Was sind Emotionen und wozu braucht man sie? 2.1 Emotionen und Gefühle: der Versuch einer Begriffsklärung 8

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1 7 2 Was sind Emotionen und wozu braucht man sie? 2.1 Emotionen und Gefühle: der Versuch einer Begriffsklärung 8 S. Barnow, Gefühle im Griff!, DOI / _2, Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014

2 8 Kapitel 2 Was sind Emotionen und wozu braucht man sie? 2 Gedankenexperiment: Eine Person ohne Gefühle Gefühle sind lebenswichtig! Fangen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment an: Stellen Sie sich vor, Sie hätten keinerlei Gefühle. Schließen Sie dazu die Augen für eine Minute und inszenieren Sie eine Person ohne Emotionen. Was erleben Sie? Wahrscheinlich kommen Sie zu folgendem Schluss: Diese Person würde sich nicht freuen, sich aber auch nicht ärgern, sich nicht ängstigen, aber auch nicht lieben können, all das würde aus ihrem Leben verschwinden. Wie fühlt sich dies an? Dieses Experiment macht hoffentlich deutlich: ohne Gefühle auch kein Antrieb, keine Motivation, keine Lebensziele, keine Nähe, kein Austausch mit anderen, kein Hinweis auf Gefahr, keine Kunst, keine Kreativität, keine Liebe, keine Lust usw. Gefühle sind also lebenswichtig und Grundlage dafür, überhaupt irgendetwas zu tun! Nicht die Gefühle sind also problematisch, sondern eher ein zu viel oder zu wenig davon oder aber, wenn Gefühle ständig wechseln, Sie überschwemmen und Ihnen damit jede Gelegenheit nehmen, sie zu kontrollieren. Doch setzen wir uns zunächst einmal mit verschiedenen Gefühlsbegriffen auseinander: Was versteht man unter Emotionen, Gefühlen und Stimmungen? Worin bestehen die Unterschiede? Definition: Emotionen 2.1 Emotionen und Gefühle: der Versuch einer Begriffsklärung Unter Emotionen versteht man meist schnell einschießende Gefühlszustände wie beispielsweise Angst und Ärger, aber auch Ekel, Trauer, Überraschung oder Freude. Sie können sich stark oder schwach anfühlen, kurz oder etwas länger andauern und haben immer eine positive bzw. negative Ausrichtung. Beispielsweise ärgern wir uns über die verpasste Bahn, freuen uns über einen beruflichen Erfolg oder sind überrascht, wenn sich ein alter Bekannter plötzlich wieder meldet. Wenn wir Emotionen erleben, dann drücken wir dies mit unserem Gesichtsausdruck, unserer Haltung oder Gestik aus. Damit vermitteln wir anderen Personen Informationen über unsere aktuellen Gefühle. Es gibt auch»weltmeister«im Unterdrücken des Emotionsausdrucks. Diesen Personen sieht man sehr selten an, was und wie sie sich gerade fühlen. Dies kann jedoch zur Folge haben, dass längerfristig verschiedene körperliche Symptome entstehen, denn Gefühlsunterdrückung führt niemals dazu, dass die entsprechende Emotion auch tatsächlich verschwindet (siehe genauer 7 Kap. 12 zur Strategie: Unterdrückung von Gefühlen). Außerdem können andere Menschen nicht»entschlüsseln«, wie es Ihnen geht, wenn Sie Gefühle nicht zeigen, womit sie womöglich auch Ihr Gegenüber in eine schwierige Lage versetzen. Laut Paul Ekman, dem wohl bekanntesten Emotionsforscher, existieren sechs Basisemotionen. Diese umfassen: Trauer, Wut/Ärger, Angst, Ekel, Schuld und Freude (Lust). Diese Emotionen weisen typische muskuläre Reaktionsmuster auf, die sich kulturell kaum voneinander unterscheiden (so ist beispielsweise bei Ärger der Korrugator (Mus-

