Umverteilung oder Anerkennung? Und wenn: Wovon und durch wen? Theoretische Überlegungen zur aktuellen Debatte um Anerkennung oder Umverteilung

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1 DFG-Projekt WI 2142/1-1 Liebe, (Erwerbs-)Arbeit, Anerkennung Entgrenzung und Pluralisierung intersubjektiver Anerkennungschancen in Paarbeziehungen? Emmy-Noether-Programm Phase I Christine Wimbauer Umverteilung oder Anerkennung? Und wenn: Wovon und durch wen? Theoretische Überlegungen zur aktuellen Debatte um Anerkennung oder Umverteilung Arbeitspapier 1 New Haven, September 2004 Damals: aktuelle Adresse: Dr. Christine Wimbauer Center for Research on Inequalities Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) and the Life Course (CIQLE) Reichpietschufer 50 Department of Sociology Yale University Berlin 140 Prospect Street P.O. Box New Haven, CT (USA) Tel: 001 (203) Fax: 001 (203) Copyright: This paper may be cited in line with the usual academic conventions. But please note that it is a draft for discussion only. You may also copy it for your own personal use. This paper must not be published elsewhere (e.g. mailing lists, bulletin boards etc.) without the authors explicit permission.

2 Gliederung: Vorbemerkung zum Projektkontext Einleitung und Problemstellung: Die aktuelle Debatte um Anerkennung oder Umverteilung Axel Honneth vs. Nancy Fraser: Anerkennung oder Umverteilung? Zwei aktuelle anerkennungstheoretische Ansätze Axel Honneth: Vom Kampf um Anerkennung zur gelungenen Identität Darstellung des Honneth schen Anerkennungsmodells Honneth 1992: Kampf um Anerkennung Zu einem Stufenmodell von Liebe, Recht und Wertschätzung Erste Diskussion von Honneths (1992) Modell Veränderung der Konzeption von Liebe : Moralische Entwicklungsfähigkeit und partielle Veröffentlichung von Liebe Der normative Monismus der Anerkennung Honneth 2003a,b Diskussion des Honneth schen Modells Zum Ansatz eines identitätstheoretischen normativen Anerkennungsmonismus Charakterisierung und Trennung der drei Anerkennungsformen Liebe, Recht, Solidarität/Leistung Verschränkung der drei Anerkennungsformen Fazit Nancy Fraser: Anerkennung und Umverteilung: Vom bivalenten Modell der Gerechtigkeit zum Statusmodell der Anerkennung Darstellung des Fraser schen Ansatzes Zu einem bivalenten Konzept von Gerechtigkeit und einem perspektivischen Dualismus von Anerkennung und Umverteilung Zum Statusmodell der Anerkennung und der partizipatorischen Parität Exkurs: Die Gleichheit der Geschlechter Ein postindustrielles Gedankenexperiment Fazit Diskussion des Fraser schen Modells Zum theoretischen Ansatz eines perspektivischen Dualismus von Anerkennung und Umverteilung Zum Statusmodell der Anerkennung Zur Abstraktheit des Modells Fazit

3 3. Weitere anerkennungstheoretische Überlegungen und Ansätze Patchen Markell: Bound by Recognition. Von Recognition zu Acknowledgement Recognition Zur kognitiven und zur kreativen Dimension des Begriffes Acknowledgement of our own finitude statt recognition of identity Diskussion des Markell schen Ansatzes Michael Walzers Spheres of Justice vs. Rawls Theory of Justice Anerkennung und Arbeit: Ursula Holtgrewe, Gabriele Wagner und Stephan Voswinkel Anerkennung und Liebe bzw. Geschlecht Allgemeine feministische Thematisierungen von Anerkennung Angelika Krebs: Arbeit und Liebe Gabriele Neuhäuser: Familie und Anerkennung bei Hegel und Honneth Julie A. Nelson und Paula England: Anerkennungsverhältnisse und Subjektbeziehungen Petra Frerichs: Klasse und Geschlecht. Arbeit. Macht. Anerkennung. Interessen Gabriele Wagner: Anerkennung, Individualisierung und das Geschlechterverhältnis Arlie Hochschild: The time bind Anerkennung als multivalentes und mehrdimensionales Modell Überlegungen zu einem Arbeitskonzept von intersubjektiver und sozialer Anerkennung Zu einem relationalen Ansatz und einem mehrdimensionalen Drei-Ebenen-Modell der Anerkennung Zu einem relationalen Ansatz und einem Drei-Ebenen-Modell von Anerkennung Zu einem relationalen Ansatz Drei Ebenen der Anerkennung: individuell, intersubjektiv und institutionell Anerkennung als mehrdimensionales Phänomen Die Bivalenz von Anerkennung: Identität und Status, Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit, Besonderheit und Allgemeinheit Zur Bivalenz von Identität/Selbstverwirklichung und Status/Gerechtigkeit Zur Bivalenz von Allgemeinem/Gleichheit und Besonderem/Differenz Zur Dualität von Anerkennung: Handlung und Struktur, Kognition und Konstitution Zur Ambivalenz von Anerkennung: Gleichzeitigkeit von Mittel und Zweck Vorläufiges Fazit Ausblick: Anerkennung, soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit Literatur

4 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen: Tabelle 1: Die Struktur sozialer Anerkennungsverhältnisse (Honneth 1992: 211) Tabelle 2: Tabelle 3: Tabelle 4: Anerkennungsweisen, moralische Verpflichtungen und Verhältnis zwischen den Anerkennungsweisen nach Honneth ([1995] 2000b; 2000a) [Anm. d. A.: eigene Darstellung]...17 Überblick über die Struktur sozialer Anerkennungsverhältnisse nach Honneth (2003a) [Anm. d. A.: eigene Darstellung]...22 Frasers perspektivischer Dualismus und das Statusmodell der Anerkennung [Anm. d. A.: Eigene Darstellung]...41 Tabelle 5: Überblick über Walzers Sphären der Gerechtigkeit und die Verteilungsregeln...52 Tabelle 6: Synopse von Voswinkels Unterscheidung von sechs Anerkennungsmodi...54 Abbildung 1: Drei-Ebenen-Schema eines relationalen Ansatzes...71 Abbildung 2: Schematischer Überblick über ein mehrdimensionales Drei-Ebenen-Modell von Anerkennung [Anm. d. A.: nicht abschließend]...80 Tabelle 7: Schema eines mehrdimensionalen und bivalenten Drei-Ebenen-Modells von Anerkennung [Anm. d. A.: nicht abschließend]

5 Vorbemerkung zum Projektkontext Das Projekt Liebe, (Erwerbs-)Arbeit, Anerkennung Entgrenzung und Pluralisierung intersubjektiver Anerkennungschancen in Paarbeziehungen? fragt nach Anerkennungschancen innerhalb moderner Paarbeziehungen und nach deren Verhältnis zu gesellschaftlichen Anerkennungsstrukturen. Diesbezüglich gehen neuere theoretische (etwa Walzer 1992 [1983]) wie auch empirisch fundierte Überlegungen von einer Pluralisierung und Entgrenzung gesellschaftlicher Anerkennungsforen und -formen (etwa Holtgrewe et al. 2000; Holtgrewe 2002; Voswinkel 2001) aus. Im Zuge gesellschaftlicher Modernisierung werden, so die Grundannahme, durch die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen sowie durch eine Entgrenzung von Arbeit und Leben die Gültigkeit des männlichen Familienernährer- und des weiblichen Hausfrauenmodells samt damit einhergehender Sphärentrennung in Frage gestellt. Geht man davon aus, dass personale Identität wesentlich durch wechselseitige Anerkennung 1 konstituiert wird (etwa Mead 1973; Honneth 1992; Strauss 2003) und zwei zentrale Foren für derartige Anerkennung Primär- bzw. Paarbeziehungen (etwa Berger/Kellner 1965; Huinink 1995) sowie Erwerbstätigkeit (Holtgrewe et al. 2000; Petersen/Willig 2004) darstellen, dann ist nahe liegend, dass von einem Wandel der Organisation von Familie und Erwerbsarbeit auch die Anerkennungsmodi und damit letztlich auch die Modi der Identitätsstiftung tangiert werden. Fraglich wird damit, was dies für intersubjektive und gesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse bedeutet: Geht damit eine Pluralisierung und Entgrenzung und v.a. Egalisierung intersubjektiver Anerkennungschancen innerhalb von Paarbeziehungen und von gesellschaftlichen Anerkennungsforen einher? Konkret: Welche Anerkennungschancen bestehen in modernen Zwei-Verdiener-Paaren und insbesondere in Dual Career Couples 2, für welche Handlungen, Eigenschaften und Fähigkeiten finden Partner in solchen Paaren intersubjektiv Wertschätzung? Wie geht diese wechselseitige Anerkennung vonstatten? Zeigen sich hier geschlechtsspezifische Ungleichheiten? Wie beeinflussen welche gesellschaftlichen Anerkennungsstrukturen die intersubjektiven Anerkennungschancen in Paarbeziehungen? Und welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Antworten für gesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse? Ein wesentliches Ziel der Phase I ( ) ist eine theoretisch-konzeptionelle Beschäftigung mit Anerkennungsmodi in Paarbeziehungen unter der Annahme einer Pluralisierung von Anerkennungsforen. Auf dieser Grundlage sollen in Phase II ( ) aus einer wissenssoziologisch-hermeneutischen Perspektive eine eigene empirische Erhebung mit Dual Career Couples 1 2 Anerkennung ist ein komplexer und vielschichtiger Begriff. Im vorliegenden Forschungsvorhaben stehen Paarbeziehungen im Mittelpunkt; der Begriff Anerkennung soll daher in erster Linie im Sinne (inter-)subjektiver Anerkennung die strukturell ein wechselseitiges Verhältnis ist sowie im Sinne gesellschaftlicher Anerkennung verwendet werden, weniger im Sinne juristischer Anerkennung bspw. von Rechten eines Staates oder juristischer Personen. Allerdings spielen hier auch rechtliche Dimensionen eine Rolle, wenn sie sich auf natürliche Personen beziehen. Insgesamt soll durch eine breite Herangehensweise die Entwicklung einer angemessenen Begriffsbestimmung ermöglicht werden, was ein zentrales Ziel der ersten Phase des Forschungsvorhabens darstellt. Mit Zwei-Verdiener-Paaren werden hier Paare bezeichnet, in denen beide Partner in irgendeiner Form erwerbstätig sind (und Frauen oft niedrigere berufliche Positionen einnehmen, weniger verdienen, nur Teilzeit beschäftigt sind und die Erwerbstätigkeit häufiger unterbrechen als Männer); unter Dual Career Couples (DCCs) werden hingegen Paare gefasst, in denen beide Partner eine hohe Bildung besitzen, ein hohes berufliches commitment aufweisen und eine eigenständige Berufslaufbahn verfolgen. 5

6 durchgeführt, Arbeitsorgansiationen und sozialstaatlich-rechtliche Institutionen untersucht sowie die theoretischen Überlegungen interdisziplinär weiter geführt werden. Ziel des vorliegenden Arbeitspapiers ist es, ausgewählte Aspekte der aktuellen Debatte um Anerkennung nachzuzeichnen und kritisch zu diskutieren. Nach der Einleitung (Kapitel 1) werden mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand in Kapitel 2 insbesondere zwei gegenwärtige anerkennungstheoretische Ansätze diejenigen von Axel Honneth (2.1) und Nancy Fraser (2.2) zunächst allgemein dargestellt (einschließlich wichtiger Modifikationen, die über die Jahre hinweg von den AutorInnen vorgenommen wurden) und anschließend diskutiert. Hierbei werden die jeweiligen theoretischen Modelle zum einen insgesamt kritisch betrachtet, und zum anderen daraufhin untersucht, inwieweit sie zu der spezifischen Fragestellung des Projektes intersubjektiver und sozialer Anerkennung in Paarbeziehungen aufschlussreiche Aussagen treffen. In Kapitel 3 werden weitere TheoretikerInnen bzw. Ansätze vorgestellt, die im weitesten Sinne als anschlussfähig für das Thema Anerkennung erscheinen, so Patchen Markell (3.1), Michael Walzers Sphärentheorie der Gerechtigkeit und Rawls Gerechtigkeitstheorie (3.2), Untersuchungen zum Thema Anerkennung und Arbeit (3.3) sowie zu Anerkennung und Liebe bzw. Geschlecht (3.4). In Kapitel 4 wird, aufbauend auf den vorhergehenden Ausführungen, ein vorläufiges eigenes theoretisches Arbeitsmodell von Anerkennung zu entwickeln versucht. Kapitel 5 bietet einen knappen Ausblick auf Fragen nach dem Zusammenhang von (Nicht-)Anerkennung, sozialer Ungleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Das vorliegende Arbeitspapier stellt work in progress dar und möge als solche begriffen werden; es wird zudem laufend ergänzt bzw. aktualisiert. 1. Einleitung und Problemstellung: Die aktuelle Debatte um Anerkennung oder Umverteilung Das Thema Anerkennung steht mehr oder weniger explizit in langer philosophischer, sozialtheoretischer und sozialpsychologischer Tradition. Seit einigen Jahren stößt es in der politischen Sozialphilosophie (etwa Honneth 1992, 2003a,b, 2004; Honneth/Fraser 2003; Fraser 1998, 2000, 2001, 2003a,b; weiter Fiore/Nelson 2003; Inquiry 2002; Margalit 1996; Schild 2000; Taylor 1992, 1994; Tully 2000; Williams 1997; Yar 2001) auf vermehrte Resonanz und wird auch in der Soziologie zunehmend thematisiert (etwa Acta Sociologica 2004; Frerichs 1997, 2000a; Holtgrewe et al. 2000; Lash/Featherstone 2002; Voswinkel 2001, 2002; Wagner 1998, 2004). So nimmt in Hegels Frühwerk (Hegel [1807] 1985) der Kampf um Anerkennung der Identität eine zentrale Stellung für die Entwicklung des praktischen Seins und des sittlichen Gemeinwesens ein. George Herbert Mead beschäftigte sich aus sozialpsychologischer Perspektive mit der herausragenden Bedeutung wechselseitiger Anerkennung für die Identitätsentwicklung (Mead [1934] 1973): Ausgehend von einer Unterscheidung zwischen I als personalem Ich und Me als sozialem Ich, die in einem dialogischen Verhältnis zueinander stehen, betont er die Notwendigkeit intersubjektiver Anerkennung für eine gelingende Identitätsentwicklung. Indem das Ich sich in die Perspektive zunächst des konkreten und später des generalisierten Anderen versetzt, lernt es, die generalisierten Verhaltensnormen der sozialen Gruppe zu übernehmen und zu verinnerlichen. Indem das Ich diese generalisierten Verhaltenserwartungen anerkennt, wird es gleichermaßen als Mich anerkannt und als anerkanntes Individuum mit einem Mitgliedsanspruch 6

7 innerhalb der sozialen Gemeinschaft sowie mit bestimmten Rechten und Pflichten ausgestattet. Auch innerhalb der mikrosoziologischen Rollen- bzw. Interaktionstheorie Erving Goffmans nimmt wechselseitige Anerkennung einen bedeutenden Stellenwert ein. Jessica Benjamin (1988, 1996, 1998) rückt aus einer psychologischen bzw. psychoanalytischen Perspektive wechselseitige Anerkennung in den Mittelpunkt ihrer gesamten Arbeit. Schließlich können auf einer entgegengesetzten, sozialtheoretischen Ebene Pierre Bourdieu (etwa 1982) und Jürgen Habermas gewissermaßen als Anerkennungstheoretiker bezeichnet werden. Seit den 1980er Jahren entwickelte sich, ausgehend von den USA, eine lebhafte Debatte um (die Anerkennung von) Differenz- und Identität (etwa Young 1990; Butler 1990; Okin 1989, 1999). Handelte es sich hierbei zunächst v.a. um die Frage eines Differenz- oder eines Gleichheitsfeminismus, 3 so wurden Anfang der 1990er Jahre (ebenfalls zuerst in den USA bzw. im nordamerikanischen Raum) auch Forderungen nach Anerkennung von ethnischen bzw. kulturellen Gruppen(- identitäten) laut (zuerst Taylor 1992, 1994; weiter etwa Benhabib 2002; Gutmann 2003; Honig 2001; Kymlicka 1995; für einen Überblick siehe etwa Emcke 2000). Hier geht es, wie bei den entsprechenden feministischen Forderungen, um eine Politik der Anerkennung von (kultureller) Differenz bestimmter (unterdrückter oder benachteiligter) kollektiver Gruppen wie African A- mericans, Homosexuellen, nationalen oder ethnischen Minoritäten, Frauen usw.. Im Rahmen dieser Debatte um Multikulturalismus ist etwa umstritten, ob kollektive kulturelle Gruppen als solche anerkannt werden sollen (und wenn ja, welche), 4 in welchem Verhältnis kollektive und personale Identitäten zueinander stehen, welche Rechte kulturellen Gruppen zugestanden werden sollen und in welchem Verhältnis diese zu den Rechten der jeweiligen Majorität stehen. 5 Parallel zu dieser Multikulturalismus-Debatte um die Anerkennung kultureller Differenz und I- dentität von ethnischen Gruppen setzte zu Beginn der 1990er Jahre auch eine lebhaft geführte Auseinandersetzung um Anerkennung (von Differenz/Identität) oder Umverteilung (von Ressourcen) (jüngst Honneth/Fraser 2003; Honneth 2001) im Rahmen der genannten Politics of Recognition ein. In der gegenwärtigen (sozialphilosophischen) Debatte um soziale Gerechtigkeit gibt es nach Fraser (1998, 2001, 2003a) zwei polarisierte Lager, ein ökonomistisches und ein kulturalistisches : Eine bzw. die mehrheitliche Seite stellt die Umverteilung von Ressourcen Lange Zeit wurde und wird teilweise immer noch etwa in der feministische Ethik erbittert die Kontroverse um Differenz vs. Gleichheit geführt: Sind Frauen eine distinkte und differente Gruppe mit spezifischen, partikularen Eigenschaften (wie einer weiblichen Moral [vgl. Gilligan 1982], einer weiblichen ethic of care [etwa Tronto 1993] etc.)? Oder ist eine auf Gleichheit zielende, integrierende, universalistische Perspektive auf Gender erforderlich? Die Seite der DifferenztheoretikerInnen warf und wirft der gegenüberliegenden Position der GleichheitsverfechterInnen vor, damit die Anpassung von Frauen an bzw. die Unterwerfung unter scheinbar universalistische, tatsächlich aber männliche Prinzipien zu verfestigen. Umgekehrt richtet sich an die DifferenztheoretikerInnen der Vorwurf, essentialistisch zu argumentieren und damit (die soziale Konstruktion der) Geschlechterunterschiede zu untermauern und zu zementieren (vgl. hierzu bspw. Institut für Sozialforschung Frankfurt 1994; Knapp 1997; Nagl-Docekal/Pauer-Studer 1993; Rössler 2001). Mit ähnlichen Argumenten wie bei der Kontroverse zwischen Differenz- und Gleichheitsfeministinnen: Der Vorwurf der Essentialisierung und Verfestigung von sozial konstruierten Eigenschaften wird an das Differenz- Lager gerichtet; umgekehrt lautet die Kritik, die Gleichheitsverfechter behandelten angeblich Ungleiches gleich. Diese Debatte kann hier nicht nachgezeichnet werden, da dies ein eigenes Forschungsprojekt darstellen würde. Allerdings ist sie zu erwähnen, da sich einige Parallelen zeigen und / oder Ansatzpunkte ergeben könnten. 7

8 (und damit eine Klassenpolitik bzw. soziale Demokratie) in den Mittelpunkt, die andere die Anerkennung kultureller Verschiedenheit (und damit eine Identitätspolitik bzw. Multikulturalismus). Zu letzteren zählen etwa Benhabib (1999), Young (1990), Honneth (1992) und Taylor (1992, 1994). So geht etwa Honneth davon aus, allein gelungene intersubjektive Anerkennungsverhältnisse (in der Kombination der drei Formen Liebe, Recht und Solidarität) führten zu einem guten Leben ; das Thema Geld bzw. ökonomische Umverteilung handelt er mit der Bemerkung ab, dass auch ein Mindestmaß an materieller Sicherheit notwendig sei für die Verwirklichung einer sittlichen Gemeinschaft (Honneth 1992: 285f.). Fraser (ebd.) hingegen betont die Notwendigkeit einer Integration beider Perspektiven und stellt eine bivalente Konzeption sozialer Gerechtigkeit vor, die in moralphilosophischer Hinsicht Forderungen nach sozialer Gleichheit und nach Anerkennung von Differenz umfasst und auf Ebene der Gesellschaftstheorie der komplexen Beziehung zwischen Interesse und Identität, zwischen Ökonomie und Kultur Rechnung trägt. In dem vorliegenden Arbeitspapier soll insbesondere diese Diskussion zwischen Honneth und Fraser dargestellt und kritisch betrachtet werden (wobei selbstverständlich auch andere Personen zu Wort kommen, jedoch nicht in der gleichen Ausführlichkeit). Aufbauend auf die Diskussion von Honneths und Frasers Ansatz sowie weiterer Überlegungen soll im vierten Kapitel ein eigenes, vorläufiges Arbeitsmodell intersubjektiver und sozialer Anerkennung entwickelt werden. Insgesamt ist das Thema Anerkennung ein mehr als weites Feld, und prinzipiell ließe sich so gut wie jegliches soziale Phänomen theoretisch unter einer Anerkennungsperspektive fassen und analysieren. Fraglich ist hierbei, und dies stellt nur eine kleine Auswahl dar: Wer oder was ist das Ziel der Anerkennung, also auf welche Akteure richtet sie sich (etwa: Individuen, Personen, Subjekte; kollektive Akteure oder soziale Gruppen wie Ethnien, Frauen, Minoritäten etc.; Organisationen, Institutionen, Nationalstaaten usw.)? Worin besteht der Akt der Anerkennung (in subjektiver Bejahung, affektiv-emotionaler Bestätigung? In rechtlicher, institutioneller oder staatlicher Anerkennung, etwa als menschliches Wesen, als Bürger oder als Staatsbürger? In monetärer Entlohnung oder Entschädigung? In symbolischer Anerkennung, usw.)? Wer oder was wird anerkannt (etwa: die partikularen Eigenschaften einer Person, und wenn ja, welche? Die generalisierten Eigenschaften einer Person etwa als Mensch? Die partikularen Eigenschaften einer kollektiven Entität?)? Wer sind die Akteure, die Anerkennung gewähren oder sie verweigern (wiederum: konkrete Personen, Personenkollektive, rechtliche Institutionen, Arbeitsorganisationen, Bildungsund Beschäftigungssysteme, das gesamte Ordnungssystem der Gesellschaft usw.)? Und was sind die Folgen gelungener Anerkennungsverhältnisse (eine unbeschädigte Identität? ein universaler BürgerInnenstatus? Soziale Gerechtigkeit?...)? Zudem stellen sich all diese Fragen auch ins Negative gewendet, auf Nichtanerkennung und/oder Missachtung bezogen: Wer und was sind Ziele, Akteure, Inhalte, Formen, Foren und Folgen von verweigerter Anerkennung oder Missachtung? Und schließlich, in welchem Verhältnis steht Anerkennung mit anderen Prinzipien bzw. Werten? Lassen sich andere Ziele (etwa Umverteilung, Gerechtigkeit, Gleichheit, das gute Leben, Ethik und Moral usw.) unter Anerkennung subsumieren im Sinne einer genuinen Anerkennungstheorie, stehen jene in einem umgekehrt hierarchischen oder vielleicht in einem horizontalen Verhältnis zueinander? Ist eher eine monistische oder eine pluralistische Anerkennungstheorie adäquat? Es ist leicht ersichtlich, dass dies einen Fragenkomplex darstellt, der möglicherweise von einem Genie in dessen Lebenswerk erhellt und in seiner gesamten Komplexität bearbeitet werden könn- 8

9 te, nicht jedoch von einer normalsterblichen Person in einigen wenigen Monaten oder Jahren. Das vorliegende Vorhaben verfolgt daher nur ein begrenztes Ziel, indem es einen kleinen Beitrag zu einer begrifflichen Klärung leisten möchte. Den empirischen Fokus des Projektes stellen Paarbeziehungen dar, die aus der Perspektive einer soziologischen Anerkennungstheorie betrachtet werden sollen. Insofern richtet dieses Arbeitspapier sowie das Forschungsprojekt sein Augenmerk insbesondere auf intersubjektive und soziale Anerkennungsverhältnisse innerhalb von und relevant für Paarbeziehungen. Es geht von der Annahme aus, dass intersubjektive und gesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse grundlegend sowohl für personale Identität als auch für gesellschaftliche und soziale Inklusion der Individuen sind. In diesem Sinn wird hier v.a. auf die Diskussion insbesondere zwischen Axel Honneth und Nancy Fraser (und einigen anderen WissenschaftlerInnen, mehrheitlich aus dem US-amerikanischen Raum) rekurriert. Die gesamte Debatte kann hier nicht nachgezeichnet werden, sondern es sollen nur die Hauptargumentationslinien dargestellt werden. Hierbei kann es mehr oder weniger nur um allgemeine Anerkennungsmodelle gehen, die auch für Paarbeziehungen Relevanz besitzen. Nicht oder allenfalls marginal behandelt werden spezifisch (multi-)kulturelle Aspekte, etwa Anerkennung von kulturellen Gruppen wie nationale Minoritäten, Ethnizitäten, Frauen, verachtete Minderheiten und Sexualitäten wie etwa Homosexuelle (vgl. zur Diskussion hierzu etwa: Appiah/Gutmann 1996; Benhabib 2002; Blum 1998; Emcke 2000; Gutmann 2003; Honig 2001; Kymlicka 1995; Markell 2000; Okin 1989; Rommelspacher 2002; Taylor 1992, 1994; Young 1990, 1997). Nicht näher dargestellt werden auch psychologische, rein identitätstheoretische Ansätze wie derjenige Benjamins (1988, 1996, 1998), die auf einer (inter)-personalen, psychoanalytischen Ebene argumentieren. Vor einer Darstellung des Forschungsstandes zu Anerkennung sollen die zentralen Begriffe in einer ersten Arbeitsdefinition bestimmt werden: Unter Anerkennungsforen oder -sphären werden die sozialen Räume bzw. gesellschaftlichen Teilbereiche verstanden, innerhalb derer (inter- )subjektive Anerkennungsverhältnisse konstituiert und aktualisiert werden (etwa Erwerbssystem bzw. Erwerbstätigkeit, Familie bzw. personale Nahbeziehungen, Rechtssystem usw.). Anerkennungschancen beziehen sich auf die konkreten Subjekte und deren (theoretische) Möglichkeiten, wechselseitige Anerkennung zu aktualisieren; diese sind abhängig von Anerkennungsstrukturen, worunter die strukturellen Möglichkeiten für wechselseitige Anerkennung gefasst werden. Anerkennungsmodi sind die Arten und das Ausmaß der aktuellen, tatsächlich realisierten intersubjektiven Anerkennung. Alles zusammen genommen ergibt die Anerkennungsverhältnisse. Mit Blick auf die genannte Kontroverse um Anerkennung oder Umverteilung kann an dieser Stelle nur so viel vorab festgehalten werden: Nach hier vertretener Ansicht lässt sich das Thema Anerkennung kaum sinnvoll ohne eine Verknüpfung mit Ökonomie, materiellen Ressourcen, Arbeit, Geschlecht, Macht, Ungleichheit und Gerechtigkeit behandeln. Wenn (kulturelle) Anerkennung und (ökonomische) Ressourcenverteilung sicherlich nicht in einem eins-zu-eins Entsprechungsverhältnis stehen, so sind doch (jedenfalls empirisch) Anerkennung und Verfügung über (ökonomische) Ressourcen in modernen Gesellschaften miteinander verknüpft. Somit lautet das vorläufige Plädoyer: (mindestens) Anerkennung/Kultur und Umverteilung/Ökonomie bedürfen gleichermaßen Aufmerksamkeit. Hierzu mehr in Kapitel 4. 9

10 2. Axel Honneth vs. Nancy Fraser: Anerkennung oder Umverteilung? Zwei aktuelle anerkennungstheoretische Ansätze 2.1 Axel Honneth: Vom Kampf um Anerkennung zur gelungenen Identität Darstellung des Honneth schen Anerkennungsmodells Im folgenden werden wesentliche Annahmen der Honneth schen Anerkennungstheorie in einem Überblick dargestellt, der weitgehend der historischen Entwicklung folgt. Insofern sind gegebenenfalls bisweilen Redundanzen enthalten, die jedoch für einen besseren Nachvollzug der Ergänzungen in Kauf genommen werden sollen Honneth 1992: Kampf um Anerkennung Zu einem Stufenmodell von Liebe, Recht und Wertschätzung Die jüngste systematische Formulierung einer Theorie der Anerkennung leistete Axel Honneth (u.a. 1992). Sein Ziel ist es, eine normativ gehaltvolle Gesellschaftstheorie zu entwickeln, wobei er auf Hegels Modell des Kampfes um Anerkennung sowie auf Meads intersubjektivistisches Personenkonzept zurückgreift. Honneth fasst die gesellschaftliche Entwicklung als Stufenfolge von sozialen Kämpfen um Anerkennung, die durch jeweilige Missachtungserfahrungen ausgelöst werden. Ausgehend von dem Grundsatz, die Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens vollzieh(e) sich unter dem Imperativ einer reziproken Anerkennung (Honneth 1992: 148), unterscheidet er zwischen drei Formen reziproker Anerkennung mit je unterschiedlichen Stufen der praktischen Selbstbeziehungen der Menschen sowie entsprechender Formen der Missachtung. Diese drei Formen sind Liebe (bzw. Primärbeziehungen), Recht und Wertschätzung / Solidarität. Erst alle drei Anerkennungsformen zusammen genommen schaffen die sozialen Bedingungen, unter denen menschliche Subjekte zu einer positiven Einstellung gegenüber sich selber gelangen können, denn nur dank des kumulativen Erwerbs von Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstschätzung, wie ihn nacheinander die Erfahrung von jenen drei Formen der Anerkennung garantiert, vermag eine Person sich uneingeschränkt als ein sowohl autonomes wie auch individuiertes Wesen zu begreifen und mit ihren Zielen und Wünschen zu identifizieren. (Honneth 1992: 271). Damit verfolgt Honneth ein identitätstheoretisches Konzept, und für ihn stellt die Kategorie Anerkennung einen fundamentalen, übergreifenden Moralbegriff dar, unter den sich alle anderen Dimensionen subsumieren lassen. Letztlich verficht er einen normativen Monismus der Anerkennung (Honneth/Fraser 2003: 9). Wie werden die drei genannten Anerkennungsformen nun von Honneth charakterisiert? 1) Liebe (Honneth 1992: ) Bei Liebe besteht die Anerkennungsweise in der affektiven Zuwendung zu und emotionalen Bindung an einen konkreten Anderen und dessen Bedürfnisnatur; Liebe bezieht sich hier nicht nur auf romantische Liebesbeziehungen, sondern auf alle Primärbeziehungen. Der praktische Selbstbezug äußert sich hier in Selbstvertrauen: erst jene symbiotisch gespeiste Bindung, die durch wechselseitig gewollte Abgrenzung entsteht, schafft das Maß an individuellem Selbstvertrauen, das für die autonome Teilhabe am öffentlichen Leben die unverzichtbare Basis ist. (Honneth 1992: 174). Missachtungserfahrungen bestehen in körperlicher Misshandlung und Vergewaltigung. 10

11 2) Recht (Honneth 1992: ) Rechtliche Anerkennung folgt, vollends konträr zur Liebe, einem universalistischen Begründungsprinzip: der generalisierten, kognitiven Achtung aller Personen als individuell autonome und moralisch zurechenbare Rechtspersonen, die dem gleichen Gesetz gehorchen und in individueller Autonomie über moralische Normen vernünftig zu entscheiden vermögen. Es handelt sich hier also um die reziproke Anerkennung der moralischen Zurechnungsfähigkeit der Subjekte, die sich auf moderne Rechtsverhältnisse bezieht und in dessen Zentrum die individuelle Freiheit und Gleichheit aller Personen steht. Honneth unterscheidet in Anlehnung an Georg Jellinek, Robert Alexy und T. H. Marshall 6 drei Gruppen von Rechten, die sukzessive Geltung erlangten: Erstens liberale Freiheitsrechte (status negativus), zweitens politische Teilnahmerechte (status positivus) und drittens soziale Wohlfahrtsrechte (status activus). Der entsprechende Selbstbezug dieser Anerkennungsform besteht in Selbstachtung, die Missachtungserfahrung in Entrechtung und Ausschließung. 3) Solidarität (Honneth 1992: ) Solidarität zeichnet sich durch die Anerkennungsweise der sozialen Wertschätzung aus, und damit durch den positiven Bezug auf besondere, konkrete Eigenschaften und Fähigkeiten der Individuen, die sie in ihren persönlichen Unterschieden charakterisieren. Hierzu ist ein intersubjektiv geteilter Werthorizont nötig, denn Ego und Alter können sich als individuierte Personen nur unter der Bedingung wertschätzen, daß sie die Orientierung an solchen Werten und Zielen teilen, die ihnen reziprok die Bedeutung oder den Beitrag ihrer persönlichen Eigenschaften für das Leben des jeweils anderen signalisieren. (Honneth 1992: 196). Welche Inhalte konkret sozial wertgeschätzt werden, ist nach Honneth historisch variabel und kulturell bestimmt: Das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft gibt die Kriterien vor, an denen sich die soziale Wertschätzung von Personen orientiert, weil deren Fähigkeiten und Leistungen intersubjektiv danach beurteilt werden, in welchem Maße sie an der Umsetzung der kulturell definierten Werte mitwirken können; insofern ist diese Form der wechselseitigen Anerkennung auch an die Voraussetzung eines sozialen Lebenszusammenhanges gebunden, dessen Mitglieder durch die Orientierung an gemeinsamen Zielvorstellungen eine Wertgemeinschaft bilden. (Honneth 1992: 198). Welche Werte dies konkret sind, bestimmt Honneth nicht, sondern konstatiert nur folgendes: Wenn soziale Wertschätzung durch die jeweiligen ethischen Zielvorstellungen einer Gesellschaft begründet sind, dann ist jene geschichtlich variabel ihre gesellschaftliche Reichweite und das Maß ihrer Symmetrie hängen dann vom Grad der Pluralisierung des sozial definierten Werthorizonts ebenso ab wie vom Charakter der darin ausgezeichneten Persönlichkeitsideale. Je mehr verschiedene Werte existieren und je weniger diese hierarchisch, sondern horizontal angeordnet sind, desto eher wird soziale Wertschätzung einen individualisierenden Zug annehmen und symmetrische Beziehungen schaffen können. Im Zuge gesellschaftlicher Modernisierung und Individualisierung lässt sich gesellschaftliche Anerkennung nur noch für jene Form der Selbstverwirklichung erzielen, mit der der Einzelne zur 6 Robert Alexy, Theorie der Grundrechte, Frankfurt a.m. 1986, bes. Kapitel 4; zur Statustheorie von Jellinek vgl. ebd., S. 229ff.; Thomas H. Marshall, Citizenship and Social Class, in ders.: Sociology at the Crossroads, London 1963, S. 67ff. (zitiert aus Honneth 1992: 186). 11

