Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert

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1 Unabhängiges Magazin print on demand Juli Zeitschrift für Kunst, Kultur, Philosophie, Wissenschaft und Wirtschaft Je Woche 2. Jahrgang 2006 ISSN Kulturexpress verpflichtet sich unabhängig über wirtschaftliche, politische und kulturelle Ereignisse zu berichten. Kulturexpress ist deshalb ein unabhängiges Magazin, das sich mit Themen zwischen den Welten aus Wirtschaft und Kultur aber auch aus anderen Bereichen auseinandersetzt. Das Magazin bemüht sich darin um eine aktive und aktuelle Berichterstattung, lehnt jedoch gleichzeitig jeden Anspruch auf Vollständigkeit ab. No. 27 Inhalt Ausgabe 27 Politik Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert Ökologie Seite 3 Klimawandel fördert Waldbrände Oper Seite 4 Zur Premiere am 23. Juni zu Georg Friedrich Händels "Agrippina" an der Frankfurter Oper in einer Inszenierung von David McVicar Ausstellung Seite 5 Erinnerungen an die Avantgarde. Fotografien von Ella Bergmann-Michel Seite 7

2 Impressum Herausgeber und Redaktion Rolf E.Maass Anschrift Postfach Frankfurt am Main mobil +49 (0) Voic +49 (0) Kontodaten: Rolf Maass Deutsche Kreditbank KTO: BLZ: IBAN: DE BIC: BYLADEM1001 internationale Site Werbeangebot Bitte bei der Eingabe Ziffer 5000 verwenden. Danke! Kostenloses Online-Konto! Weltweit kostenlos Bargeld an allen Geldautomaten aller Banken Kostenlose VISA + EC-Karten und Partnerkarten 3,05 % Spareinlage ab dem ersten Euro 7,9 % Überziehungszinsen Auch als Zweitkonto verwendbar Sicherheit des Bankpartners durch Mitgliedschaft im Einlagensicherungsfonds der öffentlichen Banken * Kulturexpress in gedruckter Form erscheint wöchentlich ISSN Finanzamt IV Frankfurt am Main St-Nr.: USt-idNr.: DE Kulturexpress - Unabhängiges Magazin

3 Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert Impulspapier des Rates soll Reformdebatte anstoßen Veröffentlicht am durch die Evangelische Kirche Deutschland EKD vom 05. Juli 2006 "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" lautet der Titel des Impulspapiers des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das am morgigen Donnerstag, 6. Juli, veröffentlicht wird. Der Text zeigt Möglichkeiten auf, wie die evangelische Kirche den vielfältigen Herausforderungen, vor denen sie steht, begegnen kann. "Bei einem aktiven Umbauen, Umgestalten und Neuausrichten der kirchlichen Arbeit und einem bewussten Konzentrieren und Investieren in Zukunft verheißende Arbeitsgebiete wird ein Wachsen gegen den Trend möglich", sagt der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber. Mit dem Impulspapier will der Rat eine Reformdebatte auf allen kirchlichen Ebenen und Handlungsfeldern anstoßen. Der Text geht davon aus, dass eine Vielzahl gesellschaftlicher Entwicklungen demographische Umbrüche, finanzielle Einbußen, hohe Arbeits-losigkeit, der globalisierte Wettbewerb einen Wandel der Strukturen auch der evangelischen Kirche notwendig macht. Angesichts eines neuen Interesses für Religion, für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen "wachsen die Chancen wie auch die Verpflichtung der Kirche, Menschen durch die Verkündigung des Evangeliums zu erreichen", betont Bischof Huber im Vorwort. Das Impulspapier zielt auf "einen Paradigmen- und Mentalitätswechsel", "der die evangelische Kirche auf die neue Situation ausrichtet", und "die Kraft zur Gestaltung des Umwandlungsprozesses freisetzt." Vier Grundannahmen bilden die Basis für die im Impulspapier vorgestellten Überlegungen. Leitend für Wesen und Auftrag der evangelischen Kirche sollen demnach "geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität" sein, "Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit", "Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen" und "Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit". Diese vier biblisch fundierten Grundansätze werden in zwölf Leuchtfeuern als Orientierungspunkte auf dem Weg ins Jahr 2030 so entfaltet, dass die Chancen und Veränderungsaufgaben in den Schlüsselbereichen kirchlichen Handelns beschrieben werden. Die Leuchtfeuer wollen für die nächsten Jahre konkrete Ziele in den Blick nehmen. Das von einer Perspektivkommission des Rates der EKD entwickelte Papier soll die in den Landeskirchen vorhandenen Reformanstrengungen sichten und bündeln, verstärken und fördern. Die regionale Auseinandersetzung mit den im Text formulierten Vorstellungen soll helfen, die notwendigen Veränderungen für den jeweils eigenen Bereich zu klären und zu fördern. Ausdrücklich verbindet der Rat der EKD mit der Veröffentlichung seines Textes den Wunsch nach kritischen Stellungnahmen und konstruktiven Weiterentwicklungen. Ein Forum für die Bündelung der ersten Ergebnisse dieser Reformdebatte wird der Zukunftskongress der EKD bieten, der vom 25. bis 27. Januar 2007 in der Lutherstadt Wittenberg stattfindet Evangelische Kirche in Deutschland Herrenhäuser Straße Hannover Tel: Fax: Kulturexpess - Unabhängiges Magazin 3

