Perspektiven der betrieblichen Altersversorgung

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1 Perspektiven der betrieblichen Altersversorgung Zwischen Wünschen und Zwängen, Komplexität und Verdrängung Prof. Horst Müller-Peters Institut für Versicherungswesen Fachhochschule Köln Claudiusstr Köln Tel.: 0221 / Vorstand (Vors.) psychonomics AG Berrenrather Str Köln Tel.: 0221/ Kölner Versicherungssymposium, 30. November 2007

2 Agenda 1. Altern - zwischen Wunsch und Realität 2

3 Alterswünsche: Erwartungen an den Ruhestand Von Berufstätigen gewünschte Aktivitäten im Ruhestand Quelle: Opaschowski, 1998; n = 600 das tun, wozu man gerade Lust hat ausgiebig frühstücken Freunde, Verwandte besuchen Reisen Zeitung lesen Fernsehen ausgehen sich fit halten, Sport treiben Einkaufs-, Schaufensterbummel Kreuzworträtsel lösen Zum Teil deutliche Abweichungen zur Realität 3

4 Finanzielle Lage im Ruhestand 80 Personen vor dem Ruhestand: Denken Sie, dass Sie Ihren Lebensstandard im Alter...? Personen im Ruhestand: Haben Sie Ihren Lebensstandard seitdem Sie sich im Ruhestand befinden...? 100 Personen im (Vor-)Ruhestand Personen vor dem Ruhestand Angabe in % Basis: Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren senken müssen beibehalten können steigern können 10 Zum Teil hohes Problembewusstsein 6 Studie psychonomics / ING-DiBa 2005: Lebensentwürfe und Zukunftspläne 4

5 Stand der Altersvorsorge und Information Wirklich ausreichend? Angaben in Prozent Vorsorge ausreichend keine ausreichende Vorsorge/Information, keine aktive Informationssuche keine ausreichende Vorsorge, aber ausreichende Information 15 9 keine ausreichende Vorsorge und Information, aber aktive Informationssuche n=1.380 Befragte zwischen 18 und 59 Jahren nach wie vor deutliche Handlungsdefizite Quelle: psychonomics Kundenmonitor Assekuranz Highlight Altersvorsorge/Lebensvers. 5

6 Hoffen und Verdrängen: Psychologische Mechanismen zum Thema Altern und Vorsorge Angst vor Krankheit, Isolation, Tod Abwehr und Verdrängung Altern Hoffnung auf einen schönen Lebensabend Traum vom Leben ohne Verpflichtungen Bedrohung Altersvorsorge Verstärkun g Angst vor Verarmung subjektiv hohe Bedeutung Wissens- und Handlungsdefizite Quelle: psychonomics, qualitative Untersuchungen z.t. auch irrationale Sicherungstendenzen 6

7 Agenda 1. Altern - zwischen Wunsch und Realität 2. Altersvorsorge - Die Qual der Wahl 7

8 Vorsorge komplex 3 Säulen x 5 Wege X 100 Anbieter? 47 Seiten 10 Schaubilder 113 Schlagworte Wahlfreiheit oder Wahlzwang? 8

9 Das Marmeladen-Experiment (Iyengar, Lepper 2000, Journal of Personality and Social Psychology) Experimentalbedingung 1: Begrenzte Auswahl (6 Sorten) Experimentalbedingung 2: Breite Auswahl (24 Sorten) 260 Passanten 104 Betrachter (40%) 31 Käufer (30%) 242 Passanten 145 Betrachter (60%) 4 Käufer (3%) 9

10 10

11 Weitere Experimente zur Wahlfreiheit (Iyengar, Lepper 2000, Journal of Personality and Social Psychology) Referate von Studenten, die eine begrenztere Auswahl an Referatsthemen hatten (6 statt 30)... wurden signifikant häufiger fertig gestellt waren inhaltlich besser. Studenten, die an einer Schokoladenprobe (Godiva) teilnahmen, hatten Gruppe 1: keine Auswahl (nur eine Sorte) Gruppe 2: begrenzte Auswahl (Wahl zwischen 6 Sorten) Gruppe 3: breite Auswahl Wahl (Wahl zwischen 30 Sorten) Wären wir nicht alle gerne Gruppe 3? Die Studenten aus Gruppe 3 hatten mehr Spaß an der Auswahl, aber... waren weniger zufrieden mit ihrer Entscheidungsfindung als Gruppe 2, waren weniger zufrieden mit dem gewählten Produkt als Gruppe 2, entschieden sich am Ende weitaus seltener für ihre Schokolade als für andere angebotene Geschenke (12% im Vergleich zu 48% bei Gruppe 2, Gruppe 1 hatte 10%) 11

