rezept bekommen, Cola produziert und schließlich aus Versehen eine Getränkemarke ohne Büro, gesteuert von einem Internetkollektiv nach dem Prinzip der Konsensdemokratie, gegründet. Jeder, der beteiligt ist in der Kette, hat ein Mitspracherecht vom ersten Tag an. Vorschläge werden so lange diskutiert, bis sie passen. Außerdem gibt es Rabatte für Wenigbesteller statt Mengenrabatte. Und vieles mehr, das den Gepflogenheiten der Branche völlig widerspricht. Wer ist der Eigentümer des Unternehmens? Es gibt keinen Eigentümer. Die Marke gehört zwar mir, aber ich entscheide nicht allein. Unsere Absicht ist, dass unser Modell so oft wie möglich kopiert wird. Jetzt interessiert sich mittlerweile schon ein Autohersteller dafür. Warum macht ihr das? Hauptaufgabe ist Gemeinwohl. Wir müssen mit weniger auskommen, weil alle Wohlstand wollen. Die Welt wird aber nicht mehr, also müssen wir reduzieren. Wenn es keinen Gewinn gibt, wovon lebst du? Es gibt feste Flaschenanteile für alles, auch für mich. Ich koste 15 Euro brutto/stunde. Wir verzichten auf möglichst vieles, das wir nicht brauchen. Dadurch können wir immer günstiger anbieten. So haben wir vier Mal in 12 Jahren den Preis freiwillig gesenkt. Habt ihr eine Obergrenze für Wachstum gesetzt? Es gibt sachlich keinen Grund zu wachsen, wir tun auch nichts dafür und wachsen trotzdem, haben gleichzeitig das Wachstum nicht begrenzt. Wie kommt ein Kunde zu euch? Wir machen keine Push Werbung: keine Plakate, nichts, das sich aufdrängt. Wir pullen nur durch Homepage, Twitter, Facebook, Medien und Vorträge. Gibt es Hersteller, die euch aufkaufen wollten? Es gab bis jetzt zwei Angebote: 1. Angebot nach einem halben Jahr für Euro. Das 2. vor einem halben Jahr von einer deutschen Großbrauerei. Wie laufen bei Euch Entscheidungen ab? Jeder Termin, aktuelle Zahlen, Entscheidungen werden per Mail diskutiert. 100 Mails pro Tag. Ein Veto reicht. Der Entscheidungsprozess dauert im Durchschnitt eine Woche. Wenn nach zwei Tagen kein Veto mehr kommt, dann gilt das. Woher kommen deine betriebswissenschaftlichen Erkenntnisse? Mit 30 hab ich Wirtschaftspsychologie studiert. Davor hab ich am Bau gearbeitet, als Barkeeper, als Skateboarder, als Skateboardverkäufer,. Tage der Zukunft/Dokumentation 9

10 Habt ihr Ausschlusskriterien für Händler? Keine Nazikneipen, die wollen uns allerdings auch nicht. Kein Kiosk mit hartem Alkohol vorne, die wollen uns auch nicht. Unser Klientel sortiert sich fast von selber. Wie finanziert Ihr Euch? Wir arbeiten ohne Kredite, Fremdkapital. Nicht so die Lieferanten. Idealvorstellung wäre eine Wertschöpfungskette, die völlig zinsenlos arbeitet. Warum Cola? Ich möchte bei Cola zeigen, dass es geht. Wenn es da geht, dann geht es bei jedem anderen Produkt auch. Daher Cola statt Bio-Rhababersaft. Wir machen auch aufmerksam auf einen achtsamen Umgang mit Cola und haben eine ausgiebige Info zu Zucker auf der Webpage, bieten kostenlose Ernährungsberatung. Tage der Zukunft/Dokumentation 10