4 Klimawandel fördert Waldbrände Veröffentlicht am von Sigrid Totz/ Greenpeace vom 07. Juli 2006 Die Zahl der Waldbrände im Westen der USA ist in den letzten 20 Jahren stark angestiegen. US-Forscher halten den Klimawandel für die Hauptursache. In der neusten Ausgabe des Magazins Science sprechen die Wissenschaftler von einem Teufelskreis: Mehr Waldbrände durch Klimaerwärmung dezimierten den Baumbestand. Weniger Bäume nähmen weniger Kohlendioxid auf. Mehr Kohlendioxid verstärke wiederum die Klimaerwärmung. Die Zahl der Waldbrände in den USA stieg Mitte der Achtzigerjahre sprunghaft an. Eine Erklärung dafür lautete, die Bevorzugung bestimmter Baumarten durch die Forstwirtschaft habe den Anstieg womöglich begünstigt. Monokulturen mit ihrer gleichmäßigen Pflanzweise und ihren weitgehend gleichaltrigen Bäumen fördern die schnelle Ausbreitung von Feuer. Das Team um Anthony Westerling von der University of California in Merced kommt in seiner Studie aber zu einer anderen Auffassung. Die Forscher fanden heraus, dass die Zahl der Brände vor allem in den nördlichen Rocky Mountains zugenommen hat. Dort sind die Wälder weitgehend unberührt. Als Ursache, so die Experten, kommen nur die höheren Temperaturen und die früher einsetzende Schneeschmelze in Frage, die zu größerer Trockenheit führen. Klimaexperte Karsten Smid. "In den kommenden Jahrzehnten werden die Temperaturen in den ostdeutschen Bundesländern um zwei bis drei Grad ansteigen. Und die Sommer werden trockener." Brandenburg ist aufgrund seiner trockenen Sandböden und leicht entzündlichen Kiefernwälder das brandgefährdetste deutsche Bundesland. Nach Angaben des Umweltministeriums hat es dort bis Mai dieses Jahres bereits 65 Waldbrände gegeben. Fast 13,5 Hektar Wald wurden vernichtet. "An heißen Tagen brennen die ausgetrockneten Wälder wie Zunder", so Smid. "Stehen die staubtrockenen Wälder erst einmal in Flammen, können Temperaturen von 800 Grad entstehen und starke Winde die vernichtende Feuerwalze mit bis zu 100 Metern pro Minute durch die Wälder treiben." Sigrid Totz Greenpeace e.v. Große Elbstraße Hamburg Telefon: +49-(0) Fax: +49-(0) Was im Westen der USA zu beobachten ist, gilt auch für andere Länder, so für Australien, Spanien und Portugal. Und auch Deutschland muss mit häufigeren Waldbränden durch Hitze und Trockenheit rechnen. Das brandenburgische Agrar- und Umweltministerium hat am 4. Juli 2006 für sechs von 14 Landkreisen die höchste Waldbrandstufe (Stufe 4) ausgerufen. In sieben weiteren Landkreisen gilt Stufe 3. "Die typische Sommerdürre, die wir aus Spanien und Portugal kennen, drängt mit der Klimaerwärmung in den Osten Deutschlands vor", sagt der Greenpeace- 4 Kulturexpress - Unabhängiges Magazin

