Das eigentliche Bankgeheimnis

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1 Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer Paukenschlag am Donnerstag No. 39 vom Hinweise zum Copyright: siehe unten Seite 12 Das eigentliche Bankgeheimnis So eine Bank, ob nun so genannte "Privatbank", normale Geschäftsbank, Sparkasse oder Genossenschaftsbank, ist für die meisten Menschen eine geheimnisvolle Organisation. Man weiß nicht so genau, was da hinter den schönen Fassaden geschieht, fühlt sich auch unfähig, zu verstehen, womit sich die intelligenten und so seriös dreinschauenden Banker eigentlich beschäftigen. Doch weil es ja allen so geht, und weil immer noch alles gut gegangen ist, und weil die Frau im Amt des Bundeskanzlers, gemeinsam mit ihrem damaligen Finanzminister Steinbrück versichert hat, dass das Geld bei den Banken sicher ist, lässt man das Geheimnis Geheimnis bleiben - und macht so weiter wie bisher. Selbst die Finanz- und Bankenkrise hat für die große Mehrzahl der Bürger nichts am Umgang mit ihrer Bank geändert. Dass man inzwischen gelernt hat, über die Banker zu schimpfen, dass man am Stammtisch von "diesen Betrügern" spricht, hin und wieder auch ein paar aufgeschnappte Brocken in die Diskussion wirft, von Hedge Fonds und Asset backed Securities, von griechischen Staatsanleihen und den aufgespannten Rettungsschirmen, das sind alles nur aktuelle Aufreger. 1

2 Man selbst ist ja seriös, spekuliert nicht, und der Spargroschen liegt bei der Sparkasse auf dem Sparbuch. Da bekommt man zwar wenig Zinsen dafür, aber das Geld ist sicher und gegen alle Risiken gefeit. Das haben Frau Merkel und Herr Steinbrück schon vor Jahren garantiert. Was soll's also? Und so werden auch in diesem Jahr wieder am Weltspartag die Kinder schulklassenweise in die heiligen Hallen der Finanzinstitute pilgern, sich bunte Prospekte, Luftballons und Kugelschreiber abholen - und im Gegenzug das Sparschwein schlachten, Münzen und Scheine über den Tresen schieben und dafür einen neuen Eintrag im Sparbuch erhalten. Ja, als Kind glaubt man, dass das Geld bei der Bank sicher ist, weil die einen tiefen, tiefen Keller hat, in dem sich ein riesengroßer, dickwandiger Stahltresor befindet, der vielleicht von einer Panzerknackerbande, wie man sie aus Entenhausen kennt, geknackt werden könnte, aber nie von einem kleinen Dieb, der einem schon mal das Ersparte unter dem Kopfkissen wegnimmt, ohne dass man es merkt. Und außerdem glaubt das Kind, dass sein Erspartes, anders als in der eigenen Sparbüchse, ja ständig mehr wird. Geld, das bei der Bank im Tresor liegt, das vermehrt sich. Es wächst. So wie aus einer halben Kartoffel, die man im einen Jahr in die Erde legt, im nächsten Jahr 10 ganze Kartoffeln werden, so ungefähr jedenfalls - und die Bank behält das nicht für sich, nur ein ganz kleines Bisschen, sie gibt das an den Sparer weiter. Größere Kinder, die nicht mehr an den Klapperstorch glauben, beginnen daran zu zweifeln, dass sich das Geld von selbst vermehrt und stellen neugierige Fragen. Die Antwort darauf hält dann meist bis ins Rentenalter. Und die lautet: Die Bank behält das Geld natürlich nicht im Tresor, jedenfalls nicht alles, aber immer genug, dass du jederzeit dein Geld wieder abheben kannst. Die Bank sammelt das Geld bei denen ein, die es gerade nicht brauchen, und sie verleiht es an jene, die es brauchen. 2

