VL Morphologie Hintergrund: Eine gemeinsame Analyse von Konversion, Derivation & Komposition

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1 VL Morphologie Hintergrund: Eine gemeinsame Analyse von Konversion, Derivation & Komposition Anke Lüdeling Sommersemester 2008

2 Plan Zusammenschau und Hintergrund: Komposition, Derivation und Konversion 3 Prozesse oder Konkatenation? 'Zwischenkategorien'

3 Ziel eine Analyse von Wortbildungsprozessen die alle beobachteten Phänomene abbildet die mit möglichst wenigen Annahmen auskommt ( Ockhams Rasiermesser (lex parsimoniae))

4 Ausgangslage (Beobachtungen) Verbindung von zwei Stämmen rot ADJ wein N wird zu N Kategorie etc. des komplexen Wortes wird von dem am weitesten rechts stehenden Element bestimmt Betonung auf dem links stehenden Element einige Muster produktiv, einige Muster rekursiv Verbindung von Stamm und Affix les V -ung wird zu N Kategorie etc. des komplexen Wortes hängt vom Suffix ab, Präfixe haben keinen Einfluss Betonung unterschiedlich (bei nativen Affixen meist auf dem Stamm) einige Muster produktiv (Einschränkungen für jedes Muster) Umkategorisierung eines Stamms ohne sichtbares Affix, manchmal mit Umlaut oder Ablaut grün ADJ wird zu V rot ADJ wird zu röt V

5 Anmerkungen bereits vorausgesetzt Einteilung der Einheiten in Stämme und Affixe das setzt einen morphembasierten (oder mindestens zeichenbasierten) Ansatz voraus alle diskutierten Analysen sind algebraisch, analogische und wortbasierte Theorien zur Wortbildung werden nicht betrachtet (siehe z.b. Carstairs-McCarthy 2005 für eine Diskussion)

6 Problem eine Analyse von Wortbildungsprozessen die alle beobachteten Phänomene abbildet die mit möglichst wenigen Annahmen auskommt nimmt man 3 unterschiedliche Wortbildungsprozesse an? nimmt man als einzigen Prozess Konkatenation an?

7 drei Prozesse Prozess 1 Prozess 2 Prozess 3 kann Stämme konkatenieren, das am weitesten rechts stehende Element legt die Kategorie fest unser Name: Komposition kann Stämme und Affixe konkatenieren und dabei Wortarten festlegen unser Name: Derivation kann Stämme umkategorisieren unser Name: Konversion

8 ein Prozess (Konkatenation) Annahmen komplexes Wort Y Suffixe haben eine Wortart Stamm X Stamm Y Suffix Y es gibt phonologisch leere Affixe es gibt ein Kopfprinzip Y

9 drei Prozesse Affixe und Stämme unterscheiden sich grundsätzlich ein Prozess: Konkatenation Suffixe und Stämme unterscheiden sich nur in Gebundenheit Suffixe/Stämme und Präfixe unterscheiden sich (Präfixen kann man keine Wortart zuschreiben) Wortartveränderung in Derivation und Konversion nicht gut algebraisch beschreibbar (viele Unterprozesse) Kopfprinzip gilt Annahme von phonologisch leeren Elementen mit Wortart nötig

10 Überlegungen 1 Wenn Komposition und Derivation unterschiedliche Prozesse sind, gibt es dann kategorische Unterschiede in dem Grad der Beschränkungen, die von Y ausgehen? (Komposition unbeschränkt, Derivation beschränkt) 'Grad der Beschränkung' nicht leicht messbar Beschränkungen hängen nicht an der Kategorie Y, sondern an dem jeweiligen Muster Beschränkungen nicht kategorisch unterschiedlich, sondern für jedes Muster festgelegt, 'Grad der Beschränkung' nicht kategorisch unterschiedlich, sondern graduell NN weniger beschränkt als AdjN wba V-er wba un-adj wba NUM-fach wba...

11 Überlegungen 2 Wenn Komposition und Derivation immer klar unterscheidbar wären, würde das auf unterschiedliche Prozesse hindeuten. Wenn Komposition und Derivation nicht immer klar unterscheidbar wären, würde das auf denselben Prozess hindeuten.

12 historisch viele Suffixe sind aus freien Elementen hervorgegangen -heit geht zurück auf mhd heit 'Art und Weise' (-keit geht zurück auf -ec+-heit) langsamer Übergang (Doerfert 1994) kann man so etwas auch heute beobachten?

