Die Inhaltsanalyse als Datenerhebungsverfahren

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1 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die Inhaltsanalyse als Datenerhebungsverfahren Quellen: 1. P. Mayring: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München: Psychologie Verlags Union, 1990a 2. P. Mayring: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1990b (2) 3. A. Silbermann: Systematische Inhaltsanalyse. In: R. König (ed.): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Bd.4. Stuttgart: Enke, 1973, S U.Kuchartz: WINMAXprofessionell. Computergestützte Textanalyse. Handbuch zu Max für Windows professionelle Version 96. Berlin:Verein zur Förderung der Ökologie im Bildungsbereich e.v., 1995 Definition nach Berleson (1952, S. 18): Inhaltsanalyse ist eine Forschungstechnik für die objektive, systematische und quantitative Beschreibung des manifesten Inhalts von Kommunikation. Mayring (1990b, S. 11f.) spezifiziert diese Definition folgendermaßen: 1. Inhaltsanalyse hat Kommunikation zum Gegenstand, also die Übertragung von Symbolen Die Inhaltsanalyse arbeitet mit Texten, Bildern, Noten, mit symbolischen Material also. Das heißt, die Kommunikation liegt in irgendeiner Art protokollliert, festgehalten vor. Gegenstand der Analyse ist somit fixierte Kommunikation. 3. Besonders heftig wehren sich Inhaltsanalytiker immer wieder gegen freie Interpretation, gegen impressionistische Ausdeutung des zu analysierenden Materials. Inhaltsanalyse will systematisch vorgehen Das systematische Vorgehen zeigt sich vor allem darin, daß die Analyse nach expliziten Regeln abläuft.... Diese Regelhaftigkeit ermöglicht es, daß auch andere die Analyse verstehen, Nachvollziehen und überprüfen können. Erst dadurch kann Inhaltsanalyse sozialwissenschaftlichen Methodenstandards (intersubjektive Nachprüfbarkeit) genügen.

2 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Das systematische Vorgehen zeigt sich aber auch darin, daß eine gute Inhaltsanalyse theoriegeleitet vorgeht. Sie will nicht einfach einen Text referieren, sondern analysiert ihr Material unter einer theoretisch ausgewiesenen Fragestellung; die Ergebnisse werden vom jeweiligen Theoriehintergrund her interpretiert und auch die einzelnen Analyseschritte sind von theoretischen Überlegungen geleitet Sie will durch Aussagen über das zu analysierende Material Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation ziehen, Aussagen über den Sender (z.b. dessen Absichten) über Wirkungen beim Empfänger o.ä. ableiten. (S.12) Einen detaillierten Überblick zur Entwicklungsgeschichte der Inhaltsanalyse als sozialwissenschaftliches Erhebungsverfahren gibt Alphons Silbermann in seinem gleichnamigen Artikel im Handbuch der empirischen Sozialforschung. Erstmals wandte J.G. Speed dieses Verfahren an, indem er die Veränderungen in den Sonntagsausgaben New Yorker Tageszeitungen zwischen 1881 und 1883 untersuchte. Vorangetrieben durch die schnelle Entwicklung von Presse, Film und Rundfunk, durch die Ausdehnung sowohl der politischen Propaganda als auch der kommerziellen Werbung setzte Mitte der 30iger Jahre ein Entwicklungsschub ein, der zu den heute gängigen Analyseverfahren führte. Insbesondere der zweite Weltkrieg und sein Prinzip der totalen Kriegsführung trieben die Entwicklung der Erforschung der Massenkommunikation voran, wobei der Analyseschwerpunkt auf der jeweiligen Feindpropaganda lag. In seiner Bestandsaufnahme stellte Barcus 1959 fest, daß von der Jahrhundertwende bis dato rd kommunikationswissenschaftliche Inhaltsanalysen durchgeführt worden sind, wobei 70% davon erst nach 1940 entstanden. Als Leiter der Forschungsgruppe des amerikanischen Verteidigungsministeriums Experimental Division for the Study of War-Time Communications entwickelte Lasswell (1948) das erste Modell der Massenkommunikation, das sich prägnant mit dem folgenden Satz zusammenfassen läßt: Wer sagt was zu wem und mit welcher Wirkung. Seines Erachtens besteht die Aufgabe darin, den Inhalt ( Was ) genauso präzise wie den Kommunikator ( Wer ), den Empfänger ( Wem ) sowie den Effekt im Sinne der Wirkung zu erfassen.

3 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Botschaft (Inhalt) Kommunikator (Sender) Rezipient (Empfänger) Stil Abb. 1: Modell der Massenkomunikation nach Lesswell (1948) Mayring (1990b, S. 47) erweitert das einfache Kommunikationsmodell Lesswells, indem er erstens als weiteren Akteur den Inhaltsanalytiker einführt, der auf der Basis seines eigenen Vorverständnisses und seiner Forschungsfrage bei seiner Textinterpretation vor seinem eigenen emotionalen, kognitiven und konativen (Handlungs-) Hintergrund agiert. Zweitens berücksichtigt Mayring ausdrücklich diese Hintergründe beim Kommunikator oder Sender, wobei der emotionale Hintergrund sein Gefühlszustand, seine gefühlsmäßigen Beziehungen zu den anderen Interaktionspartnern sowie zum eigentlichen Gestand umfaßt. Der kognitive Hintergrund beinhaltet neben dem subjektiven Bedeutungshorizont, den Wissensstand des Kommunikators, seine Erwartungen, Interessen und Einstellungen. Hingegen setzt sich der Handlungshintergrund aus den Intentionen und Plänen, den Machtressourcen des Kommunikators sowie seiner Interaktionsgeschichte bezüglich des Gegenstands und anderer Akteure zusammen. Drittens unterscheidet Mayring bei den die Textanalyse strukturierenden zwischen der Syntax (Satzbau), der Semantik (Wortwahl), der Sigmatig (Zeichen - und Symbollehre) sowie der Pragmatik. Im Mittelpunkt letzterer steht die Frage, welche Funktion die vertextete Kommunikation für den Sender bzw. Empfänger erfüllt, wobei Mayring zwischen den vom Kommunikator intendierten und nicht intendierten Effekten oder Veränderungen auf Seiten der Zielperson oder Gruppe unterscheidet.

4 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die wichtigste notwendige Bedingung für den Erfolg einer Inhaltsanalyse stellt der gemeinsame sozio-kulturelle Hintergrund für die drei Akteure dar, der das gemeinsame Bedeutungsuniversium und Normverständnis im Sinne des Lebensweltbegriff von Alfred Schütz umfaßt. Die klassischen Verfahren der quantitativen Inhaltsanalyse Berelson (1952) stellte die folgenden vier Charakteristika für die von ihm gemeinsam mit Lazarsfeld fortentwickelte quantitative Inhaltsanalyse auf: 1. Die Inhaltsanalyse muß objektiv sein, d.h., that the categories of analysis should be defined so precisely that different analysts can apply them to the same body of content and secure the same results (ibid. S.16) Die Inhaltsanalyse muß systematisch sein, d.h., all of the relevant content is to be analyzed in terms of all the relevant categories for the problem at hand and that analyses must be designed so secure data relevant to a scientific problem or hypotheses (ibid. S. 17) Die Inhaltsanalyse muß quantitativ sein, was nicht notwendigerweise verlangt the assignment of numerical values to the analytic categories (ibid. S.17) Die Inhaltsanalyse beschreibt den offenbaren (manifesten) Inhalt von Mittelungen, d.h., sie hat sich zu beschränken auf Elemente der Syntax und

5 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe der Semantik, und dabei sind latente Intentionen, die im Inhalt verborgen liegen mögen, nicht zu beachten. (Silbermann 1973, S. 255f.) Diese klassische quantitative Inhaltsanalyse besteht aus den folgenden drei Verfahren: 1. Die Häufigkeits- oder Frequenzanalyse Bei diesem auch Frequenzanalyse genannten Erhebungserfahren zählt der Forscher lediglich die Häufigkeit des Auftretens der von ihm entwickelten inhaltlichen Kategorien in seinem ausgewählten Textmaterial. Nach Mayring (1990b, S. 14) hat der Forscher folgende Arbeitsschritte zu bewältigen: Arbeitschritte der Häufigkeits- oder Frequenzanalyse: Bei der Analyseeinheiten unterscheidet Mayring zwischen Kodiereinheiten, den Kontext- und den Auswertungseinheiten. Bei den Kodiereinheiten handelt es sich um den kleinsten Textbestandteil, den der Forscher einer Kategorie zuordnen kann. Zumeist handelt es sich bei ihnen um Sätze oder Propositionen. Es können aber auch nur Silben oder Wörter sein. Hingegen legt die Kontexteinheit fest, welcher maximale Textbestandteil in eine inhaltlichen Kategorie fallen darf. Dies können Absätze, Spalten oder ganze Kapitel sein. Hingegen legt die Auswertungseinheit fest, welche Textbestandteile nacheinander inhaltlich kodiert werden sollen. Bei letzteren handelt es sich beispielsweise um die jeweils auszuwertenden Zeitungs- bzw. Rundfunkkommentare oder qualitativen Interviews. Als eine der ersten Forschergruppen wandten Berelson und Salter 1946 die Häufigkeitsanalyse an. Sie untersuchten anhand von 198 Kurzgeschichten, die in acht

6 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe der meistgelesenen amerikanischen Zeitschriften zwischen 1937 und 1943 erschienen sind, welche Ethnie oder Rasse die Hauptfiguren dieser Geschichten angehörten. Die von ihnen in den Kurzgeschichten ermittelten Prozentsätze verglichen sie mit den tatsächlichen Bevölkerungsanteilen. Hierbei stellten sie fest, daß die gebürtigen US-Amerikaner deutlich überrepräsentiert sind, während Immigranten angelsächsischer, nordeuropäischer oder anderer Abstammung deutlich unterrepräsentiert sind. Dies galt ebenfalls für Juden und Afroamerikaner ( Neger ). Abb. 4: Inhaltsanalyse Amerikanische Majoritäten und Minoritäten nach Berelson 1952, S.51 (Mayring1990b, S.13) 2. Die Valenz- oder Intensitätsanalyse Während bei der Frequenzanalyse der Kodierer lediglich die kleinsten Texteinheiten den vorgegebenen Inhaltskategorien zuordnen muß, hat er bei der Valenzanalyse zusätzlich einzuschätzen, ob die entsprechende Kategorie gemäß der vorgegebenen Dichotomie Plus vs. Minus positiv oder negativ im Text verwendet wird. Bei der Intensitätseinstufung erfolgt die Bewertung auf einer vorgegebenen Likertskala, die die Form sehr stark - stark - mittel - weniger stark - gar nicht haben kann. Hierbei hat er die folgenden Arbeitsschritte zu absolvieren: (Mayring 1990b, S. 14)

