Mama, Papa, ich werd' Fußballprofi!

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1 Leseprobe aus: Ursula Engel, Bernd Ulrich Mama, Papa, ich werd' Fußballprofi! Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf rowohlt.de. Copyright 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

2 URSULA ENGEL BERND ULRICH MAMA, PAPA, ICH WERD FUSSBALLPROFI! UNSER NEUES LEBEN AM SPIELFELDRAND Rowohlt Taschenbuch Verlag

3 Originalausgabe Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2014 Copyright 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München (Abbildung: plainpicture/ntb scanpix) Satz aus der Mercury, InDesign, bei Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin Druck und Bindung Druckerei C. H. Beck, Nördlingen Printed in Germany ISBN

4 Für Franziska und Luise, die als Innenverteidigerinnen unseres Familienlebens eine großartige Mannschaftsleistung gezeigt haben

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6 Inhalt Vorwort 9 1 Der Urball erste Liebesbeziehungen 15 2 Berlin Einzeltraining, Flure und Bolzplätze 23 3 Vereinssuche Wo verdammt ist dieser Fußballplatz? 34 4 Die allererste Liga die wollen doch nur spielen 54 5 Vätertraining es geht auch leise oder Fußballtraining von der besten Seite 66 6 Schule, Verein und Zeitpläne ein Junge leistet viel, und das Familienmanagement kommt an seine Grenzen 80 7 Das Jahr der Neuanfänge der Junge entscheidet 99 8 Probetraining neue Plätze, neue Eltern 118

7 9 Fritz ist Herthaner «Präsi» statt Freizeitkleidung Freizeit, Talent, Leistung und Leidenschaft Definitionen und Missverständnisse Vorgeschmack aufs Profileben euphorische Fans und wir mittendrin Vom Kleinfeld zum Großfeld Intelligenz schießt Tore, Kraft auch Abitur und Leistungssport Doppelte Last? Doppelte Freude? Von mir hat er das nicht! Der Vater über Gene, Gender und den Umgang mit einem Sohn in der schnellen Vorwärtsbewegung 207 Nachwort 14 Jahre Spielfeldrand 219 Dank 221

8 Vorwort Kinder sind Anarchie. Sie werfen immer zwei Leben über den Haufen. Das Leben, das man vorher geführt hat. Und das Leben, das man sich für die Kinder gewünscht hat. Nichts ist schlimmer, so viel steht fest, als gelungene Erziehung, wenn Kinder so werden, wie man sich das vorher überlegt hat. Lang lebe die Anarchie, jedenfalls diese. Der Vater und ich, wir haben uns nicht gewünscht, dass unser Sohn Fußballprofi wird. Irgendwann war es sein Wunsch und nicht mehr zu übersehen. Als Eltern haben wir keine Erziehungsbücher gelesen. Über Leistung und Leidenschaft haben wir umso mehr nachgedacht. Jeder macht sich Gedanken über Leistung, für sich selbst und als Elternteil auch für seine Kinder. Unmöglich, dabei das richtige Maß zu finden zwischen Zuviel und Zuwenig. Unmöglich deswegen, weil es kein abstraktes, allgemeingültiges Maß gibt. Was aber, wenn Kinder etwas leisten wollen, wenn sie dafür auf Dinge verzichten möchten, deren Wert sie noch gar nicht ermessen können? Was, wenn sich das Ziel, Profi zu werden, zerschlägt? Und das ist beim Fußball sehr wahrscheinlich, denn von Hundertausenden Jungen, die in Vereinen kicken, landen am Ende 500 in der ersten oder zweiten Liga. Und was machen wir Eltern mit unseren Träumen? Verwechseln wir sie womöglich mit denen der Kinder? Das 9

