Computer und Gesellschaft: Revolution, Rationalisierung oder Katastrophe? 1

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1 Zur Einleitung Computer und Gesellschaft: Revolution, Rationalisierung oder Katastrophe? 1 Der Computer verändert die Gesellschaft, in der wir leben. So oft ist solch eine Wirkung registriert und beschrieben worden, dass ein weiterer Text darüber kaum mehr zu lohnen scheint. Zumindest wirkt es bei dieser Allgemeinheit der Aussage zwecklos, die Leistungspotentiale des fraglichen Gerätes festzustellen und auf positive wie negative Wirkungen in diesem und jenem sozialen Bereich hochzurechnen. Diese Potentiale sind ebenso wie ihre Wirkungen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene kaum festzuhalten. Alan Turings frühe Kennzeichnung des Computers als»universale Maschine«trifft den Kern des Problems. 2 Universal heisst: das Potential des Computers lässt sich nicht auf einen spezifischen Zweck einschränken. Die universale Maschine lässt sich vielmehr für jeden Zweck einsetzen, der in einem Input-Output-Schema dargestellt werden kann. Was dem Computer als Können und Nicht-Können zugeschrieben wird, hängt folglich immer davon ab, welche Zwecke und Mittel vorgegeben und in ein Leistungsschema von Input und Output übersetzt werden. Die Leistungen des Computers variieren mit den Beschreibungen seiner»aufgaben«(vgl. Funken 1997). 3 Leistungen wie Wirkungen des Computers unterliegen somit konstitutiv einem fortlaufenden Prozess der Transformation. 4 Darin liegt der Grund, dass sie sich nicht allgemeingültig festhalten lassen. Man kann nicht annehmen, dass sich daran in absehbarer Zukunft etwas ändern wird. Denn das hiesse, alle denkbaren Zwecke und ihre Leistungsschemata müssten endgültig definiert und von der universalen Maschine festgehalten sein. 1 Diese Publikation geht aus einem Forschungsbericht hervor, der dem Schweizerischen Nationalfonds zum Abschluss des Projektes»Die Informatisierung des Managements«vorgelegt wurde. Für die grosszügige Unterstützung nicht nur der Forschungen, sondern in der Projektförderung eher ungewöhnlich in gleichem Masse der Theoriearbeit sei hier ausdrücklich gedankt. Ein weiterer Zuschuss des Nationalfonds reduzierte den Buchpreis. 2 Turing 1936; zum Rückblick die Beiträge in Herken Redewendungen wie»der Computer verändert«,»kann dies oder jenes (nicht)«verdecken bereits diesen sozialen Prozess jeder»könnens«-beschreibung und führen unweigerlich in die ebenso unergiebige wie unabschliessbare Mensch-Maschine-Fertigkeiten-Debatte (die nebenbei bemerkt so alt ist wie die Emergenz von»technologie«, vgl. nur Rossi 1996). Wenn hier und nachfolgend singularisierend von»dem Computer«gesprochen wird, dann ist damit stets der Eigenschaftskomplex dieser Hochtechnologie gemeint, nie aber eines dieser Geräte, die ENIAC, ERMETH, Fritz (ein Schachcomputer), Power MacIntosh G4 usw. heissen. 4 Siehe für einen Überblick und eine Analyse der Konjunkturen von Versprechungen und Enttäuschungen Breiter UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

2 Will man etwas über das Verhältnis von Computer und Gesellschaft erfahren, muss man die Formen der Beschreibung von Leistungen einrechnen. Denn eine Beschreibung, eine spezifische Definition von Zwecken und Leistungen kann ja nur in der Gesellschaft selbst vollzogen werden. Jedenfalls ist man bislang noch nicht soweit, die Zweckdefinition der Maschine selbst zuzutrauen allenfalls ihren Konstrukteuren, Programmierern und Benutzern, die man aber nicht gleich wegen ihrer spezifischen Tätigkeiten aus der Gesellschaft ausschliessen wird. Man kann den hier erforderlichen Rücksichten gerecht werden, wenn man sagt: Die Beschreibungen, die über den Computer angefertigt und ausgenutzt werden, sind selber Teil der Veränderungen, die die Gesellschaft durch den Computer erfährt. 5 Diese Formulierung eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Frage der Kausalität nicht nur in eine Richtung zu interpretieren. Man kann, wenn man die Beschreibungen hinzuzieht, auch sagen, dass die Gesellschaft den Computer verändert je nachdem, wie sie ihn beschreibt und welche Erwartungen an den aktuellen oder künftigen Nutzen (oder Schaden) des Computers sie mit diesen Beschreibungen bestärkt oder auch enttäuscht. Solche Erwartungen bilden die sozialen Kontexte dafür, welche technologischen Möglichkeiten jeweils erprobt, welche Folgewirkungen registriert, positiv oder negativ bewertet und entsprechend behandelt werden. Wenn man der Beschreibung des Computers solch eine Bedeutung unterstellt wie es hier und im folgenden geschehen soll, dann lohnt es sehr wohl, das Verhältnis von Computer und Gesellschaft noch einmal zu befragen. Denn es besteht nach wie vor eine verbreitete Ungewissheit darüber, wie dieses Verhältnis unabhängig vom jeweils aktuellen Stand und Nutzen der Technologie treffend zu kennzeichnen wäre. Die Diskussion oszilliert zwischen zwei oder sogar zwischen vier Polen. Die einen erwarten eine Revolution, die anderen eine Rationalisierung der Gesellschaft durch den Computer wobei sich die Beschreibungen noch zusätzlich dadurch unterscheiden, ob sie die Revolution respektive die Rationalisierung jeweils positiv oder negativ einschätzen. 6 Diese Debatte ist offenbar unentscheidbar, worauf ja schon ihre jahrzehntelange Persistenz hindeutet. Man wird hier kaum ein anerkannt richtiges Urteil erwarten können. Da es auch um Werturteile geht, wäre ein naheliegender Ausweg, die Wertmassstäbe der verschiedenen Positionen zu untersuchen, also eine Art Diskursanalyse oder 5 Eine Auffassung, die bislang vor allem in der Soziologie der Technikgenese vertreten wird, hier allerdings unter den unscharfen Begriffen des»leitbildes«oder des»paradigmas«der Technikentwicklung (siehe Knie / Helmers 1991 und für die Computertechnologie Rammert 1995b; Furger / Heintz 1997). 6 Eine kleine Auswahl aus diesem Repertoire: Dreyfus 1985; Weizenbaum 1978; Tietz 1987; Winograd / Flores 1992; Zuboff 1988; Forester 1992; Martin 1995; Makridakis 1995; Lempen 1995; Rost 1996; Baethge / Oberbeck 1990; Bühl 1997; Faust / Bahnmüller 1996; Ortmann et al. 1990; Taylor / Van Every 1993; Virilio Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

