Globalisierung als Galton-Problem: Regionale und temporale Diffusionsschübe

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1 Globalisierung als Galton-Problem: Regionale und temporale Diffusionsschübe Detlef Jahn 1 Prolog Als ich die Grundidee hatte, Globalisierung mit den klassischen Lösungen aus der Anthropologie, die für das Galton-Problem angewendet werden, zu behandeln und dies auf unserer Tagung im Jahr 2002 zum ersten Mal vorstellte, war eine solche Perspektive ungewöhnlich und innovativ. Bis dahin lagen weltweit keine vergleichbaren Analysen in der modernen Politikwissenschaft vor. Zwischenzeitlich konnte ich das Konzept in der international renommierten Fachzeitschrift International Organization (IO) vorgestellen. Dieser Aufsatz fand in der internationalen Politikwissenschaft große Resonanz (Braun/Gilardi 2006; Armingeon 2007; Quinn/Toyoda 2007; Franzese/Hays 2007; i.e.). Heute wird von vielen Methoden entwickelnden und anwendungsorientierten amerikanischen Kollegen die Berücksichtigung von Diffusionsprozessen anhand einer S-OLS Regression empfohlen (Franzese/Hays 2004 und in diesem Band; Simmons/Elkins 2004; Beck u.a. 2006). Eine Nichtbeachtung kann zu falschen Ergebnissen führen Einleitung Globalisierung ist einer der populärsten Begriffe der Politik und Politikwissenschaft (Waters 1995; Busch/Plümper 1999; Grande 2001; Genschel 2003; Grande/Pauly 2005; Beck 2007). Dabei wird Globalisierung in den meisten Untersuchungen nicht präzise definiert und ist nicht selten mit normativen Inhalten geladen (Wiesenthal 1996; Busch 1999). Für den einen stellt Globalisierung neue Marktchancen dar, die den eher unterentwickelten Ländern die Teilhabe an modernen Technologien und sozialen Errungenschaften ermöglichen. Für andere werden nationale Identitäten zerstört und ärmere Regionen werden zu Gunsten reicher Nationen ausgebeutet. In einer ersten Annäherung an den Begriff kann Globalisierung relativ wertfrei als ein Prozess aufgefasst werden, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Impulse aus unterschiedlichen Regionen der Welt internationale Konsequenzen nach sich ziehen, auf welche die jeweils nationalen Akteure eingehen bzw. an die sie sich anpassen müssen. 1 Dieser Beitrag entstand, als ich Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst war. Die stimulierende Atmosphäre, die in dieser Einrichtung herrscht, hat sehr zum Gelingen dieses Beitrages beigetragen. Ich möchte mich beim Direktor des HWK, Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth und allen Mitarbeitern sowie Kollegenfellows bedanken. Die Arbeiten entstammen dem DFG-Forschungsprojekt Umweltbelastung als globales Problem (JA 638/7). Ich möchte mich für die großzügige Unterstützung bedanken. 2 Dieser Aufsatz stellt die überarbeitete Fassung meines Beitrages aus dem ersten Band dar. Allerdings handelt es sich dabei nicht nur um ein Update der Daten (der jetzige Aufsatz umfasst den Zeitraum von 1980 bis 2003, während der ursprüngliche Aufsatz nur bis 1997 reichte), sondern er wendet auch die neuesten Analysetechniken an und geht gezielter der Frage nach, wann Diffusionsschübe einsetzten. Somit handelt es sich ab dem letzten Drittel von Teil 5 um einen neuen Beitrag.

2 542 Detlef Jahn Globalisierung erscheint dabei facettenreich. Zum einen werden in der Wirtschaft Globalisierungstendenzen identifiziert, die sich nicht nur auf Produkte, etwa die McDonaldisierung oder Cocacolarisierung beziehen, sondern auch Handels- und Finanzströme betreffen. Multinationale Firmen sind nicht mehr von einem Land abhängig, sondern produzieren und bezahlen Steuern in jenen Ländern, die die günstigsten betriebswirtschaftlichen Voraussetzungen bieten. Der Markt der Produkte ist dabei von den Produktionsstätten geographisch entkoppelt. Globalisierung zeigt sich auch auf anderen Gebieten. Umweltprobleme tragen keinen nationalen Charakter, sondern sind grenzüberschreitend. Kulturangebote sind international, wie Hollywood und MTV zeigen. Gleiches trifft für den Sport zu, wo eine Europaliga in Form der Champions League der Bundesliga Konkurrenz macht, oder im gastronomischen Bereich, wo es nichts Besonderes mehr darstellt, Lebensmittel aus fern entlegenen Orten serviert zu bekommen. Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. Was aber bedeutet dies für die praktische Politik und die politikwissenschaftliche Analyse? Zwei miteinander verbundene Aspekte, die in der neueren Literatur zu diesem Phänomen kontrovers behandelt werden, stehen im Mittelpunkt dieses Beitrages: einmal die empirische Erfassung der Auswirkung der Globalisierung auf nationalstaatliche Politik, zum anderen weit weniger in der Literatur behandelt, wenngleich mit fundamentalen Auswirkungen auf die vergleichende Politikwissenschaft die methodologischen Konsequenzen der Globalisierung für die vergleichende Politikwissenschaft. Der erste Aspekt hat mit Kausalanalysen zu tun, die bis heute in den Sozialwissenschaften nicht eindeutig zu behandeln sind (King u.a. 1994: 76), und somit zu intensiven Debatten führen, während sich der zweite Aspekt auf methodologische Gesichtspunkte bezieht und auf die Problematik hindeutet, einzelne Nationalstaaten als Analyseeinheit zu betrachten. Wenngleich der zweite Aspekt in der Literatur geringere Aufmerksamkeit auf sich zieht, hat er doch grundlegenden Einfluss auf die vergleichende Politikwissenschaft, denn er verlangt eine alternative Vergleichslogik. Die etablierte funktionale Betrachtungsweise müsste durch eine diffusionale Analyse, deren Wesen im weiteren Verlauf dieses Beitrages ausgeführt wird, ergänzt werden. Zunächst sei darauf hingewiesen, dass Globalisierung keinen weltumspannenden Trend reflektiert, sondern auf bestimmte Regionen konzentriert ist. Vor allem OECD-Länder scheinen einem solchen Trend zu unterliegen. Um eine Analyse der Effekte der regionalisierten Globalisierung 3 der OECD-Länder auf die Staatstätigkeit durchführen zu können, konzentriere ich mich auf die Entwicklung der Sozialausgaben als wesentliche Variable der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung. Dieser Aspekt ist deshalb von politikwissenschaftlicher Relevanz, weil Wohlfahrtsstaaten das Produkt politischer Entscheidungen sind und es von großer praktischer Bedeutung ist, ob die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates von nationalstaatlichen Entscheidungen oder internationalen Trends abhängt. Um Globalisierungseffekte zu erfassen, müssen zunächst unabhängige und abhängige Variablen auseinander gehalten werden eine selbstverständliche Forderung, die allerdings in vielen Untersuchungen nicht verwirklicht wird. Im nächsten Schritt sollten adäquate Variablen untersucht werden. Ausgehend von der wissenschaftlichen Behandlung des Galton- 3 Um eine bessere Lesbarkeit des Beitrages zu erreichen, wird in diesem Aufsatz der Begriff Globalisierung benutzt, auch wenn davon auszugehen ist, dass wir es mit regional beschränkten Entwicklungen zu tun haben. Inhaltlich muss jedoch betont werden, dass die internationale Vernetzung sich auf bestimmte, im Text näher beschriebene Regionen bezieht.