7 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Der Kontingenz- oder Zusammenhangsanalyse Während sich die Frequenzanalyse darauf beschränkt, lediglich die Häufigkeiten des Vorkommens von Inhaltskategorien in Texten zu bestimmen, untersucht die Kontingenzanalyse den Zusammenhang verschiedener Inhaltskategorien untereinander. Berelson und Salter interessierten sich bei ihrer Analyse der Kurzgeschichten zusätzlich für ethnische Vorurteile. Ihr Blick richtete sich folglich auf den Zusammenhang von Herkunft oder Rasse einerseits sowie einer stereotypen Charakterisierung der Hauptfiguren andererseits. Sie stellten hierbei fest, dass Italiener stets als Gangster, Juden als schlau und verschmitzt, Iren als leicht erregbar und Neger als lächerlich dumm dargestellt wurden. Bei einer Kontingenzanalyse hat der Forscher folgende Arbeitsschritte zu absolvieren: (Mayring 1990b, S. 14)

8 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Neuere Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse Seit Beginn der 70iger Jahre erlebte die qualitative Inhaltsanalyse getragen vom interpretativen Paradigma eine neue Blütezeit, die bis heute anhält. Stellvertretend für eine Vielzahl von Ansätzen und Verfahren werden im folgenden drei Grundtypen der Interpretation dargestellt, die lediglich im Hinblick auf ihre Zielsetzung unterscheiden. Für diese drei Grundtypen das folgende allgemeine Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse. Abb. 7: Allgemeines Ablaufbild der qualitativen Inhaltsanalyse

9 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die Zusammenfassung Das Ziel der zusammenfassenden Inhaltsanalyse besteht nach Mayring darin, das Textmaterial dergestalt auf einer vorgegebenen Abstraktionsebene zu reduzieren, so daß die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben. Der verbleibende Textcorpus soll ein überschaubares aber getreues Abbild des Grundmaterials darstellen. Die Explikation Bei der Explikation besteht nach Mayring (1990b, S.54) das Ziel der Analyse darin, bei einzelnen fraglichen Textteile, seien es Begriffe oder Sätze, durch die kontrollierte Einbeziehung zusätzlichen Materials das Verständnis zu erweitern, indem es die jeweilige Textstelle erläutert, erklärt oder ausdeutet. Hierbei unterscheidet Mayring zwischen einer engen und weiten Kontextanalyse. Die Strukturierung Bei der Strukturierung besteht das Analyseziel darin, bestimmte Aspekte aus dem Material herauszufiltern, unter vorher festgelegten Ordnungskriterien einen Querschnitt durch das Material zu legen oder das Material aufgrund bestimmter Kriterien einzuschätzen (a.a.o.) Hierbei unterscheidet Mayring zwischen einer formalen, inhaltlichen, typisierenden und skalierenden Strukturierung des Textmaterials. Die zusammenfassende Inhaltsanalyse Für die zusammenfassende qualitative Inhaltsanalyse hat Mayring (1990a, S.69) folgendes Ablaufmodell entwickelt, das die wesentlichen Arbeitsschritte darstellt. zunächst hat der Forscher festzulegen, auf welchem Niveau er das Textmaterial abstrahieren will. Die Generalisierung der Bedeutungseinheiten muß danach auf diesem Abstraktionsniveau erfolgen. Hieran schließen sich die zwei Reduktionsschritte der Selektion und Bündelung an. Im ersten Schritt hat bedeutungsgleiche Kodiereinheiten zu streichen. Im zweiten Schritt sollen die verbleibenden Kodiereinheiten durch die Bündelung, Konstruktion und Integration der Bedeutungseinheiten auf der angestrebten Abstraktionsebene weiter verdichtet werden. Anschließend hat der Forscher diese neuen Aussagen zu einem Kategoriensystem zusammenzufassen. Hiernach wendet er das reduzierte Kategoriensystem erneut auf sein Ausgangsmaterials, um seine Geeignetheit zu überprüfen. Reicht die

10 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Reduktion noch nicht aus, so hat der Forscher den gesamten Arbeitsprozeß auf dem nächst höheren Abstraktionsniveau durchzuführen.

11 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Für die einzelnen Arbeitschritte der Paraphrasierung, der Generalisierung auf das gewählte Abstraktionsniveau sowie der ersten und zweiten Reduktionsphase hat Mayring (1990b, S. 58) die folgenden Regeln formuliert: Mayring demonstriert das regelgeleitet Vorgehen der zusammenfassenden Inhaltsanalyse anhand des folgenden Beispiels aus seinem DFG-Projekt zur Lehrerarbeitslosigkeit. Hierbei hat er bereits die Regeln zur Paraphrasierung angewendet, indem er alle nicht inhaltstragenden Textbestandteile wie ausschmückende, wiederholende oder verdeutlichende Wendungen aus dem Textmaterial gestrichen hat. Danach hat er die verbleibenden Textteile auf eine einheitliche Sprachebene übersetzt und sie auf eine grammatikalische Kurzform gebracht. Danach generalisiert er die Gegenstände der Paraphrasen und die Satzaussagen (Prädikate) auf ein einheitliches Abstraktionsniveau. Im ersten Reduktionsschritt streicht er alle Bedeutungseinheiten mit identischen Generalisierungen. In seinem Beispiel tut er dies bei den Sätzen 7 und 10. Im zweiten Reduktionsschritt faßt er die bedeutungsgleichen Generalisierungen der Sätze 1, 2 und 4 zusammen, indem er sie zur Aussage Verlust der Befriedigung durch den Beruf bündelt. Er tut dies

12 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe ebenfalls mit den Sätzen 9, 10, 11 sowie 17, die er auf die Kernaussage Diffuse Zwischenphase, da nur als Übergangssituation angesehen reduziert. Die Sätze 5, 6, 7 und 8 bündelt er zur Paraphrase Angst, die Arbeitslosigkeit einzugestehen (Versteckspiel). Zur Aussage Wegen Arbeitslosigkeit ist freie Zeit nicht richtig nutzbar, werden Probleme verschoben integriert er die Sätze 12 bis 16.

13 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die explizierende qualitative Inhaltsanalyse Während bei der zusammenfassenden Analyse das Ziel im wesentlichen darin bestand, daß vorliegende Textmaterial regelgeleitet zu reduzieren, strebt die explizierende Inhaltsanalyse genau das Gegenteil an. Zu den einzelnen interpretationsbedürftigen Textteilen benutzt der Forscher zusätzliches Material, um sie zu erläutern, sie verständlich zu machen und sie erklären zu können. Zunächst hat der Forscher genau zu definieren, welche Art von zusätzlichen Material er für die Deutung (Explikation) der betreffenden Textstelle zu lassen will. Diese Auswahl entscheidet letztlich über die Güte der eigentlichen Deutung. Die Grundlage der Explikation bildet zunächst die lexikalisch-grammatikalische Definition der in der betreffenden Textstelle enthaltenen Begriffe und Verben. Die Bedeutung von Sprache wird laufend auf dem jeweiligen kulturellen Hintergrund in ihrer jeweils aktuellen Ausprägung in Wörterbüchern, Lexika festgehalten; die Struktur von Sätzen wird in Grammatiken festgelegt. (Mayring (1990b, S.71). Ihre detaillierte Kenntnis seitens der Forschers bildet die Voraussetzung für seine erfolgreiche Deutung der betreffenden Textstelle. Bei der Suche nach Explikationsmaterial unterscheidet Mayring zwischen seiner engeren und weiteren Textkontext: der enge Textkontext als die direkten Bezüge im Text, also das direkte Textumfeld der interpretationsbedürftigen Stelle; solche Texte können definierend /erklärend, ausschmückend/beschreibend, beispielgebend/einzelheiten ausführend, korrigierend/modifizierend oder auch antithetisch/das Gegenteil beschreibend zur fraglichen Textstelle stehen; der weitere Textkontext als die über den Text hinausgehenden Informationen über Textverfasser, Adressaten, Interpreten, kulturelles Umfeld; auch nonverbales Material und Informationen über die Entstehungssituation können hier eingehen. (Ders. 1990a, S.87) Die Arbeitschritte der explizierenden qualitativen Inhaltsanalyse hat Mayring im folgenden Ablaufdiagramm zusammengestellt: (A.a.O.)

14 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Nach der Ermittlung des relevanten engeren und weiteren Textkontextes muß der Forscher aus dem gefundenen Textmaterial eine erklärende Paraphrase formulieren. Bei sehr großen Materialmengen muß er zuvor eine zusammenfassende Inhaltsanalyse der entsprechende Kontexte zwischenschalten und die dergestalt ermittelten Paraphrasen in den Originaltext anstatt der fraglichen Stellen einsetzen. Hierdurch kann er überprüfen ob die Explikation ausreicht. Ist dies nicht der Fall, so muß er einen neuen Durchlauf starten, indem er weiteres Explikationsmaterial für seine Kontextanalyse zuläßt.

15 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Für die einzelnen Arbeitsschritte der explizierenden qualitativen Inhaltsanalyse hat Mayring (1990b, S. 73f.) folgende Regeln formuliert: Mayring (1990b, S ) stellt ausführlich die Vorgehensweise der explizierenden Inhaltsanalyse anhand eines Interviewtranskripts seiner qualitativen Lehrerstudie dar, das hier als Fall C vollständig dokumentiert wird. Für den Interviewer verwendet er die Abkürzung F für den Lehrer das L.