12 praktischen Umsetzung der abstrakt definierten Ziele der Gesellschaft in einem bestimmten Maße beiträgt: alles an der neuen, individualisierten Anerkennungsordnung hängt mithin nun davon ab, wie jener allgemeine Werthorizont bestimmt ist, der zugleich für verschiedene Arten der Selbstverwirklichung offen sein soll, andererseits aber auch noch als ein übergreifendes System der Wertschätzung dienen können muss. (Honneth 1992: 204f.). Honneth äußert sich dann nur insoweit, als es unter Bedingungen gesellschaftlicher Modernisierung ein, nunmehr allerdings klassen- und geschlechtsspezifisch bestimmter Wertpluralismus (ist), der den kulturellen Orientierungsrahmen bildet, in dem sich das Maß der Leistung des einzelnen und damit sein sozialer Wert bestimmt. (Honneth 1992: 203). Dies führt zu einem kulturellen Dauerkonflikt und einem permanenten symbolischen Kampf (Honneth 1992: 205f.), denn es bedarf immer einer sekundären Deutungspraxis der Werte (egal, ob das nun Leistung ist oder Wertpluralismus). Welche Deutungspraxis von Werten sich durchsetzt, ist Ergebnis symbolischer Kämpfe und abhängig davon, welche soziale Gruppe ihre eigenen Leistungen und Lebensformen öffentlich als besonders wertvoll auszulegen vermag (vgl. auch Bourdieu 1982). Entscheidend sind hierbei nach Honneth (1992) die gruppenspezifische Verfügungsmacht über Mittel symbolischer Gewalt und das Ausmaß öffentlicher Aufmerksamkeit; beide Aspekte sind indirekt auch mit Verteilungsmustern der Geldeinkommen verkoppelt, weshalb auch ökonomische Auseinandersetzungen zu dieser Form des Kampfes um Anerkennung gehören (Honneth 1992: 206). Insgesamt führt dies zu asymmetrischen Beziehungen, denn das soziale Ansehen ist an individuelle Leistungen gebunden (Honneth 1992: 207). Theoretisch jedoch ist Solidarität in modernen Gesellschaften nach Honneth an symmetrische Wertschätzung zwischen individualisierten und autonomen Subjekten gebunden; d.h. es geht darum, sich reziprok im Lichte von Werten zu betrachten, die die Fähigkeiten und Eigenschaften des jeweils anderen als bedeutsam für die gemeinsame Praxis erscheinen lassen (Honneth 1992: 209f). Als solidarisch bezeichnet Honneth dies wegen der affektiven Anteilnahme am individuell Besonderen der anderen Person; als symmetrisch versteht er die Verhältnisse nicht i.s. von gleicher Wertschätzung aller (was wegen der prinzipiellen Deutungsoffenheit aller gesellschaftlichen Werthorizonte und einem mangelnden objektivem Maßstab unmöglich sei), sondern in dem Sinne, dass jedes Subjekt die gleiche Chance hat, sich in seinen Leistungen und Fähigkeiten als wertvoll für die Gesellschaft zu erfahren. Der Selbstbezug besteht bei dieser Anerkennungsform in Selbstschätzung bzw. Selbstwertgefühl; Missachtungserfahrungen sind Entwürdigung und Beleidigung. Folgende Tabelle gibt einen Überblick über das Stufenmodell von Axel Honneth (1992): 12

13 Tabelle 1: Die Struktur sozialer Anerkennungsverhältnisse (Honneth 1992: 211) Anerkennungsweise emotionale Zuwendung kognitive Achtung soziale Wertschätzung Persönlichkeitsdimension Anerkennungsformen Entwicklungspotential praktische Selbstbeziehung Missachtungsformen Bedrohte Persönlichkeitskomponente Bedürfnis- und Affektnatur Primärbeziehungen (Liebe, Freundschaft) moralische Zurechnungsfähigkeit Rechtsverhältnisse (Rechte) Generalisierung, Materialisierung Fähigkeiten und Eigenschaften Wertgemeinschaft (Solidarität) Individualisierung, Egalisierung Selbstvertrauen Selbstachtung Selbstschätzung Misshandlung und Vergewaltigung Entrechtung und Ausschließung Entwürdigung und Beleidigung physische Integrität soziale Integrität Ehre, Würde Schließlich ist festzuhalten, dass Honneth ein sittliches Modell entwirft, das auf das Gute (Ethik) zielt ihm scheint es richtig, hier von einem formalen Konzept des guten Lebens oder eben: von Sittlichkeit zu sprechen (Honneth 1992: 275). Dieses muss alle intersubjektiven Voraussetzungen enthalten, damit die Subjekte sich in den Bedingungen ihrer Selbstverwirklichung geschützt wissen können. Sein theoretisches Modell ist eine genuine Theorie der Anerkennung, unter der alle anderen Aspekte auch die der Umverteilung, wie später noch darzustellen sein wird als subsumierbar betrachtet werden Erste Diskussion von Honneths (1992) Modell Das theoretische Modell Honneths bildet einen zentralen Ausgangspunkt des hier verfolgten Forschungsvorhabens und eröffnet gleichermaßen wesentliche Anschlussfragen, die sich neben der generellen Normativität insbesondere auf die Anerkennungsform der Liebe und der sozialen Wertschätzung beziehen, namentlich auf deren konkrete Ausgestaltung sowie auf die theoretische Trennung der drei Anerkennungsformen: Generell erscheint aus soziologischer Sicht jedenfalls aus der hier verfolgten theoretischen Perspektive Honneths Grundannahme einer immer schon und nur normativ integrierten und integrierbaren Gesellschaft problematisch und soll hier nicht unbedingt geteilt werden. Zu Liebe: Inhaltlich äußert sich Honneth (1992) kaum zu Liebe in Form der hier interessierenden Gattenliebe, sondern beschäftigt sich unter Rückgriff auf psychoanalytische Theorien, etwa Benjamins (1988) Objekttheorie nur mit Eltern-Kind-Liebe. Liebe im hier interessierenden Sinn bestimmt er schlicht als emotionale und affektive Zuwendung zu einem konkreten Anderen. Weiter spricht er zumindest 1992 der Liebe ihren moralischen Gehalt ab: S.E. enthalten die drei Anerkennungssphären nicht die gleiche Art von moralischer Spannung, die überhaupt gesellschaftliche Konflikte in Gang setzen kann, denn ein Kampf sei nur in dem Maße sozial, wie er über individuelle Absichten hinaus verallgemeinert werden könne (zur Kritik hieran siehe auch Neuhäuser 1994, Kapitel 3.4.3). Liebe nun ist nach Honneth (1992) zwar das grundlegendste An- 13

14 erkennungsmedium, aber er fasst sie nicht als öffentliches Phänomen, sondern sozusagen als Privatangelegenheit, und konstatiert, daß die Liebe als elementarste Form der Anerkennung keine moralischen Erfahrungen enthält, die aus sich heraus zu sozialen Konfliktbildungen führen können: zwar ist in jedes Liebesverhältnis eine existenzielle Dimension des Kampfes insofern eingelassen, als die intersubjektive Balance zwischen Verschmelzung und Ichabgrenzung nur auf dem Weg einer Überwindung wechselseitiger Widerstände aufrechtzuerhalten ist; die damit verknüpften Ziele und Wünsche aber lassen sich nicht über den Kreis der Primärbeziehung hinaus so verallgemeinern, daß sie jemals zu öffentlichen Belangen werden könnten. (Honneth 1992: 259f.). Weiter sei Liebe normativ unveränderlich, während Recht und Solidarität historisch variabel seien und sich zu größerer Egalität hin wandelten. Diesbezüglich scheint es jedoch außer Frage zu stehen, dass auch die semantischen Inhalte von (Gatten-) Liebe historisch variabel sind (vgl. etwa Luhmann 1982; Tyrell 1987; Wimbauer 2003), und auch diese wandeln sich hin zu egalitäreren Vorstellungen (vgl. etwa Giddens 1991, 1992; Leupold 1983; Lenz 2003; Burkart 1998). Gleichermaßen kommt es zu einer zunehmenden Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre (vgl. von Trotha 1990; Schneider 2002). Schließlich ist die Fassung des familiären Binnengeschehens als Privatangelegenheit problematisch; einer solchen Entpolitisierung des Privaten wird hier entgegengesetzt, dass wie feministische Theoretikerinnen seit Jahrzehnten aufzeigen und herausstellen auch the private is public (vgl. etwa Okin 1989; für einen aktuellen Überblick [und mehr] siehe Rössler 2001, 2004). Zu sozialer Wertschätzung: Auch diese Anerkennungsform wird inhaltlich nicht konkretisiert, sondern abstrakt als Ergebnis sozialer und symbolischer Kämpfe gesellschaftlicher Gruppen bezeichnet. Welche Kämpfe dies sind und wie sich die institutionelle Infrastruktur ihrer Orte darstellt, wäre empirisch zu bestimmen, indem konkrete kultur-, symbol- und gesellschaftstheoretisch zu fassende Strukturierungen in den Blick genommen werden (vgl. Köhler 2002). Diesbezüglich wäre auch eine Analyse des Zusammenhanges von (ökonomischen) Ressourcen, Anerkennung und sozialer Ungleichheit erforderlich. Zur Trennung der Anerkennungsformen: Hier stellt sich theoretisch wie empirisch die Frage, inwiefern die Trennung von Liebe (emotionale Anerkennung), Recht (kognitive Anerkennung) und Solidarität (soziale Wertschätzung) und damit gleichzeitig die Dichotomisierung von Öffentlichkeit und Privatheit haltbar ist. Zwar erwähnt Honneth, dass das Recht in Liebe und Solidarität eindringe (Honneth 1992: 293f.; Honneth 2000b: 193ff.), aber führt dies nicht weiter aus und thematisiert auch keine weiteren möglichen Verschränkungen. Hier ist von besonderem Interesse, in welchem Verhältnis intersubjektive Anerkennung und soziale Wertschätzung stehen und welche Rolle (Erwerbs-)Arbeit und Geld für beide spielen. Und schließlich ist zu fragen, ob neben Liebe, Recht und Solidarität weitere Anerkennungsformen existieren, wie etwa Voswinkel (2001) anhand der Pluralisierung von Anerkennungsformen und -foren zeigt Veränderung der Konzeption von Liebe : Moralische Entwicklungsfähigkeit und partielle Veröffentlichung von Liebe 1995 revidiert Honneth ([1995] 2000b) seine oben kritisierte Konzeption von Liebe als ahistorisch und a-moralisch und fasst Liebe nun doch als (moralisch) entwicklungsfähig; konkret zielt auch hier wie bei den beiden anderen Anerkennungsformen die Entwicklung auf die Durchsetzung oder Anvisierung von mehr Egalität. 14

15 Nachdem sich im historischen Verlauf die Familie als eine aus der Gesellschaft ausgegliederte Privatsphäre autonomisiert hat, stellt sich Honneth heute die Frage, ob die Familie wieder stärker in die zivile Sphäre der Gesellschaft eingegliedert werden kann, indem sie a) für weitere Verrechtlichungen geöffnet wird oder b) dem Geltungsbereich der politischen Gerechtigkeit im Ganzen unterworfen wird. Honneths Frage lautet, wie die moralische Perspektive auf die Familie beschaffen sein soll, angesichts dessen, dass die Familie heute von einem Prozess der inneren, affektiven Auflösung bedroht sei. Diese Auflösung drohe durch zwei Gefährdungen: 1) Umstellung auf Liebe als alleiniger Beziehungsgrund. Hierdurch werde der familiäre Zusammenhalt fragil und abhängig von der bloßen Existenz positiver Gefühle. Einerseits bieten sich dadurch zwar neue Freiheiten, andererseits droht dann aber auch Gefahr (nicht nur, aber v.a. für Frauen und Kinder), denn dies kann zu Zerrüttung und Verwahrlosung der familiären Beziehungen führen. 2) Auflösung von Rollenerwartungen. Im Zuge der Deinstitutionalisierung der bürgerlichen Kleinfamilie (vgl. Tyrell 1988) verlieren auch geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen ihre Gültigkeit, weshalb die traditionelle Verteilung der Hausarbeit einerseits nicht mehr als legitim gilt. Andererseits finden sich aber immer noch traditionelle Rollenvorstellungen und - verteilungen, wodurch die individuelle Autonomie der Frauen eingeschränkt wird und die Familie so einen Ort ihrer Verletzbarkeit darstellt. Als Lösungsversuche dieser Problematik führt Honneth zwei unterschiedliche moralische Modelle an (die beide gleichermaßen alt wie immer noch aktuell seien): 1) ein öffentliches Modell: der Versuch, in Familien Gerechtigkeit so zu reorganisieren, dass dort Prinzipien aus dem bisher öffentlichen Sektor angewendet werden. Dies meint insbesondere die Stärkung individueller Rechte, v.a. Gleichheitsrechte, die geschlechtsspezifische Benachteiligung abbauen und Egalität stärken sollen. 2) ein privates Modell: Die Mobilisierung von (nicht-rechtlicher) Solidarität bzw. Liebe. Nach Honneth ist dies v.a. das Mittel der Wahl der konservativen Seite, die die Reintegration der Familie verfechten. Honneth selbst lehnt nun eine strikte Trennung der beiden Modelle ab und plädiert für eine Verbindung, nach der in der Familie beide moralische Orientierungen Geltung besitzen sollen: In der Familie seien beide Arten der Anerkennung nötig, die der gleichen und autonomen Rechtspersonen, und die der individuellen Einzigartigkeit der Subjekte. Hieraus fordert er: 1) Universelle, allgemeine Rechte müssen gestärkt werden, wenn die persönliche Integrität der Personen bedroht ist; hier richtet sich der Appell an rationale, allgemeine Prinzipien. 2) Wechselseitige Rücksicht und Anteilnahme können in der Familie eingeklagt werden aufgrund besonderer Bedürfnisse. Hier wird an Gefühl und gemeinsame Zuneigung appelliert. Wenn dieser zweite Appell nicht mehr möglich sei, dann könne man die Familie nicht mehr von anderen Sozialbeziehungen unterscheiden. Nach Honneth ([1995] 2000b) ist also eine doppelte Perspektive erforderlich: Rechtliche (universelle) Gleichheit ist notwendig v.a. hinsichtlich (ungleicher) Hausarbeitsteilung, gleichermaßen ist aber (partikulare) Liebe von Nöten, da andernfalls die Familie keine besondere Sozialbeziehung mehr darstelle. 15

16 Bei den Fragen, wo nun die Grenzen zwischen den beiden aufgezeigten Moralen liegen soll und wann die Berufung auf Rechtsprinzipien das Band der Liebe zerstören kann, wo also die Liebe dem Recht Grenzen zu setzen hat, gibt Honneth keine allgemeine Antwort. Vielmehr sei es Aufgabe jeder Familie, dies selber und je für sich auszuhandeln. Um dies bewerkstelligen zu können, muss sie eine diskursive Reflexivität herausbilden, mit der sie stets wieder neu die rechte Balance zwischen Gerechtigkeit und affektiver Bindung zu finden vermag. Zusammenfassend konstatiert Honneth ([1995] 2000b) die Notwendigkeit der innerfamilialen Zunahme an beziehungsinterner diskursiver Reflexivität für die Grenzziehungen womit die Familie letzten Endes doch wieder als ein rechtsfreier Raum gefasst und als das Private dem Öffentlichen entzogen wird. Tendenziell widersprüchlich hierzu zeigen sich allerdings die Ausführungen in dem Aufsatz Zwischen Aristoteles und Kant. Skizze einer Moral der Anerkennung (Honneth 2000a), in dem nach den jeweiligen moralischen Verpflichtungen der Subjekte je nach Art der intersubjektiven Beziehungen gefragt wird und hierbei auch Aussagen bezüglich des Verhältnisses der Anerkennungsshpären getroffen werden. Honneth unterscheidet wieder die drei bekannten Anerkennungsformen und die entsprechenden praktischen Selbstverhältnisse: 1) Fürsorge / Liebe und Selbstvertrauen: Hier geht es um die Anerkennung des Einzelnen als ein Individuum mit Wünschen und Bedürfnissen, die für den anderen von einzigartigem Wert sind. Zentral sind affektive Zuwendung und die konditionale, emotionsgebundene Sorge um das Wohlergehen des Anderen um seiner selbst willen. Der moralische Geltungsbereich erstreckt sich hier nur auf Subjekte mit wechselseitiger affektiver Bindung (hierzu auch Honneth 2000c). 2) Universelle Gleichbehandlung / moralischer Respekt und Selbstachtung / Selbstrespekt: Hier handelt es sich um die Anerkennung als Person mit derselben moralischen Zurechnungsfähigkeit wie alle anderen Personen; die moralische Verpflichtung gilt für alle Subjekte gleichermaßen. 3) Solidarität und Selbstwertgefühl: Anerkennung bezieht sich hier auf Personen, deren Fähigkeiten von konstitutivem Wert für eine konkrete Gemeinschaft sind, und sie äußert sich in besonderer Wertschätzung, Solidarität und Loyalität kurz, in der konditionalen, weil wertgebundenen Sorge um das Wohlergehen des Anderen um unserer gemeinsamen Ziele willen. Der moralische Geltungsbereich dieser Form umfasst nur konkrete Gemeinschaften. Je nach Art der intersubjektiven Beziehungen sind die Subjekte nun zu unterschiedlichen Leistungen verpflichtet: Ad 1) Hier besteht die Pflicht zur emotionalen Fürsorge der Personen in der Primärbeziehung, die asymmetrisch (Mutter-Kind-Beziehung) oder symmetrisch (Freundschaften) sein kann. Ad 2) In diesem Bereich besteht die Pflicht zur universellen Gleichbehandlung aller Personen. Ad 3) Im Bereich der konkreten Gemeinschaften lautet die Pflicht: solidarische Anteilnahme aller Mitglieder der Wertgemeinschaft. Insgesamt herrsche zwischen den drei Anerkennungsweisen nach Honneth kein harmonisches Verhältnis, sondern eine stete Spannung. Zwar sei klar, welche moralische Pflicht in welcher Art von Sozialbeziehung bestehe, doch es sei nicht klar, welche Sozialbeziehung in einer konkreten Situation den Vorzug genießen solle. Diese Spannung kann wiederum nur in individueller Deli- 16

17 beration gelöst werden, wobei Honneth in diesem Aufsatz allerdings den absoluten Vorrang des universellen Respekts konstatiert, weil dieser allen Personen gleichermaßen geschuldet ist und damit widerspricht er letztlich der obigen Aussage. Tabelle 2: Anerkennungsweisen, moralische Verpflichtungen und Verhältnis zwischen den Anerkennungsweisen nach Honneth ([1995] 2000b; 2000a) [Anm. d. A.: eigene Darstellung] Anerkennungsweise Inhalt / Anerkennungsweise Geltungsbereich Inhalt der moralischen Pflicht Verhältnis der drei Bereiche 1) emotionale Zuwendung 2) kognitive Achtung Anerkennung des Einzelnen als Individuum mit Wünschen und Bedürfnissen, die für den anderen von einzigartigem Wert sind. Affektive Zuwendung. Konditionale, emotionsgebundene Sorge um das Wohlergehen des Anderen um seiner selbst willen Subjekte mit affektiver Bindung emotionale Fürsorge der Personen in der Primärbeziehung. Kann asymmetrisch (etwa Mutter-Kind) oder symmetrisch (Freundschaften) sein Universelle Gleichbehandlung / moralischer Respekt. Anerkennung als Person mit derselben moralischen Zurechnungsfähigkeit wie alle anderen alle Subjekte gleichermaßen Universelle Gleichbehandlung aller 3) soziale Wertschätzung Anerkennung als Person, deren Fähigkeiten von konstitutivem Wert für eine konkrete Gemeinschaft sind besondere Wertschätzung, Solidarität, Loyalität. Konditionale, wertgebundene Sorge um das Wohlergehen des Anderen um unserer gemeinsamen Ziele willen innerhalb konkreter Gemeinschaften Solidarische Anteilnahme aller Mitglieder der Wertgemeinschaft Spannung zwischen den drei Bereichen diese Spannung kann nur in individueller Deliberation (auf-)gelöst werden (Honneth [1995] 2000b) Universelle Achtung (2) hat aber absoluten Vorrang, weil diese allen Personen gleichermaßen geschuldet ist (Honneth 2000a) Der normative Monismus der Anerkennung Honneth 2003a,b In dem neuesten Werk Umverteilung oder Anerkennung? (Honneth/Fraser 2003) bezieht sich Honneth in Auseinandersetzung mit Nancy Fraser explizit auf die Frage nach dem Verhältnis von Umverteilung und Anerkennung. Außerdem nimmt er einige Modifikationen und Ergänzungen seiner Theorie von 1992 vor, jedoch keine wesentlichen Veränderungen in der generellen Argumentation. Im Vergleich zu den Ausführungen von 1992 sind insbesondere folgende Aspekte zu erwähnen: Zum einen wird nun auch der Liebe ein moralisches Entwicklungspotential hin zu mehr Geschlechteregalität (siehe bereits oben, Honneth [1995] 2000b, 2000a) zugesprochen, und zum anderen scheint die Solidarität innerhalb der konkreten Wertgemeinschaft nun ersetzt zu werden durch individuelle Leistung innerhalb der industriell organisierten Arbeitsteilung. Honneth (2003a,b) versucht, die Kategorie Anerkennung als fundamentalen, übergreifenden Moralbegriff zu formulieren, aus dem sich distributive Zielsetzungen ableiten lassen; daher interpretiert er das sozialistische Ideal der Umverteilung als eine abhängige Größe im Kampf um An- 17

18 erkennung (Honneth/Fraser 2003: 9; [Hervorh. C.W.]) im Gegensatz zu Fraser, die eine bivalente Konzeption von Anerkennung und Umverteilung favorisiert (hierzu unten). Nach Honneth sind materielle Ungleichheiten abhängig von Anerkennung und können als Ausdruck einer Verletzung von berechtigten Ansprüchen auf Anerkennung gedeutet werden. Zudem gehe es nur in einer besondere Anerkennungssphäre der dritten um Verteilung. Weiter vertritt er einen normativen Monismus der Anerkennung und fasst jene zudem identitätslogisch Anerkennung besitzt prioritären Stellenwert, da nur gelungene intersubjektive Anerkennungsverhältnisse eine ungestörte Identitätsbildung und ein sittliches Leben ermöglichen. Allerdings sei dies, So Honneth, kein statisches Modell einer anthropologischen Persönlichkeitstheorie mit einem ein für alle Mal gegebenen praktischen Selbstverhältnis, sondern ein historisches: Die spezifische Angewiesenheit auf intersubjektive Anerkennung ist stets durch die Art geprägt, in der in einer Gesellschaft jeweils die wechselseitige Gewährung von Anerkennung institutionalisiert ist. Inhaltlich nicht anders als 1992, aber noch expliziter verwendet Honneth (2003a,b) die Anerkennungsbegrifflichkeit als einheitlichen theoretischen Rahmen und fasst die gesamte kapitalistische Gesellschaft als eine institutionalisierte Anerkennungsordnung ; konkret ist die bürgerlichkapitalistische Gesellschaftsform das Ergebnis der Ausdifferenzierung von drei sozialen Anerkennungssphären (Honneth 2003a: 162ff.) Liebe, rechtliche Achtung und soziale Wertschätzung / Leistung: 1) Liebe Liebe wird historisch zu einer autonomen Sphäre erstens durch die Herausbildung von Kindheit als einer eigenständigen Phase und zweitens durch die Ausbreitung der bürgerlichen Liebesheirat. Damit wird eine spezifische Sozialbeziehung begründet, die sich auszeichnet durch wechselseitige Zuneigung und Fürsorge und die um die individuelle Bedürfnislage der Partner zentriert ist. Neu ist das Potential für normative Fortentwicklung, das Honneth dieser Sozialbeziehung nun zugesteht: Unter Berufung auf Liebe werden innerhalb von Intimbeziehungen neue Bedürfnisse entwickelt oder bislang unberücksichtigte Bedürfnisse vorgebracht, um eine veränderte Art von Zuwendung einzuklagen. Anzumerken ist hier, dass nun zwar anders als noch 1992 der Blick auf Paarbeziehungen gerichtet wird, diese jedoch weiterhin abstrakt bleiben; allerdings wird nun unklar, wie es sich mit anderen sozialen Nahbeziehungen, etwa Freundschaft oder Verwandtschaft, verhält. 2) rechtliche Achtung Hier werden kaum Veränderungen zu 1992 vorgenommen: Rechtliche Anerkennung bezieht sich auf den rechtlich abgesicherten Status als Gesellschaftsmitglied, als Rechtsperson mit gleichen Ansprüchen. Ziel ist damit Rechtsgleichheit, der Geltungsbereich sind Rechtsbeziehungen, Orientierungspunkt ist die gleiche Autonomie aller Personen. Das Entwicklungspotential wird wie folgt gekennzeichnet: Unter Berufung auf den Gleichheitsgrundsatz fordern bisher ausgeschlossene Gruppen rechtliche Anerkennung, oder es werden Differenzierungen von Rechtsgrundsätzen gefordert. 18

19 3) soziale Wertschätzung Soziale Wertschätzung und dies ist eine Veränderung gegenüber 1992 wird nun nicht mehr als Solidarität gefasst, sondern als individuelle Leistung innerhalb der industriell organisierten Arbeitsteilung. Dies beschreibt Honneth als eine historische Entwicklung, in deren Zug das ständische Ehrprinzip zunächst an Bedeutung verlor und es dann zu einer Meritokratisierung der Arbeitsbürger kam, die in beruflicher Konkurrenz zueinander stehen. Die Subjekte werden aufgefasst als Träger von Fähigkeiten, die gesellschaftlichen Wert besitzen. Nach Honneth ist das Leistungsprinzip zum einen von Anfang an ideologisch, weil Leistung nur in Bezug auf die wirtschaftliche Tätigkeit des ökonomisch unabhängigen, männlichen Bürgertums definiert wird und damit a) nur den Werthorizont der herrschenden Gruppe der Kapitalisten widerspiegelt, und b) althergebrachte Deutungshorizonte etwa hinsichtlich Naturalismus und Geschlechtervorstellungen beinhaltet. Zum anderen stellt es ein Element materieller Gewalt dar, weil an einer bestimmten Leistung bemessen wird, wie viele Ressourcen eine Person bekommen soll (da Leistung in der kapitalistischen Gesellschaft die einzige verbleibende normative Ressource überhaupt darstellt, mit der eine Ungleichverteilung von Ressourcen legitimiert werden kann). Das Entwicklungspotential in dieser Anerkennungssphäre besteht nach Honneth darin, dass Individuen oder Gruppen unter Berufung auf das Leistungsprinzip, indem sie bisher vernachlässigte oder unterschätzte Tätigkeiten oder Fähigkeiten zur Geltung bringen, eine höhere soziale Wertschätzung und eine Umverteilung von (materiellen) Ressourcen fordern. Liest man zunächst nur diese Ausführungen, so fragt man sich unweigerlich, weshalb die Umverteilung von Ressourcen nur unter Berufung auf das Leistungsprinzip legitimierbar sein sollte, und weshalb das Entwicklungspotential nur dahingehend bestehen sollte, unter Berufung auf bisher vernachlässigte oder unterschätzte Tätigkeiten oder Fähigkeiten eine höhere soziale Wertschätzung und eine Umverteilung von (materiellen) Ressourcen durchzusetzen. Erstens ist wie Honneth mit dem Ideologie-Aspekt anspricht allemal fraglich, was Leistung ist (zumal solange diejenigen, die über gesellschaftliche Macht verfügen, auch die Definitionsmacht über Leistung besitzen). Zweitens wären für die Erlangung gesellschaftlicher Wertschätzung durchaus auch andere Prinzipien als Leistung denkbar (etwa das bei Honneth noch 1992 gültige Solidaritätsprinzip). So werden in der allgemeinen Diskussion um Verteilungsgerechtigkeit neben Leistung (Meritokratie) bspw. als weitere Verteilungskriterien gehandelt : Gleichheit (Egalitarismus), Bedürfnis (Sozialismus; Nahbeziehungen), Mühe (Puritanismus) und weiterhin, aber hier besteht eine gewisse Nähe zum Leistungsprinzip, Produktivität (Kapitalismus), Gesamtnutzen (Utilitarismus), Angebot-Nachfrage (Marktprinzip) (vgl. hierzu etwa Krebs 2000, 2002; Miller 1999). Allerdings folgt auf diese zunächst eindimensionale und typologische Bestimmung des Leistungsprinzips eine Differenzierung der im Bereich der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gültigen Anerkennungskriterien, die auf die sozialstaatliche Einhegung des Leistungsprinzips zurückzuführen sind. Wie Honneth ausführt, betrachtet er nicht Institutionen, sondern Formen sozial etablierter Interaktionsbeziehungen, in denen unterschiedliche Prinzipien reziproker Anerkennung verankert sind und hier zeigen sich institutionelle Verschränkungen: Beispielsweise finden sich rechtliche Regelungen innerhalb der Familie, und auch innerhalb der Leistungssphäre bestehen 19

20 rechtliche Ansprüche unabhängig von Meritokratie in Form sozialer Rechte. Dies ist insofern von Bedeutung, als Distributionskämpfe nur dann angemessen zu analysieren sind, wenn zuvor die sozialstaatliche Einhegung der Sphäre der sozialen Wertschätzung behandelt wurde. Mit dieser Differenzierung ergeben sich dann zwei Arten der legitimen Aneignung von Ressourcen: 1) Ein geringer Teil der Güter steht den Gesellschaftsmitgliedern als Rechtspersonen in Form sozialer Rechte gesichert zu. 2) Der größere Teil der Güter wird über das Leistungsprinzip verteilt. Aus dieser zweifachen Art legitimer Ressourcenaneignung ergeben sich nach Honneth (2003a) auch doppelte Distributionskämpfe: 1) Mobilisierung rechtlicher Argumente: Hier geht es um die Anwendung sozialer Rechte mit der leistungsunabhängigen Zuteilung eines sozialen Minimums an Ressourcen. 2) Umwertung der kapitalistischen, herrschenden Leistungsdefinition: Hier handelt es sich um die Einklagung der eigenen Leistung als etwas Differentem, das bei der hegemonial etablierten Leistungsnorm nicht angemessen soziale Wertschätzung genießt. Mit Blick auf dieses zweite Forum von Distributionskämpfen wird etwa an der Bewertung weiblicher Arbeit (unbezahlter Hausarbeit und wage gap hinsichtlich weiblicher Erwerbsarbeit aufgrund der geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes) deutlich, wie sehr die gesellschaftliche Legitimation der Verteilungsordnung von kulturellen Auffassungen durchsetzt ist zum einen angesichts dessen, was überhaupt als Arbeit gewertet wird und damit verberuflicht werden kann (Hausarbeit beispielsweise zählt nicht hierzu, und Sorgearbeit nur partiell), und zum anderen mit Blick darauf, wie die so verberuflichten Tätigkeiten unterschiedlich gewertet werden (etwa: weibliche Arbeit gilt als weniger wert als männliche). Damit sind Distributionskämpfe im Kapitalismus, wenn sie nicht auf soziale Rechte zielen, immer Kämpfe um die Legitimität des jeweiligen herrschenden Leistungsprinzips. Nach Honneth gibt es immer Auseinandersetzungen um die Bewertung der unterschiedlichen Tätigkeiten und um die Verknüpfung dieser Tätigkeiten untereinander. Allerdings fasst er viele hiervon als vorpolitische Distributionskonflikte, insbesondere solche in der Familie (also etwa die Verteilung der Hausarbeit etc.) zu Kämpfen werden sie erst dann, wenn genügend Menschen damit in die Öffentlichkeit gehen. Aus diesen Überlegungen ergeben sich mit Blick auf das Verhältnis von Anerkennung und Umverteilung für Honneth zwei gesellschaftstheoretische Implikationen, welche auch den Dissens mit Frasers Ansatz zum Ausdruck bringen: 1) Hinsichtlich der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sind alle drei Anerkennungssphären zu berücksichtigen; und bezüglich der dritten, der Leistungssphäre, müssen immer auch die kulturellen Werte in den Blick genommen werden, über die das Leistungsprinzip ausgelegt wird. Anders gewendet, kann man nach Honneth ökonomische Systembezüge nicht von kulturellen Einflüssen isolieren. Fraser bezeichnet dies als Interpenetration von Kultur und Ökonomie und schlägt diesbezüglich einen perspektivischen Dualismus vor, nach dem ein soziales Phänomen jeweils unter beiden Perspektiven Kultur und Ökonomie betrachtet werden soll. Dies ist Honneth a- ber zu zufällig, weil Fraser diese Trennung (und Wieder-Verbindung) nicht systematisch begründet. 20

21 2) Honneth führt die sozialen Kämpfe stets unter Bezug auf diejenigen Prinzipien wechselseitiger Anerkennung ein, die die Gesellschaftsmitglieder selbst als legitim erachten. Zentral ist also die jeweilige moralische Überzeugung, dass Anerkennungsprinzipien nicht richtig angewendet werden, also die moralische Erfahrung der Missachtung. Dagegen kann die Entgegensetzung von kulturellen und ökonomischen Konflikten nur sekundäre Bedeutung haben, denn selbst bei ökonomischen Konflikten spielen wie gezeigt kulturelle Deutungen immer auch eine entscheidende Rolle. In anderen Worten: Kultur ist nach Honneth bei allen Anerkennungskämpfen stets von zentraler Bedeutung. Zusammenfassend kann damit festgehalten werden: Distributionskämpfe haben nach Honneth immer einen moralischen Gehalt und sind immer von Kultur durchdrungen. Schließlich sind, gemäß seinem normativen Monismus der Anerkennung, Verteilungskonflikte immer als Ausdruck von Anerkennungskämpfen zu interpretieren. Zur Ergänzung sei abschließend der Blick kursorisch auf Honneths Vorstellung sozialen Unrechts gerichtet: Mit Verweis auf Bourdieu betont Honneth, das meiste gesellschaftlich verursachte Leid sei jenseits der Wahrnehmungsschwelle der politischen Öffentlichkeit verortet (etwa Feminisierung der Armut, Langzeitarbeitslosigkeit, Dequalifizierung von Arbeitsleitungen, Verelendungstendenzen in der Landwirtschaft, Verarmung in kinderreichen Familien usw.). Dies alles seien aber von den Neuen Sozialen Bewegungen maßgebliche Akteure innerhalb der gegenwärtigen Politik der Anerkennung nicht als relevant betrachtete Formen des Sozialkonflikts in der Öffentlichkeit, denn jene artikulieren nur Forderungen nach Anerkennung ihrer kulturellen Identität bzw. ihrer kulturellen Praktiken. In diesem Sinne wirft er Fraser vor, sie retouschiere all diese Formen von Leid weg und fokussiere allein Neue Soziale Bewegungen (die sie darüber hinaus nur als positiv zu betrachten scheint), und damit auch nur normative Forderungen, die in sozialen Bewegungen öffentlich bereits artikuliert worden sind. Dies ist s.e. affirmativ, denn damit wird nur dasjenige bestätigt, was bereits bekannt und politisch problematisiert ist. Im Gegensatz dazu fordert Honneth, auch unbekanntes Leid also auch solche Formen institutionalisierten Leidens, die vor und unabhängig aller politischer Artikulation existieren zu betrachten. Daher plädiert er für eine Terminologie, mit der sich soziales Unbehagen unabhängig aller öffentlicher Anerkennung identifizieren lässt. Konkret fasst er soziales Leid als die Erfahrung der Verletzung normativer Erwartungen der Betroffenen (Individuen, weniger bzw. nicht soziale Gruppen) an die Gesellschaft, und insbesondere der Erwartung der Anerkennung ihrer Identitätsansprüche. Die Darstellung des Honneth schen Ansatzes abschließend, liefert die folgende Tabelle eine Zusammenschau der relevanten Aussagen. Anders als Tabelle 1 ist diese nicht von Honneth, sondern von der Verfasserin selbst zusammengestellt. 21