3 Ideologiekritik durchzuführen. Doch stellt sich diesem Verfahren bekanntermassen das Problem, eigene Wertpositionen bestimmen zu müssen, von denen aus die Wertmassstäbe der untersuchten Parteien zurückgewiesen werden können. Man gerät in einen unendlichen Zirkel, weil ja auch diese Positionen wiederum auf ihre Voreingenommenheiten hin beobachtet, kritisiert oder dekonstruiert werden können. So verwickelt man sich unvermeidbar in einen ideologiehaltigen Streit der Meinungen und der Gegenstand selbst, hier: das Verhältnis von Computer und Gesellschaft, gerät zwangsläufig aus dem Blick. Eine Alternative besteht darin, die verschiedenen Positionen nicht primär auf ihre Wertmassstäbe, sondern auf den Gesellschaftsbegriff hin zu beobachten, den sie ihren Aussagen über Revolution und Rationalisierung zugrunde legen. So gefragt, kann die Differenz der Urteile sehr rasch über die Differenzen in der Begrifflichkeit geklärt werden. Die Revolutionsliteratur versteht unter Gesellschaft die Gesamtheit der menschlichen Lebensbedingungen und konzentriert sich auf jene Bedingungen, die durch den Gebrauch von Technik verändert wurden und verändert werden können. Fraglos lassen sich zahlreiche Bedingungen auflisten, die durch den Computer variiert wurden und werden: im Bereich der Produktions- und Arbeitsbedingungen, im Transport von Nachrichten, Gütern und Personen, im Konsum von Dienstleistungen und vieles andere mehr. Und dann kommt alles darauf an, wie wichtig einzelne dieser Variationen eingeschätzt werden, ob man hier eine Revolution sehen will und ob sie relativ zur Gesamtheit der Relevanzen im Saldo als Fortschritt oder Rückschritt zu würdigen sei. Wir finden im Rahmen dieses Gesellschaftsbegriffs eine Fortsetzung jener neuzeitlichen Tradition, die die Gesellschaft nach dem Zustand ihrer Technik definiert, in Epochen einteilt und den Übergang von einer Epoche in die nächste als Fortschritt bestimmt. Gemäss dieser Beschreibung befinden wir uns in einer anhaltenden, durch den Computer und die Übertragungstechnologien induzierten Revolution, von der niemand weiss, wie lange sie noch dauern und was sie am Ende bringen wird. Für das Verhältnis von Rationalität und (moderner) Gesellschaft stehen der Name und das Werk von Max Weber (vgl. Habermas 1981, S ; Lash 1987; Schluchter 1998). Aber man muss wenn man Webers Problemstellung näher betrachtet auch die ältere Literatur hinzunehmen, die in der Arbeitsteilung das prägende Kennzeichen der gesellschaftlichen Entwicklung sieht; also die frühe nationalökonomische Theorie (respektive die»politische Ökonomie«) von David Ricardo über Adam Smith bis hin zu Karl Marx und in der Soziologie natürlich Emile Durkheim. 7 Heutzutage wäre an die These von der reflexiven Modernisierung zu denken (Beck 1993; Beck et al. 1996), von der 7 Siehe zu diesen Linien die Beiträge in Luhmann UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

4 eine Vollendung des Projekts der Moderne (Habermas 1990), die Realisierung einer wirklichen Rationalität erhofft wird. Es wird der Differenzierung und Tiefe dieser Tradition sicher nicht gerecht, wenn man sie auf eine durchgängige und gemeinsame Begrifflichkeit von Rationalität und Gesellschaft reduziert, zumal beide Begriffe gar nicht expliziert und klar eingegrenzt werden, selbst bei Max Weber nicht. Aber für die Zwecke unserer Problemstellung kann doch auf einige bestimmende Merkmale im Rahmen der Rationalisierungstheorien hingewiesen werden. Gesellschaft wird vorwiegend als eine Einrichtung zur Koordination zweckgerichteten Handelns verstanden, die um Koordination leisten zu können der Unterscheidung von Zwecken und Werten bedarf. Die Werte entscheiden darüber, ob die Koordination positiv oder negativ gelingt, ob sie sich in Kooperation oder in Konflikt der Handelnden realisiert. Bei Durkheim und noch bei Talcott Parsons wird dieser wertbezogene Gesellschaftsbegriff besonders deutlich. Aber auch in den anderen Theorien ist die Koordination von Zwecksetzungen über Werte impliziert, so in Richtung Kooperation über Märkte und Verträge oder in Richtung Konflikt über Macht und Hierarchien (bei Weber: Herrschaft und Bürokratie). Die These von der (fortlaufenden) Rationalisierung der Gesellschaft setzt auf der Seite der Zwecke an. Sie sieht eine fortschreitende Zergliederung, Verfeinerung und Perfektion der Zwecksetzungen am Werke. Diese Zergliederung wird über die Dekomposition von Zwecken und Mitteln sowie ihrer Rekomposition auf einem komplexeren Niveau realisiert. Und je nach theoretischer Präferenz für Kooperation oder für Konflikt wird dieser Prozess eher positiv (zunehmende Freiheit und Wohlfahrt) oder eher negativ (zunehmende Disziplinierung und Bürokratie) bewertet. Es fällt nicht schwer, die Entwicklung und den Gebrauch des Computers in dieses Bild der gesellschaftlichen Entwicklung einzufügen. Dabei ist vor allem an die Rationalisierung von Arbeitsvollzügen zu denken. Der Computer ermöglicht es, neben den manuellen nun auch kognitive und dispositive Arbeitsgänge einer Art tayloristischen Beobachtung und maschinellen Rekonstruktion zu unterziehen (Brissy 1990, S. 234): Beobachtung all der einzelnen Schritte, die zur Transformation eines Inputs in einen Output notwendig sind und ihre energetisch wie zeitlich ressourcenoptimale Verteilung auf menschliche und maschinelle Transformatoren. Die ersten Computer-Anwendungen dieser Art, die seiner Fortentwicklung entscheidende Impulse gaben, lagen in Zwecken der wissenschaftlichen und technischen (nicht zuletzt: waffentechnischen) Berechnung. Aber auch in den Expertensystemen ist das Muster der kognitiven Transformation von Input zu Output maschinell realisiert. Die»Intelligenz«der Expertensysteme liegt darin, dass ihre Berechnungen nicht auf arithmetische (messende 10 Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