3 Globalisierung als Galton-Problem 543 Problems wird an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht, dass Globalisierung als Diffusionsprozess zu behandeln und zu analysieren ist. Diffusionsprozesse entziehen sich jedoch zu einem gewissen Maße funktionalen Erklärungen und müssen eigenständig behandelt werden. Dies wird durch einen speziell für die Fragestellung entwickelten Diffusionsindex geleistet. Diffusionsprozesse können nur über Zeit identifiziert werden. Allerdings finden Zeiteffekte in den etablierten Untersuchungen nicht ausreichend Berücksichtigung. Deshalb soll in diesem Essay besonders auf Zeitperioden eingegangen werden. 2. Globalisierung und Denationalisierung: Theorie und Empirie eines Zusammenhanges Einem Anstieg von transnationalen und internationalen Interaktionen kann kaum widersprochen werden. Selbst wenn manche Autoren (Deutsch 1985: 15) davon ausgehen, dass nur die absoluten Interaktionen, nicht aber die relativen zugenommen haben, ist die Interaktionsintensität gestiegen. Insbesondere im Wirtschaftsbereich verzeichnen historische Statistiken eine Zunahme der relativen Interaktionen weltweit (Keohane/Milner 1996; Maddison 2001). Standardisiert man den Exportanteil am Bruttosozialprodukt (BSP) auf der Grundlage von 1990 US-Dollar, zeigt sich ein kontinuierliches anteilsmäßiges Wachstum des Welthandels von 1820 von unter fünf Prozent bis zum Ersten Weltkrieg auf elf Prozent. In der Zwischenkriegszeit stagnierte der internationale Handel und sank durch den Zweiten Weltkrieg auf sieben Prozent. Von 1950 bis 1973 verdoppelte sich der anteilsmäßige Welthandel von sieben auf 13 Prozent, der sich dann bis 1998 nochmals verdoppelte. Wirtschaftliche Globalisierung stellt jedoch kein globales Phänomen dar. In manchen Regionen trifft Globalisierung stärker zu als in anderen. Insbesondere die OECD-Länder haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Handelsbeziehungen erhöht. Lag deren Exportanteil am BSP bis 1950 um etwa zwei bis drei Prozent über dem Weltdurchschnitt, so vergrößerte sich die Schere zwischen den OECD-Ländern und dem Rest der Welt in der Folgezeit gravierend. Diese Tendenzen treten klar zu Tage, wenn wir uns auf die historisch standardisierten Daten von Angus Maddison (1995; 2001) beziehen. Dieser hat die wesentlichen ökonomischen Eckdaten (Bruttosozialprodukt, Exportvolumen) anhand von 1990 US- Dollar standardisiert. Seine Zeitreihe von 1820 bzw bis 1998 umfasst 36 Länder. Tabelle 1 stellt die Daten dieser Länder dar. Um die Reichweite der Globalisierung zu erfassen, bietet sich die Betrachtung eines standardisierten Streuungswertes an. Da der Grad der Standardabweichung vom Exportniveau abhängig ist, wurde dieser Wert dadurch errechnet, indem die Standardabweichung durch das arithmetische Mittel der Exportquote des jeweiligen Jahres dividiert wurde (Variationsindex V). Eine zunehmende standardisierte Standardabweichung deutet daraufhin, dass die Unterschiede der Exportraten sich vergrößert hätten, was gegen eine These der allgemeinen Globalisierung spräche, die eher von einer Konvergenz ausgehen würde (Andrews 1994; Strange 1995; als Überblick: Busch 1999: 20-21). Im Zeitverlauf wird deutlich, dass tatsächlich bis 1929 ein Trend zur Konvergenz stattgefunden hat. Allerdings waren die Unterschiede in der Exportrate der 36 Länder, für die Daten vorlagen, 1973 am größten und nahmen danach nur leicht ab. Wenngleich dieser Trend nicht eindeutig ist, so kann doch konstatiert werden, dass sich die Unterschiede bei den Exportraten nicht bedeutend verringert haben. Ähnlich verhält es sich mit der Entwick-

4 544 Detlef Jahn lung des standardisierten Bruttoinlandsprodukts pro Kopf, das sich von 1820 bis 1998 mehr als verzehnfacht hat. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts jedoch eher noch größer geworden. Auch in der Nachkriegszeit blieben sie eher stabil. Es lässt sich also kein weltweiter Trend zur Konvergenz erkennen. Tabelle 1: Exportraten ausgewählter Länder von 1820 bis 1998 LAND Argentinien, 9,43 6,75 6,12 2,43 2,08 4,82 7,01 Australien, 7,05 12,31 11,16 8,79 10,95 16,20 18,13 Bangladesch,,,, 1,15 1,24 2,78 4,08 Belgien 2,03 9,00 22,62 19,74 17,34 52,11 68,89 88,53 Brasilien, 12,23 9,84 7,12 3,91 2,49 4,90 5,38 Burma/,,,, 3,49 1,28 1,78 2,22 Myanmar Chile,, 7,58 9,25 5,01 4,03 10,85 12,63 China,,74 1,74 1,65 2,64 1,58 3,47 4,91 Dänemark, 8,30 12,80 15,75 12,07 23,66 40,56 41,87 Deutschland, 9,47 16,10 19,93 4,97 20,55 30,13 38,86 Finnland, 15,51 25,00 28,54 18,69 30,24 34,54 51,57 Frankreich 1,27 4,87 7,82 8,63 7,64 15,23 22,45 28,66 Großbrit. 3,10 12,22 17,52 13,33 11,31 14,01 20,90 25,01 Indien, 2,57 4,64 4,48 2,47 1,96 1,73 2,41 Indonesien,,91 2,19 3,61 3,40 5,14 7,25 8,96 Italien 1,50 4,28 4,84 4,63 3,54 12,48 18,83 26,14 Japan,,20 2,35 3,52 2,20 7,65 12,30 13,40 Kanada, 11,30 11,58 15,79 12,31 19,29 27,02 39,01 Kolumbien,, 4,16 6,89 4,46 3,26 4,82 5,42 Korea,,00 1,19 8,28,70 8,16 18,10 36,25 Mexiko, 3,89 9,12 14,79 2,97 1,88 5,46 10,71 Niederlande, 17,35 17,35 17,16 12,22 40,69* 52,67 61,23 Norwegen, 8,97 13,96 16,16 12,90 26,24 46,99 55,45 Österreich 1,15 5,55 8,63 7,04 5,24 16,31 33,48 45,52 Pakistan,,,, 2,84 2,40 3,84 3,43 Peru,, 9,09 13,32 6,79 7,62 5,35 6,48 Philippinen,, 1,80 3,36 3,08 3,16 6,64 12,89 Schweden, 10,29 15,34 17,62 15,58 31,36 38,46 62,49 Schweiz 6,28 18,87 34,79 23,00 15,26 33,24 44,18 51,77 Spanien 1,06 3,81 8,09 4,96 3,02 5,03 13,45 23,50 Taiwan,, 2,70 5,25 2,44 9,07 35,71 30,78 Thailand, 2,16 6,83 6,64 7,01 4,08 10,28 13,09 UdSSR/,, 2,87 1,43 1,27 3,83 2,56 10,59 Russland USA 2,00 2,54 3,71 3,60 2,96 4,94 7,54 10,08 Venezuela,, 43,32 23,22 26,01 18,82 9,71 14,39 N Fehlende Werte Mittelwert 2,2982 7, , ,8115 7, , , ,9387 Variations-index 1,7405 5,3720 9,6637 7,1766 6, , , ,5384 Quelle: Maddison (1995) verschiedene Tabellen für Exportdaten von 1929 und 1992; restliche Zahlen aus Maddison (2001), verschiedene Tabellen. * Exportrate für die Niederlande bezieht sich auf 1972.

5 Globalisierung als Galton-Problem 545 Im nächsten Schritt möchte ich die OECD-Länder aus der Gruppe der 36 bisher betrachteten Länder herausgreifen. Denn oftmals wird behauptet, dass die Globalisierung nicht tatsächlich global ist, sondern sich vielmehr auf einige Länder beschränkt. Insbesondere die OECD- und auch die EU-Länder, auf die ich im nächsten Schritt eingehen möchte, hätten ihre Handelsbeziehungen intensiviert und unterlägen einem Konvergierungsprozess. Keohane und Milner (1996: 12) stellen in ihrer Untersuchung keine wesentliche Zunahme von wirtschaftlicher Interaktion zwischen den OECD-Ländern von 1913 bis 1987 fest. Der Anteil des Exportvolumens zum Bruttosozialprodukt hätte sich, gemessenen in jeweiligen Preisen, nicht dramatisch gewandelt lag der betreffende Anteil nach diesen Angaben bei 21,2 Prozent, 1950 bei 15,1 und erreichte 1973 wieder das Niveau von Erst 1987, dem letzten von Keohane und Milner berichteten Datenpunkt, stieg die durchschnittliche Exportrate auf 24,1 Prozent. Betrachten wir jedoch die inflationsbereinigten Daten von Maddison, so zeigt sich sehr wohl ein rasanter Anstieg des Exports unter den OECD-Ländern. Hiernach stieg die Exportrate bis 1929 auf 13,6 Prozent, knickte dann ein und erreichte 1950 knapp zehn Prozent. Die Nachkriegszeit war dann durch eine rasante Integration der OECD-Wirtschaften gekennzeichnet verdoppelte sich die Exportrate auf 21 Prozent, sie verdoppelte sich nochmals in der Zeitspanne von 1973 bis 1998 auf etwa 40 Prozent. Die rasanteste Ausdehnung des Intra-OECD-Handels vollzog sich zwischen 1950 und 1973 und schwächte sich dann ab, um in den 1990er Jahren wieder anzusteigen. Dieser deskriptive Tatbestand einer wachsenden internationalen Interaktion setzt sich auch in anderen Bereichen fort: There was a huge increase in international travel, communication and other service transactions. These improved the international division of labour, facilitated the diffusion of ideas and technology, and transmitted high levels of demand from the advanced capitalist group to other areas of the world (Maddison 2001: 125). In großen Teilen Asiens und Lateinamerikas vollzog sich die Entwicklung der internationalen Vernetzung weitaus langsamer als zwischen den OECD-Ländern. In Afrika fiel der Exportanteil von 1913 bis 1998 kontinuierlich, mit Ausnahme der Phase zwischen 1950 und Diese Informationen belegen im Gegensatz zu Keohane und Milner eine Globalisierungstendenz. Führte diese jedoch auch zur Konvergenz? Einige Indikatoren deuten darauf hin: Die Exportraten der OECD-Länder glichen sich von 1973 bis 1998 an. Ein noch deutlicherer Konvergierungsprozess fand bezüglich des Bruttoinlandsproduktes (BSP) pro Kopf statt. Noch ausgeprägter sind die Globalisierungstendenzen (Anstieg der Exportrate und Konvergenz der Exportrate und des BSP pro Kopf) unter den EU-Ländern. Die Indices sprechen eine deutliche Sprache: Im Gegensatz zu den Volkswirtschaften weltweit sind die Volkswirtschaften der OECD-Länder, und noch ausgeprägter der EU-Länder, im Zeitverlauf stärker integriert und neigen deutlich zur Konvergenz. Abbildung 1 fasst die Tendenz anschaulich zusammen. Was bedeutet nun diese partielle Globalisierung? Zur näheren Betrachtung dieses Aspektes konzentriere ich mich auf die OECD-Länder. Die wesentliche Kausalprämisse der Globalisierungsforschung besteht darin, dass zunehmende internationale Handlungszusammenhänge die Möglichkeit der politischen Steuerung von Einzelstaaten untergraben sollen: Das Problem, das internationale Interdependenz in erster Linie für Regierungen hervorruft, ist nicht, dass es direkt deren formale Souveränität oder Autonomie bedroht, sondern dass es ihre Effektivität in Frage stellt (Keohane 1991: 5; zitiert nach Zürn 1998: 39).