3 Das nennt man Kredit, oder Darlehen oder einfach Schuldenmachen. Und diejenigen, die sich das Geld borgen, das die Sparer in die Bank getragen haben, die müssen dafür eine "Leihgebühr" bezahlen, so wie man ja auch in der Biblio- oder Videothek eine Leihgebühr bezahlen muss, wenn man sich ein Buch oder einen Film ausleiht. Und von dieser Leihgebühr bestreitet die Bank ihre eigenen Kosten, die Löhne und Gehälter, die ganze Geschäftseinrichtung, Telefon und Internet und was da so alles anfällt - und dann zahlt sie die vereinbarten Zinsen an die Sparer, und wenn dann etwas übrig bleibt, dann hat die Bank einen Gewinn gemacht. Und das ist ja nicht schlecht, alle Unternehmen arbeiten, um Gewinne zu machen. Das ist ganz normal. Das klingt so schön und einleuchtend, dass man es gerne glauben mag. Das eigentliche Bankgeheimnis Es klingt so schön und einleuchtend, dass man gar nicht mehr wissen will, was da eigentlich hinter den schönen Fassaden tatsächlich gespielt wird. Ich saß kürzlich mit einem Banker zusammen, und wir haben gemeinsam einige Bankbilanzen angesehen, nur so zum Spaß. Aus einer dieser Bilanzen mag ich heute ein bisschen zitieren. Über die Bank, die diese Bilanz vorgelegt hat, reicht es zu wissen, dass es sich um eine Genossenschaftsbank handelt, ein Institut also, das in besonderer Weise ihre Genossen verpflichtet ist, die ja, angelockt von der oben genannten Erklärung, ihre Spargroschen zusammenlegen, damit davon an Genossen (und Nichtgenossen) Kredite ausgereicht werden können. Und um die Identifizierung noch weiter zu erschweren, habe ich die Bilanzsumme dieses Instituts im folgenden Beispiel auf exakt eine Milliarde Euro festgelegt, alle weiteren Zahlen stehen in der richtigen Relation dazu. 3

4 Die Idee, sich regional aus eigenen Mitteln gegenseitig günstig zu finanzieren, mit der Genossenschaftsbank als Mittler zwischen Einlegern und Kreditnehmern, hat vielen gefallen. Was inzwischen draus geworden ist - das ist womöglich mit der Satzung nur noch unter großen argumentativen Verrenkungen in Einklang zu bringen. Denken Sie einfach mit: PASSIVA Millionen Euro % von Bilanzsumme Eigenkapital, einschließlich Rücklagen 34 3,4 % Kundeneinlagen ,3 % Sonstige Fremdmittel (Schulden der Bank) ,3 % Bilanzsumme ,0 % Das kann nicht stimmen, meinen Sie? Es ist unmöglich, dass die Bank nicht nur den Einlegern 483 Millionen schuldet, sondern nebenher noch weitere 483 Millionen Schulden gemacht hat? Es ist unmöglich, dass man mit einem Eigenkapital von nur 34 Millionen insgesamt 966 Millionen Schulden machen kann? Nun, die Häuslebauer wissen, dass sie, ohne andere Sicherheiten aufzubieten, mit 3,4 % Angespartem den Weg zur Bank gar nicht erst antreten brauchen, doch bei Banken ist das anders. 4

5 Wie kann es dazu kommen? Nun, eine einfache Erklärung wäre die, dass die Bank eben viel mehr Kreditwünsche aus dem Kreis ihrer Genossen und ihrer regionalen Kunden zu erfüllen hatte, als an Eigenkapital und Spareinlagen zur Verfügung stand. Da hat sich die Bank eben anderweitig "refinanziert", wie es so schön heißt, und selbst Schulden gemacht, um ihrer Verpflichtung, als regionaler Gewerbefinanzierer gerecht werden zu können. Was da dran ist, zeigt ein Blick in die Aktiva: AKTIVA Millionen Euro % von Bilanzsumme Kassenbestand und Zentralbankguthaben Sach- und anderes Anlagevermögen 27 2,7 % 22 2,2 % Ausleihungen an Kunden ,6 % Wertpapiere und Beteiligungen ,5 % Bilanzsumme ,0 % Aha! Das, was unsere Genossenschaftsbank im eigenen Kreditgeschäft an regionale Kunden ausgeliehen hat, das übersteigt die Einlagen keinesfalls, im Gegenteil, zwischen Einlagen und Kreditvolumen klafft eine Differenz von 87 Millionen Euro, 8,7 % der Bilanzsumme, 18 % Prozent der Einlagen. 5

