"Giftige Abfälle" Banken

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1 manager magazin vom Seite: 62 bis 66 Gattung: Zeitschrift Ressort: Unternehmen Jahrgang: 2013 Rubrik: Unternehmen Nummer: 5 Seitentitel: Unternehmen Auflage: (gedruckt) (verkauft) (verbreitet) Kurztitel: Banken Die Finanzbranche führt die Regierungen vor, sagt Reichweite: der Max-Planck-Ökonom Martin Hellwig im Interview. Nur eine radikale Reform der Geldhäuser brächte Stabilität ins System. "Giftige Abfälle" 0,56 (in Mio.) Wie der Bonner Wirtschaftsprofessor Martin Hellwig das Finanzsystem krisenfest machen will - und warum er die Argumente der Lobby gegen strengere Regeln für blanken Unsinn hält. Herr Professor Hellwig, in Ihrem jüngsten Buch "The Bankers' New Clothes" greifen Anat Admati und Sie die Finanzbranche frontal an. Haben Sie im Geldgewerbe noch Freunde? Hellwig Natürlich. Viele Banker sagen uns sogar im Vertrauen, dass wir mit unserer Analyse recht haben. Allzu freundschaftlich gehen Sie mit den Geldmanagern aber nicht um. Nach der Lektüre Ihres Buches hat man den Eindruck, Bankern gehe es nur um den eigenen Vorteil, sie machten sich auf Kosten anderer breit. Hellwig Dass Banker ihren eigenen Vorteil suchen, ist nicht verwerflich. Das tun Bäcker oder Softwareunternehmer genauso. Nur: Wenn Bäcker und Softwareunternehmer Verluste machen und drohen bankrottzugehen, springt der Steuerzahler nicht ein und ist auch keine Wirtschaftskrise zu befürchten. Bei drohenden Bankenpleiten hingegen hilft der Staat, um einer Krise zu entgehen. Auch bei drohenden Pleiten großer Industriefirmen greift die Politik bisweilen ein. Hellwig Das ist die Ausnahme. Bei Banken muss die öffentliche Hand regelmäßig aushelfen. Die Summen sind immens. Die Kosten der Staatshilfe für Hypo Real Estate betragen inzwischen 19 Milliarden Euro. Die Westdeutsche Landesbank hat den Steuerzahler seit Milliarden Euro gekostet, die Staatshilfe für die IKB fast 10 Milliarden Euro. Dazu kommen die Rekapitalisierungen verschiedener Landesbanken. Die HSH Nordbank hat 3 Milliarden Euro erhalten, die BayernLB 10 Milliarden Euro, die Landesbank Baden-Württemberg 5 Milliarden Euro. Bei der Commerzbank dürften die Verluste des Bundes auch mehrere Milliarden ausmachen. Macht insgesamt knapp 70 Milliarden Euro allein in Deutschland. In Ihrem Buch schreiben Sie, kaum jemand traue sich, das Geschäftsgebaren der Banken wirksam zu regulieren und ihrem riskanten Verhalten Einhalt zu gebieten. Warum nicht? Hellwig Die meisten Politiker lassen sich von den Warnungen der Banker beeindrucken, stärkere Regulierung könnte die Kreditvergabe und das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen. Sie wagen nicht, das zu hinterfragen. Das Thema ist ihnen zu kompliziert, außerdem fehlt ihnen oft das nötige Vorwissen. Und schließlich denken viele daran, dass "ihre" Banken die Dinge finanzieren sollen, die sie gern unterstützt haben möchten. Aber die Regeln des Bankgeschäfts wurden doch nach der Finanzkrise erheblich verschärft. Vor allem die Anforderungen an das Eigenkapital der Banken sind deutlich gestiegen. Hellwig Wirklich? Bei der Deutschen Bank betrug das Eigenkapital Ende 2012 stolze 8 Prozent der sogenannten "risikogewichteten Anlagen", mehr als nach den neuen "Basel III"- Regeln gefordert. Das waren aber weniger als 3 Prozent der Bilanzsumme - genau wie vor der Krise und ähnlich wie bei der US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Insolvenz 2008 die Finanzkrise auslöste. Das liegt daran, dass die Aufsichtsbehörden nicht jede Position in der Bilanz