Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!

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1 Gottesdienst mit Taufe in der Evangelischen Schloßkirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn am 20.Mai 2012 Predigt zu Mt. 5,8 von Reinhard Schmidt-Rost Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! Wen meint Matthäus? Meint er Dich oder mich? Wohl kaum! Wer seine 40, 50 oder über 60 Jahre gelebt hat, der hat sich kein reines Herz bewahren können und weiß das auch. Kleine Kinder, frisch getauft, da mag man von reinen Herzen reden, unbescholten und natürlich auch unbedarft. Wir Erwachsenen sind aus dem Alter der Kindergebete seit langem heraus, nur noch als ferne Erinnerung haben wir das Gebet bewahrt: Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Wen meint Matthäus? Wen nennt er selig? Den Jüngerkreis, die engsten Vertrauten Jesu, eine kleine Kerngemeinde der frommen Seelen sieht er sich selbst unter diesen? Die Gelehrten haben diese Frage natürlich längst bedacht, haben an die jüdischen Gelehrten, an die Rabbinen gedacht, und diesen Gedanken wieder verworfen, haben an die Gemeinde in Qumran erinnert: Wen meint Matthäus? Wer sind die Menschen reinen Herzens? So direkt lässt sich diese Frage nicht beantworten, denn sie führt zunächst in die Sackgasse, aus der sie gerade herausführen soll: Wer sind die Menschen reinen Herzens? In dieser Fassung ist diese Frage eine Frage aus unreinem Herzen, weil sie auf eine Unterscheidung drängt, die Unterscheidung der Menschen mit reinem Herzen von den Menschen mit unreinem Herzen. Nun ist das Denkmuster der Unterscheidung aber eine unverzichtbare Begleiterscheinung allen Lebens, ohne Unterscheidungen findet sich niemand im Leben zurecht. Jede Aussage, jede Feststellung erzeugt zugleich eine Abgrenzung. Wenn ich von Kindern rede, habe ich zugleich Erwachsene vor Augen, wenn ich Sonnenlicht denke, habe ich zugleich auch die Nacht im Sinn. Unterscheidungen sind die Grundlage der Orientierung in der Welt, auch der biblische Schöpfungsbericht beginnt mit einer fundamentalen Unterscheidung: Und Gott schied das Licht von der Finsternis. Alle Unterscheidungen sind aber zugleich gefährlich, ja lebensgefährlich, weil sie die Selbstbehauptung, die 1

2 Durchsetzung der eigenen Auffassung gegen andere Auffassungen hervorrufen, Position prallt auf Position, mit üblen Folgen: Ein Mensch wollt immer recht behalten, so kam s vom Haar- zum Schädelspalten, reimte schlicht, aber treffend Eugen Roth. Wen meint Matthäus, wer sind die Menschen reinen Herzens, denen verheißen wird, Gott zu schauen? Und ich frage bewusst nach Matthäus, denn er hat diese Seligpreisung einer Liste hinzugefügt, die er und Lukas vorgefunden haben. Lukas hat nur vier Seligpreisungen notiert, die bei Matthäus als die ersten vier stehen.. Wir müssen einen Umweg nehmen, um die Frage zu beantworten: Wen meint Matthäus, einen Umweg über eine andere Frage: Was sehen die, die reinen Herzens sind, wenn Matthäus fortfährt: sie werden Gott schauen? Sehen sie durch die Wolken hindurch in ein endloses Weltall? Sehen sie Traumbilder ihrer Phantasie? Ich will gar nicht erst die beliebt-berüchtigten Gottesbilder zitieren, die uns höhnisch vorgehalten werden. Karikaturen christlicher Gottesvorstellungen, über die wir aber kaum noch wütend werden. Bilder aus der Kinderstube, nicht ernst zu nehmen Rauschebart und Urgroßvater, Weltenrichter, Weltgewitter Nein, solche Gottesbilder bringen keine Seligkeit hervor! Sind es also eher die Bilder einer fernen, paradiesischen Zukunft: Werden die Gott schauen, die für ein gutes Leben belohnt werden sollen? So stellen es sich nicht wenige Menschen auch heute vor. Auch Matthäus neigte zu dieser Auffassung oder leistete ihr immer wieder Vorschub, wenn er von den törichten und den klugen Jungfrauen erzählte oder vom Weltgericht, in dem die einen verdammt und die anderen zur ewigen Seligkeit bestimmt werden. Aber zwischendurch klingt auch bei Matthäus immer wieder an, was der Lehrer aus Nazareth gemeint hat: Mit reinem Herzen sehen die Menschen anders, sie sehen nichts anderes, sondern sie sehen anders, sie sehen die Welt und die Mitmenschen als von Gott bestimmt, von Gott geprägt: Matthäus hat davon durchaus eine Ahnung! Er erzählt ganz typische Geschichten vom anderen Sehen, von der anderen Perspektive. Ich zitiere sie fast in jeder Predigt: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die nicht nach Leistung entlohnt werden, sondern nach dem, was sie zum Leben brauchen, oder das Wort vom Sonnenschein über Böse und Gute und vom Regen über Gerechte und Ungerechte. 2

