Predigt über Johannes 11, am in Altdorf (Pfr. Bernd Rexer)

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1 1 Predigt über Johannes 11, am in Altdorf (Pfr. Bernd Rexer) Liebe Gemeinde, So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich. Das Lied, das wir eben gesungen haben, hat viele von uns an eine Stunde des Abschieds erinnert. Als wir auf dem Friedhof waren und Abschied von einem lieben Menschen nehmen mussten. Das sind ganz nahe gehende Momente, die sich einprägen. In solch einer Situation, da helfen uns Lieder, etwas in Worte zu fassen, was wir selber kaum formulieren könnten. Es ist gut, dass wir dieses Lied auch hier im Gottesdienst singen. Denn der Tod eines Menschen geht ja mit uns. Es hat sich grundlegendes geändert, wenn der Stuhl auf dem die Oma bisher immer saß, nun leer bleibt. Begegnungen sind nicht mehr möglich, Gespräche wurden abgebrochen. Am heutigen Ewigkeitssonntag gedenken wir unserer Entschlafenen. Nicht wenige besuchen heute die Friedhöfe. Der eine oder andere kommt dabei auch zum Innehalten und spricht vielleicht ein Gebet. Unsere Verstorbenen können wir nicht mehr erreichen. Aber mit Gott können wir reden. Ihm können wir unsere Trauer und unseren Schmerz sagen. Das hören wir auch in unserem heutigen Bibelwort: Johannes 11, : 17 Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. 19 Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. 20 Als Martha nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. 25 Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.

2 2 Ihr Lieben, viele Nachbarn und Angehörige waren zu Maria und Martha gekommen. Denn sie hatten erfahren, dass deren Bruder Lazarus gestorben sei. Das ist bis heute so, wo ein Mensch stirbt. Man lässt Trauernde nicht allein. Die Trauernden brauchen das. Viele sagen zwar, die Tage zwischen dem Tod und der Beerdigung sind stressig. Da gibt es auf einmal so viel zu regeln, dass man gar nicht zu sich kommt. Aber diese Unruhe ist manchmal sogar hilfreich. Weil man irgendwie auch abgelenkt wird von dem Schock oder der Trauer. Dazu kommt: Nicht jedes Sterben eines Angehörigen Ist gleich schrecklich. Da sind auch die Beispiele, wo man sagt: Gut, dass er oder sie jetzt erlöst ist. Aber den Tod eines Menschen zu realisieren, braucht immer Zeit. Selbst wenn man schon lange damit gerechnet hat. Keiner jedenfalls wünscht sich dann ein leeres Haus. Irgendwie tut es gut zu spüren, dass so viele Anteil nehmen. Verwandte oder Freunde, die sich auf den Weg in ein Trauerhaus machen, gehen natürlich mit einem beklemmenden Gefühl dahin. Das ist ein schwerer Gang, so ganz anders als sonst.

3 3 Was soll man denn sagen? Es heißt hier: die Juden kamen, um Maria und Martha zu trösten wegen ihres Bruders. Wenn das mal so einfach wäre! Wie kann man einen trauernden oder verzweifelten Menschen trösten? Manche reden dann ein bisschen zu viel. Sie reden, nur um etwas zu sagen. Und was sie dann sagen, hält der Probe oft nicht stand. Manchmal ist es besser, einfach still dazusitzen, das Leid auszuhalten und zu schweigen. Nicht unsere Worte, sondern unsere Nähe ist tröstlich!!!!. Gut ist, wenn Tränen fließen können, liebe Gemeinde. Obwohl das vielen peinlich ist. Menschen in anderen Kulturen haben es da leichter. Sie schämen sich ihrer Tränen nicht so sehr. In Afrika zum Beispiel sitzen die Nachbarn tagelang im Trauerhaus. Sie reden nicht viel. Aber oft stimmen sie Lieder an und sie weinen miteinander. Aber hilflos bleibt auch das. Angesichts des Todes sind und bleiben wir immer Anfänger. Und im Trösten bleiben wir Stümper. Der Tod bleibt etwas Unfassbares, selbst dort, wo er herbeigesehnt wurde.