einer Bank als gleichermaßen riskant einstufen. Das klingt doch nachvollziehbar. Hellwig Theoretisch ja, praktisch nein. Man stellt sich vor, dass die Banken allzu riskante Geschäfte meiden, wenn sie dazu mehr Eigenkapital brauchen. Aber die Banken wählen einfach Anlagen, bei denen das Risikogewicht nach den Baseler Regeln sehr klein ist und das tatsächliche Risiko - und die Risikoprämie, die sie im Markt bekommen - sehr groß. Dazu haben sie jede Menge Möglichkeiten. Sie dürfen ja auch ihre eigenen Modelle verwenden, um die Risikogewichte ihrer Aktiva zu bestimmen die Regeln lassen sich also manipulieren? Hellwig Sehr leicht. Hinzu kommt, dass viele Risiken völlig ausgeklammert werden. Staatsanleihen etwa werden als risikolos behandelt. Das ermöglichte es Instituten wie der Hypo Real Estate oder auch der französischbelgischen Dexia, ihre Bilanzsumme auf das Fünfzig- bis Hundertfache ihres Eigenkapitals aufzublähen. Als dann der Schuldenschnitt bei griechischen Staatsanleihen kam, war Dexia pleite. Wenn das Eigenkapital so klein ist, genügt eben ein Verlust von 2 Prozent der Vermögenswerte, damit die Bank insolvent wird. Sie halten den Aufsichtsbehörden vor, zu viel Verständnis für die Sonderwünsche der Banken aufzubringen. Haben sich die Regulierer von der Finanzlobby einwickeln lassen? Hellwig Sie lassen sich in der Tat zu sehr beeinflussen. Es ist aber auch nicht leicht, standhaft zu bleiben, wenn die Banken öffentlich klagen, ihre Konkurrenzfähigkeit werde durch eine zu

2 strikte Regulierung und Aufsicht geschwächt. Sie erwähnen in Ihrem Buch, wie vehement die deutsche Bankenlobby auf den Vorschlag reagiert hat, die Eigenkapitalquote auf über 10 Prozent der Bilanzsumme zu erhöhen. Was waren die Argumente? Hellwig Der Vorschlag kam vom Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband schrieb, in diesem Fall würden die Mittelstandskredite um 40 Prozent sinken. Da wurde einfach unterstellt, dass man das Eigenkapital nicht erhöhen kann. Tatsächlich können gerade die Sparkassen durch Einbehaltung von Gewinnen das Eigenkapital sehr schnell und spürbar erhöhen. Und andere Banken können neues Eigenkapital am Markt aufnehmen. In unserem Buch schlagen wir übrigens eine Eigenkapitalquote von 20 bis 30 Prozent der Bilanzsumme vor. Das liefe auf eine Vervielfachung der aktuellen Eigenkapitalquoten hinaus. Würde das nicht tatsächlich zu einer drastischen Drosselung der Kreditvergabe führen? Hellwig Fast alle Argumente, die die Banken dazu vorbringen, sind falsch. Einige sind sogar schlichtweg unsinnig, deswegen haben wir sie in unserem Buch "der Banker neue Kleider" genannt. Empirische Studien zeigen, dass der Effekt einer verminderten Kreditgewährung allenfalls vorübergehend wäre. Bei geeigneter Ausgestaltung der Übergangsbedingungen kann auch dies eingeschränkt werden. Der historische Rückgang der Eigenkapitalquoten der Banken im 20. Jahrhundert hat ja auch nicht zu einer Erhöhung der Kreditvergabe geführt. Die Banken behaupten gern, wenn man sie zu scharf reguliere, würde das Geschäft ins unbeaufsichtigte Reich der Schattenbanken verlagert werden, also zu Hedgefonds und anderen Finanzakrobaten. Dann habe man die Risiken noch weniger im Griff. Hellwig Ein seltsames Argument. Soll man Raub und Mord auf den Hauptstraßen tolerieren, um zu verhindern, dass sie in finsteren Gassen stattfinden? Die Polizei sollte die finsteren Gassen ebenso kontrollieren wie die Hauptstraßen. Im Übrigen sind Hedgefonds meist besser mit Eigenkapital ausgestattet als die Geldinstitute selbst - weil die Banken als Kreditgeber darauf