3 2.1 Emotionen und Gefühle: der Versuch einer Begriffsklärung 9 2 culus corrugator supercilii) oder einfach Stirnrunzler aktiv und Ihre Nase leicht gerümpft, die Lippen schmal usw.). Typische Beispiele für eher einfach zu identifizierende Emotionen sind: Die Verkäuferin ist sehr unfreundlich und Sie ärgern sich darüber; jemand fährt äußerst rücksichtslos und schneidet Sie gefährlich, dies löst Wut aus; Sie werden gelobt und freuen sich, Sie wachen nach einem Alptraum auf und spüren noch den Schreck bzw. die Angst. Gefühle hingegen sind komplexer und enthalten schon mehr kognitive (geistige) Verarbeitungsprozesse wie unter anderem Analyse der Situation und bewusste Bewertungen. Sie dauern länger an und sind meist nicht so intensiv. Der Auslöser kann zurückliegen und ist nicht immer unmittelbar nachvollziehbar. Ein Beispiel soll dies illustrieren: Herr Grefe (Name geändert) beschreibt mir, dass er sich seit einiger Zeit angespannt fühle. Auf mein Nachfragen berichtet er von Druck in der Brust, Schlafproblemen und muskulären Verspannungen im Nacken. Er wisse nicht, was das bedeute, was er da fühle sei ihm unklar. Als ich weiter nachfrage, berichtet er davon, die Türen abends neuerdings immer abzuschließen, die Rollos herunterzuziehen und speziell wenn er allein sei, wäre er sehr unruhig. Dies wäre früher nie so gewesen. Wir analysierten sein Verhalten (Rückzug, Kontrolle, Sicherheitsverhalten), die körperlichen Symptome (Herzklopfen, Anspannung, Verspannungen im Nackenbereich) und Gedanken (»es könnte etwas passieren«) und es wurde deutlich, dass der Patient Angst empfand, sich vor etwas fürchtete. In weiteren Gesprächen konnten wir dann gemeinsam herausfinden, dass ihn ein Dienstaufenthalt für drei Monate in Brasilien, der im nächsten Jahr bevorstand, und die damit verbundene Trennung von der Familie ängstigte. Dies war ihm vorher nicht bewusst gewesen (denn der Stellenwert von Leistung in seinem Leben ließ solche Zweifel nicht zu). Sein Körper und sein Verhalten machten jedoch deutlich, dass etwas nicht stimmte. Das Gefühl löste zwar schon Verhaltensweisen aus, die typisch für Angst sind (Rückzug, Anspannungsgefühl usw.), aber der Handlungsdruck war noch nicht so stark und das Bewusstsein für das Problem noch nicht vorhanden, um etwas zu ändern. Das Gefühl war auch eher diffus und nicht heftig ausgeprägt. Herr Grefe musste erst einmal lernen, seine Gefühle ernst zu nehmen, sie zu beschreiben und zu verstehen. Bisher hatte er einfach immer weitergemacht, ohne sich zu fragen, ob das, was er tut, auch seinem Naturell entspricht und ihm Freude bereitet. Die vielen Reisen und Ortswechsel, die seine Arbeit mit sich brachten, quälten ihn zunehmend, genauso wie die Tatsache, manchmal andere»über den Tisch ziehen zu müssen«. Denn Herr Grefe ist ein gewissenhafter, bodenständiger und freundlicher Mensch. Der beschriebene Zustand und seine körperlichen Symptome spiegelten also nicht nur die Angst vor der Dienstreise, sondern auch eine dauerhafte Stresssituation wider, in der er sich dadurch befand, dass er gegen seine eigentlichen Bedürfnisse nach Beständigkeit und Wärme handelte. Definition: Gefühle

4 10 Kapitel 2 Was sind Emotionen und wozu braucht man sie? 2 Definition: Stimmung Stimmungen wirken eher langfristig, ihr Auslöser ist oft unklar, die Intensität nicht so hoch wie bei Emotionen oder Gefühlen. Eine negative Stimmung kann aber trotzdem sehr belastend sein. Stimmungen beeinflussen das Denken und Handeln nämlich maßgeblich. Sind Sie morgens beispielsweise noch sehr müde und gereizt, werden Sie überall Probleme oder Schwierigkeiten sehen. Ihre Wahrnehmungsschwelle für negative Informationen ist verringert, während Sie positive Aspekte erschwert realisieren. Die Stimmung ist auch am ehesten genetisch bedingt und hängt stark vom Temperament eines Menschen ab. Eine Person mit einem eher ängstlichen, vermeidenden Temperament wird häufiger eine ängstlich getönte Stimmung aufweisen als ein stark extravertierter, optimistischer Mensch. Allerdings ist dieser Zusammenhang nicht zwingend, denn genetische Aspekte beeinflussen zwar Temperamentsmerkmale maßgeblich, sie erklären aber selten mehr als 50 % eines Verhaltens oder emotionalen Stils. Die anderen 50 % sind durch die Umwelt und Ihr aktuelles Verhalten bedingt. Nehmen wir also einmal an, Sie haben ein eher impulsives Temperament vererbt bekommen. Dann werden Sie für positive Reize, die unmittelbar Lust versprechen, empfänglicher sein als weniger impulsive Menschen, andererseits aber auch schneller und häufiger negative Emotionen wie Ärger oder Angst verspüren. Dies bedeutet nun aber nicht, dass Sie dies nicht beeinflussen könnten. Sie können lernen, diese emotionalen Tendenzen zu beherrschen und so für sich zu nutzen, dass Sie eine hohe Zufriedenheit entwickeln. Dies können Sie erreichen, indem Sie erstens Ihre Umwelt so gestalten, dass Sie Ihnen viel Struktur und Halt gibt und wenig zwischenmenschliche Probleme aufweist, und Sie zweitens die Art und Weise, wie Sie Gefühle regulieren, ändern (beispielsweise indem Sie lernen, unmittelbare emotionale Impulse zu hemmen). Andererseits können Sie auch die positiven Aspekte Ihrer Impulsivität fördern: Sie sind wahrscheinlich schnell begeisterungsfähig, kreativ und spontan. Gefühlsregulation umfasst also beide Aspekte, die Abschwächung ungewollter emotionaler Tendenzen und die Steigerung oder Förderung von emotionalen Stärken. Während Emotionen also rasch einschießen und eine hohe Intensität haben (wie z. B. eine kurze, aber heftige Ärgerreaktion), zeichnen sich Stimmungen und Gefühle dadurch aus, dass sie weniger intensiv sind, dafür aber länger andauern. Deshalb ist ein heftiger Streit auch schnell vergessen! Während bei Emotionen der Auslöser meist oft offensichtlich ist, lassen sich bei Stimmungen oder Gefühlen die Auslöser nicht immer eindeutig identifizieren. Manchmal ist es gar nicht so ersichtlich, warum die Stimmung schlecht oder ängstlich eingefärbt ist. Jeder kennt das, man wacht auf und der Tag scheint»gelaufen zu sein«, die Stimmung ist miserabel. Lag es am Schlaf? Wurden am Tag vorher Probleme unterdrückt und diese beeinflussen nun die Stimmung am nächsten Tag? Oder handelt es sich einfach um ganz normale Schwankungen und es wäre am besten, diese einfach zu akzeptieren?

