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1 relevant Das Magazin der Oesterreichischen Kontrollbank Gruppe #4/ RESEARCH SERVICES Pharma-Marktforschung: Wissen statt schätzen 20 EXPORT CHAMPIONS Pöttinger: Innovationen säen und Erfolg ernten 22 LÄNDERREPORT Ungarn: Von Kabelsteuer und Konserven VERNETZUNG Smarte Revolution

2 2 INHALT VERNETZUNG WISSENSWERTES 16 RESEARCH SERVICES Wissen statt schätzen 18 KAPITALMARKT LEI: Neue Nummerntafel für Fonds und Unternehmen 20 EXPORT CHAMPIONS Pöttinger: Innovationen säen und Erfolg ernten TRENDS 22 LÄNDERREPORT UNGARN Von Kabelsteuer und Konserven Smarte Revolution Bisher hat die Telekommunikation in erster Linie Menschen vernetzt. Nun lernen Mähdrescher, Seifenspender und Produktionsanlagen miteinander zu sprechen. Das wird die Wirtschaft radikal verändern. Ab Seite 6 11 INTERVIEW MIT EWALD JENISCH Der Chief Information Security Officer der OeKB spricht über wachsende IT-Aufgaben in Banken und die Private Cloud der OeKB. 12 MIT SICHERHEIT WOLKIG Die Nachfrage nach Cloud Services ist in den letzten Jahren schneller gewachsen als das Bewusstsein für die Gefahren derselben. Doch langsam kehrt Vernunft ein. 26 BRANCHEN IM FOKUS Finanzbranche 28 OeKB GESCHÄFTSKLIMA-INDEX MOE Pessimismus in Ungarn wächst 32 MÄRKTE IM FOKUS Bolivien und Sierra Leone EINBLICK 30 GLEICH UMS ECK Holzhütten mit hundertjähriger Tradition 31 PERSÖNLICH Neue Namen, neue Funktionen 14 WANN LERNT DER KÜHLSCHRANK SPRECHEN? Mit dem Internet der Dinge werden intelligente Alltagsgegenstände Realität das ist mit Hindernissen verbunden. Relevant 4/2014

3 EDITORIAL 3 Liebe Leserinnen und Leser, seit fast 200 Jahren können wir mit elektrischen Signalen über weite Distanzen hinweg kommunizieren; in den jüngsten zwei Jahrzehnten hat das Internet unseren Alltag markant verändert. Bisher vernetzte das World Wide Web vor allem Individuen. Forscher prophezeien jedoch, dass wir Menschen im Internet bald in der Unterzahl sein werden: Denn nun lernen auch Maschinen und Produkte, selbstständig miteinander zu kommunizieren. Welche Folgen die fortschreitende Vernetzung für jede und jeden von uns hat, beleuchten wir auf den nächsten Seiten aus verschiedenen Blickwinkeln: aus jenem der Industrie, die vor ihrer vierten Revolution steht, aus privater Sicht, wo vieles bequemer werden soll, und mit den Augen eines IT-Sicherheitsexperten, der täglich vernetzte Services und Risiken unter einen Hut bringen muss. IMPRESSUM Medieninhaber und Herausgeber: Oesterreichische Kontrollbank Aktiengesellschaft, 1010 Wien, Am Hof 4 Tel.: relevant.oekb.at Chefredaktion: Peter Gumpinger, Ingeborg Eichberger Redaktionsteam: Mag. (FH) Barbara Bogner, Mag. Verena Ebner, Dr. Peter Gaspari, Mag. Nadja Gutmann, Mag. Gerhard Kinzelberger, Mag. Wilhelm Schachinger, Mag. Gero Sodia, Mag. Barbara Steurer, Heinz Wachmann, MSc Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Ausgabe: Mag. Ines Baumann, Mag. Dr. Ewald Jenisch, Mag. Gerald Mayer, MMag. Agnes Streissler-Führer Fotos: OeKB/PAGE SEVEN (S. 3), Elektro Merl (S. 4), anaken2012/shutterstock (S. 16), OeKB/Christina Häusler (S. 11, 27, 31), Pöttinger (S. 20, 21), SINTESI/ Visum/picturedesk.com (S. 22), ATTILA BALAZS/EPA/ picturedesk.com (S. 24), Bruce Yuanyue Bi/Gettyimages (S. 29), Konzeption, redaktionelle Mitarbeit, Grafik, Produktion: Egger & Lerch GmbH, Vordere Zollamtsstraße 13, 1030 Wien, Hersteller: Grasl Druck & Neue Medien GmbH, Bad Vöslau Verlags- und Herstellungsort: Wien Grundlegende Richtung des periodischen Mediums: Information für Stakeholder der OeKB Gruppe zu Wirtschaftsthemen insbesondere Außenwirtschaft, Kapitalmarkt, Kreditversicherung, Finanzdaten, Wirtschafts information, Entwicklungspolitik, Nachhaltigkeit und Informationstechnologie. Informationstechnologie In der aktuellen Ausgabe lesen Sie außerdem, dass LEI abseits des Tiroler und Kärntner Dialektes global für eine neue Eindeutigkeit sorgt, wie ein Grießkirchner Unternehmen die Heuernte verändert hat und warum Sie in Ungarn lieber Autos bauen als Kredite vergeben sollten. Einen besinnlichen Jahresausklang und eine anregende Lektüre wünschen Ihnen Rudolf Scholten Angelika Sommer-Hemetsberger Vorstand der Oesterreichischen Kontrollbank AG