5 und zählende) Operationen beschränkt sind. Ihr Prinzip ist in erster Linie das der Mustererkennung in Texten und Objekten (Winograd / Flores 1992, S ), und es sind mehr algebraische denn arithmetische Algorithmen, die hier zum Einsatz gelangen und programmiert werden müssen. Aber wie komplex die Programme auch immer sein mögen: das Prinzip von Input-Transformation-Output wird nicht durchbrochen, und es bleibt dem Streit der Beobachter überlassen, ob sie eine bestimmte Transformation als»intelligent«bezeichnen wollen oder nicht. Schliesslich wäre auch an die computergestützte Rationalisierung des Entscheidens zu denken. Für diese Entwicklung ist an erster Stelle Herbert Simon anzuführen, der sowohl die Theorie des Computers als auch die Theorie des Entscheidens prägte und beide in eine enge Verbindung brachte (Simon 1969). Voraussetzung für diese Nähe von Computer- und Entscheidungstheorie ist eine kleine, aber folgenreiche Variation des Begriffs der Entscheidung. In der Tradition wurde Entscheiden als ein Abwägen von Mitteln zur Erreichung gegebener, über Präferenzen fixierter Zwecke oder Ziele verstanden. Herbert Simon und mit ihm die heutige Entscheidungstheorie (March / Olsen 1976; March 1988) hingegen begreift Entscheiden als Problemlösen (Newell / Simon 1972). Das Schema von Zweck und Mittel wird also durch das Schema von Problem und Lösung ersetzt beziehungsweise erweitert. Denn natürlich können beide Schemata wieder auf eines zusammengezogen werden, wenn man als Problem abermals das Erreichen eines gegebenen Zweckes einsetzt. Die Zweckfrage wird nicht aus-, sondern eingeschlossen. Das Schema von Problem und Lösung ist aber insofern umfassender, als es nicht von einem einzigen und eindeutigen Zweck oder Ziel ausgehen muss. Es schliesst den Fall ein, dass eine Entscheidung mehrere Ziele zugleich berührt, im Blick auf die verwendbaren Mittel Wertentscheide zwischen den Zwecken treffen muss und gegebenenfalls Widersprüchlichkeiten aufzulösen hat. Ein Problem kann daher Wertsetzungen nicht als extern gegeben behandeln. Im Gegenteil: Oft sind es gegebene Wertsetzungen und nicht Unsicherheiten in der Zweck-Mittel-Relation, die ein Problem darstellen und einen Entscheidungsbedarf überhaupt erst konstituieren. Die Affinität dieses Entscheidungsbegriffs zur Computertheorie und zu den entsprechenden Rationalisierungserwartungen wird erzeugt, wenn man das Schema von Problem und Lösung als einen Unterfall des Schemas von Input und Output und Entscheiden als eine Transformation von Input zu Output, vom Problem zur Lösung auffasst. Dann hängt für die Möglichkeit computerunterstützten Entscheidens alles davon ab, wie Problem und Lösung derart definiert und formalisiert werden können, dass eine Transformationsfunktion bestimmt und in eine algorithmische, computerlesbare Form übersetzt werden kann. Eindrucksvolle Beispiele dieser Art von Maschinisierung UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

6 und Rationalisierung finden sich im Bereich von Routineentscheidungen in der öffentlichen Verwaltung (vgl. Luhmann 1966; Brinckmann / Kuhlmann 1990; Jäger et al. 1996), bei den Expertensystemen (Collins 1990; Daniel / Striebel 1993; Rammert et al. 1998), bei der Überwachung komplexer technischer Anlagen (Heath / Luff 1992; Harper / Hughes 1993; Florian 1993), darüber hinaus aber auch bei strategischen, bei Planungs- und Gestaltungsentscheiden. Hier wäre vor allem an das Instrument computergestützter Simulationen zu denken. Eine Simulation modelliert komplexe Verlaufsmuster und erlaubt es, einzelne Grössen zu variieren und gemäss der programmierten Zusammenhangshypothesen (kausaler oder statistischer Art) die Effekte der Variationen auf die jeweils definierten Zielwerte zu studieren und die Ergebnisse in den Entscheidungsprozess einzugeben. Beispiele finden sich um von den wissenschaftlichen Anwendungsmöglichkeiten einmal ganz abzusehen im Bereich militärischer Strategiebildung (Neuneck 1995), beim Design von Industrieanlagen, Geräten und Produkten (Hörning / Dollhausen 1997) und in der Architektur (Luff / Heath 1993), für Marketingstrategien (Dowling / Cooper 1989), bei der Implementation politischer Programme (Heidenberger 1991; Wordelmann 1998) und in vielen weiteren Bereichen. Man kann in all diesen Fällen die Zahl der Variablen, die zu berücksichtigen sind, immens steigern. Die Grenzen des noch Berücksichtigbaren werden theoretisch allein durch ihre Modellierbarkeit, also durch die Komplexitäten der Formalisierung ihrer Relationen gesetzt und praktisch durch die Rechnerkapazitäten und den Aufwand, den die Erhebung der notwendigen Daten sowie die Programmierung der Simulation erfordert. Wenn man diese Entwicklung als Rationalisierung des Entscheidens interpretiert, ändert sich jedoch unversehens und unter der Hand der Begriff der Rationalität. Er verliert im Vergleich zum Zweck-Mittel- Schema seinen Handlungsbezug und verlagert sich auf die rein kognitive Ebene. Das wird nochmals deutlicher, wenn man fragt, in welcher Form Probleme als Inputs und Lösungen als Outputs definiert werden müssen, um durch Computerprogramme verarbeitet zu werden. Sowohl der Input wie auch der Output erscheinen hier als Information. Das Problem muss als ein Satz von Daten, also als Tatsacheninformation eingegeben werden. Als Output wird eine Auswahl der im Sinne der Zielwerte besten Lösung oder einer begrenzten Anzahl ähnlich guter Lösungen erzeugt, also eine Evaluationsinformation. Die Rationalität liegt hier darin, Werte auf Tatsachen (Daten, Fakten) zu beziehen und umgekehrt, und kann gesteigert werden, je mehr Tatsachen und je mehr Werte in einen Zusammenhang gebracht und modelliert werden können. Aber es ist klar, dass es in beiden Richtungen zur Menge der Daten wie zur Zahl der Werte Grenzen des Modellierbaren und dann des sinnvoll Interpretierbaren gibt. Und so ist kein Zufall, 12 Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

