25 Jahre sind eine gute Gelegenheit, um ganz kurz innezuhalten.

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1 1 25 Jahre Schuldnerberatung in Wien Vortrag Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Festgäste, 25 Jahre sind eine gute Gelegenheit, um ganz kurz innezuhalten. I. Ich möchte in meinem Vortrag kurz zurückschauen und ein paar Statistiken präsentieren, die es in dieser Form vielleicht nicht so oft gibt. So ernst das Thema ist, so klar ist aber auch, dass die Themen Ver- und Überschuldung einfach alltäglich geworden sind. Und was alltäglich ist, soll man auch immer wieder mit einer gewissen vielleicht sogar ironischen Distanz betrachten. Es fällt nachher leichter, Festgefahrenes loszulassen und Verkrampftes zu entkrampfen. II. Dann stelle ich Ihnen ein bisschen unsere Geschichte dar nicht zu lange, aber gerade so viel, dass Sie die Grundproblematiken unserer Arbeit und des Umfeldes erkennen können. III. Und damit wir nicht zu lange innehalten und zurückschauen, möchte ich im letzten Teil meines Vortrages der Zukunft unserer KundInnen und unserer Arbeit Raum geben. Es ist diese Zukunft, die auch der Anlass für die anschließende hoffentlich spannende Fachdiskussion sein wird. Ich komme zum ersten Teil: Alle Zahlen, die ich Ihnen präsentiere, beziehen sich auf die letzten 20 und nicht 25 Jahre. Warum, ist ganz einfach erklärt: vor 25 Jahren gab es in Österreich den Begriff Schuldnerberatung gar nicht. Also gab es auch keine Erfahrungen und Strukturen, an die wir uns anhalten hätten können. Aber schon nach den ersten Monaten unserer Existenz wurde klar, dass wir sobald wir irgendwo in der Öffentlichkeit erwähnt wurden einen Ansturm an Anmeldungen über uns ergehen lassen mussten. Es war klar: die bis zu dem Zeitpunkt üblichen Arbeitsbehelfe der Sozialarbeit, der Stehkalender und die Olympia Schreibmaschine würden nicht ausreichen. Also wurde schon damals ein eigenes EDV-Programm entwickelt, das in seinen Grundzügen noch heute existiert und gemeinsam mit einer ebenfalls Eigenentwicklung aus 2007

2 2 gute Dienste leistet. Wirklich vergleichbare Daten konnten daher erst nach fünf Jahren Felderfahrung generiert werden. I. Die Zahlen: 1. Ratsuchende: haben bis jetzt bei uns Rat gesucht und erhalten. Das entspricht der gesamten Einwohnerzahl von: Mödling, plus Brunn am Gebirge, plus Eisenstadt, plus Bregenz und plus Attnang- Puchheim - Davon waren 57% Männer und 43% Frauen stimmt nicht ganz, denn: 0,06% oder 46 Personen waren weder noch, oder beides - Ermittelter Gesamtschuldenstand: 6 Milliarden Euro Können Sie sich diese Zahl genau vorstellen? Eigentlich wenig, wenn man bedenkt, dass die Bankenhilfe seit 2008 auch 4,3 Milliarden ausgemacht hat. Viel, wenn man bedenkt, dass Menschen betroffen waren, die sich in einer ausweglosen Situation befunden haben... - Rund die Hälfte der Ratsuchenden bezog zum Zeitpunkt der Anmeldung eine Leistung des AMS - Der Durchschnittsverdienst der Ratsuchenden lag zwischen 800,- und 1.300,- Euro, die Durchschnittsverschuldung je nach Berchnungsart zwischen ,- und beinahe ,- Euro - Beinahe die Hälfte hatte als höchste Schulbildung einen Pflichtschulabschluss 2. Daten zur Beratungsleistung: wahrgenommene Beratungen Telefonate mit Beratungsinhalt Aktenvermerke Privatkonkurse wurden erstellt und in Tagsatzungen manchmal zur Freude, manchmal zum Leidwesen der Rechtspfleger und Rechtspflegerinnen, von uns begleitet - 1,6 Milliarden Euro Gläubigerforderungen