3 Gott schauen mit reinem Herzen, das ist keine Belohnung für Wohlverhalten hier in einer fernen Himmelswelt dort, sondern es ist ein anderer Blickwinkel, eine andere Perspektive auf das Leben. Es ist wie mit einem Vexier- oder Kippbild, wo man einmal ein altes Gesicht und einmal ein junges Gesicht sieht, je nachdem wir man die Linien deutet, oder einmal eine helle Vase oder zwei sich gegenüberstehende Gesichter oder eine auf oder eine absteigende Treppe. Es ist eine andere Perspektive auf das Leben, wie in dieser Kirche, wenn die Sonne hereinscheint, wo auf einmal ein ganz anderes Raumgefühl entsteht, oder wie durch ein gutes Wort im rechten Moment gesprochen, Gegensätze und Streitigkeiten an Schärfe verlieren, das Klima sich wandelt durch ein versöhnliches, persönliches Wort. Und natürlich die Musik, das himmlisch Werk, sie kann die Perspektive verändern. Manche Klänge lassen auch dunkle Herzen auf einmal hell werden. Das haben wir als Gemeinde in der Schloßkirche nun seit Tagen erfahren.. Ich habe Miguel Prestia gebeten, uns auch in dieser Predigt wieder eine solche musikalische Wohltat zu bereiten, die auch schwere Herzen ein wenig leichter werden lässt. Und wenn nun mitten in der Predigt eine Chaconne von Dietrich Buxtehude erklingt, dann bitte ich Sie im Gesangbuch die Nr. 767 aufzuschlagen und die Worte der Seligpreisungen mitzulesen. Die ersten vier Sätze haben Lukas und Matthäus in etwa gemeinsam, dann folgen die vier Sätze, die Matthäus hinzugefügt hat: Die Worte über die Barmherzigen, über die Menschen reinen Herzens und über die Friedensstifter, die Söhne Gottes heißen werden und schließlich die Preisung derer, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Musik Chaconne von D. Buxtehude Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Das reine Herz ist kein Merkmal, das bestimmte Menschen vor anderen auszeichnet, sondern es ist eine Möglichkeit für alle Menschen, die sich eröffnet, gelegentlich, wenn sie den anderen Blick riskieren. Schon der Fromme des Alten Testaments weiß, dass sein Herz niemals rein sein kann. So ruft der Prophet Jesaja bei seiner Berufung im Tempel: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. 3