5 Zur Premiere am 23. Juni zu Georg Friedrich Händels "Agrippina" an der Frankfurter Oper in einer Inszenierung von David McVicar In herausragender Leistung die Rolle des burschikosen Blondschopf Nerone, gespielt und gesungen von der Schwedin Malena Emman vom 08. Juli 2006 Man kann das Stück als anspruchsvoll bezeichnen. Die Dramatik trägt gewaltige Züge. Die Inszenierung erhebt den Anspruch der Ernsthaftigkeit und ist dabei nicht langweilig. Das Publikum bestand teils aus älteren Herrschaften, treuen Operngängern und jenen, die einfach am Frankfurter Operngeschehen teilnehmen wollen. Die Kleidung der Gäste war zumeist in ein schwarzes Abendkostüm getaucht, während Aufführungen im Frankfurter Depot eher leger wirken. Das Publikum wirkt dort aufgelockert aufgrund der luftigen Räumlichkeiten. Agrippina ist ein klassischer Stoff deshalb, weil es um Intrigen geht. Das einzige Thema mit dem sich dramatische Oper ausführlich zu beschäftigen weiß. Zuerst haben wir eine gestrenge Mutter und Kaiserin Agrippina, die ihren Sohn Nerone auf den Thron bringen will, koste es was es wolle. Die Uraufführung des Stückes war am 26. Dezember 1709 am Teatro S. Giovanni di Grisostorno in Venedig. Der italienische Text stammt von Vincenzo Grimani, der in einer revidierten Fassung von René Jacobs in italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln aufgeführt wurde. Die musikalische Leitung hatte Felice Venarnzoni, Bühnenbild und und Kostüme von John Macfarlane. Das Licht übernahm Paule Constable, die Beleuchtungseinrichtung Robert Brasseur unter der choreographischen Mitarbeit von Andrew George. Zahlreiche englischklingende Namen, was auf den Regissuer Mc- Vicar zurückgehen dürfte. Bei dem Stück handelt es sich um eine Neueinstudierung des Théatre Royal de la Monnaie Brüssel. In der Rolle der Agrippina spielte Juanita Lascarro. Sie wirkt eher wie ein südländischer Typ, die den energischen Charakter der Herrin zu demonstrieren verstand, immer darauf bedacht Haltung zu wahren. Ihre Positur ist nicht gerade kräftig, dafür ist sie grazil. Eine Eigenschaft, die man von Nerone nicht gerade behaupten kann. Ein rechter Bursche und blonder Jüngling, der so ganz dem Temperament der grazilen Mutter widersprach. Gerade richtig, um ihn auf das höchste Amt zu setzen. Bei genauerer Betrachtung entpuppte sich die männliche Rolle sogar als Frau. Gesungen wurde Nerone von der Schwedin Malena Emman, die sich alle Mühe gab das burschikose Wesen des Jungen sachgerecht wiederzugeben. Das ging bis hin zur Pose des Urinierens auf der Bühne nach Männerart. Malena Emman schaffte ihren Durchbruch 1998 an der Königlichen Oper in Stockholm. Der Versuch Nerone auf den Thron zu bringen beruht darauf, daß Agrippina annimmt ihr Gemahl Claudio, gesungen von Simon Bailey sei verunglückt. Der Baßbariton Bailey sollte jedoch nicht seiner Rolle im Stück beraubt werden. Lesbo, gespielt von Gérard Lavalle bringt die Botschaft, daß Claudio lebt. Das Militär vertreten durch Pallante, gesungen von Soon- Won Kang und Narciso, gesungen von Christopher Robson sekundieren der Kaiserin. Nerone wurde bereits zum Kaiser ausgerufen. Der Retter Claudios heißt Ottone, der soll deshalb zum neuen Kaiser ausgerufen werden. Ottone wird gesungen von dem Countertenor Lawrence Zazzo. Ottone wiederum verrät Agrippina, daß er Poppea liebt. Poppea wird gesungen von Anna Ryberg, die seit 2004 zum Ensemble der Frankfurter Oper gehört. Sie sang zum Beispiel auch die Anna in der Oper "Nabucco". Aber auch Claudio interessiert sich verstärkt für Poppea. Von ihren Verehrern Claudio, Ottone und Nerone ist Poppea aber nur Ottone zugeneigt. Agrippina verleumdet Ottone, er wolle zugunsten des Throns auf Poppea verzichten. Poppea rächt sich, indem sie auf Agrippinas Rat Claudio Liebe vorspielt Kulturexpess - Unabhängiges Magazin 5