7 dass im selben Kontext auch der Begriff der»bounded rationality«geprägt wurde (Simon 1957); und dass diese Beschränkungen als Grenzen der Kognition, der Informationsverarbeitungsfähigkeit aufgefasst werden, die es computergestützt zu erweitern gelte. In vielen Hinsichten traut man mittlerweile der Information selbst Problemlösungsfähigkeit zu und begründet so die Hoffnungen auf eine Informationsoder Wissensgesellschaft (Bell 1989; Lyon 1988; Webster 1995 respektive Drucker 1968; Stehr 1994; Willke 1995) so als ob es der Gesellschaft wie beim Computer selbst gar nicht mehr auf Zwecksetzungen und Handeln ankäme. Es fehlt im Blick auf solche Rationalisierungstendenzen natürlich auch nicht an kritischen Interpretationen. Diese Kritik richtet sich vornehmlich auf die Abhängigkeiten oder auch auf die Kontrollverluste, die sich einstellen, sobald man die Durchführung relevanter Prozesse auf die Maschine überträgt, auf deren Funktionsfähigkeiten vertrauen und sich durch ihre Kapazitäten einschränken lassen muss. So hat zum Beispiel Bettina Heintz (1993) die markante Formel von der»herrschaft der Regel«geprägt. Heintz rekonstruiert vor allem die Art von Mathematik, die der Entwicklung des Computers zugrunde liegt und hebt dabei die Bedeutung des Algorithmus hervor, dessen Form die Programmierung des Computers ermöglicht und einschränkt und dies ganz unabhängig von der materialen Realisierung des ausführenden Gerätes (S. 234ff.). 8 Ein Algorithmus ist ein Satz von Regeln, der festlegt, wie ein gegebener Ausdruck (der Daten oder Variablen enthalten kann) in einen anderen Ausdruck zu verwandeln ist und welche Umwandlungen aneinandergereiht werden können. Der einfachste Fall solch einer Regel ist die Gleichung, etwa jene, die besagt, dass man für den Ausdruck»(a+b) 2 «den Ausdruck»a 2 +2ab+b 2 «einsetzen darf. Dem mathematischen Gleichheitszeichen liegt die Regel (oder Anweisung) zugrunde: Behandle die Ausdrücke auf den beiden Seiten als gleichwertig und austauschbar, wo immer diese Ausdrücke auch auftreten. Schon die»universale Maschine«, die Alan Turing auf dem Papier entworfen hatte, realisierte nichts anderes als die Abfolge von Austauschanweisun- 8 Seit der Entwicklung der sogenannten»von-neumann-architektur«(vgl. dazu Furger / Heintz 1997, insb. S. 533f.) wird in der Materialität des Computers zwischen Hardware, den elektronischen Bauteilen, und Software, den Programmen, unterschieden. Das Spezifische des Computers im Vergleich zu Werkzeugen und auch anderen Automaten ist in der Software zu sehen. Man kann sie selbst wiederum als Bauteile ansehen, deren Einsatz aus der Maschine jeweils eine andere Maschine macht (so interpretiert kann man mit Friedrich Kittler (1993) auch wieder sagen:»es gibt keine Software«). Im historischen Rückblick lassen sich Vorläufer programmierbarer,»software-gesteuerter«maschinen ausmachen, etwa auf verschiedene Muster einstellbare Webstühle (17. und frühes 18. Jahrhundert, siehe Strandh 1992, S. 194) oder die berühmten elektronischen Drehorgeln. Eines der Prinzipien der Von-Neumann- Architektur besagt, dass es was die materielle Fixierung, i.e. die Speicherung anbelangt logisch keinen Unterschied zwischen Daten und Programmen gibt (Steinmüller 1993, S. 342). Dies gilt selbstverständlich nur für die Informatik (die Theorie der Programmierkonzeptionen), nicht aber für die Anwendung, nicht für den Gebrauch. Auf dieser Ebene muss der Unterschied zwischen Daten und Programmen gewährleistet werden. UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

8 gen, und auch die Programme des»richtigen«computers folgen dieser Form des Algorithmus. Der Benutzer derart programmierter Maschinen sieht nur ihre Inputs und Outputs und kann die Umwandlungen von Input in Output weder beobachten noch nachvollziehen. Er ist, soweit er sich in seinen Handlungen und Entscheidungen auf die Ergebnisse einstellt, den Regeln, die die Maschine ausführt, unterworfen. Er kann weder ihre Angemessenheit noch ihre korrekte Anwendung kontrollieren. Auf einer höheren (respektive progammtechnisch»tieferen«) Ebene gilt dieser Kontrollverlust selbst für die Programmierer und Softwareingenieure, wenn man die hierarchische Struktur komplexer Programmiersprachen bedenkt, in denen»höhere Sprachen«auf jeweils»niedrigeren«aufbauen. 9 Die Computerbefehle, die um ein prominentes Beispiel herauszugreifen in dem Betriebssystem MS-DOS zusammengefasst sind, müssen von darunterliegenden»computersprachen«wiederum in einen»maschinenlesbaren«code übersetzt werden. Wer auf den»höheren«ebenen programmiert, muss sich ebenso wie»einfache«anwender auf die ihm normalerweise unbekannten Transformationen auf den maschinennäheren Ebenen verlassen. Man kann daher sagen: Der Computer erzeugt für Anwender wie für Programmierer eine Oberfläche und macht deren Erzeugung unbeobachtbar, indem er die Produktionsregeln in der»tiefe«des Gerätes ablaufen lässt und der maschinenexternen Kontrolle entzieht. 10 Ein sehr anschauliches Beispiel für dieses Phänomen und für dessen Bedeutung lieferte das berühmte»jahr-2000-problem«. Irgendwo in den vielen Computern und Computernetzen dieser Welt und versteckt in den Hierarchien der Progammsprachen konnte der Computer den Ausdruck»1999+1«nicht mit dem Ausdruck»2000«gleichsetzen und gleichbehandeln, weil in älteren Systemen zur Ersparnis von Speicherkapazitäten die Gleichsetzung»1999 = 99«fest programmiert war, und auch das Ergebnis von»99+1 = 100«schliesslich in»00«und auf den oberen Ebenen wieder in»1900«rückübersetzt wurde. Leider reichte die Kontrolle der Computerarchitekturen nicht so weit, dass sie der Menschheit dadurch ein ganzes Jahrhundert an Zeit wirklich wiedergeben und die vielen Fehler dieses Jahrhunderts hätten löschen können. Mit sich allein gelassen hätten sie statt dessen dieses Jahrhundert mit noch mehr Fehlern in Gestalt falscher Renten-, Schulden-, Ratenund anderer datumsabhängigen Berechnungen an sein Ende gebracht. Heintz interpretiert diese Regelabhängigkeit der Gesellschaft mit Rekurs auf Max Weber (S. 155ff. u.ö.). In dieser Perspektive übernimmt die»intelligente Maschine«in gewisser Weise jene Funktion der Ratio- 9 Siehe Kittler 1998, S. 125, der hierin sogar eine»wahrhaft babylonische Kunst«entdeckt. 10 Als Anwender der ersten Stunden des Home-Computers, als der er noch Zugang zur Maschinensprache hatte, sieht sich der Medienphilosoph Friedrich Kittler (1992) inzwischen sogar als»untertan von MS-DOS«(S. 82). 14 Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