4 4 Nun sitzen sie also zusammen da, im Trauerhaus in Bethanien. Plötzlich meldet jemand, dass Jesus bald eintreffen wird. Da hält es die Martha nicht mehr daheim. Sie geht Jesus entgegen. Diesem wunderbaren Prediger, der von Gott gekommen ist. Sie hatten Jesus oft bei sich gehabt, als Lazarus noch lebte. Es war eine ganz tiefe Freundschaft daraus erwachsen. Wissen Sie, dass das auch heute noch möglich ist? Wer bewusst sein Leben für den Auferstandenen Jesus öffnet, der wird seine Gegenwart erleben. Das ist mit das Geheimnisvollste am christlichen Glauben: diese persönliche Jesus-Beziehung! Das ist eine besondere Begegnung. Wie mitten im Todesschrecken diese beiden aufeinander zugehen: Jesus von der einen Seite und Martha von der anderen. Damit wird deutlich: Der Abschied von einem geliebten Menschen, der so ungemein schmerzhaft sein kann, kann der Ort einer neuen Begegnung mit Jesus sein! Jesus kommt in meine Trauer und in meiner Trauer gehe ich ihm entgegen. Das ist das Geheimnis dieser Begegnung hier!

5 5 Doch was macht eigentlich Maria? Es heißt hier: Maria aber blieb daheim sitzen. Sie reagiert ganz anders in der Stunde eines schrecklich schweren Abschiedes. Sie bleibt stumm und starr sitzen. Und das ist ausgerechnet Maria. Beim letzten Besuch Jesu, da hatte sich Maria ganz Jesus zugewandt. Sie hatte Jesu Nähe gesucht Und seinem Wort gelauscht. Da sah es so aus, als habe Maria das Entscheidende begriffen. Wo war ihr Glaube jetzt? Seht, ihr Lieben, so kann es gehen. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen so eiskalt erwischen. So starr und leblos machen wie Maria, die tiefgläubige Jesusjüngerin hier. Und die Frage ist: Darf das sein oder darf das nicht sein? Es darf sein! Wenn es Maria schon so ging, dann sagt das doch: Trauer folgt keinem Schema. Und es kann eben in Ordnung sein, wenn man nur noch dasitzt, als wäre auch in einem selber soeben etwas gestorben. Es braucht eben Zeit. Trauer braucht Zeit.

6 6 Und Jesus hat Maria nicht getadelt, als er sie so antraf! Wir sollten Trauernden keine Vorschriften machen, wie sie zu trauern hätten. Das darf bei jedem anders aussehen. Und es darf Zeit brauchen, auch sehr viel Zeit. Und doch liegt in der Haltung der Maria, liebe Gemeinde, auch eine Gefahr. Das meine ich jetzt nicht im Blick auf die ersten Tage, Wochen und Monate. Wir erleben aber doch hin und wieder, dass die Trauer einen Menschen auf Dauer ganz gefangen halten kann. Trauer kann zu einem Gefängnis werden. Es besteht die Gefahr, dass einer auch nach langer Zeit nicht bereit ist, ins Leben zurückzukehren. Als Vikar habe ich einmal eine Frau besucht, deren Ehemann war schon fünf Jahre tot. Ihre Wohnung sah aus wie ein Mausoleum: Überall Blumen, Bilder und Fotos. Alles voller Bilder. Sie ging fast nicht mehr aus dem Haus. Sie starrte seit fünf Jahren diese Bilder an. Sie hat den Weg zurück ins Leben nicht mehr gefunden! Wenn diese Gefahr besteht, ihr Lieben, dann müssen wir uns besinnen auf Maria und Martha. Martha lief Jesus entgegen.

7 7 Meint ihr, sie habe weniger getrauert? Gewiss nicht. Sie hat etwas von Jesus erwartet. Sie wusste, er hat Worte des Lebens, des ewigen Lebens. Darin könnte sie uns eine Trauergehilfin sein, - als würde sie sagen: Du, wenn es so dunkel und verzweifelt geworden ist in deinem Leben. Dann erinnere dich: Jesus ist schon unterwegs in Dein Trauerhaus und dein Trauerherz! Und das gilt auch für Maria. Jesus kommt zu ihr. Ja, liebe Gemeinde, wir dürfen trauern und wir müssen es auch. Aber wir sollen darauf acht haben, dass Jesus noch eine offene Tür findet in unser Herz. Denn das ist die ganz große Verheißung dieser Geschichte aus dem Evangelium: Jesus ist bei mir, im Leben, in der Trauer, in Schmerzen und Not. Wenn ich ihm begegne, leuchtet etwas auf in dem schrecklichen Dunkel des Abschieds. Dann bin ich nicht von Gott abgeschnitten. Dann habe ich noch etwas anderes als nur die Erinnerungen an den Verstorbenen. Dann tritt mitten im Leid eine herrliche Hoffnung in mein Leben.

8 8 Wenn ich Jesus begegne. Dann gilt auch mir das Wort, das Jesus gesagt hat: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Diese Auferstehungshoffnung wünsche ich dir. Dass diese Hoffnung dein Herz erreicht und dir tiefen Trost und Frieden schenkt. Amen.

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