11 Witus Regionalgenossenschaft Bregenzer Wald Margit Bilgeri, Geschäftsführerin Drei Unternehmer, die in ihrer Persönlichkeit so gefestigt und so erfolgreich sind, dass sie kein Prestigeprojekt mehr nötig hatten, gründeten die Genossenschaft Witus, die in fünf Gemeinden im Bregenzer Wald mit dem Ziel agiert, Wirtschaftstreibenden ideell und finanziell unter die Arme zu greifen und Projekte in der Region sichtbar zu machen. Da die Mitglieder leicht ein- und aussteigen können sollten und sie wirtschaften wollen, kam ein Verein nicht in Frage. Daher sind sie auf das Modell der Genossenschaft gekommen. Normalerweise ist es schwierig in Österreich, eine Genossenschaft zu gründen! Margit Bilgeri erzählt, dass es in ihrem Fall ganz leicht war, sie haben von Anfang an mit Raiffeisen kooperiert. Nach Gründung der Genossenschaft hatten sie schnell 500 Mitglieder. Es ist wichtig, Projekte in der Region sichtbar zu machen! Besonders wirksam ist es, wenn sich alle einem Ziel verschreiben. WITUS bietet Unterstützung für alle (ob Mitglied oder nicht!), wenn es der Region = allen, dient. Erfolgreiche Beispiele: Sitzbänke: jede Firma hat ihre Bank gestaltet aus Eiern, Fliesen, Schuhen etc. Oder Messeauftritt gemeinsam sind wir stark, wo ein Riesenfisch gemacht wurde aus vielen, vielen kleinen Fischen = jede Firma hat ihren Fisch gestaltet Projekt- Effizienz : oft leistet Projekt selbst direkt keinen großen Beitrag, aber der Nebennutzen ist großartig. Zum Beispiel haben sich über ein Projekt die fünf Bürgermeister, die sich zuvor kaum getroffen haben, wöchentlich getroffen, haben dadurch gute Beziehungen aufgebaut und die Basis für gute Zusammenarbeit in der Zukunft geschaffen. Erfolgsfaktoren von WITUS: Von Anfang an in Wirtschaft regional verankert über die drei Gründer! * Langer Atem! * Nichts anbieten/verkaufen, sondern offen fragen: was braucht ihr, was kann euch helfen? Damit die Leute aus eigener Betroffenheit abholen. Tage der Zukunft/Dokumentation 11

12 THEMENBLOCK STADT/LAND EINE SYMBIOSE Ortoloco Tina Siegenthaler und Tex Tschurtschenthaler Ortoloco ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich ihr eigenes Gemüse in der Region Zürich produzieren (lassen). Sie wollen es bio, fair, saisonal, regional haben. Dazu haben sie eine Genossenschaft gegründet, was in der Schweiz relativ einfach ist. Das Projekt Cocagne in Genf hat ihnen als Vorbild gedient, ihres wurde genauso aufgebaut. Inzwischen versorgen sich 220 Haushalte mit Gemüse im Wert von Euro. Ganz zentral ist die Mitarbeit, zwei Drittel der Arbeit wird von Mitgliedern erledigt, ein Drittel wird von einem angestellten Gärtnerteam erledigt. Ein weiteres Grundprinzip ist die Mitbestimmung. Die Preise für das Gemüse wurden abgeschafft, man bezahlt für den Betrieb dahinter. Wir rechnen am Anfang des Jahres immer die Kosten fürs Jahr aus. In der Generalversammlung wird das Budget vorgestellt und aufgeteilt pro Person. Neue Idee: Solidarität auch im Finanziellen, d.h. nicht pro Kopf sondern nach Möglichkeit abrechnen, da ja ein unterschiedliches Budget pro Person vorhanden ist, im Vertrauen darauf, dass es sich insgesamt gut ausgeht. Tage der Zukunft/Dokumentation 12 Warum macht man das, es ist ja auch mühsam zum Teil? Das Anderswirtschaften macht Spaß. Wir organisieren jährlich eine Spatenbrigade zum Umstechen der Äcker. Das wird dann zum Beispiel als richtiges Fest mit Bier und Balkanpolka organisiert. Wie habt ihr um die Leute geworben? Es gab schon einen großen Kreis an Leuten, die sich über alternative Wirtschaftsmethoden Gedanken gemacht haben und die direkt eingestiegen sind. Dann folgte Push-Werbung: mit Flyern ist man zu Veranstaltungen gegangen, dann sind die Leute ziemlich schnell gekommen. Jedes Jahr kündigen ca. 10%, dann wird Werbung durch Mitglieder, Zeitungen und Veranstaltungen gemacht. Wo und wie bekomme ich die Ware als Mitglied? Es geht nicht in die Haushalte individuell, sondern in Depots, die in Fahrraddistanz zu den Mitgliedern sind. Die Depots sind

