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1 Forum 1 "Informationsbedarf der Hochschulen und Relevanz von Leistungsvergleichen" Eingangsstatement: Gereon R. Fink Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität zu Köln Direktor der Klinik für Neurologie, Uniklinik Köln & Direktor am Institut für Neurowissenschaften und Medizin, Forschungszentrum Jülich Hochschulen benötigen adäquate und belastbare Informationen über Strukturen und Prozesse in der Forschung, zur Hochschule als Ganzes wie auch zu den anderen Mitspielern im Wissenschaftssystem. Entsprechend qualifizierte Informationen unterstützen die Hochschulleitung und Fakultäten im Rahmen von Stärke-Schwächen-Analysen, Profilbildungsprozessen, Zielvereinbarungen, Evaluationen und nicht zu vergessen auch der Qualitätssicherung. Sie sind Voraussetzung u.a. für eine verantwortungsvolle, sachgerechte und transparente Mittelvergabe sowie ein qualifiziertes Datenmanagement und Berichtswesen, sie sind elementar für Berufungsverfahren, Bleibeverhandlungen oder Umwidmungen von Professuren. Qualifizierte Informationen werden schließlich auch benötigt, um Länder wie auch Drittmittelgeber adäquat informieren sowie ihnen gegenüber Rechenschaft ablegen zu können. Der einzelne Forscher nutzt dagegen selten Rankings oder Ratings. Letztere, das heißt, die wertende, vergleichende Beurteilung individueller Forschungsleistungen jenseits absolut erfassbarer Parameter, stehen sowieso für einzelne Forscher nicht flächendeckend, sondern höchstens anlassbezogen zur Verfügung. Maßgebend für die Relevanz von Rankings wie auch Ratings ist zuallererst die Qualität der Daten was auch beinhaltet, dass sie ausreichend differenziert / mehrdimensional, nachvollziehbar (verwendete Methoden der Datenerfassung, exakte Definition der abgefragten/ erhobenen Daten, eindeutige Darstellung der Parameter, Plausibilität der Daten und der daraus gezogenen Schlüsse) und absolut transparent sind. Nur unter dieser momentan leider viel zu selten erfüllten - Voraussetzung findet die Erfassung von Forschungsleistungen in der Wissenschaft bis hin zum einzelnen Wissenschaftler Akzeptanz. Als qualifizierte Indikatoren sind zunächst Drittmittel, Publikationen und Zitationen geläufig. Bei der Bestimmung der Indikatoren müssen Spezifitäten einzelner Fächer berücksichtigt werden, um sie adäquat zu gewichten sowie ggf. anzupassen und mit anderen Indikatoren zu

2 ergänzen. Unverzichtbar ist zudem die Berücksichtigung verschiedener Leistungsdimensionen. So bedarf es auch Informationen über die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, zum Wissenstransfer oder zu forschungsnahen Dimensionen, wie der Förderung der Gleichstellung, der forschungsorientierten Lehre oder auch relevante Dienstleistungen für die Wissenschaft oder die Krankenversorgung in den Universitätsklinika. Die Validität der erhobenen Daten wird zudem erhöht, indem auch das weitere Umfeld berücksichtigt wird, wie Unterschiede in der Forschungsinfrastruktur, im Ressourcenbedarf und ganz wichtig: unterschiedliche Belastungen durch die Lehre. Erst ausreichend differenziert erhobene Daten ermöglichen eine qualifizierte Bewertung und ggf. auch eine weitere Informationsverdichtung. Zudem ermöglichen differenzierte Informationen auch Aussagen zur Effizienz. Dabei wollen Hochschulleitungen den Fächern und Forschenden nicht vorgeben, was gute Forschung ist, aber angesichts finanzieller Restriktionen besteht ein legitimes Interesse beispielsweise festzustellen, in welcher Relation die Grundausstattung zu (im jeweiligen Fach definierten und zu vergleichenden) erbrachten Leistungen steht. Dabei ermöglicht eine qualifizierte und transparente Erfassung von Leistungen auch einen Wechsel von einer historisch gewachsenen oder gar willkürlichen Mittelvergabe hin zu einem Verteilungssystem mit hoher Akzeptanz. Auch können im Rahmen solch eines ausreichend differenzierten Systems auch kleinere Forschungsbereiche abgebildet werden und, auch angesichts einer jüngeren Prominenz sehr großer Forschungsverbünde, in den Hochschulen weiter ihre berechtigte Unterstützung finden. Dennoch, selbst solch differenzierte Erfassungen als Grundlage von Rankings und Ratings haben Schwächen und führen zu Folge-Problemen, über die nicht hinweg gesehen werden darf, und die beispielhaft an den Folgen der Bibliometrie veranschaulicht werden können. Die Bibliometrie ist bekanntermaßen ein Instrument, mit dem Publikationsleistungen von Autoren und Institutionen, sowie deren Resonanz gemessen in der Zahl der Zitierungen dokumentiert werden können. Die Bibliometrie ermöglicht somit ein scheinbar objektives Erfassen der Wahrnehmung von Veröffentlichungen einer Forschergruppe, eines Instituts oder einer Institution in der Fachöffentlichkeit. Aber: die Korrelation zwischen Impact- Faktoren bzw. der Anzahl der zitierten Arbeiten und der Verleihung eines Nobelpreises ist gering. Dementsprechend gibt es viele Wissenschaftler, die einen hohen Impact in ihrem