6 und somit erreicht, daß er Ottone seine Gunst entzieht. Der Triumphzug für Claudio zeigt, daß Ottone in Ungande gefallen ist. Im II. Teil beginnt Poppea ihre Tat zu bereuen. Sie bestellt Nerone zu einem Rendezvous. Pallante und Narciso, die mittlerweile Agrippina durchschaut haben, werden von ihr gegen Ottone aufgehetzt. Dadurch erreicht sie, daß Claudio seinen Sohn Nerone zum Kaiser und Nachfolger bestimmt. Er hat aber in Wirklichkeit nur das nächste Treffen mit Poppea im Kopf, die sich wiederum mit Ottone versöhnt hat. Sie versteckt Ottone hinter einer Tür. Nerone erscheint, den sie ebenfalls hinter einer Tür versteckt. Dann kommt Claudio, dem Poppea einredet nicht Ottone, sondern Nerone sei der Verräter und sein Rivale. Zum Beweis holt sie den versteckten Nerone hinter der Tür hervor. Poppea und Ottone feiern ihr Glück. Pallante und Narciso verklagen Agrippina bei Claudio. Claudio verzeiht allen und gibt Nerone den Thron. Womit wieder einmal bewiesen ist, die Macht gehört den Mächtigen und nicht den Liebenden. Die Kostüme waren angepaßt an die Gegenwart. Anzüge, Abendkleid und Paradeuniformen prägten das Bild. Das Bühnenbild war größtenteils in ein schlichtes Grau mit Säulengängen gehüllt. Der Thron, ein Sessel auf der obersten Stufe einer hohen Treppe, gleich einer Stufenpyramide, erhob sich und galt es zu erklimmen. Bedeutungsvoll war hier nochmals die männliche Rolle des Nerone, gespielt von Malena Emman, der wirklich viel Beifall gebührt für ihre aufopferungsvolle Leistung als Blondschopf. Aber auch die Rolle des Asiaten Pallante durch Soon-Won Kang übte einen eigentümlichen Reiz mit seiner militärischen Härte aus. Historisch gesehen adoptierten sie ein Jahr nach der Eheschließung zwischen Agrippina und Claudio ihren Sohn Nero. Er sollte glücklicher sein als Agrippinas unglücklich verstorbener gleichnamiger Bruder. Im Jahr 53 hatte sich Nero auf Betreiben seiner Mutter mit seiner Stiefschwester Octavia vermählt. Im Oktober 54 starb Claudio. Man war der Ansicht, daß Agrippina ihn mit Pilzgericht vergiftet hatte. Claudio hatte die Zurücksetzung seines zweiten Sohnes Britannicus zu sehr bereut. Dafür sollte er büßen. Im Jahre 1708 ging Händel nach Neapel. In Venedig schaffte er den Durchbruch. Seine bedeutendste Bekanntschaft war die mit dem Vizekönig Kardinal Grimani. Grimanis Familie, eine der ältesten in Kulturexpress Venedig, besaß dort das Theater S. Giovanni Grisostorno, die führende Opernbühne. Grimani empfahl Händel seinen Verwandten und gab ihm ein Textbuch für seine Oper Agrippina mit. Er hatte sie selbst geschrieben. Man beeilte sich die Karnevalsaison mit dem Stück zu eröffnen. Rolf. E.Maass Aufführungstermine in dieser Saison Agrippina am: Donnerstag, den um 19 Uhr Sonntag, den um 19 Uhr 6 Kulturexpress - Unabhängiges Magazin