9 nalisierung, die Max Weber noch der Bürokratie zugeschrieben hatte. Was bei Weber noch metaphorischen Charakter hatte, die»herrschaft der Apparate«(1976, S. 549), erfährt in dieser Sicht durch die Apparate des Computers nachträglich eine beeindruckende (oder auch bedrükkende) Realisierung. Zu einer sehr ähnlichen Diagnose gelangen auch Kritiken, die sich auf Michel Foucault berufen. Friedrich Kittler meint beispielsweise, die Machtstrukturen der Gesellschaft seien nicht mehr in den Diskursen ihrer Texte, sondern nur noch in den Rigiditäten ihrer Hardware angemessen zu erfassen. 11 Zweifellos steigert der Computer sowohl bestimmte Leistungspotentiale als auch daran gebundene Abhängigkeiten, die aus seiner spezifischen Funktionsweise (in Hard- wie Software) resultieren. Ein langanhaltender Stromausfall oder das Auftreten bislang unbekannter Magnetfeldstörungen dürften beispielsweise diese Abhängigkeiten in Form unabsehbarer Leistungsausfälle und deren Folgen demonstrieren. Aber die Frage bleibt doch, ob bei allen Rationalisierungen und Maschinisierungen diverser selbst kognitiver Abläufe von einer Rationalisierung der Gesellschaft die Rede sein kann, ob der Begriff der Rationalisierung aus soziologischer Sicht das Verhältnis von Computer und Gesellschaft treffend und hinreichend vollständig kennzeichnet. Man kann den Begriff Rationalisierung auf Distanz setzen ohne die Effekte, die er bezeichnet, negieren zu müssen, wenn man die Vorstellung aufgibt, Gesellschaft sei eine Instanz der Koordination von Abläufen, insbesondere eine zweck- und wertgesteuerte Koordination von Handlungen, deren Gesamtrationalität sich bestimmen und bemessen liesse. Gesellschaft lässt erwiesenermassen beides zu: soziale Ordnung wie soziale Unordnung (Durkheims Anomie). Daran dürfte keine Technologie, auch der Computer nicht, irgendetwas ändern. Es kommt zwar in der Gesellschaft auch, aber eben nicht nur auf die Koordination von Handlungen, sondern ebenso auf die Trennung von Handlungszusammenhängen und die Unterbrechung von Abhängigkeiten zwischen Abläufen an. Wenn man einen Begriff der Koordination durch Gesellschaft bilden will, der beide Möglichkeiten die der Ordnung wie die der Unordnung, die der Kooperation wie die des Konflikts umfasst, dann wäre gesellschaftliche Koordination nicht auf der Ebene der Handlungen, sondern auf der Ebene der Erwartungen anzusetzen. 12 Soziale Strukturen wären als Erwartungen oder noch genauer: als Erwartungserwartungen zu begreifen. Handeln ist gesellschaftlich integriert, soweit es seinen Sinn durch an sich selbst gerichtete Erwar- 11 Und schlägt daher vor,»die Soziologie von den Chiparchitekturen her aufzubauen.«(kittler 1992, S. 86). Vgl. auch diverse Beiträge in Maresch / Werber Luhmann 1984, S Angelegt war die Umstellung von Handlungs- auf Erwartungskoordination bereits in der Rollentheorie (Dahrendorf 1958; Dreitzel 1972). Man denke etwa an ihre Dreiteilung von Muss-, Soll- und Kann-Erwartungen (-Normen). UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

10 tungen bestimmt sei es, dass es die Erwartungen erfüllt, sei es, dass es die Erwartungen durchkreuzt. Wenn man von diesem Ausgangspunkt nach dem Verhältnis von Computer und Gesellschaft fragt, muss man auf zwei Ebenen zugleich ansetzen: auf der Ebene des Handelns und auf der Ebene der Bestimmung von Erwartungen an das Handeln. Zweifelsfrei erweitert der Computer durch seine technologischen Eigenschaften den Möglichkeitsbereich des Handelns. Auf der anderen Seite wird der Sinn des Handelns ja nicht durch den Computer selbst bestimmt. Genau für diesen Umstand kann auf der allgemeinsten Ebene das Schema von Input und Output eingesetzt werden. Von beidem von seinem Input und seinem Output kann der Computer selbst nichts wissen. Beides muss definiert und das heisst: beschrieben werden. Der Computer realisiert lediglich die Anweisungen, die einen Input in einen Output transformieren. Das Schema von Input und Output erläutert noch einmal die These, dass die Gesellschaft den Computer verändere und zwar je nachdem, welche Abläufe ausgewählt, in der Form von Input und Output definiert, beschrieben und als Transformationsfunktion fixiert und schliesslich auch in Hard- und Software realisiert werden. Und diese Realisationen schränken wiederum ein, was an Handeln möglich ist und welche Zwecksetzungen sich anbringen lassen. Wenn man derartigen Transformationsfunktionen Intelligenz zubilligen mag zum Beispiel, weil man sie selber nicht versteht, aber sieht, dass sie funktionieren, dann kann man auch sagen, dass in den Maschinen Intelligenz stecke. Und das Programm der künstlichen Intelligenz wäre, noch unbekannte Transformationsfunktionen zu entdecken und maschinell zu realisieren, also Ablaufmuster zu isolieren, die in der Form von Input und Output beschrieben werden können. Das hindert aber keineswegs daran, darüber zu streiten, welchen Wert es hat, was am Ende als Output dabei herauskommt. Die Bedeutung der Beschreibung des Computers für dessen Fortentwicklung kann man nicht zuletzt darin bestätigt sehen, dass sehr einflussreiche Texte genau zu der dargelegten Problemstellung aus den Kreisen der Computerentwickler selber kommen, sozusagen aus der Feder der Technikpioniere stammen. Bekannt ist beispielsweise Joseph Weizenbaums vehemente Auseinandersetzungen darüber, was Computer alles nicht können, wo es doch Weizenbaums Programm ELIZA war, das die Öffentlichkeit mit der ersten Gefühlssimulation beeindruckte: einem Programm, das den Psychotherapeuten zu maschinisieren vermochte. Differenzierter ist die geradezu existentialphilophische Rekonstruktion der Maschinentheorie durch den Informatiker Terry Winograd und den Politiker und Managementtheoretiker Fernando Flores. In ihrem Buch»Maschinen Erkennen Verstehen«(1992; engl. Orig. 1986) setzen sie sich intensiv mit der Bedeutung von Sprache und der Situation 16 Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