13 immer privat, z.b. im Garten oder Hof eines Mitglieds. Das Gemüse wird in Taschen abgegeben: Kleine Tasche für 2 Personen und große Tasche für 3 Personen. In den Taschen ist eigenes Gemüse und zugekauftes, damit das gesamte Jahr über Gemüse angeboten werden kann und nicht im Winter in den Supermarkt abgewandert wird. Zugekauftes Gemüse ist regional und saisonal. Verkauft ihr auch nach außen, habt ihr Überschüsse? Nein, wir verteilen die gesamte Ernte. Bei Überschuss wird eingekocht. Wie geht es euch mit der Mitarbeit? Wie erlebt ihr das und wie löst ihr das, falls es problematisch ist? Wir haben das ganz besonders im Auge schon seit vor der Gründung, da uns dieses Problem bekannt war. Schon bei Eintritt legen sich Mitglieder fest, bei welchem Team sie mit dabei sein wollen. Jedes Mitglied hat ein Onlinekonto, wo es sich eintragen kann. Die hinten sind, die rufen wir an. Wir sind kein Fan von Strafzahlung. Damit können wir nichts anfangen. Es funktioniert recht gut. Wie seid ihr organisiert? Wir sind jetzt in Teams organisiert. Es gibt 1,5 fixe Anstellungen, die sich 3 Personen teilen. Gibt es Alternativen zum Gemüse, um das neue Wirtschaften zu probieren? Eine Schuhkooperative gründet sich gerade, Brot (Brotoloco in Zürich, 40 Laibe pro Woche), Wein, Pilze gibt es bereits. Milchkooperative ist gerade im Gründen begriffen. War es in der Schweiz leicht, Wiesen und Äcker zu pachten, in Südtirol zum Beispiel ist es nicht leicht? Nein, es war nicht so leicht. Es ist nicht vorgesehen, als Genossenschaft Gemüse zu produzieren. Es ist trotzdem möglich, Land zu pachten und in der Landwirtschaft tätig zu sein. Wir können nur darauf hoffen, dass der Bauer den Sinn erkennt und das Land zur Verfügung stellt. Es gibt Vorbilder, somit verbreitet sich auch die Idee bei den Landwirten. Tage der Zukunft/Dokumentation 13

14 Hofkollektiv Wieserhoisl Elke Müllegger und Mira Palmisano Acht Erwachsenen und drei Kinder leben gemeinsam seit 2007 auf dem Wieserhoisl Hof. Sie teilen im Kollektiv Küche, Konto und Arbeit. Das gemeinsame Arbeiten in der Landwirtschaft und im Wald ist ein wichtiges Prinzip. Ganz wichtig ist ihnen außerdem die Selbstversorgung, Überschüsse werden verkauft bzw. an Foodcoops weiter gegeben. Ihre Absicht ist, den Hof zu kaufen, wobei der Hof nicht ihnen gehören sondern ins Eigentum eines Trägervereins übergehen soll. Der Preis ist mit Euro allerdings sehr hoch, sodass eine Spendenkampagne ins Leben gerufen wurde. Alle Einnahmen und Ausgaben gehen von einem Konto aus, Geldbörse und eine Bankomatkarte liegen für alle offen auf. Die Basis ist Vertrauen. Solidarische Ökonomie war von allem Anfang an Ausgangspunkt! Gemeinsames Konto gemeinsame Ein/Ausgaben: gibt es da Streitpunkte? Nein, sie haben neuen Umgang mit Geld und eine neue Position dazu gelernt. Geld hat keinen zentralen Raum im Zusammenleben. Es gibt kein Misstrauen, nur große Sachen werden vorbesprochen. Wie organisiert, strukturiert ihr euch? Regelmäßiges Reden und Austauschen strukturiert: 1 x Monat radikale Therapie : Struktur: 2 Stunden Grollrunde/Gespinst/Schmuseund Arbeitszeit-Runde mit vorgegebener Frage und Antwort-Satzstruktur. 