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1 Kontakt 040 / Informationen zum Thema Computersucht für Erwachsene, die viel Zeit im Internet verbringen. // Herausgegeben vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ)

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3 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 1.1 Für wen wir sind 1.2 Wer wir sind 1.3 Was wir wollen 1.4 Was wir bieten 2. Faszination: virtuelle Welt 2.1 Der rein funktionale Nutzen 2.2 Der emotionale Nutzen 2.3 Das Resultat 3. Übermäßiger Konsum 3.1 Erste Signale 3.2 Wichtige Fragen 3.3 Wichtige Antworten 3.4 Die grundlegende Entscheidung 4. Mit Methode zu einem verantwortungsvollen Umgang 4.1 Der erste Schritt: Soziale Unterstützung hilft bei der Selbstkontrolle 4.2 Der zweite Schritt: Zuverlässige Selbstkontrolle braucht zuverlässige Selbstbeobachtung 4.3 Der dritte Schritt: Weisen Sie Ihrem Computer einen neuen Platz zu! 4.4 Der vierte Schritt: Aktivieren Sie sich selbst! 5. Das passiert, wenn man die Kontrolle über die eigene Computernutzung verliert 5.1 Ein Betroffener erzählt 5.2 Aus Computernutzung wird Computersucht 6. Wann ist es Sucht? 6.1 Suchtkriterien 6.2 Der Test 6.3 Die Auswertung 6.4 Ein Fallbeispiel 7. Unterstützung 7.1 Gängige Vorbehalte 7.2 Die Vorteile 7.3 Eine Motivationshilfe 7.4 Ein Fallbeispiel 7.5 Wo man Unterstützung findet 8. Die Therapie 8.1 Das Ziel 8.2 Die ambulante Therapie 8.3 Die stationäre Therapie Fazit & Impressum Kontakt Eins

4 Einleitung Einleitung Diese Broschüre wendet sich an Menschen, die viel im Internet sind. Sie betrifft aber auch Menschen, die viel am Computer oder an Spielkonsolen spielen. Wir haben diese Broschüre entwickelt, damit diese Personen ihr Verhalten auf der Basis seriöser Information für sich prüfen können. Viele Menschen sind in Sorge, dass sich Suchtverhalten entwickeln kann. Dieses Suchtverhalten kann Betroffene dazu bringen, sich vor lauter ernsthaften Folgeproblemen nicht mehr selbst helfen zu können. Die Sorge ist berechtigt, denn wir kennen und behandeln solche Menschen. 1.2 Wer wir sind Wir sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Forschungsprojektes im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Unsere Aufgabe war es, Informationen über suchtartigen Internet- und Computergebrauch zu sammeln, sogenannten pathologischen Internetgebrauch (auch als Computersucht oder Internetsucht bezeichnet). Der größte Anteil des Inhalts dieser Broschüre wurde allerdings von erfahrenen Therapeutinnen und Therapeuten beigetragen, die wir als Experten hinzugezogen und befragt haben. 1.3 Was wir wollen Wir wollen, dass Menschen sorgenfrei Spaß im Internet oder an Computer- und Konsolenspielen haben können. Wir wollen, dass ihnen nicht der Spaß dabei verloren geht, weil sie die Kontrolle verlieren. Die Kontrolle verlieren kann Verlust bedeuten: Verlust von Arbeitsplätzen und Karrierechancen, Verlust von Freunden/Freundinnen und Lebenspartnern/-partnerinnen, Verlust von Lebenszufriedenheit und Selbstachtung. Das können wir gemeinsam vermeiden. 1.4 Was wir bieten Wer sich auf dem Weg aus dem realen Leben in ein nur noch virtuelles Leben befindet, das sich ausschließlich im Internet oder im Computerspiel erfüllt, muss diesen Weg nicht zwangsläufig zu Ende gehen. Mit den Informationen aus dieser Broschüre können Sie Ihre persönliche Situation auf mögliche Risiken und Gefahren prüfen. Falls Sie für sich Handlungsbedarf feststellen, finden Sie konkrete Ratschläge zur Selbsthilfe. Falls Sie Unterstützung brauchen, zeigen wir Ihnen, wie Sie kompetente Beratung oder Behandlung finden. Zwei Drei

5 Faszination virtuelle Welt Faszination virtuelle Welt 2.1 Der rein funktionale Nutzen Es ist heutzutage unbestreitbar, dass die Nutzung von Computern und Internet zum Alltag dazugehören. Wir benötigen den Computer und das Internet im Beruf, privat und im Studium, zum Recherchieren (z.b. Bahn- und Flugreisen, Nachrichten), zur Vorbereitung von Prüfungen, Die Faszination des Internets ist ungebremst und die Möglichkeiten des Internets erscheinen nahezu grenzenlos. Es gibt zwei Seiten des Internetund Computergebrauchs: (1) den funktionalen Nutzen und (2) den Nutzen zum eigenen Vergnügen. zum Online-Banking oder zur elektronischen Verwaltung und Sicherung der eigenen Dokumente, Fotos und Studiendaten. Der Zugang zum Internet ist wichtig, um den Anschluss zu behalten und Fähigkeiten zu erweitern, die in unserer Gesellschaft und im Berufsleben als selbstverständlich angesehen werden. 2.2 Der emotionale Nutzen Über den funktionalen Nutzen des Internets und Computers hinaus können wir : uns zu jeder beliebigen Tageszeit alle nur denkbaren Informationen ergoogeln, kaufen, was das Herz begehrt, jederzeit mit jedermann über s und Chat in Kontakt treten, uns Filme und Musik jederzeit herunterladen, unbegrenzt in virtuellen Welten gegen virtuelle Kreaturen kämpfen, in Rollenspiele eintauchen und fremde Identitäten annehmen. Vier Fünf