11 des Handelns auseinander, betonen mit Heidegger jene»geworfenheit in die Welt«, die den Menschen gegenüber der Maschine auszeichnen und entwerfen auf dieser Grundlage ein Programm des Designs von Computern, das den Kennern der Szene zufolge die Softwaretheorie und -entwicklung seither nachhaltig geprägt habe (so Coy 1992). Man kann die Effekte auf allen drei Ebenen den Ebenen des Handlungssinnes, der Erwartungsbildung und der Maschinenbeschreibung aufgreifen und für eine soziologische Analyse zusammenführen, wenn man den Gesellschaftsbegriff selbst direkt auf Kommunikation bezieht. Über den Sinn von Handlungen lässt sich sprechen und schreiben, Erwartungen werden durch Kommunikation aufgebaut, bestätigt und korrigiert, und Beschreibungen jeder Art auch solche von Maschinen sind ohnehin zweifellos Kommunikation. Gesellschaft kann im Anschluss an Niklas Luhmann (1997, S. 90f. u.ö.) als jene umfassende Einheit aufgefasst werden, die alle vorkommende Kommunikation einschliesst. Allerdings schliesst diese Begriffsentscheidung aus, an irgendeiner Stelle der Gesellschaft oder auch nur in bestimmten ihrer Prozesse eine Art Gesamtrationalität zu erwarten, die beispielsweise garantieren oder auch nur kontrollieren und bewerten könnte, dass die sozialen Effekte einer technologischen Neuerung per Saldo positiv oder negativ ausfallen. Natürlich schliesst Kommunikation über den Computer als technologische Errungenschaft nicht aus, dass sich solche Urteile bilden im Gegenteil, sie provoziert sie geradezu. Aber Kommunikation muss ja auch widersprüchliche Erfahrungen und Erwartungen einschliesslich widersprüchlicher Urteile umfassen. Man kann in Widersprüchlichkeit sogar eines ihrer zentralen Produktionsmomente sehen. Mit dem Computer seiner Fortentwicklung und seinem Gebrauch lassen sich offenbar sehr verschiedene Erwartungen verknüpfen, je nachdem, welche Möglichkeiten erreichbar und dann wünschbar erscheinen. Die Entscheidungen, die in seinem Einsatz notwendig werden, sind mit Sicherheit nicht gesellschaftsweit koordiniert und vor allem in ihren Effekten keineswegs konsistent. Sie produzieren wie viele andere Entscheidungen auch neben dem, was inhaltlich durch sie festgestellt werden soll, auch weitere Anlässe für Kommunikation, für den Aufbau, die Bestätigung oder die Korrektur von Erwartungen. Vor diesem theoretischen Hintergrund soll das Verhältnis von Computer und Gesellschaft hier vorläufig als eine Katastrophe gekennzeichnet werden. Allerdings sei dieser Begriff nicht der Alltagssprache entnommen, die in ihm ein Ereignis bezeichnet, das von allen gleichsinnig als schlimm, als dramatisch negativ einzuschätzen sei und zur unbedingten Solidarität mit den Opfern auffordert. 13 Der Begriff soll hier 13 Zu dieser, Angstkommunikationen aufgreifenden Verwendung siehe für viele nur Dreitzel / Stenger Siehe für soziologische Kontextierungen des Katastrophenbegriffs Dombrowski / Pasero UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

12 vielmehr im Sinne der mathematischen Katastrophentheorie verstanden werden (Thom 1983). Dort bezeichnet Katastrophe den Übergang einer Form von Ordnung in eine andere, im Unterschied zu einer blossen Störung, die von der bestehenden Ordnung ohne strukturelle Veränderungen absorbiert wird. Anders als in der Revolution kann die neue Form der Ordnung jedoch nicht einfach als eine Umkehrung der vorherigen, sie kann überhaupt nicht als ein geordneter Übergang von einer Ordnung in eine andere begriffen werden. Systemtheoretisch kann von einer Katastrophe gesprochen werden, wenn sich Destabilisierungen soweit normalisieren, dass eine neue und unbekannte Form der Stabilität eine vorherige ersetzt (Luhmann 1997, S. 616 u.ö.). Solchen Katastrophen 14 liegt kein Plan, auch kein Plan der Geschichte zugrunde. Der Begriff kennzeichnet einfach die Unvorhersehbarkeit dessen, was sich einstellen wird, zeigt zugleich aber an, dass Ordnung erwartbar sein wird, oder genauer, wenn man von der Form von Ordnung spricht: eine unabsehbar andere Kombination von Ordnung und Unordnung. Zu erläutern bleibt selbst wenn man die Unvorhersehbarkeit der Resultate und in diesem Sinne die Ungeplantheit der Vorgänge betonen will, was die Rede von Katastrophe rechtfertigt, und warum man es nicht bei dem harmloseren, weniger dramatischen Begriff der blossen Störung belassen sollte. Der Computer und vor allem die Verschaltung zahlreicher Computer zu einer Art»Grosstechnik«15 betreffen auf eine Weise, die noch näher zu klären sein wird, mit Sicherheit das, was in der Gesellschaft als Information dargestellt und behandelt werden kann. Und Information ist ihrerseits eine zentrale Komponente von Kommunikation, also jenes Vorgangs, der hier als grundlegend für Soziales schlechthin angesehen wird. Auf den Begriff der Kommunikation und sein Verhältnis zur Information wird weiter unten noch genauer einzugehen sein. Vorgreifend sei gesagt, dass Kommunikation nicht als einfacher Informationsaustausch zu verstehen sei, sondern als eine eigene Form der Verkettung von Informationen mit Informationen in der Form von Mitteilungen, also als ein rekursives, auf Vorheriges und Kommendes verweisendes Geschehen. Soziale Strukturen können auch als solche Verweisungen verstanden werden, die in Kommunikation vorausgesetzt und benutzt werden können. Der Computer stört die Kommunikation nicht nur, er regt sie nicht nur zur Ausarbeitung eines neuen Themas und somit zur Erweiterung ihres Verweisungshorizontes in die Welt an. Er trifft auch und erst dieser Umstand rechtfertigt die Annahme einer Katastrophe den Modus dessen, wie solche Verweise hergestellt, wie Rückgriffe und Vorgriffe von Mitteilungen 14 Luhmann denkt hierbei vor allem an die Übergänge der Formen gesellschaftlicher Differenzierungen. 15 Martin Rost (1997) charakterisiert das Internet als ein»grosstechnisches System«im Sinne von Renate Mayntz. Werner Rammert (1995a) spricht von einer»hochtechnologie«. 18 Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

