Heilsgeschichte als Formprinzip die Adaption von F.X. Dornns Lauretanischer Litaney (zuerst 1749) auf Bernrieder Prozessionstafeln

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1 Heilsgeschichte als Formprinzip die Adaption von F.X. Dornns Lauretanischer Litaney (zuerst 1749) auf Bernrieder Prozessionstafeln In der Kirche des ehemaligen Augustinerchorherrenstifts in Bernried am Starnberger See finden sich an den beiden Seiten des Mittelschiffs je zwei auf Stangen angebrachte Prozessionstafeln. Auf beiden Seiten der Tafeln befinden sich emblematische Abbildungen: vorne je eine Szene aus dem Marienleben mit lateinischen Motti, Subscriptiones und von den dargestellten Personen ausgehende Äußerungen, also Inscriptiones im wahrsten Sinne des Wortes. Die Rückseiten zeigen je ein auf die Vorderseite bezogenes Emblem, wobei die Motti und die auffällig langen, in Versform gehaltenen Subscriptiones auf Deutsch verfasst sind; die Inscriptiones sind in Latein geschrieben. Die Bildmotive der Tafeln verdanken sich der Lauretanische Litaney des Friedberger Dechants Franz Xaver Dornn, die 1749 erstmals erschienen ist und in 14 Jahren drei Auflagen erlebt hat. KLICK Exemplarisch soll die dritte Tafel genauer in den Blick genommen werden. Hier sehen wir auf der Vorderseite ein altbekanntes Motiv: die Geburt Christi nach dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums. Die pictura des Emblems kann grob in die himmlische und die irdische Sphäre eingeteilt werden. In der oberen Bildhälfte finden sich links Gottvater, rechts der Heilige Geist in Form einer Taube; unter Vater und Geist je ein Engelskopf; in der Mitte die Sonne mit Christusmonogramm, quasi als Platzhalter für die noch fehlende Person der Trinität, Gottsohn, der sich in jenen Tagen in außendienstlicher Mission auf der Erde befindet. Über der Sonne steht auf einem Banner Gloria in excelsis et in terra pax (Ehre (sei Gott) in der Höhe und Friede auf der Erde)d ein direktes Zitat aus Lukas 2. Der untere Bildteil zeigt das typische Krippenpersonal der Geburtsszene. Links Maria typischerweise in rot blau und Joseph; dazwischen der Esel. Auf der rechten Seite drei Hirten. Im Zentrum die Krippe mit dem Jesuskind, um das sich die Umstehenden in ehrfürchtig-betender Haltung teils kniend, teils stehend gruppieren. Vor der Krippe liegt ein gebundenes Lamm wohl ein Geschenk der Hirten, was auch durch den Hirtenhut verdeutlicht wird, der das Verbindungsstück zwischen Lamm und dem grauhaarigen Hirten darstellt. Bemerkenswert ist der Ort, an dem sich die Krippe befindet; anders als