16 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Fall C: L: Ja, das ist in der Tat ein starkes Problem, wobei ich sagen würde, daß bei, während der Referendarzeit, nur zum Teil der Schulalltag irgendwie auf einen selber, - fällt, so daß man sich selber bewußt macht, denn primär glaube ich sieht man da die Funktion oder die Abhängigkeit von einem selber von den Seminarlehrern, das ist eigentlich das, was zunächst einmal dominierend war, -während des Studiums war ja mal diese pädagogische Praxis, der Praxisnachweis, daß man also mal an Schulen geht und ein paar, das ist glaube ich jetzt intensiviert worden. F: Hmm, ja. L: Früher war das also noch nicht und da ist man nur über 14 Tage in die eine oder andere Klasse gegangen, meistens nur hospitiert und irgendwann dann auch Unterricht gehalten, dann habe ich mir auch gedacht, um Gottes Willen, das ist eigentlich trübsinnig, so hab ich mir das nicht vorgestellt, da müßte man vielleicht mehr das und das machen, nur zu dem was man da, - diese Vorstellung, die man da vielleicht entwickelt, die kann man in der Referendarzeit überhaupt nicht irgendwie verwirklichen, und ich sehe es eigentlich selber, - habe es eigentlich auch nicht selber so gesehen, natürlich, mehr - meine Rolle dann mehr, wie alle anderen wohl auch, - alle anderen Referendare auch, daß man irgendwie - schaut möglichst günstig beurteilt zu werden, und jeder sucht sich da irgendwie (lacht) vielleicht ein Konzept aus, oder meint eins zu finden. F: Hmm. L: Wie er dann am ehesten dann vielleicht die Vorstellungen des Seminarlehrers realisiert und das führt natürlich dann schon zu einem Konflikt, wenn man, -selber eigentlich in der Situation was anderes machen wollte, aber wegen äußeren Kriterien, die eben zur Bewertung erklärtermaßen anstehen. F: Hmm. L: Vom Seminarleiter, -Lehrer würde diese - würde diese, ja Aktionsweise jetzt ja eben nicht adäquat sein und daher kann man sie auch nicht machen, das heißt also man würde, man muß auf Deutsch sofort sich von vornherein anpassen und umstellen auf das, was vom Seminarlehrer irgendwie ausgeht. Ja das war also nicht so... F: Haben Sie da Probleme gehabt? L: Bitte? F: Hat es irgendwelche Probleme gemacht, ist das schwergefallen? L: Doch, ja eigentlich schon, weil Ichs nicht, weil ich irgendwie nicht der Typ bin, der das vom Anfang an, wenn man das, wenn man einer Klasse zum ersten Mal begegnet, das man hier, schematische Regeln abfahren kann. F: Hmm. L: Sondern man sucht ja doch die Beziehung zu den Schülern und dann würde als Schlußfolgerung der Reaktionen oder man würde auf die Schülerreaktionen vielleicht anders reagieren in manchen Fällen, als es irgendwie, - nach offizieller Maßgabe, - gewünscht wird, zum Teil auch wie man dann glaubt, daß es richtig ist, wobei man sich dann auch vielleicht dann auch hin und wieder mal verschätzen kann (lacht). F: Hmm. L: Es kann auch sein, daß sich dieses, das gebe ich durchaus zu, daß dies also vielleicht nicht mal - real gesehen so scharf ist, wie es auf mich selbst gewirkt hat, ja. Es kann sein, daß ich da durchaus, -

17 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe F: Hmm. überdurchschnittlich sensibel bin dann in der Richtung, das könnte sein. L: Aber ich weiß also im Gespräch mit Kollegen aus dem Seminar, daß das also mehrheitlich die anderen auch so empfunden haben. F: Und vor allem liegt das an den Vorstellungen, die die Seminarlehrer haben? L: Ja an den Vorstellungen, zum einen und dann - aus der doch permanent herrschenden - das permanent herrschende - Gefühl oder Bewußtsein, man muß eine gute Note möglichst gute Note schaffen. F: Hmm. L: Und - man wird ja mehr oder weniger unverblümt auch gesagt, daß eben der Notenschnitt auf Grund der Bewährung irgendwie wieder angepaßt werden muß, also-die Noten sind ja nicht so wie in der Schulklasse an sich, sondern von den Verbaldefinitionen her, so daß von daher natürlich - man eben versucht auf Biegen oder Brechen möglichst gut abzuschneiden. F: Also das ist, sagen wir einmal, so ein Anpassungsdruck? L: Das würde ich also auf alle Fälle sehen, ja. F: Hmm. L: Es könnte höchstens sein, daß das dann in nächster Zeit vielleicht nicht mehr ist, nachdem dann jeder weiß, er kommt sowieso nicht dran (lacht lauthalts). F: (lacht auch) Und wie hat sich das dann gelöst, das Problem. L: Ich würde sagen, es war bis zum Schluß, also bis zum mündlichen zweiten Staatsexamen, das ja aus der Referendarzeit nur 1/7tel zählt, war das eigentlich bis zum Schluß schon vorhanden. F: Hmm. L: Na ja, sagen wir einmal, nach der dritten Lehrprobe dann nicht mehr. F: Hmm. L: Also bis zum Herbst. F: Hat das irgendwie an Ihnen gezehrt? L: Ja, das muß man schon sagen. Es ist ja auch die Möglichkeit gegeben, zur Verbesserung der Note, die Referendarzeit noch einmal zu machen. F: Ja, ja. L: Die würde dann noch einmal zählen, -aber da wäre ich, da hätte ich mich, also ganz ehrlich gesagt, nicht in der Lage gesehen, rein psychisch. F: Hmm. L: Zumal noch rein rechnerisch her das gar nichts bringen würde, nachdem das nur zu 2/5tel zählt zu der Gesamtnote.

18 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe F: Das ist natürlich wenig. L: Und ich meine, da mache ich mir nichts vor, Einserlehrproben bringe ich nicht und der Eindruck, da würde ich auch keine Eins rausholen, dadurch ist das illusorisch. Da kann man sich maximal in der Gesamtnote, glaube ich, um 3/l0tel verbessern. Und damit ist einem mit der einen Note auch nicht viel geholfen. F: Hmm. - Hat das irgendwie eine Auswirkung auf das Selbstvertrauen gehabt, dieser Anpassungsdruck? L: - (kleinlaut) Ja eigentlich schon, - es ist halt irgendwie hat sich das abgeschliffen im Alltag, das weiß ich auch nicht, wie ich das ausdrücken soll (lacht) - Ich habe, es war also nicht so, daß was du dir vorher gedacht hast, war ja nicht völlig falsch, oder, Du kannst halt nun doch nicht mit Kindern umgehen, zu diesem Schluß bin ich also nicht gekommen, - es ist glaube ich - es zehrt halt an einem, und von daher, - kratzt es schon also das eigene Ich eben an. F: Hmm. L: Wobei es einfach typmäßig unterschiedlich ist, glaube ich, manchen macht es weniger aus, die spielen da mehr, die sehen das eben mehr als sagen wir mal vielleicht kann man das auch so sehen, daß das die pädagogischen Fähigkeiten, daß die die schon mitbringen, wobei da aber doch die pädagogischen Fähigkeiten da doch in Anführungszeichen setzen würde, daß die eben sagen, das muß man so machen, das muß man so machen, dann machen die das so. Und wenn sie Glück haben, dann klappts dann auch so und weil die es so gemacht haben, ist das dann gut, ne. F: Hmm. L: Das ist vielleicht etwas überspitzt formuliert - Es ist, glaube ich auch sehr wichtig, gerade bei Sport, da bin ich also nicht der Typ, je - möchte nicht sagen extravertiert, je temperamentvoller einer einfach vom Typ her ist, wenn er spricht oder wenn er lebendig mit Erwachsenen umgeht, oder ständig-neue Ideen auf Lager hat oder auch mal Kritik an-seminarlehrern vielleicht bringt, aber sofort in ein Bonmot gekleidet, also Conferenciertyp mehr; da glaube ich, die kommen mächtig an. F: Ja, hmm (etwas unsicher). L: Das ist dann irgendwie auch wieder Mentalitätssache. Wie kann man das irgendwie beurteilen (lacht) oder zum Gradmesser machen!? Im ersten Arbeitsschritt hat der Forscher die zu deutende Textstelle zu auszuwählen. Die interessierende Textstelle ist im Interviewprotokoll grau unterlegt worden. Bei dem zu deutenden/erklärungsbedürftigen Begriff als handelt es sich um denjenigen des Conferenciertyp. Im zweiten Arbeitsschritt hat der Forscher zur Begriffklärung moderne Lexika und Wörterbücher heranzuziehen. Unter dem Stichwort Conferencier sind beispielsweise folgende Definitionen zu finden: Ansager auf der Kleinkunstbühne (dtv-lexikon, Bd.3, 1966, S.168) oder (witzig unterhaltender) Ansager in Kabarett, Variété, bei öffentlichen und privaten Veranstaltungen (Meyer Großes Taschenlexikon, Bd.5, 1981, S.5). Beide Definitionen erweisen sich aber als wenig hilfreich, um den Begriff im grau markierten Textkontext zu verstehen. Im dritten und vierten Arbeitsschritt muß der Forscher zunächst die Reichweite

19 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe des engen Textkontextes bestimmen und anschließend nach definierenden, umschreibenden oder ausschmückenden Attributen des Conferencierstyps suchen. Im engen Textkontext desselben Absatzes finden sich folgende Charakteristika dieses Typs: - extravertiert (?); - temperamentvoll, wenn er spricht; - lebendiges Umgehen mit Erwachsenen; - ständig neue Ideen auf Lager; - Kritik am Seminarlehrer, in Bonmot [ geflügeltes Wort, W.L.] gekleidet, bringend. (Mayring 1990b, S. 75) Im engeren Textkontext läßt sich der Conferencie-Typ als extravertierter, temperamentvoller, spritziger Mensch charakterisieren. Eine unmittelbar hiervor liegende Textstelle, die ebenfalls grau unterlegt ist, liefert weiteres Deutungsmaterial, das sich aus den etwas wirr erscheinenden Aussagen des Interviewten rausfiltern läßt. - spielt mehr; - scheint die pädagogischen Fähigkeiten mitzubringen; - weiß immer, was man tun muß: - verhält sich auch danach; - wird deshalb gut beurteilt. (a.a.o.) Die erste Äußerung des Spielens sieht Mayring für interpretativ bedeutsam an. Für ihn stellt es, trotz des negativen Untertons ein positives Charakterisierungsmerkmals dar. Er interpretiert das Spielen im Sinne des eine Rolle spielen, vielmehr eine Masche heraushaben, wie man sich am besten verhält und damit im eigentliche Sinne unehrlich zu sein, indem man nur eine Theaterrolle spielt. Letzteres deckt sich mit der im ersten Arbeitsschritt herausgearbeiteten lexikalischen Definition. Die weiteren Äußerungen des Interviewten an Textstelle kennzeichnen einen selbstüberzeugten Menschen. Im fünften Arbeitsschritt hat der Forscher aus den extrahierten Deutungsmaterial eine explizierende Paraphrase zu erstellen. Durch die Verbindung der im engen Textkontext genannten Eigenschaften des Conferenciertyps mit dem im ergänzenden Absatz genannten Rollenspiel erhält Mayring (1990b, S.76) folgende explizierende Umschreibung (Paraphrase):

20 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe ein Conferencier-Typ ist jemand, der die Rolle eines extravertierten, temperamentvollen, spritzigen und selbstüberzeugten Menschen spielt. Um die Stimmigkeit dieser deutenden Umschreibung zu überprüfen, fügt Mayring sie in den näheren Textkontext kurz vor und nach der Fundstelle ein. - Dem Conferencier-Typ machen die Belastungen durch den Anpassungsdruck und Erschütterungen des Selbstvertrauen weniger aus. - Der C-Typ kommt bei Seminarprüfern mehr an. - C-Typ zu sein, ist Mentalitätssache. - Es ist ungerecht, eine solche Mentalität mitzubeurteilen, als Gradmesser für die Beurteilung der pädagogischen Fähigkeiten zu machen. (a.a.o.) Ergibt sich durch das Einsetzen explizierenden Paraphrase eine klar verständliche Aussage, deren Sinngehalt eindeutig ist, so ist die explizierende Inhaltsanalyse zunächst abgeschlossen. Das Heranziehen weiteren Materials zur Explikation erscheint Mayring nicht vonnöten zu sein.