6 546 Detlef Jahn Abbildung 1: Exportraten in verschiedenen Regionen von 1820 bis ,00 45,00 40,00 35,00 30,00 OECD Non-OECD EU 25,00 20,00 15,00 10,00 5,00 0, Quelle: Maddison 1995; 2001 (siehe Tabelle 1). Zur Erfassung und empirischen Analyse dieses Phänomens schlägt Zürn (1998) den Begriff der Denationalisierung vor, den er definiert... als die Verschiebung der Grenzen von verdichteten sozialen Handlungszusammenhängen über die Grenzen von nationalen Gesellschaften hinaus, ohne gleich global sein zu müssen (Zürn 1998: 73; kursiv im Original). Im Sinne einer Operationalisierungsregel gilt Denationalisierung als... die relative Zunahme der Intensität und der Reichweite grenzüberschreitender Austausch- oder Produktionsprozesse in den Sachbereichen Wirtschaft, Umwelt, Gewalt, Mobilität sowie Kommunikation und Kultur. Gesellschaftliche Denationalisierung ist damit eine Variable, die je nach betrachtetem Sachbereich und je nach betrachtetem Land unterschiedliche Werte annehmen kann (Zürn 1998: 76; kursiv im Original). Die Auffassungen über die Reichweite der Denationalisierung bzw. Globalisierung gehen weit auseinander. Stephen Krasner (1995) bestreitet die fundamentalen Einflüsse von Globalisierung, die zu einem Verlust der nationalstaatlichen Handlungsfähigkeit führen könnten und Peter Evens stellt fest: States are not generic. They vary dramatically in their internal structures and relations to society. Different kinds of state structures create different capacities for state action (Evens 1995: 11). Und Joel Migdal (1997: 209) konstatiert in seiner Übersicht über die Rolle des Staates in Untersuchungen der vergleichenden Politikwissenschaft:... states should remain centerpieces in the study of comparative politics well into the twenty-first century. Dagegen liefert Zürn (1998) empirische Belege, dass von einer Denationalisierung gesprochen werden kann: Zugespitzt formuliert beschleunigt sich gesellschaftliche Denationalisierung punktuell ab den sechziger Jahren, breitet sich in den siebziger Jahren in umfassender Weise aus,

7 Globalisierung als Galton-Problem 547 aber erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ergibt sich ein echter Schub in der gesellschaftlichen Denationalisierung (Zürn 1998: 93). 4 Länderspezifisch ist die Denationalisierung besonders ausgeprägt in Deutschland, Großbritannien und Frankreich, durchschnittlich in den beiden nordamerikanischen Staaten und unterdurchschnittlich in Japan und Italien. Die bisher vorgestellten Daten belegen, dass die internationale Interaktion zunimmt. Aber bedeutet dies auch, dass Nationalstaaten in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden? Und wie könnte man eine solche Funktion der partiellen Globalisierung empirisch erfassen? In der Wirtschaftswissenschaft ist der wichtigste Indikator für die Erfassung von integrierten Volkswirtschaften das Gesetz des einheitlichen Preises (law of one price): If identical goods and services in different economies have the same or nearly equal prices, the economists consider these economies to be closely integrated with each other (Gilpin 2001: 365). Wenn diese Konvergenzhypothese global auf den Exportanteil der Länder von 1870 bis 1998 übertragen wird, findet sich dafür keine Bestätigung. Die Standardabweichung vergrößerte sich mit steigendem Exportanteil, was darauf hindeutet, dass sich die Volkswirtschaften hinsichtlich ihres Exportanteils zunehmend unterscheiden und nicht angleichen. Allerdings unterstellt das Gesetz des einheitlichen Preises keine globale, sondern eine partielle Angleichung: Bestimmte Volkswirtschaften passen sich aneinander an. Dieser Aspekt wird weiter unten auch als Ausgangspunkt der Erfassung von Diffusionsprozessen benutzt. Die zweite Hypothese formuliert, dass Nationalstaaten an Einfluss verlieren, über eigene Angelegenheiten zu entscheiden, und somit der Nationalstaat als grundlegende Analyseeinheit obsolet wird. Dieses Problem soll zunächst methodologisch und dann nochmals empirisch, bezogen auf die sozialstaatliche Entwicklung, geprüft werden. 3. Globalisierung und das Galton-Problem Der Begriff der Denationalisierung bezeichnet eine Funktion von Globalisierung oder internationaler Interdependenz. Durch die zunehmenden internationalen Interaktionen in Form von wirtschaftlichem Handel, Finanzströmen, internationalen Abkommen und politischen Regimen verliert der einzelne Nationalstaat an Möglichkeiten, die Geschicke des Landes zu beeinflussen. Keohane nannte dies in dem obigen Zitat eine Infragestellung der nationalstaatlichen Effektivität. Diese Kausalfolge hat für Michael Zürn (1998: 68; 2001: 186) noch eine weitere methodologische Konsequenz: das Ende des methodologischen Nationalismus. Er verbindet mit diesem Konzept eine Frontalkritik an der vergleichenden Politikwissenschaft bzw. Regierungslehre: Die Vergleichende Regierungslehre hingegen thematisiert zwar die Varianz zwischen Staaten und realisiert damit das analytische Postu- 4 Diese Schlussfolgerung beruht auf detaillierten univariaten Darstellungen von Informationen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und den USA (G7-Länder) im Bereich Sicherheit: Atomwaffenforschung und -besitz von 1942 bis 1995; im Bereich Kommunikation: internationale Telefongespräche ( ), Import von Büchern und Broschüren ( ), Anteil einheimischer Filmproduktionen ( ); im Bereich Mobilität: Auslandsreisen ( ), Asylanträge ( ), Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ( ); im Bereich Umwelt: SO 2-Emissionen ( ), grenzüberschreitende Luftverschmutzung ( ), Klimaveränderung ( ); im Bereich Wirtschaft: Außenhandelsquoten ( ), Direktinvestitionen von Inländern im Ausland ( ) und Entwicklung des Eurogeldmarktes ( ) (vgl. Beisheim u.a. 1998). Diese Daten werden durch Informationen in den Bereichen soziale Wohlfahrt, Umweltpolitik und demokratische Entwicklung ergänzt.