2 gewöhnlich ist es kein Stall, sondern ein tempelartiges Gebäude mit Säulen. Joseph stützt sich auf einem steinernen Tisch ab, der sehr an einen Altar erinnert. Von so gut wie allen in der Pictura dargestellten Personen gehen Worte aus quasi Inscriptiones im wahrsten Sinne des Wortes; neumodischer könnte man fast von Sprechblasen reden. Die Äußerungen der göttlichen Personen (Gottvater, Gott Heiliger Geist und Gottsohn in Gestalt des Jesuskindes) zeichnen sich durch die Farbe Rot aus; die Sprüche der Menschen und Engel sind in schwarz gehalten. Durch die Richtung, in die die Äußerungen zeigen, erkennt man den jeweiligen Adressaten, derer es in dieser Pictura zwei gibt: zum einen das Jesuskind, zum anderen Maria. Maria wird von den Engeln als Domina (Herrin) und Regina (Königin) bezeichnet, von Joseph als Virgo (Jungfrau) er sollte es ja wissen ; vom Jesuskind als Mater (Mutter), vom Heiligen Geist als Sponsa (Braut) und von Gottvater sogar als Filia (Tochter). Sowohl Maria als auch Gottvater sagen zum Jesuskind Ego hodie genui Te (Heute habe ich dich gezeugt bzw. geboren), ein Zitat aus Psalm 2. Der grauhaarige Hirte bezeichnet Jesus als Pastor Ovium (Hirte der Schafe), was zum einen an Psalm 23 erinnert (Der Herr ist mein Hirte), zum anderen an Johannes 10 (Ich bin der gute Hirte); gerade das Johannes-Evangelium wird in der weiteren Betrachtung immens wichtig sein. Der stehende Hirte bleibt bei der Schafsmetaphorik seines Kollegen, allerdings genau andersherum: er bezeichnet Jesus als Lamm Gottes: sein Auspruch Ecce, agnus Dei entstammt der katholischen Liturgie, genauer: der Eucharistiefeier. Somit haben wir schon mehrere schriftliche wie bildliche Indizien, die auf das Altarsakrament hinweisen: der Tisch bzw. Altar, auf dem Joseph lehnt; das gebundene Lamm vor der Krippe sowie die dazu passenden liturgischen Worte des Hirten. Dieser Spur folgend denn das Altarsakrament hat ja seinen Ursprung in der christlichen Heilsgeschichte lohnt vor der Einbeziehung von Motto und Subscriptio ein Blick auf die mutmaßliche Vorlage dieser und der anderen Fahnen: Die Lauretanische Litaney des Friedberger Dechants Franz Xaver Dornn, die 1749 erstmals erschienen ist und in 14 Jahren drei Auflagen erlebt hat. In dieser wird Maria mit verschiedenen Titeln angerufen und es wird um

3 ihre Fürsprache bei Gott gebetet. In Dornns Werk ist jede Anrufung Mariens mit einer Darstellung versehen; KLICK der Titel Dei Genitrix (also Gottesgebärerin oder Gottesmutter) plausiblerweise mit der Geburtsszene. Die Darstellung auf der Bernrieder Fahne weist bei allen Unterschieden Deutliche Ähnlichkeiten zur Geburtsszene bei Dornn auf: KLICK hier ist vor allem die Anordnung Maria, Esel, Joseph auf der linken Bildseite zu nennen; hinzu kommen die identischen Äußerungen von Gottvater und Maria ( Ego Hodie genuite ). Man könnte sich jetzt aber die Frage stellen, welchen Nutzen es für die Interpretation der Bernrieder Fahne hat, sich über die Herkunft ihrer Pictura im Klaren zu sein. Hier ist ein Detail von entscheidender Bedeutung: KLICK Schaut man sich die Krippe an, in der das Jesuskind gebettet ist, sticht einem deren Kreuzkonstruktion ins Auge, die in statischer Hinsicht in Wirklichkeit wohl sehr instabil sein dürfte; also keine zufällige Fügung, sondern ein klarer Hinweis des Künstlers, dass Krippe und Kreuz theologisch nicht voneinander zu trennen sind, da sie den Rahmen der christlichen Heilsgeschichte bilden. Schön und gut: aber wie wird das Ganze in Bernried umgesetzt.dort tritt an die Stelle des Kreuzes ein Lamm, also wie bereits erwähnt auch ein Hinweis auf die Rettungstat Christi. Das Kreuz, so scheint es, ist weg. Weit gefehlt, denn der Künstler, der das Emblem konzipiert hat, einentwickelt das verbalvisuelle Ensemble der Vorlage weiter, um in einer chiastisch strukturierten Wort-/Bild- Komposition in der Geburtsszene die Erlösungstat Christi vorwegzunehmen. KLICK Um dies zu erläutern, müssen wir uns jetzt das Motto sowie die Subscriptio des Emblems anschauen: In einer Kartusche oberhalb der Pictura heißt es: Verbum Caro: O admirabile Commercium (auf deutsch: Das Wort ist Fleisch geworden. O wunderbarer Tausch). Zumindest der erste Teil des Mottos entstammt ich hatte bereits erwähnt, dass wir auf das Johannes-Evangelium zurückkommen werden dessen Prolog in Johannes 1 (Joh 1,14). Gemeint ist, dass das Wort Gottes in Jesus Christus Mensch geworden ist. Und das passt auch wunderbar zur Pictura, in der eben dieses Ereignis durch die Abbildung des Kindes in der Krippe festgehalten wird. In der Subscriptio heißt es: Exortum est in tenebris lumen (Es ist ein Licht aufgegangen in der Dunkelheit). Dies ist zum einen wieder ein Zitat aus dem