4 Aber ein Herz, das um seine Unreinheit weiß und sich seine Reinheit als Gabe von Gott erbittet, ist im Wissen um sein Versehrtsein rein. So hat es ein Ausleger geschrieben und damit meinte er: Indem das Herz Gott schaut, indem es die Kraft der Liebe erkennt, die ihm in seinem Leben begegnet, wird es rein, wird es verwandelt, nicht für immer, aber für diesen Moment, und wenn es sein kann, auch für die Zukunft. Man kann es ahnen, dass hier ein Wandel stattfindet, der die ganze Weltgeschichte verändert: Es geht nicht mehr darum, dass äußere Ordnungen eingehalten werden, sondern das Gewissen, das Herz beurteilt, was gut und richtig ist für den Menschen, orientiert an Gottes Wort: Ernst Käsemann hat zu dieser Bibelstelle geschrieben: Wer bestreitet, das die Unreinheit von außen auf den Menschen eindringt, trifft die Voraussetzungen und den Wortlaut der Thora und die Autorität des Mose selbst. Er trifft darüber hinaus die Voraussetzungen des gesamten antiken Kultwesens mit seiner Opferund Sühnepraxis. Des Menschen Herz entläßt für Jesus die Unreinheit in die Welt. Daß des Menschen Herz rein und frei werde, ist die Erlösung der Welt und der Beginn des Gott wohlgefälligen Opfers, des wahren Gottesdienstes. Es ist keineswegs so, dass sich diese Veränderung in der westlichen Kultur schon längst durchgesetzt hätte. Keineswegs. Noch immer erwarten die Menschen die Unreinheit von außen: Es sind die unübersichtlichen Verhältnisse, die Politiker, die Banker, oder zur Abwechslung mal die Eltern, mal die Lehrer, es sind immer die anderen schuld an jeglicher Misere, zuletzt natürlich Gott und bei ganz frommen Christen auch das eigene böse Herz, das angeklagt wird, als sei es außerhalb des Leibes. Zuletzt läuft alles auf eine Selbstbeschuldigung hinaus: Ich habe es nicht besser gekonnt, ich habe kein reines Herz. Jesus aber, so wie ihn Matthäus verstanden hat, sagt nicht: Ihr seid schuld, Eure Bosheit macht das Leben so schwer! Er formuliert positiv: Selig sind die Menschen reinen Herzens! Sie schauen Gott! Sollte das nicht heißen: Gott kann nur wirken, wenn Menschen seiner Wirkung trauen? Es geht um die Seligkeit, darum, der Quelle des Lebens ganz nahe zu sein, zu spüren: Gott liebt Dich, er hat Dir Dein Leben geschenkt und er braucht Dich, damit seine Liebe auch anderen Menschen nahe kommt, so wie dieses Kind, Helena Marie die lebensnotwendige Liebe gar nicht spüren könnte, ohne Vermittlung durch seine Eltern und Angehörigen. Wie anders sollte Gottes Liebe im Leben der Menschen wirksam werden, wenn nicht gelegentlich Menschen spüren, wie Gottes Liebe sie trägt und sie dann diese Erfahrung äußern, bezeugen, weitersagen und weitertragen. 4

5 Man beachte die Zusammenstellung: Die Seligpreisung der reinen Herzen ist umgeben von der Seligpreisung der Barmherzigen und der Friedensstifter: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen! Und: Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen. So auch die reinen Herzens: Es sind Menschen, die eine andere Realität erahnen, die Welt Gottes in unserer Welt, sicher selten dauerhaft, aber doch dann und wann, und uns ist diese Wirklichkeit keineswegs unbekannt, eine Welt, die Barmherzigkeit kennt und in der Frieden kein Fremdwort ist. Wir kennen sie wohl, sonst würden wir sie nicht gelegentlich schmerzlich vermissen. Wie realistisch Matthäus denkt, zeigt die Seligpreisung, die diese Reihe abschließt: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich. Die Menschen, die sich Barmherzigkeit vorstellen können, die Friedensstifter und die Menschen, die mit ihrem Herzen Gott spüren, wenigstens gelegentlich, sie haben kein leichtes Leben, sie müssen damit rechnen, dass man ihnen ihr Zeugnis nicht abnimmt, sie nicht anerkennt, sondern sogar verfolgt und ihnen auch vorwirft, dass sie es nicht durchhalten, ihren Einsichten entsprechend zu leben. Deshalb bitten wir für uns immer wieder mit den Worten des Psalters: Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist (aus Psalm 51). Amen. 5

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