8 548 Detlef Jahn lat, dass externe Zwänge erst durch interne Verarbeitungsmechanismen real wirksam werden. Dabei übersieht sie allerdings, dass die beobachtbare Varianz sich nur innerhalb eines strukturell vorgegebenen Korridors bewegt. Dieser Korridor gerät aber systematisch aus dem Blick, wenn die Erklärung von Varianz zum Kern der Teildisziplin erhoben wird. Aus dem Fortbestand sozialpolitischer Differenzen kann nämlich kaum auf die Abwesenheit extern auferlegter Restriktionen oder anderer Gemeinsamkeiten geschlossen werden (Zürn 2001: 185). 5 Allerdings erscheint mir der Begriff methodologischer Nationalismus etwas unglücklich gewählt. Denn Nationalismus hat hier wenig mit einer politischen Programmatik oder Ideologie zu tun, sondern bedeutet lediglich die Orientierung an Staaten oder Ländern als Analyseeinheit in einer vergleichenden Forschung. Es könnte weniger spektakulär das Ende der ländervergleichenden Komparatistik genannt werden. Was bedeutet nun dieses Phänomen, wenn es überhaupt zutreffen sollte, aus methodologischer Sicht? Die Betrachtung, die hinter dem Konzept der Denationalisierung steht, hinterfragt den funktionalen Einfluss von Einzeleinheiten (hier Länder) auf politische, soziale und wirtschaftliche Aspekte. Stattdessen wird vermutet, dass internationale Einflüsse wachsende Bedeutung für die Einzeleinheiten besitzen. Dieser Einfluss von Prozessen, die nicht den Einzeleinheiten zugerechnet werden können, betrachtet man landläufig als Diffusionsprozesse. Die Hinterfragung von funktionalen Einflüssen auf Einzeleinheiten ist jedoch so alt wie die vergleichende Studie von Einzeleinheiten selbst und wird methodologisch als das Galton-Problem bezeichnet hielt Edward Tylor einen Vortrag über den Einfluss von Heiratsgesetzen auf Abstammungsmuster. Diese Studie stand in der Tradition der damals neuen inter-kulturellen Analyse mit statistischen Verfahren. Der Glaube an diese neue funktionalistische Betrachtungsweise wurde durch die Intervention von Sir Francis Galton nachhaltig erschüttert, der Folgendes zu bedenken gab: It might be that some of the tribes had derived them [the traits being studied; D.J.] from a common source, so that they were duplicate copies of the same original (Tylor 1889: 272). Dies bedeutet, dass nicht funktionale Elemente der einzelnen Untersuchungseinheiten für die Erklärung von Variation in den zu erklärenden Phänomenen verantwortlich sind, sondern vielmehr Einflüsse, die jenseits der Einzelelemente zu suchen sind und sich in Form von Diffusion auf die zu erklärende Variable bemerkbar machen. Schon damals beeinflusste dieser Befund die interkulturelle Sozialforschung. Lange Zeit gab es kaum noch vergleichende Studien über viele Kulturen hinweg und die Anthropologie konzentrierte sich zumeist auf (vergleichende) Fallstudien. Auch heute noch stellt das Galton-Problem eine besondere Herausforderung für die vergleichende Sozialforschung dar. Adam Przeworski (1987) sieht in der kleinen Fallzahl und dem Galton-Problem zusammengenommen die größte Gefahr für die vergleichende Forschung, in der sich die Anzahl der unabhängigen Untersuchungseinheiten auf ein N von 1 zubewegt. Er stellt in diesem Zusammenhang fest: The one area in which the development of methods has lagged drastically behind the practical needs is in the analysis of effects of 5 Offen bleibt in Zürns Analyse allerdings, wie dieser Korridor empirisch erfasst werden kann. In dieser Hinsicht ist die vergleichende Regierungslehre viel präziser als Zürns anekdotenhafte Schlussfolgerungen. So ist es unter Anwendung der vergleichenden Methode durchaus möglich anhand von empirischen Fällen Möglichkeitsräume zu erfassen (Ragin 1987: ; 2000; Esping-Andersen/Przeworski 2001). Der vorliegende Aufsatz geht zwar nicht auf den Möglichkeitsraum ein, erfasst jedoch den Grad des internationalen Handlungsdrucks auf nationalstaatliche Poltik.

9 Globalisierung als Galton-Problem 549 interdependence. Indeed, inadequate methodological attention to interdependence is the most damaging weakness of cross-national studies (Przeworski 1987: 42). Betrachten wir das Verhältnis von funktionalen Erklärungen und Erklärungen durch Diffusion methodologisch, so ergeben sich unterschiedliche Analyseperspektiven. Die funktionale Perspektive ist in den Sozialwissenschaften die gebräuchlichste. Aus den Eigenschaften eines sozialen Phänomens wird funktional auf dessen Einfluss auf ein anderes soziales Phänomen geschlossen. Die Beziehung wird anhand der Korrelation zwischen Variablen gemessen. Beispielsweise steigt mit zunehmender Bildung (gemessen an Ausbildungsjahren) das Gehalt (gemessen am Monatseinkommen). Man kann also von der Bildung auf das Gehalt schließen. Ähnlich verhält es sich mit ländervergleichenden Studien. Über die Sozialstruktur oder politische Kräfteverhältnisse etc. kann auf wirtschaftliche und andere Faktoren funktional geschlossen werden. Unter dieser Perspektive wurden in den 1980er und 1990er Jahren die Matter-Analysen durchgeführt. So wurde etwa gefragt, ob unterschiedliche Regierungsprogrammatiken (Castles 1982; Schmidt 1996) oder unterschiedliche Institutionen (March/Olsen 1989; Weaver/Rockman 1993) einen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik besitzen. Nun ist es in den Sozialwissenschaften unwahrscheinlich, davon auszugehen, dass soziale Einheiten vollkommen unabhängig voneinander sind. Länder und Kulturen sind in sozialem Kontakt und beobachten sich gegenseitig. Deshalb sind rein funktionale Betrachtungsweisen gerade in der ländervergleichenden Forschung unzutreffend. Ein gewisser Grad an Diffusion liegt also bei den meisten Studien vor. Prinzipiell unterminiert Diffusion funktionale Erklärungen, die auf verschiedenen Eigenschaften von Analyseeinheiten aufbauen. Vielmehr wird bei Diffusion davon ausgegangen, dass nicht Intra-System-Prozesse, sondern Inter-System-Prozesse eine Rolle spielen. Das Verhältnis zwischen Intra- und Inter-System-Prozessen stellt sich für verschiedene Untersuchungsgegenstände unterschiedlich dar. Autoren, die die Denationalisierung betonen, vertreten dabei den Standpunkt, dass Inter-System-Prozesse wichtiger geworden sind und heute so bedeutsam sind, dass sie Intra-System-Prozesse überdecken. Analytisch unterscheidet Raoul Naroll (1973: ) je nach Stärke des Diffusionseffekts zwischen Übernahme (borrowing) und Semi-Diffusion. Von Übernahme spricht er, wenn Eigenschaften oder Verhaltensweisen sich durch Kontakt ausbreiten, ohne dabei funktional mit anderen Eigenschaften der aussendenden Gesellschaft in Verbindung zu stehen. Semi-Diffusion besteht dann, wenn Eigenschaften oder Verhaltensweisen durch Kontakt auf Gesellschaften übertragen werden, die eine empfängliche funktionale Basis besitzen. So besteht die Auffassung, dass Demokratie nur auf Gesellschaften übertragen werden kann, die gewisse Eigenschaften (gebildete Bevölkerung, bestimmtes Maß an Reichtum, bestimmte politische Institutionen) besitzen (Lipset 1959). Wenn also Semi-Diffusion besteht, muss neben der diffusionalen Erklärung auch eine funktionale Analyse berücksichtigt werden. Globalisierung stellt in diesem Zusammenhang einen Prozess von Semi-Diffusion dar. Es existieren allgemeine Prozesse, die unterschiedlichen Einfluss auf nationalstaatliche Politik besitzen. Hätten wir es mit einer Übernahme von Eigenschaften und Verhaltensweisen zu tun, wäre die Korrelation zwischen den Eigenschaften in den verschiedenen Einheiten (Länder) sehr hoch. Dies ist aber in der Forschung zur Globalisierung und Denationalisierung nicht der Fall: Es wird wiederum deutlich, daß die Denationalisierung eine differenzierte Erscheinung ist, die weder uniform und universell auftritt noch uniform und universell wirkt (Zürn 1998: 150). Es bleibt also ein gewisser Spielraum, der durch nationals-

10 550 Detlef Jahn taatliche Eigenschaften zu erklären ist. Allerdings könnte man bei dieser Sachlage hinterfragen, ob Denationalisierung brauchbar operationalisiert wurde, wenn wir weder die Ausprägung der Variable noch deren Einfluss eindeutig erfassen können. Eine solche Analyse trägt tautologische Züge. Welche Lösungen bieten sich für das Galton-Problem an? Michael Zürns Szenario vom Ende des methodologischen Nationalismus trifft wohl nur auf die Variante zu, dass wir von Übernahmen ausgehen. Für diese Schlussfolgerung existiert jedoch keinerlei Indiz. Alle empirischen Studien attestieren dem Nationalstaat noch einen Einfluss (als Überblick siehe: Schulze/Ursprung 1999), und selbst Zürns zitierte Schlussfolgerung kann nur so interpretiert werden, dass der Nationalstaat auch weiterhin Einfluss auf seine nationalstaatliche Politik besitzt, indem er Denationalisierungsprozesse filtert. Ein weiteres Problem des Konzepts Denationalisierung besteht in der Endogenität. Endogenität bedeutet, dass die zu erklärende Variable (Explanandum) nicht unabhängig von der erklärenden Variable ist (Explanans) (King u.a. 1994: ; Esping- Andersen/Przeworski 2001: 12653/54; Franzese 2007: 61-67). Betrachten wir Denationalisierung als zu erklärende (abhängige) Variable als... die relative Zunahme der Intensität und der Reichweite grenzüberschreitender Austausch- oder Produktionsprozesse in den Sachbereichen Wirtschaft, Umwelt, Gewalt, Mobilität sowie Kommunikation und Kultur (Zürn 1998: 76; im Original kursiv), so können wir die gleichen Faktoren nicht zur (unabhängige Variablen) Erklärung benutzen. Es sollte also stärker zwischen Ursache und Effekt unterschieden werden. Im vorliegenden Fall stellt Denationalisierung als Konzept verschiedene Aspekte eines Trends dar, der eine Auswirkung auf den Handlungsspielraum von Nationalstaaten hat. Der Begriff Denationalisierung impliziert damit schon den Effekt. Eine Trennung beider Aspekte, d.h. der Trends (unabhängige Variablen) und der Effekte (abnehmende Handlungsspielräume für Nationalstaaten) ist eine Grundvoraussetzung für eine empirisch überprüfbare Hypothese. Gemessen werden können diese Prozesse anhand der Intensität und Reichweite, wenngleich diese Begriffe noch sehr abstrakt sind und nicht ohne Umstände operationalisiert werden können. Die abhängige Variable wäre dann die Wirkung dieser Trends, die sich durch eine Angleichung von Problemlagen auf unterschiedlichen Gebieten in den einzelnen Staaten (Konvergenz) erfassen ließen. Methodisch wäre die abhängige Variable über den Vergleich von Nationalstaaten zu erfassen und die unabhängige Variable müsste in internationalen Interaktionen bestehen. Die meisten einschlägigen Untersuchungen messen beide Variablen (funktional) auf der nationalstaatlichen Ebene, so wird die Handelsquote eines Landes mit sozialstaatlicher Tätigkeit korreliert. Nur wenige Untersuchungen durchbrechen zum Teil diese Logik, indem sie internationale Ähnlichkeiten einer internationalen Bedingungsvariable anhand von Dummy-Variablen betrachten, zum Beispiel die EU-Mitgliedschaft, oder indem die Länder innerhalb von Länderfamilien untersucht werden, in deren Rahmen vermehrt Diffusion stattfindet (Castles 1993; Castles 1998). Andere Studien erfassen Diffusion, indem sie Regionen betrachten und die Charakteristika der Regionen (zum Beispiel die Anzahl der Demokratien in Europa, Lateinamerika, Asien etc.) als unabhängige Variable zur Erklärung bestimmter Phänomene (zum Beispiel Grad der Demokratie) benutzen (Li/Rafael 2003).