7 Erinnerungen an die Avantgarde. Fotografien von Ella Bergmann-Michel Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt am Main vom 29. April bis 16. Juli 2006 vom 08. Juli 2006 Die Fotografin Ella Bergmann-Michel wurde 1895 in Paderborn geboren und starb 1971 in der Schmelzmühle bei Frankfurt, das Domizil, das auch während der Kriegsjahre und der Unterdrückung bestand hatte. Seit 1920 war sie mit Robert Michel verheiratet. Eine Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt am Main ehrte das Werk der Künstlerin vom 29. April bis 16. Juli Zahlreiche andere große Museen hatten das auch schon getan, wie Folkwang in Essen oder das Sprengel-Museum in Hannover. Die Qualität der Bilder ist aber viel größer, als dies eine einzelne Ausstellung zu vermitteln vermag. Denn Bergmann-Michels Arbeit birgt Schätze. Sie war keine Berufsfotografin, sondern zählte sich der Avantgarde zugehörig. Sie studierte bei Walter Gropius an der Bauhaus-Schule in Weimar. In der Klasse bei Walter Klemm, der zum Reformkreis um Henry van de Velde gehörte, lernte sie ihren Mann kennen. Die Fotografien Bergmann-Michels sind kleine, autonome Kunstwerke, die ein Bild der absoluten Erinnerung hinterlassen. Sie erfüllen zum einen den Zweck des Dokumentarischen, wenn es darum geht das Neue Frankfurt der 1920er Jahre darzustellen. Gewohnte Ansichten sind nicht einfach zu finden. Es sind Seitenblicke, die ein ganzes Geschehen widerspiegeln. Beispiel ist eine Häuserszene. Einige Menschen sind mit im Bild, nicht bloße Staffage sondern Menschen, die etwas von sich erzählen können. Nicht im nostalgischen Sinne erzählen, aus einer längst vergessenen Zeit, sondern unmittelbar aus der Gegenwart heraus. Das können Einflüsse sein wie der aktuelle Sonnenstand, der eine gebeugte Körperhaltung hervorruft, um sich gegen das Licht abzusetzen oder es ist die Tageszeit, die zum Mittagessen ruft und schon hungrige Gesichter auf die bevorstehende Mahlzeit erzeugt. Das sind Kindergesichter, Menschen aus der Umgebung oder Menschengruppen auf der Straße. Das Auftauen ist in diesen Bildern. Fast sind es bewegliche Fotografien. Es tauchen Strukturen auf ebenso wie die anmutende Ästhetik der Räume. Ein Treppenaufgang erzählt seinen Gang in das obere Stockwerk. Lange Schatten ziehen sich wie später bei Giacometti. Brückenpfeiler und monumentale Bauten der Moderne präsentieren sich aus ungewohnter Perspektive. Es ist bei Ella Bergmann-Michel manchmal der Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, die erst später nach dem Krieg wahr zu werden beginnt. Die Vorteile, die den Menschen durch die neue Architektur geschenkt wird, sind noch unbelastetes Konzept. Diese gesellschaftlichen Veränderungen gehen in den fotografischen Notizen Bergmann-Michels auf. Von der Depression, der Armut und dem Elend während der Diktatur ist kaum etwas zu bemerken. Es scheint fast, als seien die Fotografien so ausgewählt, damit dieser Eindruck übergangen wird. Ein jüdisches Mädchen liegt zu Hause auf dem Sofa. Es heißt, sie sei später deportiert worden. Ahnungslosigkeit drücken die Gesichter aus und sind dennoch voller Inbrunst auf das Zukünftige gerichtet. Ella Bergmann-Michel war nicht die einzige Fotografin, die in diesen Jahren in Frankfurt lebte. Neben ihr sind auch Freundinnen von ihr in der Ausstellung zu finden. Die anderen Fotografinnen führen ebenso berechtigt ein Künstlerdasein. Haben aber meiner Meinung nach einen anderen Ansatz als Bergmann-Michel. Die zukunftsweisende Betrachtung gesellschaftlicher Veränderungen, die mit hoher Sensibilität zum Ausdruck kommen, kann nur durch die Individualität Ella Bergmann-Michels aufleben. Die Fotografinnen miteinander zu verquicken, halte ich für falsch. Eine Verfälschung der Eindrücke ist das Ergebnis. Das gemeinsame Bild der Freundinnen zu verbreiten, hat vielmehr etwas mit Tugendhaftigkeit zu tun als mit künstlerischer Aussagekraft. Rolf E.Maass Kulturexpess - Unabhängiges Magazin 7

8 Ella Bergmann-Michel Fotografien, Filme, Freundinnen vom 29. April bis 16. Juli 2006 Historisches Museum Saalgasse 19 (Römerberg) Frankfurt am Main Tel.: Fax: ISSN

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