4 4 AKTUELL Steirische Photovoltaik-Container in Afrika Der Sonne entgegen Elektro Merl aus Bruck an der Mur errichtet derzeit in 14 tansanischen Dörfern Photovoltaik-Container. Die Container wandeln Sonnenenergie in Gleichstrom um, speichern diesen in Batterien und können ihn zeitversetzt als Wechselstrom wieder abgeben. Über Freileitungen werden Schulen, Apotheken, Gesundheitseinrichtungen und andere öffentliche Gebäude angebunden. Zusätzlich können ca. 60 private Haushalte pro Container angeschlossen werden. Auch Photovoltaik-Straßenlaternen werden in den Dörfern installiert. Wie kommt ein steirisches Elektrounternehmen dazu, in Tansania PV-Anlagen zu errichten? Weil für den seit 1928 bestehenden Elektro-Fachhandelsbetrieb die Konkurrenz immer größer wurde, setzte die Elektro Merl GmbH auf Elektroinstallationen und Anlagebau als zweites Standbein und wurde schließlich zu einem international agierenden Spezialisten für Photovoltaik. In den letzten Jahren wagte man sich damit ein Stück näher an die Sonne mit Projekten in Afrika. So wurden 2013 in Senegal ähnlich wie nun in Tansania mehrere Dörfer mit Photovoltaik- Systemen ausgestattet. Die Projekte werden dazu beitragen, die Ausbildungsmöglichkeiten (zum Beispiel Computerunterricht) zu verbessern, die Kühlung von Medikamenten und Nahrung zu ermöglichen, Arbeits- und Lernzeiten auszuweiten und die Sicherheit der Bevölkerung zu erhöhen. Damit wird ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung des Landes geleistet, was eine Finanzierung des Projektes zu Soft-Loan-Konditionen ermöglichte. Relevant 4/2014

5 AKTUELL 5 Harald Seisenbacher von der OeKB sprach über die Eckpfeiler der Aktionärsrechterichtlinie. Neue Richtlinien am Kapitalmarkt: Mehr Transparenz oder mehr Aufwand? Der Cercle Investor Relations Austria, kurz CIRA, veranstaltete am 15. Oktober die Jahreskonferenz 2014 im Hilton Vienna. Mehr als 200 Teilnehmer folgten der Einladung, um sich in neun Panels über Inhalte unter dem Motto Kapitalmarktkommunikation 2014: Aktuelle Trends und Herausforderungen zu informieren. Harald Seisenbacher, Leiter HV Services der Oesterreichischen Kontrollbank, sprach am Panel Neue Richtlinien: Mehr Transparenz oder Aufwand? vor allem über die Aktionärsrechterichtlinie und den Zusammenhang mit der CSD-Regulation (rechtlicher Rahmen für Zentralverwahrer von Wertpapieren). Ziel der Änderungen der Aktionärsrechterichtlinie, die von der EU-Kommission vorgeschlagen wurden, ist die langfristige Einbeziehung der Aktio näre. Börsennotierte Unternehmen in Europa betreffen die veränderten Regeln zu Aktionärsinformation, Vergütungspolitik, Corporate Governance und anderen Teilen der Unternehmensführung. Sowohl Harald Seisenbacher als auch die weiteren Teilnehmer des Panels, der Notar Rupert Brix und Helmut Kerschbaumer von KPMG Austria, waren sich einig: Die neuen Richtlinien bringen beides: mehr Transparenz verbunden mit mehr Aufwand. Kapitalmarkt kann mehr Mitte November präsentierte das Aktienforum den neu aufgelegten Folder Kapitalmarkt kann mehr Empfehlungen des Aktienforums für einen wettbewerbsfähigen Kapitalmarkt für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze. Der Folder soll als Anregung für eine aktive Kapitalmarktpolitik dienen und baut auf drei tragenden Säulen Finanzplatz Österreich, Unternehmensfinanzierung und Financial Education und einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen auf. Das Aktienforum