13 'Zwischenkategorien' frei: nikotinfrei, bleifrei vs. vogelfrei schwanger: bedeutungsschwanger, regenschwanger vs. scheinschwanger reich: kinderreich, kalorienreich vs. steinreich wesen: Finanzwesen, Bankenwesen vs. Geistwesen

14 Beispiel: reich reich: kinderreich, kalorienreich vs. steinreich zwei Lesarten: LA1 'wohlhabend', daraus abgeleitet LA2 'hat viele X', LA2 mit Argumentstruktur Unterscheidung nicht klar frei vs. gebunden kinderreich ~ reich an Kindern kalorienreich ~ reich an Kalorien aber LA2 wirkt 'gebundener', schränkt seine Basis mehr ein, evtl. ist LA2 auf dem Weg zum gebundenen Element (gerade stattfindender Wandel, Korpusstudie)

15 Einschub: 'Affixoide', 'Halbaffixe' Elemente wie reich (im Übergang von freien zu gebundenen Elementen) werden manchmal Affixoide oder Halbaffixe genannt eine solche Einteilung ist nur notwendig, wenn Komposition und Derivation klar unterschieden werden sollen

16 Überlegung 2: Zwischenfazit Elemente wie reich zeigen, dass Komposition und Derivation zumindest synchron nicht immer sauber voneinander abgrenzbar sind. Aber: Muss man Sprachwandelprozesse überhaupt betrachten?

17 neoklassische Elemente morph, (a)(t)ion, anthrop, phag, ie anthropo phag ie strukturell und semantisch genauso wie menschen fress erei neue Kategorie Formative? einige neoklassische Elemente verhalten sich semantisch wie native Stämme, einige verhalten sich semantisch wie native Affixe (Lüdeling, Schmid, Kiokpasoglou 2002)

18 Überlegung 2: Fazit Elemente wie reich zeigen, dass Komposition und Derivation zumindest synchron nicht immer sauber voneinander abgrenzbar sind. neoklassische Elemente zeigen, dass selbst wenn Sprachwandelprozesse außer Acht gelassen werden, die Abgrenzung nicht immer sauber funktioniert. Argument für einen gemeinsamen Prozess

19 Einschub: Leere Elemente Wodurch ist die Annahme von leeren Elementen gestützt? hier: Prozess 3 als Nullaffigierung erlaubt einen gemeinsamen Ansatz für alle Prozesse genereller: leere Elemente werden in einem Beschreibungssystem angenommen, um Einheitlichkeit herzustellen. Sie können innerhalb des Systems eine Bedeutung 'Bedeutung' oder 'Funktion' haben.

20 Einschub: Leere Elemente Morphologie Beispiel: Imperativ' Stamm: lach lach e 1PS lach st 2PS lach t 3PS lach en 1PP lach t 2PP lach en 3PP lach Imperativ S Syntax Metapher: Bewegung, die Spuren zurücklässt Grundannahme: unterschiedliche Oberflächenstrukturen gehen auf die gleiche (Tiefen)struktur zurück Spuren haben Auswirkung für Kongruenz

21 Aufgaben Schreiben Sie für die folgenden Elemente lexikalische Einträge. Was muss man spezifizieren? Warum? suppe, un-, ab, -lich, beacht, rot

22 Diskussion: Zusammenbildungen Wie analysiert man Wörter wie Dreimaster, Dickhäuter, blauäugig, Appetithemmer? dreigliedrige Wortbildungen der Form S 1 S 2 X mit S i = Stamm, X = Stamm oder Suffix, wobei S 1 S 2 und S 2 X in semantischer Verwandtschaft frei nicht vorkommen. [Leser 1990, 4]

23 Diskussion: Zusammenbildung dreigliedrig (ABC) erfordert neue Regeln zweigliedrig ((AB)C) oder (A(BC)) erfordert Annahme von (möglichen) komplexen Wörtern, die so nicht vorkommen

24 Literatur Carstairs-McCarthy, Andrew (2005) Basic Terminology. In: In Stekauer, Pavel and Lieber, Rochelle (eds.), Handbook of Word- Formation. Dordrecht: Springer, Doerfert, Regina (1994) Die Substantivableitung mit-heit/-keit,-ida,-î im Frühneuhochdeutschen. Berlin: Walter de Gruyter Höhle, Tilman (1982): Über Komposition und Derivation: zur Konstituentenstruktur von Wortbildungsprodukten im Deutschen, In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 1, Lüdeling, Anke; Schmid, Tanja & Kiokpasoglou, Sawwas (2002) On neoclassical word formation in German. In: Booij, Geert & van Marle, Jaap (eds.) Yearbook of Morphology 2001, Kluwer, Dordrecht,

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