5 2.1 Emotionen und Gefühle: der Versuch einer Begriffsklärung 11 2 Würden Sie jetzt beginnen, bzgl. der Ursachen Ihrer Stimmung zu Grübeln, wäre das problematisch, denn Grübeln führt fast nie zu einer Lösung oder zu einem besseren Verständnis, sondern verstärkt negative Stimmungslagen (7 Kap. 11). Aus Sicht eines Emotionspsychologen wäre es nicht so wichtig, unmittelbar die Ursachen zu verstehen, stattdessen wäre die Empfehlung, das aktuelle Gefühl erst einmal wahrzunehmen und zu verstehen, was Sie fühlen. Sind Sie traurig, gehetzt, ärgerlich, verzweifelt oder einfach nur angeregt? Erst wenn Sie verstanden haben, was genau Sie fühlen, können Sie etwas dagegen unternehmen. Sie verstehen dann auch, warum Sie gerade Grübeln (vielleicht fühlen Sie sich verletzt und wollen nun nachträglich Ihr Selbstwertgefühl verbessern). Stattdessen könnten Sie Ihre schlechte Stimmung akzeptieren (»Schwankungen gehören zum Leben mit dazu«) oder aber bei hoher Intensität und Dauer überwiegend negativer Emotionen Gefühle so regulieren, dass sie sich aufhellen oder zumindest an Intensität abnehmen (darauf, wie man das genau macht, gehe ich später noch ausführlich ein). Ziel ist es, sich von den eigenen Affekten nicht beherrschen zu lassen, sodass diese den Geist verwirren, zu einer einseitigen Wahrnehmung führen (»Die Welt ist gefährlich«oder»ich schaffe es nicht«) und dann Ihr Handeln bestimmen (Rückzug, psychosomatische Beschwerden, Aggression, Überforderung). Ich werde folgend jedoch selten zwischen Emotion, Gefühl und Stimmung unterscheiden, sondern meist von Gefühlen sprechen, dieser Begriff beinhaltet dann sowohl Emotionen als auch Stimmungszustände, denn die hier vorgestellten Regulationsstrategien wirken sich jeweils auf beides aus und können sowohl zur Emotionskontrolle, als auch zur Beeinflussung von Stimmungen/Gefühlen verwendet werden. Allerdings sollten Sie die Unterschiede kennen. Lassen Sie sich nicht von Ihren Gefühlen beherrschen Emotionen = Gefühle Merke Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass wir ohne Emotionen nicht überleben würden! Gefühle liefern uns die nötige Energie und Motivation, um überhaupt zu Handeln. Ziel sollte es also nicht sein, möglichst nichts zu fühlen, sondern im Gegenteil: Viel zu fühlen! Man kann vor Gefühlen auch nicht davonlaufen oder diese einfach»weg entspannen«. Zumal eine Vielzahl von Studienbefunden zeigt, dass negativer Stress oft durch zwischenmenschliche Probleme entsteht. Zwischenmenschliche Probleme sind sogenannte abhängige Stressoren. Das bedeutet, Sie beeinflussen und verursachen den Stress zum Teil selbst dadurch, dass Sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Abhängige Stressoren wie zwischenmenschliche Konflikte wirken sich negativer auf Ihre Stimmung und Gefühle aus und verursachen häufiger Depressionen als andere Stressoren, die weniger abhängig von Ihrem eigenen Verhalten sind. Deshalb geht es in diesem Buch auch primär darum, wie Sie mit Ihren Gefühlen so umgehen können, dass Sie sich entspannt und zufrieden fühlen. Gefühle sind wichtig!

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