6 Faszination virtuelle Welt Übermäßiger Konsum 2.3 Das Resultat Da das so gut und beinahe mühelos funktioniert, wird der Besuch im Internet immer häufiger und zur Gewohnheit es braucht keinen Gang ins Kino kein Aufrappeln fürs Fitnessstudio Hinzu kommen eine Reihe anderer positiver Nebenwirkungen : Wir können vom Alltag abschalten und in eine andere Welt entschwinden. Der Streit in der Familie oder mit dem Partner/der Partnerin über das Fernsehprogramm oder andere Themen muss gar nicht erst ausbrechen, wenn wir uns an den Computer zurückziehen. Langeweile kommt aufgrund des unendlich großen Angebots des Internets nicht auf. In Chats, in Foren oder in Rollenspielen begegnet man anderen Menschen, obwohl man ja eigentlich allein vor dem Computer sitzt. keine Treffen mehr mit Familie und Freunden keine gemeinsamen Mahlzeiten kein Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner mehr. Und weil der Bildschirm so gut ablenkt, merken wir gar nicht, dass wir seit Wochen abends nicht mehr außer Haus gegangen sind. Wir übersehen, dass uns die Arbeit schwerer von der Hand geht, weil wir nicht ausgeglichen sind oder übermüdet vom nächtlichen Internetbesuch. Beschäftigen sich vielleicht schon die eigenen Gedanken fast ausschließlich mit den Inhalten des Internets? Erste Signale für einen übermäßigen Internet-/Computergebrauch sind häufig Fragen aus dem eigenen Umfeld, wie z.b.: Verschwindest Du schon wieder hinter den Computer? Nie machst Du was mit uns, immer bist Du im Internet/hockst Du vor dem Computer. Interessierst Du Dich gar nicht mehr für uns? Aber vielleicht haben Sie sich auch selbst schon unwohl gefühlt wegen ihrer vielen Zeit am Computer und sich vielleicht sogar vorgenommen, weniger Zeit am Computer zu verbringen? Außerdem findet man vielleicht durch Erfolge im Internet (z.b. Fortschritte in Computer- oder Rollenspielen oder erfolgsversprechende Kontakte in Single-Börsen) die Anerkennung, die einem im Alltag (im Beruf oder in der Partnerschaft) verwehrt bleibt. Sechs Sieben

7 Übermäßiger Konsum Mit Methode zu einem verantwortungsvollen Umgang 3.2 Wichtige Fragen Nehmen Sie sich doch einmal 10 Minuten Zeit, um sich folgende Fragen ehrlich zu beantworten: Wie viel Zeit verbringe ich täglich am Computer? Gibt es Dinge, die ich früher gern gemacht habe und die ich seit einiger Zeit vollkommen vernachlässige? Empfinde ich überhaupt noch Interesse für etwas anderes als meine Internetaktivitäten? Wie würde es mir gehen, wenn der Internetzugang plötzlich blockiert wäre? 3.3 Wichtige Antworten. Ihnen und dass das einfach ein Hobby von Ihnen sei, das Ihnen wichtig ist? Selbstverständlich entscheiden Sie, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen wollen, was Ihnen Spaß macht und was Ihnen wichtig ist. Aber die Frage ist doch: Sind Sie noch wirklich frei darin, zu tun, was Sie wollen und wann Sie es wollen? 3.4 Die grundlegende Entscheidung Wenn Sie einmal ganz ehrlich Bilanz ziehen, könnte es sein, dass Sie zu folgenden Schluss kommen: Irgendwie ist die ständige Internetnutzung übertrieben, ist mehr, als eigentlich gut für Sie ist. Aber es fällt Ihnen schwer, sich zu begrenzen. Die Zeit vor dem Computer vergeht wie im Fluge und Sie können sie schlecht kontrollieren. Wenn Sie das Gefühl haben, den Computer-/Internetgebrauch schlecht kontrollieren zu können, möchten Sie vielleicht daran etwas ändern. Wir schlagen Ihnen vier einfache Schritte vor, um wieder mehr Kontrolle über Ihren Computer-/Internetgebrauch zu bekommen. Wie geht es Ihnen bei diesen Fragen? Möglicherweise sind Sie beunruhigt, wenn Sie über die Zeit nachdenken, die das Internet in Ihrem Leben einnimmt. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass andere vielleicht auch wichtige - Dinge zu kurz kommen? Oder möchten Sie am liebsten den Fragen ausweichen, so z.b. darauf hinweisen, dass es anderen ebenso geht wie Acht Neun

8 Mit Methode zu einem verantwortungsvollen Umgang Mit Methode zu einem verantwortungsvollen Umgang 4.1 Der 1. Schritt: Soziale Unterstützung hilft bei der Selbstkontrolle Teilen Sie Ihre Bedenken bezüglich Ihres Computergebrauchs und die Veränderungsvorhaben einer Vertrauensperson mit. Dies können Familienangehörige sein, aber auch der Lebenspartner, die Arbeitskollegen oder Ausbildungsleiter, Freunde etc. Es sollte aber auf jeden Fall jemand sein, der oder die bereit ist, sich ihr Vorhaben anzuhören und es zu unterstützen. Diese Person sollte Sie regelmäßig darauf ansprechen, ob Sie Fortschritte darin gemacht haben, die Dauer Ihrer Internetnutzung oder Ihres Computerspielens zu verringern. Sie können sich Ziele setzen und die Erreichung dieser Ziele gemeinsam prüfen. Ihre Vertrauensperson motiviert sie dazu. Setzen Sie sich gemeinsame Ziele! Sich Ziele zu setzen und diese Ziele auch gemeinsam zu vereinbaren, ist eine hilfreiche Motivation, um diese Ziele auch zu erreichen. Hierfür können Sie auch technische Hilfsmittel einsetzen, die dies zusätzlich erleichtern: Wenn Sie Ihre Administratorenrechte an Ihrem Computer zeitweilig an Ihre Vertrauensperson übertragen, können Sie durch das Einrichten einer Kindersicherung Ihr Internetverhalten nachhaltig beeinflussen. Das benötigt nicht einmal Zusatzprogramme, sondern das funktioniert auch über Windows. Sie können Nutzungszeiten festlegen oder auch bestimmte Programme und Anwendungen ganz sperren. 4.2 Der 2. Schritt: Zuverlässige Selbstkontrolle braucht zuverlässige Selbstbeobachtung Sie sollten sich die Frage stellen, wofür und für wie lange Sie den Computer und das Internet wirklich dringend benötigen (z.b. für Bankgeschäfte, Mailverkehr, usw.). Das Computer-Tagebuch Mit Hilfe eines von Ihnen geführten Computer-Tagebuchs bekommen Sie einen guten Überblick über die täglich am Computer verbrachte Zeit, indem Sie Angaben festhalten über: die inhaltliche Gestaltung (z.b. Spielen, Surfen, Chatten, Mailen, Telefonieren, Schreiben, Archivieren, Ordnen, Downloads erledigen oder Filme ansehen) und die Nutzungszeit. Vielleicht kommt Ihnen das Führen eines solchen Tagebuchs erst einmal umständlich und zeitaufwendig vor. Buchführung ist allerdings ein effektives Mittel zur Erlangung von Kontrolle jeder Kaufmann weiß das. Wenn Sie Ihr Computer-Tagebuch einige Zeit geführt haben, werden Sie besser über Ihr Internetverhalten Bescheid wissen als jemals zuvor. Zehn Elf