9 kann gut sein, aber auch der Traum von einem ausgewogenen, nicht zu spezialisierten, mittelmäßigen Leben ist ein Traum, das sollte man nicht vergessen. Was sind wir als Eltern bereit, für unsere Kinder zu geben? Alles? Das wäre gelogen. Aber demütigen lassen, das müssen wir uns vielleicht, auch dazu erzählt der Fußball Geschichten. Was man dafür bekommt, sind unfassbare Glücksmomente. Und was bedeutet Freundschaft im Fußball? Wenn jeder in der Mannschaft auch Konkurrent ist, wenn die Miteltern am Spielfeldrand auch Gegeneltern sind, konkurrierende Familienkampfgruppen? Ja, es waren Kampftruppen, die von einer Minute zur anderen aber auch solidarisch, mitfühlend und treu sein konnten, ganz besonders, wenn Anfeindungen von außen kamen. In diesem Buch erzählen wir von dem Traum unseres Sohnes, Fußballprofi zu werden. Ein Traum, den er mit Millionen Jungs in seinem Alter teilt. Dieses Buch ist subjektiv, in vielen Teilen autobiographisch, aber auch von mir, der Mutter, verdichtet, um exemplarisch zu sein. Dabei sind fast alle Namen von Spielern und Trainern fiktiv. Ich erzähle als Mutter und Frau von einem der wenigen Orte, an denen Männerwelt noch funktioniert, und davon, wie dieser Traum das Leben meines Sohns und auch mein eigenes verändert hat. In vielen Punkten sind der Vater und ich uns über die 14 Jahre am Spielfeldrand einig. Dennoch hat er als Vater und ausgewiesener Fußballfan einen anderen Blick auf die Fußballwelt. Im letzten Kapitel dieses Buchs schreibt er eine Innenansicht aus der männlichen Fußballwelt, die anderes und weit mehr zu bieten hat als Machismo und Konkurrenzkampf, zum Beispiel Zuwendung und Zärtlichkeit. Fritz hat diesem Buch zugestimmt. Er hat manches an- 10

10 ders erlebt, aber im Großen und Ganzen stimmt es, sagt er. Unsere Wahrheit. Sein Leben. Eine große Sache war und ist Fußball für ihn. Bis in die Jugendbundesliga hat er es geschafft. Das Spiel geht weiter. Das Leben auch

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12 Anstoß Der Ball ist regelkonform, wenn er kugelförmig ist, aus Leder oder einem anderen geeigneten Material gefertigt ist, einen Umfang von mindestens 68 und höchstens 70 cm hat, zu Spielbeginn mindestens 410 und höchstens 450 g wiegt und sein Druck 0,6 1,1 Atmosphären beträgt, was g/cm 2 auf Meereshöhe entspricht. Aus: DFB-Fußball-Regeln 2011/2012

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14 0 1 Der Urball erste Liebesbeziehungen Männern werden besondere Beziehungen zu ihrem besten Freund, zu ihrer Arbeit und zu ihren Autos nachgesagt. Ihre Beziehung zum Ball ist dennoch auf eine außergewöhnliche Art anders und sehr speziell. «Wirft man in eine Schar von Jungen einen Ball, so kann man sicher sein, dass mehr als 90 Prozent versuchen, den Ball mit dem Fuß zu spielen», hat der Fußballlehrer Gerhard Bauer vor über 40 Jahren geschrieben. An diesem fast reflexhaften Verhalten hat sich bis heute nichts geändert. Beim Ballspielen, beim Fußballgucken, im Stadion, wo auch immer Männer auf Bälle treffen, werden viele Gefühle in Bewegung gesetzt. Männer nehmen sich an den Händen, tanzen an Eckfahnen, werfen Küsse in die jubelnde Menge. In Verbindung mit dem Ball kann man Männer in der Öffentlichkeit ungewöhnlich sensibel und zärtlich miteinander sehen. Was macht diese Mann-Ball-Beziehung aus? Große Leidenschaft ist in jedem Fall im Spiel. In meiner Familie ist das 15