achten, dass sich die Hedgefonds nicht zu hoch verschulden. Warum kann Ihrer Meinung nach nur erheblich mehr Eigenkapital das Bankensystem sicherer machen? Hellwig Eigenkapital versetzt die Banken in die Lage, Verluste zu verkraften, ohne gleich insolvent zu werden. Verluste werden dann von den Eigentümern getragen und belasten nicht die Gläubiger und die Wirtschaft oder die Steuerzahler. Ohne eine solche Haftung der Eigentümer müsste man die Bankgeschäfte selbst viel stärker regulieren, um Risiken zu begrenzen. Da ich nicht glaube, dass der Gesetzgeber oder die Aufsicht das wirklich kann, bin ich da-für, Haftung und Verlustbeteiligung der Eigentümer zu verbessern. Haftung derjenigen, die die Entscheidungen treffen, ist ein Grundprinzip der Marktwirtschaft. Sie sagen, für ein gesundes Finanzinstitut sei Eigenkapital kein Engpassfaktor. Fakt ist aber, dass sich die meisten Banken sehr schwer tun, am Kapitalmarkt neue Aktien zu verkaufen. Hellwig So allgemein stimmt das nicht. In den letzten Jahren ist in Europa sehr viel an Eigenkapital auf dem Markt aufgenommen worden. In Deutschland sind allerdings die Gewinnaussichten schlecht, da es erhebliche Überkapazitäten gibt. In einigen Marktsegmenten ist der Wettbewerb so ruinös, dass man nur durch Zocken überleben kann. Bei solchen Gewinnmöglichkeiten sind die Aktien nicht attraktiv. Wir brauchen dringend eine Rückführung der Überkapazitäten. Aber selbst diejenigen Geldhäuser, die hierzulande erfolgreich sind, dürften kaum in der Lage sein, Ihre Forderungen zu erfüllen. Die Deutsche Bank etwa müsste ihr Eigenkapital glattweg verzehnfachen, um die von Ihnen geforderte Quote zu erreichen. Hellwig Auch die Deutsche Bank leidet unter der hohen Wettbewerbsintensität und den niedrigen Margen. Im Übrigen wird die Ausgabe neuer Aktien durch die hohe Verschuldung des Instituts belastet. Dadurch sind neue Aktien nur zu einem niedrigen Preis abzusetzen. Die Altaktionäre opponieren dagegen, denn das zusätzliche Eigenkapital und die zusätzlichen Mittel dienen teilweise der Verringerung des Konkursrisikos und stellen die Gläubiger besser, ohne dass diese dafür bezahlen würden - oder die Steuerzahler, die einspringen müssten, um einen Konkurs abzuwenden. Und was passiert mit der Deutschen Bank, wenn sie keine neuen Geldgeber findet? Wird sie dann auf ein Zehntel geschrumpft, oder soll sie gleich zumachen? Hellwig Gerade bei der Deutschen Bank dürfte die Schwierigkeit nicht so groß sein, zumindest solange sie Gewinne macht, die einbehalten werden können und die die Aktien attraktiv machen. Es gibt ja auch in anderen Branchen Unternehmen, die ihre Gewinne meist einbehalten und gerade deshalb attraktiv sind. Apple beispielsweise. Im Übrigen ist zu fragen, ob unsere Volkswirtschaft ein Institut mit einer Bilanzsumme von zwei Billionen Euro braucht. Machen Sie es sich da nicht zu leicht? Die Leistungsfähigkeit einer Bank ist ein entscheidendes Wettbewerbskriterium für Volkswirtschaften. Hellwig Wer sagt denn, dass kleinere Banken mit mehr Eigenkapital weniger leistungsfähig wären? Die Größe eines Geldinstituts sagt über seine Fähigkeit, die Realwirtschaft mit Krediten und anderen Dienstleistungen zu versorgen, wenig aus. Institute wie die Deutsche Bank oder die schweizerische UBS betreiben das eigentliche Bankgeschäft nur noch teilweise. Ein guter Teil dessen, was sie machen, könnte ebenso von Hedgefonds übernommen werden, die allerdings mehr Eigenkapital hätten - und weniger Aussichten auf Staatshilfe in einer Krise. Vielen Politikern schwebt ein "nationaler Champion" vor, eine