4 Buch der Psalmen (Ps 111/112); zum anderen ist aber auch wieder ein Bezug zum Johannesprolog vorhanden, wo es heißt: Und das Licht scheint in der Finsternis (Joh 1,5). Auch die Subscriptio findet sich in der Pictura wieder: denn tatsächlich ist mit der Sonne, auf der das Christusmonogramm begebildet ist, ein Licht aufgegangen, das auch noch den Namen des fleischgewordenen Wortes trägt. Wir haben also um das noch einmal zusammenzufassen ein Motto und eine Subscriptio, die sich direkt auf die Pictura beziehen so weit noch nichts Besonderes. Wenn wir jetzt aber die Textelemente mit ihren bildlichen Pendants verbinden, wird schnell klar: KLICK stilistisch gesehen handelt es sich um einen Chiasmus, also eine Kreuzstellung. Das Kreuz und somit die Erlösungstat Christi sind also vorhanden. Wem das zu sehr nach Zufall als nach kompositorische Finesse riecht, dem sei noch einmal der Johannesprolog ans Herz gelegt. Wie bereits dargelegt ist das Johannes- Evangelium durch mehrer Zitate allgegenwertig KLICK, auch wenn die Pictura ein Reflex auf das Lukasevangelium ist. KLICK Schaut man sich nun den programmatischen ersten Satz des Johannes-Evangeliums an, erkennt man schnell, dass auch hier die Menschwerdung Gottes untrennbar mit dem Kreuz und somit der Erlösungstat verknüpft ist KLICK: eben durch einen Chiasmus (Joh 1,1), der auf der Vorderseite der Bernrieder Tafel wie gerade gezeigt aufgenommen und mit einer Wort-/Bild-Beziehung weiterentwickelt wird. Dass auch Zitate aus dem Alten Testament vorkommen (gerade aus den Psalmen) passt hervorragend in das johannäische Konzept; ist doch der Evangelist Johannes sehr darum bemüht zu zeigen, dass alles, was um Jesus Christus geschieht, schon im Alten Bund verheißen wurde; gerade an der Johannes- Passion ist dies sehr gut nachvollziehbar. Johannes Programm lautet: Verheißung und Erfüllung. Ein klarer Schwerpunkt dieser Fahne ist also die Erlösungstat Christi und damit eng verbunden das Altarsakrament. Ein Einsatz bei Fronleichnamsprozessionen, die ja genau dieses Sakrament in den Fokus rücken, ist also nicht nur denkbar, sondern drängt sich nahezu auf. Wie genau man sich diesen Einsatz vorzustellen hat, ist fraglich. Möglich, dass die Fahnen an markanten Wegpunkten zum Anlass genommen worden sind, Sinn und Ursprung der Eucharistie zu erläutern. Hier bleiben uns zum jetzigen Zeitpunkt nur

