Impfen Eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung? Ethische Aspekte

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1 Impfen Eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung? Ethische Aspekte Dr. Lukas Kaelin Institut für Ethik und Recht in der Medizin Universität Wien

2 Zum Einstieg Ein historisches Beispiel des Impfzwanges: Ausbruch der Pocken im US-Staat Massachusetts; Veranlassung der Gesundheitsbehörde alle noch nicht geimpften, sollen eine Pockenschutzimpfung bekommen. Weigerung wurde mit 5$ bestraft. Bestätigung des obersten Gerichtshofes: eine Gemeinschaft hat das Recht (und die Pflicht?) sich vor drohender Krankheitsepidemie (auch mit Zwangsmassnahmen) zu schützen. Jacobson vs. Massachusetts (1905)

3 Ethische Aspekte des Beispiels Grundspannung Impfen (1) Autonomie vs. Paternalismus Darf die Selbstbestimmung des Einzelnen zu seinem eigenen Wohl übergangen werden (höhere Gewichtung von Wohltun)? Grundspannung Impfen (2) Autonomie vs. Allgemeinwohl (1) Darf das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen zur Förderung des Allgemeinwohls eingeschränkt werden? (2) Unter welchen Bedingungen darf dieses Einschränkung vorgenommen werden? (3) Welche Mittel sind effektiv und ethisch angemessen, um das Allgemeinwohl zu fördern?

4 Autonomie als grundlegender Wert Merkmale der Autonomie als grundlegender Wert: Autonomie = Selbstgesetzgebung, Selbstbestimmung Autonomie als Abwehrrecht als rechtliche Minimalforderung Autonomie als Empowerment als Förderung der Krankheitseinsicht und der Möglichkeit der Prävention Konsequenzen der Autonomie: Datenschutz (informationelle Selbstbestimmung), Vertraulichkeit, Respektierung der Privatsphäre

5 Herdenimmunität als öffentliches Gut Merkmale der Herdenimmunität als öffentliches Gut: Nichtausschließbarkeit: Menschen können nicht von der Herdenimmunität ausgeschlossen werden. Nichtrivalität: Herdenimmunität wird gemeinsam genossen ohne, dass dadurch das gemeinsame Gut dadurch abnimmt. Kooperationsabhängigkeit: Das öffentliche Gut der Herdenimmunität ist abhängig von der Kooperation vieler. Unteilbarkeit: Öffentliche Güter wie Herdenimmunität können nicht in private Güter überführt werden.

6 Nutzen/Schaden bei Impfungen - Individuum Nutzen Schaden Impfung Schutz vor Potentielle Erkrankung Nebenwirkungen Keine Impfung: Keine Neben- Gefahr von wirkungen Erkrankungen Keine Impfung Senkung Krank- Restrisiko plus Herdenimmunität heitsrisiko Erkrankung

7 Nutzen/Schaden bei Impfungen - Gesellschaft Nutzen Schaden Impfung Senkung Morbidität wenige Impfschäden Keine Impfung: Keine Erhöhung der Impfschäden Morbidität

8 Gründe für eine moralische Impfpflicht Viele Impfprogramme schöpfen ihr Potential sowohl individuell als auch auf die Population nicht aus, obwohl aus zwei Prinzipien geboten: Prinzip des Nicht-Schadens: Vor allem bei hoch-ansteckenden schwerwiegenden Krankheiten wird verhindert, dass ein anderer Mensch angesteckt wird (mit den Gesundheitsrisiken). Prinzip des Wohltuns: Mit Impfung wird die Herdenimmunität erhöht, und damit auch andere Menschen geschützt d.h. die haben einen Benefit (v.a. bei hoher Durchimpfungsrate).

9 Voraussetzungen für Impfprogramme Wirksamkeit zur Senkung von Morbidität und Mortalität muss wissenschaftlich nachgewiesen sein. Positives Nutzen-Risiko-Verhältnis: der Nutzen der Senkung muss die Belastungen und Nebenwirkungen aufwiegen Positives Kosten-Nutzen-Verhältnis: über die Kosten muss angesichts begrenzter öffentlicher (desundheitsbezogener) Ressourcen Rechenschaft abgelegt werden. Geringe Restriktivität: bei der Wahl der Präventionsmassnahme muss diejenige gewählt werden, die am wenigsten in die Autonomie eingreift. Transparente Verfahren d.h. fair, demokratisch legitimiert.

10 Stufen der Eingriffe in die Autonomie 1) Abraten von Impfung 2) Impfung anbieten, ohne sie zu empfehlen 3) Impfung anbieten und empfehlen ggf. verbunden mit Kampagne 4) Impfung anbieten, empfehlen und (monetäre) Anreize 5) Impfpflicht (mit Strafandrohung) (Kostenübernahme durch Krankenkasse von Stufe 2 bzw. 3 bis 5) Zunahme Eingriff in Autonomie

11 Schlussfolgerung Impfzwang nur bei a) massiven Gefährdung der Bevölkerung, b) minimalen Risiken, c) Ziel nicht auf anderem Weg zu erreichen, gegeben. Gegenwärtig nicht zu rechtfertigen, da a) und c) nicht erfüllt sind. Mittel der Wahl zur ethisch gebotenen Erhöhung der Durchimpfungsrate (bzw. Herdenimmunität): - proaktives staatliches Handeln (Anreize), - öffentliche (und individuelle) Aufklärung, - Abholen von PatientInnen bei ihren Ängsten und Hoffnung

12 Danke für die Aufmerksamkeit!

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