Bank, die im weltweiten Wettbewerb ganz vorn mitspielt. Der Gedanke klingt einleuchtend... Hellwig... schafft aber enorme Risiken für den Steuerzahler. Die eingangs genannten 70 Milliarden Euro erscheinen als abstrakte Zahl, sind aber echte Kosten. Bei einem Zinssatz von 2 Prozent sind das 1,4 Milliarden Euro pro Jahr, das entspricht ungefähr dem staatlichen Beitrag für die Finanzierung der 80 Forschungsinstitute der Max-Planck- Gesellschaft. Gesetzt den Fall, Sie setzen sich mit Ihren Forderungen durch: Welches Bankensystem haben wir dann in zehn Jahren? Hellwig Das weiß ich nicht, denn das müsste der Markt herausfinden. Jedoch kann der Markt bei bestimmten Instituten nicht richtig arbeiten. Deshalb haben wir die Überkapazitäten, die ich ansprach. Obwohl von den Kosten der Krise für den Steuerzahler ein

3 großer Teil auf die Landesbanken entfällt, sind nur die SachsenLB und die WestLB verschwunden. Und letztere auch nur, weil die EU-Kommission das vorschrieb. Sicher ist, dass wir eine noch viel stärkere Konsolidierung brauchen. Bislang werden die Banken in der Regel mehr oder weniger ganz vom Staat aufgefangen, zumindest wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben. Welche Wirkung hat diese "implizite" Staatsgarantie? Hellwig Die betroffenen Banken können sich viel billiger verschulden. Die Gläubiger rechnen nämlich damit, dass sie gegebenenfalls vom Staat ausbezahlt werden. Der Wert dieses Vorteils für die größten Banken beläuft sich auf viele Milliarden Euro im Jahr. In Ihrem Buch sagen Sie, dieser Mechanismus wirke so, als würde man die chemische Industrie dafür belohnen, die Umwelt zu verschmutzen. Weshalb? Hellwig Der Finanzierungsvorteil für die Banken ist umso größer, je mehr sie sich verschulden und je mehr Risiken sie eingehen. Diese Risiken belasten die Wirtschaft und Gesellschaft so, wie giftige Abfälle die Umwelt belasten. Setzt denn angesichts all dieser Argumente langsam ein Umdenken ein? Auf Zypern unternehmen die Euro- Staaten ja immerhin den Versuch, marode Banken nicht mehr bedingungslos zu retten, sondern zumindest ihre Gläubiger an den Kosten zu beteiligen. Hellwig Das halte ich für sinnvoll. Die Kreditgeber bei einer Insolvenz einzubeziehen, sollte eigentlich der Normalfall sein. Wir haben uns nur seit dem Konkurs von Lehman Brothers angewöhnt, diese Regel zu missachten. Besteht also Hoffnung, dass bald Schluss ist mit den Bankenrettungen? Hellwig Ich fürchte nein. Wenn in diesem oder dem nächsten Jahr eine große deutsche Bank in Schwierigkeiten kommen würde, würde sich die Regierung wieder veranlasst sehen, mit staatlichen Mitteln einzuspringen, um Schlimmeres abzuwenden. Der Anti-Bankster - Wissenschaftler Der 64-jährige Volkswirt forschte unter anderem in Stanford, Princeton und Harvard. Heute ist Hellwig Direktor des Max-Planck- Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. - Ankläger In seinem Buch "The Bankers' New Clothes", verfasst mit der Stanford-Ökonomin Anat Admati, plädiert Hellwig für eine deutlich höhere Eigenkapitalausstattung der Banken. Zugleich geht er mit der Finanzbranche hart ins Gericht. Billionenhilfe Wie der Staat den Banken beispringt Zinsvorteil Dass die Regierungen systemrelevante Banken nicht in die Pleite rutschen lassen, ist für die Institute viel wert. Nach Berechnungen der Bank of England senkt diese "implizite Staatsgarantie" die Refinanzierungskosten der weltgrößten Geldinstitute um bis zu eine Billion Dollar pro Jahr. Das Interview führte mm-redakteur Ulric Papendick.

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