3 3 - Jeder Gläubiger forderte im Schnitt 8.561,- Euro Die meisten Tagsatzungen fanden um 9:00 Uhr (8.396) und um 10:00 Uhr (7.103) statt. An dieser Stelle möchte ich allen danken, die eine konstruktive Zusammenarbeit mit uns pflegen wir haben im Kampf gegen die Überschuldung dieser vielen leistungsschwachen Menschen nicht allzu viele Mitstreiter. 3. Webstatistik - Unsere Homepage weist pro Monat etwa Besuche auf. Dabei werden rund Seiten aufgerufen, d.h., jeder Besucher ruft durchschnittlich vier Seiten auf. - Unsere Homepage drittschuldner.at ein Service für Unternehmen rund um das Thema Lohnpfändung weist rund Besuche mit ebenfalls je durchschnittlich vier Seiten Aufruf unserer KundInnen hat die Möglichkeit in Anspruch genommen, via unserer Webapplikation SchuldenOnline die eigene Schuldenregulierung vorzubereiten Stunden haben sie auf diese Art mitgearbeitet und zwar hauptsächlich Vormittags und Nachmittags (je 38%), 23% abends und nur 2% in der Nacht, also nach 24 Uhr. Schuldenonline wird eher von KundInnen aus den Randbezirken genutzt, so fällt auf, dass 18% der KundInnen aus dem 22. Und 23. Bezirk dies nutzten, während es im 1. Bezirk nur 9% waren. Zusätzliches: - Ledig-verheiratet-geschieden-unbekannt: je ein Viertel - Die Hälfte ist alleinstehend, ein Drittel in Lebensgemeinschaften, Rest unbekannt Für Mystiker: - SchuldnerInnen sind am häufigsten im Jänner geboren, am seltensten im November. Das korreliert interessanterweise mit den Anmeldungen: der Jänner ist bei uns der absolute Spitzenreiter. Sollte das heißen, dass man anlässlich des Geburtages erinnert wird, dass es einem nicht so gut geht?

4 4 II. Warum musste vor 25 Jahren die Schuldnerberatung gegründet werden? Wie erwähnt, gab es ja vorher nichts Vergleichbares. Die Arbeiterkammern Österreichs fanden sich in ihrer Konsumentenberatung um 1986 zunehmend konfrontiert mit Menschen, die überschuldet waren. Hintergrund war ein völlig verändertes Verhalten der Banken und anderer kommerzieller Gläubiger, ausgelöst durch weltweite Veränderungen. Eine dieser Veränderungen war z.b. der Wegfall der Goldpreisbindung von Währungen. Dadurch vermehrten sich die Geldkreisläufe schlagartig und der Druck der Banken auf private Haushalte, möglichst viel auf Kredit zu kaufen, stieg weltweit. Der gestiegenen Ver- und Überschuldung privater Haushalte konnte Österreich nichts entgegensetzen, da es weder einen Privatkonkurs, noch spezialisierte Beratung gab. Das Verständnis für eine Spezialberatung war noch unterentwickelt und umso mutiger erscheinen rückblickend Menschen, wie die damalige Vizebürgermeisterin von Wien, Ingrid Smejkal, die sich für die Gründung einer Schuldnerberatung einsetzte. Als Widerpart hatte sie damals nämlich den langjährigen Finanzstadtrat Hans Mayer, der den berühmten Satz sprach: wir brauchen keine Schuldnerberatung, wie haben eh die Zentralsparkasse. Aber schon im ersten Jahr der neu gegründeten Schuldnerberatung Wien damals zweigeteilt in eine Abteilung des Jugendamtes und in einen vom AMS finanzierten Verein namens KWH war klar, dass es ohne Privatinsolvenzrecht nicht funktionieren würde. Es gab schon viel zu viele Finanzleichen, die aus dem Wirtschaftskreislauf weitgehend rausgefallen waren und sich mit Mc Jobs, Schwarzarbeit und Transferleistungen über Wasser hielten wurde das gerichtliche Schuldenregulierungsverfahren, im Volksmund gleich Privatkonkurs genannt, eingeführt. Dennoch stieg die Zahl der überschuldeten, privaten Haushalte weiter und unaufhörlich. Die Schuldnerberatung kam immer mehr an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Nach der Fusion der beiden Beratungsstellen erfolgte 2007 eine deutliche und sehr wichtige Aufstockung des Beratungspersonals, so dass seither die durchschnittlich 600 bis 700 Neuanmeldungen pro Monat(!) ohne Wartezeit bewältigt werden können. Soweit der Rückblick zur Schuldnerberatung und ein herzlicher Dank allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die es geschafft haben, vielen Menschen, die nicht immer leicht zu handhaben waren, effizient zu helfen.