22 Tabelle 3: Überblick über die Struktur sozialer Anerkennungsverhältnisse nach Honneth 2003a [Anm. d. A.: eigene Darstellung] 7 Anerkennungssphäre Anerkennungsweise Wechselseitige Zuneigung und Fürsorge Persönlichkeitsdimension Anerkennungsformen Entwicklungspotential Fortschritt; Kriterien: Individualisierung, Soziale Inklusion Liebe Recht Industriell organisierte Arbeitsteilung Individuelle Bedürfnislage Primärbeziehungen: Ehepaare Eltern-Kind-Beziehungen? Freunde? Unter Berufung auf Liebe werden neue Bedürfnisse entwickelt oder bisher unberücksichtigte vorgebracht, um veränderte Art von Zuwendung einzuklagen Abbau von Rollenklischees und Stereotypen (Geschlechter-?)Egalität Rechtliche Achtung, Rechtsgleichheit autonomer Rechtspersonen soziale Wertschätzung Rechtsperson mit gleichen Ansprüchen Individuelle Leistung Eigenschaften und Fähigkeiten, die gesellschaftlichen Wert besitzen / Meritokratie Rechtsverhältnisse, Rechte unter Berufung auf den Gleichheitsgrundsatz fordern bisher ausgeschlossene Gruppen rechtliche Anerkennung; oder es werden Differenzierungen von Rechtsgrundsätzen gefordert Egalität, Universalisierung Industriell organisierte Arbeitsteilung? Kapitalistische Gesellschaft? Wertgemeinschaft? Individuen / Gruppen fordern unter Berufung auf das Leistungsprinzip, indem sie bisher vernachlässigte oder unterschätzte Tätigkeiten / Fähigkeiten zur Geltung bringen, eine höhere soziale Wertschätzung und eine Umverteilung von (materiellen) Ressourcen Abbau kultureller Vorstellungen, nach denen nur bestimmte Tätigkeiten Leistung seien Verschränkung der Sphären (Honneth) Dualismen in den Sphären Rechtliche Regelungen innerhalb der Familie gleiche/autonome Rechtspersonen (rechtliche Gleichheit v.a. Hausarbeit), und individuelle Einzigartigkeit der Subjekte (Liebe, wegen besonderer Sozialbeziehung Familie) Kriterium: innerhalb jeder Familie Notwendigkeit der innerfamilialen Zunahme an diskursiver Reflexivität für Grenzziehungen Recht dringt auch ein in Liebe und Leistung Sozialstaatliche Einhegung der Sphäre der sozialen Wertschätzung doppelte Distributionskämpfe: 1) Mobilisierung rechtlicher Argumente Anwendung sozialer Rechte mit leistungsunabhängigem sozialen Minimum an Ressourcen 2) Umwertung der kapitalistischen, herrschenden Leistungsdefinition Einklagung der eigenen Leistung als etwas Differentem, das bei hegemonial etablierter Leistungsnorm nicht angemessen soziale Wertschätzung genießt Offene Fragen: Was wird innerhalb der Paarbeziehung anerkannt? Sind auch das Leistungsprinzip und / oder die soziale Wertschätzung mit Liebe verschränkt? 7 Anmerkung: in der Übersicht kursiv gedrucktes ist der Verfasserin nicht eindeutig aus Honneth 2003a zu entnehmen. 22

23 2.1.2 Diskussion des Honneth schen Modells Wie sich grundsätzlich festhalten lässt, stellt das theoretische Modell von Honneth einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Fragestellung des Projektes dar. Problematisch erscheinen jedoch vor allem der normative Ansatz und die generelle Abstraktheit des Modells. Auch bedürfen die Inhalte von Liebe und sozialer Wertschätzung einer konkreten Bestimmung durch Berücksichtigung ihrer institutionellen Formen. Ebenso ist das Verhältnis der Anerkennungsformen, ihre etwaige Pluralisierung, Entgrenzung und wechselseitige Durchdringung theoretisch wie empirisch auszubuchstabieren. Und schließlich fokussiert Honneth Individuen und nicht Paare, wenngleich er doch von intersubjektiver Anerkennung ausgeht. Im Mittelpunkt des hier verfolgten Forschungsvorhabens stehen jedoch Individuen-in-Paarbeziehungen, weshalb hier eine relationale Paar-Perspektive notwendig erscheint. In diesem Diskussionskapitel sollen folgende Aspekte kritisch betrachtet werden: 1) Der generelle theoretische Ansatz eines identitätstheoretischen normativen Anerkennungsmonismus, 2) die Trennung und Charakterisierung der drei Anerkennungsformen, 3) die Verschränkung der drei Anerkennungsformen. Abschließend wird ein kurzes Fazit gezogen (4) Zum Ansatz eines identitätstheoretischen normativen Anerkennungsmonismus Als theoretisch besonders überzeugend wird hier der Ansatz betrachtet, den Begriff der Anerkennung als einen einheitlichen Theorierahmen zu konzeptualisieren und die gesamte kapitalistische Gesellschaft als eine institutionalisierte Anerkennungsordnung zu fassen. Diskussionswürdig erscheinen jedoch mit Blick auf die Gesamtkonstruktion der Theorie insbesondere vier Aspekte: a) Die identitätstheoretische Begründung von legitimen Anerkennungsansprüchen, b) der Anerkennungsmonismus, c) die Normativität des Modells und d) dessen Abstraktheit. a) Die identitätstheoretische Begründung von legitimen Anerkennungsansprüchen Grundlage des identitätstheoretischen Modells von Honneth ist eine erfolgreiche individuelle Selbstverwirklichung, die nur in der gelungenen Kombination der drei Anerkennungsformen samt der entsprechenden Selbstverhältnisse zu erreichen ist; andernfalls kommt es zu beschädigten Identitäten. Fraser (2003a,b) wirft Honneth diesbezüglich Psychologismus vor, der nur auf subjektiv erfahrenes Leid zielt und die personale Identität in den Mittelpunkt stellt. Auch Köhler (2002) kritisiert die Beschränkung nur auf sozialisationstheoretische Aspekte, da so gesellschaftliche Strukturierungen aus dem Blick geraten. Ohne Frasers Kritik in dieser Vehemenz zu teilen, und mit Honneth von der Annahme eines menschlichen Grundbedürfnisses nach intersubjektiver Anerkennung ausgehend, soll jedoch auch aus unserer soziologischen Perspektive nicht die Verhinderung einer beschädigten Identität durch Missachtungserfahrungen als Ausgangspunkt des theoretischen Modells genommen werden, 8 sondern der universelle Anspruch auf Achtung 8 Ganz abgesehen davon, dass die Honneth sche Typologie von Missachtungserfahrungen wenn auch die genannten generell sicherlich höchst relevant sind nicht immer vollkommen überzeugend ist. So fragt man sich beispielsweise, weshalb im Bereich der Liebe die Missachtungserfahrungen in physischer Form, von Misshandlung bis hin zur Vergewaltigung reichend, bestehen, und nicht etwa auch in Liebesentzug, Machtasymmetrien usw. An dieser Stelle und in diesem Papier kann keine weitere Diskussion der Honneth schen Missachtungserfahrungen vorgenommen werden, möglicherweise jedoch an anderer Stelle. 23

24 und Anerkennung qua Eigenschaft als menschliches Wesen (Artikel 1 GG). Die Begründung eines legitimen Anspruches auf Anerkennung liegt damit in den allgemeinen Menschenrechten, 9 und nicht in einem psychologischen Identitätsmodell wie bei Honneth, bei dem v.a. die Annahme einer Beschädigung der Identität im Falle der Erfahrung einer Vorenthaltung von Anerkennung problematisch erscheint. Allerdings ist hier anzumerken, dass es auch Honneth nicht nur um die Verwirklichung einer unbeschädigte Identität geht, die in einem statischen anthropologischen Modell gefasst wird, sondern dass die Angewiesenheit auf Anerkennung immer durch den Grad der gesellschaftlichen Differenzierung von Anerkennungssphären geprägt ist. Insofern ist, angesichts der zunehmenden Ausdehnung der Allgemeinen Menschenrechte insbesondere seit 1948, der Anspruch auf Anerkennung mehr denn je mit der Würde des Menschen legitimierbar. b) Der Anerkennungsmonismus der Theorie Mit Blick auf den Anerkennungsmonismus seiner Theorie handelt sich Honneth einige Vorwürfe ein. So kritisiert Frasers scharf, damit würde er Anerkennung bis zur Unkenntlichkeit aufblähen (Fraser 2003b), ökonomische Umverteilung vernachlässigen und schlicht unter Kultur subsumieren (was Honneth allerdings abstreitet). Mehr noch, damit könne er ökonomische Mechanismen vollends nicht mehr erfassen. Wie Fraser ausführt, sei Gesellschaft nicht nur eine Anerkennungsordnung, die sich nur durch moralische Integration, sondern auch durch eine Systemintegration kennzeichne und hierbei sei der Markt zentral. Konkret führt sie diesbezüglich das Argument an, dass Arbeit nicht nur nach Leistung bewertet wird und nicht alle Verteilungskämpfe immer auch Anerkennungskämpfe seien. Viele Formen von Verarmung resultieren i.e. nicht aus der Unterbewertung bestimmter Arbeitsleistungen, sondern aus ökonomischen Systemmechanismen, die bestimmte Personen von vornherein vom Arbeitsmarkt ausschließen. Um dem entgegen zu wirken, helfe nicht einfach eine Umwertung eurozentrischer Leistungsmaßstäbe, sondern man brauche eine tiefgreifende Neustrukturierung globaler Finanz- und Produktionssysteme. Honneth ersetze mit seinem Ansatz, so das Fraser sche Fazit, einen limitierten Ökonomismus durch einen ebenso beschränkten Kulturalismus (Fraser 2003b). In eine ähnliche Richtung, jedoch weniger vehement, zielt die Kritik Köhlers (2002), der drei zentrale Aspekte herausstellt: Erstens sei Honneths Theorie affirmativ und zudem anthropologisierend, und vernachlässige so die Kontingenzen sozialer Kämpfe und die institutionelle Infrastruktur ihrer Orte (hierzu mehr unter d). Zweitens sei sie beschränkt auf sozialisationstheoretische Aspekte, und nehme so kultur-, symbol- und gesellschaftstheoretisch zu fassende Strukturierungen nicht in den Blick (vgl. a). Drittens werde die Sozialstruktur ebenso wenig berücksichtigt wie der Gewaltzusammenhang bürgerlicher Tauschverhältnisse. 9 Weiterhin ist aus unserer Perspektive auch fraglich, weshalb es gerade die gelungene Kombination der drei praktischen Selbstverhältnisse Selbstachtung, Selbstschätzung und Selbstvertrauen ist, die zu einer gelungenen Identitätsbildung führen und weshalb sich dieses Phänomen in einem Stufenmodell (mit genau jenen drei Stufen) darstellt. Auch hierüber kann an dieser Stelle keine weitere Diskussion geführt werden. Dies ist jedoch auch nicht dringend notwendig, da wir uns generell nicht auf einer derartigen Identitätseben bewegen wollen und können. Da das Forschungsprojekt ein soziologisches und kein genuin philosophisches ist, kann diese Begründung an dieser Stelle nicht systematisch hergeleitet, sondern nur festgehalten werden. 24

25 Insgesamt scheinen vor allem die Fraser schen Vorwürfe im Ton etwas zu scharf zu geraten und dem generellen Anliegen Honneths nicht vollends gerecht zu werden. Allerdings liegt in der Tat das Hauptaugenmerk Honneths nicht auf Umverteilung, sozialstrukturellen Differenzierungen und der tatsächlichen institutionellen Infrastruktur der Anerkennungskämpfe. Jedoch wären diese zentralen Aspekte durchaus in ein anerkennungstheoretisches Modell integrierbar. Diesbezüglich müsste Anerkennung schlicht entsprechend gefasst werden und neben anderem selbstredend und dringend auch (Ressourcen-)Umverteilung und vor allem sozialstrukturelle, kultur-, symbolund gesellschaftstheoretisch zu fassende Strukturierungen einschließen (was inhaltlich nicht hinter Frasers Modell einer bivalenten Konzeption, die Kultur und Ökonomie gleichermaßen berücksichtigt, zurückfällt, jedoch darüber hinaus die Integration weiterer Ebenen zulässt). c) Die Normativität des Modells Insgesamt kann (und soll hier) aus soziologischer Perspektive in Frage gestellt werden, ob die Gesellschaft immer schon und immer nur normativ integriert ist. Angesichts einer Vielzahl von konkurrierenden Normen und Werten erscheint ein einheitliches normatives Theoriesystem kaum haltbar, sondern es ist vielmehr von einem dauernden Kampf um die Durchsetzung verschiedener Normen und Werte und / oder von einem Nebeneinander derselben auszugehen. Auch Fraser (2003b) kritisiert Honneths zentrales Konzept eines sittlichen, guten Lebens, das auf die ethische Idee individueller Selbstverwirklichung ziele. Angesichts eines im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse gegebenenfalls sogar immer größer werdenden Wertepluralismus ist es fraglich, ob es einen geteilten Werthorizont geben kann, und selbst wenn dies der Fall wäre (was wir nicht annehmen), worin dieser dann konkret besteht. d) Die Abstraktheit des Modells Schließlich ist, wie bereits in der obigen Zwischendiskussion dargelegt, das Modell außerordentlich abstrakt. Honneth konstatiert zwar die Historizität seines Modells und betont, die jeweiligen Inhalte der Anerkennungsformen seien abhängig von gesellschaftlichen Vorstellungen, aber zu der Frage, welche dies (derzeit) konkret sind, findet man abgesehen von einigen wenigen exemplarischen Ausführungen keinen Aufschluss. Zusammen mit den konkreten Inhalten der Anerkennungsformen bleiben gleichermaßen auch die im Sinne Köhlers (2002) Kontingenzen sozialer Kämpfe und die institutionelle Infrastruktur ihrer Orte im Dunkeln. Dies wird im folgenden Punkt 2 nochmals aufgegriffen und anhand konkreter Fragen veranschaulicht Charakterisierung und Trennung der drei Anerkennungsformen Liebe, Recht, Solidarität/Leistung Mit Blick auf die drei Anerkennungsformen Liebe, Recht und soziale Wertschätzung / Leistung stellen sich einige Fragen. Diese betreffen: a) allgemeine Fragen, b) die inhaltliche Bestimmung, und c) die Beschränkung auf genau diese drei Formen. 25

26 a) allgemeine Fragen Hier stellen sich der Verfasserin insbesondere zwei (zusammenhängende) Fragen: i) was ist genau mit welcher Sphäre bezeichnet und ii) wie ist die Umstellung von Solidarität auf Leistung zu verstehen? i) Was wird mit welcher Sphäre bezeichnet? Nicht immer klar ist bei der Lektüre, welche Phänomene oder Bereiche nun von den jeweiligen Anerkennungssphären umfasst werden. So changiert etwa hinsichtlich Liebe der Geltungsbereich in unterschiedlichen Publikationen (und bisweilen auch in ein und derselben) von Ehepaaren, Paaren, Eltern-Kind-Beziehungen über Freundschaftsbeziehungen bis hin zu jeglichen Primärbeziehungen. Hier wäre gegebenenfalls eine Differenzierung von Liebe angemessen, oder eine Rekonzeptualisierung als soziale Nahbeziehungen, die dann ihrerseits unterteilt werden, da Liebesbeziehungen einer anderen Logik folgen als etwa Freundschaften oder Bekanntschaften. Mit Blick auf Recht bspw. stellt sich die Frage, ob diese Sphäre identisch ist mit dem Staat oder der Gesellschaft oder ein autonomes System im Sinne Luhmanns (1984) darstellt. Die dritte Sphäre sorgt bei der Verfasserin für die größte Verwirrung, insbesondere auch mit Blick auf Punkt ii). Ist soziale Wertschätzung in der Gesellschaft angesiedelt oder in einem konkreten Personenkollektiv (und wenn ja, in welchem), bezieht sie sich auf das kapitalistische Gesellschaftssystem, auf den öffentlichen Bereich, auf das Wirtschaftssystem, das Arbeitssystem oder anderes? Hierzu mehr im folgenden Unterpunkt. ii) Wie ist die Umstellung von Solidarität auf Leistung zu verstehen? Mit dem vorgenannten Aspekt zusammenhängend stellt sich die Frage, wie die Umstellung von sozialer Anerkennung als Solidarität (Honneth 1992) auf Leistung (Honneth 2003) zustande kam und zu verstehen ist und auch 2000 war noch Solidarität zentral also die Anerkennung als Person, deren Fähigkeiten von konstitutivem Wert für eine konkrete Gemeinschaft sind, was sich in besonderer Wertschätzung, Solidarität, Loyalität und der konditionalen, weil wertgebundenen Sorge um das Wohlergehen des Anderen um unserer gemeinsamen Ziele willen ausdrückt liest man nun als Synonym für soziale Wertschätzung individuelle Leistung und Meritokratie innerhalb des Systems der industriellen Arbeitsteilung. Hier ist nicht klar, wie es zu dieser Umstellung gekommen ist und was es nun letztendlich mit der gesellschaftlichen Wertschätzung auf sich hat einmal wird sie als Solidarität innerhalb einer Gemeinschaft mit geteiltem Werthorizont (was angesichts der oben erwähnten Pluralisierung problematisch erscheint) konzeptualisiert, die sich an konkreten Fähigkeiten, die für die Gemeinschaft nützlich sind, orientiert, später geht es um Leistung innerhalb eines kapitalistischen Systems gesellschaftlicher Arbeitsteilung (wobei zudem unklar ist, was unter Leistung fällt). Dies führt zu Problemen der inhaltlichen Bestimmung. b) Die inhaltliche Bestimmung der Anerkennungsformen Wie eben erwähnt, ist neben generellen Unklarheiten insbesondere auch intransparent, was die Inhalte der jeweiligen Anerkennungsformen sind. In diesem Sinne kritisiert auch Fraser 26

27 (2003a,b), dass Honneth seine Prinzipien (die Fraser umbenennt in Sorge, Respekt und Achtung) nicht substantiell, sondern formal fasst. In der Tat füllt er weder Liebe noch Achtung noch Respekt, und ebenso wenig das Leistungsprinzip, mit konkreten Inhalten. Doch aus Sicht des hier verfolgten Forschungsvorhabens bedürfen insbesondere die Inhalte von Liebe und sozialer Wertschätzung einer konkreten Bestimmung durch Berücksichtigung ihrer institutionellen und alltagspraktischen Formen. Fraglich ist auch, dies aber nur am Rande, da zwischen 1992 und 2003 eine Revision vorgenommen wurde, weshalb Liebe normativ nicht entwicklungsfähig sein sollte. Wie oben erwähnt wurde, wandelt sich doch auch die Semantik der Liebe im historischen Verlauf (vgl. etwa Luhmann 1982; Tyrell 1987; Wimbauer 2003), gegenwärtig hin zu mehr Geschlechtergleichheit (vgl. etwa Giddens 1991, 1992; Leupold 1983; Lenz 2003; Burkart 1998) allerdings bei gleichzeitigen Beharrungstendenzen von Ungleichheiten in der Alltagspraxis von Paaren. Die Inhalte von Leistung bleiben gleichermaßen intransparent. Fraglich ist etwa, ob soziale Wertschätzung nur auf die Leistung im Arbeitssystem reduzierbar ist, und wie in diesem Falle unbezahlte Arbeit, Ehrenamt, Haushalts- und Care-Tätigkeiten usw. zu behandeln sind. Honneth spricht dies marginal an mit der sozialstaatlichen Einhegung der Leistungssphäre, bleibt aber hierbei im Vagen. Hier scheint eine Ausweitung des Begriffes notwendig zu sein; zudem ist zu fragen, in welchem Verhältnis soziale Wertschätzung mit anderen Bereichen, etwa Geld/Bezahlung, Liebe u.ä. steht (siehe hierzu Punkt d). c) Die Beschränkung auf genau diese drei Anerkennungsformen Abgesehen von den erwähnten Intransparenzen hinsichtlich des Geltungsbereiches und der inhaltlichen Bestimmung der drei Anerkennungsformen bzw. -sphären lässt sich auch fragen, ob und warum es sich nur und genau um diese drei Liebe, Recht, Leistung handeln sollte. Gibt es möglicherweise davon unterschiedliche, weitere Sphären, etwa im Sinne der Luhmann schen Systemtheorie (Luhmann 1984) oder der Walzer schen Sphären der Gerechtigkeit (Walzer 1983)? Und / oder lassen sich diese (oder weitere) Sphären unterteilen, indem man etwa Leistung auf verschiedene Bereich herunterbricht und durchdekliniert beispielsweise in dem Bereich der Ökonomie, der Politik, der Wissenschaft, der Religion, der Erziehung, Bildung, Arbeit, Ehrenamt, Familie etc.? Verschränkung der drei Anerkennungsformen Weiter ist die theoretische Trennung der drei Anerkennungssphären nicht unproblematisch, da dies unseres Erachtens allenfalls idealtypisch möglich ist und es insgesamt zu unterschiedlichsten Verflechtungen, Interdependenzen, Entdifferenzierungserscheinungen und Vermengungen in den verschiedensten Richtungen kommt (vgl. hierzu etwa Wimbauer 2003). Dies ist ein generelles und bekanntes Problem jeglicher Differenzierungs- und Systemtheorien und diesbezüglich ist das Verhältnis der Anerkennungsformen, ihre etwaige Pluralisierung, Entgrenzung und wechselseitige Durchdringung theoretisch zu analysieren wie empirisch zu untersuchen. Wir richten unseren Blick im Folgenden auf zwei interdependente Fragenkomplexe: a) Verschränkungen zwischen den Sphären, und b) welche Handlungsorientierungen besitzen jeweils Gültigkeit? 27

28 a) Verschränkungen zwischen den Sphären Es soll hier nicht die theorieexterne Frage nach der generellen Tauglichkeit einer Differenzierungstheorie gestellt werden, sondern theorieimmanent auf Entdifferenzierungsphänomen sowie Fragezeichen in Honneths Ansatz hingewiesen werden. Generell erscheint die Fassung des familiären Binnengeschehens als Privatangelegenheit als sehr problematisch; einer solchen Entpolitisierung des Privaten lässt sich entgegen halten, dass wie feministische Theoretikerinnen seit Jahrzehnten aufzeigen und herausstellen auch the private is public (vgl. Okin 1989; jüngst Rössler 2001, 2004). Daneben zeigen sich Evidenzen für eine zunehmende Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre (vgl. von Trotha 1990; Schneider 2002; Wimbauer 2003). Mit Blick auf den rechtlichen Bereich besitzt nach Honneth dieser ein Ausdehnungspotential und dringt zum einen in die Sphäre der Liebe (angesichts familienrechtlicher Regelungen und dem zunehmenden Gleichheitsanspruch der Partner, insbesondere der Frauen) und zum anderen in die autonome Leistungssphäre (angesichts deren sozialstaatlicher Einhegung ) ein. Diese Tatsache ist mehr als plausibel. Fraglich ist aber erstens, weshalb Honneth dies als Vordringen der rechtlichen Regelungen bezeichnet und warum dies zweitens im Falle der Leistungssphäre ökonomisch begründet wird. Nach Honneth brauchen die Menschen ein Minimum an ökonomischen Ressourcen, um ihre rechtliche Autonomie zu verwirklichen. Einer solchen ökonomischen Perspektive kann man jedoch auch eine an der gleichen Würde des Menschen orientierte Ausbreitungsbegründung des Rechtes entgegensetzen. Fraglich ist weiterhin, warum nur das Recht die Tendenz zu seiner Ausbreitung aufweist, und nicht auch andere Prinzipien in andere Sphären Eingang finden. So gibt es zum einen das Phänomen, dass Prinzipien aus dem Bereich der Liebe etwa Orientierung an personalen Bedürfnissen und Idiosynkrasien in das Recht integriert werden (etwa in Form von sozialen Anspruchsrechten) und gleichermaßen sich auch in die Arbeitssphäre einschleichen (etwa angesichts der Diskussion um eine zunehmende Subjektivierung von Arbeit, vgl. Baethge 1991; Gottschall/Voß 2003; Hielscher 2000; Minssen 2000; Moldaschl/Voß 2002; Pongratz/Voß 2000, 2003, 2004; Voß/Pongratz 1998; für einen Überblick: Kleemann et al. 1999, 2002). Zum anderen, und das ist hier wesentlich, stellt sich die Frage, wie Prinzipien des dritten Bereiches und welche hiervon Eingang in die Paarbeziehung finden, seien es nun Leistungskriterien oder Solidarität. Also: in welchem Zusammenhang stehen soziale Wertschätzung und Liebe? Schließlich fragt sich dann, wie hier, in der Paarbeziehung, das Insgesamt an moralischen Orientierungen am Leistungsprinzip, an der Egalitätsnorm und an den partikularen Bedürfnissen zueinander im Verhältnis stehen. Dies führt zur letzten Frage, den Handlungsorientierungen. b) Welche Handlungsorientierungen besitzen jeweils Gültigkeit? Abschließend, und mit der unter a) genannten Verschränkung zwischen den Sphären zusammenhängend, soll das Problem der jeweils gültigen Handlungsorientierungen erwähnt werden, allerdings nur exemplarisch und mit Blick auf die erste und dritte Anerkennungssphäre. Wie Honneth schreibt, sei zwar klar, welche moralische Pflicht in welcher Art von Sozialbeziehung besteht, nicht jedoch, welche Sozialbeziehung in einer konkreten Situation den Vorzug genießen soll. Al- 28

29 lerdings ist schon der erste Teil dieses Satzes mit Vorsicht zu betrachten. Nimmt man nur Liebesbeziehungen in den Blick, so wird deutlich, dass angesichts des von Honneth konstatierten Eindringens von rechtlichen Aspekten in dieselben eben nicht klar ist, welche moralische Pflicht in dieser Sozialbeziehung besteht hier stehen konkret universale, auf Gleichheit zielende Rechte mit dem partikularen Anspruch auf emotionale Zuwendung und Achtung der jeweiligen Idiosynkrasien miteinander in Spannung (die weitere Möglichkeit, nach der hier zudem auch Leistungskriterien aus der dritten Sphäre Geltung beanspruchen könnten, kommt Honneth gar nicht in den Sinn). Sein Lösungsvorschlag der individuellen Deliberation bzw. der familialen Reflexivität ist hier nicht unbedingt vollkommen überzeugend, da somit die Liebesbeziehung letztendlich doch als ein moralisch abgeschotteter Raum betrachtet und in eine vorpolitische Privatheit abgeschoben wird (siehe ausführlich auch die obige Darstellung). Gleichermaßen ist nicht klar, ob und wann innerhalb der Leistungssphäre auch andere Kriterien als meritokratische Geltung besitzen (können, sollen). Auch innerhalb dieses Bereiches stehen sich unterschiedliche Handlungsorientierungsprinzipien gegenüber. Wie Honneth selbst mit der sozialstaatlichen Einhegung der Leistungssphäre andeutet, kommt es hier zu einer Vermengung von ökonomischen und sozialstaatlichen Prinzipien. Somit gibt es eine Vielzahl an möglichen legitimen Kriterien neben Leistung etwa auch Solidarität, Bedürfnis, Gleichheit (Egalitarismus), Mühe (Puritanismus) (vgl. auch oben) Fazit An dieser Stelle kann folgendes Fazit gezogen werden: a) Generell ist es ein faszinierendes Vorhaben, die gesamte Gesellschaft als eine institutionalisierte Anerkennungsordnung zu fassen und den Begriff der Anerkennung als einheitlichen Theorierahmen zu verwenden. Um jedoch auch materielle und sozialstrukturelle Ungleichheiten sowie deren Umverteilung adäquat erfassen zu können, ist der Anerkennungsbegriff weit genug auszudehnen. Ohne Probleme lassen sich dann auch Umverteilungskämpfe als Anerkennungskämpfe verstehen (etwa als Anerkennung von Umverteilungsansprüchen). Frasers Vorwurf, mit einem solchen Vorgehen Anerkennung zur Unkenntlichkeit aufzublähen (Fraser 2003b), erscheint dann eher absurd. Wichtig ist hierbei, Anerkennung in einer Form zu konzeptualisieren, in der neben anderem selbstredend auch Umverteilung und Sozialstruktur inkludiert sind (was inhaltlich nicht hinter Frasers Modell einer bivalenten Konzeption, die Kultur und Ökonomie gleichermaßen berücksichtigt, zurückfällt, jedoch darüber hinaus die Integration weiterer Ebenen zulässt). b) Ein (reines) psychologisches Identitätsmodell scheint für das hier verfolgte Vorhaben weniger geeignet zu sein und soll nicht geteilt werden, sondern wie in Kapitel 4 zu entwickeln versucht wird vielmehr sollen in unserem Anerkennungsmodell der universale Status und die jeweils partikularen Identitäten verbunden werden, indem der Anspruch auf Anerkennung als allgemeines Menschenrecht begründet wird. c) Auch eine normativistische Anerkennungstheorie erscheint problematisch; vielmehr ist einem Wertepluralismus Rechnung zu tragen, denn angesichts einer zunehmenden Wertepluralisierung ist mehr als fraglich, wie sich ein geteilter Werthorizont theoretisch begründen ließe und ob er 29

30 empirisch aufzufinden wäre. In diesem Sinne ist es ein zentrales Anliegen, die pluralen Formen und Foren von Anerkennung zu analysieren (vgl. Voswinkel 2001, 2002; auch Schmidt 2000). d) Schließlich ist das Honneth sche Modell ein sehr abstraktes und formales, welches kaum substantiell gefüllt wird die konkreten Inhalte des Leistungsprinzips bleiben ebenso unklar wie diejenigen von Fürsorge, Liebe und Respekt. Insofern wäre es von großem Vorteil, diese Leerstellen historisch zu füllen. Zum einen scheint dies sinnvoll bei der Frage nach Leistung hier stellen sich etwa die Fragen nach der institutionellen Infrastruktur der Orte der Kämpfe sowie nach den Machtstrategien derjenigen, die die Inhalte von Leistung definieren. Auch die Frage nach dem Einfluss kultureller Deutungen ist hierbei relevant. Wie Honneth erwähnt, wird etwa an der Bewertung weiblicher Arbeit (Hausarbeit, geschlechtsspezifische Segregation) deutlich, wie sehr die gesellschaftliche Legitimation der Verteilungsordnung von kulturellen Auffassungen durchsetzt ist. Zum anderen sind, insbesondere aus der Perspektive dieses Projektes, die konkreten Inhalte der Anerkennungsform Liebe zu analysieren. Honneth vernachlässigt dies weitgehend, und er richtet zudem seinen Blick nicht auf Paare, sondern auf Individuen, wenngleich er doch von intersubjektiver Anerkennung ausgeht. Für die Fragestellung des Projektes ist indes eine relationale Perspektive notwendig, die Individuen-in-Paarbeziehungen in den Mittelpunkt rückt. 2.2 Nancy Fraser: Anerkennung und Umverteilung: Vom bivalenten Modell der Gerechtigkeit zum Statusmodell der Anerkennung Darstellung des Fraser schen Ansatzes Zu einem bivalenten Konzept von Gerechtigkeit und einem perspektivischen Dualismus von Anerkennung und Umverteilung Nancy Fraser (1994a, 1996b, 1997, 1998) beginnt ihre Überlegungen mit einer Beschreibung der postsozialistischen Kondition, in der wir uns seit 1989 befinden. Diese weist folgende Grundzüge auf: 1.) das Fehlen einer fortschrittlichen Vision als Alternative zur gegenwärtigen Ordnung (nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989), 2.) einen Wechsel der Grammatik, nach der politische Forderungen gebildet werden, namentlich von der Umverteilung von Ressourcen zur Anerkennung kultureller Differenzen; damit einher geht eine Abkoppelung der Sozialpolitik von der Kulturpolitik und eine Schwerpunktverlagerung politischer Aufmerksamkeit auf Kultur, und 3.) ein wiedererstarkender Wirtschaftsliberalismus. Ihrer Ansicht nach gehe es heute zunehmend um Forderungen nach kultureller Anerkennung von Differenz und gleichzeitig stellt sie einen Wechsel der Gerechtigkeitskriterien von Umverteilung auf Anerkennung fest. Damit einher gehe auch die verstärkte Trennung und Entgegensetzung von einerseits Ökonomie, der sie eine Klassen- bzw. Sozialpolitik, (ökonomische Ressourcen- )Umverteilung und eine Orientierung an Gleichheit zuordnet, und andererseits Kultur, die sie durch eine Kultur- bzw. Identitätspolitik und eine Orientierung an der Anerkennung von Differenz kennzeichnet. Damit stehen sich Anerkennung und Umverteilung entgegen: Auf der einen Seite steht die Umverteilung ökonomischer Ressourcen mit dem egalitären Ziel der Beseitigung sozioökonomischer Ungerechtigkeiten, auf der anderen eine Politik der Ankerkennung kultureller Differenz mit dem Ziel der Beseitigung kultureller und symbolischer Ungerechtigkeiten. Proble- 30

31 matisch sei dies angesichts des Anerkennungs-Umverteilungsdilemmas: Die Anerkennung von kultureller Differenz zementiert diese, die Umverteilung untergräbt sie hingegen. Fraser fordert nun als zentrale Aufgaben in der postsozialistischen Kondition, die Unterscheidung zwischen Ökonomie und Kultur zu hinterfragen, zu verstehen, wie beide bei der Entstehung von Ungerechtigkeiten zusammenwirken und Anerkennung und Umverteilung in einem umfassenden politischen Projekt zu verbinden. Hierfür entwickelt sie einen kritischen zweiwertigen oder bivalenten Ansatz, der das Soziale und das Kulturelle, das Ökonomische und das Diskursive zu integrieren vermag (Fraser 1994a, 1997, 1998). Fraser (1997) unterscheidet dann drei Gruppen auf einer Achse, die von Ökonomie (links) bis Kultur (rechts) reicht. Zwei davon hält sie mit Blick auf Ungerechtigkeit für einfach zu behandeln, die dritte betrachtet sie als schwierigeren Fall, da diese von dem Anerkennungs- Umverteilungs-Dilemma betroffen ist: 1) Ausgebeutete Klassen befinden sich auf der Achse ganz links, innerhalb der politischen Ökonomie. Das Problem dieser Gruppe kann durch eine Ressourcenumverteilung gelöst werden. Die radikalste und in ihren Worten einfache Lösung bestünde in der Aufhebung der Klassen. Diese Gruppe benötigt i.e. alles andere als die Anerkennung ihrer Differenz, sondern vielmehr deren Aufhebung. 2) Verachtete Sexualitäten (insbesondere Homosexuelle) befinden sich ganz rechts, auf der kulturellen Achse. Deren Missachtung gründet in der kulturell-evaluativen Struktur der Gesellschaft, und diese Gruppen bräuchten eine Anerkennung ihrer Besonderheit sowie die Aufwertung ihrer Eigenschaft als Gruppe. Auch dies ist nach Fraser ein einfacher Fall. 3) Bivalente Gruppen befinden sich zwischen den beiden Polen, vereinen die Probleme und Erfordernisse der beiden erstgenannten und sind besonders von dem Anerkennungs- Umverteilungsdilemma betroffen, von daher ein schwieriger Fall. Exemplarisch für bivalente Gruppen sind nach Fraser die Kategorien Gender und Race. Anhand Gender veranschaulicht sie die Eigenschaften bivalenter Gruppen wie folgt: Sie fasst Gender als eine Kategorie mit zwei Seiten, denn aus der Perspektive distributiver Gerechtigkeit ist Gender ein grundlegendes Organisationsprinzip der ökonomischen Gesellschaftsstruktur. Frauen sind von politökonomischer Ungerechtigkeit betroffen durch die Trennung von unbezahlt reproduktiver Hausarbeit und bezahlter produktiver Erwerbsarbeit sowie durch die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes. Hinsichtlich dieser ökonomischen Ungerechtigkeit müssten die Kategorie Gender überflüssig gemacht und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung abgeschafft werden. Zum anderen sind Frauen auch von kulturell-evaluativen Differenzierungen durch kulturellen Sexismus, Androzentrismus und andere Diskriminierungen im Öffentlichen Bereich und im Rechtssystem betroffen, die unabhängig von der politischen Ökonomie bestehen. Diese Problemlage zielt auf die Anerkennungsdimension. Insgesamt ergibt sich so ein bivalentes Problem, das die ambivalente Aufhebung und Anerkennung von Differenz erfordert (daher kam und kommt es auch zu wellenförmigen Schwerpunkten und Lösungsvorschlägen hierzu in der feministischen Debatte, vgl. Fußnote 3) wie Fraser schreibt, müssen, um Geschlechtergerechtigkeit zu erzielen, sowohl die ökonomische Struktur als auch die Statusordnung der Gesellschaft verändert werden. 31