9 Mit Methode zu einem verantwortungsvollen Umgang Mit Methode zu einem verantwortungsvollen Umgang Das Ampelmodell Wenn Sie sich anschauen, was Sie über ein bis zwei Wochen am Computer/im Internet gemacht haben, können Sie beginnen jede einzelne Ihrer Computeraktivitäten nach ihrem persönlichen Risiko einzuschätzen. Sie können diese nach dem Ampelmodell, das aus der Verhaltenstherapie kommt, einteilen. Der grüne Bereich Dieser bezieht sich auf den unbedenklichen und funktionalen Gebrauch des Computers (z.b. berufsbezogene Nutzung, -Korrespondenz oder Informationssuche mit klar definiertem Zweck, Onlinebanking). Der gelbe Bereich Dieser Bereich definiert Aktivitäten am Computer, bei denen Vorsicht geboten ist aufgrund der Griffnähe zum bisherigen Problemverhalten (z.b. Online-Aktivitäten alleine zuhause, länger als eine Stunde). Der rote Bereich Dieser bezeichnet Aktivitäten, die so gefährlich für Sie sind, dass ein völliger Verzicht nötig ist (z.b. Onlinerollenspiele, Computerspiele allgemein, spezielle Chat-Aktivitäten, sinnloses Surfen, exzessive Informationssuche etc.). Aktive Kontrolle Jetzt können Sie beginnen, Ihr Verhalten mit einem Stundenplan aktiv zu kontrollieren. Erlauben Sie sich an festgelegten Tagen ein genau festgelegtes Zeitkontingent (z.b. max. 1-2 Std. nach der Arbeit) mit genau definierten Aufgaben. Bringen Sie darin das Notwendige unter (den grünen Bereich) und erlauben Sie sich ruhig auch etwas Zeit, um Spaß zu haben (gelber Bereich). Aber Aktivitäten, von denen Sie wissen, dass Sie sie nicht kontrollieren können (roter Bereich), geben Sie in Ihrem Plan keinen Raum mehr. 4.3 Der 3. Schritt: Weisen Sie Ihrem Computer einen neuen Platz zu! In Ihrer Wohnung gibt es vermutlich einen Raum, in dem Sie sich am längsten aufhalten, wenn Sie nicht gerade schlafen. Dort steht auch Ihr Computer. Sie können dort allein und ungestört Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Kann es sein, dass der Raum auf Sie ganz unbelebt wirkt, wenn der Bildschirm nicht leuchtet? Ein zentraler Platz, der Ihnen ganz nahe ist, mag auch die Bedeutung des Computers in Ihrem Leben widerspiegeln. Wenn Sie an der besonderen Bedeutung von Computeraktivitäten für Ihr Leben etwas ändern wollen, kann es durchaus sinnvoll sein, an der räumlichen Position des Computers etwas zu ändern. Wenn Sie z.b. in einer Familie leben, sollte der Computer in einem Raum stehen, der auch von anderen Familienangehörigen genutzt wird, z.b. im Wohnzimmer. Damit wird eine heimliche Rückkehr in alte Gewohnheiten verhindert und das Veränderungsbestreben unterstützt. Auch für diejenigen, die allein leben, kann es sinnvoll sein, den Computer an einem Ort aufzustellen, an dem man sich nicht gern lange aufhält, wie z.b. im Flur oder in der Küche. Und wenn Sie ein Notebook nutzen, umso leichter: Das lässt sich nach Gebrauch in einer Tasche verpacken und wegstellen. 4.4 Der 4. Schritt: Aktivieren Sie sich selbst! Aktivieren Sie sich gerade zu Anfang für mindestens einen Abend in der Woche eine angenehme Aktivität/ Unternehmung einzuplanen. Und zwar mit Aktivitäten, die Sie früher gern gemacht haben selbst wenn Sie jetzt spontan noch kein großes Interesse daran verspüren. Gehen Sie raus aus dem Haus, machen Sie Sport, gehen Sie Essen, treffen Sie Freunde oder gehen Sie ins Kino. Zwölf Dreizehn

10 Kontrollverlust Kontrollverlust Herr G. (25): An meinem 8. Geburtstag war es so weit, ich bekam meinen ersten Gameboy geschenkt. Erst wenige Mitschüler aus meiner Klasse hatten bereits einen und so war ich ziemlich stolz über dieses Geschenk. Auch wenn dieser Gameboy überhaupt nicht mit den Möglichkeiten heutiger Computerspiele zu vergleichen ist, so löste er doch eine große Faszination auf mich aus. Ich wollte dann immer auch die neuesten Versionen haben und war bitter enttäuscht, wenn solch ein Wunsch nicht erfüllt wurde. Später kamen dann Computer- Spiele dazu. Eigentlich war ich ein ganz normaler Junge bis dahin. Neben dem Spielen hatte ich Freunde, dann auch meine erste Freundin. World of Warcraft (WOW) war noch nicht lange auf dem Markt. Ich weiß noch genau, wie ich mit vielen anderen im Februar 2005 angestanden hatte, um einer der Ersten zu sein, die dieses Spiel in den Händen halten. Meine Freundin wohnte in einem Nachbarort und zunehmend fiel es mir schwer, mich immer wieder aufzuraffen und mich mit ihr zu treffen. Argumente gab es viele kein Geld für die Fahrkarte, ich muss etwas Dringendes erledigen ich glaubte das selber. Eigentlich wollte ich da schon meine Zeit mit WOW verbringen. Wenn wir uns stritten, war das ein willkommener Anlass, mich zurückzuziehen. Als sie sich trennte, hatte das wohl auch schmerzliche Momente ich weiß gar nicht, ob ich das damals auch so realisierte. Bei WOW hatte ich alles, was ich brauchte, unendliche Möglichkeiten und viele Kontakte zu Gleichgesinnten. Ich war ganz im Banne der Welt Azeroth. Mit jedem Quest tauchte ich tiefer ein. Hatte ich ein Quest erfüllt, dann wartete schon das nächste. Mit dem Gründen der Gilde war eine ganz neue Qualität eingezogen. Jeder hatte Verantwortung für den anderen, meine Handlungen und vor allem meine Präsenz im Spiel waren wirklich wichtig geworden. Wir machten Pläne und erledigten Quests. Das Gymnasium hatte ich abgebrochen von zu Hause war ich ausgezogen. Meine Mutter unterstützte mich eine Zeitlang finanziell. Anfangs spielten auch viele meiner Freunde aus dem Wohnumfeld WOW. Dies wurde weniger, sie engagierten sich beruflich oder heirateten wie spießig, dachte ich, aber es kamen viele neue Kontakte durch das Spielen hinzu. Und die nervten auch nicht, indem sie plötzlich vor meiner Tür standen und etwas unternehmen wollten. Und wenn sie mich nervten, schaltete ich sie einfach ab. Zuletzt sah ein typischer Tagesablauf so aus: Ich stand meist gegen Nachmittag auf ich war morgens erst zu Bett gegangen und setzte mich an den Computer, den ich längst nicht mehr ausschaltete. Der Wasserkocher und eine große Büchse Cappuccino standen direkt neben dem Computer. Geduscht oder auch Zähne geputzt habe ich meist nicht es war ja eh keiner da. Gegessen habe ich viel Süßkram mal habe ich mir Toast- Vierzehn Fünfzehn