3 Feld haben, aber wenige Publikationen, wenige Zitationen und oft auch in Journalen mit einem niedrigen Impact-Faktor publiziert haben. Schließlich wissen Verlage und Herausgeber genauso gut wie Wissenschaftler, wie Zitationshäufigkeiten und damit auch Impact-Faktoren beeinflusst werden können. Aber, unabhängig von aktiven Manipulationen: Es ist auch bekannt, dass viele Autoren Arbeiten zitieren, die sie nie gelesen haben, sondern aus anderen Zitationslisten übernehmen. Einzelne Untersuchungen belegen solch fragwürdiges Zitierverhalten bei bis zu 80% der zitierten Arbeiten. Dieser Matthäus-Effekt (Mt 25, 29; Gleichnis von den anvertrauten Zentnern: denn wer da hat, dem wird gegeben, und der wird die Fülle haben ) überträgt sich analog auf Rankings und führt auch hier zu Verzerrungen und Verirrungen: Ein undifferenziertes Nutzen solcher Informationen führt zum unbedachten Umlenken von Finanzströmen; es ersetzt allzu oft die arbeitsintensivere, individuelle Betrachtung und Bewertung, weil auch die Entscheidungsträger der öffentlichen Hand und Drittmittelgeber gar nicht die Zeit haben, alles im Detail selber zu lesen um sich ein eigenes, differenziertes Bild zu machen. Auch laden Rankings die Beteiligten zum aktiven Mitspielen ( Gaming ; New York Times ) ein: denn wie heißt es schon bei Matthäus? wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.. Damit genau das nicht geschieht wird der beteiligte Wissenschaftler vom System motiviert zu überlegen, wie er sich nicht nur auf die Konsequenzen von Rankings einstellt, sondern wie er auch beim nächsten Ranking besser abschneidet. Ein gewollter Aspekt einer Evaluation der dennoch nicht nur in die richtige Richtung führt: Ein Streamlining von Wissenschaft ist dabei noch die vermeintlich beste unerwünschte Nebenwirkung? Dabei sind differenzierte, standortübergreifende und fachbezogene Leistungsvergleiche (Rating) durchaus möglich, wenn auch arbeitsaufwändig. Ein Beispiel hierfür ist die in NRW 2006 erfolgte Evaluation der Hochschulmedizin durch die sog. Dichgans-Kommission. Hier wurden unterschiedliche Haushaltsmittel ( Input ) und Infrastrukturen erfasst und bewertet und nicht nur Drittmittel-Einwerbung und Impact-Faktoren ( Output ) als alleiniges Maß berücksichtigt. Leider fehlt aber auch hier eine Re-Evaluation, d.h., eine Erfassung der Folgen des Gutachtens wie auch eine Evaluation des gesamten Verfahrens. Eine etwas andere, aber ebenso wichtige Anforderung der Hochschulen an Datenerhebungen liegt in der Effizienz des Erhebungsprozesses. Bei allen positiven jüngeren

4 Entwicklungen hinsichtlich der Qualität der erhobenen Daten ist zugleich durch die Vielzahl von Evaluationen und Datenerhebungen die Belastung der Hochschulen und Forschenden erheblich gestiegen. Dabei erfolgen Datenerhebungen nicht nur in kurzen Abständen, auch unterschieden sich die benötigten Daten oft. Zudem treffen sie an den Hochschulen auf ein heterogenes Datenmanagement, das sich nochmals nach organisatorischen Ebenen und Inhalten unterscheiden kann. Daher muss bei allen notwendigen Anforderungen an die Datenqualität immer versucht werden, Erhebungen zu systematisieren und zu standardisieren auch damit nicht das eine Ranking vom anderen Ranking Daten einfach abschreibt. Angestrebt werden sollte, Daten für verschiedene Anlässe verwenden zu können, so neben Rankings auch für Evaluationen, für hochschulinterne Erhebungen und auch auf individueller Ebene durch die Forschenden selbst. Gegenwärtig führt das flächendeckende Abfragen von Informationen sowohl bei den Verwaltungen wie auch den Wissenschaftlern zunehmend zu Abwehrreaktionen und es ist kein Wunder, dass Wissenschaftler schon von einer ihre Arbeit behindernden Evaluitis sprechen. Zum Abschluss erscheint mir wichtig zusammenfassend festzuhalten: Benchmarking ist wichtig, darf aber nicht zum Selbstzweck werden (keine Delegation von Verantwortung an Ranker & Rater; letztlich entscheidend ist die Interpretation der Daten vor dem individuellen Hintergrund der jeweiligen Wissenschaftler, ihrer Fachgruppen und Infrastruktur, und ihrer jeweiligen Institution). Die Akzeptanz von Ratings und Rankings wird bestimmt durch die Datenqualität, Mehrdimensionalität und Transparenz. Gegenwärtig sind die Grenzen der Belastbarkeit sowohl für Verwaltungen wie auch die Wissenschaftler erreicht ( Evaluitis ). Eine Systematisierung / Reduktion des Erhebungsaufwandes durch eine Wiederverwendbarkeit allgemein akzeptierter und definierter Parameter ist dringend nötig. Zurzeit fehlt die Evaluation bzgl. Konsequenzen von Rankings und Ratings und deren Nachhaltigkeit ohne eine solche Evaluation kann aber weder dem Matthäus-Prinzip begegnet werden, noch dem aktiven Manipulieren ( Gaming ), noch ist bewiesen, dass Rankings und Ratings tatsächlich den Nutzen haben, der von den oftmals leider auch kommerzielle Interessen verfolgenden Erstellern behauptet wird.

5 Ein letztes Wort zu Abschluss: es ist an der Zeit, dass sich Wissenschaftsrat und Stifterverband nicht nur mit Ratings & Rankings und deren Nutzen oder Nicht-Nutzen beschäftigen, sondern auch mit der Frage: wie kann dem Wissenschaftler wieder mehr Freiraum zur Verfügung gestellt werden, um seiner originären Aufgabe nachzukommen, nämlich Wissen zu schaffen.

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