21 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die strukturierende qualitative Inhaltsanalyse Diese wohl wichtigste inhaltsanalytische Technik verfolgt das Ziel, eine bestimmte Struktur aus dem Textmaterial herausfiltern. Hierbei trägt der Forscher die Struktur in Form eines Kategoriensystems an das Material heran, wobei er alle Textbestandteile, die den Kategorien entsprechen, systematisch aus dem Textmaterial herauszieht. Zunächst muß er aber die grundsätzliche Strukturierungsdimension aus der Forschungsfrage ableiten und theoretisch begründen. Eine weitere Spezifikation dieser Dimension erfolgt dergestalt, daß sie in einzelne Ausprägungen aufgespalten werden. Aus den Dimensionen und ihren Ausprägungen entwickelt der Forscher dann ein Kategoriensystem. Um zu entscheiden, ob eine bestimmte Textstelle einer inhaltlichen Kategorie entspricht, empfiehlt Mayring ein Verfahren das drei sequentielle Arbeitsschritte umfaßt. Zunächst hat der Forscher genau zu definieren, welche Textbestandteile unter eine Kategorie fallen. Dann formuliert er Ankerbeispiele, indem er konkrete Textstellen aufführt, die genau unter diese Kategorie fallen und als Beispiele für die Kodierung dienen sollen. Abschließend muß er Kodierregeln festlegen, die es dem Kodierer ermöglichen sollen, bei Abgrenzungsproblemen zwischen mehreren Kategorien eine eindeutige Zuordnung vornehmen zu können. Mayring (1990b, S. 79) unterscheidet vier Formen der Strukturierung: - Eine formale Strukturierung will die innere Struktur des Materials nach bestimmten formalen Strukturierungsgesichtspunkten herausfiltern. - Eine inhaltliche Strukturierung will Material zu bestimmten Themen, zu bestimmten Inhaltsbereichen extrahieren und zusammenfassen. - Eine typisierende Strukturierung will auf einer Typisierungsdimension einzelne markante Ausprägungen im Material finden und diese genauer beschreiben. - Eine skalierende Strukturierung will zu einzelnen Dimensionen Ausprägungen in Form von Skalenpunkten definieren und das Material daraufhin einschätzen. Allen vier Strukturierungsvarianten liegt dasselbe Ablaufmodell zugrunde, wobei sie jeweils bei der Festlegung der Strukturierungsdimension im zweiten Schritt und der Ergebnisaufbereitung im achten Schritt Modifikationen erfordern.

22 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe

23 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die Formale Strukturierung Das Ziel der formalen Strukturierung besteht darin, aus dem Textmaterial Strukturen herauszuarbeiten, die das Material selbst in einer bestimmten Weise untergliedern, zerlegen oder schematisieren. Hierbei muß zunächst das Kriterium bestimmt werden, nachdem das Textmaterial zu analysieren ist. Diese entscheidende Weichenstellung geschieht im zweiten Arbeitsschritt. Mayring (1990b, S.79) unterscheidet vier mögliche Kriterien: - Ein syntaktisches Kriterium Die Struktur der sprachlichen Formulierungen im Material soll untersucht werden, Besonderheiten im Satzbau, Abweichungen, Brüche o.ä. sollen herausgefunden werden. - Ein thematisches Kriterium Die inhaltliche Struktur, die Abfolge thematischer Blöcke, die inhaltliche Gliederung des Materials soll herausgearbeitet werden. - Ein semantisches Kriterium Die Beziehung von einzelnen Bedeutungsinhalten untereinander soll rekonstruiert werden. - Ein dialogisches Kriterium Die Abfolge einzelner Gesprächsbeiträge und Gesprächsschritte soll analysiert werden. Danach muß der Forscher die Arbeitsschritte 3 bis 6 absolvieren, wobei gegebenenfalls er im Schritt 7 sein Kategoriensystem und die zugehörigen Definitionen zu revidieren hat. Ist dies der Fall, er den Ablauf der Schritte 3 bis 6 wiederholen. Für die Präsentation der Ergebenisse im 8. Arbeitsschritt empfiehlt Mayring ein zweigleisiges Vorgehen. Zunächst sollte der Forscher eng am Text die Feinstruktur ermitteln, um anschließend eine übergeordnete, allgemeinere Grobstruktur zu konstruieren. Hierdurch ergeben sich folgende Modifikationen für das Ablaufmodell der strukturierenden Inhaltsanalyse.

24 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Mayring erläutert das Vorgehen der formalen Strukturierung anhand der Theorie semantischer Netzwerke von Lindsay, Norman und Rummelhart, die eine sehr differenzierte Darstellung der Bedeutungsstruktur von Texten ermöglicht. Er veranschaulich diese Form der Strukturierung anhand eines Beispiels von Ballstaedt (1981, S.25f.). Der Basistext der Inhaltsanalyse lautet: Eine große schwarzgelbe, 14 Meter lange V-2-Rakete stand in der Wüste von New Mexiko. Leer wog sie fünf Tonnen. Als Treibstoff enthielt sie acht Tonnen Alkohol und flüssigen Sauerstoff. Alles war bereit. Die Wissenschaftler und Generäle zogen sich auf eine gewisse Distanz zurück und kauerten hinter Erdhügeln. Zwei Rote Signale leuchteten als Zeichen auf, die Rakete abzufeuern.

25 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Mit großem Dröhnen und einer Explosion von Flammen stieg die riesige Rakete langsam und dann schneller und schneller auf. Hinter sich zog sie eine 18 Meter lange Flamme nach. Bald sah die Flamme wie ein gelber Stern aus. In wenigen Sekunden war die Rakete zu hoch, um gesehen zu werden, aber der Radar verfolgte sie, wie sie bis zu km pro Stunde aufwärts schoß. Wenige Minuten, nachdem sie abgefeuert worden war, sah der Pilot eines Beobachtungsflugszeuges die Rakete mit einer Geschwindigkeit von km pro Stunde zurückkommen und 64 km vom Startpunkt entfernt auf die Erde stürzen. Hierzu konstruierte Beaugrande (1980) folgendes semantisches Netzwerk:

26 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die inhaltliche Strukturierung Bei der inhaltlichen Strukturierung besteht das Forschungsziel darin, bestimmte Themen, Inhalte oder Aspekte aus dem Material herauszufiltern und zusammenzufassen. Für die Extraktion dieser Inhalte hat der Forscher theoriegeleitet ein System von inhaltlichen Haupt- und Unterkategorien zu entwickeln. Dieses System legt er an den Text an und ordnet die einzelnen Kodiereinheiten den jeweiligen Kategorien zu. Anschließend faßt er das in Form von Paraphrasen extrahierte Material zunächst pro Unterkategorie und anschließend pro Hauptkategorie zusammen. Hierbei gelten die Regeln der zusammenfassenden Inhaltsanalyse. Diesem Vorgehen entspricht das folgende Ablaufdiagramm. (Mayring 1990b, S. 85) Das Vorgehen der inhaltlichen Strukturierung wird an einem praktischen Beispiel zur Präsentation der personalen und sozialen Identitäten in Heiratsanzeigen noch ausführlich dargestellt.

27 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Typisierende Strukturierung Die typisierende Strukturierung verfolgt das Ziel, besonders markante Bedeutungsgegenstände aus dem Textmaterial zu extrahieren und detailliert zu beschreiben. Bei diesen Typen handelt es sich nicht zwingenderweise um Personen, sondern hierzu gehören markante Ausprägungen auf einer zuvor festgelegten Typisierungsdimenison. Nach der Festlegung der zugehörigen Ausprägungen, arbeitet der Forscher anhand ihrer das Textmaterial durch und ordnet ihnen die entsprechenden Textstellen zu. Anhand letzterer hat der Forscher zu entscheiden, worin das Typische oder Markante dieser Textstellen besteht. Mayring (1990b, S. 84) schlägt hierfür drei Differenzierungskriterien vor: - besonders extreme Ausprägungen sollen beschrieben werden; - Ausprägungen von besonderem Interesse sollen beschrieben werden; - Ausprägungen, die im Material besonders häufig vorkommen, sollen beschrieben werden. Für diese typischen Ausprägungen hat der Forscher besonders repräsentative Textstellen aus dem Material auszuwählen und als Prototypen in allen Einzelheiten zu beschreiben. Typisierungen bergen natürlich die Gefahr von zu starken Verallgemeinerungen oder Verzerrungen in sich. Als nachteilig erweist sich, daß sie oftmals eine Uniformität oder Polarität unterstellen, die in diesem Ausmaß nicht im Textmaterial existieren. Daher sollte diese Analyseform nur dann zur Anwendung gelangen, wenn inhaltlich oder skalierend strukturierende Verfahren nicht anwendbar sind. Der wesentliche Vorteil einer typisierenden Strukturierung besteht in ihrer Arbeitsersparnis. Der Forscher muß nicht die gesamte Dimension sondern nur einzelne markante Ausprägungen analysieren und daraufhin sein Textmaterial aufarbeiten. Er brauch nicht das gesamte Material aufzubereiten, sondern er kann sich auf dasjenige beschränken, das als Prototyp die markante Ausprägung repräsentiert. Hingegen muß er der diese extrahierten Prototypen sehr viel genauer beschreiben als dies im Rahme der inhaltlichen Strukturierung der Fall ist. Dies kann durchaus von Vorteil sein. Mayring (1990b, S. 85) faßt die Arbeitsschritte der typisierenden Strukturierung im folgenden Ablaufdiagramm zusammen:

28 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe

29 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Skalierende Strukturierung Das Ziel der skalierenden Strukturierung besteht darin, das Textmaterial oder Teile davon auf einer zumeist ordinalen Skala vom Kodierer einschätzen zu lassen. Ritsert (1972) hat diese Vorgehensweise als Valenz- oder Intensitätsanalyse bezeichnet. Kommunikationswissenschaftler verwenden sie häufig um beispielsweise bei Zeitungskommentaren Absatz für Absatz dahingehend zu analysieren, ob sie Standpunkte der Regierung oder der Opposition vertreten. Hieraus läßt anschließend ermitteln, welchen politischen Standpunkt die Zeitung selbst vertritt. Auch komplexe Techniken wie die Symbol-, Wert- oder Bewertungsanalyse lassen sich im Rahmen der skalierenden Strukturierung durchführen. Für die Festlegung der Einschätzungsdimensionen und der zugehörigen Skalen sind die folgenden qualitativen Arbeitsschritte erforderlich:

30 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Nach der Festlegung der Analyseeinheiten im ersten Arbeitsschritt leitet der Forscher die eigentlichen Einschätzungsdimensionen aus seiner Forschungsfrage ab. Sie legen diejenigen Aspekte fest, nach denen das Textmaterial eingestuft werden soll (2.Schritt). Im Gegensatz zur inhaltlichen Strukturierung, deren Kategorien nominales Meßniveau aufweisen, handelt es sich bei ihnen um Variablen mit mindestens ordinalem Skalenniveau. Zuvor ist aber zu überprüfen, ob das vorliegende Textmaterial überhaupt Bedeutungseinheiten für die vorzunehmenden Skalierungen liefert. Im dritten Schritt legt der Forscher die zugehörigen Ausprägungen der jeweiligen Einschätzungsdimension fest und ordnet ihnen Skalenpunkte zu. Hiermit stellt er sein Kategoriensystem zusammen. Für die eigentliche Formulierung der Ausprägungen gelten diesselben Regeln, wie sie Schnell, Hill&Esser (1999) oder Scheuch (1973) für das Interview formuliert haben. Besondere Beachtung schenkt Mayring (1990b, S. 87) aber der Definition der Restkategorien wie - teils/ teils oder halb/halb; - ambivalent, mal so / mal so; - unklar, unentscheidbar; - weder / noch., um Entscheidungskonflikte bei der Kodierung der Textstellen möglichst zu vermeiden. Ebenso wie bei der inhaltlichen Strukturierung muß der Forscher im vierten Arbeitsschritt die ordinalen Ausprägungen seiner Einschätzdimensionen mit Definitionen und erläuternden Ankerbeispielen versehen. In den schriftlich formulierten Leitfaden gehören ebenfalls die zugehörigen Kodierregeln für die einzelnen Kategorien. Zunächst hat der Forscher in einer ersten Materialdurchsicht alle relevanten Textstellen zu markieren (5.Schritt), die anschließend die Kodierer auf den vorgegebenen Dimensionen einschätzen (6.Schritt). In diesem ersten Probedurchlauf wird der Kodierleitfaden laufend erweitert, indem besonders prägnante Textstellen als Ankerbeispiele übernommen werden. Bei mehrdeutigen Einschätzungen ist die Formulierung von zusätzlichen Kodierregeln für die Abgrenzung der Ausprägungen erforderlich. Überall dort, wo sich der Verdacht bestätigt, daß Skalenpunkte falsch gewählt oder definiert sind, muß der Forscher sein Kategoriensystem und die damit verbundenen Definitionen grundlegend überarbeiten (7.Schritt). Nach einem erneuten Probedurchlauf, kann der Forscher mit der eigentlichen Textkodierung im Sinne der ordinalen Einschätzung beginnen. Ist diese abgeschlossen, so wertet er im achten Arbeitsschritt die Häufigkeiten, Zusammenhänge oder Konfigurationen der Einschätzungen mit Hilfe quantitativer statistischer Analyseverfahren aus. Für die qualitativen Arbeitsschritte der skalierenden Strukturierung hat Mayring (1990b, S. 88f.) die folgenden Regeln aufgestellt:

31 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Mayring (1990b, S. 89ff.) stellt das Vorgehen der skalierenden Inhaltsanalyse ausführlich an seinem DFG-Projekt zur Lehrerarbeitslosigkeit dar, wobei er sich schwerpunktmäßig mit der Auswirkung des Praxisschocks im Referendariat auf das Selbstbewußtsein der Interviewten beschäftigt. Sein Ausgangsmaterial bilden qualitative Interviews mit arbeitslosen Lehrern. Im ersten Arbeitsschritt legt Mayring folgendermaßen seine Auswertungseinheit fest. Davon ausgehend, daß für ihn Selbstvertrauen als subjektive Gewißheit zu verstehen ist, die Anforderungen der biographischen Entwicklung gut bewältigen

32 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe zu können, hat er sich entschlossen, jede Bedeutungseinheit, in der die Anforderungen der Referendarzeit geschildert werden, zur Einschätzung des Selbstwertes des Probanden zu nutzen. Damit stehen ihm pro Lehrer mehrere Auswertungseinheiten zur Verfügung, deren einzelne Skalierungen sich dann zu einer Gesamteinschätzung aggregieren lassen. Als Kodiereinheit kann jeder Satz (Proposition) dienen, die eine Anforderung thematisiert, die der damalige Referendar mit Selbstvertrauen gemeistert hat. Für jeden dieser Sätze muß der Kodierer anschließend das Ausmaß des gezeigten Selbstvertrauen einschätzen. Mayring unterscheidet zwischen der kognitiven, der emotionalen sowie der Handlungskomponente des Selbstvertrauens als Einschätzungsdimension. Erstere erfaßt das Bewußtsein über die Art der Anforderungen und der zugehörigen Bewältigungsstrategien in der Referendarzeit. Ein aus ihrer Meisterung resultierendes positives, hoffnungsvolles Gefühl charakterisiert die affektive Subdimension. Hingegen prägt die eigentliche Handlungskomponente die Gewißheit, die Anforderung selbst bewältigen zu können. Da das Textmaterial nur wenige Informationen über das Selbstvertrauen (SV) der Befragten geliefert hat, entscheidet sich Mayring (1990b, S. 90) für eine einfache dreistufige Skalierung mit den Ausprägungen K1: Hohes SV K2: mittleres SV K3: niedriges SV und eine Restkategorie K4: SV nicht erschließbar. Das eigentliche Kernstück der strukturierenden Inhaltsanalyse besteht in der genauen Beschreibung der Kategorien des Selbstvertrauens durch Definition, Ankerbeispiele und Kodierregeln für Zweifelsfälle. Bei ersten Materialdurchgang markiert zunächst der Kodierer sämtliche Textstellen, die sich auf Anforderungen der Referendarzeit beziehen und numeriert sie durch. Danach markiert virtuell oder mit einer zweiten Farbe alle Textstellen, die sich auf das gezeigte Selbstvertrauen beziehen. Bei letzteren schätzt der Kodierer anschließend auf der dreistufigen Skala den Grad des gezeigten Selbstvertrauens ein. Gibt zu einer Aufgabenstellung kein Indiz für das Selbstvertrauen, so wählt der Kodierer die Residualkategorie K4: SV nicht erschließbar. Mayring (1990b, S. 91) stellt dieses Vorgehen anhand eines Auswertungsprotokolls eines Lehrerinterviews kurz dar. Bei der Fundstellenangabe markieren die Bezeichnungen o, m, u die relativen Seitenpositionen oben, Mitte und unten.

33 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die von ihm vorgenommene ausführlich Begründung seiner Skalierungen fließen in die Formulierung seines Kodierleitfaden ein. (Mayring (1990b, S. 91f.)

34 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe

35 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Gütekriterien der Inhaltsanalyse nach Krippendorff Wie alle Datenerhebungsverfahren steht die Inhaltsanalyse ebenfalls vor dem Problem, die Zuverlässigkeit und Gültigkeit des Kodierens im Sinne der Meßoperation zu bestimmen. Krippendorff hat 1980 das bisher differenzierteste System von Validitäts- und Reliabilitätskriterien vorgelegt, wobei er acht Konzepte unterscheidet: Bei der Gültigkeit oder Validität im engeren Sinne unterscheidet Krippendorff zwischen ihren material-, ergebnis- oder prozeßorientierten Versionen. Hierbei gliedert sich die materialorientierte Variante in die semantische und die Stichprobengültigkeit. Erstere definiert er folgendermaßen: Semantische Gültigkeit bezieht sich dabei auf die Richtigkeit der Bedeutungsrekonstruktion des Materials. Sie drückt sich in der Angemessenheit der Kategoriendefinitionen (Definitionen, Ankerbeispiele, Kodierregeln) aus. (Mayring 1990b, S. 96) Sie läßt sich mit Hilfe von Expertenurteilen überprüfen, wobei Krippendorff hierzu ebenfalls zwei einfache Testsstrategien vorschlägt: 1. Sammeln Sie alle Textstellen, denen aufgrund der Analyseanweisungen eine bestimmte Bedeutung gegeben wurde. Vergleichen Sie die Textstellen mit dem Konstrukt. Überprüfen Sie anschließend die Homogenität der Textstellen.

36 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Konstruieren Sie hypothetische Textstellen mit bekannter Bedeutung. Überprüfen Sie, ob das Analyseinstrument diese Bedeutung rekonstruieren kann. Konstruieren Sie Problemfälle, um ihr Kategoriensystem zu überprüfen. Bei der Stichprobengültigkeit weist Krippendorff auf die üblichen Kriterien für die exakte Durchführung der Auswahl im Sinne der Repräsentativität hin. Bei ihrer ergebnisorientierten Version unterscheidet Krippendorff zwischen der korrelativen und der Vorhersagegültigkeit. Korrelative Gültigkeit meint die Validierung durch Korrelation mit einem Außenkriterium. Eine Überprüfung ist nur möglich, wenn bereits Ergebnisse einer Untersuchung mit ähnlicher Fragestellung und ähnlichem Gegenstand vorliegen. Sinnvoll erscheinen vor allem Vergleiche mit Ergebnissen, die durch andere Methoden wie Test, Experiment oder Beobachtung gewonnen wurden. (Mayring 1990b, S.97) Eine Überprüfung der Prognosegültigkeit ist nur möglich, wenn sich aus dem inhaltsanalytisch aufbereitetem Material Vorsagen für zukünftige Ereignisse ableiten lassen. Ist dies der Fall, so belegt der Eintritt des vorhergesagten Ereignisses die Gültigkeit des kategorialen Systems. Anderenfalls ist es zu verwerfen. Für die Untersuchung der prozeßorientierten Konstruktgültigkeit schlägt Krippendorff fünf Prüfkriterien vor: 1. Der bisherige Erfolg mit ähnlichen Konstrukten oder Situationen. 2. Die Erfahrungen mit dem Kontext des vorliegenden Materials. 3. Etablierte Theorien und Modelle. 4. Repräsentative Interpretation durch Experten. 5. Die kommunikative Validierung. Im Sinne Klüvers (1979) und Heinze&Thiemann (1982) besteht ihre Leitgedanke darin, eine Konsens über die Ergebnisse der Analyse zwischen Forschern und Probanden diskursiv herzustellen. Ein solches Vorgehen empfiehlt sich für die Aktionsforschung, welche die institutionelle Trennung zwischen Erkenntnisprozeß und gesellschaftlicher Praxis aufhebt. Ihre Verwendung hat vor allem dort seinen Sinn und unaufhebbare Notwendigkeit, wo die theoretischen Interpretationen von Aussagen, insbesondere Selbstdarstellungen, die Funktion haben, eine mit den Befragten gemeinsame Praxis vorzubereiten und zu strukturieren (Klüver 1979, S.82)