11 Kontrollverlust Kontrollverlust brot gemacht, aber hauptsächlich habe ich mich von Cappuccino ernährt. Wenn mir die Augen zufielen, bin ich meist schlafen gegangen aber ich habe auch mal ein, zwei Tage durchgespielt oder bin direkt am Schreibtisch eingeschlafen. Der Spaß war kaum noch da, es war eher ein Zwang ich fühlte mich zeitweise wie ferngesteuert immer derselbe Ablauf ich durfte nichts verpassen. Klar gab es auch die Anerkennung der Mitspieler, aber die interessierte mich nicht mehr. Die Versuche auszubrechen wurden seltener. Wenn es klingelte, machte ich nicht auf. Rechnungen bezahlte ich nicht. Briefe vom Arbeitsamt flogen ungeöffnet in den Papierkorb. Dann wurde der Ablauf durchbrochen. Eines Morgens war der Computer aus man hatte mir den Strom abgeschaltet. Ich hatte nie eine Rechnung bezahlt. Meine Stimmung wechselte zwischen Wut und Verzweiflung. Ich rief meine Mutter an. Sie kam prompt und war ziemlich entsetzt. Ich hatte da auch nicht die Kraft mich zu wehren und so trottete ich mit ihr zur Arbeitsagentur die hatten mir inzwischen auch das Geld gekürzt, weil ich die Termine versäumt hatte. Meine Mutter versprach der Frau, dass sie mit mir zu einer Beratungsstelle gehen würde. Damit begann die Wende, auch wenn mit zunehmenden Kräften auch meine Widerstände wuchsen. Mir war alles zu viel, gern hätte ich mich wieder einfach an den Computer gesetzt, um dem Ganzen zu entfliehen. Heute, nach der stationären Therapie, bin ich noch lange nicht über den Berg. Häufig muss ich mich zwingen, den Alltag zu bewältigen. Ich habe inzwischen eine Lehre angefangen und manchmal erwische ich mich bei Phantasien, was für einen Computer ich mir wohl von meinem Arbeitslohn kaufen könnte. 5.2 Aus Computernutzung wird Computersucht Die Grenze zwischen noch angemessenem und nicht mehr angemessenem (pathologischem) Computer- und Internetgebrauch ist schleichend und fließend. Man bemerkt diesen Übergang zur Sucht kaum. Und genau darin steckt die Gefahr. Herr G. hat diesen Übergang auch erst bemerkt, als ihm der Strom abgedreht wurde. Erst dieses Ereignis und die Unterstützung seiner Mutter ließen ihn aufwachen und verstehen, dass er ernsthafte Suchtprobleme hatte. Und das Gute daran: Er entschied sich zu einer Therapie und durchbrach den Teufelskreis. Das Internet ist voll von Scherzen über Computersucht. Spielerzeitschriften werben beispielsweise damit, dass ein Computerspiel suchterzeugend (= aufregend und unterhaltsam) sei. Damit wird Sucht verharmlost, denn Sucht ist mehr als das Luxusproblem der Unlust, einem übermäßigen Vergnügen widerstehen zu wollen. Die Bezeichnung Computersucht oder pathologischer Internetgebrauch ist dann zutreffend, wenn aus übermäßigem Internetgebrauch eine Krankheit wird, weil die Betroffenen ihre Internetaktivitäten, also das Chatten, das Spielen am Computer oder das Aufsuchen von Sexseiten im Internet nicht mehr beeinflussen können. Und dass, obwohl diese Art der Internetnutzung bereits ernsthafte Probleme hervorruft, wie z.b. das Scheitern in Beruf (Verlust des Arbeitsplatzes, Abmahnungen, aufgrund von Übermüdung gemachte Fehler etc.), Schule oder Ausbildung, das Scheitern von Ehe oder Beziehung und/oder die Vernachlässigung von Familie und Freunden. Sechzehn Siebzehn