15 offensichtlich und bei meinem Sohn ganz besonders ausgeprägt. Bälle spielten in seinem Leben von Anfang an eine außergewöhnliche Rolle. Aber wie und wann hatte das bei ihm eigentlich angefangen? Gab es überhaupt eine Zeit ohne Ball? Fritz ohne Ball? Daran habe ich keine Erinnerung. Ball war immer. Die allererste Begegnung mit dem Ball war eine Innenansicht. In eine riesige pralle Kugel verwandelte das Baby, das ich erwartete, meinen Bauch. Außen prall, innen so weich, dass der kleine Bewohner sowohl mit ersten Kicks von Füßen, Ellbogen, Hintern und Knie als auch mit dem Kopf Bekanntschaft machen konnte. Hier absolvierte er seine allererste Trainingseinheit. Zu Hause in der Wiege, da wartete der Ball bereits. Sein Name war Siggi, und er erfüllte von Anfang an viele Bedürfnisse. Er war Empfänger und Spender unterschiedlichster Emotionen, klein, kuschelig und rund. Zumindest soweit eine Kugel mit einer weichen Füllung in einer Frottéhülle rund sein kann. Dieser Ball wurde im Laufe der Zeit geliebt und geknuddelt, geherzt und auch geküsst wie der Lederball vom glücklichen Champions-League-Spieler im Fernsehen. Welche Bedeutung die Bälle in Fritz Leben einmal haben sollten, das ahnte ich damals allerdings noch nicht. Glücklicherweise war mein Sohn ein ganz normaler, gesunder Junge. Er war nicht zu groß, nicht zu klein, weder sehr schwer noch leicht. Und für uns Eltern war er natürlich so wie alle unsere Kinder etwas ganz Besonderes. Dass es ein Junge werden würde, hatten wir nicht gewusst. Und auch bei dem Namen waren wir uns nicht sicher. Zwei standen zur Auswahl. Der Vater und ich hatten beschlossen, uns noch nicht festzulegen. Wir wollten das Kind erst sehen und dann entscheiden. Als es schließlich so weit war, streckte er 16

16 den Hals keck dem Neuen entgegen, die Augen suchend aufgerissen sah er uns an. Da will einer was von der Welt!, war mein erster Gedanke. Ich sah den Vater kurz an. Er nickte. Wir hatten einen Fritz. Der aus dem Ruhrpott stammende Großvater war mit konkreten Vorstellungen über sein zweites Enkelkind weit weniger zurückhaltend. Er war sich sicher, dass es diesmal ein Junge werden würde. Und er hatte schon Pläne für den «Stammhalter» gemacht, lange bevor er ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Genauer genommen zwei Pläne: Erstens, den Namen der Familie, also seinen eigenen, sollte sein Enkel tragen, zweitens Fußballer, also Schalker werden. Aber die großväterlichen Pläne machten uns keine Sorgen. Unserem Sohn und uns würden sie nichts anhaben können. Der Vater und ich wussten, dass es keinen Sinn hatte, die eigenen Wünsche auf unsere Kinder zu übertragen. Wir hatten bereits eine Tochter. Ich wusste also auch praktisch, was dabei herauskommt, wenn man versucht, den Kindern die Dinge zu ermöglichen, die man selbst als Kind gerne gemacht hätte. Es klappt nicht! Kinder sind von Anfang an Wesen mit eigenem Willen und Neigungen. Sie kommen mit einem gewissen Anteil an Charakter zur Welt. Wir können Angebote machen, ihnen Optionen und Möglichkeiten zeigen und versuchen, Einfluss auf sie zu nehmen, ihnen einen Weg und eine grundsätzliche Haltung zur Welt zeigen. Und natürlich tun sie vieles, weil wir es tun oder weil sie uns eine Freude machen wollen. Aber sie sind glücklicherweise keine Kopien unserer selbst. Dennoch suchen alle Eltern nach Ähnlichkeiten, nach einem Widerschein von sich selbst in ihren Kindern. Sehen sie uns äußerlich ähnlich? Hat er nicht deine Augen? Meinen 17

