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1 Hochschule für Angewandte Wissenschaften University of Applied Sciences Fachbereich Wirtschaft Außenwirtschaft / Internationales Management - Diplomarbeit - Rating als Instrument zur laufenden Überprüfung der Debitorenbonität vorgelegt am durch Nils Peters Bornstr Hamburg Referent: Prof. Dr. Josef Kovač Korreferent: Holger Kopietz

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3 Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegen gehen. Aristoteles Onassis

4 Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis 1 Einführung in die Thematik Strukturierung des Problems Methodischer Aufbau der Arbeit Quellenlage Struktur der Arbeit Veränderung der Rahmenbedingungen im Mittelstand Zunehmende Verbreitung von Ratings Die Europäische Währungsunion Informations- und Kommunikationstechnologien Eigenkapitalunterlegung im Bankkreditgeschäft Auswirkungen von Basel II auf den Mittelstand Ratingansatz für Lieferantenkredite Insolvenzen und Forderungsausfälle Zwischenergebnis Kapitel Credit-Rating Gegenstand und Bedeutung Unterschiede der Ratingkonzepte Emittenten- vs. Emissions-Ratings Solicited versus Unsolicited Rating Bankinternes versus externes Rating Qualitative versus quantitative Ratingverfahren Kurzfristige versus langfristige Ratings Skalierung der Ratingergebnisse Stakeholder des Ratings Anleihegläubiger Kreditgeber Lieferanten und Kunden Kreditversicherer Unternehmensinterne Sicht Öffentlichkeit Entwicklungen in der Bonitätsanalyse Subjektive Bonitätsanalyse mit traditionellen Kennzahlensystemen Traditionelle Bilanzanalyse als Kennzahlenrechnung Kennzahlensysteme zur Bonitätsanalyse Grenzen der traditionellen Kennzahlenrechnung

5 Inhaltsverzeichnis Quasi-objektive Gesamturteilsbildung mit Scoring-Verfahren Funktionsweise von Scoring-Verfahren Kritik an Scoring-Verfahren Objektive Gesamtbeurteilung mit Ratings Methoden zur Entwicklung eines Ratings Multivariate Diskriminanzanalyse Gegenstand der Diskriminanzanalyse Ablauf der MDA Kritische Würdigung Künstliche neuronale Netzanalyse (KNNA) Ablauf der KNNA Kritische Würdigung Zwischenergebnis Kapitel Rating zur laufenden Debitorenüberwachung im deutschen Mittelstand Credit-Rating im deutschen Mittelstand Charakteristika des deutschen Mittelstandes Quantitative Verfahren als Mittelstandslösung Früherkennung von Unternehmenskrisen Krisenverlauf Krisenursachen Früherkennung unterschiedlicher Krisentypen Krisensymptome im Außenverhältnis Erfahrungstatbestände Kennzahlen zur Früherkennung Der Cashflow in der Krisendiagnostik Liquiditätskennzahlen mit Frühwarncharakter Rentabilitätskennzahlen mit Frühwarncharakter Zwischenergebnis: kurzfristige Kennzahlen Laufende Kreditüberwachung Wesen des Lieferantenkredites Lieferantenkreditüberwachung Unterjährige Berichterstattung mittelständischer Unternehmen Zwischenberichte Standardauswertungen der DATEV e.g Aussagekraft des unterjährigen Berichtswesens Erstellung einer individuellen BWA Unterjährige Kennzahlen Zwischenergebnis: Kennzahlenwerte

6 Inhaltsverzeichnis 3.4 Schritte zur Erstellung des Ratings Auswahl der Kennzahlen Normalisierung der Kennzahlenwerte Kennzahlengewichtung und Bestimmung des kritischen Trennwertes Zwischenergebnis Kapitel Debitoren-Rating in der Praxis Implementierung des Ratings Stakeholder-Ansatz Rating auf Knopfdruck Kritische Würdigung Nutzen des vorgestellten Modells Nutzen der Ratingnehmer Nutzen der Ratinggeber Grenzen des vorgestellten Modells Grenzen der fremdorientierten Früherkennung Grenzen der Aussagefähigkeit quantitativer Ratingverfahren Executive Summary Abbildungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis Literaturverzeichnis Erklärung