repräsentiert die wesentlichen Verantwortungsträger am österreichischen Finanzplatz. Neben börsennotierten Unternehmen sind Banken und Finanzdienstleister, Finanzberater und andere am österreichischen Kapitalmarkt engagierte Interessenvertretungen Mitglieder des Aktienforums. Den Folder finden Sie zum Download auf der Website des Aktienforums unter Er ist auf Anfrage auch als Printversion erhältlich. Mehr Fondsdokumente kostenfrei abrufbar Seit Anfang November 2014 profitieren Investoren von einem noch größeren Umfang an kostenfrei einsehbaren Fondsdokumenten: Über die Meldestelle haben heimische Kapitalanlagegesellschaften nun zusätzliche Möglichkeiten, ihren Investoren Fondsdokumente zum Download anzubieten. Unter betreibt die Meldestelle die Prospekt- und KID-Website. Investoren können dort kostenlos und ohne Registrierung Prospekte, Kundeninformationsdokumente (KIDs), Halbjahresberichte und weitere Fondsdokumente ansehen und herunterladen. Kapitalanlagegesellschaften können nun auch Fondsdokumente, die sie in den letzten 365 Tagen an die Meldestelle übermittelt haben, freiwillig auf der Prospektund KID-Website öffentlich zum Download zur Verfügung stellen. Bisher konnte nur das zuletzt hinterlegte Dokument heruntergeladen werden. Neu ist auch, dass Dokumente gemäß 21 Abs. 1 AIFMG (Alternative Investmentfonds Manager-Gesetz) über die Prospekt- und KID-Website bereitgestellt werden können. Bei diesen Dokumenten handelt es sich um Informationen zu Alternativen Investmentfonds wie zum Beispiel die Beschreibung der Anlagestrategie oder die bisherige Wertentwicklung.

6 6 INDUSTRIEANLAGEN werden bald ebenso über das Internet miteinander kommunizieren wie Menschen. Smarte Revolution INDUSTRIE 4.0 Bisher hat die Telekommunikation in erster Linie Menschen vernetzt. Nun lernen Mähdrescher, Seifenspender und Produktionsanlagen miteinander zu sprechen. Das wird die Wirtschaft radikal verändern. Relevant 4/2014

7 VERNETZUNG 7 Industrieanlagen der Zukunft organisieren sich Ersatzteile und Störungswartungen praktisch von selbst. Sie wissen, wann sie wie viel produzieren müssen und welches Werkstück wie bearbeitet werden soll weil sie miteinander kommunizieren. Und sie erzeugen smarte Produkte wie Drucker, die selbstständig Toner nachbestellen oder Seifenspender, die melden, wenn sie leer werden. Für den Trend zur vernetzten, intelligenten Produktion gibt es selbstverständlich auch ein Schlagwort: Industrie 4.0. Der Terminus wurde in Deutschland geprägt, wo die Bundesregierung 2011 das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 vorstellte. Der Anlass dafür waren Studien, die der deutschen Industrie langfristig eine negative Entwicklung vorhersagten, erklärt Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria und Professor an der TU Wien: Das Potenzial für eine dringend benötigte Revolution habe man in der Informations- und Kommunikationstechnologie entdeckt. In den letzten paar Jahren hat sich dieser Bereich enorm entwickelt: Heute ist Cloud Computing in Industriebetrieben weit verbreitet und in der Sensorik und Übertragungstechnik gibt es große Fortschritte. Revolution mit Ansage Angela Merkel und ihr Kabinett haben also eine industrielle Revolution angekündigt. Aber wie soll sie aussehen? Für mich heißt Industrie 4.0, dass man Informations- und Kommunikationstechnologie nutzt, um Produkte und Prozesse intelligenter zu machen und einen Mehrwert für die Kunden zu erzielen, sagt Sihn. Im Handel spielt das Internet schon lange eine Rolle, und an vielen Kassen kann man heute dank Nahfunk-Technologie (NFC) bereits kontaktlos zahlen. Die industriellen Produktionssysteme waren von diesen Trends zur vollständigen Vernetzung jedoch bisher weitestgehend ausgeschlossen von einzelnen Ausnahmen abgesehen. Beispiel für solche intelligente Produkte sind für Sihn unter anderem