5 Spekulationen. Dass die Fahnen aber auf Prozessionen mitgenommen worden sind, ist aufgrund ihrer Mobilität sie können relativ einfach aus ihren Halterungen an den Bänken entfernt werden kaum zu bestreiten. Die Vorderseite der Fahne hat jedoch nicht nur das Altarsakrament als Schwerpunkt, sondern die Vorlage der Lauretanischen Liatey legt es nahe auch die Marienverehrung. Nicht umsonst richten sich ja die meisten der Äußerungen in der Pictura nicht an das Jesuskind, sondern an seine Mutter. Die Annahme einer zweiten Schwerpunktsetzung wird durch die Betrachtung der Fahnenrückseite bestätigt. Hier nämlich findet sich eine typologische Darstellung, die übrigens auch wieder in der Dornn'schen Litaney ihre Vorlage hat. Die Rückseite der Fahne KLICK ist in vertikaler Sicht zweigeteilt. Oben finden wir die Pictura, unten eine in Versform gehaltene, überdurchschnittlich lange Subscriptio; Pictura und Subscriptio nehmen in etwa gleichviel Platz ein. (Hier sieht man übrigens auch die Stange, an der die Fahne angebracht ist. Es hat den Anschein, dass die Fahne wirklich als solche konzipiert worden ist; denn sieht man von der einen Äußerung ab, die durch die Stange nicht ganz zu lesen ist, stört die Stange weder die Pictura noch die Subscriptio.) Die Pictura zeigt auf der linken Seite Marias Oberkörper, der gleichsam über einem brennenden Dornbusch schwebt; der Dornbusch befindet sich auf einer kleinen Anhöhe. Unter dem Dornbusch steht Liliam inter spinas (Eine Lilie zwischen Dornen), von Maria geht der Satz Quomodo fiet Lk 1,34 (Wie soll das geschehen) aus. In der Bildmitte kniet ein Mann, es ist Moses, vor der Anhöhe und schnürt sich seine Sandalen auf; im Hintergrund sieht man die Schafsherde, über die er wacht. Mose spricht die Worte Videbo visionem hanc Ex 3,3 (Ich will mir diese Erscheinung ansehen). Rechts über Moses schwebt über einer Wolke ein Engel, der einen Spiegel in der Hand hält. In diesem Spiegel ist ein Junge mit einem Kreuz in der Hand zu sehen. Durch den Spiegel wird dieser Junge über Maria projiziert. Der Engel sagt außerdem: Paries (Du wirst gebären). Die Pictura verknüpft hier in gut typologischer Manier eine Szene aus dem Alten Testament mit einer aus dem Neuen. Ziel ist es ganz genau wie es auch das Konzept des Evangelisten Johannes ist zu zeigen, dass die in der

6 Erlösungstat Jesus vollendete christliche Heilsgeschichte von Anfang an, also bereits zu Zeiten des Alten Bundes so verheißen wurde. Den alttestamentlichen Typus stellt hier Mose dar, der Zeuge eines Wunders wird: obwohl der Dornbusch in Flammen steht, verbrennt er nicht. Er bleibt unversehrt, da die Flamme eine reine, eine von göttlicher Natur ist. Gott ist so muss man Exodus, Kapitel 3 verstehen wirklich präsent, offenbart sich (und kurze Zeit später auch seinen Namen) dem Mose, weshalb dieser auch aus Ehrerbietung seine Sandalen ausziehen muss. Das Tertium Comparationis, das Alten und Neuen Bund hier miteinander verbindet, sind die Dornen, die jetzt aber quasi spiegelbildlich, worauf der Spiegel des Engels auch hindeutet - negative konnotiert sind. Den aus dem Dornbusch erwächst Maria, die mit ihrem Markenzeichen, der Lilie, gleichgesetzt, trotz Dornen erblüht. Gemeint ist natürlich ihre jungfräuliche Unversehrtheit, die sie sich erhält, obwohl sie Mutter wird. Dies ist, wie im Alten Testament mit dem göttlichen Feuer und dem Dornbusch nur möglich, da sie nicht auf herkömmliche Weise gebiert sie erkennt nämlich keinen Mann sondern der Heilige Geist über sie kommt. Diese Typologie wird in der langen, in vierhebigen Trochäen verfassten Subscriptio ausführlich erläutert, um am Schluss den Gläubigen dazu anzuregen, sich Maria als Vorbild zu nehmen und rein zu leben, um Gott zu gefallen und dessen Gunst im Dies- und Jenseits zu erhalten. Die Rückseite der Fahne nimmt also in inhaltlicher Sicht insofern Bezug auf die Vorderseite, als sie die typologisch ausgedeutete Vorgeschichte der Geburt Jesu (Mariä Verkündigung) abbildet. Formal ähneln sich Vorder- und Rückseite durch das johanneische Konzept der Verheißung und der Erfüllung. Zu den bereits angestellten Überlegungen zur liturgischen Verwendung lässt sich ergänzen, dass sich die Fahnen auch bestens zur Nutzung bei Marienandachten und Prozessionen zu beispielsweise Mariä Himmelfahrt eignen, greifen sie doch wichtige Stationen des Marienlebens auf und erläutern diese theologisch anspruchsvoll, aber durch die künstlerische Gestaltung dennoch sehr anschaulich.

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