7 Einführung in die Thematik 1 Einführung in die Thematik 1.1 Strukturierung des Problems Ein Ratingkonzept für den Mittelstand, das geeignet ist, Debitoren und potenzielle Kunden einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, dient der Ausschöpfung der internen Einflussmöglichkeiten auf das Zahlungsverhalten der Geschäftspartner und kann den Termin- und Ausfallrisiken von Forderungen wirksam vorbeugen bzw. ihr Ausmaß einschränken. So soll verhindert werden, dass die aktive und passive Kreditpolitik allzu leichtfertig als Marketinginstrument eingesetzt wird. Diese Überlegungen dienten als Grundlage für die vorliegende Arbeit. Es wird ein Ratingverfahren diskutiert werden, welches mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit bietet, ihre Debitoren einer laufenden Kreditwürdigkeitsprüfung zu unterziehen. Im Gegensatz zu gegenwärtigen Verfahren der Ratingagenturen ist beabsichtigt, diese Prüfung unterjährig vorzunehmen, um eine ständige Aktualisierung zu gewährleisten. Dies ist besonders im Hinblick auf die Kurzfristigkeit von Lieferantenkrediten von essentieller Bedeutung. Das Rating soll sowohl auf unterjährigen Abschlüssen beruhen, als auch auf speziell ausgewählten Kennzahlen, die im kurzfristigen Bonitätsbereich eine hohe Aussagekraft haben. Dieses Instrument wird es möglich machen, Zahlungsbedingungen abhängig vom aktuellen Risikoprofil des jeweiligen Kunden auszuhandeln. Die Einstufung in eine Ratingkategorie soll auf der Grundlage von Informationen erfolgen, die das zu ratende Unternehmen einem Treuhänder kontinuierlich übergibt. Dabei ist es für alle Beteiligten von großer Bedeutung, dass ein standardisiertes Verfahren Anwendung findet, dessen Einsatz wenig Zeit und geringen Arbeitsaufwand erfordert. Im Folgenden werden die Arbeitsschritte der Erstellung sowie die Hintergründe der Idee für ein solches Verfahren aufgezeigt. 5

8 Einführung in die Thematik 1.2 Methodischer Aufbau der Arbeit Quellenlage Die umfangreiche Literatur zum Thema Credit-Rating hat sich bisher noch nicht mit dem Aspekt des Ratings für Lieferantenkredite befasst. Vielmehr wird hauptsächlich der Einsatz in Banken thematisiert. Angestoßen durch die Diskussion um das zweite Konsultationspapier des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht 1 sind die Kreditinstitute als größte Fremdkapitalgeber die Ersten, die sich mit der Thematik auseinandersetzen. Aus Sicht der Banken hat das Credit-Rating eher die Funktion eines strategischen Frühwarnsystems. Deren, im Vergleich zu Lieferantenkrediten, langfristige Engagements bedingen eine differenzierte Spezifikation des Instrumentes Credit-Rating. Den Ratingagenturen und Banken entstehen mit der Erstellung eines Ratings hohe Kosten für empirische Erhebungen, und sie investieren ein hohes Maß an Erfahrung und Fachwissen. Sie halten schon aus Wettbewerbsgründen geheim die Details ihrer jeweiligen Bonitätsanalysesysteme. Dazu kommt, dass ein in seinen Einzelelementen bei der Kundschaft bekanntes System teilweise zu überlisten und somit wirkungslos wäre. Eine lückenlose Dokumentation bestehender Ratingverfahren liegt in keinem Falle vor. Vor diesem Hintergrund wird hier eine Forschungsarbeit vorgelegt, die auf der aktuellen Literatur aufbaut und diese auf ein neues Anwendungsgebiet überträgt. Die zugrundeliegende Literatur und empirischen Befunde werden dabei gezielt auf die Anwendbarkeit auf die Problematik mittelständischer Lieferanten hin überprüft. Die für die einzelnen Teilaspekte der Arbeit verwendeten Quellen sind aufgrund der Aktualität zu einem großen Teil Fachzeitschriften sowie dem Internet entnommen. 1 Basel II: Diskussionsprozess um Aktualisierung und Erweiterung der Baseler Empfehlungen zur Eigenkapitalkonvergenz vom ; Im Rahmen von Basel II müssen Kreditinstitute, abhängig von der Risikoeinstufung eines Kredites, Eigenkapital unterlegen. Das Credit-Rating dient hier zur Risikoklassifizierung. Ab Kapitel dieser Arbeit wird diese Thematik aufgegriffen. 6