13 auf Mitteilungen reguliert und wie Ordnung und Unordnung kommunikativ unterschieden werden. Ein historisch vergleichbarer Vorgang ist nur in der Erfindung und Durchsetzung zunächst der Schrift und dann der Druckpresse (Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftendruck) zu sehen (Giesecke 1994). Ohne diese Erfindungen wäre die Form von Öffentlichkeit nicht vorstellbar, wie sie uns heutzutage selbstverständlich erscheint (vgl. nur Habermas 1991 für den Ausschnitt der europäisch-politischen Öffentlichkeit). Und man wird ja auch nicht annehmen, dass die Emergenz dieses Phänomens von den»erfindern«der Schrift (laut Haarmann 1991, S. 18, circa 7000 vor Christus) oder der Druckmaschine vorgesehen war. Die Bedeutung dieser Einschnitte für Kommunikation, Wissen und Gesellschaft wird seit geraumer Zeit in verschiedenen Disziplinen eingehend erforscht, ohne dass interdisziplinär konsolidierte Resultate vorlägen. 16 Aber der Vergleich zur aktuellen Situation gerade im Blick auf den Computer wird auch in diesen Forschungen oftmals hergestellt. 17 In einer kommunikationsbezogenen Gesellschaftstheorie kann man davon ausgehen,»dass es in der Tat Strukturen gibt, deren Änderung sehr weitreichende, katastrophale Auswirkungen auf die Komplexität des Gesellschaftssystem hat. Es sind dies die Verbreitungsmedien der Kommunikation (erweitert durch Schrift, dann die Druckpresse und heute Telekommunikation und elektronische Datenverarbeitung) und die Formen der Systemdifferenzierung (Segmentierung, Zentrum/Peripherie-Differenzierung, Stratifikation, funktionale Differenzierung).«(Luhmann 1997, S. 515, Herv. im Original). Die nachfolgende Untersuchung zieht eine Facette aus der Fülle möglicher Forschungsthemen heraus, um die genannten Zusammenhänge von Information, Kommunikation, Wissen und sozialer Strukturierung an ihr nachzuvollziehen. Im Anschluss an die soeben geführte Diskussion um die Rationalität jener Prozesse, die durch den Gebrauch und die Beschreibungen des Computers die Gesellschaft verändern, werden ihre Bedingungen, Formen und Konsequenzen für das Management von Wirtschaftsorganisationen eingehender untersucht. Wenn in irgendeinem gesellschaftlichen Kontext die Erwartungen an Rationalität und Vernunft noch nahezu ungebrochen fortgeschrieben werden, dann am ehesten in diesem Bereich. Wirtschaftsorganisationen sind über die Orientierung an Märkten und an Konkurrenz zur ratio- 16 Für die (vor allem phonetische) Schrift siehe die Ausgangspunkte bei Havelock 1963 und 1992; Ong 1987 und Goody / Watt 1981; Goody Für den Buchdruck siehe Eisenstein 1979 und Giesecke So dezidiert in Giesecke 1992, der teilweise sogar die Computersprache (Formatierung, Betriebssystem etc.) gebraucht, um die Strukturen des Buchdrucks zu charakterisieren. Der Abschied vom Buch (vom Buch als dominanter Wissensrezeptionsform), als»das Ende der Gutenberggalaxis«gefeiert (Bolz 1993), ist mit Sicherheit nur ein kleiner Teilaspekt dieses Phänomens. UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

14 nalen Kalkulation ihrer Engagements und des Einsatzes ihrer Ressourcen angehalten so sehen es jedenfalls die Modelle unternehmerischen Handelns und auch die politischen Erwartungen im Rahmen der freien Marktwirtschaft vor. Unabhängig von der Frage, ob solche Rationalitätsmodelle als»realistische«beschreibungen des tatsächlichen Managerverhaltens gelten können oder nicht 18, kann man wiederum davon ausgehen, dass sie allein schon als Beschreibungen in den Sinn des Handelns und Entscheidens im Management eingehen und zumindest als Beschränkungen auch wirksam sind. Daraus lässt sich die Annahme ableiten, dass etwaige Rationalisierungen des Computereinsatzes vom Management von Wirtschaftsunternehmen gefordert werden und zu leisten sind. Ob davon jedoch auch Steigerungen der gesamtgesellschaftlichen Rationalität zu erwarten sind, steht gerade in Frage. Organisationsgrenzen unterbrechen gesamtgesellschaftliche Sinnbezüge. Auf ihrer Ebene ist mithin allenfalls die Verwirklichung singulärer Rationalitätsbedingungen zu beobachten, die weder organisationsübergreifend noch mit irgendeiner»höheren Instanz«abgestimmt werden könnten. Will man auch noch diese Differenzen wenn nicht erfassen, so doch zumindest berücksichtigen, ist es angezeigt, in der Problemstellung selbst den Rationalitätsbegriff zu relativieren. Im Blick auf die Variationen, die die Technologie des Computers auf allen Ebenen der Sinnbestimmung möglich macht, kann man annehmen, dass sie vom Management als Kontingenzen, als Erweiterungen des organisatorischen Handlungsund Entscheidungsspielraumes wahrgenommen und in ihren Entscheidungen den jeweiligen Rationalitätsbedingungen angepasst werden müssen. Man kann dies auch mit der informationstheoretischen Unterscheidung von Varietät und Redundanz formulieren (Luhmann 1992a, S ; 1995b, S. 170f.). Redundanz meint das Wiedererkennbare, das Vertraute, das in jeder Wahrnehmung von Neuheit vorausgesetzt werden muss, denn anders als durch Abgleich mit bereits Bekanntem könnte etwas gar nicht als»neu«erkannt werden. Der Gegenbegriff wäre: Rauschen, aus dem sich keine Information gewinnen lässt (Baecker 1996b). In unserem Kontext wäre unter Rauschen die Vielfalt neuer Optionen, neuer Chancen und neuer Risiken zu verstehen, die die Computertechnologie verspricht und soweit technisch realisiert auch eröffnet. Die Funktion des Managements wäre dann darin sehen, diese Vielfalt zu kontextieren, in die Rahmungen einzufügen, die durch die jeweiligen Organisationen und ihre Rationalitätsbedingungen gesetzt sind (vgl. Gross 1998; Baecker 1994). In einer anderen Formulierung kann man auch sagen, die Funktion des Managements besteht dar- 18 Im Sinne von Stewart 1963 und Mintzberg 1973; ein Überblick in Schirmer 1991; eine Anwendung auf die»realität«des Mediengebrauchs von Top-Managern in Goecke Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