1 X Woche Plenum mit Diskussion von offenen Punkten Was wurde für den Start mitgebracht? Know-How aus Landwirtschaft von allen, alle acht Erwachsenen haben auf der Boku studiert aber trotzdem mußten sie in der Praxis noch lernen und lernen noch heute! Oft fehlt handwerkliches Know-How, das wird laufend in Weiterbildungen nachgeholt. Wie arbeitet ihr am Hof bzw. arbeitet ihr auch extern? Alle arbeiten am Hof gemeinsam - 1 Erwachsener und 1 Lehrling arbeiten auch extern. Für den Alltag gibt es genug Geld damit sind sie zufrieden, obwohl es auch ein Spagat ist, wovon sie leben. Tage der Zukunft/Dokumentation 14

15 Familiengenossenschaft Weingut Ernst Triebaumer Herbert und Claudia Triebaumer als Vertreter der Familie Triebaumer haben mit einer Familiengenossenschaft in Rust ein eigenes Ökosystem aufgebaut. Seit Jahrhunderten ist die Familie Triebaumer in Handwerk und Weinbau tätig, von der Graswurzel bis zu High End. Wem nützt es? Was will ich? Wie wirkt sich mein Tun auf die 7. Generation aus? Das sind die zentralen Fragen der Triebaumers. Gründe gehören den Bauern selbst die Brüder sind Privatbesitzer - die Produktion gehört noch zum Privatbereich, die Trauben werden an die Genossenschaft verkauft. Genossenschaft gehört zum Raiffeisen Genossenschaftsverband - Einsicht ist daher über den Verband möglich. Über den Verkauf der Trauben an die Genossenschaften, regelt sich das Privateinkommen, die Genossenschaft braucht keinen Gewinn und macht daher auch keinen. In der Familiengenossenschaft lässt man Projekte langsam entstehen. Das ist ein Prozess, der organisch wächst und klein anfängt. In der Natur ist alles auf Kooperation aufgebaut. Man kann etwas umsetzen, wenn man miteinander in Kooperation lebt. Dieses Denken durchzieht auch die Arbeitsweise der Familie. Aktive Begrünungsprojekte seit 15 Jahren. Man lässt diverse Bereiche aktiv zuwachsen Diverse Projekte zur Nutzung von Kohle: Sickerprojekt Wasser, aber auch selektiver Einsatz im Weinbau - bindet Nährstoffe im Boden Konsumenten streben nach mehr und billiger, (Amazon, Geizhals,..), das bringt das gesamte Wirtschaftssystem unter Druck. Eigen-Interessen gefährden das Gesamtsystem. (Diskonter versus lokaler Händler) 100% Wiederverwendbarkeit, Cradle to Cradle, Kreislaufwirtschaft konsequent umgesetzt. Energie verschwindet nicht, wird nur umgewandelt. Tage der Zukunft/Dokumentation 15

16 Yvonne Klaus Am Anfang des SpeiseLokals eine Mischung aus Bio-Laden, Food-Coop und Informations- Plattform - in Maria Anzbach stand die Beschwerde von Müttern, dass es für den Lebensmitteleinkauf keine Alternativen zum Supermarkt gäbe und kein Wissen, unter welchen Umständen Nahrungsmittel produziert werden. Daraufhin wurden lokale Bauern gesucht, die Biolebensmittel liefern könnten. Seit 2011 gibt es einen Webshop mit anfänglich 10 Kunden, mittlerweile gibt es 100 Stammkunden. Wie funktioniert der Einkauf? Man bestellt im Internet, an einem