Auf der Suche nach der Wirklichkeit

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1 Auf der Suche nach der Wirklichkeit Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Alfred Korzybski, polnischer Psychologe und Linguistiker Kein Mensch kommt auf die Idee, eine Landkarte mit dem realen Gebiet zu verwechseln. Jeder weiß, dass eine Landkarte nur ein Modell eines Gebietes widerspiegelt. Es gibt keine richtigen und falschen Landkarten, sondern nur welche, die in einem jeweiligen Kontext (Zusammenhang) brauchbar sind oder nicht. Dieser Satz will darauf hinweisen, dass wir nicht die wirkliche Welt wahrnehmen, sondern uns nur ein Modell der Welt, und damit der Wirklichkeit, bilden. Wir alle leben in (mit) einer Illusion: Wir glauben, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt. Diese können wir erleben, messen, über unsere Sinne aufnehmen, beweisen und logisch begründen. Doch warum kommt es trotzdem häufig zu Streit, zu Missverständnissen und aneinander vorbei reden, wenn doch alles klar, eindeutig und begreifbar ist? Wie kann es sein, dass immer wieder jemand behauptet: So habe ich das nie gesagt! oder So war das nicht gemeint? Der Grund ist folgender: Es gibt diese Wirklichkeit nicht, die wir uns immer gerne vorgaukeln. Es ist nicht so, dass wir alle die gleiche Welt teilen, vielmehr gibt es so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt! Wenn ein Kind geboren wird, beginnt es, die Welt mit Hilfe der fünf Sinne zu repräsentieren: Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken und Riechen. Wenn das Kind größer wird, beginnt es ein Sprachsystem zu entwickeln. Es entwickelt ein Modell der Welt, das nicht mehr auf direkter Erfahrung beruht, sondern durch Sprache vermittelt ist. Mit dieser Übersetzung der sinnlichen Erfahrung in die Sprache beginnt das Kind auch, ein eigenes Modell von der Welt hervorzubringen. Beispiel: Wenn Sie mehrere Menschen nach der Bedeutung des Wortes Liebe fragen, werden Sie völlig verschiedene Definitionen bekommen. Oder anders gesagt, die einzige Realität die jeder von uns kennt, ist die subjektive Erfahrung - gefiltert durch das Medium der Sprache. Wir beginnen mit einem sensorischen Reiz und gehen dann weiter zu einer sensorischen Repräsentation dieses Reizes in unseren eigenen internen (auditiven, gustatorischen, visuellen, olfaktorischen, kinästhetischen) Kanälen. Der nächste Schritt besteht darin, dass wir zu diesen internen Repräsentationen aus unserem Wortschatz die passende Vokabel aussuchen, und zwar mit der Absicht, mit anderen zu kommunizieren. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt und erschafft sich seine eigene Wirklichkeit! Wenn wir also von der Wirklichkeit (die doch für uns so eindeutig ist) sprechen, müssen wir immer bedenken, dass wir nur von unserer eigenen Wirklichkeit reden. Wir erzählen von unserer Welt und unserer Wahrheit!

2 Warum ist das so, und warum fällt uns das im Alltag nicht auf? Das liegt an unserer Wahrnehmung, bzw. an unseren Möglichkeiten der Wahrnehmung. Denn wir können nicht alles auf einmal wahrnehmen, wir müssen selektieren (auswählen). WAHRNEHMUNG Über seine (fünf) Sinne kann der Mensch Informationen über seine Umwelt erhalten. Die gezielte Wahrnehmung (Beobachtung) ist ein Prozess, indem ich bestimmte, interne oder externe, Fakten registriere. Dadurch ist die reine Wahrnehmung pur und unverfälscht. Erst durch die weitere Verarbeitung im Gehirn kommt es zu einer Interpretation. Zwangsläufig muss ich dabei andere Vorgänge vernachlässigen, da wir nur eine bestimmte Anzahl von Fakten (7 2, Miller) beachten können. Was sehen Sie? Sehen Sie zuerst einen Apfel, in dem hineingebissen wurde? Oder sehen Sie zuerst ein Gesicht von der Seite betrachtet? Es gibt keine falsche oder richtige Antwort, der Unterschied liegt nur in Ihrer Wahrnehmung.