12 Ergebnis: Choice Overload, oder The Tyranny of Choice Obwohl Kontrolle und Wahl als positiv und motivierend gesehen wird, wirkt zuviel Entscheidungsfreiheit oft konträr: Die Entscheidungsfindung wird als schwierig und frustrierend angesehen Die getroffene Entscheidung wird als weniger befriedigend erlebt, das gewählte Produkt als weniger vorteilhaft Reaktionen? a) Vereinfachung Abkürzung des Entscheidungsprozesses durch... Berücksichtigung nur weniger einzelner Angebote Ausblenden der meisten Informationen Orientierung an Experten Orientierung an der Mehrheit (Effekt der sozialen Bewährtheit ) Affektive Entscheidung (nach Gefühl) Vertrauen auf Marke / Schlüsselinformationen (z.b. Rating) b) Verdrängung, Aufschub, Verzicht fortgesetzte Suche nach weiteren Alternativen Aufschub der Entscheidung Verharren in der default option völliger Verzicht auf Handlung Kunden in der Handlungsstarre? Oft sinnvolle Entscheidungsstrategie, oft suboptimales Ergebnis 12

13 Übertragung auf Versicherungskunden: Kompetenz, Motivation und Aktivität in Versicherungsfragen Kompetenz: Mit Versicherungen kenne ich mich gut aus trifft voll und ganz zu trifft eher zu 42 trifft eher nicht zu 26 trifft überhaupt nicht zu Motivation: Um Versicherungsangelegenheiten kümmere ich mich nur so viel wie unbedingt nötig trifft voll und ganz zu trifft eher zu trifft eher nicht zu trifft überhaupt nicht zu Aktivität: Wenn ich eine Versicherung abgeschlossen habe habe ich versucht das beste Angebot herauszufinden, auch wenn es aufwändig war....habe ich zugegriffen sobald mir ein Angebot vernünftig erschien. Quelle: psychonomics Kundenmonitor Assekuranz

14 Entwicklung von Kompetenz, Motivation und Aktivität nach der Deregulierung des Versicherungsmarktes 90% 80% 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% Kein Anstieg in Motivation und Kompetenz! Was heißt das für die Entscheidung in der Altersvorsorge? Um Versicherungsangelegenheiten kümmere ich mich nur so viel wie unbedingt nötig.... meist nur ein oder zwei Angebote eingeholt Mit Versicherungen kenne ich mich gut aus. Quelle: psychonomics Kundenmonitor Assekuranz 14

15 Agenda 1. Altern - zwischen Wunsch und Realität 2. Altersvorsorge - Die Qual der Wahl 3. Die bav aus Sicht von Arbeitnehmern und Unternehmen 15

16 Arbeitnehmer: Besitz und Interesse bav 100% 80% 60% n=976 n=1806 n=1.662 n=1757 n= Nicht-Interessierte bav-interessierte bav-abschlussbereite bav-besitzer 40% 20% 0% April 2004 Sep 04/Apr. 05 Sep 05/Apr. 06 Sep 06/Apr. 07 Sept Angaben in Prozent der Zustimmung Nur langsam zunehmendes Interesse der Arbeitnehmer nach wie vor geringe Abdeckungsquote Quelle: psychonomics bav-report 2007, Arbeitnehmerbefragung 16

17 Arbeitnehmer: Subjektiver Informationsstand zur bav Ich fühle mich über die Möglichkeiten der betrieblichen Altersversorgung in meiner Firma gut informiert. (n=1.692) 60% Un-Informierte =63% 40% 39 20% % trifft voll und ganz zu trifft eher zu trifft eher nicht zu trifft überhaupt nicht zu Verteilung annähernd konstant seit September 2003! Quelle: psychonomics bav-report 2007, Arbeitnehmerbefragung 17