Abholtag kann man die Waren an zwei verschiedenen Orten abholen: Lagerraum mit Kühlhaus für Frischware und einen Ort für nicht verderbliche Produkte. Insgesamt wird darauf Wert gelegt, Verpackung zu reduzieren, um Müllberge zu vermeiden. Arbeitet ihr ehrenamtlich im Verein? Unterschiedlich. Gut Verdienende arbeiten ehrenamtlich, manche sind geringfügig angestellt. Ab April wird ein Stundenlohn von 10 Euro ausbezahlt. Die Arbeit ist am Rande der Selbstausbeutung, macht aber Spaß. Sie sind sieben Frauen. Eine Frau investiert 10 bis 20 Arbeitsstunden pro Woche. Idee ist schon, dass sich vielleicht einmal eine Anstellung ausgeht. Zu welchem Preis wird weiter verkauft? Der Aufschlag ist verschieden, bis zu 20 Prozent. Der Preis am Ende soll nicht zu hoch sein. Welche Vereinbarung gibt es mit Bauern? Es kann keine fixe Menge abgenommen werden. Bis Dienstag kann man Bescheid geben, was am Freitag gebraucht wird. Bauern wissen aber die Wahrscheinlichkeiten, da die Bestellungen Woche für Woche relativ ähnlich sind. Wie lang dürfen die Wege sein? Viele Bauern sind im Umkreis von 10 Kilometern. Anfangs hatten wir 30 Kilometer-Grenze, jetzt 100 Kilometer, da es bei 30 km keine Butter gab. Gibt es ähnliche Projekte? Netzwerk Steyr. Greißlerei 2.0 in St.Pölten. Essenswert in Wien: Essenswert.at Wie ist es mit den Auflagen zu Hygiene, werdet ihr kontrolliert? Ja, die Inspektion kommt automatisch. Für Mängel wird ein Monat Zeit zur Behebung gegeben. Wir sind klagbar, wenn was ist. Es ist im Zeitgeist, dass es viele Beschränkungen gibt. Außer Gemüse darf nichts Offenes verkauft werden, sie dürfen nichts aufschneiden. Was ist der Unterschied zu einem lokalen Biomarkt? Da muss ein Angestellter ganzen Tag am Markt stehen. Bei uns weiß der Bauer im Vorhinein, wie viel Ware bestellt ist, er schlachtet nach Bedarf. Außerdem müssen nicht alle Bauern einzeln herumfahren, die Ware von nahegelegenen wird mitgenommen. Es gibt keinen Abfall, wir schmeißen nichts weg. Gibt es eine Obergrenze? Unendlich kann das Projekt nicht wachsen, denn es gibt kein Backup, wenn eine krank ist. Auch wäre die Schlange vor der Kassa sonst zu lang. Tage der Zukunft/Dokumentation 16

17 ALTERNATIVE FINANZIERUNGSSYSTEME Crowd Financing für das Waldviertel Wolfgang Pröglhöf, Geschäftsführer Die Regional Funding Waldviertel GmbH gibt Waldviertlern die Möglichkeit, über die Plattform regionalfunding.at regionale gewinnorientierte Projekte mit einer Summe zwischen Euro bis max Euro pro Jahr finanziert zu bekommen bzw. zu finanzieren. Dabei wird darauf geachtet, dass die Projekte ökonomisch, ökologisch und sozial ausgewogen sind. Damit wird ein Engelskreis in Bewegung gesetzt: Mehr Investition in Betriebe, mehr Arbeitsplätze, Betriebsansiedlungen bis hin zur Steigerung der Lebensqualität. Ziel: Die Projekte müssen auf Gewinn ausgerichtet sein, da die Wertpapiere zur Gewinnbeteiligung ausgegeben werden. Für den Geldgeber ist es ein Risikoinvestment, man ist mit Gewinn und Verlust beteiligt wie bei jeder Beteiligung, aber mit dem guten Gefühl, Gutes für seine Region zu tun. Ablauf: 1. Projektunterlagen Vorinformationen - auf Plattform hochladen 2. Quick-Check des Projektes 3. rasches Feedback: Nein - Ja 4. bei Ja Besprechung über Details Vorbereitung eines detaillierten 5-Jahres- Business-Plans 5. bei Vorlage aller Unterlagen Entscheidung im Plattform-Gremium (max. 1-2 Wochen!) 