Mähdrescher der jüngsten Generation: Der deutsche Hersteller Claas hat darin moderne Sensorik und Übertragungstechnik eingebaut. Ob der Mähdrescher in Timbuktu, Kanada oder Graz unterwegs ist, er sendet ständig Daten über seinen Zustand in die Zentrale. Die Informationen, etwa über den Motor und die Schnittqualität, werden dann an Kunden zurückgespielt. Ein Mähdrescher muss nur drei Monate im Jahr, dafür aber dann 24 Stunden pro Tag funktionieren, erklärt Sihn. Wenn man Wartungsbedarf früher erkennt, kann man die Verfügbarkeit besser gewährleisten. Achtung, die Seife ist aus! Auch in Österreich gibt es inzwischen viele Unternehmen, die intelligente Produkte herstellen. Hagleitner aus Zell am See hat zum Beispiel smarte Seifenspender entwickelt. Vor einigen Jahren haben wir gesagt: Wir wüssten gerne, wie es um den Status eines Spenders steht und haben begonnen, uns mit Funktechnologie zu beschäftigen, berichtet Franz Naturner, der bei Hagleitner für Marketing zuständig ist. So entstand das Sense Management -System, bei dem Spender für Seife, Papierhandtücher, Klopapier und Raumduft sowie berührungslose Armaturen mit einander vernetzt sind. Über eine Basisstation schicken sie Statusinformationen zu einem Rechner in die Cloud, die per Handy oder Tablet abrufbar sind. Der Sinn dahinter: Das Reinigungspersonal weiß genau, wann wo die Seife zur Neige geht. Auch Bestellungen und Lagerstände lassen sich leichter planen. >

8 8 NACH HAUSE TELEFONIEREN Mähdrescher und Seifenspender haben das gleiche Bedürfnis wie E. T. > Wir haben gesehen, dass der intelligente Waschraum Potenzial hat, meint Naturner. Damit können wir neue Kundenschichten ansprechen, wie Arenen, wo in der Pause Menschen aufs Klo laufen. Es sind auch neue Abrechnungssysteme denkbar, zum Beispiel pro Benutzung. Zudem soll das System auf den Bereich Küchenhygiene ausgeweitet werden: Wir haben einen Kompaktreiniger für Geschirr mit Ecolabel, der über ein intelligentes Dosiergerät angewendet wird. Die Reinigungspatrone ist mit einem RFID-Chip ausgestattet, sodass das Dosiergerät erkennt, ob es sich um das passende Reinigungsmittel handelt. Künftig ist es denkbar, dass wir die Dosiergeräte via Cloud aus der Ferne warten. Zurück zum Unikat Neben Produkten werden auch Maschinen in der industriellen Produktion smart und lernen, miteinander und mit den Werkstücken zu kommunizieren und zu interagieren. Im Fachjargon spricht man dabei von Cyber-Physical Production Systems. Die intelligenten Objekte können untereinander direkt Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich damit gegenseitig steuern. Zum Beispiel wird ein Rohling am Beginn der Produktion mit einem Funkchip ausgestattet, der seine Fertigungsinformationen in maschinell lesbarer Form enthält. Mit diesen Daten sagt das Produkt jeder Maschine, wie es verarbeitet werden muss und wohin es weiter transportiert werden soll. Relevant 4/2014

9 VERNETZUNG 9 Industrielle Revolutionen So kann die Smart Factory in vielen Bereichen die Rückkehr von der Massenfertigung zum Unikat bringen. Seit der ersten industriellen Revolution lag es auf der Hand, dass es am effi zientesten ist, große Mengen gleichartiger Produkte zu fertigen. In Zukunft werden sich auch Einzel stücke wirtschaftlich produzieren lassen. Vorreiter ist dabei die Autoindustrie: Wenn man heute die Ausstattung eines Fahrzeugs online konfi guriert, setzen die Informationen bei der Bestellung einen Dominoeffekt in Gang: Der Autohersteller produziert nach Bedarf und wenn eine Kiste mit Bauteilen geöffnet wird, erfährt der Zulieferer automatisch, dass nachproduziert werden muss. Die Fabrik macht sich selbstständig Die Integration von Informationstechnologie in Produktionsprozesse bietet aber noch mehr: Produkte lassen sich eindeutig identifi zieren, lokalisieren und wissen jederzeit über ihren Zustand