12 Wann ist es Sucht? Wann ist es Sucht? 6.1 Suchtkriterien 1. Es besteht ein starker Wunsch oder eine Art innerer Zwang, der jeweiligen Aktivität im Internet (Chatten, Rollenspiele, Onlinesex) nachzugehen. 2. Der Beginn, die Dauer und die Beendigung dieser Tätigkeiten können nur noch schlecht oder gar nicht mehr kontrolliert werden (Kontrollverlust). 3. Bei Verzicht auf diese Aktivitäten treten Entzugszeichen wie innere Unruhe, Gereiztheit, Aggressivität oder andere deutliche Veränderungen der Gefühle und/oder des Körperempfindens auf. Wie kann also festgestellt werden, ob eine Suchterkrankung vorliegt? Da es sich bei Computersucht um eine stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung (wie z.b. Alkoholismus) handelt, lassen sich Symptome und Merkmale dieser Abhängigkeitserkrankung auch auf die Computersucht übertragen. 4. Um die ursprüngliche Wirkung (angenehme Gefühle, Entspannung etc.) des spezifischen Internetgebrauchs zu erreichen, muss immer länger und/oder mit immer intensiveren Reizen der Internetaktivität nachgegangen werden (Toleranzentwicklung). Im Umkehrschluss werden die ursprünglich positiven Empfindungen kaum noch oder nur noch in geringer Ausprägung und/oder für sehr kurze Dauer erreicht. 5. Durch den erhöhten Zeitaufwand für die Computernutzung werden andere Interessen vernachlässigt oder gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Oder anders ausgedrückt: Aktivitäten in der virtuellen Welt werden wichtiger als die Aktivitäten in der Realität. 6. Obwohl bereits schädliche Folgen des übermäßigen Computergebrauchs auftreten, wird dieser fortgesetzt. Dies können psychosoziale Folgen sein (wie beispielsweise Probleme am Arbeits- oder Ausbildungsplatz, Konflikte oder Trennungen in Partnerschaften, finanzielle Probleme, Vernachlässigung des Haushalts und von Behördengängen, Vereinsamung, soziale Isolation). Oder auch körperliche Folgen (wie Erschöpfung, massive Muskelverspannungen, regelmäßig Schwielen an den Handballen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Abmagerung /Fettsucht, allgemeine körperliche/hygienische Vernachlässigung, Schmerzen in den Handgelenken und Sehnenscheidenentzündungen, Tagesmüdigkeit mit Leistungseinbußen). -> Werden mindestens 3 der 6 Kriterien erfüllt, ist eine Computersucht anzunehmen. In diesem Fall ist die Grenze der Selbsthilfe erreicht und eine professionelle Unterstützung könnte vonnöten sein. Achtzehn Neunzehn

13 Wann ist es Sucht? Wann ist es Sucht? 6.2 Der Test Um nun genau identifizieren zu können, ob eine professionelle Hilfe notwendig ist, haben wir folgenden Fragebogen entwickelt. Wenn Sie eine Aussage in diesem Test lesen, die auf Sie zutrifft, dann markieren Sie diese für sich. Antworten Sie spontan und ehrlich und machen Sie sich vor allem noch keine Gedanken zur Auswertung, das folgt nach dem Test. -> Treffen folgende Aussagen auf Sie zu? 1) Der Wunsch den Computer zum Spielen, Chatten oder zum Besuch von Sexseiten zu nutzen ist immer stärker geworden. 11) Meine Mahlzeiten nehme ich überwiegend vorm Computer ein. 12) Andere Freizeitinteressen als den Computer habe ich nicht. 13) Durch die intensive Beschäftigung mit dem Internet erreiche ich keine wirkliche Freude oder Befriedigung. 14) Ich habe meine Familie und Freunde zunehmend vernachlässigt. 15) Ich bin sozial ziemlich isoliert. 2) Ich kann mir ein Leben ohne Computer/Internet nicht mehr vorstellen. 16) Wenn ich das Internet nicht nutzen kann, dann werde ich unruhig, nervös oder auch aggressiv. 3) Ich nutze das Medium immer öfter und immer länger. 4) Häufig nutze ich das Internet oder den Computer länger als ursprünglich geplant. 5) Nur am Computer kann ich wirklich abschalten. 6) Andere haben mich schon auf meinen hohen Computer-/ Internetkonsum angesprochen. 7) Ein Tag ohne Computer ist ein verlorener Tag. 8) Wenn ich die Wahl habe, dann ziehe ich eine Aktivität am Computer vor. 9) Selbst wenn ich es mir vorher fest vornehme, kann ich die Internettätigkeit nicht zum festgelegten Zeitpunkt beenden. 10) Ich habe schon Termine nicht eingehalten, um meine Computer-/Internetbeschäftigung nicht zu unterbrechen. 17) Ich habe keinen regelmäßigen Schlafrhythmus mehr durch den Internet-/Computergebrauch. 18) Es ist schon häufig vorgekommen, dass ich meine Körperhygiene vernachlässigt habe. 19) Ich habe in der Schule, Ausbildung oder Arbeitsstelle Fehlzeiten wegen des Internetgebrauchs. 20) Ich habe wegen des Internetgebrauchs meine Schule/ Ausbildung abgebrochen oder meinen Arbeitsplatz verloren bzw. selbst gekündigt. 21) Wenn ich mich mit anderen Dingen beschäftige, kreisen meine Gedanken um die Internet-/ Computeraktivitäten. 22) Ich habe schon versucht, mein Verhalten zu ändern, aber es gelingt mir nicht oder immer nur kurzzeitig. -> Ihr Ergebnis folgt auf der nächsten Seite >>> Zwanzig Einundzwanzig