17 Mund? Bei den Äußerlichkeiten gibt es oft frappierende Fälle. Natürlich geben wir vieles an unsere Kinder weiter. Natürlich sind sie uns ähnlich, manchmal glauben wir, uns in ihnen tatsächlich wiederzuerkennen. Aber sie sind auch anders, überraschend und manchmal ganz fremd. Der Vater und ich hatten uns auf jeden Fall fest vorgenommen, unsere eigenen Wünsche nicht auf unsere Kinder zu projizieren. Aber durften wir uns deshalb jetzt gar nichts für sie wünschen? Kinder und Wünsche hängen schließlich irgendwie zusammen. Im besten und wohl häufigsten Fall sind sie Ergebnis eines Wunsches. Natürlich wünschten wir uns, wie alle Eltern es tun, etwas für unsere Kinder, für dieses Kind. Gesundheit, Segen, eine glückliche Kindheit, Freunde, ein erfülltes Leben. Alles Gute eben und nichts Schlechtes. So abstrakt, da waren wir uns einig, ist Wünschen wundervoll. Was aber, wenn Wünsche konkret, schlimmer noch, wenn sie zu festen, realen Vorstellungen werden? Plötzlich können aus guten Wünschen und dem Besten fürs Kind ungeliebte Plagegeister werden. Die Kinder unserer Großeltern, also unsere Eltern, können viele Geschichten von diesen «guten Wünschen» erzählen. Viele ihrer Generation sind diesen Wünschen gefolgt, haben Betriebe übernommen, Fächer studiert oder vielleicht auch Partner geheiratet, die sie eigentlich nicht wollten. Mit dieser Sorte Wünsche wollten wir unsere Kinder verschonen. Wir hofften, dass wir früh erkennen würden, was ihnen besondere Freude macht. Wir fragten uns immer früher, welcher Sport, welches Instrument das richtige sein könnte. Viele Eltern beklagen sich darüber, dass ihre Kinder keine Leidenschaften entwickeln, dass sie ihre Hobbys ständig wechseln, sich für nichts interessieren. Damit hatten wir kein Problem. Im Gegenteil. 18

18 Unser Sohn brachte großes Wollen und große Ausdauer mit. Große Leidenschaften ließen auch nicht lange auf sich warten. Sollte der Großvater also ruhig von der Weitergabe seines Erbes träumen und von einem Enkel, der für Schalke 04 auf dem Platz stehen würde. Meinen Sohn würden diese Träume nicht belasten. Zudem wohnten wir mit unserer Tochter und dem Neugeborenen damals nicht in der Nähe der zahlreichen Verwandten im Ruhrgebiet, die allesamt Schalke- Fans waren und deren Kinder zum Teil schon bei der Geburt eine Schalke-Mitgliedschaft in die Wiege gelegt bekamen. Wir lebten im toleranten Köln und zogen wenige Monate später in ein kleines Dorf zwischen Mosel und Eifel. Mehr Rand der Republik ging kaum, das nächstliegende Stadion, wo man die 1. Liga live hätte sehen können, war der Betzenberg in Kaiserslautern, circa 200 Kilometer entfernt. Fritz konnte also völlig unbelastet von großen Erwartungen entspannt ins Leben starten. Natürlich wurde er dabei aufmerksam von mir, dem Vater, der großen Schwester und den zweiten Großeltern beobachtet. Die Monate vergingen, und bald ließ es sich nicht mehr ignorieren: Da wollte einer mehr, als vor sich hin wachsen. Der Vater und ich sahen uns immer häufiger verwundert über diese Energie an. Da war ein Junge, der wollte ganz offensichtlich mehr Bewegung, mehr Aufmerksamkeit, mehr können, tun und denken und vor allem mehr Ball. Mit glasklarem Blick verfolgte er mich, den Vater, seine Schwester und alle anderen in seiner Umgebung, übte Bewegungen und Laute mit großer Beharrlichkeit und stets aufs Beste gelaunt. Und immer wieder war da dieses runde Ding, das eine unglaubliche Faszination auf ihn ausübte. Unser neues Familienmitglied zeigte uns von Anfang an: Hier komme ich. 19