Bescheid. Die Produktionsstraßen in den Fabriken können im Fall von Störungen und Ausfällen ihre Produktion kurzfristig selbstständig verändern, sie können selbst den Fehler diagnostizieren und selbst Prozesse optimieren. In letzter Konsequenz steuern sich Fabriken nahezu selbstständig und produzieren dabei entsprechend dem Bedarf am Markt. Die Steuerung erfolgt dabei dezentral, durch die Interaktion der einzelnen Elemente. Die Produktion der Zukunft ist aber nicht menschenleer, ganz im Gegenteil Industrie 4.0 versucht das Wissen und die Fähigkeiten eines jeden Mitarbeiters beispielsweise durch intelligente Arbeits- sowie Entscheidungsunterstützungssysteme optimal zu nutzen und in das Produktionssystem einzubinden. So werden Menschen die Produktion künftig anders steuern als bisher zum Beispiel per Handy, Tablet oder per Smartwatch. Schlägt eine Maschine Alarm, vibriert etwa künftig die Uhr am Handgelenk des Facharbeiters. Vor Ort kann er über die Smartwatch den Alarm quittieren und darauf reagieren, zum Beispiel die Geschwindigkeit eines Förderbandes neu einstellen. Technisch werden solche Steuerungen schon heute ohne großen Aufwand umgesetzt. Im nächsten Entwicklungsschritt wird man Anlagen per Gesten steuern indem man zum Beispiel für ein Not-Aus einfach die Hände hochreißt. Als die Engländer lernten, aus Kohle Energie zu erzeugen und damit Maschinen zu betreiben, würfelte das nicht nur auf ihrer Insel die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse durcheinander. Die Mechanisierung ab Mitte des 18. Jahrhunderts wird deshalb als industrielle Revolution bezeichnet. Sicherheit und Ausbildung als Hürden Eine Studie des deutschen High-Tech-Verbandes Bitkom geht davon aus, dass das BIP in Deutschland durch Industrie-4.0-Technologie bis 2025 jährlich um 1,7 Prozent zusätzlich ansteigen kann. Viele innovationsoffene Unternehmen kämpfen allerdings noch mit den Herausforderungen der Umsetzung. Laut einer Umfrage des deutschen VDE (Verband der Elektrotechnik) sind die größten Hindernisse die IT-Sicherheit, der hohe > Auch danach gab es markante Veränderungen in der Wirtschaft: Die Elektrifi zierung, den Aufstieg der chemischen Industrie, Fließbandfertigung sie alle werden immer wieder als Zeichen der zweiten industriellen Revolution genannt, die nicht so klar defi niert ist wie die erste. Wenn man in der Digitalisierung und Automatisierung im ausgehenden 20. Jahrhundert die dritte Revolution sieht, kann man die Vernetzung, die intelligente Produktion und intelligente Produkte ermöglicht, als vierte industrielle Revolution bezeichnen also den Wandel zur Industrie 4.0.

10 10 GESTEIGERTE ENERGIEEFFIZIENZ soll einer der Nebeneffekte der Transformation zur Industrie 4.0 sein. > Qualifizierungsbedarf, fehlende Normen und Standards sowie hohe Investitionen. Man kann davon ausgehen, dass die Chancen und Hindernisse in Österreich vergleichbar sind. Sicherheit war in der Industrie lange Zeit synonym für Betriebssicherheit (Safety), also den Schutz von Beschäftigten, der Umwelt sowie der Industrieanlage. Bei einer Realisierung der Industrie 4.0 kommt jedoch zunehmend die informationstechnische Sicherheit (Security) in den Fokus zumal Industrieanlagen aus IT-Sicht eine ungewöhnlich lange Lebenszeit haben. Damit auf lange Sicht die benötigten Fachkräfte verfügbar sind, müsse sich unser Bildungssystem verändern, vom Kindergarten weg, erklärt Wilfried Sihn: Wir brauchen nicht mehr die singuläre Ausbildung, sondern Leute, die auch etwas von Informatik, Netzwerk- und Systemtechnik verstehen. In Österreich angekommen Industrie 4.0 stellt eine große Chance für die Wettbewerbsfähigkeit gerade von Hochlohn-Ländern dar und kann einen wesentlichen Beitrag zu Ressourcen- und Energieeffizienz sowie zur Beherrschung von Folgen des demografischen Wandels liefern. Sowohl das BMVIT als auch das Wirtschaftsministerium haben das begriffen, stellt Sihn zufrieden fest. Seit einem oder eineinhalb Jahren sei das Thema auch in Österreich angekommen. Die Ministerien stellen für Projekte in den nächsten Jahren zig Millionen Euro zur Verfügung und in der Wirtschaft entstehen Netzwerke für intelligente Produktion im Sommer riefen etwa Politik, Industrie und Wissenschaft die österreichische Plattform Industrie 4.0 ins Leben. Die smarte Revolution hat begonnen. π Relevant 4/2014