37 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Bei der Reliabilitätsbestimmung differenziert Krippendorff zwischen der Stabilität, der Reproduzierbarkeit und der Exaktheit der Kodierung. Die eigentliche Stabilität kann der Forscher dadurch überprüfen, daß er dasselbe Material mit demselben Analyseinstrument von derselben Person noch einmal kodieren läßt. Das Ausmaß der Übereinstimmung zwischen den getrennten Analysedurchläufen legt das Ausmaß der Intrakodiererreliabilität fest. Hingegen mißt die Reproduzierbarkeit das Ausmaß der Übereinstimmung zweier oder mehrerer getrennter Kodierer bei der Verwendung desselben Instrumentes am selben Material. Reproduzierbarkeit meint den Grad, in dem die Analyse unter anderen Umständen zu denselben Ergebnissen führt. Sie hängt ab von der Explizitheit und Exaktheit der Vorgehensbeschreibung und läßt sich durch die Intercoderreliabilität messen. (Mayring 1990b, S. 98) Dieses Ausmaß der Übereinstimmung zweier unabhängiger Kodierer läßt sich mit Hilfe des von Holsti (1969, S. 140) vorgeschlagenen einfachen Reliabilitätsmaß bestimmen: Holsti Reliabilitätsmaß (R) (Zahl der Kodierer) (Zahl der übereinstimmenden Urteile) (Zahl der Kodierurteile) Krippendorff ließ zwei Kodierer 10 Auswertungseinheiten auf die Anwesenheit (=1) oder Abwesenheit (=0) einer bestimmten Inhaltskategorie einschätzen. Hierbei ist folgendes Bild der Übereinstimmung zwischen beiden Kodierern entstanden.

38 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Beide Kodierer stimmen nur bei 6 Bedeutungseinheiten in ihrer Einschätzung überein. Die zugehörige Interkodiererreliabilität läßt sich mit Hilfe der Formel von Holsti folgendermaßen berechnen: Holsti Reliabilitätsmaß für Jin& Han (R) (2) (5 1) (210) ,60 oder 60,0% Das Ausmaß der Interkodiererreliabilität zwischen Jin und Han beträgt 60,0%. Unter Exaktheit versteht Krippendorff den Grad, zu dem die Analyse einem bestimmten funktionellen Standard entspricht. Sie setzt Stabilität und Reproduzierbarkeit voraus, ist das stärkste Reliabilitätsmaß, läßt sich aber auch am schwersten überprüfen (Mayring 1990b, S. 100). Krippendorff unterscheidet weiterhin die folgenden vier Quellen der Nichtreliabilität: 1. Die Auswertungseinheiten (Fundstellen): Der Forscher kann hierbei überprüfen, ob diejenigen Fundstellen, bei denen es zu Unstimmigkeiten zwischen mehreren Kodierern kommt, systematisch vom übrigen Textmaterial abweichen. 2. Der Analytiker: Dies läßt sich mit Hilfe der Interkodiererreliabilität kontrollieren.

39 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Einzelne Kategorien: Hier muß der Forscher feststellen, ob sich die Unstimmigkeiten bei bestimmten Kategorien häufen. Ist dies der Fall, so muß er dies durch klarere Definitionen in der Kodierleitfaden beheben. 4. Die Kategoriendifferenzierung: Der Forscher kann die Reliabilität erhöhen, indem er uneindeutige Kategorien zusammenfaßt und somit zwar ein zwar gröberes aber exakter anwendbares Kategoriensystem erhält. Mayring (1990b, S. 101f.) hat sowohl die Leistungsfähigkeit also auch die Grenzen der qualitativen Inhaltsanalyse zu Beginn der 90iger Jahre bilanziert. Seine Einschätzung dürfte auch noch zu Beginn dieses Jahrtausends Bestand haben. Am Ende dieser Arbeit sollen nun nochmals die wichtigsten Ergebnisse, die wichtigsten Konsequenzen für den methodischen Umgang mit sprachlichem Material innerhalb der Sozialwissenschaften zusammengefaßt werden: 1. Ein verändertes Gegenstandsverständnis in den Sozialwissenschaften, welches das Subjekt mehr zur Sprache kommen läßt und dabei eher mit offenen, weichen Methoden vorgeht, erfordert die verstärkte Entwicklung darauf bezogener Auswertungstechniken. 2. Ein Überblick überbisherige inhaltsanalytische Techniken und deren Einsatzmöglichkeiten zeigt, daß die Inhaltsanalyse ein hierfür ausbaufähiges Instrument darstellt und gleichzeitig Standards methodisch kontrollierten Vorgehens genügen kann. 3. Der Streit zwischen qualitativer und quantitativer Analyse legt nahe, daß die Synthese dort liegt, wo die jeder Analyse notwendig inhärenten qualitativen Analyseschritte expliziert werden und daraufhin die Punkte im Analyseprozeß bezeichnet werden, an denen sich quantitative Schritte sinnvoll einbauen lassen. 4. Zur Entwicklung solcher, auf die qualitativen Schritte bezogenen Analysetechniken können neben der inhaltsanalytischen Methodik auch Nachbardisziplinen (Hermeneutik, Literaturwissenschaft, qualitative Sozialforschung, Psychologie der Textverarbeitung) herangezogen werden. 5. Aus der Grundstruktur bisheriger Techniken der Analyse sprachlichen Materials lassen sich Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung als Grundformen des Interpretierens extrahieren, die nun Ausgangspunkt qualitativer inhaltsanalytischer Methodik sein können.

40 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Durch Differenzierung in einzelne Analyseschritte, Aufstellen von Ablaufmodellen und Formulierung von Interpretationsregeln lassen sich aus diesen Grundformen wissenschaftliche Auswertungstechniken entwickeln. Dazu ist ein erster Versuch vorgelegt und am Beispiel demonstriert worden. 7. Solche qualitativen Inhaltsanalysen haben den Anspruch, sich an sozialwissenschaftlichen und spezifisch inhaltsanalytischen Gütekriterien messen zu lassen. Das soll aber nicht heißen, daß die qualitative Inhaltsanalyse grenzenlos einsetzbar ist. Vor allem drei Einschränkungen müssen beachtet werden: 1. Wir haben es hier mit einer spezifischen qualitativen Auswertungstechnik zu tun. So muß die Inhaltsanalyse kombiniert werden mit Techniken der Datenerhebung und Datenaufbereitung, sie muß eingeordnet werden in einen übergeordneten Untersuchungsplan (vgl. Mayring 1990). 2. Die Stärke der qualitativen Inhaltsanalyse liegt in ihrem systematischen, regelgeleiteten Vorgehen, mit dem auch große Materialmengen bearbeitet werden können. Wenn diese Systematik von Gegenstand oder Fragestellung her nicht angemessen erscheinen (in stärker explorativen Untersuchungen zum Beispiel), müssen andere Verfahren gewählt werden. 3. In jedem Fall muß darauf geachtet werden, daß die Inhaltsanalyse nicht zu starr und unflexibel wird. Sie muß auf den konkreten Forschungsgegenstand ausgerichtet sein. Denn letztlich muß die Gegenstandsangemessenheit wichtiger genommen werden als die Systematik, um nicht genau in die Probleme zu geraten, in die uns einseitig quantitative Forschung geführt hat. Wenn aber solche Fallstricke beachtet werden, ist der Weg frei für sinnvolle, aussagekräftige und methodisch abgesicherte qualitative Forschung.

41 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Die Anwendung der inhaltlich strukturierten Inhaltshaltsanalyse auf Heiratsanzeigen Auf der Grundlage der von Goffman entwickelten Unterscheidung zwischen personaler und sozialer Identität sollen Heiratsanzeigen inhaltsanalytisch untersucht werden. In seinem Buch Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität die persönliche Identität folgendermaßen: Eine der Vorstellungen, die in den Begriff der» Einzigartigkeit «eines Individuums einbezogen sind, ist die eines» positiven Kennzeichens«bzw. eines» Identitätsaufhängers«, wofür das photographische Bild des Individuum in den Köpfen anderer oder das Wissen um seinen speziellen Platz in einem bestimmten Verwandtschaftsnetz als Beispiele stehen können.... Nur eine einzige Person kann jeweils dem Bild, das hier zur Debatte steht, eingepaßt werden, und derjenige, der sich in der Vergangenheit qualifizierte und es auch in der Zukunft tun wird. Bemerkt sei, daß solche Daten wie Fingerabdrücke, die die wirksamsten Mittel sind, identifizierbar unterschiedliche Personen zu überführen, auch Daten sind, in denen sie wesentlich ähnlich sind. Eine zweite Vorstellung besagt: während die meisten einzelnen Fakten über ein Individuum auch auf andere zutreffen werden, kann der ganze Satz von Fakten, die über einen Vertrauten bekannt sind, als Kombination für keine andere Person in dieser Welt als gültig befunden werden, wodurch ein zusätzliches Mittel vorhanden ist, durch das er positiv von jedermann sonst unterschieden werden kann. Eine dritte Vorstellung ist, daß das, was ein Individuum von allen anderen unterscheidet, das Innerste seines Seins ist, ein allgemeiner und zentraler Aspekt seines Wesens, der es durch und durch anders macht, nicht nur identifizierbar anders, als diejenigen, die ihm am meisten gleichen. Mit persönlicher Identität meine ich nur die ersten beiden Vorstellungen [der Einzigartigkeit eines Individuums, W.L.] - positive Kennzeichen oder Identitätsaufhänger und die einzigartige Kombination von Daten der Lebensgeschichte, die mit Hilfe dieser Identitätsaufhänger an dem Individuum festgemacht wird. (Goffman 1975, S.74f.) Die sozial Identität hingegen konstituiert sich aus dem Set sozialer Rollen, die das Individuum in seinen unterschiedlichen sozialen Kontexten zu spielen hat. Im allgemeinen gehören Normen hinsichtlich sozialer Identität... zu den Arten von Rollenrepertoires oder Rollenprofilen, deren Aufrechterhaltung wir für jede gegebene Individuum als zulässig empfinden -»soziale Persönlichkeit«, wie