19 Dabei ist ja auch ein etwas «fauleres» Säuglingsleben schon unglaublich anstrengend. Was diese kleinen Wesen in den ersten Monaten ihres Lebens leisten, welche Verknüpfungen im Hirn stattfinden, welche Koordinationsfähigkeiten sich entwickeln, übertrifft alles, was unsere Körper im weiteren Leben in der Lage sind zu leisten. Nie wieder werden so viele Dinge in so kurzer Zeit erlernt und vorangetrieben. Jeder Säugling ist in dieser Lebensphase quasi ein Leistungssportler. Mein Sohn war kein Wunderkind. Er war einfach bei vielem ein klein wenig schneller, ein klein wenig ehrgeiziger als andere. Ausdauer und Ehrgeiz besaß er im Überfluss. Er wurde nicht müde, konnte nie genug vom Ball bekommen, vom Hin- und Herschieben, vom Schubsen und Hinterherkriechen. Fast meditativ spielte er mit dem Ball. Er untersuchte ihn peinlich genau auf seine Eigenschaften und probierte sie alle aus. Fritz wollte den Ball treten, bevor er laufen konnte, und deshalb versuchte er es erst im Liegen und kurz darauf in einer Position zwischen halb aufrechtem Sitzen und Stehen. Mit den Armen zog er sich am Gitter des Bettchens hoch, oder er hielt sich an einem Stuhl fest, um dann ein Bein anzuheben und mit ihm in Richtung Ball zu zielen. Das war weder eine bequeme Stellung noch eine besonders elegante. Bis zum ersten eigenständigen Schritt würde es noch dauern. Aber der erste Schuss gelang schon jetzt. Parallel zu den rasanten Mobilitätsfortschritten wuchs Fritz körperlich, mit dem Sprechen und Verstehen ging es ebenfalls schnell voran. Und wenn «Ball» vielleicht auch nicht das allererste Wort war, so gehörte es ganz sicher zu den ersten, die er in forderndem Ton hervorbrachte. Mir schien es reine Willenskraft zu sein. Noch bevor er ein Jahr alt war, hatte er alle Tabellen und Normwerte gesprengt. Das 20

20 beunruhigte uns nicht, es versetzte uns lediglich manchmal in Staunen. Der Vater und ich, wir hatten schon Erfahrungen mit dem Elternsein. Ich orientierte mich nicht an genormten Kurven, sondern daran, ob es den Kindern gutging oder nicht. Und mein Sohn war ganz offensichtlich kerngesund und zufrieden: Er war glücklich. Seine Energie und seine gute Laune waren nahezu ansteckend. Auch deshalb machte es der Schwester und den Erwachsenen um ihn herum Spaß, mit ihm zu spielen. Immer neue Varianten des Werfens, Schießens, Hüpfens wurden ausprobiert, und als Lohn gluckste der Junge vor Vergnügen und strahlte die Mitspieler verschmitzt an. Genügend Aufmerksamkeit war diesem Kind sicher, und damit auch viele Übungsstunden. Kurz vor seinem ersten Geburtstag fing Fritz an zu laufen. Jetzt gab es gar kein Halten mehr. Ständig lief er nun mit dem Ball herum und oft hinter ihm her. Dass sich seine Lauftechnik schnell verbesserte, verwunderte nicht. Schnell wurde aus dem staksenden Vorwärtsstolpern ein halbwegs passabler Laufstil. Wer kann schon mit einer dicken Windel und gesteppten Winterhosen gut laufen? Zwischen dem Haus, in dem ich mit meiner Familie damals wohnte, und der angrenzenden Werkstatt befand sich eine gepflasterte und überdachte Fläche von über 200 Quadratmetern. Früher war sie genutzt worden, um Autos abzustellen und Material trocken zu lagern. Jetzt wurde sie zur eis- und schneefreien Spielfläche für meinen Sohn. Da konnte er auch im Winter Ballspielen. Er schoss die dort abgestellten Eimer oder Holzklötze ab oder die Bälle gegen die Hauswand. Dem Bewegungsdrang meines Sohnes waren keine Grenzen gesetzt. Und wenn es draußen zu kalt wurde, gab es ja noch den Hausflur mit je einer Tür am Ende. Der eignete sich perfekt für Torschüsse und Torwarttraining. 21

21 Fritz trainierte täglich, freute sich über neue Erfolge. Der Vater und ich freuten uns auch. Endlich kam der Frühling, es war Zeit für das erste öffentliche Training. Das fand nun mit uns, den Eltern, den Großeltern und der Schwester auf einer kleinen Spielstraße statt. Dort kickten auch die Nachbarkinder. Der Winzling jauchzte vor Begeisterung, wenn er den Ball bekam. Und weil er so lustig dabei war, brachten die anderen ihm gerne Neues bei. Wenn Fritz in seinem zweiten Sommer mit einem Ball über die Spielstraße dribbelte, fand er fast immer jemand, der mit ihm spielen wollte. Seine Ballbegeisterung war ansteckend, und die Schüsse wurden immer besser. Natürlich konnte er mit den großen Jungs nicht mithalten. Aber jetzt kannten die Großen den kleinen Ballverrückten und nahmen ihn als halbe Portion auf. Sie klingelten manchmal und fragten, ob er mit seiner fünf Jahre älteren Schwester zum Kicken rauskommen wolle. So wurden beide Teil der kleinen Straßengemeinschaft im Dorf. Und der Vater, der Auswärtige, der Städter, der, der sein Geld mit dem Kopf verdiente und schon deshalb vielen irgendwie suspekt war, wurde gleich mit integriert. Das gemeinsame Gesprächsthema Fußball machte Unterhaltungen leichter. In der einzigen Dorfkneipe, in der man die Bundesliga damals live sehen konnte, waren Vater und Sohn bald bekannte und gerngesehene Gäste. Insofern leistete der Ball auch in meiner eigenen Familie schon sehr früh einen echten Beitrag zur Integration. Danke lieber (Fußball)gott!