11 Globalisierung als Galton-Problem Lösungen des Galton-Problems in der vergleichenden Politikwissenschaft Die Frage nach der statistischen Konsequenz von nicht unabhängigen Fällen für vergleichende Untersuchungen wird in der Literatur unterschiedlich beantwortet (Ember/Ember 2001: 89-91). Einerseits wird die Meinung vertreten, dass sich hieraus gar kein Problem ergibt, solange die Fälle zufällig ausgewählt werden (Ember 1971). Andere (Loftin 1972; 1975; Erikson 1974) bezweifeln diese Position und manche (Frankel 1975; Barnes 1975) machen darauf aufmerksam, dass ländervergleichende, und wahrscheinlich viele weitere vergleichende Analysen, unsinnig sind, weil es in der Natur der Sache (Länder) liegt, dass diese einzigartig und nicht vergleichbar sind. Wiederum andere (Lijphart 1975: ) schlagen nicht die statistische zufallsgeleitete Methode vor, sondern die gezielte Auswahl von Fällen. Dabei wird gerade der Umstand, dass Fälle wohl aufgrund von Diffusionsprozessen ähnlich sind, als Hilfsmittel benutzt, um die Variablenzahl (jene die gleich oder ähnlich sind) zu reduzieren. Das most similar systems design entspricht dieser Logik. Die meisten Studien ignorieren das Problem der Diffusion und behandeln lediglich funktionale Zusammenhänge. Manche erkennen die Problematik an und fordern: In macro-cross-national research, we must separate the variables that are the product of historical interaction of political systems from those that might be hypothized as the internal conditions producing a given system attribute (Gillespie 1971: 24). Auch andere erkennen das Problem ohne Lösungen anzubieten (Przeworski/Teune 1970: 51-53; Elder 1973). Die häufig vorgeschlagene Lösung besteht darin, dass man nicht Fälle untersuchen soll, die miteinander im Kontakt stehen. 6 In der Anthropologie hat in diesem Zusammenhang George Murdock (1957; 1981; siehe auch Ember/Ember 2001: 76-85) die Kulturen in sechs Regionen eingeteilt, die relativ wenig Kontakt miteinander besitzen. Er schlägt vor, dass man möglichst Länder aus diesen Regionen in die Untersuchung aufnehmen soll. Für die vergleichende politikwissenschaftliche Untersuchung ist dieses Vorgehen jedoch kaum möglich, wenngleich das most different systems design (Przeworski/Teune 1970) einer solchen Logik folgt. Die meisten Studien der vergleichenden Politikwissenschaft wenden jedoch das most similar systems design an, welches gerade auf der Ähnlichkeit der Fälle (comparable cases) aufbaut (Lijphart 1971; 1975). Diese Ähnlichkeit ist jedoch durch historische Diffusionsprozesse entstanden. Von daher trifft Michael Zürns an die vergleichende Politikwissenschaft gerichteter Vorwurf vornehmlich das most similar systems design. Da dieses Design in der vergleichenden Politikwissenschaft sehr prominent ist, sollten sich die Lösungsvorschläge hierauf beziehen. Stein Rokkan (1970: 668) geht bei seinen Reflexionen über Diffusionsprozesse einen Schritt weiter als die meisten bisher genannten Studien, indem er eine konzeptionelle Lösung anbietet: Er sieht eine Lösung des Galton-Problems, wenn die vergleichende Forschung... build the communication-diffusion-innovation variables directly into their mo- 6 Die Forschung zum Galton-Problem wurde vornehmlich in der Anthropologie betrieben. Hier haben vor allem Raoul Naroll und Mitarbeiter wesentlich zur Aufklärung dieses Problems beigetragen (Naroll 1961; 1964; 1973; Naroll and D Andrade 1963; Naroll u.a. 1974). Insgesamt sind neun Lösungsvorschläge angeboten worden, die hauptsächlich auf der Auswahl von Fällen beruhen, die die Minimierung der Übernahme und Diffusion garantieren. Insbesondere spielt dabei die geographische Nähe der Fälle eine große Rolle, so dass viele Strategien darauf beruhen, separierte geographische Regionen zu identifizieren. Diese Lösungen lassen sich jedoch für den Vergleich im Sinne des most similar systems design nicht anwenden.

12 552 Detlef Jahn dels and to focus their comparative analysis on units developed through the merger of smaller societies of the type studied by anthropologies. Abgesehen von diesen speziellen Fällen hat sich die Behandlung von Diffusionsproblemen durch die Aufnahme von speziellen Variablen etabliert. So nahm Putnam (1967) in seine Untersuchung über Staatsstreiche den Umfang militärischer Ausbildungsprogramme in den Nachbarländern als Variable auf. Eine Strukturierung der Lösungsvorschläge zum Galton-Problem kann in drei Kategorien eingeteilt werden: zum einen die drop-cases-strategie, des Weiteren die samplesolution-technik und drittens verschiedene Formen der additional-variable-strategie. Bei der ersten Strategie werden, mit Ausnahme eines Falles, die Fälle, die eine starke Diffusion erwarten lassen, nicht in die Untersuchung aufgenommen. Besteht beispielsweise zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich ein starker Austausch, so wird nur ein Land aus dieser Gruppe untersucht. Der enge Austausch von Ländern in der heutigen Zeit lässt diese Strategie für die meisten Untersuchungen des Ländervergleichs als unrealistisch erscheinen. Ähnliches gilt für die sample-solution-technik, die in der Anthropologie von Naroll und Mitarbeitern vorgeschlagen wurde. Im Wesentlichen geht es bei diesen Strategien um die Auswahl möglichst unabhängiger Fälle. Da in der Anthropologie der geographischen Nähe eine besondere Rolle für Übernahme- und Diffusionsprozesse zukommt, basieren viele Strategien darauf, möglichst unabhängige Regionen zu identifizieren, aus denen dann jeweils ein Fall in die Untersuchung aufgenommen wird. Die Logik dieser Strategien besteht darin, die funktionalen Elemente von den diffusionalen zu isolieren, um funktionale Erklärungen zu liefern. Die damit verbundene Aufgabe der Untersuchung von Diffusionseffekten ist aber für eine Untersuchung des Einflusses der Globalisierungstendenzen nicht dienlich. Die sample solution findet in der Politikwissenschaft am häufigsten Verwendung in Form des most different systems designs. Allerdings lässt sich kaum die Frage beantworten, wie unterschiedlich die most different systems sein müssen, um gesicherte Ergebnisse zu erhalten. Adam Przeworski und Henry Teune (1970: 39) geben an, dass eine Untersuchung von Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark wahrscheinlich nicht als most different systems design bezeichnet werden kann, wohl aber eine Untersuchung der USA, Indiens, Chiles und Japans. Wenngleich dieses Argument intuitiv plausibel erscheint, fehlen jedoch analytische Maßstäbe, die eine sichere Bestimmung von most different systems erlauben. Einen ähnlichen Ansatz, der stärker auf John Stuart Mills (1872) Konkordanz- und indirekter Differenzmethode aufbaut, 7 wählte Theda Skocpol (1979), indem sie für die Erklärung von sozialen Revolutionen Ähnlichkeiten in möglichst unterschiedlichen Systemen suchte. Ihr Vergleich zwischen der französischen, russischen und chinesischen Revolution von 1787, 1917 und 1911 ist jedoch nicht frei von Diffusionsprozessen. Skocpol (1979: 19-24) selbst führt aus, dass welthistorische (globale) Ereignisse (industrielle Revolution etc.) sowie direkte Lernprozesse von den Erfahrungen einer Revolution auf die andere bestehen:... the Chinese Communists became conscious emulators of the Bolsheviks and received, for a time, direct advice and aid from the Russian revolutionary regime (Skocpol 1979: 23-24). Auch die französische Revolution dürfte den Akteuren in Russland und China nicht fremd gewesen sein und die Akteure der russischen Revolution von 1917 zogen ihre Kon- 7 In der vergleichenden Politikwissenschaft herrscht große Verwirrung, was das most different systems design darstellt. Manche setzen es mit Mills Differenzmethode gleich, was aber nicht im Sinne von Przeworski und Teune ist, die diesen Begriff in die sozialwissenschaftliche Forschung eingebracht haben (siehe Jahn 2005).