9 Einführung in die Thematik Struktur der Arbeit Einführend wird im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit das Thema im aktuellen Zusammenhang skizziert. Dabei werden eingangs die wesentlichen Eigenschaften eines Debitoren- Ratings dargestellt gefolgt von der Darstellung der methodischen Vorgehensweise und der Untermauerung der Notwendigkeit des vorgestellten Konzeptes. Das zweite Kapitel widmet sich dem Credit-Rating im Allgemeinen. Das erste Unterkapitel thematisiert die verschiedenen Formen und Interessengruppen des Credit-Rating. Im zweiten Teil wird dann eine Abgrenzung zu traditionellen Verfahren der Bonitätsanalyse sowie Scoring-Modellen vorgenommen. Dabei werden die zwei wichtigsten empirischen Methoden vorgestellt und einer kritischen Würdigung unterzogen. Kapitel 3 setzt sich speziell mit der Problematik des Debitoren-Ratings auseinander. Aus den Besonderheiten dieses Verfahrens werden spezielle Kriterien abgeleitet, denen ein Rating für mittelständische Lieferantenkredite gerecht werden sollte. Diese speziellen Kriterien werden in den einzelnen Unterkapiteln aufgegriffen, wobei zunächst auf die besonderen Anforderungen an den Mittelstand, dann auf Merkmale (insbesondere Kennzahlen) zur Krisenfrüherkennung und schließlich auf die unterjährige Erhebung dieser Kennzahlen eingegangen wird. Sodann wird ein Kennzahlensystem entwickelt, welches den aufgeführten Kriterien gerecht wird. Das Kapitel abschließend, werden die weiteren erforderlichen Schritte zur Erstellung eines Ratings aufgezeigt. Im vierten Kapitel wird ein möglicher Implementierungsansatz diskutiert. Dabei wird eine datenbankorientierte, gemeinschaftlich erhobene und einem Treuhänder anvertraute Lösung favorisiert. Abschließend werden Nutzen und Grenzen eines solchen Modells zusammenfassend aufgezeigt. Als Anlage wurde eine elektronische Version dieser Arbeit angefügt, die zusätzlich die verwendeten Internet-Quellen beinhaltet. 7

10 Einführung in die Thematik 1.3 Veränderung der Rahmenbedingungen im Mittelstand Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung von Ratings sowie der Zunahme von Unternehmensinsolvenzen zeichnen sich die Herausforderungen, vor denen der Mittelstand steht, ab. Sie werden im Folgenden ausführlich dargestellt Zunehmende Verbreitung von Ratings Noch vor einem Jahrzehnt galt Rating als eine US-amerikanische Besonderheit: Für nahezu jedes Unternehmen am dortigen Kapitalmarkt ist ein Rating öffentlich bekannt. In Deutschland wurden demgegenüber im Jahr 2000 laut Hermes Kreditversicherungs-AG erst wenig mehr als 330 Unternehmen nach der international bekannten Stufenskala klassifiziert. 2 In Deutschland gewinnt Rating jedoch zunehmend an Bedeutung Die Europäische Währungsunion Als die heute noch gebräuchliche Struktur der Ratingskala 1909 von John Moody entwickelt wurde, gab es in den USA bereits ein großes, gemeinsames Währungsgebiet. Durch die Einführung des Euro fielen auch in Europa die Wechselkursrisiken zwischen den Teilnehmenden Staaten endgültig weg. Während in der Vergangenheit Investoren, Kreditgeber und Lieferanten bei grenzüberschreitenden Engagements ein besonderes Augenmerk auf Währungsrisiken richten mussten, gewinnt gegenwärtig das Risiko des einzelnen Geschäftspartners an Gewicht. Der quantitative Unterschied zwischen Forderungen beschränkt sich jetzt auf das Rating, also die Bonitätsbewertung des Schuldners. 3 Aber auch über die Grenzen des einheitlichen Währungsgebietes hinaus hat die zunehmende Globalisierung der Finanzmärkte zu einem erhöhten Informationsbedarf der Finanzmarktteilnehmer an vergleichbaren und zugleich komprimierten Aussagen zur Beurteilung der Unternehmensbonität geführt. 4 2 Hermes Info-Broschüre, 2002d, S Hermes Info-Broschüre, 2002d, S Leker, 2001a. 8