42 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Lloyd Warner zu sagen pflege. (Goffman 1975, S. 82) Die Entwicklung des Kategoriensystems für die inhaltliche Strukturierung der Heiratsanzeigen basiert auf dieser grundlegenden Unterscheidung von personaler und sozialer Identität im Sinne Goffmans. Bei der Kodierung der sozialen Identitäten gelangt die von Merton entwickelte Unterscheidung zwischen zugeschriebenen und erworbenen Statusmerkmalen ebenfalls zur Anwendung. Heiratsanzeigen eigenen sich für die Analyse der Präsentation dieser Identitäten besonders gut, da sie zumeist eine Kurzbiographie mit den positiven Eigenschaften des Suchenden und ein Anforderungsprofil für den Gesuchten enthalten. Daher bietet es sich an, das Kategoriesytem spiegelbildlich für beiden Seiten von Angebot und Nachfrage zu verwenden. Bei Textmaterial handelt sich um zehn Heiratsanzeigen, die sechs Frauen und vier Männer zwischen April und Juni 1995 in der ZEIT aufgegeben haben. Im Kopftext wird zusätzlich das Geschlecht des Suchenden und des Gesuchten angegeben: Textmaterial: Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 23, Cabriofahrerin sucht Beifahrer Suche - Tollen Typ Baujahr Dich mit Humor und Lachfalten - Dich mit dem notwendigen Ernst zum Leben Biete - 39 Jahre aus NRW, selbständig - Lachen, Tränen, Natürlichkeit - 68 kg in 165 cm ehrlicher Haut Mein Sohn (11) und ich möchten nicht länger allein - oben ohne fahren, -verreisen, - Sport treiben. Denn die Sonne kommt. Gemeinsam macht es mehr Spaß. ZS 5206 DIE ZEIT, Hamburg

43 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 23, Selbstanpreisungen und diese Kategorien von suche/biete finde ich eigentlich eher seltsam. Dennoch - Erfolg im Beruf (Richterin) kann doch nicht alles gewesen sein! Darum - kurz - ein paar Wesentlichkeiten: Ich (35 J., 1,65 m, blond, schlank, vom Typ eher Frau als burschikos), bin warmherzig, empfindsam für Ungerechtigkeiten, lebendig, phantasievoll, denke politisch undogmatisch links, mag geistigen Austausch, bin interessiert an Theater, Konzerten, Kino, Reisen, Literatur, überw. klass. Musik (je nach Stimmung), koche gern und gehe schwimmen. Wünsche mir einen Mann, der ansehnlich ist (Aussehen ist u.a. eine Frage der Ausstrahlung), Alter nicht wesentlich, intelligent, im Denken nicht verkrustet ist, mit beiden Beinen im Leben steht - aber Humor und Albernsein nicht verlernt hat, weiß, was er will - aber nicht auf alles eine fertige Antwort hat, genießen kann, dem Sport nicht über alles geht, ein bißchen meine Interessen teilt, auch Gefühle zulassen kann, verläßlich und zärtlich ist. Zuschr. m. Bild wäre nett, aber nicht Bedingung, günstig wäre Raum Dresden - Berlin - Leipzig - Chemnitz. ZV 5250 DIE ZEIT, Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 20, Roxane, 29, Raum 6 sucht Cyrano von Bergerac, der sie durch seine Art, sein gütiges Herz, Geist, Witz und Fröhlichkeit für sich gewinnt. ZM 4759 DIE ZEIT Hamburg Sie - Er DIE ZEIT Nr. 20, Joschka Fischer ist süß, aber Jürgen Möllemann ist geil. Auf ihn stehe ich total, aber ich würde es auch mit jemandem versuchen, der ihm sehr ähnlich sieht. Laß es auf einen Skandal mit einer attraktiven 35jährigen Rheinländerin ankommen. Bildzuschriften an: ZB 4728 DIE ZEIT, Hamburg

44 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Sie - Er DIE ZEIT Nr. 18, Wie kann ich Dich buchen? Suche - Tollen Typ, Baujahr ca Dich mit Schultern zum Anlehnen - Dich mit Humor und Lachfalten - Dich mit Freude zum Sport und Reisen - Dich mit dem notwendigen Ernst zum Leben Biete - 38 Jahre Aprilwetter aus NRW cm dunkelhaarige Geschäftsfrau - Jeans und das kleine Schwarze - Lachen, Tränen, Natürlichkeit - 69 kg in ehrlicher Haut verpackt Stehe mit beiden Beinen im Leben. Möchte gerne die freien Stunden, die nach der Arbeit noch vorhanden sind, mit Dir und meinem 11jährigen Sohn verbringen. Reagiere auf jede Bildzuschrift. ZN 4445 DIE ZEIT, Hamburg Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 15, Sprecht nicht, wo treue Geister eng verschlungen, Vom Hindernissen, denn das ist nicht Liebe, Dich sich verändert durch Veränderungen, Und die getrieben wird durch äußre Triebe. O nein, sie ist der ewig feste Turm, Der jeder Barke leuchtet durch die Nacht, Erreichbar seine Höh, unmeßbar seine Macht. Feinsinnige, zierliche Frau, 37, 1,65 angenehm anzusehen, möchte sich gern mit differenziertem Mann auseinandersetzen. Ich liebe Bücher, Filme, Nachdenken, fremde Sprachen, vor allem Tiere und Natur, alles, was mit Leben und Bewegung zu tun hat: Reiten, Schwimmen, Ballett. Bin ein Menschenfreund. Mein Beruf (ich bin selbständig) verknüpft mich mit den Naturwissenschaften. Es gilt die besonderen Dinge des Lebens wahrzunehmen: Hingabe an Augenblicke von Schönheit. Ich mag flexible, liebevolle, großzügige u. ehrliche Menschen und hasse alles kleinkarierte. Können Sie Gemeinsamkeiten entwickeln? Ich liebe Überraschungen! Schreiben Sie mir! ZD 4079 DIE ZEIT, Hamburg

45 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 22, Exklusiv an einen erfolgreichen, außergewöhnlichen, liebenswerten Mann * der ein starkes Ich besitzt * der weltläufig lebt und * liberal denkt * der sich nichts mehr beweisen muß * dessen Charakterfestigkeit nicht so einfach im Winde verfliegt * der Ästhet ist * dem Geschmack, Stil und Klasse nicht unwichtig sind (der Brogues und Budapester zu seinem Repertoire zählt) * der NR ist, nicht älter als 50 J. zählt u. sich vorstellen könnte, sich noch in diesem Sommer behutsam u. total zuverlieben in * eine akad. gebild., sportl. elegante, unabh. Frau Ende 30 * herzlich, anspruchsvoll, kultiviert, differenziert * eher I.Rosselini- als Cl.Schiffer-Typ * die am allerliebsten ein behagliches Nest bauen würde * der auch Kids sehr willkommen sind, um mit ihnen z.b. über den Hockeyplatz zu fegen oder über den Schulaufgaben zu brüten Trauen Sie sich? Meine Diskr. sichere ich Ihnen zu. Ihre Zuschriften erwarte ich mit Herzklopfen - sehr gerne aus Hamburg oder einer anderen Metropole, unter ZR 5120 DIE ZEIT, Hamburg Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 22, Weniger ist mehr. Ich will einen Mann von Statur. Aber ohne Statussymbole. Ausgewachsen. Souverän. Kurzum: Ich will einen Mann. Kein Abziehbild. ZT 4996 DIE ZEIT, Hamburg

46 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Sie - Er DIE ZEIT, Nr. 22, Raum Süddeutschland Quotenfrau, Dipl.- Betriebswirt (FH), 32, 178 cm, NR, nicht superschlank, jedoch ansehnlich, modisch, musisch, menschlich, warmherzig, großzügig, Leseratte, sucht Ihn: 35-40, intelligent, liberal, nicht schön aber männlich, der seinen Beruf liebt und mich, mir lange Leine läßt und sich auch ein schönes Zuhause wünscht. Gemeinsam sollten wir gerne reisen, entdecken - auch uns beide, und uns jeden Tag lieber mögen. Ich bin neugierig auf Ihre Bildzuschrift. ZT 5038 DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 19, Rarität: gut gepflegter 68er-Auslaufmodell Ich bin ein unkonventioneller, wenig angepaßter, dennoch im konventionellen Sinne erfolgreicher Mann (1,90, 93,44) und Vater, Arzt, selbständig, musisch, sportlich, vorzeigbar, bindungsfähig, immer im Umbruch. Nach langen glücklichen Jahren der Zweisamkeit und zwei Jahren des Singleseins bin ich wieder auf der Suche nach dem Vollblutweib!!! Was ich darunter verstehe, höre ich Dich fragen? Mal schauen: Du bist eine vor Wärme und Offenheit strahlende, kinderliebende, schlanke Frau, eher dunkler als blonder Typ. Du bist jünger als ich und Deine innere natürliche Schönheit spiegelt sich in Deinem Äußeren wider. Du kannst unsere Nähe, zärtliche Intimität und meine breiten Schultern genießen, legst aber großen Wert auf Deine existentielle Unabhängigkeit. Kreative Erotik ist Dir ebenso wie mir ein zentrales Bedürfnis, aber auch einen Abend lang zu zweit oder mit Freunden sich über nicht Alltägliches auszutauschen ist Dir wichtig. Du akzeptierst mich mit meinen Macken so wie ich Dich mit Deinen, ohne andauernd dem allzu menschlichen Wunsch zu erliegen, den Anderen doch noch verändert zu bekommen. Kreativität im Alltag und Experimentierfreude im Umgang miteinander sind Dir wichtiger als bürgerliche Sicherheiten und gesellschaftliche Arriviertheit. Du hast den Mut und das Selbstbewußtsein, Dich auf mich voll und ganz einzulassen. Es wäre schön, wenn Du nicht weiter als 2-3 IC- oder Flugstunden von Köln entfernt lebst. Wenn Du Dich durch diese Zeilen angesprochen und beschrieben fühlst, antworte mir bitte mit einem Bild, auf dem Du Dich gut leiden magst, unter ZD 4646 DIE ZEIT, Hamburg