13 Globalisierung als Galton-Problem 553 sequenzen aus der erfolglosen Revolution von Diese Beispiele belegen, dass es fast unmöglich ist, relevante politikwissenschaftliche Fragestellungen frei von Diffusionsprozessen zu analysieren. Damit bleiben jene Strategien der Behandlung des Galton-Problems übrig, die sich auf die explizite Aufnahme von Variablen beziehen, die Diffusionsprozesse erfassen. Der Vorteil dieser Strategien besteht in der kombinierten Analyse von sowohl funktionalen als auch diffusionalen Erklärungen. Anders als in den sample solutions, die bemüht sind, Diffusionsaspekte von der Untersuchung zu eliminieren, versuchen additional-variable-strategien den Grad der Diffusion zu erfassen. Dabei sind die zu berücksichtigenden Variablen von der spezifischen Untersuchung, wie anhand der oben genannten Beispiele deutlich wurde, abhängig. Für die Erfassung von Globalisierungseffekten müssten solche Variablen berücksichtigt werden, die ökonomische, soziale, kulturelle etc. Diffusion erfassen können. Die Aufnahme zusätzlicher Variablen kann unterschiedliche Formen annehmen. Einmal kann eine Variable in die Untersuchung aufgenommen werden, die Diffusion erfasst. Diese Variable wird dann wie jede andere Variable hinsichtlich ihrer Signifikanz für die Erklärung der abhängigen Variablen untersucht. Eine zuverlässigere Form dieses Vorgehens besteht in einer Analyse zu mehreren Zeitpunkten, zum Beispiel einmal bevor man von den Diffusionseffekten ausgehen kann und einmal unter dem vermuteten Einfluss der Diffusion. Diese Art der Analyse wird noch weiter verfeinert, wenn gepoolte Querschnittszeitreihenanalysen durchgeführt werden. In den gegenwärtigen Aggregatdatenanalysen werden Export- und Importquote, Kapitalströme, Auslandsinvestitionen, Zinsraten etc. hierfür benutzt (Garrett 1998; Boix 1998; Huber/Stephens 2001; Swank 2002; Simmons et al. 2006), oder es wird die Mitgliedschaft internationaler Organisationen, etwa die EU-Mitgliedschaft, anhand von Dummy-Variablen erfasst (Castles 1998). Schließlich können Eigenschaften von Regionen als unabhängige Variablen betrachten werden (Li/Rafael 2003). Eine weitere Art, den Effekt von Diffusion zu bestimmen, besteht in der Identifizierung der wesentlichen Diffusionsflüsse und der anschließenden Messung deren Einflusses. Dies kann zum Beispiel durch die Identifikation wesentlicher Zusammenhänge von Fällen geschehen. Aufbauend auf Narolls Lösungsvorschlägen der verbundenen Fallpaare analysieren Marc Howard Ross und Elizabeth Homer (1976) die Nähe afrikanischer Länder in spezifischen Bereichen. Hierzu muss für jedes Land der einflussreichste Partner gefunden werden. Dies erreichen Ross und Homer (1976: 11-13), indem sie (a) die Länder mit den längsten gemeinsamen Grenzen, (b) mit der längsten Grenze plus gleicher Sprache und (c) dem größten Handelsaustausch identifizieren. Um den Effekt der Diffusion zu erfassen, wird der Wert der abhängigen Variable mit dem Wert der gleichen Variable des verbundenen Falles korreliert. Ergeben sich signifikante Ergebnisse, kann man von einem Diffusionseffekt ausgehen (siehe auch Putnam 1967). Im nächsten Schritt werden die einfache und second-order-korrelation der signifikanten funktionalen Variablen betrachtet und geprüft, ob diese signifikant bleiben, wenn die Diffusionsvariable mitberücksichtigt wird. Wenn dies nicht der Fall ist, kann davon ausgegangen werden, dass die Diffusionseffekte die funktionalen Einflüsse dominieren. Diese Art der Analyse kann noch verfeinert werden, indem man diese Variablen in ein Regressionsmodell aufnimmt (Klingman 1980). Die Erfassung von Diffusion anhand eines Regressionsmodells hat mehrere Vorteile. Zunächst einmal können Hypothesen bezüglich des Grades des Einflusses der Diffusion empirisch geprüft werden. Sodann kann der relative Grad des Einflus-

14 554 Detlef Jahn ses der Diffusion und funktionaler Aspekte in einem Modell erfasst werden. In einer solchen Analyse existiert nicht eine Erklärung auf Grundlage der Diffusion oder Funktion, sondern beide können gleichzeitig betrachtet und abgewogen werden. Somit können drei Situationen unterschieden werden: (1) Die funktionalen unabhängigen Variablen sind in Bezug auf die abhängige Variable signifikant, während dies die Diffusionsvariable nicht ist. (2) Die Diffusionsvariablen sind signifikant in Bezug auf die abhängige Variable, nicht jedoch die funktionale Variable. (3) Sowohl die Funktions- als auch Diffusionsvariablen sind bezüglich der abhängigen Variablen signifikant und die Regressionsgleichung gibt auch deren relativen Einfluss an. 5. Eine Anwendung der Analyse zur Abschätzung von Diffusions- und Funktionseffekten im Bereich des Einflusses der Globalisierung auf die Staatstätigkeit Die oben dargestellten Strategien von zusätzlich aufgenommenen Variablen werden in diesem Abschnitt anhand eines Beispiels weiter ausgeführt. Um dieser Frage nachgehen zu können, werden die OECD-Länder untersucht, deren Handlungsräume sich in der Nachkriegszeit am ausgeprägtesten verdichtet haben. In quantitativen Aggregatdatenanalysen, auf die ich mich im Folgenden ausschließlich beziehe, wird Globalisierung z.b. als Kapitalmobilität und -fluss, Veränderung der Kapitalverkehrskontrolle, Deregulierung des Geldund Finanzmarktes, Multinationalisierung der Produktion sowie Export- und Importraten erfasst (Quinn 1997; Garrett 1998; Boix 1998; Huber/Stephens 2001; Swank 2002). Am häufigsten werden die Handelsströme (Export und Import) als Indikator für die Stärke der Globalisierungseffekte angesehen, die auch in dieser Untersuchung als diejenige Globalisierungsvariable betrachtet werden sollen, die die internationale Handlungsverdichtung auf nationaler Ebene erfasst. Darüber hinaus wird in dieser Untersuchung ein Index entwickelt, der Diffusionsprozesse im Sinne der oben dargestellten Erfassung analysiert. Um den Einfluss auf die nationalstaatliche Politik zu erfassen, wird die sozialstaatliche Politik analysiert. Vermutet wird, dass die Globalisierung zu einer Angleichung der Staatstätigkeit führt (Manow 1999: ; Schulze/Ursprung 1999: 66). Dies geschieht dadurch, dass die Staaten zur Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit ihre Sozialstaatspolitik angleichen. Das bedeutet hypothetisch zumeist, dass die Länder ihre Sozialprogramme zurückfahren (race to the bottom), um effizient zu werden (Effizienzhypothese). Als Indikator der sozialstaatlichen Staatstätigkeit kann die Quote der Staatsausgaben für soziale Leistungen am Bruttosozialprodukt dienen (Schmidt 2001; Siegel 2001; Swank 2002). Die These des Einflusses von internationalen Handlungsverdichtungen wird anhand der abhängigen Variablen, der Entwicklung der Sozialquote von 1980 bis 2003, untersucht. Diese Periode ergibt sich aus der Verfügbarkeit von Daten für diesen Zeitraum und deckt den echte[n] Schub in der gesellschaftlichen Denationalisierung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ab (Zürn 1998: 93). Wäre diese These stimmig, dann sollten sich die OECD-Staaten (a) aneinander angleichen (Konvergenzhypothese), was sich (b) anhand der zunehmenden Bedeutung des Diffusionsindex ablesen lassen sollte. Des Weiteren sollten die OECD-Länder (c) im Zeitverlauf ihre Sozialquote zurücknehmen (race to the bottom). Allerdings findet man (d) in der Literatur auch eine alternative Erklärung des Einflusses der