3 Bei der Wahrnehmung gibt es zunächst drei Einschränkungen, die uns Menschen betreffen: 1. Neurologische, bzw. biologische Einschränkungen 2. Soziale Einschränkungen 3. Individuelle, bzw. persönliche Einschränkungen Neurologische Einschränkungen Der Grund ist recht einfach: Unser Gehirn (bzw. unsere Sinne) und unsere Haut kann gar nicht alles verarbeiten (im Sinne von wahrnehmen und verstehen), was da draußen vor sich geht. Unsere Augen können Licht nur in einem Spektrum von Nanometer verarbeiten. Jede weiß, dass wir Infrarotlicht nicht sehen können. Auch Radiowellen und radioaktive Strahlung bleiben unserer Entdeckung vorenthalten. Sogar unser weißes Lampenlicht ist ja in Wirklichkeit nur eine Lichtmischung. Unseren Ohren geht es ähnlich. Auch sie können nur Schwingungen aufnehmen und weiterleiten, die in einem Bereich zwischen 20 und Hertz liegen. Und wer schlechter hört noch weniger. Auch über unserem größten Organ, der Haut, fühlen und ertasten wir nicht alles. Dabei kommt es auch darauf an, welche Stelle auf unserem Körper betroffen ist. Der kleinste Abstand zwischen zwei Punkten, die am kleinen Finger als getrennte Punkte wahrgenommen werden, muss bis auf das 30-fache vergrößert werden, um die zwei Punkte zu unterscheiden, wenn sie auf den Oberarm gesetzt werden. Somit ist eine Art, in der sich unsere Modelle der Welt zwangsläufig von der Welt selbst unterscheiden, darin zu sehen, dass unser Nervensystem ganze Teile der realen Welt systematisch verzerrt und auslöscht. Unser Nervensystem stellt also die erste Gruppe von Filtern dar, durch die sich unsere Wirklichkeit von der Wirklichkeit selbst unterscheidet. Soziale Einschränkungen Am einfachsten erkennen wir diese Einschränkung, wenn wir uns mit jemanden unterhalten und nichts verstehen. Weil wir seine Sprache nicht sprechen. Oder wenn der Andere aus einer völlig anderen Kultur kommt. Doch selbst im eigenen Land prallen unterschiedliche Schichten aufeinander und verstehen sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Individuelle Einschränkungen Auf Grund unserer Erfahrungen und unserer persönlichen Lebensgeschichte ergreifen wir (unbewußt) weitere Maßnahmen, um unser Modell der Wirklichkeit aufrecht zu halten. Dazu benutzen wir hauptsächlich drei Prozesse: Wir tilgen (löschen), generalisieren (verallgemeinern) und verzerren. Auch diese Prozesse haben an sich nichts negatives, sie sind sogar lebensnotwendig. Wenn wir z.b. keine Aspekte unserer Wahrnehmung tilgen würden, wären wir in kürzester Zeit tot gestorben an Reizüberflutung. Nur wenn wir unsere Wirklichkeit für die einzig richtige halten, bekommen wir Probleme.

4 Tilgung Jede Form von Konzentration unserer Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes bedeutet, andere Dimensionen der Außenwelt von unserer Wahrnehmung auszuschließen. Jeder kennt das Phänomen einer langen Autofahrt. Plötzlich ist man am Ziel und kann sich nicht erinnern, was man unterwegs alles gesehen hat. Oder wenn wir in unseren Gedanken verloren sind und nicht mitbekommen, dass jemand mit uns spricht. Generalisierung Grundsätzlich sind alle Klassifizierungen Verallgemeinerungen. Sie bringen Ordnung und Vereinfachung in unser Leben. Wenn wir z.b. gelernt haben einen Wasserhahn zu bedienen oder eine Tür zu öffnen verallgemeinern wir diese Tätigkeit. So brauchen wir es nicht jedes Mal neu zu lernen. Die Gefahr ist, dass wir zu weit verallgemeinern: Wenn wir nach zwei schlechten Erfahrungen mit Männern zu der Überzeugung kommen, dass alle Männer Schweine sind, schaffen wir uns ein sehr einschränkendes Weltbild. Verzerrung Verzerren findet immer dann statt, wenn wir die aufgenommenen Informationen so verbiegen, dass sie zu unserem Weltbild passen. Leidet jemand unter Verfolgungs- wahn, glaubt er, dass alle Gespräche über ihn handeln. Dies verstärkt seinen Wahn. Auch wenn wir an vergangenes oder zukünftiges Denken verzerren wir, nämlich die Gegenwart. Alle Künstler verzerren wenn sie ihre Tätigkeiten ausüben. Kreativität heißt, vorhandenes so zu verzerren, dass etwas Neues entsteht. Selbst jetzt ist der Prozess des Schaffen der Wirklichkeit noch nicht abgeschlossen. Denn auch unsere Überzeugungen (Glaubensmuster), Werte, Erfahrungen, Metaprogramme, Wünsche, Interessen, Vorlieben etc. wirken als weitere Filter. Und da es keine zwei Menschen auf dieser Welt gibt, bei denen alle Filter gleich sind, gibt es so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt.

5 Zusammenfassung: Unsere Wirklichkeit bilden wir aufgrund unserer Wahrnehmung Unsere Wahrnehmung ist selektiv und damit unvollständig und fehlerhaft Was wir wahrnehmen hängt von unseren Programmen ab Jeder Mensch unterscheidet sich in seinen Programmen von anderen Menschen Es gibt so viele Wirklichkeiten und Wahrheiten, wie es Menschen gibt Fazit: Wir handeln, leiden oder genießen nicht aufgrund von Wirklichkeiten, sondern aufgrund unserer Empfindungen und Erfindungen, die wir für wirklich halten. Deshalb sind wir als Mensch nicht schlecht oder fehlerhaft. Denn dieses Wissen können wir nuten, um kreativ, zufrieden und gesund zu leben.

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