11 Einführung in die Thematik Informations- und Kommunikationstechnologien Die Entwicklung neuer Technologien trägt erheblich zur Verbreitung des Ratings bei. Einerseits wird die Erstellung von Ratings durch Zuhilfenahme immer leistungsfähigerer Computer für neue mathematisch-statistische Verfahren erheblich erleichtert, andererseits tragen Kommunikationssysteme wie das Internet wesentlich zu der Verbreitung von Ratingsystemen bei. Das Rating als Instrument, welches eine Fülle von Informationen zu einem knappen Urteil komprimiert, wird den Ansprüchen an qualitativ hochwertige Daten gerecht und wirkt somit einer Informationsüberflutung entgegen. So wird es den jeweiligen Entscheidungsträgern ermöglicht, sich auf das für ihn wesentliche Merkmal des Kreditnehmers zu konzentrieren Eigenkapitalunterlegung im Bankkreditgeschäft Am wurden vom Cooke-Ausschuss die Baseler Empfehlung zur Eigenkapitalkonvergenz beschlossenen. Sie diente zur internationalen Angleichung der bankenaufsichtsrechtlichen Vorschriften über die Eigenkapitalausstattung von Banken. Es wurde der Mindeststandard von 8% für das Verhältnis zwischen Eigenkapital und risikogewichteten Aktiva einer Bank festgelegt. Ausfallrisiken bei der Kreditvergabe an Unternehmen wurden undifferenziert mit 100% angesetzt. Das heißt, dass Banken nach den bislang geltenden Regeln ihre Kredite mit 8 % Eigenkapital unterlegen müssen unabhängig von der Bonität des Kreditnehmers. 6 Die Bankaufsichtsbehörden der führenden Industrienationen setzen sich jetzt, aus Sorge um falsche Anreize, die durch diese Gleichbehandlung hoher und niedriger Kreditrisiken der Banken gesetzt wurden, für eine differenzierte Bonitätsrisikoklassifizierung ein. Dies geschieht im Rahmen des neuen Konsultationspapiers des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel II). Basel II baut auf drei Säulen auf: Säule eins beinhaltet die modifizierten Regeln für die Eigenkapitalanforderungen der Kreditinstitute bei der Kreditvergabe, Säule zwei regelt das nationale aufsichtliche Überprüfungsverfahren, das heißt, die Individualisierung der 5 Hermes Info-Broschüre, 2002d, S Hermes Info-Broschüre, 2002d, S. 3. 9

12 Einführung in die Thematik Bankenaufsicht. Säule drei steht für die Förderung der Marktdisziplin, das heißt, für die Erweiterung der Offenlegungspflichten. 7 Für Unternehmen ist die erste Säule von zentraler Bedeutung. Durch das Credit-Rating, also der Beurteilung der spezifischen Bonität eines Unternehmens wird zukünftig die Eigenkapitalunterlegung dem systematischen Risiko des Kreditkunden angepasst. Bei einem geringen Risiko, einer guten Bonität also, müssen nach derzeitigem Entwurf nur noch ca. 1,3% des Kreditvolumens durch die Bank mit Eigenkapital abgesichert werden. Bei einer fraglichen Bonität des Kreditnehmers dagegen, muss der Kredit mit über 50% des Volumens durch Eigenmittel unterlegt werden. 8 Die Kosten des Eigenkapitals sind in Zinsen und (z. B. Aval-) Gebühren zu berücksichtigen, d. h. es wird zu einem Spread der Kreditkonditionen gemäß den Risikoklassen kommen. Als Grundlage für die Risikoermittlung werden Ratingurteile dienen, wobei nach dem zweiten Konsultationspapier neben einem externen Rating nunmehr auch bankinterne Ratingverfahren zugelassen sind Auswirkungen von Basel II auf den Mittelstand Insbesondere Mittelständler befürchten, dass sie durch Basel II gegenüber Großunternehmen benachteiligt werden, weil sie bei diesem Ratingprozess schlechter abschnitten und es somit zu einer Verteuerung oder gar einer Nichtbewilligung ihrer Bankkredite aufgrund ihres höheren Risikos kommen könnte. 10 Die bisherigen Analysen unterstützen diese Befürchtungen dahingehend,... dass es... per Saldo zu einer Erhöhung der Eigenkapitalunterlegung und damit zu einer allgemeinen Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen kommen würde. 11 Wird ein Kredit verweigert oder nur zu teuren Konditionen bewilligt, liegt die Ursache hierfür jedoch nicht an den neuen Eigenkapitalanforderungen der Kreditinstitute. Vielmehr fehlt diesem Unternehmen die Qualifizierung für eine langfristig profitable Geschäftstätigkeit. 12 Im Jahr 2000 lag die Eigenkapitalquote (nach der IWK-Studie 1/2000) 13 bei allen deutschen 7 Vgl. Sekretariat des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht, Vgl. Wäscher, 2002, S Vgl. Kayser et al., 2002, S Vgl. Thießen et al., 2002, S Vgl. Kayser et al., 2002, S Vgl. Wolf, 2002, S Vgl. Gromer,