6. Umsetzungsarbeiten: Info-Schrift für Anleger; Vorankündigung der Emission auf der Plattform (2-3 Wochen vor Emission), danach Emissionsbeginn (Dauer: 2-3 Monate mit einmaliger Verlängerungsmöglichkeit von 2-3 Monaten) 8. ab Vorinformation zur Emission: Projekt-Vorstellung auf Plattform (gute Darstellung Video Kompakte Infos gut aufbereitet) 9. Werbung durch regionale Investoren, durch das Projekt selbst und durch die Plattform (über NÖN, Bezirksblätter, Projekt-Info-Veranstaltungen; Roadshows mit Wirtschaftskammer.) Vorteil regionaler Investition: Um in ein Unternehmen in der Nähe zu investieren, muss man nicht Bilanz lesen können, da hört man direkt etwas über das Unternehmen. Lizenzvergabe für andere Regionen ist angedacht: Verträge, Struktur, Plattform. Region erhält dann einen regionalen Auftritt (z.b.: regionalfunding-muehlviertel.at) Tage der Zukunft/Dokumentation 17

18 Bank für Gemeinwohl Christof Baum berichtet dass mit der Bank für Gemeinwohl die erste alternative Bank für ethisch nachhaltiges Investieren in Österreich gegründet werden soll. Aus heutiger Sicht wird das 2015 der Fall sein. Die Bank wird als zivilgesellschaftliches Projekt aufgesetzt und wird eine Sinnrendite bieten. Themen wie Ernährung, Ökologie, erneuerbare Energie, Bildungs-, Kultur-, Wohnprojekte, aber auch sinnvolles unternehmerisches Tätigwerden werden in den Mittelpunkt gestellt. Kunden sind eingeladen, durch freiwilligen Zinsverzicht besonders günstige Kredite für diese Projekte zu ermöglichen. Es wird eine Genossenschaft gegründet, die 100 Prozent Eigentümerin der Bank sein wird. Zusätzlich wird es einen Bildungsauftrag für die Genossenschaft geben. Angeboten werden grundsätzliche Bankdienstleistungen, alles was eine genossenschaftliche Bank ausmacht: Bankeinlagen, Girokonto, Kreditvergabe, aber keinerlei Spekulatives, nur realwirtschaftliche Projekte. Zur üblichen Betriebsprüfung kommt noch eine Gemeinwohlprüfung. Wie macht ihr diese Gemeinwohlprüfung? Mit einem verfeinerten Katalog: Ökologie, Soziales, demokratiepolitisch sinnvoll etc. Die Projekte sollten ganz gezielt nicht die trendigen Crowdfunding-Projekte sein. Die Regionalgruppen tragen die Projekte hinein und filtern schon. Dann fließt es durch den Kriterienkatalog, danach gibt es eine subjektive Gruppenentscheidung. Wie regional wollt ihr euch aufstellen? Die Bank wird aus Kostengründen nur in Wien eine Anlaufstelle haben plus Telefon und Mail. Vor Ort wird es regionale Kreditberater geben. Ab dem zweiten Jahr soll es zwei Filialen geben, die aber keine vollwertigen Banken sind. Man kann mit einem Genossenschaftsanteil ab 200 Euro mit dabei sein. Es wird an Genossenschaftler gedacht, insgesamt 15 Millionen Euro. Ab 200 Euro ist es möglich Mitglied zu sein. Als Miteigentümer der Genossenschaft darf man über die Generalversammlung mit abstimmen, physisch oder online, außerdem ist man eingeladen, bei der Projektauswahl über die Kriterien mitzudiskutieren. Mit wie viel hafte ich dann? Sollte die Genossenschaft irgendwann in Konkurs gehen als Waren- und Dienstleistungsgenossenschaft, dann haftet man mit dem maximal Doppelten. Bei 200 Euro sind das