15 Globalisierung als Galton-Problem 555 Globalisierung auf die nationalstaatliche Sozialpolitik, die davon ausgeht, dass Staaten den Globalisierungstendenzen entgegenwirken und negative Einflüsse durch Ausgleichszahlungen an die Betroffenen ausbalancieren. Diese Kompensation hat dann eine Ausdehnung der Sozialprogramme und Sozialausgaben zur Folge (Kompensationshypothese). Dabei ist die Konvergenz (a, b) unabhängig von einer Zu- oder Abnahme (c oder d) der Sozialausgaben (Hays 2003: 83). Im Folgenden sollen zunächst die Trends der Sozialquote in 21 OECD- Ländern 8 von 1980 bis 2003 anhand der Abbildungen 2 und 3 interpretiert werden. Abbildung 2: Entwicklung der Sozialquote in 21 OECD-Ländern, Quelle und Erklärungen: OECD 2007a; siehe auch OECD 2007b. Eigene Berechnungen. Die mittlere Linie stellt den Mittelwert dar; die beiden dünnen Linien die Ausgaben der drei Länder mit der höchsten bzw. niedrigsten Sozialquote. Für Österreich ( / ) und Norwegen ( / ) wurden die fehlenden Werte anhand des Imputierungsprogammes AMELIA II aufgefüllt, um eine Verzerrung der Ergebnisse zu vermeiden (King u.a. 2001; Honaker/King 2006). Diese Daten sowie imputierte Werte für die Handelsquote Griechenlands in den 1980ern wurden auch für die weiteren Analysen benutzt. Die mittlere fett gezeichnete Linie in Abbildung 2 stellt die durchschnittliche Sozialquote dar, die beiden dünnen Linien die Werte für die drei Länder mit der niedrigsten bzw. höchsten Sozialquote. Dieser Befund deutet auf Trends hin, die der race-to-the-bottom- und der Konvergenzhypothese widersprechen. Die durchschnittliche Sozialquote ist angestiegen und die Unterschiede zwischen den Ländern sind ungefähr gleich geblieben, wenngleich sich eine Divergenz in den frühen 1990er Jahren zeigt und eine Konvergenz davor und danach. Insbesondere seit 1989 schließen Länder mit einer niedrigen Sozialausgabenquote 8 Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Japan, Kanada, Neuseeland, Niederlanden, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien und USA.

16 556 Detlef Jahn auf. Allgemein scheint also eher die Kompensationshypothese bestätigt zu werden (auch: Rodrik 1997; Garrett 1998; Garrett/Mitchell 2001; Huber/Stephens 2001; Swank 2002: 88). Betrachtet man den Verlauf der Sozialquote zwischen 1980 und 2003, lassen sich verschiedene Phasen erkennen. In den 1980er Jahren ist ein leichter Anstieg der Sozialquote zu erkennen, der vor allem durch einen Anstieg der Quote in den Ländern mit einer niedrigen Rate herrührt. Ab 1989/90 verändert sich der bis dahin gleichläufige Trend: Zunächst nimmt die Sozialquote stark zu; ab 1993 kehrt sich dieser Trend um und ein deutlicher Rückgang der Sozialausgaben in den OECD-Ländern ist erkennbar. Diese Schwankungen der Sozialquote gingen vor allem von Ländern mit einer hohen Quote aus. Ab dem Jahr 2000 ist wieder ein Anstieg der Sozialquote zu erkennen, der alle OECD-Länder zu erfassen scheint. Inwieweit haben sich nun die OECD-Länder hinsichtlich ihrer Sozialquote angeglichen? Ein einfaches Maß, um diesen Sachverhalt zu betrachten, ist der Variationsindex (Standardabweichung/arithmetisches Mittel) der jährlichen Sozialausgaben der 21 untersuchten OECD-Länder, der in Abbildung 3 zusammengefasst ist. Es zeigt sich eine kontinuierliche Annäherung der Länder, die nur zu Beginn der 1990er Jahre unterbrochen wurde, sich danach aber umso stärker durchsetzte. Abbildung 3: Konvergenz der Sozialquote in 21 OECD-Ländern, ,35 0,3 0,25 0,2 0,15 0,1 0, Quelle: siehe Abbildung 2. Die Abbildung stellt den Variationsindex dar. Um den Einfluss der internationalen Vernetzung auf die Sozialpolitik hoch entwickelter Industrienationen zu erfassen, werde ich an dieser Stelle eine gepoolte Regressionsanalyse

17 Globalisierung als Galton-Problem 557 von 21 etablierten OECD-Ländern zu 24 Zeitpunkten durchführen. 9 Dabei wird ein Diffusionsindex Anwendung finden, der durch die paarweisen Handelsbeziehungen die Intensität der Verflechtung der untersuchten OECD-Länder erfasst. Die jeweilige Sozialquote aller Länder wird dann durch den Intensitätsgrad der Handelsbeziehungen gewichtet. Dies wird für jedes Jahr durchgeführt, so dass eine N x N x T Matrix entsteht, die mit W bezeichnet wird. Für Land i kann ein solches Vorgehen wie folgt dargestellt werden: Wyi = W j = 1,..., N Dabei steht j für jedes andere Land außer i selbst. In einer Time-Series Cross-Sectional (TSCS)-Regressionsanalyse nimmt der Diffusionsindex die folgende Form an: ij * y j y i,t = βx i,t + ρ W i y i,t + ε i, t Das bedeutet, dass y jt, welches das Ergebnis in der anderen räumlichen Einheit (j i) in einer bestimmten Art (ρw ij ) ist, direkt von dem Ergebnis der räumlichen Einheit i bestimmt wird. Dabei stellt W ij den Grad der Verbindung von j zu i dar und ρ (wie β bei einzelnen Variablen x i,t ) beschreibt den Einfluss auf das Ergebnis in der anderen räumlichen Einheit (j i) als eine Gewichtung von W ij auf das Ergebnis von i. Ein solches Modell, das ähnlich einer zeitverzögerten abhängigen Variable eine räumlich verzögerte abhängige Variable darstellt und als S(spatial)-OLS Regression bezeichnet wird, muss besondere Voraussetzungen erfüllen. Denn die räumliche Beziehung stellt ein Endogenitätsproblem dar, da die abhängige Variable durch sich selbst erklärt wird. Diese Situation, in der die räumlichen Verzögerungen mit den Fehlertermen im Modell korrelieren, wird als simultaneity bias bezeichnet. Problematisch wird dies, wenn eine solche Variable sehr hohe Koeffizienten in der Berechnung hervorruft. Um dies zu verhindern, sollte das Modell so spezifiziert sein, dass auch andere, exogene Faktoren signifikant sind und gemeinsame externe Schocks modelliert werden, da diese auch einen gemeinsamen Effekt auf die abhängige Variable besitzen, ohne aus einem Diffusionsprozess zu entstammen. Letztendlich muss entschieden werden, wie hoch die Verzerrung durch den simultaneity bias ist. Vernachlässigt man jedoch eine Diffusionsvariable, kann dies dazu führen, dass nicht alle wesentlichen Variablen berücksichtigt (obmitted variable bias) und die Ergebnisse verzerrt werden. Um ein spezifisches Modell für den Einfluss der Diffusion auf die Sozialausgaben der OECD-Länder zu erhalten, werden die folgenden Variablen berücksichtigt. Einmal stellt das Wirtschaftswachstum (WACHSTUM) eine wesentliche Variable dar, da Wirtschaftswachstum den Spielraum für die Sozialausgaben schafft. Allerdings steckt das Bruttosozialprodukt auch in dem Nenner der Sozialquote, so dass ein starkes Wachstum dadurch negativ mit den Sozialausgaben verbunden ist. Variablen, die vor allem für höhere Sozialausgaben verantwortlich sind und als Problemdruck betrachtet werden können, sind die Arbeitslosenquote (ARBEITSLOSIGKEIT) und der Rentneranteil (RENTNER). Drei nationalstaatliche Variablen stellen den Regierungsanteil von sozialdemokratischen 9 Der Zeitraum bezieht sich auf die Jahre ab 1979 bis Da alle unabhängigen Variablen um ein Jahr zurückgesetzt werden, ist es möglich mit 1979 zu beginnen, wenngleich die abhängige Variable erst ab 1980 zur Verfügung steht.