32 Ausgehend von der Problemlage dieser zweiwertigen Gruppe plädiert sie dann für ihren bivalenten Ansatz von Gerechtigkeit, der im Wesentlichen in der Forderung besteht, Umverteilung nicht unter Anerkennung zu subsumieren, sondern beide als gleich ursprünglich und nicht wechselseitig auf das jeweils andere reduzierbar zu betrachten. Diesbezüglich legt Fraser (1997, 1998, 2003a) dar, weshalb sie sowohl einen substantiellen Dualismus (a) zwischen Ökonomie und Kultur als auch einen dekonstruktiven Anti-Dualismus (b) ablehnt, weshalb weder Anerkennung unter Verteilung (c) noch Verteilung unter Anerkennung (d) subsumiert werden können und warum sie statt dessen für einen perspektivischen Dualismus (e) plädiert. a) Ablehnung eines substantiellen Dualismus Anerkennung und Umverteilung werden hier als zwei differente Aspekte von Gerechtigkeit gefasst, die sich auf distinkte Sphären beziehen, namentlich auf Ökonomie hier und Kultur da. Ihres Erachtens ist diese Trennung nicht haltbar, denn beide Bereiche sind miteinander verknüpft und durchdringen sich wechselseitig. Der strikten Sphärentrennung eines substantiellen Dualismus stellt sie die Forderung nach Entwicklung einer kritischen Theorie entgegen, die gerade die wechselseitigen Verknüpfungen analysiert. b) Ablehnung eines dekonstruktiven Anti-Dualismus Dekonstruktivistische Ansätze (etwa derjenige von Judith Butler) zielen nicht nur darauf, die Dichotomie zwischen Ökonomie und Kultur zurückzuweisen, sondern sie vollends zu dekonstruieren. Fordert Fraser ebenfalls den erstgenannten Aspekt, so geht ihr der zweite Schritt deutlich zu weit, denn so könne man zum einen keinerlei Unterscheidungen mehr treffen, weder zwischen Ökonomie und Kultur noch zwischen Anerkennung und Umverteilung, und zum anderen werden dann auch jegliche politische Maßnahmen verunmöglicht. c) Ablehnung einer Subsumierung von Anerkennung unter Verteilung Viele (Gerechtigkeits-) Theoretiker (etwa Rawls, Sen und Dworkin) setzen die Umverteilung von Gütern an erste Stelle und gehen davon aus, eine gerechte (ökonomische) Verteilung würde per se Missachtung verhindern bzw. Anerkennung implizieren. Fraser hingegen zeigt (exemplarisch anhand des Beispiels eines farbigen New Yorker Börsianers, der trotz ausreichenden finanziellen Ressourcen nicht im Taxi befördert wird), dass nicht jegliche Missachtung aus einer ungerechten Ressourcenverteilung ( maldistribution ) resultiert. Vielmehr sind immer auch kulturelle Muster mit zu berücksichtigen, insbesondere solche institutionalisierte Interpretations- und Bewertungsmuster, die eine parity of participation in social life verhindern (Fraser 1998: 5). d) Subsumierung von Verteilung unter Anerkennung Gleichermaßen hält Fraser die umgekehrte Blickrichtung, die etwa Honneth einnimmt, für nicht weiterführend, nach der gelungene Anerkennungsverhältnisse auch zu ökonomischer Gleichheit führten. I.E. ist dies eine kulturell reduktionistische Sicht auf Verteilung, denn hier wird angenommen, die ungleiche Verteilung resultiere aus einer kulturellen Ordnung, die eine Art von Arbeit über andere Arten von Arbeit privilegiert, und daher müsse man nur die kulturelle Ordnung verändern und die ungerechte Verteilung ( maldistribution ) würde verschwinden. Fraser zeigt 32

33 aber auch hier (anhand des Beispiels eines gebildeten blue-collar-workers, der angesichts von Massenentlassungen arbeitslos wird), dass eine ungerechte Verteilung nicht immer ein Nebenprodukt kultureller Missachtung ist. Entsprechend fordert sie, a theory of justice must reach beyond cultural value patterns to examine the economic structure (Fraser 1998: 5), und sie muss untersuchen, welche ökonomischen Mechanismen von kulturellen Mustern entkoppelt sind und als solche eine gleichberechtigte gesellschaftliche Partizipation verhindern (ebd.). Beide Versionen der Subsumtion bezeichnet sie daher als falsch, was aber nicht bedeutet, dass man Anerkennung und Umverteilung nicht verbinden könnte. Zum einen ließe sich das distributive Paradigma ausweiten und um Kultur ergänzen; zum anderen könnte man auch, aber das scheint Fraser deutlich schwieriger, das Anerkennungsparadigma um die kapitalistische Struktur erweitern. Hierzu wäre es aber erforderlich, i) Kultur und kulturelle Differenzen nicht zu hypostasieren, ii) nichtsektiererische, deontologisierte moralische Rechtfertigung unter modernen Wertpluralismusbedingungen zu akzeptieren, iii) den differenzierten Charakter kapitalistischer Gesellschaften zu berücksichtigen, in denen Status und Klasse auseinander fallen können, und iv) einen Durkheim schen Kulturuniversalismus kultureller Integration zu vermeiden. Wie Fraser schreibt, sei dies aber bisher noch nicht geschehen. Daher schlägt sie das folgende theoretische Konzept vor: e) Perspektivischer Dualismus bzw. eine zweiwertige Konzeption sozialer Gerechtigkeit Frasers Modell der Wahl ist ein perspektivischer Dualismus, nach dem Ökonomie und Kultur als zwei Perspektiven auf ein Phänomen zu verstehen sind. Dem entsprechend plädiert sie für eine bivalente Konzeption von Gerechtigkeit, nach der Anerkennung und Verteilung beide als gleich ursprünglich zu betrachten sind und keines unter das je andere subsumiert wird, sondern beide gleichermaßen in das theoretische Modell integriert werden. Sie schließt ihre Ausführungen damit, Anerkennung als Frage der Gerechtigkeit und nicht als Frage eines guten Lebens zu verstehen (Fraser 2001) und fordert hierfür, sich am Ziel der parity of participation in social life (Fraser 1998: 5) zu orientieren. Um diese gleichberechtigte Partizipation zu ermöglichen, sind ihres Erachtens gemäß dem bivalenten Konzept zwei Voraussetzungen zu erfüllen (Fraser 2000): 1) Die Ressourcenverteilung also der ökonomische Aspekt muss so gestaltet sein, dass sie allen Personen independence und voice ermöglicht 2) Allen Personen muss der gleiche Respekt gezollt werden, und sie müssen die gleichen Chancen haben, soziale Anerkennung zu erlangen. Damit ist der Anerkennungsaspekt bezeichnet. Dieses Modell wird von Fraser in späteren Schriften, mit einigen kleineren Modifikationen, zum Statusmodell der Anerkennung ausgebaut. Die Darstellung desselben folgt im nächsten Unterkapitel. Zuvor noch ein Wort zur Frage, was von Fraser als Gegenstand der Anerkennung gefasst wird. Die Frage, ob Anerkennung die Anerkennung dessen erfordert, was distinktiv für eine Gruppe ist (im Sinne der Anerkennung von Partikularität und Differenz), oder ob die Anerkennung unserer gemeinsamen Menschlichkeit (also Orientierung an Universalität und Gleichheit) ausreicht, kann nach Fraser nicht eindeutig beantwortet werden, sondern je nach Kontext sei dies unterschiedlich. 33

34 Zum Statusmodell der Anerkennung und der partizipatorischen Parität In späteren Schriften (Fraser 2001, 2002, 2003a,c) entwickelt Fraser das Statusmodell weiter, behält jedoch ihre wesentlichen Annahmen bei und fokussiert sie bisweilen nur marginal anders. Da es angesichts der Fülle der Schriften (die zudem in den verschiedensten Versionen auf Deutsch und Englisch vorliegen) nicht leicht zu eruieren ist, was sich in welcher Publikation von anderen Aussagen wie unterscheidet, mag auch der folgenden Text einige Redundanzen enthalten. Auch hier dient das der besseren Nachvollziehbarkeit und möge nachgesehen werden. In der Auseinandersetzung mit Honneth (Honneth/Fraser 2003) beginnt Fraser (2003a) mit der (nun bereits bekannten) Kritik der Trennung von Ökonomie und Kultur sowie an der Vernachlässigung von Verteilungsfragen angesichts der zunehmenden Forderungen nach Anerkennung kultureller Identitäten und stellt ihre bivalente Konzeption von Gerechtigkeit (die oben dargelegt wurde) dar. Im zweiten Kapitel wendet sie sich Fragen der Moralphilosophie zu und beschäftigt sich u.a. damit, ob Anerkennung eine Frage der Gerechtigkeit oder der Selbstverwirklichung sei. Hierzu charakterisiert sie diese beiden Prinzipien wie folgt: a) Gerechtigkeit entstammt dem Feld des Rechtes und beansprucht universelle Gültigkeit. Sie sei eine Frage der Moral, entsprechend dem Kant schen Prinzip der Moralität. Nach Fraser (2003a) wird diesem Bereich üblicherweise die Umverteilung zugeordnet. b) Selbstverwirklichung ist eine Frage der Ethik und des Guten, entsprechend der Hegel schen Sittlichkeit. Diese ist nicht universell, sondern kulturell und historisch spezifisch. Honneth und Taylor ordnen Anerkennung nun der Selbstverwirklichung und damit der Ethik zu, da sie Anerkennung als menschliches Grundbedürfnis fassen und mangelnde Anerkennung zu einer beeinträchtigten Subjektivität führe. Dies ist insofern ein ethisches Problem, als dadurch das subjektive Vermögen zur Führung eines guten Lebens beeinträchtigt wird. Im Gegensatz hierzu betrachtet Fraser Anerkennung als eine Frage der Gerechtigkeit und damit der Moral. Sie bezeichnet es als ungerecht, wenn manchen Personen der Status eines vollwertigen Partners in der Interaktion aberkannt wird. Anerkennung als Problem der Gerechtigkeit ist nach Fraser also eine Frage des Status: Eine gelungene Anerkennung besteht in der wechselseitigen Anerkennung der Gleichheit des Status, mangelnde Anerkennung in einer statusmäßigen Benachteiligung. Damit kommt sie zu ihrem Statusmodell der Anerkennung: In diesem ist die Verweigerung von Anerkennung entgegen Honneths Annahmen weder eine psychische Deformation im Sinne einer beschädigten Identität noch die Verhinderung ethischer Selbstverwirklichung im Sinne einer beeinträchtigten Subjektivität, sondern ein institutionalisiertes Verhältnis der Unterordnung. Hierbei handelt es sich um die durch Institutionen erzeugte Verhinderung von Gleichberechtigung, und damit um einen Verstoß gegen Gerechtigkeit. Der normative Kern des Statusmodells der Anerkennung besteht in der (o.g.) partizipatorischen Parität, nach der alle Gesellschaftsmitglieder als Ebenbürtige miteinander verkehren, indem ihnen zum einen gleicher Respekt durch die institutionalisierten Muster kultureller Bewertungen zugestanden wird und sie zum anderen über Chancengleichheit beim gesellschaftlichen Achtungserwerb verfügen. Hierfür sei (wiederum) eine zweidimensionale Konzeption der Gerechtig- 34

35 keit nötig, die Anerkennung und Umverteilung als zwei Dimensionen fasst. Um partizipatorische Parität sicherzustellen, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: 1) objektive Bedingung: Die Verteilung materieller Ressourcen muss die Unabhängigkeit und das Stimmrecht der Partizipierenden gewährleisten. Hierbei handelt es sich üblicherweise um klassische Umverteilungsfragen. 2) intersubjektive Bedingung: Die institutionalisierten kulturellen Wertmuster müssen allen Partizipierenden den gleichen Respekt und Chancengleichheit beim Erwerb gesellschaftlicher Achtung erweisen. Dies sind klassische Anerkennungsfragen. Ziel jeglicher Anerkennungspolitik muss es nach Fraser daher sein, solche kulturellen Wertschemata ihrer institutionalisierten Geltung zu berauben, die gleiche Beteiligungschancen verhindern, und diese durch Muster zu ersetzen, die solche Chancen erlauben. Um nun legitimerweise Forderungen nach Umverteilung oder Anerkennung zu stellen, dient das Prinzip der partizipatorischen Parität als Kriterium: Wer Umverteilung fordert, muss zeigen, dass die ökonomische Verteilung ungeeignet ist, um die objektiven Bedingungen zu erfüllen, und wer Anerkennung beansprucht, muss zeigen, dass die intersubjektiven Bedingungen für partizipatorische Parität nicht erfüllt sind und dass die Anerkennung der Ansprüche nicht die partizipatorische Parität von anderen beschränkt. Schließlich stellt sich die Frage, wie diese von Fraser favorisierte Norm der partizipatorischen Parität legitimiert und mit Inhalten gefüllt wird. Dies, so Fraser, sei das Ergebnis eines dialogischen und diskursiven Prozederes und werde vermittels eines demokratischen Verfahrens öffentlicher Debatten sichergestellt. Der Vorteil hieran bestehe darin, dass so nicht ein einzelnes Subjekt (jeder Einzelne oder ein sog. Philosophenkönig ) darüber entscheide, sondern alle Betroffenen zusammen. Fraser gesteht zu, dass dieses Verfahren natürlich zirkulär sei: Anerkennungsansprüche können demnach nur erhoben werden, wenn keine partizipatorische Parität herrsche, doch hierüber wird entschieden gerade unter der Bedingung einer durchgesetzten partizipatorischen Parität. Nach Fraser sei dies aber kein circulus vitiosus, sondern schlicht Ausdruck von Reflexivität. Zudem solle diese Zirkularität nicht aus der Theorie entfernt, sondern durch eine Veränderung der sozialen Realität in der Praxis abgeschafft werden. Zuletzt stellt sich die Frage danach, was in dem Fraser schen Modell anerkannt werden soll, die allgemeine menschliche Natur oder eine (Gruppen-)Spezifik. Hier äußert sie sich, wie an anderer Stelle, dahingehend, dass dies abhängig sei von der jeweils fehlenden Form der Anerkennung: Handelt es sich um eine Nichtanerkennung des Mensch-Seins, dann sei universale Anerkennung von Nöten, und wenn einer Person die Besonderheit abgesprochen wird, so bedarf es spezifischer Anerkennung. Dieser pragmatische Ansatz vermeide nach Fraser die Nachteile zweier anderer Auffassungen, konkret der immer und ausschließlich universalen Anerkennung sowie der ausschließlichen Anerkennung der Besonderheit. Vorteile des Statusmodells gegenüber Honneths Selbstverwirklichungsmodell Nach Fraser (2003a) besitzt ihr Statusmodell der Anerkennung vier klare Vorteile gegenüber Honneths ethischem Modell der Selbstverwirklichung: 35

36 1) Es erlaubt, die Forderung nach Anerkennung auch unter der Bedingung eines (modernen) Wertepluralismus, in dem es keinen geteilten Werthorizont geben kann, als moralisch verbindlich zu rechtfertigen, denn hier ist keine geteilte Konzeption des guten Lebens oder der Selbstverwirklichung erforderlich. Vielmehr sei das Statusmodell deontologisch und nicht sektiererisch, es fordert nicht ein Konzept des guten Lebens, sondern die partizipatorische Gleichberechtigung. 2) Das Übel von Nichtanerkennung wird hier nicht in einer individuellen oder interpersonellen psychischen Dynamik gesehen, sondern in sozialen Beziehungen auf der Ebene des Status verortet, wodurch eine (Honneth sche) Psychologisierung verhindert werde. 3) Es geht nicht anders als Honneth von der Annahme aus, jeder habe das gleiche Recht auf gesellschaftliche Achtung der persönlichen, spezifischen Eigenschaften 10, sondern jedem steht das gleiche Recht zu, nach gesellschaftlicher Achtung zu streben (damit geht es also nicht um Ergebnis-, sondern um Chancengleichheit). 4) Weil Anerkennung hier als Frage der Gerechtigkeit verstanden wird, erleichtert das Modell die Integration von Forderungen nach Anerkennung und Umverteilung. Beide werden so kommensurabel, weil nun Anerkennung und Umverteilung im Bereich der Moral verortet werden. Politische Umsetzung der partizipatorischen Parität Affirmation oder Transformation? Am Ende des Beitrages wendet sich Fraser (2003a) der Frage nach den geeigneten politischen Strategien zu, um Hindernisse auf dem Weg zur Erlangung partizipatorischer Parität zu beseitigen (diese werden bereits in früheren Schriften dargelegt, etwa in Fraser 1997). Zunächst unterscheidet sie zwischen zwei Wegen, zwischen Affirmation die nur die Ergebnisse von Anerkennung und Verteilung verändert, nicht jedoch die Strukturen, die ihnen zugrunde liegen und Transformation, bei der die tieferliegenden Strukturen verändert werden. Affirmation besteht in diesem Sinne in dem Ausgleich ungerechter Folgewirkungen, ohne die zugrundeliegenden Ursachen neu zu strukturieren. Als Beispiele für affirmative Maßnahmen führt sie etwa den liberalen Wohlfahrtsstaat, konkret etwa die Alimentierung von Armen, und den mainstream-multikulturalismus (bei dem die ethnischen Gruppen bestehen bleiben und nur aufgewertet werden) und die Stärkung einer gay identity an. Nachteile dieser Strategien bestehen jedoch darin, dass sie hinsichtlich Kultur zu Verdinglichung und Homogenisierung von Gruppen neigen und hinsichtlich Verteilung zu einem Rückfall in puncto Anerkennung führen (etwa bei der Stigmatisierung von Armenhilfeempfänger) und eine stigmatisierende Anerkennungsdynamik und damit Missachtung auslösen können. Transformation hingegen bezieht sich auf die Beseitigung ungerechter Folgewirkungen, indem das zugrundeliegende Verhältnis von Anerkennung und Verteilung neu strukturiert wird (etwa im Sinne einer queer politics oder einem sozialistischen Recht auf Arbeit für alle). Hierbei handelt es sich dann um die Dekonstruktion von Gruppen. Der Vorteil dieser Strategien besteht darin, dass sie nicht die Gefahr einer Verdinglichung in sich bergen und keine entwürdigenden Status- 10 Zur Unterscheidung von Fraser zwischen Achtung und Respekt: Respekt fasst sie als universale Anerkennung, der jeder Person angesichts ihres Menschseins geschuldet ist, während Achtung sich auf die je spezifischen persönlichen Eigenschaften bezieht. 36

37 unterschiede konstruiert werden. Zudem sind sie eher geeignet, Solidarität zu erzeugen. Allerdings sind diese Strategien wegen ihrer Anfälligkeit für Probleme kollektiven Handelns nur schwer umzusetzen. Im Prinzip würde Fraser transformative Strategien bevorzugen, angesichts deren geringer Praktikabilität plädiert sie dann aber für den Mittelweg nichtreformistischer Reformen, nach dem zunächst affirmative Maßnahmen ergriffen werden und diese dann später auch transformativ wirken können. Im ökonomischen Bereich fordert sie nichtreformistische Wirtschaftsreformen (ohne dies weiter zu erläutern), und auch im Bereich von Anerkennung sollte man zuerst affirmativ wirken und dann auf Transformation hoffen (bei der Geschlechterfrage ist Fraser jedoch skeptisch). Auch hier äußert sich Fraser nicht, was man unter nichtreformistischen Reformen im Bereich Anerkennung zu verstehen hat. Allerdings hält sie nichtreformistische Reformen für einen sehr geeigneten Mittelweg. Schließlich hält sie ihren Vorschlag nichtreformistischer Reformen im Bereich von Anerkennung und Umverteilung für sehr problemlösungstauglich, doch sie sollen nicht einzeln angewandt werden, sondern integrativ. Zum einen fordert sie deren diagonale Handhabe, nach der eine Umverteilung vorgenommen werden soll, um die Anerkennung zu vergrößern (etwa bezahlte Arbeit für Frauen, um ihre eheliche Anerkennung zu stärken) und umgekehrt (etwa die Anerkennung homosexueller Ehen, um die ökonomische Position Homosexueller zu stärken). Zum anderen sei eine Grenzstrategie anzuwenden, nach der immer berücksichtigt werden müsse, welche Auswirkungen eine Reform auf die jeweiligen Grenzen hat und ob sich Maßnahmen widersprechen. Als Richtlinien für das Diskussionsforum um diese nichtreformistischen Reformen fordert sie: Erstens müssen Verteilungsfragen in sämtlichen Diskussionsforen präsent sein, zweitens müssen Anerkennungsfragen in sämtlichen Diskussionsforen präsent sein und drittens ist in der politischen Dimension bei allen Diskussionsforen immer zu fragen, was die jeweils richtige Ebene ist (etwa lokal, national, transnational). Diese Ausführungen zu politischen Maßnahmen sind nicht sehr konkret, sondern weitgehend allgemein gehalten. Allerdings findet sich in früheren Schriften (Fraser 1994a,b, 1996a,b, 1997) ein etwas expliziterer Vorschlag, der sich auf Geschlechtergerechtigkeit bezieht. Dieser soll im folgenden kurz dargelegt werden, da es hierbei um eine Umstrukturierung des Geschlechterverhältnisses geht (wenn auch nicht um Paarbeziehungen), was für das Forschungsprojekt durchaus relevant sein könnte. Implizit handelt es sich hierbei um eine Konkretisierung von Anerkennungsund Umverteilungsmaßnahmen Exkurs: Die Gleichheit der Geschlechter Ein postindustrielles Gedankenexperiment Fraser beginnt mit der Feststellung, der (frühere) Wohlfahrtsstaat sei auf den männlichen Familienernährer bzw. -lohn ausgerichtet gewesen, heute aber zerfalle die alte Geschlechterordnung, da wir uns im postindustriellen Zeitalter befinden. Angesichts der Pluralisierung von Familienformen und der Prekarisierung von Erwerbstätigkeit sei die Vorstellung eines Familieneinkommens heute weder empirisch noch normativ aufrecht erhaltbar (Fraser 2001 [1996a/1994b]: 69). Insofern konstatiert sie die Notwendigkeit eines neuen, postindustriellen Wohlfahrtsstaatsmodell, welches auf Gleichheit der Geschlechter aufgebaut sein muss. 37

38 Was versteht Fraser unter Geschlechtergleichheit? Ihres Erachtens führt der alte Kampf um Differenz oder Gleichheit (vgl. Fußnote 3) nicht sehr weit, weshalb sie die Gleichheit der Geschlechter begrifflich neu fassen möchte: Nicht mit einfachen Begriffen wie Gleichheit oder Differenz, sondern als eine komplexe Vorstellung, die eine Pluralität verschiedener normativer Prinzipien umfasst, von denen einige mit der Gleichheits-Seite und einige mit der Differenz-Seite assoziiert sind, und daneben auch normative Ideen enthält, auf die bisher keine der beiden Seiten angemessenes Gewicht gelegt hat. Fraser schlägt vor, die Idee der Geschlechtergleichheit als einen Komplex von sieben verschiedenen normativen Prinzipien zu begreifen (Fraser 2001 ([1996a/1994b]: 75), denen gleichermaßen entsprochen werden müsse. Es handelt sich um folgende Prinzipien: 1) Bekämpfung der Armut: Angesichts des Endes der Ära des Familieneinkommens und der damit einhergehenden weitverbreiteten Armut alleinerziehender Mütter und deren Kinder muss der Wohlfahrtsstaat deren materielle Grundbedürfnisse sichern (nicht jedoch mittels einer stigmatisierenden Armenhilfe). 2) Bekämpfung der Ausbeutung: Maßnahmen, die gegen Armut gerichtet sind, dienen daneben auch dem Zweck, die Ausbeutung Schutzloser zu verhindern. Auch hiervon sind v.a. Frauen (wiederum insbesondere alleinerziehende Frauen) und Kinder betroffen. Sozialprogramme sollen daher eine willkürliche Ausbeutung von Frauen durch Abhängigkeit von einem Familienmitglied (etwa dem Ehemann), von Arbeitgebern und willkürlich entscheidenden Sachbearbeitern von Ämtern verhindern, indem sie alternative Einkommensquellen zur Verfügung stellen, und zwar in Form eines einklagbaren Rechtsanspruches. 3) Gleiche Einkommen: Angesichts der gravierenden Einkommensunterschiede von Frauen und Männern sollen beide das gleiche Einkommen erhalten, etwa im Sinne von gleicher Lohn für gleiche Arbeit. 4) Gleiche Freizeit: Auch hier ist eine Gleichheit zu erzielen, angesichts der bestehenden Ungleichheit, nach der Frauen im Gegensatz zu Männern häufig sowohl Erwerbsarbeit als auch Betreuungsarbeit leisten und daher über weniger Freizeit verfügen als Männer. 5) Gleiche Achtung: Gleichheit an Status und Respekt ist gleichermaßen wichtig für Geschlechtergleichheit. Dieses Prinzip schließt Regelungen aus, die Frauen verdinglichen und verunglimpfen. Gleiche Achtung verlangt die Anerkennung der Persönlichkeit von Frauen und der Arbeit von Frauen. (Fraser 2001 [1996a/1994b]): 79). 6) Bekämpfung der Marginalisierung: Die Sozialpolitik soll die volle, gleichberechtigte Teilnahme der Frauen an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens fördern im Arbeitsleben, in der Politik und im Gemeinschaftsleben der Zivilgesellschaft. 7) Bekämpfung des Androzentrismus: Die Sozialpolitik soll die männerzentrierten Institutionen und Normen auf zweifache Weise verändern: Die traditionellen Domänen der Männer müssen einladender für Frauen, die traditionellen Domänen der Frauen attraktiver für Männer werden. Das bedeutet, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen verändern müssen (Fraser 2001 [1996a/1994b]: 80). 38

39 Diese sieben normativen Prinzipien werden allerdings von Fraser mehr oder weniger nur stichpunktartig aufgelistet, nicht jedoch näher bestimmt. Es finden sich auch nur wenige Hinweise darauf, wie sie politisch durchzusetzen sind. Anhand dieser sieben Kriterien bewertet sie dann zwei alternative Modelle eines postindustriellen Wohlfahrtsstaates. Wichtig bei der Frage nach einem geschlechtergerechten Wohlfahrtsstaat seien außerdem folgende vier Themen: 1.) die soziale Organisation von Betreuungsarbeit, 2.) die Grundlagen von Versorgungsansprüchen, 3.) Unterschiede zwischen Frauen (etwa mit Kindern / ohne Kinder, reich / nicht reich; verheiratet / alleinstehend) und 4.) andere wohlfahrtsstaatliche Desiderata wie etwa Generationengerechtigkeit, Effizienz, Gemeinschaft und persönliche Freiheit. Es handelt sich um folgende zwei Modelle: 1) Das Modell der allgemeinen Erwerbstätigkeit Diese Vision bestimmt implizit die derzeitige politische Praxis der meisten Feministinnen und Liberalen in den USA. Das Ziel ist es, die Gleichheit der Geschlechter durch die Förderung der Erwerbstätigkeit der Frauen zu bewerkstelligen. Damit soll die Rolle des Ernährers generalisiert werden, so dass auch Frauen den Status von arbeitenden Bürgern haben. Dazu erforderlich ist v.a. die Bereitstellung staatlicher Betreuungseinrichtungen für Kinder und alte Menschen, damit Frauen von unbezahlten häuslichen Verpflichtungen befreit werden. Daneben ist der Abbau von Hindernissen in der Arbeitswelt, die die Chancengleichheit von Männern und Frauen verhindern, erforderlich. Drittens bedarf es kultureller Veränderungen mit Blick auf die Sozialisation hinsichtlich der Arbeitsorientierung von Frauen und der Akzeptanz dieser veränderten Rollen durch die Männer. Dieses Modell ist aber schon deshalb nicht praktikabel, weil nicht alle Personen arbeiten können oder wollen; außerdem gibt es nicht genügend Arbeitsplätze für alle. Schließlich würde die Betreuungsarbeit wieder von den Frauen geleistet werden. Insgesamt wäre dieses Modell nur für solche Frauen vorteilhaft, die dem male worker ähnlich sind (insbesondere kinderlose und Frauen ohne Betreuungsverpflichtungen). Die normativen Forderungen 1) und 2) könnten durch dieses Modell erfüllt werden, weniger jedoch die Forderungen 3) bis 7). 2) Modell der Gleichstellung der Betreuungsarbeit Dieses Modell favorisieren v.a. Feministinnen und Sozialdemokraten in Europa. Hier soll Geschlechtergleichheit gefördert werden durch die Gleichstellung der informellen Betreuungsarbeit mit der formellen Erwerbstätigkeit, insbesondere erreicht durch die staatliche finanzielle Förderung der Betreuungsarbeit. Außerdem sei eine Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle erforderlich. Betreuungsarbeit bliebe hier eine häusliche Tätigkeit und würde nicht wie im ersten Modell ausgelagert, und entsprechend besitzt dieses Modell Vorteile für Frauen mit häuslichen Verpflichtungen. Allerdings stellt es nicht die volle Geschlechtergleichheit her. Auch hier können die normativen Forderungen 1) und 2) erfüllt werden, nicht jedoch die Forderungen 3) bis 7). Nach Fraser sind damit beide Modelle zwar geeignet, Armut und Ausbeutung von Frauen zu verringern, aber sie führen nicht zu gleicher Achtung, gleichem Einkommen, gleicher Freizeit, Bekämpfung der Marginalisierung und des Androzentrismus. Daher entwirft sie ein drittes Modell, 39

40 das weder auf die Angleichung von Frauen an Männer noch auf die Festschreibung der Differenz zielt, sondern auf eine Veränderung männlicher Verhaltensweisen: 3) Das Modell der universellen Betreuungsarbeit In diesem Modell werden Umverteilung und Anerkennung so integriert, dass Gender dekonstruiert wird und die Männer in einem stärkeren Maße so werden, wie die Frauen heute sind, nämlich Menschen, die elementare Betreuungsarbeit leisten (Fraser 2001 [1996a/1994b]: 100). Hierfür wären eine Umverteilung der Erwerbsarbeit sowie flexiblere Arbeitszeitmodelle für beide Geschlechter erforderlich, außerdem staatliche Bereitstellung von Betreuungsinfrastruktur sowie finanzieller Unterstützung. Damit geht es um die gleiche Aufteilung von Erwerbs- und Betreuungsarbeit zwischen den Geschlechtern, letztlich um die Dekonstruktion der Trennung zwischen Erwerbs- und Betreuungsarbeit und angesichts der herausragenden Bedeutung dieser Trennung für die Geschlechterordnung wird damit auch die Dekonstruktion der Kategorie Gender schlechthin angedeutet Zusammenfassung Zusammenfassend fordert Fraser also mit ihrem perspektivischen Dualismus sowie ihrer bivalenten Konzeption von Gerechtigkeit, das Kulturelle und das Ökonomische als zwei unterschiedene, aber sich durchdringende Bereiche zu betrachten und weder Anerkennung noch Umverteilung unter das je andere zu subsumieren, sondern beides zu integrieren. Mit Blick auf Anerkennung vertritt sie ein Statusmodell, das im Bereich der Gerechtigkeit angesiedelt ist und nicht bei ethischer Selbstverwirklichung und gelungener Identitätsbildung ansetzt, sondern an partizipatorischer Parität orientiert ist. Zur Umsetzung der von ihr geforderten nichtreformistischen Reformen müssen Politiken der Umverteilung und der Anerkennung miteinander verbunden werden. Sie endet mit dem Fazit: no redistribution without recognition! und no recognition without redistribution!. Folgende Tabelle beinhaltet die wesentlichen Aussagen des Fraser schen Modells: 40

41 Tabelle 4: Frasers perspektivischer Dualismus und das Statusmodell der Anerkennung [Anm. d. A.: eigene Darstellung] Theoretischer Ansatz Perspektivischer Dualismus - bivalenter Ansatz: Bereiche Ökonomie Kultur Maßnahmen Gängige (insbes. auch Honneths) Orientierung an Frasers Orientierung an Umverteilung materieller Ressourcen Gleichheit (distributive Gerechtigkeit) universelle Moral Gleichheit / Gerechtigkeit universelle Moral Anerkennung kultureller Identität / Differenz Selbstverwirklichung Gutes Leben Partikulare Ethik Gleichheit / Gerechtigkeit universelle / deontologische Moral Gerechtigkeitstheorie Voraussetzungen FRAGE: Gelungene Anerkennung Ziel der Anerkennung FRAGEN: Partizipatorische Parität : alle Gesellschaftsmitglieder verkehren als Ebenbürtige miteinander (Statusmodell der Anerkennung) objektive Bedingung: Die Verteilung materieller Ressourcen muss die Unabhängigkeit und das Stimmrecht der Partizipierenden gewährleisten. Klassische Umverteilungsfragen. intersubjektive Bedingung: Die institutionalisierten kulturellen Wertmuster müssen allen Partizipierenden den gleichen Respekt und Chancengleichheit beim Erwerb gesellschaftlicher Achtung erweisen. Klassische Anerkennungsfragen Wieso wird dies als intersubjektiv bezeichnet, wenn es doch an sich institutionell ist? Anerkennung der Gleichheit des Status Je nach Situation die Allgemeinheit des Menschseins oder die spezifischen Eigenschaften Wie ist dies nun mit dem Statusmodell zu vereinbaren? Konkretere Entscheidungskriterien? Diskussion des Fraser schen Modells Zunächst scheint das Fraser sche Modell einer dualistischen Perspektive, nach der Anerkennung und Umverteilung als gleich ursprünglich zu betrachten sind, durchaus verlockend, zumal damit klar auch ökonomische und sozialstrukturelle Ungleichheiten in den Blick genommen werden. Bei einer kritischen Analyse der Fraser schen Ausführungen zeigen sich allerdings einige Widersprüchlichkeiten, Unklarheiten und Leerstellen, insbesondere mit Blick auf Anerkennung in Paarbeziehungen. Diese sollen im folgenden dargestellt werden. Sie beziehen sich 1.) auf das theoretische Modell eines perspektivischen Dualismus von Anerkennung und Umverteilung, 2.) auf das Statusmodell der Anerkennung und 3.) auf die generell sehr geringe Konkretheit ihres deontologischen Ansatzes. 41