15 in, die Differenz von Varietät und Redundanz, von unbekannten Möglichkeiten und bekannten Nutzenvorstellungen zu beobachten. In diesem Sinne wäre das Management an der bezeichneten Katastrophe beteiligt, an der Transformation bekannter sozialer Ordnungen in neue Ordnungsformen in einer Vielzahl von untereinander unkoordinierten Transformationen, die auf gesellschaftlicher Ebene wiederum als Varietät, als neu und unbekannt erscheinen. Die Erscheinungen sogenannter»virtueller Unternehmen«oder auch»virtueller Produktionsformen«wären Beispiele für Vorgänge diesen Typs (Brill / Vries 1998). Zunächst ist jedoch der begriffliche Apparat, der die Formulierung solcher Thesen möglich macht, genauer darzulegen (Erster Teil). Die Ausgangspunkte sind zum einen kommunikationstheoretischer, zum anderen wissenssoziologischer Herkunft (Abschnitte 1 bis 3). Auf die Bedeutung von Kommunikation wurde oben schon mehrfach verwiesen. Die Wissenssoziologie macht es zudem möglich, auch den Aspekt der Beschreibungen und deren Bedeutung für jenes Geschehen aufzugreifen, das in den letzten Jahrzehnten unter der Formel der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit mehr und mehr Aufmerksamkeit erlangt hat (Berger / Luckmann 1984; Knorr-Cetina 1989). Eine der Fragen, die im Kontext dieser Theorie immer wieder auftritt und sie vor die grösste Herausforderung stellt, lautet, wie innerhalb sozialer Konstruktion Realität gegeben sei und ihre Wirkungen entfalten könnte. Mithilfe von Kommunikationstheorie und Wissenssoziologie kann hierauf eine Theorie der Tatsachen, Fakten und Daten und ihren sozialen (kommunikativen) Funktionen antworten (Abschnitt 5); eine Antwort, die auch direkt mit dem Thema der Untersuchung dem Computer und der Technologie der Datenverarbeitung zusammenhängt und das weitgehend unklare Verhältnis von Daten und Informationen zu erhellen vermag. Zuvor ist zu klären, wie man sich jene Beobachtung der Differenz von Varietät und Redundanz vorzustellen hat, die oben als Funktion des Managements eingeführt wurde. Soziologisch wird der gemeinte Sachverhalt bislang vornehmlich unter dem Titel»Management und Kontrolle«behandelt (siehe nur Seltz et al. 1986; Hildebrandt / Seltz 1987; Sydow / Windeler 1994). Zumeist denkt man hier jedoch allein an die Kontrolle von Produktions- und Arbeitsprozessen und die Kontrolle der Arbeit durch das Management in der kritischen Interpretation über den Begriff der»herrschaft«noch verstärkt und auf Konflikt festgelegt. Für unseren Zusammenhang muss der Kontrollbegriff entschieden erweitert werden. Wirtschaftsunternehmen sind ihrerseits diversen Kontrollen unterworfen sei es durch das Recht, die öffentliche Meinung, die Varianz der Marktbedingungen, die Kapital- und Kreditgeber u.a.m. Aus der Sicht solcher externen Kontrollen wird dem Management die Kontrolle über das Unternehmen unter dem Begriff der UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

16 Verantwortung zugerechnet. Unter der Annahme, dass der Einsatz der Computertechnologie die Formen möglicher Kontrollen verändert, ist die Frage, was kontrolliert wird die Arbeit, die Normtreue, das moralische Gebaren, die Ansprüche an Produktqualitäten, die Zahlungsbereitschaft, die Kapitalrendite usw., zu ersetzen durch die Frage, wie kontrolliert wird (Abschnitt 4). Es kann gezeigt werden, dass die Kontrolle von Prozessen erst durch die Evolution von schriftlichen Formen der Aufzeichnung möglich wurde und dadurch auch erst Verantwortung im heutigen Sinne entstanden ist. Die derzeitig oftmals unhinterfragte Reduktion von Verantwortung auf die alte griechische Ethik unterschlägt, dass letztere als Lehre von den richtigen Haltungen angelegt war während es bei Verantwortung doch vielmehr auf die richtigen Informationen und deren Auswertung ankommt. Zum Nachvollzug und zur Überprüfung von Informations-Auswertungs-Prozessen bedarf es aber nicht nur und nicht einmal in erster Linie eines guten Gewissens, sondern vor allem des Zugangs zu Aufzeichnungen, die den Rückschluss auf Daten, Entscheidungen und ihre Gründe erlauben. Diese sehr allgemein gehaltenen Thesen werden anhand einer Unternehmensfallstudie konkretisiert und spezifiziert (Zweiter Teil). Von ihrer Methodik her ist die Fallstudie vornehmlich explorativ angelegt, denn obwohl schon viele Forschungen und entsprechende Literatur zu einzelnen Aspekten vorliegen, fehlt es bislang doch an Untersuchungen, die den hier zentralen Aspekt der Computerbeschreibungen hinreichend würdigen. Gemäss der vorgestellten theoretischen Grundlagen werden die managerialen Beschreibungen des Computergebrauchs und -nutzens rekonstruiert und analysiert. Solche Beschreibungen wurden vor allem in der Form offener Interviews eingeholt. Zudem konnten in einer mehrmonatigen Feldforschung in einem Unternehmen Befragungen des mittleren und oberen Managements mit Beobachtungen über das derzeit realisierte computertechnische Instrumentarium und über typische Gebrauchsmuster kombiniert werden. An Materialien liegen Interviewtranskripte, Feldprotokolle und zahlreiche Dokumente vor. Zur Auswertung dieser Materialien wurden die Methoden der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik und der ethnographischen Semantik herangezogen, die im entsprechenden Kapitel vorgestellt werden (grundlegend dazu Hitzler / Honer 1997). Der abschliessende dritte Teil wird die Ergebnisse auf eine allgemeine Theorie des Managements beziehen (Abschnitte 1 und 2) und vor diesem Hintergrund drei zentrale Veränderungen festhalten, die aus der Informatisierung des Managements resultieren: 1. die Beobachtung von Trends wird aus der Unternehmensspitze auf alle Ebenen des Managements verteilt (Abschnitt 3); 2. die gesteigerten Vergleichs- und Kontrollmöglichkeiten forcieren das Kurzzeitgedächtnis des Unternehmens, denn sie erfordern, die Relevanz der jeweils aktuellen Daten schnell veralten zu lassen (Abschnitt 22 Aus: A. Brosziewski, Computer, Kommunikation und Kontrolle

17 4); 3. die elektronisch fixierten (»programmierten«) Berechnungsroutinen der Managementinformationssysteme verlagern die entscheidenden Probleme in die Suche nach den Kalkülen, die die Relevanz von Aufgabenstellungen zu bestimmen erlauben (Abschnitt 5). Der Duktus der folgenden Ausführungen wird selbst in den empirischen Teilen sehr theoretisch sein. Denn wenn»daten«und die Bedeutung ihrer»verarbeitung«gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein sollen, dann kann sich diese Untersuchung selbst so jedenfalls scheint es mir nicht durch den blossen Aufweis eigener Daten auf die notwendige Distanz zum Gegenstand bringen. Die dazu erforderlichen Abstraktionsanstrengungen dürften sich nur rechtfertigen, wenn die Differenzen von Daten, Informationen und Wissen hinreichend interessant erscheinen, um sie nicht qua Definition in einem ominösen»kontext«verschwinden zu lassen. Wenn erst einmal ein»kontext«vorgibt, welche Daten und Definitionen für richtig und wichtig zu halten sind, dann wird die Differenzierung von Daten und Informationen zweifellos unnötig sein Ohne die Bereitschaft und unerwartet offene Kooperation der Managerinnen und Manager des ungenannt bleibenden Unternehmens, die sich über mehrere Monate haben extensiv beobachten und befragen lassen, hätte diese Studie nicht in der vorliegenden Form entstehen können. Dank gebührt darüber hinaus meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern vom Soziologischen Seminar der Universität St. Gallen, die mir die nötigen Arbeitsfreiheiten einräumten, für zahlreiche Diskussionen zu haben waren und schliesslich selbst die Mühen der konstruktiven Lektüre auf sich nahmen. UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz

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