im schlimmsten Fall 400 Euro. Nach welchen Kriterien werden sich die Zinsen bilden bei dieser Bank? Es ist eine Sinnrendite. Genossenschafter sollen aus Überzeugung miteigentümerisch tätig werden. Durch die einzelnen Genossenschafter sollen die Projekte herangetragen werden, deshalb auch die regionale Ausrichtung. Welche Stolpersteine seht ihr? Es ist jetzt möglich, eine freie Genossenschaft zu gründen. Das gab es bislang drei Mal in ganz Österreich, ist auch für das Firmenbuch Neuland. Die nächste Hürde sind die 6 Millionen, damit wir dann bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) vorstellig werden können, die 6 Monate Entscheidungsfrist haben. Wenn die FMA dann das Tage der Zukunft/Dokumentation 18

19 OK gibt, dann müssen aus den 6 Millionen insgesamt 15 Millionen werden um die Bank gründen zu können. Gibt es Unterstützung von der Wirtschaftskammer? Die Wirtschaftskammer kann wenig damit anfangen. Großbanken haben freundliches Interesse, Gespräche auf oberster Ebene sind schnell möglich. Was sind die Anreize für Genossenschafter? Mit einer Bank zu tun zu haben, die nur in die Realwirtschaft investiert, ein Teil einer derartigen neuen Bank zu sein. Dass eine echte Alternative aufgebaut wird: eine Urversion von Raiffeisen. Wie sieht der Business-Plan aus? Im 1. Jahr gibt es keine Rendite, im zweiten Jahr 5 Millionen, dann wird die Bank ganz langsam weiter wachsen. Tage der Zukunft/Dokumentation 19

20 Ethical Banking der Raiffeisenbank Südtirol Helmut Bachmayer hat von seinem Vorstand vor mehr als 15 Jahren den Auftrag erhalten, die Raiffeisenkassa von innen aufzubrechen. Zentraler Punkt war, dass Banken ihr jahrhundertelanges Denken überdenken sollten und Ethik und Nachhaltigkeit höher bewertet werden müssen als Rendite. So entwickelte er im Jahr 2000 das Projekt ethical banking : Kredite zu Förderzinssätzen für soziale Projekte, kleine Betriebe in Bedrängnis etc in der Region, finanziert von den Sparern, die auf einen Teil der Zinsen verzichten, ist dabei das Grundprinzip. Kredite werden nur für die Realwirtschaft gewährt, Geld zweifelhafter Natur wird nicht angenommen. Projekte wie biologische Landwirtschaft sind ein großer Renner, ein wichtiges Thema sind auch Solaranlagen. Wie viel Geld steht zur Verfügung? Die Bank hat derzeit 30 Millionen Euro zur Vergabe, wobei die Zinsspanne zwischen 1 - bis 1,25% liegt. Wie wird Geld vergeben? Die Sparer definieren über eigene Projektsparbücher - zweckgebunden - wohin das Geld geht. Es ist direkt nachvollziehbar, wohin das Geld geht, alles ist transparent. Es handelt sich um Direktkredite zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer inklusive Risiko. Kreditausfälle? In den letzten 10 Jahren hat es erst zwei Kreditausfälle gegeben. Die Projekte werden über spezielle Partner im Vorfeld geprüft (z.b. Biobauer über eigenen Dachverband) Motiv für Sparer? Motiv für Sparer ist "sinnvolles" Sparen. Viele Sparbücher habe inzwischen keine Sperre, da die Leute gerne in den Projekten als - Förderer - langfristig drin bleiben. Warum gibt es das nicht in Österreich? Es ist noch zu wenig Druck vom Markt da. Die Sparer müssen mit diesem Wunsch zu ihrer Bank gehen. Tage der Zukunft/Dokumentation 20

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