42 Zum theoretischen Ansatz eines perspektivischen Dualismus von Anerkennung und Umverteilung Die Trennung und Entgegensetzung von Ökonomie und Kultur innerhalb Frasers perspektivischem Dualismus erscheint zum einen generell problematisch, zum anderen lässt sich die Zuordnung von Anerkennung zum Bereich der Kultur in Frage stellen. a) Zur Trennung von Ökonomie und Kultur und nur von Ökonomie und Kultur Generell kritisieren etwa Becker-Schmidt (2001), Butler (1998) und Young (1997) Frasers Trennung von Ökonomie und Kultur, denn beide Bereiche seien immer miteinander verschränkt und können nicht einfach voneinander getrennt werden. Dies ist auch die hier vertretene Ansicht: Jegliche Ökonomie ist immer von kulturellen Aspekten geprägt und durchdrungen, und gleichermaßen beinhaltet Kultur immer auch ökonomische Aspekte. Außerdem fragt man sich, was sich nach Frasers Ansatz alles in dem Container der Kultur befindet. Hierüber gibt sie keine konkrete Auskunft, und es scheint sich hierbei um alles zu handeln, was sie nicht dem Container Ökonomie zuordnet. Fraglich wird dann beispielsweise, wo sich Paarbeziehungen befinden, zu denen sich Fraser im Übrigen gar nicht äußert. Ein schwerwiegendes Problem ihres genannten Dualismus besteht zudem darin, dass Fraser damit den gesamten politischen und rechtlichen Bereich nicht berücksichtigt (vgl. auch Zurn 2003; Honneth 2003a), und es ist auch nicht ersichtlich, welcher Sphäre sie diese beiden zuordnen würde. So fragt man sich, weshalb sie gerade einen Dualismus wählt und nicht etwa eine Drei- oder Vierteilung, die auch Recht und Politik beinhalten würde oder ggf. noch weitere Bereiche. b) Anerkennung als kulturelle Anerkennung von Differenz Darüber hinaus erscheint die Einordnung von Anerkennung in den Bereich der Kultur als problematisch. Dies kritisiert auch Butler (1998) und lehnt es ab, Anerkennung als merely cultural zu verstehen. Gleichermaßen stellt Becker-Schmidt (2001) den perspektivischen Dualismus Frasers in Frage und kritisiert ihre Trennung von Anerkennung/Kultur und Umverteilung/Ökonomie, denn ihrer Ansicht nach könne aus einer identitätslogischen Perspektive das eine durchaus konstitutiv für das andere sein. Soziale Anerkennung und soziale Gleichstellung seien damit zwei Seiten einer Medaille, was sie anhand der unterschiedlichen Bewertung von Frauenund Männerarbeit und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zeigt. Anerkennung kann i.e. nicht nur auf kulturelle Anerkennung beschränkt werden. Gleichermaßen lehnt Honneth (2003b) eine theoretische Beschränkung auf kulturelle Anerkennungskämpfe im Bereich der sozialen Anerkennung ab und hält an seinem Konzept fest, nach dem es sich um drei Sphären der reziproken Anerkennung mit jeweiligem Geltungsüberhang handelt, bei denen er den Bereich für besonders wichtig hält, den Fraser ganz ausgelassen hat: das rechtliche Gleichheitsprinzip. Er legt seine Kritik an Frasers verkürztem kulturellen Anerkennungsmodel sehr differenziert dar und beginnt bei Frasers Ausgangsdiagnose der postsozialistischen Konstellation, nach der gegenwärtig eine Vielzahl kultureller Gruppen soziale Anerkennung für ihre Praktiken finden wolle. Nach Fraser artikulieren in hochentwickelten westlichen Gesellschaften nun v.a. Frauen, ethnische Minderheiten und sexuelle Minoritäten im Rahmen von Neuen Sozialen Bewegungen ihre Ansprüche gegen Missachtung in einer Mehrheitskultur 42

43 des weißen heterosexuellen männlichen Bürgers. Dies ist s.e. ein sehr einseitiges Bild, denn zum einen sei dies eine Überverallgemeinerung der US-amerikanischen Situation und in Deutschland nicht gleichermaßen zutreffend. 11 Zum anderen, und dies ist für ihn zentral, bezeichnet er ihren Ansatz als reduktionistisch, denn wenn eine Identitätspolitik im Sinne der Anerkennung kultureller Differenz als das heutige zentrale Problem angesehen wird, dann geraten viele andere Formen des Leidens aus dem Blick. Fraser erhebe, so Honneth, nur normative Forderungen, die in sozialen Bewegungen öffentlich bereits artikuliert worden sind, Honneth jedoch will die normativen Zentralbegriffe unabhängig von gerade populären sozialen Bewegungen fassen und auch solche Formen institutionalisierten Leidens betrachten, die vor und unabhängig aller politischer Artikulation existieren. Insofern erscheint ihm Frasers Identitätspolitik als ein Artefakt, und er macht drei Verkürzungen in Fraser s Grundannahmen aus: Erstens beschäftige sie sich nur mit Neuen Sozialen Bewegungen, zweitens nur mit guten Sozialen Bewegungen, und drittens erhebe sie diese dann zum Schlüsselproblem der Gegenwart. Nach Honneth kann man aber den Begriff der Anerkennung nicht nur für die Forderung kultureller Gruppen nach Anerkennung ihrer (kollektiven ) Identität reservieren. Unklar in Frasers Konzept ist zudem, ob es sich bei diesen Forderungen um rechtliche, politische oder kulturelle handelt. Nach Honneth stellt die Fraser sche Anerkennung kultureller Differenz nicht einen eigenen, vierten Anerkennungstyp (neben den drei von Honneth aufgezeigten) dar, sondern kann in der Regel unter rechtliche Gleichbehandlung subsumiert werden. Zusammenfassend kann man nach Honneth (und auch nach hier vertretener Ansicht) Anerkennung nicht nur auf Identitätskonflikte im kulturellen Bereich reduzieren. Vielmehr ist die gesamte kapitalistische Gesellschaft und damit auch der ökonomische Bereich als ein System aus gestaffelten Anerkennungsverhältnissen, als eine institutionalisierte Anerkennungsordnung zu verstehen Zum Statusmodell der Anerkennung Das Statusmodell der Anerkennung scheint zunächst einige Probleme, die Honneth anschaulich darlegt, zu lösen, da es hier nicht mehr primär um die Anerkennung von kultureller Differenz (von Kollektiven), sondern um eine gleichberechtigte Partizipation (von Personen) in sozialen Interaktionen geht. Anerkennung wird hier als eine Frage der Gerechtigkeit verstanden, was zunächst als sehr plausibel erscheint. Doch auch hier finden sich einige Ungereimtheiten und weniger plausible Annahmen. Insgesamt wird in dem Statusmodell als oberstes Prinzip die partizipatorische Parität eingeführt, und diese ist durch zwei Bedingungen zu erreichen: Durch die objektive Bedingung einer Verteilung (ökonomischer) Ressourcen derart, dass die Unabhängigkeit der Personen ermöglicht wird, und durch die intersubjektive Bedingung der gleichen Achtungs- und Respekterweisung durch die Institutionen. 11 Diesen Kritikpunkt möchte er aber gar nicht weiter vertiefen, sondern nur genannt haben. 43

44 a) Kulturelle Anerkennung halbierte Anerkennung Mit dieser Zweiteilung des Statusmodells bleibt aber Anerkennung eine Frage der Kultur, und nach Fraser müsse es das Ziel jeglicher Anerkennungspolitik sein, solche kulturellen Wertschemata ihrer institutionalisierten Geltung zu berauben, die gleiche Beteiligungschancen verhindern, und diese durch Muster zu ersetzen, die solche Chancen erlauben. Weiter wird die objektive Bedingung nicht als Anerkennung, sondern als Umverteilung gefasst. So scheint die Kritik einer kulturalistischen Verkürzung von Anerkennung aufrechterhalten werden zu müssen. b) Statusanerkennung Im folgenden richtet sich der Blick auf das, was in dem Statusmodell anerkannt werden soll. i) Intersubjektive Anerkennung oder rechtliche Gleichheit? Bei einer genauen Analyse und nun erreichen wir einen Hauptkritikpunkt aus Sicht des hier verfolgten Projektes handelt es sich eigentlich nur bei der intersubjektiven Bedingung um das, was man üblicherweise unter Anerkennung versteht. Hier stellt sich nun aber die Frage, weshalb Fraser dies als intersubjektiv bezeichnet. Die Definition lautet: Die institutionalisierten kulturellen Wertmuster müssen allen Partizipierenden den gleichen Respekt und Chancengleichheit beim Erwerb gesellschaftlicher Achtung erweisen. Wenig nachvollziehbar erscheint hier die Bezeichnung intersubjektiv, zumal dies doch zwischen zwei (oder mehr) Subjekten meint. Wie Fraser aber an anderer Stelle betont, handelt es sich bei der intersubjektiven Bedingung um Chancengleichheit und rechtliche Gleichberechtigung. Dies ist in der Tat ein von der Verfasserin nicht aufzulösender Widerspruch. Es scheint, dass Fraser tatsächlich rechtlich-institutionelle Gleichberechtigung meint, und es wäre vorteilhaft, dies auch entsprechend zu bezeichnen, etwa als institutionelle Anerkennung (vgl. hierzu auch Macdonald/Merrill 2002). Somit ist aber Intersubjektivität und damit die Ebene der Subjekt-Subjekt-Beziehungen aus dem Anerkennungsmodell verschwunden. Aus Sicht des hier verfolgten Forschungsvorhabens ist dies bedauerlich, geht es hier doch gerade um wechselseitige, intersubjektive Anerkennung in Paarbeziehungen. ii) Status oder Identität Fraser lehnt ein Identitätsmodell der Anerkennung ab, denn dies sei zu subjektiv und zu normativ. Sie entwirft ein Statusmodell, das angeblich objektiv sei, weil es nicht auf psychische Beschädigungen zielt, sondern auf Statusgleichheit und gleichberechtigte Partizipation. Nun ist bzw. war es aber, wie Zurn (2003) herausstellt und auch Honneth betont, gerade das Ziel von Anerkennung, solche Verletzungen zu verhindern, die Individuen aufgrund kulturell-evaluativer Muster der Abwertung erleben und diese kann es durchaus auch bei formeller Statusgleichheit geben. Somit werde das eigentlich Ziel einer Politik der Anerkennung nicht mehr verfolgt, wenn sie sich nur noch um Statusgleichheit bemüht. Wie Zurn (2003) konstatiert, ist Frasers Statusmodell zwar vielleicht objektiv (-er als Honneths), aber dies ist es um den Preis der schlichten Ausblendung von Identitätsfragen (vgl. hierzu auch Baum 2004). Aus Sicht unseres Vorhabens ist dies ein ebenso schwerwiegender Mangel wie die Ausblendung der im eigentlichen Sinne intersubjektiven Ebene. 44

45 Zur Abstraktheit des Modells a) Anerkennung in Paarbeziehungen Zu der Frage nach Anerkennung in Paarbeziehungen, nach Liebe oder wie immer man diese Form bezeichnen mag, bezieht Fraser keinerlei Stellung. Insofern kann hierzu auch nichts diskutiert, sondern nur diese Leerstelle konstatiert werden. b) Generelle Begriffsbestimmungen Generell ist Frasers Modell kaum konkreter als dasjenige Honneths. Im Prinzip füllt sie keinerlei Konzepte wirklich inhaltlich, sondern verwendet viele Begriffe unbestimmt oder changierend: Sei es Kultur (was wohl alles das bezeichnet, was nicht Ökonomie ist), sei es Umverteilung (die nie inhaltlich konkretisiert wird, was an wen umverteilt werden soll und weshalb), sei es Anerkennung, seien es die geforderten nichtreformerischen Reformen, seien es die affirmativen oder transformativen Maßnahmen, sei es die particiatory parity, sei es das dialogische und diskursive Verfahren zu deren Erreichung, sei es die Entscheidung, wann es um die Anerkennung des allgemeinen Menschseins oder um die der partikularen Eigenschaften geht nichts von alldem ist begrifflich klar definiert und inhaltlich konkretisiert. Wie alle ihre Vorschläge und Konzepte konkret funktionieren oder umgesetzt werden sollen oder wie sie differenzierter zu verstehen sind, sagt sie nicht wirklich (mit Ausnahme einiger der Ausführungen zur Geschlechtergleichheit innerhalb eines postindustriellen Gedankenexperimentes). Ihre dualistische Forderung: no redistribution without recognition und no recognition without redistribution klingt sehr plausibel und einfach, aber weiterführend ist sie nicht unbedingt. Ihr Modell ist damit nicht weniger abstrakt und noch weniger inhaltlich gefüllt als das von Honneth und wäre dementsprechend auszubuchstabieren. Dies kritisiert auch Zurn (2003) mit Blick auf die von Fraser als Vorzug gepriesene Deontologie des Statusmodells. Wie er feststellt, führt das deontologische und allgemeine Statusmodell bei konkreten Disputen nicht sehr weit, denn hier braucht man vielleicht wirklich ein substantielles und ethisches Urteil trotz eines womöglich existierenden Wertepluralismus (Zurn 2003: 533f.) Fazit Es soll ein kurzes Fazit der Diskussion gezogen werden: a) Zusammenfassend ist an Frasers dualistischem Ansatz positiv festzuhalten, dass damit auch ökonomische Ungleichheiten in den Mittelpunkt gerückt werden, allerdings ist daran die Trennung und Entgegensetzung von Ökonomie und Kultur und nur dieser beiden Bereiche problematisch. Es erscheint theoretisch angemessener, zum einen mehrere gesellschaftliche Sphären zu unterscheiden und zum anderen, Anerkennung nicht nur der Kultur zuzuordnen. b) Auch die Ablehnung eines (subjektiven) identitätstheoretischen Modells zugunsten eines (objektiven) Statusmodells der Anerkennung erscheint nicht als der geeignete Weg, will man Anerkennung in Paarbeziehungen untersuchen. 45

46 Drei Ebenen von Anerkennung Aus unserer Sicht würde sich vielmehr die Integration dreier Ebenen anbieten, die für Anerkennung relevant sind. Diese können allerdings wegen ihrer Interdependenz allenfalls analytisch voneinander getrennt werden: 1) eine objektive Anerkennungsbedingung mit Blick auf Ressourcenzugang und -verteilung im weitesten Sinne. Hier handelt es sich um Subjekt-Objekt-Beziehungen und insofern primär um eine individuelle Ebene. 2) eine intersubjektive Anerkennungsbedingung mit Blick auf Subjekt-Subjekt-Beziehungen. Hier handelt es sich um eine relationale Ebene um Individuen-in-Beziehungen. 3) eine gesellschaftliche Anerkennungsbedingung mit Blick auf rechtliche (Status-)Gleichheit einerseits und allgemeine gesellschaftliche Wertschätzung andererseits. Dies bezieht sich auf Subjekt-Institutionen-Beziehungen. Zwei Dimensionen von Anerkennnung Weiterhin könnte man mit Blick auf Gerechtigkeit (nach Fraser objektiv -universell) versus Selbstverwirklichung (nach Fraser subjektiv -spezifisch) Anerkennung selbst sozusagen als bivalent fassen, und zwar sowohl als i) das Gegenteil einer psychischen Deformation (gelungene Identität) und als ethische Selbstverwirklichung (gelungene Subjektivität) mit dem Fokus eher auf das Individuum bzw. die Individuen als auch als ii) ein institutionalisiertes Verhältnis der Gleichberechtigung und damit als eine Frage der Gerechtigkeit mit dem Fokus mehr auf Institutionen bzw. gesellschaftliche Arrangements. Die drei Anerkennungsebenen objektiv-individuell, intersubjektiv und gesellschaftlich würden dann jeweils bivalent betrachtet: Die objektive, individuelle Verfügung über (verschiedenste) Ressourcen weist dann einen Identitäts- und einen Gerechtigkeitsaspekt auf, und gleiches gilt für die intersubjektive und die gesellschaftliche Bedingung. Hierzu mehr in Kapitel 4. c) Mehr noch als Honneths Ansatz ist der Fraser sche inhaltlich unbestimmt, und hier wäre eine begriffliche Klärung und eine inhaltlich Ausbuchstabierung sehr nötig. Dies gilt insbesondere, aber nicht nur mit Blick auf Paarbeziehungen. 46

47 3. Weitere anerkennungstheoretische Überlegungen und Ansätze In diesem Kapitel sollen kursorisch einige weitere anerkennungstheoretische Überlegungen und Ansätze erwähnt werden, um zum einen den Forschungsstand etwas breiter darzustellen und zum anderen die Entwicklung eines eigenen ersten und vorläufigen theoretischen Arbeitskonzeptes von Anerkennung in Kapitel 4 durch entsprechende Ausführungen vorzubereiten. Im einzelnen handelt es sich hierbei um neuere theoretische Überlegungen von Patchen Markell, der für eine Umstellung von dem Begriff der recognition auf den der acknowledgement plädiert (Kapitel 3.1), um eine kurze Erwähnung der Gerechtigkeitstheorien von John Rawls und Michael Walzer (Kapitel 3.2), um neuere Untersuchungen von Ursula Holtgrewe, Gabriele Wagner und Stephan Voswinkel zum Thema Anerkennung und Arbeit (Kapitel 3.3) und schließlich um Ansätze, die sich mit Anerkennung und Liebe bzw. Paarbeziehungen und Geschlecht beschäftigen. Hier werden u.a. Untersuchungen von Angelika Krebs, Gabriele Neuhäuser, Petra Frerichs, Gabriele Wagner und Arlie R. Hochschild erwähnt (Kapitel 3.4). 3.1 Patchen Markell: Bound by Recognition Von Recognition zu Acknowledgement Patchen Markell (2003) beschäftigt sich aus einer sozialphilosophischen Perspektive theoretischkonzeptionell mit Anerkennung und grenzt sich gegen identitätstheoretische Ansätze, wie sie üblicherweise in der Multikulturalismus-Debatte (etwa Taylor 1992, 1994; Kymlicka 1995) vorzufinden sind, ab. In teilweise sehr sprachanalytisch-philosophischer Auseinandersetzung mit Taylor, Aristoteles und Hegel, Fraser, Honneth und Arendt entwickelt er seine Position, nach der es nicht um mutual recognition der (als gegeben angenommenen) Identität des jeweiligen anderen gehen kann, sondern um acknowledgement der menschlichen Endlichkeit bzw. Begrenztheit ( finitude ) sowie der Pluralität und Kontingenz von Identität. In diesem Sinne lehnt er ein Verständnis von Anerkennungskämpfen ab, bei dem das Ziel in der endgültigen wechselseitigen Anerkennung ( recognition ) der miteinander um jene ringenden Partner besteht, sondern fordert als Ausgangspunkt die immer unvollendete und prozesshafte Anerkennung ( acknowledgement ) der eigenen Begrenztheit Recognition Zur kognitiven und zur kreativen Dimension des Begriffes Im Rahmen der Herleitung seines Ansatzes von acknowledgement legt Markell u.a. dar, dass der Begriff Anerkennung ( recognition ) im Englischen üblicherweise zwei unterschiedliche Bedeutungsdimensionen aufweist: 1) Einen kognitiven bzw. Wissensaspekt im Sinne von knowledge und cognition ( Erkennen und Wiedererkennen, re-cognition ). Hier kann es sich um zwei verschiedene Aspekte handeln: Entweder (a) um das Wieder-Erkennen von etwas Gegebenem und eigentlich Bekanntem, das aber vergessen wurde oder (b) um die Anerkennung von etwas, was wir von anderen Personen oder der Welt wissen und / oder wahrnehmen. Hier vereinigt der Akt der Anerkennung die Kognition ( seeing who someone is ) und deren Bewertung (indem bestätigt oder negiert wird, was wir sehen). Anerkennung bezieht sich hier auf die (Wieder-)Vergegenwärtigung oder Reaktion auf einen antezedenten Zustand, ist also statisch zu verstehen. Im Rahmen der politics of re- 47

48 cognition ist dies die Anerkennung der als authentisch angenommenen ( wahren ) Eigenschaften des Anderen (etwa Taylor 1992, 1994), die als gegeben und feststehend betrachtet werden. 2) Einen kreativen bzw. konstruktiven Aspekt im dem Sinne, dass durch den Akt der Anerkennung etwas Neues geschaffen oder die Welt transformiert wird (beispielsweise wird ein Sprecher in einer Diskussion erst zum Sprecher durch den Akt, von der Diskussionsleitung als solcher aufgerufen zu werden). Dies ist ein dynamischer Ansatz, bei dem im Prozess der Anerkennung etwas Neues konstituiert wird. Markell kritisiert nun an den gängigen identitätstheoretischen Ansätzen (insbesondere mit Blick auf die Politik der Anerkennung kultureller kollektiver Identitäten im Rahmen der Multikulturalismus-Debatten), dass sie zu sehr dem erstgenannten Verständnis anhängen und in der Regel nur auf die Anerkennung von etwas bereits Gegebenem zielen. Seines Erachtens ist dies aber verkürzt und verkürzend, denn Identität werde immer erst in dem Prozess der wechselseitigen Anerkennung geschaffen und insofern bedarf es eines dynamischen Anerkennungsbegriffes im Sinne des kreativen bzw. konstruktivistischen Verständnisses Acknowledgement of our own finitude statt recognition of identity Markell (2003) plädiert in seinem Buch für eine Umstellung vom Ideal der wechselseitigen Anerkennung ( mutual recognition ) der jeweiligen Identität auf die Anerkennung ( acknowledgement ) der eigenen Begrenztheit als menschliche Grundbedingung. Seine Hauptargumente hierfür lauten: 1) Das Ideal der mutual recognition der jeweiligen Identität sei zwar reizvoll, aber unmöglich zu erreichen und in sich inkohärent. Mit der Verfolgung dieses Ideals werden bestimmte grundlegende Bedingungen des sozialen und politischen Lebens missverstanden, namentlich die menschliche Begrenztheit, die sich aus der Unbestimmtheit der Zukunft ergibt. Hieraus schließt er, dass the pursuit of recognition involves a misrecognition (Markell 2003: 5), die sich nicht auf die eigene Identät oder diejenige eines anderen bezieht, sondern auf one s own fundamental situation or circumstances (ebd.). 2) Ungerechtigkeit mit Blick auf Identität und Differenz ist nicht einfach eine Frage einer falschen ( improper ) Anerkennung, es geht also nicht nur darum, einem unrichtigen oder gar verachtenden Bild einer Person oder Gruppe anzuhängen. Das liegt daran, a) dass diese falschen Bilder von anderen epiphenomenal sein können (also von eigenen Wünschen und Vorstellungen bestimmt, die sich in erster Linie nicht auf andere, sondern auf den Akteur selbst beziehen) und dass b) selbst affirmative Bilder ungerecht sein können (Markell 2003: 5). Markell möchte die Perspektive auf Anerkennung umkehren und den Blick weg von der Identität der Personen, die Ziele der Anerkennung sind, hin auf die Akteure, die Anerkennung gewähren oder verweigern, richten. Sein Ansatz der acknowledgement umfasst vier Prinzipien: 1) Die Blickrichtung von acknowledgement : Nicht der Andere, sondern das eigene Selbst Zentral für gerechte Beziehungen zu anderen Personen is not the state of our knowledge of them, but the state of our understanding of ourselves (Markell 2003: 35). Entsprechend ist das direkte Objekt von acknowledgement nicht der Andere (wie bei recognition), sondern das eigene 48

49 Selbst (dieser Wechsel des Blicks entspricht auch der Aufmerksamkeitsverlagerung hinsichtlich Ungerechtigkeit von dem, der es erleidet zu dem, der er ausübt). 2) Das Ziel von acknowledgement : Nicht die eigene Identität, sondern die eigene ontological condition der finitude Innerhalb des Blickwechsels vom Anderen zu sich selbst geht es zudem nicht mehr um die eigene Identität im Sinne einer kohärenten Selbstbeschreibung als Grundlage von autonomer Handlungsfähigkeit, sondern um die eigene ontologische Situation welche sich durch die Grenzen der Identität als wesentliche Handlungsgrundlage bzw. -beschränkung auszeichnet. Diese bestehen zum einen in der eigenen Verletzbarkeit durch unvorhergesehene Reaktionen und Antworten der anderen, und zum anderen in der eigenen Endlichkeit und Begrenztheit. 3) Acknowledgement impliziert keinen generellen Skeptizismus gegenüber dem Wissen über den Anderen und keine generelle Ablehnung von Interaktionen Das zweite Prinzip, die eigene finitude anzuerkennen anstatt der Identität des Anderen, impliziert nun aber nicht, sich als abgeschlossene Entität in sich selbst zurückzuziehen und es zurückzuweisen, sich mit anderen zu beschäftigen. Es geht auch nicht um die generelle Unmöglichkeit, Wissen über den Anderen erlangen zu können. Markell fasst die menschliche finitude nicht e- pistemologisch, sondern praktisch: Es ist weniger die Frage, ob Wissen per se möglich oder unmöglich sei, sondern es geht darum, was das Wissen über andere für uns bedeutet, also, ob unser Wissen über andere oder über uns selbst eine Grundlage souveräner Handlungen sein kann, ein Ausgangspunkt von Herrschaft und Unverletzbarkeit angesichts einer offenen und kontingenten Zukunft. Seines Erachtens kann es das nicht. Wenn man diese Art von finitude anerkenne, kann dies durchaus mit mehr Wissen verbunden sein. 4) Acknowledgement ist aber auch keine Erlösung von allen unangenehmen oder schwierigen sozialen Beziehungen Meint acknowledgement gemäß dem dritten Prinzip nicht, Beziehungen zu anderen als generell unmöglich zu betrachten, so impliziert es umgekehrt aber auch nicht, dass alle sozialen Beziehungen innerhalb einer politics of acknowledgement immer nur positiv konnotiert seien. Hierzu greift Markell auf Kelly Oliver zurück, die ein alternatives Konzept des witnessing (welches teilweise mit acknowledgement überlappt), vorschlägt, das sie charakterisiert als experiencing and responding to one s connection to and dependence upon others und das mit love, compassion, connection, responsiveness, positive attention, caress, physic wholeness, generosity, joy, peacefulness, and democrativeness konnotiert ist. Im Gegensatz dazu begreift sie recognition als Kampf um Anerkennung der eigenen und der fremden Identität, was bei ihr mit hostility, conflict, alienation, opposition, domination, oppression, trauma, threat, objectivation, war, sacrifice konnotiert ist. Für Markell ist es aber eine Frage, ob Konflikt immer mit Unterdrückung und Herrschaft einhergeht. Seines Erachtens kann Konflikt etwa in einer demokratischen politischen Gemeinschaft auch produktiv sein; einige der Dinge, die Oliver als negativ fasst, begreift Markell als positiv und worth affirming. Zusammenfassend ist nach diesem vierten Prinzip acknowledgement also auch nicht mit Liebe, Verbindung, Einheit, Harmonie und all diesen scheinbar positiven Dingen gleichzusetzen. 49

50 3.1.3 Diskussion des Markell schen Ansatzes Insgesamt scheinen von Markells Ansatz nur wenige Aspekte für das vorliegende Vorhaben anschlussfähig zu sein, insbesondere die in dargelegte Unterscheidung. Die Ausführungen in dürften weniger eine Anknüpfung erlauben. Markell wurde dennoch hier dargestellt, da es sich um eines der aktuellsten theoretischen Werke zum Thema Anerkennung handelt. Nach dem hier verfolgten Verständnis ist Markells Unterscheidung zwischen einer kognitiven und einer konstruktiven Dimension des Begriffs der recognition hilfreich, doch erscheint seine Position verkürzt, wenn er nur die konstruktive Seite der Anerkennung betont. Nach seinem Modell wäre ja keinerlei Identität im eigentlichen Sinne mehr möglich, denn diese wäre dann nur noch das Ergebnis der Konstitution durch Anerkennungsakte anderer. Wir gehen eher von einer Dualität von kognitiven und konstruktiven Prozessen aus: Einerseits wird in der Interaktion wechselseitig anerkannt im Sinne von annehmen und bestätigen, was eine Person ist, oder besser: das, was sie in der Interaktion als ihre Eigenschaften darstellt, und gleichermaßen kann in dem Prozess der wechselseitigen Anerkennung Neues geschaffen und Identität erst konstituiert werden. Dies erinnert an die (mittlerweile auch nicht mehr neue) Giddens sche Theorie der Strukturierung (Giddens 1984), die von einer Dualität von Handlung (prozesshaft und kreativ) und Struktur (in dem Moment der Handlung gegeben und handlungsrestringierend) und deren Synchronizität (synchron beschränkt die Struktur mögliche Handlungen) wie Diachronizität (diachron werden Strukturen durch Handlungen konstituiert und verändert) ausgeht. Ähnlich hierzu weist auch Young (2003) in Auseinandersetzung (um den Begriff Gender) mit Judith Butler auf die Notwendigkeit hin, sowohl die konstruktive als auch die strukturelle Seite in den Blick zu nehmen. Nach dem hier verfolgten Verständnis sind damit beide Begriffsverständnisse zu vereinen, wenngleich theoretisch zu durchdenken ist, ob der Schwerpunkt stärker auf einer der beiden Ebenen liegt. Gerade in Paarbeziehungen, jedenfalls entsprechend dem hier verfolgten relationalen Ansatz, geht es immer um die prozesshafte und interaktive Herstellung und Konstitution einer gemeinsamen Welt sui generis (vgl. Berger/Kellner 1965) durch die beiden Partner als füreinander signifikante Andere (ebd.). Allerdings kann es sich hier nicht nur um creation im Markell schen Sinne handeln, denn die Partner oder die Individuen können sich nicht selbst oder gegenseitig sozusagen aus dem Nichts heraus erschaffen. Insofern scheint mit Blick auf die von Markell dargelegten zwei Verständnisse von recognition unseres Erachtens ein dualistisches, oder bivalentes, Konzept von Anerkennung angemessen zu sein, welches dynamische und statische, kreative und kognitive Aspekte miteinander vereint. 3.2 Michael Walzers Spheres of Justice vs. Rawls Theory of Justice Theorien sozialer Gerechtigkeit sind hier zumindest kursorisch zu erwähnen, da Anerkennungsverhältnisse unseres Erachtens zutiefst mit Fragen sozialer Gerechtigkeit (wenn man normativ vorzugehen geneigt ist) und sozialer Ungleichheit verknüpft sind (wie auch die in Kapitel 2 dargelegte Diskussion zwischen Honneth und Fraser um Anerkennung und / oder Umverteilung, die immer an einem Gerechtigkeitsmaßstab zu messen sind, zeigt). Anerkennung im engeren Sinne steht zwar nicht im Mittelpunkt des (ebenso viel diskutierten wie auch kritisierten) Walzer schen Werkes Spheres of Justice (Walzer 1983), das sich aus philo- 50

51 sophischer Perspektive mit (distributiver) Gerechtigkeit beschäftigt, doch lässt sich ggf. an die dort entwickelte Sphärentheorie anknüpfen. Walzer entwirft seine Theorie gewissermaßen als Gegenposition zu Rawls Theory of Justice (Rawls 1971) wohl dem Kulminationspunkt der Gerechtigkeitstheorien im 20. Jahrhundert, die justice as fairness fasst und fragt, wie die Grundstruktur der Gesellschaft beschaffen sein muss, um soziale Gerechtigkeit zu erzielen. Rawls fokussiert hier gerechte Institutionen und die Frage, wie the major social institutions distribute fundamental rights and duties and determine the division of advantages from social cooperation (Rawls 1999 [1971]: 6). Bekanntermaßen nimmt seine Theorie ihren Ausgangspunkt in der original position und dem veil of ignorance, nach der die Individuen sich weder ihrer (späteren) sozialen und ökonomischen Position noch ihrer persönlichen Identitäten bewusst sind. Die Verteilung, die die Individuen in dieser Position des Schleiers des Nichtwissens und der damit implizierten Unparteilichkeit wählen (und vertraglich festlegen), ist nach Rawls die denkbar fairste. Sie ist Ergebnis folgender Prinzipien: First: each Person is to have an equal right to the most extensive scheme of equal basic liberties compatible with a similar scheme of liberties for others. Second: social and economic inequalities are to be arranged so that they are both (a) reasonably expected to be to everyone s advantage, and b) attached to positions and offices open to all. (Rawls 1999 [1971]: 53). Diese beiden Prinzipien stehen in einem lexikalischen Verhältnis zueinander, und der erste Teil des zweiten bringt bekannt als Differenzprinzip die Verteilungsregel der Theorie zum Ausdruck. Die beiden Prinzipien stellen einen Spezialfall einer umfassenderen generellen Gerechtigkeitskonzeption dar, die sich wie folgt auf den Punkt bringen lässt: All social values liberty and opportunity, income and wealth, and the bases of self respect are to be distributed equally unless an unequal distribution of any, or all, of these values is to everyone s advantage (Rawls 1999 [1971]: 54) [bzw. Anstatt zum Vorteil aller zum Vorteil der least favored / worst off ]. Walzer (1992 [1983]) lehnt nun eine derartige universale und nur auf gesellschaftliche Basisinstitutionen zielende Gerechtigkeitskonzeption ab und behauptet vielmehr ebenso wie Rawls aus einer normativen Perspektive eine Pluralisierung von Sphären der Gerechtigkeit, die autonom nebeneinander stehen und je eigenen Logiken und Verteilungsregeln folgen. Er unterscheidet elf Sphären, in denen es um die Verteilung folgender Güter geht: Mitgliedschaft bzw. Zugehörigkeit, Sicherheit bzw. Wohlfahrt, Geld bzw. Güter, Ämter, harte Arbeit, Freizeit, Erziehung bzw. Bildung, Verwandtschaft bzw. Liebe, Göttliche Gnade, Anerkennung und politische Macht. 12 Seinem (theoretischen) Modell der komplexen Gleichheit nach werde eine aufzufindende Ungleichheit in der einen Sphäre dadurch ausgeglichen, dass sie nicht Ungleichheit in einer anderen Sphäre nach sich ziehe. Und selbst wenn trotz dieser Sphärentrennung eine Person in mehreren Sphären eine hohe Position einnimmt (also über mehr entsprechende Güter verfügt), hält Walzer 12 Walzer benennt die den jeweiligen Gütern zugeordneten Sphären meist nicht mit einer eigenen Bezeichnung, sondern nennt sie beispielsweise Sphäre der Freizeit. 51

52 dies in seiner quantitativen Ausdehnung für unbedeutend, denn es würde sich nicht um so viele Personen handeln, dass sie eine herrschende Klasse konstituieren könnten (Walzer 1992: 50). Folgende Tabelle bietet einen Überblick über die Walzer schen Gerechtigkeitssphären sowie die jeweiligen unbedingten und bedingten Verteilungsregeln: Tabelle 5: Überblick über Walzers Sphären der Gerechtigkeit und die Verteilungsregeln Güter Unbedingte Verteilungsregel Bedingte Verteilungsregel Mitgliedschaft und Zugehörigkeit Befriedigung des Bedürfnisses nach Zugehörigkeit Sicherheit und Wohlfahrt Stillung der Grundbedürfnisse / Bedürfnis nach Zugehörigkeit Geld und Waren Ämter Harte Arbeit Freizeit Erziehung und Bildung Verwandtschaft und Liebe Göttliche Gnade Anerkennung politische Macht Mindesteinkommen zur Sicherung von Zugehörigkeit Schlimme Arbeit gleich verteilen (Bürgerdienst) Grundbildung zur Befriedigung der Bedürfnisse nach Autonomie und Zugehörigkeit Minimum an einfacher Anerkennung zur Sicherung von Zugehörigkeit; in Arbeitsgesellschaften Recht auf Arbeit Minimum an politischer Macht zur Befriedigung der Bedürfnisse nach Autonomie und Zugehörigkeit Wohltätigkeit Freier Tausch, Geschenke Qualifikation freier Tausch, Kompensation, politische Entscheidung freie Wahl zwischen mehr Urlaub oder mehr Lohn höhere Bildung nach Fähigkeit und Interesse freie Wahl des Liebespartners, dann Liebesgarantie Religionsfreiheit Quelle: Walzer (1992 [1983]); Tabelle erstellt in Anlehnung an Krebs (2002): 191f. spezielle Anerkennung nach positivem Verdienst, Strafe nach negativem Verdienst politischer Einfluss nach politischem Talent Walzers Überlegungen hinsichtlich Anerkennung sind für die hier verfolgte Fragestellung zwar inhaltlich kaum anschlussfähig, da er unter Anerkennung nur öffentliche Titel versteht und nicht intersubjektive Anerkennung, doch kann zum einen der generelle Ansatz einer Sphärentheorie aufgegriffen werden. Zum anderen stellt sich dann die Frage, von welchen Sphären sinnvollerweise zu sprechen ist und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Konkret ist etwa zu fragen, ob Anerkennung tatsächlich als eigene Sphäre von anderen getrennt werden kann oder ob sie nicht quer zu allen Sphären liegt. Und damit zusammenhängend, ob nicht von einer komplexen Verflechtung von Anerkennung mit anderen gesellschaftlichen Sphären bzw. Gütern und dort auffindbaren Ungleichheiten auszugehen ist, ob also etwa Geld oder Erwerbsarbeit sehr wohl mit Anerkennung in Paarbeziehungen verknüpft sind 13 und auch die familiäre Sphäre be- 13 Hierfür sprechen auch die Ergebnisse von Huinink/Mayer (1995) und Huinink (1995), nach denen nicht nur bei Männern beruflicher Status und Einkommen, sondern zunehmend auch bei Frauen Erwerbstätigkeit, Ausbildung und Einkommenserzielung positiv mit Heiratschancen zusammenhängen. 52