14 Wann ist es Sucht? Wann ist es Sucht? 6.3 Die Auswertung Sollten Sie von den ersten 11 Fragen mehr als 4 mit Ja beantworten, kann bereits ein problematischer Internet- bzw. Computergebrauch vorliegen und wir würden Ihnen empfehlen Ihren Internet- bzw. Computergebrauch zu kontrollieren (siehe Kapitel 4) und falls hierdurch keine merkliche Besserung eintritt über eine zusätzliche Unterstützung nachzudenken. Sollten Sie von den Fragen mehr als fünf Fragen mit Ja beantworten, dann sollten Sie sich auf jeden Fall Unterstützung holen. 6.4 Ein Fallbeispiel Mein Name ist Heike Müller, ich bin 38 Jahre alt und arbeite in einer PRund Marketingabteilung eines großen Industrieunternehmens. Ich bin von Beruf Mediendesignerin und gestalte derzeit das Layout des unternehmensinternen Mitarbeitermagazins. Ich empfinde meine Arbeit als wenig kreativ, da der Stil des Unternehmens, in dem ich arbeite, stark konservativ geprägt ist. Das war der Grund, warum ich mich auf die Suche nach einem weiteren Tätigkeitsfeld begeben habe, in dem ich meine gestalterische Kreativität ausleben kann. So bin ich auf die Welt von Second Life gestoßen, die mich von Anfang an faszinierte und mich in ihren Bann zog. Binnen kürzester Zeit eignete ich mir begünstigt durch meine beruflichen Erfahrungen- die erforderlichen Fähigkeiten im Umgang mit den kreativen Tools an, um selbst gestalterisch tätig werden zu können. In den ersten Monaten meiner abendlichen Online-Aktivität gründete ich in der Welt von Second Life mehrere kleine Unternehmen, unter anderem ein Tattoo-Studio und einen Schmuckladen. In dieser Beschäftigung habe ich endlich die Befriedigung gefunden, die mir in meiner beruflichen Tätigkeit bisher verwehrt geblieben ist. In Second Life konnte ich auf einmal meiner Phantasie freien Lauf lassen und wurde durch keinerlei Vorgaben in meiner Kreativität beschränkt. Mit den Monaten blieb ich immer länger in Second Life. Ich verbrachte dort im Schnitt mehr Zeit als in meinem realen Beruf, oft auch die ganze Nacht, so dass ich mein reales Leben in den Hintergrund stellte und Second Life zu meinem ersten Leben wurde. Um mich wach zu halten, trank ich viel Kaffee, bis ich in den frühen Morgenstunden so müde war, dass ich meine Augen nicht mehr aufhalten konnte. Dann verfiel ich immer in einen solchen Tiefschlaf, dass ich oft zu spät zu meiner Arbeit kam. Dann habe ich versucht, mich abends zeitlich zu beschränken, habe es aber nicht geschafft, blieb weiterhin ewig im Netz, die Zeit verging wie im Fluge und ich fing sogar an, bis zu zwei Flaschen Rotwein zu trinken. Kollegen sprechen mich schon an, was mit mir los sei und ich stehe kurz davor, die 2. Abmahnung zu erhalten, da meine Zuverlässigkeit und meine Arbeitsleistungen aufgrund meiner Dauerübermüdung stark zu wünschen übrig lassen. Zweiundzwanzig Dreiundzwanzig

15 Unterstützung Unterstützung Bevor die Frage angesprochen wird, wie Sie Unterstützung (also Beratung oder Therapie) bekommen, sollen zunächst ein paar Bedenken angesprochen werden, die Menschen häufiger haben, wenn sie Berater oder Therapeuten aufsuchen. Denn bevor ein erstes beratendes Gespräch gesucht oder gar mit einer Therapie begonnen wird, gibt es zahlreiche Bedenken, die nicht selten entscheidende Schritte verhindern. Welche Bedenken könnten das sein? Andere sitzen doch auch stundenlang am Computer. Ich muss nur einfach weniger spielen/chatten. Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Verhalten zu verlieren, macht Angst. Und deshalb auch noch zu einem Therapeuten oder Arzt zu gehen ist peinlich. Viele Betroffene versuchen deshalb sich selbst und Angehörigen einzureden, dass sie alles im Griff haben und keine Hilfe brauchen. Was soll ich denn in der Beratungsstelle sagen, das versteht doch eh keiner, die kennen sich damit nicht aus! Suchtberater und Therapeuten kennen sich auf jeden Fall damit aus, zuzuhören, Probleme zu erfassen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich bin doch nicht so wie ein Alkoholiker. Über Suchterkrankungen gibt es viele Vorurteile, die sich jedoch rasch verändern, wenn man sich mit dem Thema Sucht beschäftigt. Professionelle Helfer haben ein umfassendes Verständnis für Suchterkrankungen und vermitteln dieses den Betroffenen und Angehörigen. Darf ich dann nie wieder an den Computer? Man kennt das von Drogen- oder Alkoholabhängigen, dass sie vollständig aufhören müssen, zu konsumieren (=Abstinenz). Das schürt Angst, da der Computer einen sehr großen Teil des Lebens über einen langen Zeitraum eingenommen hat. Ob eine totale Abstinenz notwendig ist, ist individuell unterschiedlich und hängt auch von dem Ansatz ab (z.b., ob ambulante oder stationäre Behandlung) Darüber spricht man nicht. Über einige mögliche Inhalte des Internets (z.b. Onlinepornographie) mag man nicht mit jedem sprechen. Oder wenn im eigenen Leben ein Chaos von unerledigten Dingen und peinlichen Versäumnissen ist Gerade weil man sich vielleicht schämt, selbst mit den nahen Freunden darüber zu sprechen, sollte man einen Profi aufsuchen. Was für mich selbst vielleicht peinlich und unangenehm zu erzählen ist, ist für den Berater oder Therapeuten Alltag. Im Übrigen steht die Schweigepflicht bei Beratung und Therapie im Vordergrund. Vierundzwanzig Fünfundzwanzig