6 Da wird sich mancher kleine Gewerbetreibende fragen, warum die Bank seinen Kreditantrag über Euro ablehnen musste. Das Geld sei doch dagewesen, und so schlecht sei seine Bonität nun auch wieder nicht. Recht hat er, sogar doppelt, denn erstens würden die Einlagen absolut ausreichen, um weitere Kredite an Bankkunden zu vergeben, hätte die Bank tatsächlich ein Interesse daran. Und zweitens braucht die Bank keine Einlagen, um Kredite zu vergeben. Jeder Bankkredit entsteht vollkommen unabhängig von Kundeneinlagen dadurch, dass die Bank dem Kunden gleichzeitig ein Guthaben zur Verfügung stellt und auf seinem Kreditkonto eine Schuld verbucht. Das nennt man "Bilanzverlängerung". Nehmen wir - spaßeshalber - die von der Bank vergebenen Kredite aus der Betrachtung heraus, zum Beispiel, weil alle Kredite gleichzeitig getilgt wurden, was im Gegenzug zur Bilanzverkürzung führt, dann ergibt sich (vereinfacht, doch prinzipiell korrekt, und für das Bankensystem insgesamt absolut zutreffend) folgende Bilanz: 6

7 AKTIVA Millionen Euro % von Bilanzsumme Kassenbestand und Zentralbankguthaben Sach- und anderes Anlagevermögen 27 4,5 % 22 3,6 % Ausleihungen an Kunden 0 0 % Wertpapiere und Beteiligungen ,9 % Bilanzsumme ,0 % PASSIVA Millionen Euro % von Bilanzsumme Eigenkapital, einschließlich Rücklagen 34 5,6 % Kundeneinlagen 87 14,4 % Sonstige Fremdmittel (Schulden der Bank) ,0 % Bilanzsumme ,0 % Und jetzt wird es erst richtig interessant. Jetzt wird nämlich klar, was die Bank mit den Kundeneinlagen tatsächlich macht: Sie kauft sich, für sich, für eigene Rechnung, Wertpapiere. Griechische Staatsanleihen, zum Beispiel, derzeit hochrentabel (im August waren das 40%, zwischenzeitlich wohl auch einmal 76%), aber auch Aktien, mit dem Ziel, Kursgewinne zu realisieren. 7

8 Und weil ihr die 87 Millionen Kundeneinlagen fürs spekulative Geschäft nicht genug sind, nimmt sie dazu noch Schulden auf. Wobei von diesen 483 Millionen Schulden der Bank immerhin noch 15 benötigt werden, um den Kassenbestand, das Zentral-bankguthaben und das (Sach-) Anlagevermögen darstellen zu können. Das Eigenkapital reicht nicht einmal dafür aus. Die grundsolide Genossenschaftsbank stellt sich plötzlich als ein sonderbar aufgeblähtes Etwas dar, als eine "Spekulationsanstalt" mit miserabler Eigenkapitalquote und angeschlossenem Bankbetrieb. Das zweite, eigentliche Bankgeheimnis Doch das ist immer noch nicht die ganze Wahrheit. Ende 2008 hat die Bundesregierung nämlich die Bilanzierungs-regeln für Banken dergestalt geändert, dass der Wertpapierbestand der Bank nicht mehr unbedingt mit dem jeweiligen Zeitwert anzugeben ist, falls dieser den Anschaffungswert unterschreitet. Die Bundesregierung erklärte dies seinerzeit - wenig klar - im Rahmen der Website "Regierung online" so: Bilanzierungshilfen Die Bilanzierungsrichtlinien werden geändert, damit die Banken flexibler auf die Belastungen durch die Finanzmarktkrise reagieren können. Sie dienen auch der Herstellung fairer Wettbewerbsbedingungen. Die neuen Vorschriften sollen bereits für das 3. Quartal 2008 gelten. 8