53 einflussen. Hinsichtlich dieses letztgenannten Aspekts kritisiert etwa (hier stellvertretend für den feministischen Diskurs) Okin (1989) insbesondere an Rawls (aber auch an Walzer) sowie am sozialphilosophischen Mainstream, dass sie aufgrund der vorgenommenen Differenzierung zwischen Öffentlichem und Privatem einer Familienblindheit (ähnlich auch Neuhäuser 1994) unterliegen und fordert, dass das familiäre Binnengeschehen ebenfalls in die Betrachtungen einbezogen werden müsse. Hierzu mehr in Kapitel Neben dieser sozialphilosophischen Sphärentheorie ließe sich mit einer entsprechenden Systemausdifferenzierung sozialtheoretisch-soziologisch und nicht aus einer normativen Gerechtigkeits- oder Ungleichheitsperspektive auch Luhmanns (1984) Systemtheorie als Ausgangspunkt für die Differenzierung verschiedener Anerkennungssphären anführen. 3.3 Anerkennung und Arbeit: Ursula Holtgrewe, Gabriele Wagner und Stephan Voswinkel Zum Thema Anerkennung und Arbeit wurden in den letzten Jahren einige Untersuchungen durchgeführt (jüngst ein Sammelband zum Thema: Holtgrewe et al. 2000). Allesamt verfolgen jedoch eine starke Arbeitsperspektive und thematisieren weder Paare noch den Zusammenhang von Anerkennung, Liebe und Arbeit in Paarbeziehungen. Dennoch sollen einige Arbeiten kurz erwähnt werden. So untersucht Ursula Holtgrewe (2002) auf einer Individualebene den Zusammenhang von Anerkennung und Dienstleistungsarbeit; Gabriele Wagner (2000) fragt ebenfalls aus einer individualbiographischen Perspektive nach dem Zusammenhang von Arbeit, Anerkennung und Identität. Sie unterscheidet drei Positionen beim gegenwärtigen Zusammenhang zwischen Arbeit und Identität angesichts des Wandels der Organisation von Arbeit und der zunehmenden Subjektivierung von Arbeit: subjektive Kompetenzsteigerung, Desintegration und postmoderne Diffusion. Das Fazit ihrer Untersuchung lautet, dass Anerkennungsverhältnisse zweiseitig sind, weil sie biographische Handlungsmöglichkeiten um den Preis erschließen, andere auszublenden. Insofern komme es zu einer widersprüchlichen Kombination zwischen Ermöglichung und Verhinderung (berufs-)biographischer Handlungsspielräume. Stephan Voswinkel (2001) untersucht den Wandel gewerkschaftlicher Vertretungs- und Bindungsmuster und kommt zu zwei zentralen Ergebnissen: Erstens differenzieren und pluralisieren sich Anerkennungsmodi, -formen und -arenen, zweitens macht er einen Legitimationsverlust der Würdigung und einen Bedeutungsgewinn der Bewunderung aus. Zunächst zur Anerkennung. Nach Voswinkel (2001) ist Anerkennung eine soziale Beziehung mit unterschiedlichen Modi. Er differenziert sechs davon: Erstens Achtung und Wertschätzung, die sich hinsichtlich Universalität/Spezifität unterscheiden. Achtung (bzw. Respekt) sei an Gleichheit orientiert und ziele auf die Würde des Menschen, ist insofern universell, während Bewunderung differenzorientiert sei, namentlich an individueller Leistung, und auf Prestige ziele. Zweitens Würdigung und Bewunderung, die sich hinsichtlich des Ausmaßes an Verbundenheit/Distanz unterscheiden, und drittens Ehre und Reputation, die unterschiedliche Grade an Reflexivität, Inszenierung und Kontingenz aufweisen. Die folgende Tabelle enthält eine Synopse von Voswinkels Begriffsunterscheidungen. 53

54 Tabelle 6: Synopse von Voswinkels Unterscheidung von sechs Anerkennungsmodi Anerkennungsmodi Achtung (Respekt) Wertschätzung (Ansehen) Universalität / Spezifität Charakterisierung Anerkennungsbezug Selbstbezug / Modi der Selbstanerkennung universell kein knappes Gut Honneths rechtliche Achtung Margalits Gleichbehandlung Todorov: Anerkennung unserer Existenz Existenz, Zugehörigkeit Gleichheit Selbstachtung spezifisch soziales Gut Würde Prestige Nichtanerkennung Respektlosigkeit Gleichgültigkeit knappes Gut, wird gewährt für Leistung oder Beitrag Honneths soziale Wertschätzung kann bei Margalit zu Ungleichheit führen Todorov: Anerkennung unseres Wertes (Bestätigung) Leistung, Ressource, Beitrag Differenz: Überlegenheit (vertikal) vs. Besonderheit (horizontal) Selbstwertgefühl / Selbstschätzung Missachtung Verachtung, Entwürdigung Geringschätzung, Stigmatisierung Anerkennungsmodi Würdigung Bewunderung Verbundenheit / Distanz Würdigung und Bewunderung in Arbeitsbeziehungen basiert auf sozialem Austausch, setzt Bindung voraus schafft Nähe rekurriert eher auf Beiträge, Opfer, Bemühungen, Engagement, Bindungen im Betrieb: langfristige Bindung / Verpflichtungen, Unterordnung der eigenen Lebensplanung unter Betrieb auch erfolglose Leistung i.s.v. Bemühung, Einsatz langfristig (Kreditbeiträge) ( langfristige Arbeitsbeziehungen); ist dankbarkeitsähnlich kann auch ohne soziale Beziehung erbracht werden schafft Distanz rekurriert auf Fähigkeiten, Ressourcen, Leistungen, Erfolge im Betrieb: Humankapital, Qualifikation, hohe Produktivität, wirtschaftlicher Erfolg, Kompetenz, Entscheidungsfähigkeit, Kraft, Geschicklichkeit Dispositionsmöglichkeiten, Autonomie, Verantwortlichkeit. erfolgreiche Leistung kurzfristig Anerkennungsmodi Ehre Reputation Reflexivität, Inszenierung und Kontingenz interne und externe Wertschätzung sind verknüpft kollektives Konzept askriptiv und in bestimmten Kontexten (standes- und rangspezifisch) fraglos gegeben, muss verteidigt werden traditionale Form der Anerkennung Anm. d. Verf.: Eigene Darstellung; Quelle: Voswinkel (2001). Entkoppelung interner und externer Wertschätzung individuelles Konzept muss erworben, reflexiv angestrebt und inszeniert werden 54

55 Voswinkel beginnt und endet sein Buch mit folgenden fünf Thesen, die er empirisch anhand der Untersuchung industrieller Beziehungen, konkret anhand des Bündnisses für Arbeit und der Diskussion um Lohnfortzahlung, belegt: These 1: Das Streben nach Anerkennung ist nach wie vor eine zentrale Dimension sozialen Handelns; gesellschaftliche Verhältnisse sind Anerkennungsverhältnisse und gesellschaftliche Auseinandersetzungen sind immer auch Kämpfe um Anerkennung. Im Bereich industrieller Beziehungen besitzt das Streben nach Anerkennung große Bedeutung in dreierlei Hinsicht: i) Anerkennung der Arbeit als Produktionsfaktor ii) Anerkennung bestimmter Berufe, Beschäftigtengruppen und Arbeitskategorien iii) Anerkennung der einzelnen Arbeiter. These 2: Die Formen und Kriterien der Anerkennung wandeln sich. Anerkennungsformen und -verhältnisse sind historisch zu betrachten, und aufgrund der funktionalen Differenzierung, Individualisierung und Kommunizierung kommt es zu einer Differenzierung der Anerkennungsmodi sowie zu einem Wandel von der Ehre zur Reputation und von der Würdigung zur Bewunderung. These 3: Anerkennung hat verschiedene Referenzen und wird für verschiedene Eigenschaften und Ressourcen erwiesen. Zentral sind drei Referenzen: erstens Identität, zweitens Wertbindung, Vertrauenswürdigkeit und Moral und drittens Macht. Dem Streben nach Anerkennung muss nun die Balance gelingen zwischen den verschiedenen Referenzen, denn eine Gesellschaft wird eindimensional, wenn sie Anerkennung nur für eine einzige Referenz vergibt und wenn nur ein Teil der pluralen Anerkennungsarenen gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Würdigung ist defizitär bei Macht; Bewunderung defizitär bei Moral. These 4: Reputation als das Produkt von Dramen kann dramatologisch analysiert werden. These 5: Mit dem gewandelten Streben nach Anerkennung (in) der Arbeit und dem Bedeutungsverlust der Würdigung hin zur Bewunderung verändern sich auch die Vertretungs- und Bindungsmuster der Gewerkschaften: Nicht mehr Loyalität und Delegation, sondern Reputation und der moralische Unternehmer stehen hier zunehmend im Mittelpunkt. Insbesondere der erste Teil der ersten wie der zweiten These sowie die dritte These scheinen für das hier verfolgte Vorhaben anschlussfähig zu sein. Auch hier wird die Grundannahme geteilt, Anerkennung stelle eine zentrale Dimension sozialen Handelns dar und gesellschaftliche Verhältnisse seien immer als Anerkennungsverhältnisse zu verstehen; auch hier wird davon ausgegangen, dass die gesellschaftliche Anerkennungsordnung historisch zu begreifen ist und insofern immer auch einem Wandel unterliegt. Schließlich ist die These einer Pluralisierung von Anerkennungsforen ebenso plausibel wie die Feststellung, eine Gesellschaft werde eindimensional, wenn sie Anerkennung nur für eine einzige Referenz vergibt und wenn nur ein Teil der pluralen Anerkennungsarenen gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Die Unterscheidung der dargelegten sechs Anerkennungsmodi kann für die vorliegende Fragestellung aufgegriffen werden, sie ist jedoch nicht immer vollends überzeugend; die These des Wandels von der Würdigung zur Bewunderung scheint weniger anschlussfähig zu sein. Insgesamt finden sich innerhalb der gesamten Arbeit auch kaum Anknüpfungspunkte zum Thema Paarbeziehungen, zumal es Voswinkel auch um industrielle Beziehungen und gewerkschaftliche 55

56 Bindungsmuster geht. Im folgenden Kapitel richtet sich der Blick daher auf Untersuchungen, die sich im engeren oder weiteren Sinne mit Anerkennung in Paarbeziehungen beschäftigen. 3.4 Anerkennung und Liebe bzw. Geschlecht In diesem Teilkapitel sollen folgende Themenbereich bzw. Untersuchungen, die sich unter einer Geschlechterperspektive mit Anerkennungschancen auseinander setzen, zumindest kursorisch dargelegt werden: Zunächst allgemeine Ansätze der feministischen Forschung (Kapiel 3.4.1), die Anerkennung im weitesten Sinne thematisieren, insbesondere als Anerkennung weiblicher Differenz, und / oder, damit zusammenhängend, als Anerkennung weiblicher Eigenschaften (etwa einer ethics of care, vgl. Gilligan 1982; Tronto 1993; Young 1990). Auch geht es häufig um die Anerkennung weiblicher (unbezahlter) Arbeit oder Tätigkeiten (wie Hausarbeit und Sorgearbeit). Diese Ansätze argumentieren allerdings häufig auf einer sehr makrostrukturellen und gesellschaftlichen Ebene und nehmen häufig nur Frauen in den Blick; zudem sind sie oftmals nicht empirisch orientiert. Aus philosophisch-feministischer Perspektive beschäftigt sich Angelika Krebs mit dem Zusammenhang von Arbeit und Liebe (Kapitel 3.4.2) und Gabriele Neuhäuser mit Hegels und Honneths Anerkennungstheorie (Kapitel 3.4.3). Julie Nelson und Paula England unterscheiden innerhalb der Anerkennungsdiskussion fünf Typen von strukturellen Subjekt- Subjekt-Beziehungen (Kapitel 3.4.4). Nach diesen theoretischen Ausführungen werden empirische Arbeiten dargelegt. Unseres Wissens gibt es jedenfalls im deutschsprachigen Raum keine mikrosoziologischen Untersuchungen von Zwei-Verdiener-Paaren mit dem theoretischen Fokus einer Analyse intersubjektiver Anerkennungschancen und -strukturen. Einzig Petra Frerichs (1997, 2000a) beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Arbeit. Macht. Anerkennung. Interessen, so der Untertitel ihres Buches (Frerichs 1997) allerdings mit einer anderen als der hier verfolgten theoretischen und empirischen Zielsetzung (Kapitel 3.4.5). Gabriele Wagner fasst das Geschlechterverhältnis als Anerkennungsverhältnis (Kapitel 3.4.6) und schließlich thematisiert Arlie Hochschild in ihrer Studie The time bind am Rande das Thema der Anerkennung (Kapitel 3.4.7) Allgemeine feministische Thematisierungen von Anerkennung Insgesamt beschäftig(t)en sich zahlreiche feministische Forscherinnen implizit oder explizit mit dem Thema Anerkennung und Geschlecht, jedoch kaum unter einer mikrosoziologischen und relationalen Paarperspektive, sondern entweder auf einer rein psychologischen bzw. psychoanalytischen Ebene, was für die hier gestellten Fragen zu individualistisch-psychologisch ist (etwa Benjamin 1988, 1996, 1998), oder, und dies vorwiegend, unter einer makrosoziologischen Perspektive und oft auf Ebene der Vergesellschaftung (vgl. für einen Überblick Gottschall 2000). Im Zentrum steht hier die (mehr als verdienstvolle) Kritik an gesellschaftlicher Arbeitsteilung und gesellschaftlichen Machtstrukturen, teilweise an Kapitalismus und Patriarchat (etwa Walby 1990) und insbesondere an der geringen Anerkennung bzw. Nichtbezahlung weiblicher Hausarbeit (jüngst Krebs 2002; Stiegler 1999). In diese Kategorie fällt auch Nancy Frasers in Kapitel dargelegtes postindustrielles Gedankenexperiment zur Erzielung von Geschlechtergleichheit, in dem sie zwei Modelle der Aufwertung weiblicher Tätigkeiten darstellt das der allgemeinen Erwerbstätigkeit und das der Gleichstellung der Betreuungsarbeit und als Modell ihrer Wahl das der u- 56

57 niversellen Betreuungsarbeit proklamiert, in dem sich Männer und Frauen Erwerbs- und Betreuungsarbeit gleich untereinander aufteilen und letztlich Geschlecht dekonstruiert wird. Diesbezüglich findet sich eine kaum zu überblickende Fülle an feministischer Literatur zu verschiedenen Modellen und Vorschlägen, die hier nicht aufgearbeitet werden kann. Andere prominente feministische Lösungsvorschläge zum Abbau der ökonomischen Ungleichheit und Abhängigkeit nicht erwerbstätiger (Haus-)Frauen von ihren (Ehe-)Männern als die drei Modelle von Fraser bestehen etwa in dem Konzept Lohn-für-Hausarbeit, nach dem der Arbeitgeber des erwerbstätigen Mannes die Hälfte des Lohnes an die Frau auszubezahlen hat, oder in der erwerbsunabhängigen Bereitstellung eines ausreichenden Grundeinkommens für alle BürgerInnen Angelika Krebs: Arbeit und Liebe Jüngst beschäftigte sich Angelika Krebs (2002) aus feministischer philosophischer Perspektive mit dem Zusammenhang von Arbeit und Liebe und plädiert, ausgehend von der Frage, ob die unbezahlte Arbeit der Frau zu Hause ökonomische Arbeit darstelle und als solche Anerkennung verdiene, für eine modifizierte Form des Lohns für Hausarbeit. Wie sie ausführt, gebe es keine philosophische Literatur zur Frage der gerechten Anerkennung informeller Arbeit, weshalb ihre Fragestellung interdisziplinär erledigt und erst als philosophisches Thema etabliert werden müsse. Sie unterscheidet dann in Abgrenzung zum gängigen ökonomischen Arbeitsbegriff (der bezahlten Erwerbstätigkeit) zunächst drei Formen informeller Arbeit: Familienarbeit, die für Kranke, Kinder und Alte geleistet wird (also der Care-Tätigkeit entspricht), Partnerarbeit im Sinne von Beziehungsarbeit, die sich auf die Beziehungspflege der beiden Partner bezieht, und Eigenarbeit im Sinne handwerklicher und anderer Tätigkeiten, die für den Eigenbedarf verrichtet wird. Anschließend entwickelt sie einen eigenen institutionellen Arbeitsbegriff, nach dem jede Tätigkeit im Rahmen des gesellschaftlichen Leistungsaustausches ökonomische Arbeit darstelle. Aus dieser Definition von Arbeit ergibt sich auch die Antwort auf ihre eingangs gestellte Frage: Von den drei unterschiedlichen informellen Arbeitsformen ist Familienarbeit (die für andere Kranke, Kinde, Alte geleistet wird und damit innerhalb des gesellschaftlichen Leistungsaustausches stattfindet) als ökonomische Arbeit anzuerkennen und entsprechend zu entlohnen. Für Partnerarbeit sei dies nicht der Fall; diese soll jedoch durch einen Abbau der Geschlechtsrollenstereotype in private Arbeit und Eigenarbeit überführt werden. Eigenarbeit schließlich stehe jenseits der Anerkennungsfrage des ökonomischen Arbeitsbegriffes Gabriele Neuhäuser: Familie und Anerkennung bei Hegel und Honneth Gabriele Neuhäuser (1994) setzt sich aus feministischer Perspektive mit der Hegel schen Rechtsphilosophie auseinander und wendet sich dann aktualisierenden Anerkennungstheorien, insbesondere der Honneth schen, zu. Hier kritisiert sie insbesondere die Konzeptualisierung der Anerkennungsform Liebe bzw. von Familie. Nach Honneth seien zwar alle drei Anerkennungsformen nötig und müssen für eine gelungene Selbstverwirklichung parallel aktualisiert werden, doch sie werden als qualitativ und quantitativ unterschiedlich gefasst: Liebe bzw. Familien setzt Honneth (und auch Hegel) als die Sozialformen mit der anspruchslosesten Anerkennungsstruktur (Neuhäuser 1994: 46), als Lebensverhältnisse, in denen sich die Interaktion der Mitglieder auf bloß affektive Bestätigung noch dazu unausgereifte und die grundlegende Befriedigung kör- 57

58 perlicher und seelischer Bedürfnisse beschränkt (Neuhäuser 1994: 46f.). Damit finde eine doppelte Reduktion der Familie auf einen Ort harmonischer, quasi-naturwüchsiger und partikularer Anerkennungsverhältnisse statt, und gleichermaßen bleibt dadurch das Beziehungsgeflecht von Familien weit unterbestimmt und trägt alle Merkmale der Hegelschen substantiellen Einheit, die offensichtlich keiner binnendifferenzierenden Betrachtung bedarf (Neuhäuser 1994: 47). Liebe, so Neuhäuser weiter, ist aber kein bloß gefühlsbestimmtes Agieren im luftleeren Raum, sie ist immer in eine Liebesbeziehung eingebettet, durch die lebensgeschichtliche und alltagspraktische Dimensionen ins Spiel kommen und mit ihnen öffentliche und kognitive Formen der Anerkennung. (ebd.). Außerdem finde gegenwärtig ein dramatischer Strukturwandel der Familie statt. Ihre These hinsichtlich Liebe lautet, dass Liebes-, Freundschafts- und Familienbeziehungen nicht die anspruchsloseste, sondern umgekehrt die anspruchsvollste Anerkennungsstruktur aufweisen (Neuhäuser 1994: 48), denn hier sind alle drei Anerkennungsformen gleichermaßen relevant. Beispielsweise verorte Honneth Solidarität nicht in diesem Bereich, doch Neuhäuser konstatiert, dass auch in der Familie Solidarität nötig sei. Aus diesem Grund der Notwendigkeit der gleichzeitigen Aktualisierung aller drei Anerkennungsformen innerhalb der Familie ist hier auch die erforderliche Kompetenz am höchsten, und gleichermaßen sind auch die intersubjektiven Ansprüche in dieser Anerkennungssphäre am größten, denn gerade nur der konkrete Andere kann die höchste Individualität von Ego anerkennen (vgl. auch Luhmann 1984) Julie A. Nelson und Paula England: Anerkennungsverhältnisse und Subjektbeziehungen Nelson und England (2002) beschäftigen sich mit dem Zusammenhang von Arbeit und Liebe und nehmen hierbei unter anderem intersubjektive Anerkennungsstrukturen mit Blick auf die relation from self to other (Nelson/England 2002: 6) in den Blick. Hierbei unterscheiden sie zunächst vier übliche unterschiedliche Verhältnisse: 1) Separatism : Hier stehen sich die an ihrem Eigennutzen orientierten und als autonom und unabhängig gedachten Subjekte unverbunden gegenüber. Dies entspricht dem Menschenbild des Homo oeconomicus. An dieser Konzeption des autonomen und unabhängigen Individuums kritisieren sie die hinreichend bekannten üblichen Punkte (etwa: Subjekte sind nie autonom, sondern immer eingebunden in soziale Beziehungen und sind interdependent; Unmöglichkeit vollkommener Information, Kritik an der grundlegenden Nutzenmaximierungsannahme, der Rationalitätsunterstellung usw.). 2) Hierarchy : Hier handelt es sich um ein Verhältnis der Über- und Unterordnung, indem eine dominante Person eine untergeordnete kontrolliert. Hierarchien finden sich üblicherweise in Vertragsverhältnissen, etwa im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses ( structural and coolly contractual ), können aber auch in persönlichen Beziehungen aufzufinden sein (etwa bei Sado-Maso- Beziehungen). Hierarchien weisen klare Machtunterschiede und strukturelle Ungleichheiten auf. 3) Mutuality with Symmetry : Hier behandeln Personen mit gleicher Macht sich gegenseitig mit Respekt und Rücksichtnahme. Dieses Verhältnis ist immer dann unmöglich, wenn Asymmetrien hinsichtlich Status oder Macht in der Beziehung existieren. Dieser Typ stellt das Ideal von Gleichheit und symmetrischer Reziprozität dar. 58

59 4) Holism : Hier verschmelzen bzw. vereinigen sich die Subjekte ( subjects merge ) und es ist keine Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen mehr möglich. Nach Nelson/England werden die strukturellen Typen 1) und 2) üblicherweise dem Markt bzw. Arbeitsbeziehungen zugeordnet und die Typen 3) und 4) der Liebe bzw. persönlichen Beziehungen. Wie sie weiter ausführen, entspreche Typ drei demjenigen Verhältnis, das Fraser als gelungene Anerkennung bezeichnet, und demnach erscheint eine gelungene Anerkennung nur möglich zu sein in einer Welt, in der es keine Unterschiede und Abhängigkeiten gebe. Dies bezweifeln die Autorinnen, denn ihres Erachtens müssen relations of recognition and respect (Nelson/England 2002: 9) nicht immer be framed only in terms of a model of complete symmetry (ebd.). Daher ergänzen sie ihre Typologie um ein fünftes strukturelles Verhältnis: 5) Mutuality without Symmetry : Dies bezeichnet wechselseitigen Respekt innerhalb von Beziehungen mit einem Macht- oder Statusgefälle oder ungleichen Fähigkeiten und Eigenschaften der Personen (hier handelt es sich wohl, ohne dass die Autorinnen dies so erwähnen, um Reziprozität im Sinne von Komplementarität, Ausgleich, Ergänzung etc.) Petra Frerichs: Klasse und Geschlecht. Arbeit. Macht. Anerkennung. Interessen Als pionierhaft können die Arbeiten Petra Frerichs (1997, 2000a) bezeichnet werden. Sie fragte in ihrer 1992 durchgeführten qualitativen Untersuchung von 4 Paaren 14 nach dem Zusammenhang von Klasse, Geschlecht und Ungleichheit und kam mit Blick auf Anerkennung zu dem Ergebnis, daß die soziale und geschlechtliche Ungleichheit in Bezug auf Anerkennungschancen und -verhältnisse sich spiegelbildlich zur Klassenstruktur und Geschlechterordnung verhält: die Angehörigen der unteren Klassen und des weiblichen Geschlechts erfahren als Gruppen (wenn auch aus verschiedenen Gründen) weniger Anerkennung als die mittlerer und höherer Klassen und des männlichen Geschlechts (Frerichs 1997: 293). Dies führt sie auf die Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit zurück, aufgrund derer Frauen ihre Machtressourcen, die sich aus einer spezifischen Kombination beruflicher und familialer Ressourcen ergeben, nicht entsprechend in ein soziales Machtpotential überführen können (Frerichs 1997: 329). Weiter differenziert Frerichs (1997: 280ff.) in Anlehnung an Bourdieu zwischen vier, an unterschiedliche Ressourcen gebundene Anerkennungsmaße: Ein materiell-ökonomisches (Einkommen, Vermögen), ein kulturelles (Bildungstitel), ein soziales (Netzwerke) und ein symbolisches (Prestige) Anerkennungsmaß (vgl. hierzu auch Wagner 2004: 126ff.). Frerichs (2000a) unterscheidet drei Dimensionen des Kampfes um Anerkennung: eine vertikale, bei der es im Bourdieu schen Sinn um Distinktionskämpfe zwischen hierarchisch angeordneten Klassen geht, eine horizontale, die Konkurrenzkämpfe hinsichtlich unterschiedlicher Praktiken der Lebensführung bezeichnet und eine segmentäre, nach der es aufgrund der Trennung von privatem und öffentlichem Bereich zu vergeschlechtlichten Anerkennungsformen kommt. Schließlich stellt sie als eine zentrale Schwierigkeit einer Anerkennungssoziologie die soziale Relativität von Erfahrungen heraus, aufgrund derer es keine verbindlichen Regeln für Erfahrungen von Anerkennung oder Missachtung geben könne. Zwar existierten objektive Anerkennungsmaße, aber 14 Neben den qualitativen Interviews wertete sie hierzu auch Daten des Sozioökonomischen Panels aus. 59

60 daneben spielen immer auch subjektive Erfahrungen eine Rolle, welche auch biographisch bedingt seien (etwa Klassen-, Geschlechts-, Kohorten- bzw. Generationenzugehörigkeit, Ethnie, sexuelle Orientierung). Insofern sei es eine offene Frage, in welchem Verhältnis objektive Anerkennungsmaße und subjektive Anerkennungsansprüche stehen. Notwendig wären, wie sie am Ende fordert, empirische Untersuchungen dazu in Betrieben und Familien (Frerichs 2000a: 279). Frerichs insgesamt sehr anschauliche und beindruckende Untersuchung kann jedoch auf zentrale hier interessierende Aspekte keine Antwort geben. Im Mittelpunkt ihrer Studie stehen ungleiche Klassen- und Geschlechterverhältnisse, die aus einer Bourdieu schen Perspektive analysiert werden; Anerkennung wird zwar thematisiert, jedoch nicht systematisch ins Zentrum gerückt und theoretisch analysiert. Auch in empirischer Hinsicht unterscheidet sich ihre Studie von dem hier verfolgten Vorhaben: Es werden nicht Paare als Paare (also beide Partner zusammen), sondern als Individuen befragt, weshalb das Wie der interaktiven Konstruktion von wechselseitiger Anerkennung nicht untersucht werden kann. Weiter wurden nicht Dual Career Couples untersucht, sondern (vier) Paare mit verschiedenen Klassenzugehörigkeiten bzw. beruflichem Status Gabriele Wagner: Anerkennung, Individualisierung und das Geschlechterverhältnis Gabriele Wagner (1998, 2004) beschäftigt sich in theoretischer Absicht mit dem Geschlechterverhältnis als Anerkennungsverhältnis. Sie erweitert die Individualisierungsdiskussion unter einer Geschlechterperspektive um intersubjektive Anerkennungsverhältnisse und verhandelt das Autonomieproblem anhand des Begriffs der Anerkennung, wobei sie keine eigenen empirischen Untersuchungen anstellt, sondern vorhandene sekundäranalysiert. Ihr Ausgangspunkt stellt das Honneth sche Anerkennungsmodell dar. Im folgenden soll zunächst ein früherer Aufsatz Das Geschlechterverhältnis als Anerkennungsverhältnis (Wagner 1998) diskutiert werden, anschließend kurz auf das jüngst erschienene Buch Anerkennung und Individualisierung (Wagner 2004) eingegangen werden Die gleichen Argumente gelten für die durchaus aufschlussreichen Studien von Born, Krüger und Lorenz-Meyer (1996) sowie Gather (1996), die ebenfalls nicht Paare als Paare untersuchen, nicht intersubjektive Anerkennung in den Mittelpunkt rücken und nicht nach einer Pluralisierung von Anerkennungsforen und -formen fragen. Born et al. (1996) untersuchten bei langverheirateten Ehepaaren der Geburtskohorte , bei denen die Frauen nach Kriegsende eine Lehre begonnen hatten und sämtlich Ehefrauen und Mütter wurden, unter anderem eheliche Aushandlungsprozesse über eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit der Ehefrau nach der Kinderphase unter der Perspektive des Einkommens- und Geldargumentes. Wie sie zeigen, kommt dem Einkommen der Frau dabei als zentrale und strategische Argumentationsfigur im Aushandlungsprozess der Charakter einer Chiffre zu, welche zur Legitimation und Konservierung des normativen und traditionellen Geschlechterverhältnisses herangezogen wird: Die Ehefrauen konnten die Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit allenfalls dann durchsetzen, wenn diese mit ökonomischer Notwendigkeit, nicht aber mit Eigeninteresse begründet wird. Weiter untersuchten sie die biographische Bilanzierung der Erwerbstätigkeit der Frauen dieser Kohorte, welche oft in einer De- Thematisierung oder einer Nachordnung der Erwerbstätigkeit hinter die Hausfrauen- und Mutterrolle besteht. Vgl. hierzu auch die Ausführungen zu Wagner (1998) im folgenden Unterkapitel Zwar enthält der Aufsatz einige Aspekte, die auch in Wagner (2004) enthalten sind. Dennoch soll der Aufsatz kurz diskutiert werden, da das Buch erst nach der weitgehenden Erstellung dieses Teils des vorliegenden Arbeitspapiers und damit der Diskussion von Wagner (1998) erschienen ist. 60

61 Das Geschlechterverhältnis als Anerkennungsverhältnis Wagner (1998) modifiziert das Honneth sche Model begrifflich und geht nicht von einer Stufenabfolge der drei Anerkennungsformen und der entsprechenden Selbstverhältnisse aus, sondern von deren komplementärem Charakter. Zunächst trennt sie analytisch zwei Anerkennungsformen: 1) Die Gleichheit aller Subjekte im Licht universalistischer Prinzipien. Dies meint eine universalistisch-unbedingte Anerkennung im Sinne gesellschaftlicher Achtung als vollwertiges Mitglied; sie bezieht sich auf Freiheit und Gleichheit. 2) Die Differenzen lebensgeschichtlich individuierter Subjekte. Dies meint eine spezifischevaluative Anerkennung; sie bezieht sich auf kollektiv geteilte Deutungs- und Bewertungsmuster, in denen sich das Subjekt nicht nur seiner besonderen Einzigartigkeit und Unvertretbarkeit, sondern vor allem der sozialen Bedeutung der individuellen Fähigkeiten versichern kann. Hier handelt es sich um Deutungen und Muster gesellschaftlicher Wertschätzung, beispielsweise kollektiv geteilte Vorstellungen des guten Lebens, die in normalbiographischen Programmen eingelassen sind. Wie sie weiter ausführt, umreißt die universalistisch-unbedingte Anerkennung die strukturelle Ermöglichungsseite autonomer Lebenspraxis, während die spezifisch-evaluative Anerkennung auf die Aneignungsperspektive des je eigenen, einzigartigen Lebens verweist. Unter Rückgriff auf die Untersuchung von Born, Krüger und Lorenz-Meyer (1996) von Frauen, die um 1930 geboren wurden (vgl. Fußnote 15) sowie Krüger (1993) zeigt sie dann, dass das traditionelle Geschlechterverhältnis ein asymmetrisches Anerkennungsverhältnis darstellt und verweist auf den restriktiven Charakter asymmetrischer, spezifisch-evaluativer Anerkennungsformen. Nach Krüger (1993) spielt es eine zentrale Rolle, auf welche gesellschaftliche Bewertungsmuster Frauen bzw. Individuen bei der Bilanzierung ihres Lebens zurückgreifen können. Maßgebliche Bewertungskriterien für Erwerbsverläufe sind (oder waren jedenfalls) Kontinuität und Konsistenz entsprechend dem männlichen Normallebenslaufsmodells (NLL). Die Erwerbsverläufe vieler Frauen der älteren Kohorten weisen nun aufgrund der Unterbrechungen für Kindererziehung nicht diese Kohärenz und Konstanz auf, so dass diese Frauen bei der Bilanzierung ihres (Erwerbs-)Lebens Hausfrau angeben, auch wenn sie Teilzeit und/oder diskontinuierlich erwerbstätig waren. Mit dieser De-Thematisierung ihrer Erwerbstätigkeit reparieren die Frauen den Bruch mit den normativen Grenzen des traditionellen Geschlechterverhältnisses, denn innerhalb diesem ist legitime Anerkennung nur für das Hausfrauen- und Mutterdasein normativ festgeschrieben. Eine zweite Möglichkeit neben der De-Thematisierung besteht in der Nachordnung der Bedeutung der Erwerbstätigkeit hinter die familiäre Einbindung. Insgesamt wird anhand dieser biographischen Bilanzierungen von Frauen aus der Geburtskohorte um 1930 die paradoxe Re- Produktion der geschlechtsspezifisch differenten, asymmetrischen Muster sozialer Wertschätzung deutlich, denn wenn der Normbruch der Erwerbstätigkeit durch De-Thematisierung repariert wird, führt das zu doppelter Defiziterfahrung: Eine erwerbstätige Frau kann keine gute Mutter und eine Mutter keine gute Beschäftigte sein. Wagner wendet sich dann dem Gegenbild zur Generation der um 1930 geborenen Frauen zu, dem Superweib Hera Lind. Kann die 1930er-Generation keine Anerkennung für die Grenzverletzung geschlechtsspezifischer Zuweisungen durch eigene Erwerbstätigkeit erzielen, so be- 61