11 VERNETZUNG 11 Die Sicherheitsanforderungen steigen exponentiell Ewald Jenisch, Chief Information Security Officer (CISO) der Oesterreichischen Kontrollbank, spricht über wachsende IT-Aufgaben in Banken und die Private Cloud der OeKB. EWALD JENISCH wacht über die Daten der OeKB-Kunden. Warum betreiben Banken heute so große IT-Abteilungen? Jenisch: Weil die Komplexität steigt: Es gibt heute für viele Aufgaben Selbstbedienungsautomaten für Bargeld, für Kontoauszüge, zum Münzenzählen und so weiter, es gibt Internetbanking, es gibt Apps... Das hat vor 10, 20 Jahren noch ganz anders ausgesehen. Gleichzeitig steigen die Sicherheitsanforderungen exponentiell, und mit ihnen der Personal- und Investitionsbedarf. Wieso verursachen zum Beispiel Webapplikationen einen so großen Aufwand? Mit dem Programmieren alleine ist es ja nicht getan: Webapplikationen müssen laufend gewartet und an steigende Sicherheitsanforderungen angepasst werden. Die IT-Infrastruktur, IT-Systeme wie Server, sind heutzutage meist sehr gut durch Firewalls geschützt eine solche Firewall ist heute im Prinzip in jedem W-LAN- Router eingebaut. Webapplikationen müssen aber aus dem Internet erreichbar sein, daher muss die Firewall auch den Verkehr dorthin durchlassen. Man muss gewissermaßen eine Türe öffnen. Das wissen auch die Angreifer, die dann versuchen, die Webapplikationen selbst anzugreifen. Daher ist es erforderlich, Webapplikationen unabhängig von Firewalls entsprechend zu schützen. Zählt IT zu den Kernaufgaben einer Bank? IT ist sicher nicht Kernaufgabe einer Bank, aber die Kernaufgaben sind ohne funktionierende IT Man muss gewissermaßen eine Türe öffnen. Das wissen auch die Angreifer. heutzutage nicht zu erfüllen. Gerade im Fehlerfall zeigt sich hier oft: Zeit ist Geld je länger der Ausfall, desto größer der Schaden. Das haben auch einige große Finanzdienstleister bereits erkannt, die in der Vergangenheit große Teile ihrer IT ausgelagert hatten: Im Fehlerfall kann das verbleibende Team dann nur mehr mit dem Dienstleister telefonieren, in der Hoffnung, dass dieser den Schaden bald beheben kann, weil vor Ort kein Know-how mehr über die eigenen IT-Systeme vorhanden ist. Diesen Fehler möchten wir bewusst vermeiden: Ein gutes hauseigenes IT-Team von Spezialisten ist entscheidend für einen reibungslosen Betrieb. Für punktuelle Spezialaufgaben holen wir uns anlassbezogen externen Support, der Betrieb wird jedoch immer durch die hauseigene IT gemacht. Setzt die OeKB auf Cloud Computing? Wir betreiben eine Private Cloud mit virtuellen Servern. So können wir standortunabhängig die Kapazitäten unserer Rechenzentren optimal nützen. Im Gegensatz zu einem klassischen Server weiß der Benutzer nicht, mit welchem Gerät er sich verknüpft. Die Cloud dient nicht nur als Datenspeicher, sondern auch Rechenleistung wird darüber bezogen. Sie sagen Rechenzentren das heißt, es gibt mehr als eines? Ja, wir haben zwei Rechenzentren an zwei verschiedenen Standorten. Damit ist sichergestellt, dass zum Beispiel bei einem Brand keine Daten verloren gehen, weil sie parallel in beiden Rechenzentren gehalten werden. Die beiden Rechenzentren sind über Standleitungen miteinander verbunden. π