9 Wer sich heute also arglos eine Bankbilanz betrachtet und feststellt, dass den Einlagen und dem Fremdkapital in der Aktiva Wertpapiere und Forderungen an Kunden in ausreichender Höhe gegenüberstehen, der könnte leicht einem Irrtum unterliegen. Niemand, außer ein paar Leuten im Vorstand der Bank, weiß, wie viel die mit einem Wert von 555 Millionen bilanzierten "Wertpapiere" tatsächlich wert sind. Dass die mit 555 Millionen ausgewiesen werden, obwohl der Zeitwert vermutlich um einiges darunter liegt, führte aber - in diesem Fall - dazu, dass ein Bilanzgewinn in Höhe von 2,2 Millionen ermittelt wurde (von mir im Eigenkapital berücksichtigt). Das ist eine Genossenschaftsbank, der ausgewiesene Gewinn ist mit 6,4 % Eigenkapitalrendite nicht exorbitant hoch, doch muss insgesamt im Blick auf alle deutschen Banken bedacht werden, dass es durchaus sein kann, dass ein Institut, das nach den alten, schärferen Bilanzierungsrichtlinien längst einen massiven Verlust ausweisen müsste, immer noch Gewinne an seine Aktionäre ausschüttet. Die freuen sich darüber. Und wenn die Karre dann endgültig im Dreck steckt, dann wir da nichts zurückgefordert. Das geht gar nicht. Dann ist der Steuerzahler wieder dran, so wie es die Bundesregierung seinerzeit auf "Regierung online" verkündet hat: Stabilisierung der Finanzmärkte schützt Bürgerinnen und Bürger Die Bundesregierung hat mit dem Gesetz zur Stabilisierung des Finanzmarkts Hilfen für die deutschen Banken beschlossen. Bundesbürgschaften und Kapitalhilfen für die Banken sowie neue Bilanzierungsregeln sollen den Finanzmärkten neue Stabilität geben und die Sparguthaben der Menschen sichern. Das ist eine vertrauensbildende Maßnahme. 9

10 Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Das Maßnahmenpaket dient der Stabilisierung des Finanzsystems und dem Schutz der Bürger und nicht dem Schutz von Bankinteressen." Wenn also - so lese ich das - durch neue Bilanzierungsregeln die wahre Situation eines Geldhauses verschleiert werden kann, dann ist das in den Augen der Regierung eine vertrauensbildende Maßnahme? Da kann man sich nur wundern. Außer man kennt das eigentliche Bankgeheimnis. Und dieses eigentliche Bankgeheimnis liegt vermutlich in irgendeinem Banksafe, ein kleiner Zettel, schon vergilbt und eingerissen, auf dem einst ein Urahn der Banker die rätselhaft-geheimnisvollen Worte schrieb: Ohne Geld - keine Macht. Ohne uns - kein Geld. Wer also ist's, der die Macht in Händen hält? Und so hängt die Macht eben immer noch am Geld. Die Väter des Grundgesetzes formulierten deshalb wohlweislich auch nicht: "Alle Macht geht vom Volke aus." Und so wundert es nicht, dass heute die Erweiterung des Rettungsschirmes für die Gläubigerbanken der Euro-Zone im Bundestag mit grandioser Mehrheit beschlossen wurde. 10

11 Und dass den Einlagen der Sparer im Vermögen der Bank unter Umständen nur Schrottpapiere gegenüberstehen, das braucht ja keiner zu wissen, das wäre nämlich vertrauensschädlich. Passend zum oben angesprochenen dritten Bankgeheimnis: Soeben erreichte mich noch ein Graffiti aus Berlin, das ein bisschen von der dort herrschenden Stimmung zeigt: Wenn man sich die Bedeutung der Worte: "Sachzwang" und "alternativlos", auch "wir müssen - sonst" überlegt, dann kann dieser Verdacht schon aufkommen. Ich hingegen bin der Meinung, dass Frau Merkel weiß, was sie tut, und dass sie es aus freien Stücken tut. Sonst wäre sie wohl nicht Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden. Autor: Egon W. Kreutzer 11

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