62 kommt das Superweib keine Anerkennung, wenn es diese Grenzen nicht verletzt. Dies verweist, so Wagner, auf eine gegenwärtige Veränderung des normativen Konzeptes des guten weiblichen Lebens, also auf die spezifisch-evaluative Anerkennung, und damit implizit auch auf eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses. Unter Rückgriff auf Geissler und Oechsle (1996) charakterisiert sie dann die Modernisierung des weiblichen Lebenszusammenhanges als explizite doppelte Vergesellschaftung von Frauen in Familie und Beruf, die zur kulturell dominanten, weiblichen Normalbiographie und damit zu einem neuen Muster spezifisch-evaluativer Anerkennung für Frauen wird. Allerdings hat dies einen ambivalenten Charakter: Zum einen hat die Vervielfältigung der Teilhabe von Frauen an mehreren gesellschaftlichen Bereichen mit Blick auf autonome Lebensführung eine ermöglichende Seite, denn so werden vielfältige Differenzerfahrungen, Perspektivenvielfalt und Dezentrierung erlaubt. Dies bezieht sich auf die individualisierende Seite, auf die Möglichkeit der Entfaltung selbstreflexiver Potentiale und eine Vielfalt von Anerkennungsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite droht aber auch die Gefahr, zum Spielball rasch wechselnder Gelegenheitsstrukturen zu werden, nicht agieren zu können, sondern nur auf die Anforderungen aus den verschiedenen Bereichen Beruf und Familie zu reagieren. Insofern sei es notwendig, nicht nur ein Konzept des guten Lebens zu entwerfen, sondern auch der guten Grenze. Andernfalls droht das Ermöglichungspotential der neuen weiblichen Normalbiographie der expliziten doppelten Vergesellschaftung unter einer Art doppelt entgrenzter Anforderungsstruktur begraben zu werden (Wagner 1998: 251). Anerkennung und Individualisierung In dem jüngst erschienenen Buch Anerkennung und Individualisierung (Wagner 2004) finden sich einige zentrale Gedanken des vorgenannten Aufsatzes wieder, so etwa die Fassung des Geschlechterverhältnisses als Anerkennungsverhältnis und die Betonung der Ambivalenz von Anerkennungsverhältnissen. Selbstredend enthält das Buch zahlreiche andere Ausführungen. Im folgenden sollen nur einige wesentliche Aspekte kurz wiedergegeben werden. Das Ziel des Buches besteht darin, die Relevanz von Anerkennung überhaupt sichtbar zu machen und zu zeigen, welche neuen Fragen und Aspekte sich aus der Anerkennungsperspektive für die alte Autonomiefrage gewinnen lassen (Wagner 2004: 13). Theoretisch knüpft Wagner hierbei an die Individualisierungsthese insbesondere Beck scher (u.a. 1983, 1986) Provenienz an, wobei ihr zentrales Anliegen darin besteht, die struktur-/handlungstheoretische Anlage der Individualisierungsdebatte um die Dimension gesellschaftlicher Anerkennungsverhältnisse zu erweitern (Wagner 2004: 10). Nach Ansicht Wagners ist die Dichotomisierung von Handlung und Struktur zweidimensional und verkürzt, denn dazwischen liege noch die Interpretation, also die Deutungs- und Herstellungsleistung, als Drittes, und hier spielt Anerkennung eine zentrale Rolle diese dritte Dimension werde aber in der Individualisierungsdiskussion nicht berücksichtigt. Die Bedeutung von Anerkennungsverhältnissen in dieser dritten Kategorie bestehe darin, dass sie die Sicht der Subjekte auf und den Umgang mit Strukturen maßgeblich formen, die Wahrnehmung filtern und gesellschaftliche Verhältnisse normativ flankieren (ebd.). Diese These möchte Wagner exemplarisch auf das Geschlechterverhältnis beziehen, welches zum einen eine Struktur ist, die Männer und Frauen in ein spezifisches (Ungleichheits-)Verhältnis setzt und zum anderen ein Anerkennungs- bzw. Missachtungsverhältnis. 62

63 Soviel zur generellen Zielsetzung des Buches; kurz zu den Inhalten der drei Kapitel: Kapitel 1 beschäftigt sich mit der Beck schen Individualisierungsthese, wobei Individualisierung zunächst als Vergesellschaftungsmodus beschrieben wird, der die Individuen auf Selbststeuerung, - kontrolle und -verantwortung verpflichtet. Anschließend nimmt Wagner eine kritische Revision des Beck schen Epochenbruchs anhand von Gegenargumenten der Geschlechterforschung vor und fordert, das Geschlechterverhältnis als Strukturkategorie systematisch in die IndividualisierungsThese einzuarbeiten, denn es sei eine ungleiche Vergesellschaftung von Männern und Frauen gegeben. Das zweite Kapitel ist überschrieben mit Anerkennung. Zunächst werden die Positionen von Mead und Honneth dargelegt und diskutiert, danach stellt Wagner den Bezug zur Autonomiefrage her, indem sie zeigt, dass Anerkennungsverhältnisse diesbezüglich sowohl eine Ermöglichungs- als auch eine Begrenzungsseite aufweisen. Das dritte Kapitel versucht, Individualisierung und Anerkennung zu verbinden. Wie Wagner (2004: 15) schreibt, wird dies jedoch wegen des empirischen Problems der Multireferentialität von Anerkennung nicht systematisch anhand der drei Honneth schen Anerkennungsformen Liebe, Achtung, Wertschätzung vorgenommen, sondern anhand des Wandels von Familie und Partnerschaft sowie von Erwerbsarbeit und Beschäftigungsverhältnissen. Hierbei führt Wagner keine eigenen empirischen Untersuchungen durch, sondern greift auf sekundäranalytische Auswertungen vorhandener Studien zurück. Zusammenfassend möchte sich Wagner konzeptionell mit Anerkennung, Individualisierung und vor allem deren Verbindung unter einer Geschlechterperspektive auseinandersetzen, konkret geht es ihr um den Zusammenhang von Anerkennung und a) autonomer Lebensführung sowie b) gesellschaftlicher Entwicklung. Diesbezüglich enthält insbesondere das dritte Kapitel einige aufschlussreiche Punkte. Hier kommt Wagner mit Blick auf den Formwandel familialer Arrangements (Kapitel 3.1) zu dem (Zwischen-)Fazit, dass die neue, individualisierungsbedingte Anerkennungsordnung mit Individualisierung und Gleichheit zwei Anerkennungsreferenzen verklammert und zudem insbesondere für Frauen eine doppelte Widersprüchlichkeit aufweist: a) Individualisierung hat eine ermöglichende Seite (Freisetzung, Autonomie) und eine Verhinderungsseite (Selbstzurechnung des Versagens; destruktive Selbstbezüglichkeit) b) das Gleichheitsideal hat ebenfalls eine ermöglichende und eine verhindernde Seite (wenn man es nicht schafft, das Gleichheitsideal durchzusetzen, kommt es zu Dethematisierung [vgl. oben]). In Kapitel 3.3 entwickelt Wagner schließlich drei Folgeszenarien der veränderten institutionellen Rahmung von Lebensläufen und der Anforderungen ans Subjekt, die sie mit Blick auf den Formwandel familialer Arrangements (Kapitel 3.1) und von Erwerbsverlaufsmustern (Kapitel 3.2) thematisiert: 1) Kompetenzsteigerung und die Vervielfältigung von Anerkennungsverhältnissen. In diesem Positiv-Szenario ist Individualisierung (insbesondere für Frauen) mit Kompetenzsteigerung, Kreativität, erhöhten Freiheitsgraden, gesteigerter individueller Autonomie, mit Eigensinn und Reflexivität verbunden, die sich aus der Pluralisierung der Sphären, in die die Individuen eingebunden sind, ergeben. Damit einher geht auch eine Pluralisierung der Referenzen von Anerkennung; Wagner spricht hier von einer Gesellschaft pluraler Anerkennung (vgl. Walzer) mit kompensatorischer Funktion verschiedener Anerkennungssphären. Insgesamt werden in diesem Szenario eingefahrene, bis dato unhinterfragt geltende und oft genug machtfundierte Anerkennungsver- 63

64 hältnisse in reflexiv herzustellende und eigensinnig zu bewirtschaftende Anerkennungsportfolios transformiert (Wagner 2004: 272). 2) Erosion und die Vereinseitigung von Anerkennung. Nach diesem zweiten, negativen Szenario kommt es zu einer hoffnungslosen Überforderung des Subjekts, da es keine eindeutigen Anerkennungskriterien mehr gibt und auch keine Wir-Gemeinschaft, keinen geteilten Werthorizont, keine konkreten und generalisierten Anderen mehr usw. Hier wird also genau das Gegenteil des ersten Szenarios skizziert: Es existiert keine autonome Lebensführung mehr, sondern das Leben wird geführt, die Subjekte sind nicht (mehr) autonom, sondern (nur noch) driftende Subjekte. 3) Postmoderne Vielfalt. In diesem dritten Szenario werden die Vorzeichen der Erosionsthese umgedreht: Der dort angesprochene Zerfall ist nicht der Untergang, sondern gerade die Voraussetzung für ein gelingendes Subjektsein, denn der Verlust stabiler Identitäten befreit von Machtverhältnissen. Nach diesem Szenario gibt es kein einziges und feststehendes Ich mehr, sondern viele Ichs aufgrund der Multiplikation der Selbste. Ein wesentliches Moment der Identitätskonstitution ist hier die Anerkennung des blanken Möglichkeitsreichtums und der Zukunftsoffenheit. Diese drei Varianten sind nach Wagner analytisch verdichtete Grenzfälle, die ihrerseits das Spektrum der möglichen Folgen des skizzierten gesellschaftlichen Wandels und des Wandels von Anerkennungsverhältnissen abstecken (Wagner 2004: 281). Wo sich die Subjekte tatsächlich positionieren, ist nach Wagner (2004: 281) eine empirisch offene Frage: Mutmaßlich schlagen sich real existierende Subjekte nicht einseitig auf eine einzige Seite, sondern positionieren sich biographisch zwischen den drei skizzierten Varianten (Wagner 2004: 280f.). Im vierten und Schlusskapitel präsentiert Wagner schließlich fünf Thesen: 1) Das Streben nach Anerkennung ist ein wichtiges Motiv biographischer Handlungen, und dies sowohl hinsichtlich konkreter wie auch generalisierter Anderer. Umgekehrt existieren auch immer Anerkennungserwartungen dieser Anderen. 2) Kollektiv geteilte, institutionell nahe gelegte oder in Leitbildern fixierte Deutungen des guten Lebens formen die Sicht der Subjekte auf und ihren Umgang mit Strukturen mit. Anerkennungsverhältnisse sind eine Art Filter und Orientierungssystem. Sie dienen der Orientierung der eigenen Lebensplanung und der retrospektiven Bilanzierung, sind Anknüpfungspunkte für Selbstund Fremdbewertung. Daher sind für die Autonomiefrage nicht nur Struktur und Handlung wichtig, sondern auch die Anerkennungsverhältnisse. 3) Anerkennungsverhältnisse sind Ausdruck und Folge, Motor und Bremse gesellschaftlichen Wandels und des Wandels biographischer Ansprüche sowie Muster der Lebensführung. Das Streben nach Anerkennung kann den Subjekten Selbstbewusstsein und Eigensinn geben, und es kann auch in machtgeladene Anerkennungsbindungen verstricken und Ungleichheit festigen. 4) Anerkennung ist widersprüchlich: sie er- und entmächtigt Subjekte, sie integriert und desintegriert und sie setzt sozialen Wandel in Gang oder nicht. Individualisierung und das Gleichheitsideal sind ebenso ambivalent. 5) Anerkennung ist selbstreflexiv: Anerkennungsordnungen werden nicht einfach biographisch umgesetzt, sondern auch mit hergestellt. Fraglich ist jedoch immer, wie die Anerkennungsverhältnisse aktualisiert werden. Wie sich Männer und Frauen zwischen den drei aufgezeigten Szenarien positionieren, wäre in einer empirischen Studie zu klären. 64

65 Kurze Diskussion von Wagner (1998, 2004) mit Blick auf Anknüpfungspunkte Wagners Aufsatz (1998) sowie ihr Buch (2004) bieten einige Anknüpfungspunkte für das vorliegende Forschungsvorhaben. So verweist Wagner (1998) auf vergeschlechtlichte und asymmetrische Anerkennungsverhältnisse des traditionellen Familienmodells und die Gefahren einer doppelt entgrenzten Anforderungsstruktur bei gegenwärtig erwerbstätigen Frauen, die Beruf und Familie zu verbinden haben. Diese Problemlage wäre allerdings empirisch genauer in den Blick zu nehmen und in verschiedener Hinsicht vertieft zu untersuchen, zumal Wagner keine eigene Untersuchung anstellt, sondern zum einen auf ältere Untersuchungen zurückgreift, in denen nicht Zwei-Verdiener-Paare, sondern Frauen, die mehr oder weniger eine traditionale Hauptverdiener- Ehe leb(t)en, untersucht wurden (zur Kritik hieran vgl. Fußnote 15), und zum anderen Hera Linds Superweib als Gegenmodell heranzieht. Auch theoretisch ist ihr Anerkennungsmodell aus der hier verfolgten Perspektive zu unterkomplex, da es nur zwei Formen der Anerkennung universell und spezifisch beinhaltet und etwa Umverteilungsfragen vollends außen vorlässt. Auch ist Wagners (1998) Fokus nur auf Erwerbstätigkeit und Hausfrauentätigkeit gerichtet. Insgesamt stellt ihr Aufsatz daher einen Ansatzpunkt dar, die dort erwähnten Aspekte sind aber theoretisch wie empirisch um einiges konkreter auszubuchstabieren. Das größte Verdienst des Buches (Wagner 2004) besteht aus unserer Perspektive in der Pionierarbeit, explizit das Thema Anerkennung und Geschlecht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken und beides zu verbinden zu versuchen. In der Tat ist dies auch ein zentrales Anliegen des vorliegenden Forschungsvorhabens. In diesem geht es jedoch nicht (zentral) um die Fragen nach Individualisierung und v.a. nicht um Autonomie und biographische Selbststeuerung (von Frauen), die bei Wagner im Mittelpunkt stehen. Zudem werden einige der theoretischen Annahmen Wagners, etwa hinsichtlich der Individualisierungsthese und der strikt identitätstheoretischen Begründung der Relevanz von Anerkennung, hier nicht geteilt oder jedenfalls nur mit Vorbehalt. Gleiches gilt auch für die drei von ihr skizzierten Folgeszenarien sowie manche andere Aussagen und Thesen in ihrem Buch. Allerdings können die diesbezüglichen Überlegungen Wagners u. U. einige Anknüpfungspunkte bieten. In jedem Fall aber teilen wir drei von Wagners zentralen Ansichten: Erstens diejenige, das Geschlechterverhältnis sei immer auch ein Anerkennungsverhältnis, zweitens diejenige, Anerkennungsverhältnisse zeichneten sich durch eine Ambivalenz aus. Schließlich stimmen wir drittens auch Wagners zentraler Forderung zu, dass derartige Anerkennungsverhältnisse insbesondere mir Blick auf den Wandel familialer Lebensformen und beruflicher Anforderungen empirisch zu untersuchen sind, was Wagner selbst ja nicht vornahm. Eben diese empirische Analyse ist ein wesentliches Anliegen des hier verfolgten Projektes in der zweiten Projektphase. Allerdings ist dabei nach hier vertretener Ansicht der Blick nicht nur auf Frauen, sondern auf Paare (und damit auf Frauen und Männer) zu richten. Insofern soll empirisch untersucht werden, wie innerhalb von Paaren intersubjektive Anerkennungsverhältnisse konstituiert werden und welche geschlechtsspezifischen Ungleichheiten sich dabei auffinden lassen. Bei dieser empirischen Untersuchung soll es sich um Paare handeln, die am deutlichsten von den oben genannten familialen und beruflichen Veränderungen betroffen sind und dies stellen u.a. Dual Career Couples dar (vgl. hierzu den Fortsetzungsantrag des Projektes). 65

66 3.4.7 Arlie Hochschild: The time bind Arlie Hochschild (1997) fokussiert das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw. der Balance von Arbeit und Leben und zeigt, wie sich die beiden emotionalen Kulturen von Arbeit und Familie verschränken, wie im Zuge einer neuen Unternehmenskultur und der damit verbundenen Anerkennung, Wertschätzung und Autonomie in der Arbeit der Arbeitsplatz attraktiver und das Zuhause weniger attraktiv wird. Sie kommt hier zu dem Ergebnis, dass man eben nicht von einer Balance, sondern eher von einer Dominanz der Arbeitszeit über die Familienzeit sprechen muss. Konkret veranschaulicht sie anhand ihrer Untersuchung eines amerikanischen Konzerns, wie es durch die dortige Einführung einer neuen Unternehmenskultur und längerer Arbeitszeiten bei den Beschäftigten zu einer Umkehrung der Logiken von Arbeit und Leben kommt: Die Arbeit wird zum Leben und das Leben einem tayloristischen Organisationsregime unterstellt die Arbeitskultur greift so auf das Privatleben über (ähnlich der Habermas schen [1981] Kolonialisierung der Lebenswelt durch Systemimperative). Dies führt sie auf die mit Arbeit (in dem Betrieb) verbundene Anerkennung, Wertschätzung und Autonomie zurück, die den Arbeitsplatz attraktiver und das Zuhause weniger attraktiv machen: Die Gewinne, die der Bereich der Arbeit verbuchen kann, erzielt er u.a. über die Aneignung der positiven Aspekte des Zuhauses. Das Zuhause als der abgewertete Bereich nimmt unterdessen Merkmale an, die früher mit dem entfremdenden Charakter der Erwerbsarbeit verbunden wurden. (Hochschild 2002: 212f.). Insgesamt unterscheidet sie fünf Modelle hinsichtlich der work-life-balance: 1) Das bereits erwähnte Modell der verkehrten Welt, nach dem die Arbeit sozusagen zum Hafen, zum Zuhause wird und das Zuhause hingegen zu einem notwendigen Übel bzw. zu einem tayloristisch verplanten Bereich. 2) Das Zufluchts- bzw. Hafen-Modell: Hier stellt das Zuhause den sicheren Hafen dar, die Arbeit hingegen wird als notwendiges Übel betrachtet. Dies findet sich nach Hochschild, wenn überhaupt, dann bei Fabrikbeschäftigten bzw. Habenichtsen, die unangenehme Arbeit ohne Gemeinschaftsgefühl zu leisten haben. Nach Hochschild ist innerhalb dieses Modells der Wunsch von Frauen am größten, aufzuhören zu Arbeiten, je niedriger ihr beruflicher Status ist. 3) Das traditionelle Modell: Hier gehen die Männer einer bezahlten Erwerbstätigkeit nach und fühlen sich dort wohl, und das Zuhause dient ihnen als Rückzugsgebiet, während die Frauen als Hausfrauen Zuhause sind. Dieses komplementäre Modell ist jedoch nach Hochschild sehr stark im Rückzug begriffen. 4) Das Modell kein Job, schwache Familie, bei dem schließlich weder Arbeit (da aufgrund von Arbeitslosigkeit nicht vorhanden) noch die Familie (meist auch nicht vorhanden oder zerrüttet) ein potentielles Rückzugsgebiet darstellen können. 5) Das Modell einer Balance von Arbeit und Familie, von dem es nach Hochschild leider nur sehr wenige empirische Fälle gibt. Bei ihrer insgesamt sehr anschaulichen Studie nimmt Hochschild allerdings nicht explizit Paare in den Blick, sondern die Beschäftigten des untersuchten (US-amerikanischen) Konzerns; und wenn sie auch unterschiedliche Anerkennungschancen am Arbeitsplatz und in der Familie thema- 66

67 tisiert, so beschäftigt sie sich doch nicht systematisch mit einer theoretischen oder empirischen Analyse von Anerkennungschancen in Paarbeziehungen, sondern stellt Zeit in den Mittelpunkt. Dennoch eröffnen ihre Ergebnisse wesentliche Anschlussfragen hinsichtlich der Problemstellung des hier verfolgten Forschungsvorhabens: Führen eine Subjektivierung von Arbeit und die Entgrenzung 17 von Arbeit und Leben zu einer Rationalisierung des Privatlebens? Kommt es zu einer Verschiebung von Anerkennungschancen und einer Umwertung von Wertschätzung, wenn Arbeit subjektiviert und die Familie rationalisiert wird, sich deren Grenzen entgrenzen? Anders gewendet: Welche Anerkennungschancen lassen sich unter solchen Bedingungen in Paarbeziehungen auffinden? Dies soll empirisch anhand von Dual Career Couples untersucht werden, weil in diesen am ehesten von einer beide Partner gleichermaßen betreffenden Entgrenzung von Arbeit und Leben auszugehen ist, indem hier Frauen wie Männer im Erwerbsleben partizipieren und Männer (möglicherweise) wie Frauen sich in häuslichen Tätigkeiten engagieren müssen und hier egalitäre Beziehungsnormen üblicherweise das (zumindest normative) Leitbild darstellen. 17 Entgrenzung ist ein vielschichtiger Begriff, der sich auf verschiedene Bereiche beziehen kann. So beschreibt Hielscher die Entgrenzung von Arbeit und Leben aus einer Arbeitsperspektive folgendermaßen: (A)uf der objektiven Ebene [werden] die zeitlichen und räumlichen Grenzen der traditionell-modernen Erwerbsarbeit durchbrochen, während zugleich auch auf der subjektiven Ebene von Motivation und Handlungslogiken die Erwerbsarbeit immer stärker in das Privatleben hineingreift (Hielscher 2000: 2). Rerrich blickt aus einer umgekehrten Richtung auf das Phänomen und thematisiert zwei gegenläufige Grenzverschiebungen hinsichtlich familialer Arbeit: Während sich manche Tätigkeiten aus der Familie verabschieden und zunehmend öffentlich (...) geregelt werden, gibt es gleichzeitig auch die umgekehrte Entwicklung, nämlich daß ehemals öffentlich regulierte Aktivitäten in die Familienhaushalte zurückverlagert werden. (Rerrich 1999: 45). Nach dem hier verfolgten Verständnis wird Entgrenzung als ein sensitizing concept, als vorläufige theoretische Vorstellung davon, wonach empirisch gesucht werden soll, gefasst. Derartige Entgrenzungen können zum einen (hier nicht zentral) objektive Veränderungen umfassen, etwa wenn zunehmend Erwerbsarbeit zu Hause erledigt wird oder Arbeitszeiten sich auf vormals freie Zeiten wie Wochenende ausdehnen; oder auch, wenn familiale Arbeit aus der Familie ausgelagert und öffentliche Tätigkeiten in die Familie hineinverlagert werden. Zum anderen und zentral bezieht sich der Entgrenzungsbegriff hier auf die Ebenen von subjektiven Handlungslogiken und -rationalitäten sowie gesellschaftlichen Semantiken, auf eine Entdifferenzierung von Handlungssphären, insbesondere von Öffentlichem bzw. Erwerbsarbeit und Privatem bzw. Paarbeziehung. Ob sich diese theoretisch angenommene Entgrenzung als eine Habermas sche Kolonialisierung der Lebenswelt durch Systemimperative zeigt (ähnlich Jurzcyk/Rerrich 1993 sowie Hochschild 1997), sich umgekehrt als lebensweltliche Aufladung des Systems (oder von Teilsystemen) beschreiben lässt oder als wechselseitige Entgrenzung, kann an dieser Stelle noch nicht beantwortet werden; eigene frühere Ergebnisse zur symbolischen Bedeutung von Geld in Paarbeziehungen (vgl. Wimbauer 2003) sprechen eher für das zweite Szenario. 67

68 4. Anerkennung als multivalentes und mehrdimensionales Modell Überlegungen zu einem Arbeitskonzept von intersubjektiver und sozialer Anerkennung In diesem Kapitel wird unter Rückgriff auf die bisher dargelegten und diskutierten Ansätze ein erstes und vorläufiges eigenes theoretisches Modell von Anerkennung entwickelt. Hierbei soll versucht werden, einige der aufgezeigten Leerstellen zu füllen bzw. einige Schwachstellen auszugleichen. Ob dies angesichts der Komplexität und Interdependenz des Phänomens Anerkennung gelingen kann, wird sich zeigen. Das im folgenden vorgestellte Modell dient als Grundlage weiterer Überlegungen und ist im Projektfortgang zu aktualisieren, zu erweitern und zu ergänzen. Es stellt einen ersten allgemeinen theoretischen Rahmen dar und beansprucht keine Vollständigkeit, sondern benennt verschiedene Ebenen, Dimensionen und Aspekte des Anerkennungsbegriffs, die bei einer theoretischen wie empirischen Auseinandersetzung mit Anerkennung zu berücksichtigen sind. Es dient gewissermaßen als Heuristik, als ein analytisches Gerüst, welches in dem vorliegenden Arbeitspapier und in dem hier verfolgten Forschungsprojekt nicht in seiner Gesamtheit inhaltlich ausgefüllt werden kann. Vielmehr wird sich im weiteren Projektfortgang der Fokus auf einige Bereiche, und gemäß der Fragestellung insbesondere auf Paarbeziehungen und Arbeit, richten (müssen). Vorbemerkung: Grundlegende Annahmen Als Basisannahmen, die allen weiteren Ausführungen zugrunde liegen, seien eingangs folgende zwei Punkte festgehalten: Zum einen soll hier Anerkennung nicht wie von Fraser ursprünglich vertreten nur als eine Frage der Kultur betrachtet werden und auch nicht wie in Frasers späteren Schriften nur als eine Frage des Status (hierzu mehr in Kapitel 4.2.1). Vielmehr schließen wir uns Honneths Auffassung an, nach der die gesamte Gesellschaft als eine institutionalisierte Anerkennungsordnung zu verstehen ist. Diese Grundannahme impliziert, dass Anerkennung in sämtlichen gesellschaftlichen Teilbereichen, auf den verschiedensten Ebenen und den unterschiedlichsten Dimensionen die allerdings, und dies kann nicht oft genug betont werden, allenfalls analytisch voneinander getrennt werden können hochgradige Relevanz besitzt. Zum anderen, und hier abweichend von Honneth, gehen wir nicht von einem wie auch immer gearteten stufenförmigen und hierarchischen, sondern von einem komplementären Anerkennungsmodell aus, in dem alle Ebenen und Dimensionen mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander stehen und zu berücksichtigen sind. Überblick über die folgenden Ausführungen Um in diesem Teilkapitel ein allgemeines Arbeitskonzept von intersubjektiver Anerkennung zu entwickeln, sind zunächst unterschiedliche Analyseebenen und Dimensionen des Begriffs analytisch voneinander zu trennen (Kapitel 4.1). Dies bezieht sich in einem ersten Schritt auf die Analyseebenen, von denen wir entsprechend einem relationalen Ansatz grundsätzlich drei unterscheiden (Kapitel 4.1.1). Innerhalb dieser drei Ebenen kommen in einem zweiten Schritt jeweils unterschiedliche gesellschaftliche Teilbereiche zum Tragen (Kapitel 4.1.2). Damit wäre das Grundgerüst eines mehrdimensionalen Drei-Ebenen-Modells von Anerkennung dargelegt 68

69 (vgl. auch Abbildung 2), welches im weiteren differenziert wird: Innerhalb dieser Ebenen sind, gemäß einem bivalenten Ansatz, jeweils zwei Dimensionen zur Begründung von Anerkennung zu unterscheiden, eine objektive, auf Gerechtigkeit, und eine subjektive, auf Identität bzw. Selbstverwirklichung zielende (Kapitel 4.2.1); ähnlich bivalent ist auch der differenzierte Abstraktheitsgrad von Anerkennung zu fassen, der sich einmal als objektiv-universell (Anerkennung des Allgemeinen, der Gleichheit) und einmal als subjektiv-spezifisch-partikular (Anerkennung des Besonderen, der Differenz) beschreiben lässt (Kapitel 4.2.2). In Kapitel 4.3 werden weitere Unterscheidungen vorgenommen, die sich auf die Dualität von Handlung und Struktur, von Konstruktion und Kognition, von Performanz und Kategorien, von Dynamik und Statik bezieht. Kapitel 4.4 stellt zuletzt den ambivalenten Charakter von Anerkennung heraus, nach dem Anerkennung sowohl ein Mittel zum Zweck als auch einen Selbstzweck darstellt. Kapitel 4.5 fasst die Ausführungen knapp zusammen. 4.1 Zu einem,relationalen Ansatz und einem mehrdimensionalen Drei-Ebenen-Modell der Anerkennung Zu einem relationalen Ansatz und einem Drei-Ebenen-Modell von Anerkennung Sowohl Nancy Fraser als auch Axel Honneth und gleichermaßen alle in Kapitel 2 und 3 erwähnten Personen gehen mehr oder weniger explizit von einem letztlich an einzelnen (wenn auch sich in sozialen Bezügen befindenden) Individuen orientierten oder auf einer makrostrukturellen Ebene argumentierenden theoretischen Modell aus. Da im Zentrum des vorliegenden Projektes jedoch Paare stehen, erscheint hier ein relationaler Ansatz (vgl. Wimbauer 2003; Schneider et al. 2002a,b; auch Lenz 2003: 51ff.) angemessen, der die Paarbeziehung, bestehend aus zwei Individuen-in-Beziehung, in den Mittelpunkt rückt Zu einem relationalen Ansatz Ein solcher relationaler Ansatz geht von einem Mehr-Ebenen-Modell der Paarbeziehung aus: Im Mittelpunkt stehen Individuen-in-Beziehungen, deren Paarbeziehung eine interaktiv konstituierte Realität sui generis darstellt. Diese wird von zwei Individuen die sich durch individuelle und mehr oder weniger idiosynkratische Eigenschaften, Fähigkeiten und Interessen auszeichnen intersubjektiv konstituiert; und sie ist schließlich in organisationale sowie in institutionelle, kulturelle und gesellschaftliche Kontexte eingebunden. Zunächst eine Vorbemerkungen zum Begriff der Paarbeziehung: Mit Simmel (1985) wird hier die Paarbeziehung verstanden als eine Realität sui generis, die nicht auf die einzelnen Individuen reduzierbar ist und die sich durch eine interaktive und zeitliche Dynamik und Prozesshaftigkeit auszeichnet (vgl. auch Wimbauer 2003). Weiter wird sie als ein Ort gefasst, an dem, in Anlehnung an Berger und Kellner (1965), aber nicht in der von ihnen angenommenen Ausschließlichkeit, eine gemeinsame geteilte oder auch nicht geteilte, stabile oder auch fragile Wirklichkeit geschaffen wird, die wiederum rekursiv auf die beiden Partner zurückwirkt. Zudem ist die Paarbeziehung ein zentraler Ort für die Konstitution von Identität und Individualität (vgl. auch Schneider et al. 2002a: 15ff.), denn, individualisierungstheoretisch argumentiert, je mehr die traditionellen Bindungen an Bedeutung verlieren, desto mehr werden die unmittelbar nahen Personen wichtig für das Bewußtsein und Selbstbewußtsein des Menschen, für seinen inneren Platz 69

70 in der Welt (Beck-Gernsheim 1986: 213). Die Paarbeziehung ist damit ein exponierter, wenn auch nicht der einzige, Ort für Identitätsbildung, denn vor allem hier ist, wenn überhaupt, mit gesteigerter Annahmewahrscheinlichkeit höchstpersönlicher Idiosynkrasien (Luhmann 1982) zu rechnen; diese ist jedoch andererseits möglicherweise gerade auch durch die Absolutheit des individuellen Ich (Simmel 1985: 251) des anderen begrenzt. Insofern kennzeichnet sich die Paarbeziehung durch eine besonders ausgeprägte Interdependenz: Paarbeziehungen sind hiernach nicht einfach Interaktionen 18, sondern weisen emergente Eigenschaften auf, die weder mit Blick auf die Individual- noch auf die Makroebene hinreichend erfassbar sind. (Lenz 2003: 33). Ein relationaler Ansatz geht damit, in Anlehnung an Berger und Kellner (1965), von der Paarbeziehung als einer durch Interaktionen, Aushandlungen und die wechselseitige Aufeinanderbezogenheit der beiden Partner konstituierten Realität sui generis 19 aus. Diese Wirklichkeitskonstitution auf Paarebene ist eingebettet in Alltagspraktiken, die sinnhaft organisiert sind, auch wenn dieser Sinn vielfach sedimentiert und damit nicht immer im Bewusstsein präsent und ohne weiteres explizierbar ist und in seinen Verweisungszusammenhängen latent bleibt. Schließlich ist von einer komplexen Verschränkung der unterschiedlichsten Lebensbereiche beider Partner auszugehen, beispielsweise von Erwerbsarbeit, Familien-, Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen, Freizeit oder Sexualität. In der angenommenen Emergenz und Verflochtenheit der Paarbeziehung ist die Paarbeziehung von qualitativ anderer Beschaffenheit als die bloße Addition der beiden sie konstituierenden Individuen, wenn auch individuelle Eigenschaften etwa individuelle Kenntnisse, Fähigkeiten und Ressourcen sowie vergangene Erfahrungen etc. als sozusagen hinter der Paarbeziehung liegende Einflussgrößen für deren Konstitution eine wichtige Rolle spielen. Diese individuellen Eigenschaften der beiden Partner bleiben jedoch von der Paarbeziehung nicht unverändert: Im Simmel schen Sinn (Simmel 1985) werden beide Partner durch letztere zu je anderen, als sie als einzelne waren. Schließlich wird die Erscheinungsform und Ausgestaltung der Paarbeziehung auch von außerhalb ihrer selbst und jenseits der Individuen liegenden gesellschaftlichen und institutionellen Faktoren geprägt: Auf dieser Ebene sind beispielsweise, in wissenssoziologischer Tradition stehend, verfestigte und institutionalisierte Wissensbestände anzusiedeln, etwa gesellschaftlich gültige normative und kulturelle (Deutungs-)Muster; zudem auch Institutionen wie rechtliche und (sozial-)staatliche Regelungen sowie Organisationen und Organisationsprinzipien des Arbeitsmarktes bzw. der gesellschaftlichen Arbeitsteilung im engeren und weiteren Sinne. Insgesamt geht ein relationaler Ansatz damit von einem komplex verknüpften Mehr- bzw. Drei- Ebenen-Modell aus, welches in theoretischer Hinsicht auf einer zentralen Ebene die eigenständige und emergente Einheit der Paarbeziehung in den Blick nimmt, daneben deren Beeinflussung durch auf individueller Ebene liegende Faktoren (individuelle Fähigkeiten, Eigenschaften, Ressourcen, Interessen etc.) und drittens handlungs- und paarkonstitutionsrelevante Rahmenbedingungen auf gesellschaftlicher, institutioneller und struktureller Ebene berücksichtigt. 18 Da diese nach Luhmann (1975; 1997: 813ff.) mit der Abwesenheit eines Interaktionspartners beendet werden (vgl. auch Kieserling 1999: 15ff.; Lenz 2003: 33). 19 Die im hier vertretenen Verständnis anders als von Berger und Kellner (1965) angenommen freilich nicht für beide Partner immer schon identisch sein muss. 70

71 Zentral für das hier verfolgte Verständnis ist somit die Betonung der umfassenden Relationalität der Paarbeziehung, ihre Emergenz und die Einbindung ihrer sozialen Konstruktion in mikro- und makrostrukturelle Kontexte, welche durch einen mehrdimensionalen relationalen Ansatz zu berücksichtigen sind (vgl. auch Wimbauer 2003; Schneider et al. 2002a: 16ff.; Lenz 2003: 51ff.). Die folgende Abbildung zeigt schematisch die drei Ebenen eines relationalen Ansatzes. Abbildung 1: Drei-Ebenen-Schema eines relationalen Ansatzes Gesellschaftliche Ebene - Institutionalisierte kulturelle Wissens- und Deutungsmuster, sedimentierte normative Vorstellungen - rechtliche und (sozial-)staatliche Regelungen und Rahmenbedingungen - Organsiationsprinzipien der gesellschaftlichen Arbeitsteilung - Institutionen und Organisationen des Arbeitsmarktes, Bildungssystems etc. Individuen-in-Beziehungen Paar als emergente Einheit Individuelle Ebene Individuen mit individuellen Eigenschaften, Fähigkeiten, Interessen, Ressourcen Individuelle Ebene Individuen mit individuellen Eigenschaften, Fähigkeiten, Interessen, Ressourcen Drei Ebenen der Anerkennung: individuell, intersubjektiv und institutionell Eben diese drei Ebenen eines relationalen Ansatzes gilt es auch mit Blick auf intersubjektive und gesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse zu unterscheiden (vgl. auch die Anmerkungen in Kapitel ). Auch diese können allerdings wegen ihrer Interdependenz allenfalls analytisch voneinander getrennt werden: 1) Die Ebene der einzelnen Individuen. Auf dieser Ebene besitzen zum einen intra-individuelle Aspekte wie persönliche Idiosynkrasien, Eigenschaften, Fähigkeiten und Interessen 20 Anerkennungsrelevanz; damit sind also die höchstpersönlichen Charakteristika der Subjekte, kurz: ist die 20 Die natürlich nicht aus dem Nichts bzw. aus einem autarken, abgeschlossenen und autonom gedachten Individuum entstehen, sondern immer in wechselseitiger Beziehung mit der Umwelt konstituiert und verändert werden. 71