16 Unterstützung Unterstützung 7.2 Die Vorteile Eine Beratung beansprucht im Durchschnitt weniger als eine Stunde realer Lebenszeit, kann aber viele Stunden realer wie auch virtueller Lebenszeit retten. Wenn es einem Betroffenen darum geht, sein Spielverhalten oder sein Computer- und Internetnutzungsverhalten wieder in den Griff zu bekommen und in geordnete Bahnen zu lenken, ist eine Stunde Beratung gut investiert, wenn der Betroffene dabei erkennt, dass er eine Veränderung wirklich will und dass diese möglich ist. Ziel ist, dass der Aufenthalt in der virtuellen Welt wieder zu dem wird, was er anfänglich war, nämlich eine Ergänzung und Bereicherung des realen Lebens und nicht dessen Ersatz. An dieser Veränderung haben fast alle Klienten, die zu einer Beratung kommen, ein großes Interesse und es steht zu vermuten, dass dieser Wunsch bei vielen Betroffenen, die noch bei keiner Beratung waren, ebenfalls vorhanden ist. Wer sich nach einer Beratung entschließt, weitere Gesprächstermine oder Gruppenangebote in Anspruch zu nehmen oder eine ambulante oder stationäre Therapie zu machen, findet professionelle Unterstützung und Begleitung in diesem Prozess. investiert, die aber nicht verloren ist. Es ist immer sinnvoll, die Wege und Möglichkeiten zu kennen, die sich einem eröffnen, wenn man eine Veränderung anstrebt, auch wenn zum aktuellen Zeitpunkt noch keine ausreichende Motivation vorliegt. 7.3 Eine Motivationshilfe Generell ist für Betroffene das Denken in kurzen Zeitabschnitten hilfreich. Es ist besser, sich Gedanken zu machen, ob es nicht möglich wäre, die heutige Computerzeit zu reduzieren, um beispielsweise zu einer Beratung zu gehen, als darüber nachzudenken, ob ich als Onlinerollenspieler für den Rest meines Lebens auf mein Spiel verzichten kann. Betroffene sollten sich selbst die Chance geben, diesen Weg wenigstens einmal auszuprobieren. Falls er ihnen gefällt, können sie ihn weiter gehen, falls nicht, eine Rückkehr in das alte Verhaltensmuster ist jederzeit möglich, davon kann sie kein Therapeut der Welt abhalten. 7.4 Ein Fallbeispiel Herr X ist 19 Jahre alt und hat bereits seit seinem achten Lebensjahr an unterschiedlichen Spielkonsolen wie PSOne, PlayStation und XBox gespielt. Er berichtet, dass er schon immer sehr gerne gespielt habe, dass jedoch sein Konsolenspielverhalten bis auf wenige exzessive Phasen immer unter Kontrolle gewesen sei. Zu seinem 16. Geburtstag erhielt er einen Hochleistungsrechner und begann auch auf dem Computer zu spielen. Nach ersten Offline-Rollenspielen entschied er sich zum Kauf des Onlinerollenspiels World of Warcraft, eine Entscheidung, die er selbst als seinen Untergang bezeichnet. Grund hierfür sei gewesen, dass er binnen kurzer Zeit mehr als doppelt so viel spielte wie früher und jede freie Minute im Spiel verbrachte. Das Spiel habe ihm in den ersten zwei Jahren im- mer große Freude bereitet und auch heute sei diese Faszination ungebrochen. Er hat beide Add-Ons gespielt, verfügt über drei Charaktere auf Level 80 und ist Mitglied einer Gilde. Seine Wochenspielzeit gibt er mit 50 bis 70 Stunden an. Die Problematik, die ihn zu einer Beratung motiviert hat, ist sein extremer Leistungsabfall im Gymnasium und das Bewusstsein, dass sein Abitur in großer Gefahr ist. Grund hierfür ist seine Unpünktlichkeit und der vollständige Verzicht auf das Erledigen seiner Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen. Hinzu kommen ständige Auseinandersetzungen mit seiner allein erziehenden Mutter, die sein exzessives Spielverhalten von acht bis zehn Stunden pro Tag zwar nicht toleriert, aber auch nichts Konkretes dagegen unternimmt. Wer sich gegen diesen Weg entscheidet, hat eine Stunde seines Lebens Sechsundzwanzig Siebenundzwanzig

17 Unterstützung Die Therapie 7.5 Wo man Unterstützung findet Wenn die Entscheidung getroffen ist, mit einem professionellen Helfer über die Probleme im Zusammenhang mit dem Computergebrauch zu sprechen, sollte jemand aufgesucht werden, der für Sie gut und ohne längere Anmeldezeit erreichbar ist. Dies kann sein Ihr Hausarzt oder Ihre Hausärztin Eine Suchtberatungsstelle (Die Gesprächsangebote von Beratungsstellen staatlicher, kirchlicher oder freier Träger sind in der Regel kostenlos) Adressen von spezialisierten Einrichtungen erhalten Sie auf der Internetseite: oder über den Fachverband Medienabhängigkeit: Es ist allerdings nicht ausschlaggebend, ob die erste Anlaufstelle bereits spezialisiert für Fragen zum pathologischen Internetgebrauch ist. Vielmehr geht es darum, im Gespräch das wirkliche Ausmaß der Problematik einzuschätzen, Erste-Hilfe -Maßnahmen (beispielsweise den Computer aus der Wohnung entfernen) einzuleiten, Entscheidungshilfe zu der Frage zu erhalten, ob eine ambulante oder stationäre Therapie erforderlich ist, gegebenenfalls die therapeutischen Maßnahmen gemeinsam zu beantragen. Von dort kann der Weg in eine Therapie bei einem ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten führen oder in eine andere Maßnahme. Eine Therapie verfolgt die Zielstellung, den pathologischen (also krankhaften) Internetgebrauch beenden zu können sowie Hintergründe für die Entstehung der Problematik zu erkennen und evtl. auch zu verändern. Für eine Therapie sind Psychotherapeuten und Kliniken zu empfehlen, die sich mit der Behandlung von pathologischem Internetgebrauch auskennen. Bei der Anmeldung zu einer Therapie sollte deshalb gefragt werden, wie viel Erfahrungen mit der Behandlung von pathologischem Internetgebrauch vorliegen und ob es in der Einrichtung ein spezielles Behandlungskonzept gibt. Achtundzwanzig Neunundzwanzig