22 0 2 Berlin Einzeltraining, Flure und Bolzplätze Als Fritz zwei Jahre war, nahm der Vater eine neue Stelle in Berlin an. Der Umzug in die Großstadt, vom Landhaus in die Etagenwohnung war für uns Erwachsene eine radikale Veränderung. Für die Kinder war er ein Kulturschock. Nur meine jüngste, gerade fünf Wochen alte Tochter bekam davon nichts mit. Die Älteste hingegen wechselte in die zweite Klasse. Sie musste von jetzt an mit einer neuen Ausgangsschrift in der Schule und dem rüden Ton der Berliner zurechtkommen. Und Fritz? Er war empört. Um 7 Uhr morgens stand er im Flur unserer Altbauwohnung. Mit dem Ball unterm Arm wollte er zur Tür hinaus, zu Opa, Fußballspielen und zu Charlotte, dem Esel, den Katzen. Aber die Tür war eine Wohnungs- und keine Haustür, und dahinter befand sich kein kleiner Pfad zum Nachbarhaus. Da war weder Opa noch Katze, sondern viele Treppenstufen von der dritten Etage bis auf die Straße. «Ich will raus», brüllte er, stampfte mit den Füßen und 23

23 schoss den Ball wütend gegen die Wand. Eine halbe Stunde später war die Älteste mit dem Vater auf dem Weg zur Schule, das Baby schlief im Kinderwagen, und ein aufgelöster Junge lief neben mir her in Richtung Park. Eine kleine Hand presste sich sehr fest in meine, den kleinen Frottéball hielt er in der anderen. Nur ein paar Jogger, Hundebesitzer und Leute, die den Weg durch den Park als Abkürzung zur U- und S-Bahn nutzten, waren schon unterwegs. Die Wiesen gehörten uns. Schnell war der Fußball aus dem Netz unter dem Kinderwagen herausgeholt. Genauso schnell hatte Fritz ihn sich gegriffen und schubste ihn mit dem Fuß. «Pass auf Mama, ich schieße!» Es dauerte nicht lange, bis er ganz auf den Ball, das Hin- und Herschießen konzentriert war. Seine Augen strahlten wieder, und die Wangen unter den blonden Locken glühten vor Eifer und Anstrengung. Eine ganze Weile ging das so weiter, bis das Baby sich bemerkbar machte. Hunger! Der Ball landete wieder im Netz und der Junge auf der Kante des Kinderwagens. Wenige Minuten später waren wir von unserem ersten Ausflug in der neuen Stadt zurück. Davon, wie mein Leben mit den Kindern in dieser unbekannten Stadt aussehen würde, hatte ich noch keine konkrete Vorstellung. Doch eins war klar: Diese Wiesen hatten uns nicht zum letzten Mal gesehen. Von jetzt an gehörte ein Ball zu meinem ständigen Gepäck. Unser morgendlicher Ausflug mit Trainingseinheit am See wurde zum Ritual. Nichts konnte meinen Sohn körperlich auspowern und zugleich so glücklich machen wie Fußballspielen. Wenn ich jetzt mit den Kindern unterwegs war, suchte ich nach Wegen, die an einem Platz zum Ballspielen vorbeiführten. Ich lernte die Stadt von einer besonderen Seite kennen und lieben. Bald wusste ich, wo Fußballspielen erlaubt war und wo Rasenflächen mit wenig Hundehaufen zu finden waren. 24

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