72 subjektive Seite, bezeichnet. 21 Zum anderen ist eine objektive Anerkennungsbedingung mit Blick auf Ressourcenzugang und -verteilung im weitesten Sinne zu berücksichtigen. Bei diesem zweiten Punkt handelt es sich damit um Subjekt-Objekt-Beziehungen, und hierunter zählt auch der Zugang zu ökonomischen Ressourcen also das, was Fraser als Umverteilung und als objektive Anerkennungsbedingung bezeichnet. Anders als bei Fraser sollen hier aber nicht nur ö- konomische Güter und Ressourcen betrachtet werden, sondern auch nicht-ökonomische etwa auch symbolische, politische, partizipatorische etc. Hier erscheint der Ansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum geeigneter, die von Capabilities sprechen (etwa: Sen 1985, 1992; Nussbaum 2000, 2003, 2004; Nussbaum/Glover 1995). Nach Nussbaum (2004: 2) ist die Grundlage des capabilities approach ein set of basic human entitlements, similar to human rights, as a minimum of what justice requires for all (Nussbaum 2004: 2). Sen und Nussbaum gehen von der Existenz bestimmter functionings physisch und psychisch existenzielle Grundbedürfnisse sowie grundlegende gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten aus; capabilites ( Entfaltungsmöglichkeiten ) beziehen sich auf die Möglichkeit, diese functionings auszuüben sie erlauben also den Menschen, bestimmte grundlegende Dinge zu tun. Nach Nussbaum (2004) umfassen diese capabilites viele Menschenrechte sowohl der ersten Generation (politische und zivile Freiheiten) als auch der zweiten Generation (ökonomische und soziale Rechte). 22 Zusammenfassend sind auf der individuellen Eben also (mindestens) eine objektive (um Frasers Diktion zu verwenden) und eine subjektive (eher im Honneth schen Sinne zu verstehende) Anerkennungsbedingung zu erfüllen. Oder anders: hier sind umfassende capabilities die sich auf personale, soziale, politische und ökonomische Aspekte beziehen 23 bereit zu stellen. 2) Die Ebene der Subjekt-Subjekt-Beziehungen. Hier handelt es sich um eine relationale Ebene, um Individuen-in-Beziehungen, und um eine intersubjektive Anerkennungsbedingung. Subjekt- Subjekt-Relationen beziehen sich auf sämtliche soziale Nahbeziehungen, seien es Eltern-Kind- 21 Mehr oder weniger hierauf bezieht sich das gesamte Honneth sche Anerkennungsmodell, ohne dass er jedoch die Ebene explizit als Individualebene bezeichnen würde. Doch seine drei Anerkennungsformen zielen auf das Individuum im hier genannten Sinne. Er betrachtet damit gewissermaßen die Individualebene und dimensioniert diese in die drei Bereiche bzw. Anerkennungssphären Liebe, Recht, Solidarität/Leistung. Fraser, hier kurz rekapituliert, nimmt in ihren früheren Schriften Personenkollektive ( Großgruppen, konstituiert durch Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung o.ä.) und in ihren späteren Individuen in den Blick und unterscheidet mit Kultur (Anerkennung) und Ökonomie (Umverteilung) (nur) zwei relevante Perspektiven bzw. Dimensionen. 22 Sen bestimmt die capabilities nicht wirklich substantiell, da er sie als historisch betrachtet. Nussbaum entwickelt in ihren jüngsten Arbeiten zu globaler sozialer Gerechtigkeit (Nussbaum 2004) eine (vorläufige, stets zu erweiternde und nicht unumstrittene) Liste von bisher zehn zentralen human capabilities, die eine große Nähe zu den Menschenrechten aufweisen. Diese Liste besteht in dem Recht auf 1) Leben, 2) körperliche Unversehrtheit (Gesundheit, Ernährung, Unterkunft), 3) körperliche Integrität (Freizügigkeit, keine Gewalt, kein sexueller Missbrauch, Recht auf selbstbestimmte Reproduktion), 4) Sinne, Vorstellungen und Gedanken ( senses, imagination, and thought ), wozu auch Bildung und Sprachfreiheit zählen, 5) Gefühle, 6) Practical reasoning ( to form an own conception of the good ), 7) Vereinigung: a) live with and towards others, b) social bases of self respect and non-humiliation ; 8) Andere Lebewesen: Leben mit der Sorge um Tiere, Pflanzen und die Natur, 9) Spiel ( laugh, play, recreate ) und 10) Kontrolle der eigenen Umwelt: a) politische Teilhabe, b) materielles Recht auf Eigentum, Arbeit und vernünftige Arbeitsbeziehungen bzw. -bedingungen. 23 Im Prinzip ist diese Dimensionierung erst Thema des folgenden Unterkapitels Wie aber bereits mehrfach angemerkt, ist die Trennung all dieser Ebenen und Dimensionen allenfalls analytisch möglich, und selbst hierbei ergeben sich Schwierigkeiten. Die/der LeserIn möge die so erzeugte Redundanz und mangelnde Trennschärfe nachsehen, sind sie doch nicht unerheblich der Interdependenz der untersuchten Phänomene geschuldet. 72

73 Beziehungen, Liebesbeziehungen, Freundschaften oder Bekanntschaften. Im Sinne des vorliegenden Projektes stehen jedoch Paarbeziehungen im Mittelpunkt des Interesses. Generell gelten die gleichen Bedingungen wie auf der individuellen Ebene, zumal die Paarbeziehung ja aus zwei Individuen besteht, jedoch können sich diese angesichts der Emergenz der Paarbeziehung als Realität sui generis anders konkretisieren. Auch hier ist eine objektive Bedingung zu erfüllen, die sich auf die Ausstattung mit Ressourcen und capabilities im weitesten Sinne bezieht, sowie daneben eine intersubjektive, die auf die wechselseitige Anerkennung der Partner bzw. Subjekte zielt. Diese Ebene kann in diesem Arbeitspapier nicht in allen Einzelheiten ausbuchstabiert werden, sondern dies ist erst im weiteren Verlauf der Projektarbeit zu leisten. Als mögliche Subjekt-Subjekt-Relationen auf dieser zentralen intersubjektiven Ebene sollen vorerst die fünf in Kapitel genannten unterschieden werden: 1) Separatismus : autonome und unabhängige Subjekte stehen sich unverbunden gegenüber; 2) Hierarchie : ein Verhältnis der Über- und Unterordnung mit klaren Machtunterschieden und strukturellen Ungleichheiten; 3) symmetrische Wechselseitigkeit : Personen mit gleicher Macht behandeln sich gegenseitig mit Respekt und Rücksichtnahme; 4) Holismus : Ego und Alter verschmelzen zu einer untrennbaren Einheit; 5) nicht symmetrische Wechselseitigkeit : wechselseitiger Respekt innerhalb von Beziehungen mit einem Macht- oder Statusgefälle oder ungleichen Fähigkeiten und Eigenschaften der Personen (vgl. Nelson/England 2002). 3) Die gesellschaftliche Ebene: Hier handelt es sich um die Subjekt-Institutionen-Beziehungen. Auf dieser Ebene stellt sich die Frage nach der institutionellen Infrastruktur der Orte der Anerkennung und der Kämpfe um jene, und gleichermaßen die nach den jeweiligen kultur-, symbolund gesellschaftstheoretisch zu fassenden Strukturierungen. Damit ist auf dieser Ebene auch der theoretische Ort, an dem die Sozialstruktur, gesellschaftliche Machtverhältnisse sowie der Gewaltzusammenhang bürgerlicher Tauschverhältnisse zu verorten sind. Die hier gültigen Anerkennungsbedingungen beziehen sich auf die verschiedensten institutionellen und gesellschaftlichen Aspekte. Hierbei kann es sich beispielweise um kulturelle und normative, sedimentierte und institutionalisierte gesellschaftliche Wissensbestände und Deutungsmuster handeln (etwa hinsichtlich legitimer Geschlechterrollen, Leistungsprinzipien, Wertvorstellungen), also um die Gesamtheit der institutionalisierten Wertmuster; weiterhin um rechtliche Regelungen im Sinne von einerseits rechtlicher Achtung der (Status-)Gleichheit, Menschenwürde, Handlungsfreiheit und politischer Partizipation im Sinne der Grund- bzw. Menschenrechte (dieser Aspekt deckt weitgehend das, was Fraser mit ihrem Statusmodell bezeichnet), andererseits um konkretere Rechte etwa des Sozial- und Familienrechts. Letztgenanntes ist gewissermaßen der Aspekt, den Honneth als sozialstaatliche Einhegung des Leistungsprinzips bezeichnet. Schließlich und wesentlich sind auch Muster allgemeiner gesellschaftlicher Wertschätzung innerhalb der ökonomischen Arbeitsteilung zu berücksichtigen. Auf dieser Ebene (auf anderen ebenfalls) lässt sich theoretisch wie empirisch eine faktisch ungleiche Verteilung von Anerkennungschancen feststellen, beispielsweise eine entwürdigende Behandlung bestimmter Personen (etwa die rechtliche Behandlung von AusländerInnen, dies differenziert nach ihrer jeweiligen Staatsbürgerschaft), geschlechtsspezifische Ungleichheit, die Ex- 73

74 klusion und Stigmatisierung von bestimmten Personen und Personengruppen (wie Arbeitslosen, Homosexuellen, Bildungsarmen usw.), was beispielsweise in kulturelle Vorstellungen und alltägliche Praktiken, in rechtliche und sozialstaatliche Regelungen und schließlich in ökonomische Mechanismen eingelassen ist bzw. durch diese produziert wird. Auch auf dieser Ebene gilt es wiederum, einen objektiven Aspekt im Sinne einer grundlegenden Ausstattung mit materiellen, ökonomischen und nicht-ökonomischen Ressourcen und Lebenschancen (Einkommen bzw. Geld zur Sicherung der materiellen Grundbedürfnisse; Ressourcen zur Erfüllung physischer Existenzvoraussetzungen wie Wohnung, Gesundheit usw., gleichberechtigte politische und soziale Partizipationschancen, die auch Bildungschancen umfassen, Recht auf angemessene Arbeit und Entlohnung, u.v.a.m.) sowie einen subjektiven Aspekt zu berücksichtigen. Letzterer meint die Anerkennung jenseits von Ressourcen, etwa die gesellschaftliche Wertschätzung spezifischer Eigenschaften der Person, bestimmter Lebensweisen und -formen, angemessene Arbeitsbedingungen, Zugang zu Arbeit usw. Mehr hierzu im folgenden Teilkapitel, welches unterschiedliche Dimensionen von oder besser: Sphären der Anerkennung thematisiert, die jeweils auf den einzelnen Ebenen wirksam werden und im Weiteren für jede der drei Ebenen auszubuchstabieren sind Anerkennung als mehrdimensionales Phänomen Eingangs sei nochmals Frasers perspektivischer Dualismus rekapituliert, an dem generell als positiv festgehalten werden kann, dass damit auch ökonomische Ungleichheiten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden, was bei Honneth u.e. nur implizit der Fall ist. Allerdings ist daran zum einen die Trennung und zum anderen die Entgegensetzung von Ökonomie und Kultur und nur dieser beiden Bereiche problematisch. Es erscheint hier theoretisch angemessener, mehrere Dimensionen bzw. gesellschaftliche Teilbereiche oder Sphären zu unterscheiden, nicht nur jene zwei genannten. So ist es von großer Bedeutung, auch die Sphäre des Rechts neben derjenigen der Kultur und der Ökonomie explizit zu fokussieren, und auch erscheint es sinnvoller, statt von der Ökonomie als einer black box (wie gleichermaßen von der Kultur ) auszugehen, diese Sphäre als System gesellschaftlicher Arbeitsteilung zu bezeichnen, denn damit ist nicht nur bezahlte Erwerbsarbeit in dieser Sphäre zu verorten, sondern auch unbezahlte Care-, Sorge-, Pflege-, Betreuungs- und Familienarbeit. Nach hier verfolgtem Verständnis ist jegliche Tätigkeit innerhalb des gesellschaftlichen Leistungsaustausches als Arbeit zu bezeichnen, nicht nur bezahlte Erwerbstätigkeit. Eine vierte wesentliche Sphäre stellt diejenige der sozialen Nahbeziehungen dar, welche Familie, Eltern-Kinder- wie Partner-Beziehungen, Freundschaften, Verwandtschaft und Bekannte umfasst und den Ort der Pro- und Rekreation darstellt. Schließlich ist festzuhalten, dass unter Kultur hier die Gesamtheit der institutionalisierten kulturellen Wertmuster verstanden wird. Dieser Bereich stellt nach hier vertretener Ansicht eine Analyseebene, keine autonome Sphäre im eigentlichen Sinne dar: Kulturelle Wertmuster und Semantiken sind auch im Bereich der Ökonomie wirksam, ebenso wie in dem des Rechts, der persönlichen Beziehungen und allen anderen. Statt einer Trennung ist vielmehr von einer Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch kulturelle Vorstellungen auszugehen; rechtliche und ökonomische Prinzipien stehen in einem wechselseitigen Verhältnis mit kulturellen Mustern und eines ist ohne das andere nicht zu denken. 74

75 Nach bisherigem Stand sind zumindest die folgenden vier gesellschaftlichen Sphären in den Blick zu nehmen (die ggf. zu ergänzen und jeweils einzeln weiter auszubuchstabieren wären, allerdings nicht in diesem Forschungsvorhaben, sondern hierfür wären je eigene Projekte erforderlich): 1) Kulturelle und symbolische Sphäre, 2) Rechtlicher Bereich, 3) Ökonomie und System gesellschaftlicher Arbeitsteilung, 4) Bereich der Subjekte und der persönlichen Beziehungen 24. Zu fragen ist dann, wie sich diese Dimensionen jeweils auf den drei Ebenen niederschlagen. 1) Kulturelle und symbolische Sphäre Die kulturelle und symbolische Sphäre bezeichnet die Gesamtheit der institutionalisierten kulturellen Wertmuster also die kulturellen und normativen, sedimentierten und institutionalisierten gesellschaftlichen Wissensbestände und Deutungsmuster, beispielsweise mit Blick auf Vorstellungen über legitime Geschlechterrollen, gültige Leistungsprinzipien und allgemeine Wertvorstellungen. Fraglich ist einerseits, wie sich diese Wertmuster charakterisieren lassen, und andererseits, welche Akteure wie an deren Definition und Reproduktion beteiligt sind, zumal sie immer als Ergebnis von (symbolischen) Kämpfen gesellschaftlicher Gruppen zu betrachten sind. Anerkennung bzw. Wertschätzung im Allgemeinen ist hier, im Sinne von Frasers Status-Parity mindestens in zweierlei Hinsicht sicher zu stellen: Zum einen haben die institutionalisierten kulturellen Wert- und gesellschaftlichen Deutungsmuster allen Partizipierenden gleichen Respekt zu erweisen, zum anderen müssen sie Chancengleichheit beim Erwerb gesellschaftlicher Achtung erlauben (dies sind nach Frasers Statusmodel klassische Anerkennungsfragen). Dies ist allerdings sehr vage und bedarf einer Konkretisierung. Theoretisch klingt dies so plausibel wie simpel, faktisch sind hier jedoch enorme Ungleichheiten zu konstatieren: Gesellschaftliche Deutungsmuster verweisen auf sehr unterschiedliche Anerkennungschancen, differenziert etwa entlang ungleichwertiger Geschlechterleitbilder, Leistungsnormen, beeinflusst durch hegemoniale Diskurse und Legitimationschancen von deren Inhalten, so dass sich verschiedenste Ungleichheiten und Exklusionen etwa nach Geschlecht, Ethnie, Klasse, Alter, Bildung usw. manifestieren und sedimentieren. Für das hier verfolgte Projekt sind kulturelle Wertmuster insbesondere hinsichtlich zweier Aspekte relevant: Arbeit und Paarbeziehungen. Auf die drei Ebenen heruntergebrochen, ist beispielsweise eine zentrale Frage mit Blick auf Arbeit und auf Individualebene, welche Leistungskriterien im Arbeitsbereich Gültigkeit beanspruchen (angeblich Meritokratie), und welche persönlichen Eigenschaften gesellschaftliche Wertschätzung erfahren (etwa: Bildungszertifikate, Alter bzw. eben nicht Alt er, sondern junges Alter, Flexibilität, Mobilität,...). Hinsichtlich Paarbeziehungen ist beispielsweise nach normativen Geschlechterrollen und Vorstellungen über geschlechtsspezifische Zuständigkeiten zu fragen so- 24 Die Bezeichnung dieses Bereiches ist nicht einfach; er entspricht wohl weitgehend dem, was Habermas (1981) Lebenswelt nennt; andere AutorInnen verwenden den Begriff des Privaten, den wir hier aus Gründen der bekannten Kritik an der Trennung von Öffentlichem und Privaten nicht unbedingt bemühen wollen so ist etwa auch unseres Erachtens das Private in weiten Teilen öffentlich bzw. politisch; auch finden sich viele soziale Beziehungen etwa im Bereich der öffentlichen Arbeitswelt und schließlich ist die gesamte Trennung von Öffentlich und Privat, von Arbeit und Leben womöglich ein Artefakt und nicht haltbar angesichts einer zunehmenden Entgrenzung von Arbeit und Leben. 75

76 wie nach legitimen Formen des Zusammenlebens; mit Blick auf Arbeit nach Bewertungen weiblicher und männlicher Tätigkeiten, nach kulturellen Vorstellungen über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf usw. 25 Hierzu mehr im weiteren Projektfortgang. 2) Rechtlicher Bereich Anerkennung im rechtlichen Bereich kann mindestens in dreierlei Hinsicht analytisch differenziert werden: Erstens rechtliche Regelungen im Sinne von Achtung der (Status-)Gleichheit, der Menschenwürde und der politischen Partizipation im Sinne der allgemeinen Grund- bzw. Menschenrechte, die allen (Staats-)BürgerInnen oder Menschen gewährt werden, je nachdem, ob es sich um Bürger- oder Menschenrechte handelt. Zweitens konkretere Rechte etwa des Sozial- und Familienrechts (dies ist gewissermaßen der Aspekt, den Honneth als sozialstaatliche Einhegung des Leistungsprinzips bezeichnet), die (grob unterteilt) entweder nach dem Solidaritätsprinzip, also nach Bedarf, oder nach dem Beitragsprinzip, also nach Leistung gewährt werden. Drittens individuelle Rechte, die sich auf die höchstpersönlichen Individuen beziehen; dies ist insbesondere gesichert durch die allgemeine Handlungsfreiheit; hierzu kann man auch Regelungen zählen, die spezifische Wertschätzung gewähren. Eine andere mögliche Unterteilung wäre diejenige in klassische Freiheitsrechte (status negativus), politische Teilhaberechte (status positivus) und soziale Anspruchsrechte (status activus) (vgl. hierzu die Ausführungen in Kapitel ). Mit Blick auf Anerkennung wäre hier etwa zu fragen: Erstens, wird in der Tat für alle Menschen bzw. BürgerInnen deren universeller Anspruch auf Würde und Gleichheit eingelöst (dies kann man klar verneinen)? Zweitens: Welche ungleichen Anerkennungschancen werden durch sozialund familienrechtliche Regelungen konstituiert? Hier wäre etwa zu denken an differierende und ungleiche Wertschätzung zum Ausdruck bringende Anspruchsgrundlagen des Sozialrechtes, etwa: Leistung bzw. Beitrag oder Solidarität bzw. Bedürfnis? Wer ist die anspruchsberechtigte Einheit Individuen, Paare oder verheiratete Paar? Welche Leistungen zählen als Leistungen Alter, bisheriges Einkommen, Geburt von Kindern usw.? Weiter kann man familienrechtliche Regelungen untersuchen: Gibt es staatliche Förderung und rechtliche Anerkennung nur für bzw. von traditionellen Familien? An wen werden Kindergeldansprüche und Sorgerechte gewährt? Wie verhält es sich mit der Gleichstellung nichtehelicher Lebensgemeinschaften und gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften? Wie sind weitere sozialstaatlich-institutionelle Regelungen organisiert und welche Wertvorstellungen bringen sie zum Ausdruck, etwa Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen, Regelungen von Elternurlaub, Familienleistungen, Förderung eines (männlichen Familien-)Ernährermodells oder von Zweiverdiener-Arrangements usw. Dies verweist bereits auf den nächsten darzustellenden Bereich, das System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Ökonomie und es verdeutlicht wiederum die Untrennbarkeit der Bereiche, 25 Deutlich wird hier, dass Kultur sich nicht von beispielsweise Arbeit oder persönlichen Beziehungen trennen lässt, sondern eben gerade dort zum Ausdruck kommt. An sich wäre es angemessen, in Anlehnung an eine cultural sociology (Alexander/Smith 2003) (nicht einer sociology of culture ) jegliche soziale Phänomene auch aus einer Kulturperspektive zu untersuchen. Im Prinzip ist dies auch der theoretische Ansatz dieses Projektes, allerdings ohne dabei ökonomische und v.a. Ungleichheitsphänomene zu vernachlässigen. 76

77 weil sich natürlich rechtliche Regelungen auch und wesentlich in der ökonomischen Sphäre finden, und gleichermaßen auch im Bereich von sozialen Beziehungen, insbesondere Familien. Schließlich sei angemerkt, dass auch die hier angedeuteten rechtlichen Regelungen bzw. deren Inhalte im Weiteren für Dual Career Couples näher zu bestimmen sind. 3) Ökonomie und System gesellschaftlicher Arbeitsteilung Schließlich und wesentlich sind auch Muster allgemeiner gesellschaftlicher Wertschätzung innerhalb des Systems der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu berücksichtigen. Fraser nennt diese Sphäre schlicht Ökonomie und bestimmt sie nicht wirklich eingehender. Wir wollen hier statt von Ökonomie (als einer black box ) vom System gesellschaftlicher Arbeitsteilung sprechen und damit auch den Bereich der unbezahlten Care-Tätigkeiten einschließen der hier verwendete Arbeitsbegriff lehnt sich damit an Krebs (2002) an, die jegliche Tätigkeit innerhalb des gesellschaftlichen Leistungsaustausches als Arbeit fasst. Zentral erscheint es, innerhalb dieses Bereiches die Bedeutung sozialstruktureller Einflussgrößen sowie des Gewaltzusammenhangs bürgerlicher Tauschverhältnisse herauszustellen. Im Sinne Frasers ist hier mit Blick auf Anerkennung in der Tat ein wichtiger Aspekt die Umverteilung materieller Ressourcen (also Einkommen bzw. Geld) aber dies ist bei weitem nicht alles. Es geht beispielsweise auch um die Umverteilung von Zugang zu Arbeit, von angemessenen Arbeitsbedingungen, Risiken, Perspektiven und Planbarkeiten etc., und es geht vielmehr auch innerhalb des Bereiches der Ökonomie um Anerkennung etwa um die Anerkennung der Arbeit als Produktionsfaktor, um die Anerkennung bestimmter Berufe, Beschäftigtengruppen und Arbeitskategorien (und hierbei auch diejenige von Care-Tätigkeiten, nicht nur von verberuflichten Tätigkeiten) und um die Anerkennung der einzelnen Arbeitenden (vgl. Voswinkel 2001). Eine nur finanzielle Umverteilung erscheint als merely economic und nicht ausreichend, wenngleich sie eine wesentliche Grundlage für Anerkennung darstellt. Nach unserer Ansicht existiert sowohl eine objektive, sozusagen materielle Anerkennungsbedingung (die sich eben durch Umverteilung erzielen lässt, aber nicht nur dadurch), sowie eine subjektive, die jenseits von merely economic redistribution zu verorten ist. Die (Um-)Verteilung materieller Ressourcen muss erstens das (Über-)Leben, also die materiellen Grundbedürfnisse (Nahrung, Unterkunft, Gesundheit, Rekreation, Freizeit usw.) (ökonomische Dimension / materielle Reproduktion) sichern, zweitens muss sie die Unabhängigkeit und das Stimmrecht aller Personen gewährleisten (politisch-rechtliche Ebene) und drittens muss sie die soziale und gesellschaftliche Partizipation und Inklusion der Individuen sichern (soziale bzw. kulturelle Ebene). Hier ist wieder eine Nähe zu Sens und Nussbaums Capabilities -Ansatz gegeben; die jeweils zu erfüllenden basic functionings bzw. capabilities sind in gewissem Maße von der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung und den historischen Umständen abhängig). Zu denken ist hier jedenfalls an die genannten Aspekte in Fußnote 22, sofern sie durch materielle Umverteilung zu erzielen sind. Daneben spielen subjektive Anerkennungsaspekte eine Rolle, bzw. solche, die nicht mittels finanzieller Umverteilung zu erzielen sind, und hierbei kommen häufig wieder kulturelle Vorstel- 77

78 lungen ins Spiel. So geht es hierbei um Anerkennung jenseits von Geld, um gesellschaftliche Wertschätzung, Einfluss und Macht. Hierbei kommen verschiedene Prinzipien zum Tragen: Zunächst die Arbeitsteilung, mit der darin eingeschriebenen Höherbewertung von bezahlter Erwerbsarbeit im Vergleich zu unbezahlter Familien- und Pflegetätigkeit; weiter innerhalb des Bereiches der Erwerbsarbeit das sie strukturierende Leistungsprinzip (als Ideologie der Herrschenden) bzw. die Meritokratie, die gleichermaßen im Bildungssystem als Bewertungsmaßstäbe herangezogen werden. Diesbezüglich gewinnen auch Belohnungs-, Beförderungs- und Einstellungskriterien innerhalb der Arbeitswelt und in Arbeits- oder Bildungsorganisationen Bedeutung. Diese hängen ebenso wie dortige Organisationsprinzipien etwa Familien(-un)- freundlichkeit, (Un-)Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, (nicht) flexible Arbeitszeiten und - modelle, organisationale Verfügbarkeitsansprüche (vgl. Wimbauer 1999) auch mit geschlechtsspezifisch ungleichen Anerkennungschancen innerhalb des Arbeitssystems zusammen (verwiesen sei hier auf die nach wie vor weit verbreitete und ausgeprägte horizontale und vertikale Segregation des Arbeitsmarktes, vgl. Wimbauer 1999). Schließlich, außerhalb der bezahlten Erwerbstätigkeit, werden Fragen der gesellschaftlichen Wertschätzung etwa deutlich bei der (Nicht- )Anerkennung und (Nicht-)Bezahlung von ehrenamtlichen Tätigkeiten im Dritten Sektor und unbezahlter Familien-, Pflege- und Betreuungstätigkeiten im privaten Bereich, um (nicht genügend vorhandene) institutionelle Förderungen bzw. Erleichterungen der Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche wie etwa Familie und Beruf, um die Bereitstellung institutioneller Kinderbetreuungseinrichtungen usw. Dies verweist bereits auf die nächste und vorerst letzte darzulegende Sphäre, sozusagen diejenige der Lebenswelt (bzw. des Lebens innerhalb des Begriffspaares Arbeit und Leben ). Zuvor jedoch ein abschließender Satz zur Sphäre der gesellschaftlichen Arbeitsteilung: Wesentlich erscheint hier zum einen die Trennung und Ungleichbewertung von Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit und zum anderen die Bewertungsdifferenzen jeweils innerhalb dieser beiden Bereiche. Mit Blick auf Erwerbsarbeit werden letztere häufig auf einer intermediären Ebene, innerhalb von Arbeitsorganisationen, mit produziert, reproduziert und festgeschrieben. 4) Bereich der Subjekte und der persönlichen Beziehungen Die vierte Sphäre stellt die der Subjekte bzw. der Lebenswelt dar, und diese ist innerhalb einer kapitalistischen bzw. marktförmig organisierten Gesellschaft mit der dritten Sphäre interdependent; gleichermaßen wirken auch Prinzipien der ersten und zweiten Sphäre innerhalb der Lebenswelt. Auf einer gesellschaftlichen Ebene und mit Blick auf Institutionen sowohl im wissenssoziologischen Sinn als auch im Sinne von institutionellen Regelungen zu fragen ist hier etwa, ob und wie Familienarbeit anerkannt wird, welchen Wert Hausarbeit und Kindererziehung besitzt, welcher Stellenwert und welche Bedeutung Freizeit, Rekreation, Erholung zukommt und in welchem Verhältnis diese zu Arbeit und dem dort gültigen Leistungsprinzip stehen, wie sich also die work-life-balance gestaltet. Weiterhin ist etwa in den Blick zu nehmen, welche Anerkennung für soziale Tätigkeiten gewährt wird, welche Formen des Lebens etwa Lebensführung oder Lebensformen gesellschaftlich anerkannt oder missachtet sind beispielsweise Ehe oder nichteheliches Zusammenleben, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Einelterfamilien usw. Neben 78

79 solchen rechtlichen Regelungen, die sich auf die reine juristische Anerkennung und damit Legitimität beziehen, sind auch Leistungsansprüche dahingehend zu untersuchen, ob sie an bestimmte Lebensformen geknüpft sind und wenn ja, an welche. Insgesamt sind die Regelungen in Deutschland (und in den meisten anderen Ländern) angefangen vom Steuer- und Erbschaftsrecht über das Sozialversicherungsrecht bis hin zum Mietrecht und Besuchsrechten im Krankheitsfall nach wie vor so, dass sie die traditionale Kernfamilie bevorzugen, wenngleich sich einige Verbesserungen in Richtung mehr Gleichstellung unterschiedlicher Lebensformen abzeichnen. 26 Gleichermaßen besitzen alle diese genannten Aspekte nicht nur auf einer gesellschaftlichen Ebene, sondern auch auf der Individual- wie auf der Paarebene Relevanz. Ganz wesentlich ist hier die Frage, wodurch sich die Subjekt-Subjekt-Beziehungen auszeichnen, was die alltagspraktischen Inhalte von Liebe darstellen, wie diese mit anderen Bereichen zusammenhängen, kurz: wofür die Partner sich wechselseitig anerkennen Auch bzw. insbesondere dieser Bereich ist im nächsten Projektschritt weiter auszudifferenzieren. Zwischenfazit Die drei genannten Ebenen Individuum, Paar und Institutionen sowie die Dimensionen Kultur, Recht, Arbeitsteilung und Soziales bilden einige, und wie es scheint, sehr wesentliche, Stellgrößen für die Analyse gesellschaftlicher Anerkennungsverhältnisse bzw. der Gesellschaft als im Honneth schen Sinne institutionalisierte Anerkennungsordnung. Aus ihnen zusammen genommen ergibt sich, was hier als soziale bzw. gesellschaftliche Wertschätzung bezeichnet werden soll. Die folgende Abbildung versucht, das bis hier dargelegte mehrdimensionale Drei-Ebenen-Modell von Anerkennung zu visualisieren. Dieses Schaubild beansprucht keine Vollständigkeit, weder hinsichtlich der verschiedenen genannten Dimensionen (Kultur, Recht, Ökonomie, Nahbeziehungen) noch innerhalb dieser. Vielmehr soll es sozusagen in Form eines analytischen Gerüstes der weiteren Denkhilfe dienen; die Dimensionen und insbesondere deren Inhalte sind (gegebenenfalls mit Hilfe eigener, gesonderter Abbildungen) im Projektfortgang weiter zu konkretisieren, zumal die Komplexität des Schemas bereits in dieser simplifizierten Form hoch ist. Die jeweiligen Aspekte konnten innerhalb dieses allgemeinen Rahmenmodells nur stichpunktartig und mehr oder weniger exemplarisch aufgezählt werden. Im nächsten Projektschritt in der ersten wie zweiten Projektphase soll die intersubjektive Ebene der Paarbeziehung fokussiert und diese zum einen theoretisch weiter differenziert werden; empirisch auszubuchstabieren sind die dortigen Anerkennungsstrukturen und -verhältnisse mit Blick auf Dual Career Couples in der zweiten Projektphase. 26 So die jüngst eingeführte Eingetragene Lebenspartnerschaft im Rahmen des LPartG, die allerdings nicht im geringsten eine Gleichstellung mit ehelichen Gemeinschaften darstellt, sondern allenfalls einen allerersten Schritt in diese Richtung; weiter etwa die Ausweitung des Sorgerechts bei unverheirateten Eltern. 79

80 Abbildung 2: Schematischer Überblick über ein mehrdimensionales Drei-Ebenen-Modell von Anerkennung [Anm. d. A.: nicht abschließend] Anerkennungsverhältnisse Gesellschaft Soziale Wertschätzung Gesellschaftliche Anerkennung - Gesellschaft als institutionalisierte Anerkennungsordnung (Honneth) Kultur / Symbolebene: Deutungsmuster und Diskurse (über Gender, Geschlechterrollen, Leistung,...) - Gesamtheit der institutionalisierten kulturellen Wertmuster - Recht: a) allgemeine Menschenrechte: Gleichheit und Würde, Freiheit und Teilhabe - universelle Achtung b) institutionelle Regelungen, Sozialpolitik sozialstaatliche Einhegung des Leistungsprinzips (Leistung und Bedürfnis / Solidarität) c) individuelle Rechte als höchstpersönliches Individuum: Freiheit u.a. - spezifische Wertschätzung oder: status negativus (Freiheitsrechte), - positivus (politische Teilhaberechte), - activus (soziale Anspruchsrechte) Ökonomie / System gesellschaftlicher Arbeitsteilung: (Erwerbs-)Einkommen, Geld, Leistung jegliche Tätigkeit im Rahmen des gesellschaftlichen Leitstungsaustausches (auch unbezahlte Care-Tätigkeit!) wichtige Akteure : Arbeitgeber, (Arbeits-)Organisationen, Arbeitsteilung, rechtliche Regeln, Opportunitätsstrukturen,... Nahbeziehungen / Personales: Privatbereich, Familie, unbezahlte Tätigkeit, Pro- und Rekreation,... - Individuelle Wertpotentiale - Kultur / Symbolebene: Normative Vorstellungen über Werte, Leistung, Geschlechterrollen,... Recht: a) Gleichheit, Würde, (Staats-)BürgerInnenstatus b) Anerkennung der Person Ökonomie / Arbeitsteilung: (Erwerbs-) EK, Geld, Vermögen; unbezahlte (care-)tätigkeiten Soziales: Netzwerke, soziale Beziehungen, Freunde Personales: Idiosynkrasien, Einzigartiges, Authentizität Paar Subjektive Anerkennung / Identität Objektive Anerkennung / Capabilites Intersubjektive Anerkennung Paar Liebe Individuen - Individuelle Wertpotentiale - Kultur / Symbolebene: Normative Vorstellungen über Werte, Leistung, Geschlechterrollen,... Recht: a) Gleichheit, Würde, (Staats-)BürgerInnenstatus b) Anerkennung der Person Ökonomie / Arbeitsteilung: (Erwerbs-) EK, Geld, Vermögen; unbezahlte (care-)tätigkeiten Soziales: Netzwerke, soziale Beziehungen, Freunde Personales: Idiosynkrasien, Einzigartiges, Authentizität Subjektive Anerkennung / Identität Objektive Anerkennung / Capabilites 80

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