13 Einführung in die Thematik Unternehmen bei rund 40%, bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen bei weniger als 10%. 14 Auf Grund der geringen Kapitalausstattung ist die Insolvenzgefahr entsprechend hoch. Es ist vorstellbar, dass der erschwerte oder teurere Zugang zu Bankkrediten potenzielle Abnehmer dazu veranlasst, alternative Finanzierungsinstrumente, insbesondere Lieferantenkredite stärker in Anspruch nehmen. In einer solchen Situation müssten sich Zulieferer generell auf längere Zahlungsziele einstellen. Bei gleichem Verhalten mehrerer Kunden kann dies höhere Kreditlinien erfordern. 15 Kernpunkt ist aber, dass gerade solche Unternehmen, die bei ihrer Hausbank ein schlechtes Rating, bzw. keinen weiteren Kredit bekämen, in Zukunft verstärkt auf Lieferantenkredite ausweichen. Denn Banken geben die Ergebnisse ihrer internen Bonitätsprüfungen nicht an andere Interessengruppen wie z. B. Lieferanten weiter. Es herrscht also eine Informationsasymmetrie zwischen Banken und den Gläubigern, die keine Ratings durchführen. Bei der oben angedeuteten Entwicklung erhöhte sich für Lieferanten das Risiko von Zahlungsausfällen oder Zahlungsverzug deutlich. Träte dies tatsächlich so ein, würde für den Verkäufer die Prüfung unausweichlich, wem er einen Lieferantenkredit zu welchen Konditionen gibt Ratingansatz für Lieferantenkredite Die dynamische Entwicklung der internationalen Finanzmärkte und die Diskussion um das zweite Konsultationspapier des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (im Folgenden Basel II) haben die Nachfrage nach vergleichbaren, prägnanten Konzepten zur Krisendiagnose von Marktpartnern stark ansteigen lassen. Das gerade beschriebene Szenario unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit eines Konzeptes zur Früherkennung von Liquiditätsengpässen bei Geschäftspartnern. Die Kreditwürdigkeit eines Kunden wird bisher hausintern, eventuell mithilfe von Warenkreditversicherern oder Kreditauskunfteien recherchiert. Soweit überhaupt Jahresabschlüsse der Geschäftspartner vorliegen, werden diese oft einer unstrukturierten Analyse unterzogen. Neben dem hohen Aufwand für die Bilanzanalyse, entsteht das Problem, dass nicht alle 14 Vgl. Darazs, 2001, S Vgl. Hermes Info-Broschüre, 2002c, S

14 Einführung in die Thematik relevanten Kennzahlen analysiert werden oder die einzelnen Kennzahlen zu gegensätzlichen Aussagen führen. Durch den Einsatz von Ratingverfahren im Forderungsmanagement ergeben sich vielseitige Vorteile gegenüber den traditionellen Verfahren. Es entsteht die Möglichkeit, eine objektive Bonitätseinschätzung des Geschäftspartners bei überschaubaren Kosten zu erlangen. Durch standardisierte, computergestützte Verfahren sind die Ergebnisse reproduzierbar und vergleichbar. Das Ratingergebnis kann ferner von jedem Verkäufer dezentral online abgefragt werden. 16 Die Akzeptanz solcher Bonitätsprüfungen in mittelständischen Unternehmen wird auch durch das Erfordernis, sich neben der Kreditfinanzierung auch am Kapitalmarkt zu orientieren, spätestens mit Einführung der Baseler Beschlüsse (Basel II) erhöht. Das Rating beantwortet die Frage nach dem zukünftigen Erfolg eines Unternehmens, deshalb ist die noch weit verbreitete Zurückhaltung der Unternehmen vor einem Rating ungerechtfertigt Insolvenzen und Forderungsausfälle Zu beobachten ist, dass die Fachzeitungen im Hinblick auf bevorzugt behandelte Themen ein wieder verstärktes Interesse an der Problematik der Beurteilung von Ausfallsrisiken zeigen. 18 Eine der Hauptursachen hierfür ist in der steigende Zahl von Unternehmensinsolvenzen zu sehen (siehe Abbildung 1). Die Gerichte bezifferten die offenen Forderungen der Gläubiger für alle Insolvenzanträge im ersten Halbjahr 2002 auf 24 Mrd. Euro; nach damaligem Insolvenzrecht ergaben sich für das erste Halbjahr Mrd. Euro. 19 Jedoch ergäben sich laut Bundesministerium der Finanzen (BMF) die augenblicklich relativ hohen Insolvenzzahlen zum großen Teil aus der Modernisierung des Insolvenzrechts Ein detaillierter Vergleich von traditionellen Verfahren der Kreditwürdigkeitsprüfung mit dem Credit- Rating ist in Kapitel 2.2 dargestellt. 17 Vgl. Darazs, 2001, S Vgl. z.b. Grott et al., 2000 sowie Fahrmeir et al., 1994 und Jacobs et al., Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland, Pressemitteilung Siehe Monatsbericht des BMF, Oktober