18 558 Detlef Jahn (LINKSREGIERUNG) und zentristischen Parteien dar (MITTEREGIERUNG), die gemeinhin als Parteien gelten, die einen Ausbau des Sozialstaates befürworten. Der dritte nationalstaatliche Index bezieht sich auf den Demokratietyp Lijpharts (1999), der zwischen Mehrheitsund Konsensusdemokratie unterscheidet. Als zeitvarianter Indikator für diese Variable kann die effektive Anzahl von parlamentarischen Parteien (Laakso/Taagepera-Index) betrachtet werden (EFFEKTIVE ANZAHL VON PARTEIEN). Dieser Index kann als Indikator für das Konzept der Konsensdemokratie Lijpharts (1999) bewertet werden. 10 Schließlich werden Variablen benutzt, die die Vernetzung der Volkswirtschaften der OECD-Länder erfassen. Als ein etabliertes Maß hierfür gilt die Summe der Import- und Exportraten (Handelsquote) dividiert durch das Bruttosozialprodukt, die als Indikator des Außenhandels dient (HANDEL). Daneben erfasst eine Dummy-Variable den Einfluss der Mitgliedschaft in der Europäischen Union (Gemeinschaft) auf die Sozialquote (EU). Als ein weiteres Maß wird der bereits vorgestellte Diffusionsindex (DIFFUSION) in die Regressionsgleichung aufgenommen. Tabelle 2: Deskriptive Statistiken und Quellen der benutzten Variablen Variable Arithmetisches Mittel Standardabweichung Minimum Maximum Quelle SOZIALQUOTE OECD 2007a WACHSTUM Armingeon u.a ARBEITSLOSIGKEIT Armingeon u.a RENTNER Armingeon u.a LINKSREGIERUNG Armingeon u.a MITTEREGIERUNG Armingeon u.a EFFEKTIVE ANZAHL Armingeon u.a VON PARTEIEN HANDEL Armingeon u.a DIFFUSION IMFa,b, UN EU SCHOCK Weltbank (Inflation), Armingeon u.a (Arbeitslosigkeit) TREND Erklärung: Alle Variabeln umfassen 525 Beobachtungen, da die fehlenden Werte für Sozialausgaben und Handel durch AMELIA II imputiert wurden (siehe Abbildung 2). Um das Modell für die Analyse zu spezifizieren, wurde eine Variable von externen Schocks (SCHOCK) aufgenommen, welche die durchschnittliche Summe der Inflations- und Arbeitslosenquote (Misery-Index) aller OECD-Länder darstellt. Um dem Problem der nicht gegebenen Stationarität zu begegnen, wurde, wie hierfür üblich, eine Variable benutzt, die die Jahre durchzählt (TREND). Des Weiteren fließen in alle Modelle Länder- und Jahresdum- 10 Der Laakso/Taagepera-Index korreliert signifikant mit Lijpharts Gesamtindex (Schmidt 2000: 330).

19 Globalisierung als Galton-Problem 559 mies ein, die allerdings aus Platzgründen nicht in die Tabellen aufgenommen wurden. Tabelle 2 dokumentiert die wesentlichen deskriptiven Statistiken und Quellen der Variablen. Als ökonometrisches Verfahren wird die OLS-Regression mit panel corrected standard errors (PCSE) und Kontrolle von Autokorrelation erster Ordnung angewandt, die auch in ähnlichen Analysen benutzt werden (Garrett 1998; Swank 2002; Huber/Stephens 2001). Die Ergebnisse lassen sich aus der Tabelle 3 ablesen. Es werden drei Modelle betrachtet. Modell 1 stellt eine Analyse über den gesamten Zeitraum dar. Die Modelle 2 und 3 sind Modelle mit unterschiedlichen Perioden. Modell 2 betrachtet den Zeitraum von 1980 bis 1990 und 1991 bis 2003; Modell 3 von 1980 bis 1996 und 1997 bis Damit wird zum einen ein Kontinuitätsbruch nach 1990 modelliert, nachdem die lang anhaltende kontinuierliche Phase der 1980er zu Ende gegangen ist. Modell 3 erfasst dann die aktuelle Phase, nachdem die turbulente Phase der frühen 1990er beendet ist. Die Modelle wurden so errechnet, dass die Periodeneffekte durch interaktive Terms berechnet wurden, indem die Periodendummies mit sämtlichen inhaltlichen Variablen multipliziert wurden. Modell 1 macht deutlich, dass WACHSTUM, ARBEITSLOSIGKEIT und RENTNER einen signifikanten Einfluss besitzen. Auch haben Konsensusdemokratien eine niedrigere Sozialquote als Mehrheitsdemokratien. Die Ausrichtung der Regierungen, die EU-Mitgliedschaft sowie Handel scheinen dagegen keinen Einfluss zu haben. Die Ergebnisse für die Kontrollvariablen SCHOCK und TREND machen darauf aufmerksam, dass ihr Einschluss in das Modell notwendig ist. DIFFUSION besitzt ebenfalls einen deutlichen signifikanten Einfluss. Dieses Ergebnis verdeutlicht, dass es notwendig ist die Diffusionsprozesse zu modellieren. Welche Entwicklungen lassen sich jedoch feststellen? Zunächst zeigt sich, dass DIFFUSION bis 1990 nicht signifikant ist. Erst der Interaktionsterm in Modell 2 macht auf einen signifikanten Anstieg von Diffusion in den Folgejahren aufmerksam. Die wachsende Bedeutung der DIFFUSION wird in Modell 3 deutlich sichtbar. Hier besitzt die Variable Diffusion schon im Grundmodell einen signifikanten Einfluss, der dann noch durch einen signifikanten Einflusses ab 1997 gesteigert wird. Die zeitliche Bedeutungszunahme von Diffusionsprozessen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Sozialausgaben lässt sich auch in einer noch detaillierteren Analyse finden, in der die gemeinsamen Effekte des Grundkoeffizienten und des Interaktionsterms aufaddiert wurden. Das Ergebnis lässt sich in Abbildung 4 gut ablesen. Auch die anderen Indikatoren, die sich auf die internationale Verflechtung beziehen, zeichnen ein ähnliches Bild. Die Handelsquote, die im Modell 1 ohne Strukturbrüche keinen signifikanten Wert aufweist, wirkt in den Modellen 2 und 3 für die Jahre nach 1990 bzw signifikant. Das bedeutet, dass wirtschaftliche Offenheit erst ab den 1990er Jahren eher mit einer geringeren Sozialquote verbunden ist als wirtschaftlich weniger offene Systeme. Dies bedeutet sicherlich eine Umorientierung, galten doch gerade wirtschaftlich offene Systeme in den 1970ern als solche Staaten, die über ein ausgeprägtes Sozialsystem verfügen (Katzenstein 1985). Ein Akteur, der mit einer sinkenden Sozialquote in Verbindung gebracht werden kann, ist die EU. Auch hier zeigt sich, dass der Einfluss über den gesamten Zeitraum ambivalent ist. In Modell 1 manifestiert sich kein signifikanter Zusammenhang mit der Sozialquote. In Modell 2 werden die Unterschiede deutlich. So ist für die 1980er Jahre ein positiver Zu-

20 560 Detlef Jahn sammenhang zwischen EU-Mitgliedschaft und Sozialausgaben zu erkennen, der sich in den 1990ern umkehrt. In Modell 3 besitzt der Koeffizient für die Jahre bis 1997 insgesamt ein negatives Vorzeichen. Dieser negative Zusammenhang zwischen EU-Mitgliedschaft und Sozialausgaben wird dann in den Folgejahren signifikant gesteigert. Betrachten wir die jährliche Veränderung der aufsummierten Koeffizienten für die EU-Mitgliedschaft, zeigt sich eine Verdreifachung des (negativen) Einflusses der EU auf die Sozialausgaben ihrer Mitgliedsländer, der ab Mitte der 1990er bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes an Dynamik gewann. Tabelle 3: Beeinflussungsfaktoren der Sozialquote in 21 OECD-Ländern Modell 1 Modell 2 Modell 3 Vorher Nachher Vorher Nachher Wachstum -.135*** -.093** *** (.032) (.034) (.063) (.033) (.088) Arbeitslosigkeit.160***.118* ** (.049) (.049) (.050) (.050) (.065) Rentner.435***.330**.242*.293**.384** (.093) (.122) (.105) (.108) (.131) Links-Regierung * (.002) (.003) (.003) (.002) (.005) Mitte-Regierung * ** (.003) (.004) (.004) (.003) (.005) Effektive Anzahl von -.463*** -.450** ** Parteien (.139) (.163) (.116) (.135) (.139) Handel *** * (.010) (.010) (.008) (.009) (.009) EU ** ** (.436) (.453) (.476) (.446) (.583) Schock.855*** 1.103*** *** -.536** (.084) (.105) (.080) (.088) (.194) Diffusion.078*** **.066***.054** (.019) (.025) (.021) (.021) (.019) Trend.516***.423***.589*** (.055) (.058) (.067) R² Beobachtungen Länder Jahre Erklärungen: Ordinary-least-squares-(OLS)-Regression mit panel corrected standard errors (PCSE) für Time- Series-Cross-Section-(TSCS)-Analysen und Kontrolle von Autokorrelation erster Ordnung (Beck/Katz 1995; Beck 2001). Signifikanzniveau + =.1; * =.05; ** =.01; *** =.001 und niedriger. Die ersten Werte stellen die unstandardisierten Koeffizienten dar, korrigierte Standardfehler in Klammern. Die Angaben unter Vorher stellen die Werte der entsprechenden Variablen dar, die Werte unter Nachher die Koeffizienten der Interaktionsterme (dummy Variable mit dem Wert 1 ab 1991 für Modell 2 und 1997 für Modell 3; sonst 0). Alle unabhängigen Variablen gehen mit einer Zeitverzögerung von einem Jahr in die Analyse ein (bis auf TREND). Insgesamt geben die Befunde über den Zusammenhang von internationalen Faktoren und den Sozialausgaben der OECD-Länder Michael Zürn Recht, dass die Globalisierung ab dem letzten Drittel der 1980er Jahre einsetzte. Sie zeigen jedoch auch, dass Diffusion zu-

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