12 12 Mit Sicherheit wolkig CLOUD COMPUTING Die Nachfrage nach Cloud Services ist in den letzten Jahren schneller gewachsen als das Bewusstsein für die Gefahren derselben. Doch langsam kehrt Vernunft ein. Was ist Cloud Computing? Klassisch sind auf einem Computer Daten und ein Programm gespeichert, und das Gerät macht die Berechnungen. Daraus ergibt sich schließlich eine Anzeige auf dem Bildschirm. Beim Cloud Computing ist mindestens eine der Komponenten ausgelagert: Die Daten, die Programme oder die Rechenleistung. Für sie ist nicht mehr das Gerät verantwortlich, vor dem der Benutzer sitzt, sondern die Cloud ein Rechenzentrum, oder oft ein Netzwerk aus Rechenzentren. Per Internetverbindung werden Informationen dorthin übertragen oder von dort abgerufen. Bis vor wenigen Jahren war das Wort Cloud Computing nur Insidern bekannt. Dabei ist die Idee der Cloud fast so alt wie das Internet selbst, und viele von uns nutzen Cloud-basierte Services schon länger, als ihnen bekannt ist. Denken Sie an -Anbieter wie GMX oder Hotmail. Auf ihren Servern sind die Mails gespeichert man benötigt auch kein eigenes Programm, um sie zu lesen, sondern ruft sie über den normalen Internet-Browser auf. Dasselbe Prinzip funktioniert natürlich auch für alle anderen Daten und Anwendungen. Seit Mitte der 2000er-Jahre werden solche Services im großen Stil angeboten. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Private Cloud und Public Cloud, sagt Ewald Jenisch, Chief Information Security Offi cer (CISO). Während Private Clouds intern betrieben werden und nur innerhalb der eigenen Organisation zugänglich sind, bieten Public-Cloud-Anbieter wie Microsoft, Google oder Amazon ihre Dienstleistungen öffentlich und auf fl exibler Basis an. Beide Varianten bergen Risiken die Public Cloud jedoch die wesentlich größeren. Daten sind nicht gleich Daten Die größte Gefahr von Public Clouds betrifft die Datensicherheit. Wer Public Clouds nutzt, muss sich die Frage stellen, welche Daten in die Cloud gelegt werden, meint Jenisch. Einen bereits veröffentlichten Geschäftsbericht kann man ohne Bedenken in einer Public Cloud ablegen. Bei unternehmensinternen Daten oder Daten von Kunden sieht es schon anders aus. Unternehmen sind in Österreich für die Sicherheit von Kundendaten verantwortlich und können sich nicht von dieser Verantwortung freikaufen im Streitfall wird das Unternehmen rechtlich belangt, auch wenn es den Schaden nicht selbst verursacht hat. Auch wenn der Cloud-Anbieter eine Verschlüsselung der bei ihm gespeicherten Daten anbietet, löst das nicht das Problem. Die Frage ist dann: Wer hat eventuell einen Nachschlüssel? Es ist im Prinzip dasselbe wie beim Schlüssel zu einer Mietwohnung, sagt dazu Ewald Jenisch. Eine weitere Herausforderung sei die Abhängigkeit von einem Anbieter: Daten in die Cloud zu bekommen, ist meist leicht. Sie wieder gesammelt herauszubekommen wird dagegen von den Anbietern absichtlich schwierig gemacht. Wenn s kracht, kracht s richtig Die nächste Tücke: Große Cloud-Provider sind ein beliebtes Angriffsziel. Zwar sind ihre Systeme gut geschützt aber wenn einer erfolgreich angegriffen wird, sind die Folgen gewaltig, berichtet Jenisch. Selbst große Cloud-Anbieter sind schon für mehrere Tage gestanden und ihre Kunden hatten keinen Zugriff auf ihre Daten. Da muss man sich als Unternehmen die Frage stellen: Welche Folge hat das für mein Geschäft? Ebenso sollte man bedenken, dass man nur dann an seine Daten kommt, wenn die Internetverbindung funktioniert. Und dafür gibt es keine Garantie. Dass diese Risiken in Kauf genommen werden, liegt daran, dass Cloud Computing natürlich auch Vorteile bietet: bessere Skalierbarkeit, höhere Flexibilität bei der Abdeckung von Spitzenlast und eine mögliche Kostenersparnis. Unternehmen können rasch wachsen, ohne dass die IT zum limitierenden Faktor wird. Innovative Unternehmen wie Dropbox, Netfl ix und AirBNB, die traditionelle Wirtschaftszweige auf den Kopf gestellt haben, wären ohne Cloud Computing kaum möglich gewesen. Jenisch warnt allerdings vor Milchmädchenrechnungen, bei denen Risiken nicht einkalkuliert werden. Relevant 4/2014