15 Einführung in die Thematik Abbildung 1: Unternehmens-Insolvenzen in Deutschland Insolvenzen * 2000* 2001* Jahr *Vergleichbarkeit gegenüber Vorjahreswerten aufgrund der ab geltenden Insolvenzordnung gestört. Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, Die Probleme Zahlungsverzug und Forderungsausfälle werden von den Institutionen der Wirtschaft und auch in der öffentlichen Diskussion häufig in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Thema Insolvenzen behandelt. Als eine der wesentlichen Ursachen für den jährlichen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen gilt zumeist die schlechte Zahlungsmoral der privaten und öffentlichen Schuldner. 21 Im Zusammenhang mit der Verschlechterung der Zahlungsmoral muss auch die zunehmende Reklamationstätigkeit gesehen werden. Mögen in manchen Fällen Reklamationen der Kunden berechtigt sein, handelt es sich in anderen Fällen um das vorsätzliche Hinauszögern fälliger Zahlungen. 22 Die Lieferantenkredite in Deutschland belaufen sich so hat die Hermes Kreditversicherungs AG festgestellt auf ca. 260 Mrd. Euro jährlich. Damit bewegen sich Industrie, Handel und Dienstleister als Kreditgeber in der gleichen Größenordnung wie die Banken mit sämtlichen kurzfristigen Krediten. 23 Unternehmen, denen von ihrer Bank aufgrund geringer Bonität keine Kredite mehr bewilligt werden, haben oft keine andere Wahl, als die Zahlungsziele voll auszunutzen oder gar zu überschreiten. 21 Vgl. Kokalj et al., 2000, Vorwort. 22 Vgl. Heinrich, 1989, S Vgl. Hermes Info-Broschüre, 2002b, S

16 Einführung in die Thematik Das Überschreiten der Zahlungsziele ist nach einschlägigen Presseberichten und Information von Kreditauskunfteien zu einem ernsthaften Problem für mittelständische Unternehmen geworden. 24 Kleine und mittelständische Firmen trifft ein Forderungsausfall oft in stärkerem Ausmaß als große Unternehmen. Für viele dieser Unternehmen sind sichere Außenstände eine Frage der Existenz. Schon geringe Verluste greifen die Substanz an insbesondere dann, wenn sich die Firmen in der Gründungs- und Aufbauphase befinden. Sie müssen Forderungsausfälle verkraften, die auch ein gesundes Unternehmen in die Folgeinsolvenz treiben können. Die Bedeutung eines Forderungsausfalls wird an folgendem Beispiel deutlich: Ein Forderungsverlust von beispielsweise Euro wird bei einer Umsatzrendite von 2% erst durch einen Mehrumsatz von 1,25 Mio. Euro kompensiert. Im Jahr 2001 waren rund 30% der Zahlungsunfähigkeiten Folgeinsolvenzen im Mittelstand, die durch den Forderungsausfall eines Debitoren eintraten. 25 So genannte einfache Insolvenzgläubiger, also vor allem Lieferanten, erhielten im Insolvenzfall eines Gläubigers laut Hermes Kreditversicherungs AG durchschnittlich nur 4% ihrer Forderungen. 26 Als weiteres Problem benennt Hermes, dass in der Vergangenheit bei über 70% aller Insolvenzen das Konkursverfahren mangels Masse gar nicht eröffnet wurde. 27 Das Verkäuferwort, nach dem ein Geschäft erst dann abgeschlossen ist, wenn eine Nachbestellung eingeht, muss von den Finanzverantwortlichen so abgewandelt werden, dass ein Geschäft erst dann vollzogen ist, wenn der Erlös dem Bankkonto gutgeschrieben wurde. 28 Bedingt durch die Insolvenzentwicklung und der Ausrichtung auch der bankmäßigen Kreditfinanzierung an Ratingsysteme, werden heute an das Finanzmanagement mittelständischer Unternehmen weitgehendere Anforderungen gestellt als in der Vergangenheit. Allerdings werden diese neuen Anforderungen von vielen Unternehmen ignoriert. Andere verpassen den richtigen Zeitpunkt, ihre unternehmerische Aufgabe wahrzunehmen, sich qualifiziert und stetig mit den verschiedenen Veränderungen auseinander zu setzen. Hier entgegenzuwirken, liegt bei genauerer Überlegung im ureigenen Interesse der betroffenen Unternehmen Vgl. hierzu auch Kokalj et al., 2000, S Vgl. Hermes Info-Broschüre, 2002b, S Siehe zur Vermögensverteilung im Insolvenzverfahren z. B. Bitz, 2000, S. 54 ff. 27 Vgl. Hermes Info-Broschüre, 2002a, S Vgl. Heinrich, 1989, S Vgl. Wolf, 2002, S