5 5 Nicht ganz so weit rückblickend noch eine kurze Information: seit vier Jahren beschäftigt sich die Schuldnerberatung auch mit dem Betreuten Konto. Das Betreute Konto hat mit Schuldnerberatung nicht sehr viel zu tun, aber es ist einmal mehr ein Zeichen, dass sich die Schuldnerberatung als Dienstleister für sozial Schwache sieht und nicht als Optimierer für abenteuerlustige Bonvivanten, die sich rasch ihrer Schulden entledigen wollen. Das Betreute Konto ist für Menschen entwickelt, die stets am Rande der Obdachlosigkeit tänzeln, entweder weil sie schon immer mit der Führung ihrer Finanzen überfordert waren, oder weil sie mit der schönen neuen Finanzwelt nicht, oder nicht mehr zurechtkommen. - Also finden sich beim Betreuten Konto Menschen aus der klassischen Obdachlosenszene, - Aber auch junge Mütter, die noch im Kampf mit sich und der Jugendwohlfahrt stehen und - zunehmend alte Menschen, die nicht mehr mit ihrer Finanzorganisation zurechtkommen, aber sonst noch für sich sorgen können. Hier muss die hervorragende Partnerschaft zu zwei Banken in Wien erwähnt werden: - die Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, die sehr spontan und sehr unkompliziert unsere Idee aufgegriffen hat und beharrlich Konten liefert, obwohl schon beim ersten Kunden die Filialmitarbeiter in Deckung gegangen sind. Ich kann mich noch erinnern: Gepierct, beringt und mit leicht entrücktem Schlafzimmerblick verlangte dieser Kunde dort gleich einmal lautstark nach dem Herrn Maly und bemerkte mich erst, als ich ebenso lautstark und durch wildes Gestikulieren auf mich, der ich schon längst anwesend war, aufmerksam machte. Aber dieser Auftritt hat die Bank nicht nachhaltig abgeschreckt danke dafür! - Auch die Erste Bank muss ich erwähnen. Auch sie hat beim Betreuten Konto mitgemacht, obwohl sie schon seit 7 Jahren ihr Engagement in Sachen Zweiter Sparkasse ausreichend und ausgiebig dokumentiert hat und wir nach wie vor Menschen ohne Konto hin vermitteln. - Ehre also, wem Ehre gebührt!

6 6 III. Ich komme zum dritten und letzten Teil meiner Ausführungen und hoffe, nun genug Gesprächsstoff für die folgende Diskussion einbringen zu können: Wir gehen zurück zum Thema Schulden und halten fest: - Die Schulden der privaten Haushalte lagen in Österreich 2001 noch bei 28 Prozent des BIP. In der Zwischenzeit, konkret bis 2012 sind sie auf 47 Prozent des BIP geklettert! - Rund die Hälfte derjenigen, die überschuldet sind, können ihre Schulden nur regeln, in dem sie Beträge aus dem Unpfändbaren (=Existenzminimum) leisten. - Obwohl also die Privatverschuldung gestiegen ist, bemerken wir, wie die Zahl der Privatkonkurse leicht im Sinken ist. Das ist natürlich kein Zeichen von Entspannung, sondern ein Zeichen, dass viele Menschen den Anforderungen des österreichischen Privatkonkurses nicht mehr gewachsen sind. Selbst der Kreditschutzverband von 1870 merkte kürzlich an, dass mindestens doppelt so viele Privatkonkurse nötig wären Die Diskussion um eine Liberalisierung des Privatkonkurses wird seit fast vier Jahren sehr oft mit äußerst emotionalen Argumenten auf beiden Seiten und leider ergebnislos geführt. Diese Emotionalität möchte ich vorerst beiseiteschieben wir haben in der Diskussion noch Zeit dafür und an Stelle dessen Adair Turner zitieren. Adair Turner ist Vorsitzender der United Kingdom s Financial Services Authority, also der FMA von Großbritannien: Akkumulierte Schulden haben im Abschwung nach einer Krise einen stark depressiven Effekt, weil überschuldete Unternehmen und Verbraucher ihre Investitionen und ihren Verbrauch zurückschrauben, um ihre Schulden abzubezahlen. Die private Fremdfinanzierung muss daher ebenso wie die staatliche Schuldenlast als entscheidende ökonomische Variable behandelt werden. Dass sie vor der Krise ignoriert wurde, war ein großes Versagen der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik. Auch in Österreich hat man sich in den letzten 30 Jahren höchstens Gedanken gemacht, wie man noch vollflächiger und noch subtiler Kredite und Kreditdienstleistungen an den Mann und an die Frau bringen kann. Auch in Österreich hat niemand etwas dabei gefunden, dass praktisch jeder und jede ungeprüft einen Kredit bekommt, nämlich den Kontoüberzug! Und man hat offensichtlich nur an Umsatzsteigerung gedacht, als 1986 ein Privileg, das bis dahin nur Unterhaltsgläubiger bei säumigen Vätern hatten, jedem x-beliebigem Gläubiger