18 Die Therapie Die Therapie 8.2 Die ambulante Therapie Eine Therapie kann stationär oder ambulant erfolgen. Eine ambulante Therapie hat den Vorteil, dass Sie in Ihrem Wohnumfeld bleiben. Sie können Veränderungen direkt im realen Umfeld erproben. Eine Unterbrechung der Ausbildung oder Arbeitstätigkeit ist meist nicht erforderlich. Eine Änderung des Verhaltens ist jedoch dadurch gleichzeitig erschwert, da eine ununterbrochene Konfrontation mit den Umständen, die zum Problem gehören, gegeben ist. Dazu gehört ein leichterer Zugang zu Computer und Internet. Selbst wenn der Computer zu Hause entfernt wurde, ist dies über entsprechende Internetcafés oder Freunde möglich. Darüber hinaus ist man mit bekannten Problemen wie Konflikten mit dem Partner oder den Eltern konfrontiert. Dazu kommen noch Probleme, die durch den pathologischen Internetgebrauch vielleicht nicht so deutlich im Vordergrund waren wie Gefühle von Einsamkeit, Minderwertigkeit, Ängste anderen Menschen gegenüber, Zukunftsängste etc. Eine ambulante Therapie ist dann zu empfehlen, wenn ein unterstützendes Umfeld existiert und wenn es noch nicht zu schwerwiegenden Folgen wie beispielsweise zusätzlichen psychischen Problemen oder Arbeitsplatzverlust gekommen ist. Das Problem sollte nicht schon viele Jahre bestehen und erste Schritte der Problemlösung (z.b. Accountabmeldung, Computer-Abgabe) sollten schon selbstständig erfolgt sein. 8.3 Die stationäre Therapie Eine stationäre Therapie erfolgt in einer entsprechenden Fachklinik. Eine gewisse Distanz zum Wohnumfeld ist damit gegeben. Dies ermöglicht häufig überhaupt erst, das Problemverhalten zu unterbrechen. Eine stationäre Therapie ist dann zu empfehlen, wenn die oben genannten Bedingungen für eine ambulante Therapie nicht gegeben sind. Einzelne Kliniken erwarten, dass die Betroffenen bereits abstinent in die Klinik kommen und ihren Account spätestens mit Beginn der stationären Therapie abmelden. Wer bis zur letzten Minute, noch auf dem Weg zur Therapie im Zug auf dem Notebook spielt, muss sich darauf einstellen, dass er die ersten Wochen der Therapie mit Entzugserscheinungen zu tun haben wird. Diese Zeit ist unter Umständen verlorene Zeit, wenn der Betroffene so unter den Entzugserscheinungen leidet, dass er sich nicht auf den therapeutischen Prozess einlassen kann. Besser wäre es, mit Hilfe einer ambulanten Beratungsstelle den Entzug schon zu Hause durchzustehen und die stationäre Therapie abstinent zu beginnen. Die erste Phase der Behandlung kann man in einigen Punkten mit der Entgiftung von Alkoholikern oder Drogenabhängigen vergleichen. Das dominierende Verhalten der letzten Zeit fällt plötzlich weg, damit kommt dann häufig auch ein starkes Gefühl innerer Leere auf. Dieses Gefühl kann verbunden sein mit Aggressionen oder auch Traurigkeit und Hilflosigkeit. Die meisten wissen dann einfach nichts mit sich anzufangen. Welche Art von Gefühlen und Gedanken oder auch Verhaltensweisen auftreten unterscheidet sich von Person zu Person. Gleichzeitig bilden diese Reaktionen einen Zugang in der Behandlung. Es geht darum, diese Gefühle zu erkennen, sie zu benennen und sie der eigenen Biographie und den aktuellen Lebensbedingungen zuzuordnen. Damit ist ein möglicher Zugang zu den Hintergründen des Problems gegeben. Reale Kontakte zu anderen Menschen wurden von vielen Betroffenen reduziert oder gemieden. Häufig geht damit auch ein Verlust von Fähigkeiten in diesem Bereich einher. Bei einigen waren diese Fähigkeiten nie besonders gut ausgeprägt und der Internetgebrauch stellte die Möglichkeit einer Alternative dar. In beiden Fällen ist das Neu oder Wiedererlernen von Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen wichtig. Wesentlich ist selbstverständlich auch die Frage nach dem zukünftigen Umgang mit dem Computer. Dies ist oft für die Betroffenen die wichtigste Frage überhaupt. Sinnvoll ist jedoch, überhaupt erst einmal eine ausreichende Distanz zum Problemverhalten zu schaffen. Die allermeisten Betroffenen wollen den Computer und auch das Internet weiter normal nutzen. Viele erkennen im Laufe einer Therapie, dass dies ein sehr schwerer Weg ist und entscheiden sich weitgehend gegen eine Computer-Nutzung. Wichtig ist, dass eine solche Entscheidung von den Betroffenen selbst und unter Abwägung des Nutzens und der damit verbundenen Risiken erfolgt. Auch nach einer stationären Rehabilitation sind nicht alle Probleme gelöst und ein problemloser kontrollierter Umgang mit Computerspielen, dem Computer und dem Internet gewährleistet. Dreißig Einunddreißig

19 Die Therapie Fazit & Impressum Gerade nach einem stationären Klinikaufenthalt ist eine ambulante Nachsorge und Weiterbehandlung der Problematik notwendig, um einen Rückfall in das alte Konsumverhalten zu verhindern. Insbesondere im Rahmen stationärer Therapie besteht die Möglichkeit des Austausches mit Betroffenen. Andere Betroffene schauen nicht von außen auf die Problematik und haben deshalb ein ausgeprägtes Verständnis für die Ängste und Unsicherheiten von anderen Betroffenen. Aus ihren Erfahrungen lernen und sich gegenseitig Hilfestellung geben, dies sind neben dem Gruppenzugehörigkeitsgefühl wichtige Wirkfaktoren ambulanter und stationärer Gruppenbehandlung. Auch Rückschläge gehören dazu. Betroffene sollten wissen, dass es im Laufe der Behandlung auch zu Rückschritten und Rückfällen kommen kann und dass diese oftmals essentieller Bestandteil des Genesungsprozesses sein können, weil sie dem Betroffenen zeigen, dass irgendetwas noch nicht stimmt. Rückfälle führen auch nicht zum Therapieabbruch, wenn sie offen dargelegt werden, sondern sie liefern Anhaltspunkte für die nächsten therapeutischen Schritte. Fazit & Impressum Wir wollen, dass Menschen sorgenfrei Spaß im Internet oder an Computerund Konsolenspielen haben können. Wir wollen, dass diesen Menschen nicht der Spaß dabei verloren geht, weil sie die Kontrolle verlieren. Wenn Menschen aber dennoch die Kontrolle verlieren, gibt es ein umfangreiches und sich noch weiter entwickelndes Angebot an Unterstützungsmaßnahmen. Wir hoffen, dass wir Ihnen, falls Sie Unterstützung brauchen, dazu Mut und Hoffnung haben geben können, sich diese zu suchen und sie erfolgreich zu nutzen. Text und Redaktion >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>» Dr. Kay Uwe Petersen» Yvonne Schelb» Holger Spieles» Dr. Sina Trautmann» Roland Thiel» Prof. Dr. Rainer Thomasius Der Text der Broschüre beruht auf schriftlichen Vorarbeiten der folgenden Expertinnen und Experten in der Beratung/Behandlung von Menschen mit pathologischem Internetgebrauch:» Dr. Giulio Calia, LWL-Klinik Hamm» Dr. Holger Feindel, AHG Klinik Münchwies» Solveig Freund, AHG Klinik Schweriner See» Andreas Koch, Lost in Space, Berlin» Bettina Moll, Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf» Dr. Frank Strauch, AHG Klinik Schweriner See Die Broschüre entstand im Rahmen des Forschungsprojekts Beratungs- und Behandlungsangebote zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit Unterstützung aus Mitteln des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Zweiunddreißig Dreiunddreißig

20 Kontakt Kontakt Real: T 040 / F 040 / Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Martinistr Hamburg / Germany Kontakt 040 / Kontakt Virtuell:

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