17 Einführung in die Thematik Als Aspekt der Zahlungsverzugsproblematik, wurde die Selbsthilfe, wie das Institut für Mittelstandsforschung Bonn feststellte, bisher von den betroffenen Unternehmen nicht genügend beachtet. 30 Die vorliegende Arbeit befasst sich vor diesem Hintergrund mit der Frage, was mittelständische Betriebe selbst tun können um die Risiken von Zahlungsverzögerungen zu entschärfen? 1.4 Zwischenergebnis Kapitel 1 Nach einer einführenden Darlegung der methodischen Vorgehensweise dieser Arbeit wurden im vorangegangenen Kapitel unterschiedliche Aspekte aufgeführt, die die Notwendigkeit insbesondere für den Mittelstand aufzeigen, sich eingehend mit dem Forderungsmanagement zu beschäftigen. Die aktuellen Anlässe hierfür sind zum einen die seit 1993 stetig steigenden Insolvenzen in Deutschland, und die Diskussion um die Koppelung der Bankkredite an Ratingverfahren zum anderen. Letzteres führt nach Expertenschätzungen zu einer Verknappung der Bankkredite, mit der Folge einer Ausweitung von Lieferantenkrediten. Die Zunahme von Insolvenzen hingegen führt über uneinbringliche Forderungen häufig zu Folgeinsolvenzen. Aus dieser Situation heraus wurde eingangs ein Ratingverfahren im Rahmen des Forderungsmanagements vorgeschlagen, das zugeschnitten auf mittelständische Betriebe, die Ausfallwahrscheinlichkeit von kurzfristigen Lieferantenkrediten bestimmt. So können Zahlungskonditionen, abhängig von dem Ratingergebnis, gestaltet werden. Die Vorteile eines Ratings gegenüber traditionellen Verfahren der Kreditwürdigkeitsprüfung wurden an dieser Stelle kurz aufgegriffen, um den Vergleich im folgenden Kapitel detailliert darzustellen. 30 Vgl. Kokalj et al., 2000, Vorwort. 15

18 Credit-Rating 2 Credit-Rating Kapitel 2 liefert einen theoretischen Überblick über den Gegenstand und die Entwicklung von Ratings. Dabei werden die allgemeinen Grundlagen aufgeführt. Eine Anpassung an die Erfordernisse eines Ratings für Lieferantenforderungen ist im 3. Kapitel dieser Arbeit zu finden. In Kapitel 2.1 werden der Begriff des Credit-Rating definiert, die verschiedenen Ansätze diskutiert sowie die Bedeutung des Ratings aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Im Rahmen des Kapitels 2.2 wird die Entwicklung der Bonitätsprüfung bis hin zum Ratingverfahren erläutert. Der Weg führt von rein subjektiven über quasi-objektive zu den objektiven Verfahren. Am Ende dieses Unterkapitels werden zwei empirische Verfahren vorgestellt, die sich in der Ratingpraxis durchgesetzt haben. 2.1 Gegenstand und Bedeutung Unterschiede der Ratingkonzepte Ein Credit-Rating ist das durch spezifische Symbole einer ordinalen Skala ausgedrückte, differenziert erhobene, standardisierte Werturteil über die wirtschaftliche Fähigkeit, die rechtliche Bindung und die Willigkeit eines Schuldners, seinen vertraglichen Zins- und Tilgungsverpflichtungen vollständig und rechtzeitig nachzukommen. 31 Die Hauptfunktion eines solchen Ratings ist, Transparenz und somit Vergleichbarkeit für Gläubiger hinsichtlich des Risikos eines Kredites zu schaffen. Damit stellt es einen objektiven Maßstab dar. Über die Kreditentscheidung hinaus dient das Credit-Rating als Grundlage der Preisgestaltung bei der Kreditvergabe. Beim Credit-Rating handelt es sich ausschließlich um die risikoaverse Betrachtung des Fremdkapitalgebers und nicht um die chancen-orientierte Betrachtung des Eigenkapitalinvestors. 32 Im nachfolgenden Text wird der Begriff Rating im Sinne des Credit-Ratings verwendet. 31 Vgl. Darazs, 2001, S. 103 und Blochwitz et al., 2000b, S Zu den Informationsbedürfnissen der Gläubiger siehe Bieg, 1996, S