7 7 eingeräumt wurde: nämlich die Drittschuldnerauskunft. Diese Gesetzesänderung war daran schuld, dass vor allem Menschen mit niedrigsten Einkommen sgnt. Konsumkredite, also z.b. den Kontoüberzug, erhielten. In Wahrheit waren das Kredite, die im angelsächsischen Raum viel treffender als sub-prime Kredite bezeichnet werden. Natürlich wäre es im Sinne Adair Turner s gescheiter gewesen, gar nicht erst das Verkaufs-Halali zu blasen. Aber sei s drum: shit happens! Aber es haben alle Länder, die dem Schuldenrausch der privaten Haushalte keinen Riegel vorgeschoben haben, wenigstens nachträglich versucht, den volkswirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, in dem möglichst liberale Privatkonkursgesetze beschlossen wurden. So hat erst kürzlich und wohlgemerkt, VOR den Bundestagswahlen Deutschland ein Gesetz verabschiedet, das den Privatkonkurs wesentlich erleichtert und vor allem verkürzt. Damit sollte so in der Begründung dieses Gesetzes vor allem dieser depressive Effekt der zu hohen Privatverschuldung kompensiert und damit die Wirtschaft angekurbelt, oder zumindest nicht weiter gelähmt werden. Völlig unverständlich ist, dass in Österreich vor diesem Hintergrund auf einem Insolvenzrecht für Private beharrt wird, das mittlerweile zu dem schärfsten in Europa zählt und das wie erwähnt auch nach Ansicht der Gläubiger und Gläubigerschutzverbände viele ausschließt. Völlig unverständlich auch die Diskussion über die Moral von Menschen, die eine Schuldenbefreiung anstreben, nachdem sie jahrelang und meist ergebnislos demütigenden Exekutionen ausgesetzt waren und noch immer zittern müssen, dass ihnen ein Fernsehgerät oder ein Laptop weggenommen wird Gleichzeitig mit dieser Diskussion über die Moral sehen wir, dass der Zahlungsverzug ein richtiges Geschäft geworden ist und eine Industrie an Inkassobüros und Eintreibungsanwälten erblühen lässt. Völlig unverständlich also, dass in den Diskussionen zu einer Weiterentwicklung des Privatkonkurses stets der mögliche Schaden für den Gläubiger und nie der Schaden der Eintreibung, der Depression des Einzelnen und schon gar nicht der Schaden für die Gesellschaft diskutiert wird. Man leistet sich tatsächlich den Luxus, Menschen, deren Vermögen ohnehin verwertet wurde, nach 10 Jahren Abschöpfungsverfahren NICHT von den Schulden zu befreien. Wir haben bemerkt, dass schon Stunden später, nach so einer nicht erfolgten Restschuldbefreiung die Industrie der Eintreiber wieder und gnadenlos ihre Tätigkeit aufnimmt.

8 8 Ich fordere daher, die stecken gebliebenen Verhandlungen zur Reform des Insolvenzrechtes wieder aufzunehmen und den Vorschlag nach Entfall der Mindestquote im Abschöpfungsverfahren, raschest umzusetzen. Wir können es uns einfach nicht leisten, so viele Leichen herumliegen zu lassen! Nobler formuliert es Adair Turner: Wenn wir uns nicht der grundlegenden Tatsache stellen, dass freie Finanzmärkte ein schädliches Niveau an Fremdfinanzierung im Privatsektor erzeugen können, haben wir die wichtigste Lektion aus der Krise von 2008 noch nicht gelernt. Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Festgäste! Danke für Ihre Aufmerksamkeit und ich hoffe, der nun folgenden Diskussion Stoff gegeben zu haben.

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