47 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 19, Akademiker, 38/1,84/82, blond, sportlich, möchte sich verlieben, wenn nicht für immer, dann wenigstens für ewig. Die Neue wird's jedoch nicht leicht haben. Denn neben durchaus vorhandenen positiven Eigenschaften, die ich aufzuzählen zu bescheiden bin, bin ich recht widersprüchlich: Ich rauche gelegentlich, obwohl es mir immer noch nicht bekommt; wähle immer noch SPD, obwohl sie mir nicht links genug ist; trage ein Halskettchen mit einem Kreuz, obwohl ich seit langem aus der Kirche ausgetreten bin; bin manchmal anarchistisch im Denken. Eines ist sicher: Ich möchte eine Frau, möchte mit ihr Kinder haben und u.a. für die Familie sorgen. Vorstellbar ist für mich sowohl die Rolle des Hausmannes als auch die es konventionellen Geldverdieners. Über die Ochsentour (zweiter Bildungsweg) zum Abitur und Juraexamen, verdiene ich nun meine (gut belegten) Brötchen in der Versicherungswirtschaft. Ich erhoffe mir eine kluge, gefühlvolle, gesellschaftspolitisch kritische und eine recht hübsche Frau, die auch etwas mollig sein kann. Deine Bildzuschrift erreicht mich in Mainz unter ZK 4568 DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 19, Ich möchte auf diesem Wege gerade die Frau ansprechen, die eigentlich nicht auf ein Inserat schreiben würde... Ich kann Dir versichern, daß ich der Mann bin, bei dem Du nie vermuten würdest, daß er ein Inserat aufgeben wird!!! Du kannst also alles vergessen, was Du an eventuellen Vorurteilen hast. Ich versuche diese Art der Kontaktaufnahme zu Dir, da ich tatsächlich eine außergewöhnliche Frau suche, da ich tatsächlich ein außergewöhnlicher Mann bin. Ich liebe es zu leben, und die Basis meines Lebens ist ein tiefes Vertrauen und auch Verantwortungsbewußtsein in mir, das geprägt ist von meinem tiefen Wunsch, mich zu entwickeln und zu wachsen am Umsetzen meiner Visionen und Träume! Ich betrachte mein Leben und Handeln ganzheitlich... verbunden und durch die Verbundenheit mit allen möglichen Kräften habe ich viele meiner Träume und Visionen gelebt und erreicht. Ich bewerte seit langem meinen materiellen Reichtum nicht mehr so wie früher, ohne mir jedoch bewußt zu machen, daß ich sicherlich gerade wegen meiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit Bereiche erschließen kann, die tatsächlich nur möglich sind, wenn man den Rücken frei hat und nicht unter finanziellem Druck steht! Ich bin Unternehmer, im Designbereich tätig, zudem ist meine Tätigkeit als Universitätsprofessor eine weitere Bereicherung für mein Leben, da ich auch in dieser Tätigkeit in der Zukunft eine große Lernund Entwicklungsmöglichkeit für mich sehe. Ich bin gerade 39 Jahre alt, sehe sehr gut aus, bin schlank und bilde mit meinem Inneren und Äußeren eine Einheit. Ich freue mich sehr darauf, Dich kennenzulernen... Ich will eigentlich nur eine einzige Frau kennenlernen. Diese Frau, die zwischen diesen Zeilen nachfühlen kann, worum es geht, die ebenfalls versucht, liebevoll und verantwortungsbewußt zu leben, und hier und da an ihre Grenzen gestoßen ist. Ich suche eine schöne Frau, die schlank und total lieb ist!!! Und gerade das ist mein Problem. Es gibt sicherlich wenige Frauen, die eine Einheit bilden zwischen ihrer inneren und äußeren Schönheit... und gerade diese Frau schreibt nicht auf ein Inserat... und gerade diese Frau bitte ich zu

48 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe schreiben. Alter zwischen 26 und 35 Jahren, maximal 1,75m groß. Ich bitte Dich darum, Deinem Brief auch ein Foto hinzufügen. Danke! ZB 4644 DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 13, Raum Köln - Düsseldorf JUNGER ZAHNARZT, 31 (mit eigener Praxis), schlank und sportlich (Bergwandern, Tennis, Joggen), flexibel, humorvoll, tanzt gerne, NR, sucht etwa gleichaltrige Partnerin mit ähnlichen Interessen, für eine gemeinsame Zukunft. Bildzuschriften erwünscht. ZN 3794, DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 20, Uni.-Prof. (41 J., 186 cm) für eine naturwiss. Richtung mit Liebe zum Beruf, der außerdem Bücher, Theater- und Kinobesuche, Gespräche in entspannter Atmosphäre,..., Sport in sehr bescheidenem Umfang mag und der Interesse für Alte Geschichte ( Entdeckung von gewissermaßen historischem Boden eingeschlossen) hat, möchte eine intelligente, gebildete, berufstätige Partnerin für ein gemeinsames Leben kennenlernen. Kind kein Hindernis. Zuschriften gehen in Richtung des Dreiländerecks Hessen, Niedersachsen, Thüringen ZE 4773 DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 20, Körper-Seele-Geist Dipl.Ing.(TH), engag. Stadtplaner; 1,73; gut geerd. Realist und visionärer Träumer. 45jähriges jugendl.-schlank. angenehmes Aussehen, du. bl. br. Aug., NR; eheerf.! Ich suche eine warmherzige, lebenspraktische Frau mit christl.-spiritueller Einstellung. Mein Traum: Du bist sowohl liebevoll-sinnlich (schlank, nicht dünn) als auch selbsterfahrene Gefährtin auf dem Weg, - mit einer harmonischen Ausstrahlung. Hobbys: Wandern, Radfahr.; in Haus u. Garten werkeln, mit Kindern toben; sinnenfreudiges Reisen in südl. Länder. Insbesondere:

49 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe senible Teilnahme an der seel.-geist. Entwickl. von Mitmenschen. Hintergrund: langjähr. Praxis-Erfahrung in Astrologie, christlicher Esoterik (Gnosis) und Psychotherapie. Bildzuschr. Raum 4 (+250 km). ZR 4742 DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 17, Glücksgift, hoch dosiert WIR: Zu unabhängig (erotisch, räumlich, zeitlich, materiell) / sehr frei beruflich / viiiiiiiel zu anspruchsvoll (beziehungsbezüglich) / schlank, eher zierlich / dürften gar nicht laut sagen, wie gut's uns geht - bis eben auf das eine, Du weißt... Könnten uns freuen an: konspirativem Augenzwinkern, auf und in den Arm nehmen, gegenseitiges Kopfverdrehen, Klamauk und Kissenschlachten, Ironie und Schneegestöber, Reisen mit leichtem Gepäck, übermotorisierten Gefährten, einsamen Saxophonen, Pfeifen aufs Ganze, Maiglöckchen. DU: gibst Dir die nötige Blöße - mit Bild (ggf. gemalt) Ich: 35, Raum D-A-CH. Sag' später nicht, mich hätt's nicht gegeben. ZH 4356 DIE ZEIT, Hamburg Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 17, HABEN SIE LUST?... auf einen lebensfrohen, humorvollen, energiegeladenen, gutaussehenden Optimisten (35/1,78/ 74), hellwachem Verstand und viel Gefühl (Zwilling), differenziert, sensible, anspruchsvoll und mit Genuß dem Leben zugetan, beruflich und gesellschaftlich in Köln etabliert? Bin sehr naturverbunden, leidenschaftlicher Romantiker, liebe das Meer und die Berge, einsame Landschaften, lange Spaziergänge (mit Hund), atmosphärevolle Restaurants und Hotels, Frankreich, alte Häuser, Kaminabende, Rhythmus und Tanz, Klassik und Black music, zeitgem. Kunst, gute Gespräche, meine 2 Kinder (Mädchen, 6; Junge, 4), meine Freunde, mein Haus und Garten, und blicke eheerprobt der Zukunft mit Hoffnung und Spannung entgegen! Wenn Sie eine gutaussehende, schlanke, intelligente und selbstbewußte Frau zwischen Jahren sind, die Lust auf eine intensive Partnerschaft und ein reiches Leben hat und sich nicht unterbuttern läßt, dann freue ich mich auf Ihren Brief mit Bild an: ZA 4370 DIE ZEIT, Hamburg

50 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Er - Sie DIE ZEIT, Nr. 17, Dipl.-Ing., Architekt, ledig, ohne Anh. u. unverbraucht, gepfl. eleg. Erscheinung, 1,84, schlank, dkl., m. vielen kultur. Interessen u. Reiseplänen, sucht - diesem Entwicklungsstand entsprechend - e. Lebensgefährtin m. musikal. Neigungen u. Familienwunsch, bis ca. Ende 30, 1,65-1,74 groß u. m. der Vorstellung, daß bei ähnl. Voraussetzungen u. persönl. Hintergrund auch e. größerer Altersunterschied Bestandteil eines glücklichen, gemeinsamen Lebens sein kann. Über Zuschr., mögl. m. Foto, freut sich ZK 4316 DIE ZEIT, Hamburg Nach einem Probedurchlauf mit fünf Heiratsanzeigen das folgende Kategoriensystem theoriegeleitet in hierarchischer Form entwickelt. Die persönliche Identität umfaßt als Unterkategorien (Subdimensionen) die Attraktivität des Suchenden, seine Interessen sowie seine Orientierungen. Bei der sozialen Identität erfolgt die Unterscheidung gemäß dem erworbenen und zugeschriebenen Status. Das folgende hierarchisches Kategoriensystem für die Kodierung der Heiratsanzeigen wurde mit dem Programm WinMax Pro erstellt, das Kuckartz entwickelt hat. Es unterstützt den Forscher bei der Entwicklung seines Kategoriensystems und der Verkodung der einzelnen Sinneinheiten oder Propositionen. Darüber hinaus können mit ihm beliebig viele Textdokumente im Rahmen eines Projektes verwaltet werden. Die verkodeten Textstellen werden dokumentenübergreifend in einer relationalen Datenbank verwaltet, so daß ein sehr schneller Zugriff auf sie und ihren Textkontext möglich ist. WinMax unterstützt ebenfalls die Quantifizierung qualitativer Inhaltsanalysen, indem es für jede inhaltlichen Kategorien des Kodiersystems ein Dummyvariable anlegt, die darüber Auskunft gibt, ob in der jeweiligen Auswertungseinheit die Kategorie zugeordnet wurde (Wert=1) oder dies nicht erfolgte (Wert=0). WinMax bietet ebenfalls die Möglichkeit, skalierende Inhaltsanalysen im Sinne der Intensitätseinschätzung durchzuführen. Auf vorgegebenen Dimensionen müssen die Kodierer hierzu jeweils ein Rating durchführen, das ebenfalls als Variable in den Datensatz übernommen wird. Für die strukturierende Inhaltsanalyse wurde folgendes hierarchische Kategoriensystem verwendet:

51 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe

52 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe Kuckartz (1995, S. 37) gliedert den Kodierungsprozeß in sieben Arbeitsschritte, wobei sein Ziel zunächst in der Identifizierung thematischer Sinneinheiten besteht. Für diese spezielle Form der strukturierenden Inhaltsanalyse sieht Kuckartz (1995, S. 44) acht Arbeitsschritte vor:

53 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe

54 Dr. Wolfgang Langer IV Methoden der empirischen Sozialforschung I SoSe WinMax Pro stellt dem Forscher vier Arbeitsfenster zur Verfügung, um die Projekttexte zu verwalten (Liste der Texte), das Kategoriensystem zu entwickeln (Liste der Codeworte), den Text zu bearbeiten (Aktueller Text) und nach Codesegmenten zu recherchieren (Liste der Codings). Der folgende Screenshot stellt lediglich das Textfenster und die Liste der Codeworte dar:

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