19 Credit-Rating Es existiert kein einheitliches theoretisches Ratingmodell, durch ein Rating drückt die beurteilende Institution lediglich ihre Erwartung über die künftige Entwicklung eines Unternehmens aus. Die Vorgehensweisen der verschiedenen Agenturen variieren stark, auch wenn sie vielfach zum gleichen Urteil führen. 33 Je nach Zweck des Ratings unterscheidet man zwischen einer Vielzahl von Verfahren. Die Ratings differieren im Prozess der Ratingerstellung und in der Auswahl der Informationen, auf denen das Ratingurteil beruht. Die wichtigsten Unterschiede sind im Folgenden aufgeführt Emittenten- vs. Emissions-Ratings Je nach Anlass des Ratings ist zwischen Emissions- und Emittenten-Rating zu unterscheiden. Das Rating kann sich entweder auf einen genau definierten Finanztitel (Emissions- Rating) oder allgemein auf die Bonität eines Schuldners (Emittenten-Rating) beziehen. Emittenten-Ratings werden durch die ganzheitliche Analyse eines Unternehmens ermittelt und bilden die Grundlage eines Emissions-Ratings. Durch zusätzliche Aspekte wie z. B. Laufzeit oder Sicherheiten kann das Emissions- vom Emittenten-Rating abweichen. Die wichtigsten Objekte, auf die sich ein Emissions-Rating beziehen kann, sind im Folgenden aufgezählt: Wandelanleihen, Optionsanleihen, Schuldverschreibungen, öffentliche Pfandbriefe, Hypothekenpfandbriefe, Lieferantenkredite, Commercial Paper, vermögensgedeckte Wertpapiere wie Asset Backed Securities (ABS) oder Mortgage Backed Securities (MBS), Bankeinlagen, aber auch Investmentfonds und Versicherungspolicen werden durch Ratings klassifiziert. 34 In vielen Banken werden darüber hinaus, im Rahmen von Credit-Ratings, sämtliche Kundenverbindungen mithilfe von Ratings überwacht. In solchen Fällen handelt es sich sehr häufig um Mischformen aus Emissions- und Emittenten-Ratings. 35 Analog dazu kann auch im Falle des hier thematisierten Ratings von Lieferantenkrediten vorgegangen werden. Mit Ausnahme des Unterschiedes der Laufzeit und der Höhe der Kredite, liegt hier durch die normalerweise längerfristige Geschäftsbeziehung ein ähnlicher Sachverhalt vor. 33 Vgl. hierzu Hermes Info-Broschüre, 2002d, S Vgl. Hermes Info-Broschüre, 2002d, S Vgl. Pawlowski et al., 2001, S

20 Credit-Rating Solicited versus Unsolicited Rating Im Regelfall beauftragt ein Emittent die Ratingagentur mit der Erstellung eines Ratings, dem so genannten Solicited Rating. Gelegentlich kommt es jedoch vor, dass ein Rating ohne Auftrag des zu bewertenden Unternehmens von einer Ratingagentur angefertigt wird, beispielsweise aufgrund der Anfrage eines Investors. Ein solches Rating wird ohne Mitwirken des Emittenten und nur auf Grundlage von öffentlich zugänglichen Unternehmensinformationen erstellt. Anders als in den USA ist die Erstellung eines Unsolicited Ratings in Deutschland unüblich Bankinternes versus externes Rating Es kann ferner zwischen internen und externen Ratings unterschieden werden. Interne Ratings werden von Kreditinstituten in deren Hause zur Beurteilung ihrer Kunden angefertigt. Solche Ratingverfahren werden von Finanzdienstleistern selbst bzw. speziell für diese entworfen. Dieser Ratingform liegen in der Regel qualitative Daten aus Checklisten, Kontodaten und Jahresabschlussdaten als Information zugrunde. Interne Ratings werden in Deutschland seit ca. fünf bis zehn Jahren eingesetzt. Die zu beurteilenden Unternehmen werden meistens in ca. sechs bis zehn Bonitätsklassen eingeteilt. Das Bonitätsurteil wird nicht veröffentlicht. Unterschiedliche Finanzdienstleister benutzen von einander abweichende interne Ratingverfahren, so dass, abhängig von der Bank, für dasselbe Unternehmen völlig differente Ratings erstellt werden können. 37 Im Rahmen der ersten Säule des neuen Basel-Akkords haben Banken die Möglichkeit, ihre Kreditnehmer entweder selbst intern zu raten, oder auf die Dienste externer Agenturen zurückzugreifen. 38 Externe Ratings werden durch externe Anbieter, hauptsächlich durch Ratingagenturen, aber auch durch Auskunfteien, entwickelt. Hier handelt es sich in aller Regel um Solicited Rating. Zu den weltweit führenden Ratingagenturen zählen Moody s, Standard & Poor s (S&P) und Fitch. Ihre Ratings sind sehr aufwändig, daher teuer und somit vor allem für große, finanzkräftige Unternehmen gedacht. In Deutschland hat sich außerdem die URA 36 Siehe hierzu Everling, 2001a, S. 62 ff. 37 Vgl. Baetge et al., 2001, S Günter et al., 2002, S

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