13 VERNETZUNG 13 Buchtipps Oft wird auch der Vergleich mit der Entwicklung in der Energiewirtschaft um 1900 gezogen. Durch die fl ächendeckende Elektrifi zierung erfolgte damals die Umstellung von vielen kleinen Stromerzeugern hin zu zentralen Großkraftwerken. Verbreitung steigt weiter Wie viele Unternehmen derzeit Cloud-Dienste nutzen, lässt sich nicht eindeutig sagen. Laut Statistik Austria verwendet in Österreich in etwa jedes achte Unternehmen Cloud Services, insbesondere zum Speichern von Dateien und s. Andere Studien nennen deutlich höhere Anteile. Sie stimmen jedoch darin überein, dass Cloud Computing weiter boomt und in großen Firmen verbreiteter ist als in kleinen. Gerade für kleinere Betriebe, für die der Betrieb einer hauseigenen IT nicht möglich ist, können Public Clouds durchaus attraktiv sein. Ein Installateurbetrieb könnte zum Beispiel seine Lagerbuchhaltung in die Cloud legen. Andererseits gehen, große Unternehmen schon wieder dazu über Teile ihrer IT, die sie in die Cloud ausgelagert haben, wieder zurückzuholen. Letzten Endes ist es ein Abwägen von Nutzen versus Risiko. Fragen wie Was würde es für unseren Betrieb bedeuten, wenn die Daten in falsche Hände geraten? oder Welche Auswirkungen hätte es, wenn wir nicht an die Daten kommen? sollte man sich stellen, bevor man Dokumente in die Wolke verfrachtet. Bitte anschnallen! Jenisch wünscht sich mehr Bewusstsein für Datensicherheit, weiß aber, dass dieses nur langsam einkehren wird. Es hat auch Jahrzehnte gedauert, bis sich die Leute im Auto angegurtet haben in den 60ern hat man noch spöttisch gesagt:,fällst du sonst raus? Hier wird es ähnlich sein. π Makers Der Autor Chris Anderson war 12 Jahre Chefredakteur des Magazins Wired. In Makers beschreibt er, wie dank moderner Technologie und Vernetzung jeder mit wenig Aufwand selbst Produkte designen kann. Der Untertitel der deutschen Ausgabe Makers: Das Internet der Dinge: die nächste industrielle Revolution ist dabei etwas irreführend. Mit dem Internet der Dinge hat das Buch nichts zu tun; dass die personalisierte Produktion ein zentrales Element der nächsten industriellen Revolution sein wird, ist schon schlüssiger. Anderson erwartet, dass Einzelne mit schlauen Produktideen den etablierten Herstellern Konkurrenz machen werden. Bis wir wissen, ob er damit recht behält, ist Makers jedenfalls eine anregende Lektüre nicht nur für Hobbyfabrikanten. Makers: Das Internet der Dinge: die nächste industrielle Revolution von Chris Anderson Carl Hanser Verlag, 2013, ISBN-13: , 23,60 Euro (gebunden), 16,99 Euro (ebook) Behind the Cloud Salesforce.com ist einer der führenden Anbieter von Cloud-Software, speziell im Bereich Kundenbeziehungsmanagement. Der Gründer und CEO Marc Benioff erzählt, wie innerhalb von 10 Jahren aus einem Start-up in einer Mietwohnung ein riesiges Softwareunternehmen wurde: wie er Mitarbeiter inspiriert hat, aus Kunden Anhänger gemacht hat, Innovationen vorangetrieben hat. Benioff zeigt, wie eine simple Idee Business-Software über das Internet bereitzustellen schließlich die Softwareindustrie grundlegend verändert hat. Seit dem Erscheinen 2009 wurde das Buch zum Bestseller, der auch von hochrangigen Managern viel Lob bekam. Behind the Cloud bietet einen raren Einblick in die Entwicklung eines der wichtigsten Trends der heutigen Geschäftswelt, befand etwa Eric Schmidt, Vorsitzender des Verwaltungsrats von Google. Behind the Cloud: The Untold Story of How Salesforce.com Went from Idea to Billion-Dollar Company And Revolutionized an Industry von Marc Benioff und Carlye Adler (in englischer Sprache) Verlag Jossey Bass, ,99 Euro (gebunden), 15,20 Euro (ebook)

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