18 Arbeitnehmer: Einstellung zur bav nach Informationsstand Auseinandersetzung mit Risiken der bav: Ich habe mir bereits Gedanken darüber gemacht, wie sicher die bav ist. * bav-sicherheit: Die betriebliche Altersversorgung ist eine sehr sichere Anlageform. * 18 Un-Informierte (63%) 35 Informierte (27%) bav-besitz: Ich habe bereits einen Vertrag zur betrieblichen Altersversorgung abgeschlossen bav-interesse: Ich bin an der Möglichkeit einer betrieblichen Altersversorgung über meinen Arbeitgeber interessiert. * bav-abschlussbereitschaft: Ich werde innerhalb der nächsten 12 Monate einen Vertrag zur betrieblichen Altersversorgung über meinen Arbeitgeber abschließen. * 4 21 *Basis: Befragte ohne bav-besitz Angaben in Top-Boxes (trifft voll und ganz zu +trifft eher zu) Quelle: psychonomics bav-report 2007, Arbeitnehmerbefragung, *bav-report

19 Unternehmenssicht bav-angebot durch Unternehmen Bietet Ihr Unternehmen gegenwärtig bereits irgendeine Form von betrieblicher Altersversorgung für die Arbeitnehmer an? ja nein Feb % 22% n=504 Okt % 23% n=561 Mai % 32% n=300 Mai 2002 Quelle: psychonomics bav-report 2007, Arbeitnehmerbefragung 65% 35% 19 n=315 Abdeckung der Unternehmen wächst nur noch langsam (nur 2 % planen Neueinführung). Die Durchdringung im Unternehmen nimmt sukzessive zu.

20 Unternehmenssicht: Verteilung der Durchführungswege Wenn Sie nun einmal nur jene Mitarbeiter betrachten, die bereits eine bav besitzen. Wie verteilen sich die angebotenen Durchführungswege auf diese Mitarbeiter? (n=369) Pensionsfonds 4% Direktzusage 11% 9% Unterstützungskasse Pensionskasse 42% 34% Direktversicherung Basis: Alle Befragten, deren Unternehmen gegenwärtig bav anbietet Quelle: psychonomics bav-report 2007, Unternehmensbefragung 20

21 Fazit Altern bleibt ein ambivalentes Thema Das Problembewusstsein ist hoch Die Brisanz wird dennoch oft unterschätzt Verdrängungstendenzen und zunehmender Anteil an Resignierten Betriebliche Altersvorsorge kann ein wichtiger Baustein sein, der sich aber nur (zu?) langsam durchsetzt Komplexitätsproblem trotz Verbesserungen (u.a. Gleichstellung der Direktversicherung, Vereinfachung der Riesterrente) Erstaunlich viele kleine und mittlere Unternehmen nach wie vor bav-freie Zone Die Durchdringung in den Unternehmen ist höchst unterschiedlich das Thema muss aktiv an die Mitarbeiter herangetragen werden. Das Provisionsproblem wurde entschärft, aber wie wirkt sich möglicher Ausweis der Abschlusskosten aus? Komplexitäts- und Unsicherheitsreduktion als Kernziele Durchbruch erst, wenn bav die Standardoption ist ( Konsensheuristik oder Effekt der sozialen Bewährtheit ) 21

22 Beispiel Konsumkredit Ihr Wunsch-Kredit der TeamBank AG. Mit Online- Sofortzusage, Fairness- Paket und TÜV-zertifizierter Software. easycredit - Deutschlands fairer Kredit. bav -> vom komplizierten Norm-Verstoß zum Commodity-Produkt im Konsumalltag 22

23 Agenda 1. Altern - zwischen Wunsch und Realität 2. Altersvorsorge - Die Qual der Wahl 3. Die bav aus Sicht von Arbeitnehmern und Unternehmen und zum Abschluss etwas Versöhnliches... 23

24 Lebenszufriedenheit Gesamtbevölkerung Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben ganz allgemein? Angabe in % Basis: Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren (n = 1.999) 0 sehr zufrieden zufrieden weniger zufrieden gar nicht zufrieden Studie psychonomics / ING-DiBa 2005: Lebensentwürfe und Zukunftspläne 3 24

25 Lebenszufriedenheit nach Alter 100% 80% Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben ganz allgemein? % 40% hohe Lebenszufriedenheit auch (besonders?) älterer Menschen 20% 0% unter bis bis bis bis (n = 349) (n = 388) (n = 340) (n = 342) (n = 296) (n = 284) sehr zufrieden zufrieden weniger zufrieden gar nicht zufrieden Studie psychonomics / ING-DiBa 2005: Lebensentwürfe und Zukunftspläne Basis: Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren 25

26 Frohes Altern! 26

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