VII. Wohlfahrtsstaat und Wohlfahrtskultur Ansätze zur Erklärung von Wohlfahrtsstaatlichkeit:

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1 Ansätze zur Erklärung von Wohlfahrtsstaatlichkeit: Interessentheoretische Ansätze betonen ökonomische Präferenzen gesellschaftlicher Akteure und Machtinteressen staatlicher Akteure kommen ohne ideelle Grundlegung aus Kulturalistische Ansätze betten ökonomische und politische Interessen ein in Ideenlandschaften (Werte, Normen, Überzeugungen) betrachten diese als grundlegende gesellschaftliche Ordnungsprinzipien und Handlungsanleitungen

2 Was ist Kultur? in Anlehnung an Max Weber: Kultur als kollektive Sinnkonstruktionen, auf deren Grundlage Menschen die Realität definieren Ideen (Werte, Leitbilder, Wissensbestände etc.) als Elemente dieser Sinnkonstruktionen Sinnkonstruktionen werden durch soziale Praxis produziert und reproduziert Sinnkonstruktionen sind eingelassen in gesellschaftliche Strukturen und Institutionen Normen, Werte, Ideen sind vglw. stabil, können aber Gegenstand von Auseinandersetzungen sein

3 Was ist Wohlfahrtskultur? Komplex an Ideen und Werten, die dem Wohlfahrtsstaat und seinen gesellschaftlichen Funktionen zugrundeliegen Ideenlandschaft, auf die sich Akteure, Institutionen und Politiken bewusst oder unbewusst beziehen Kulturelle Tiefenstruktur begrenzt das Spektrum möglicher Wohlfahrtspolitik

4 Wie schreiben sich (wohlfahrts)kulturelle Muster in den Wohlfahrtsstaat ein? Wohlfahrtskultur Wohlfahrtsstaatliche Institutionen sozialpolitische Diskurse und Deutungsmuster sozialpolitische Handlungsorientierungen sozialpolitische Entscheidungen sozialpolitisches und sozialpolitisch relevantes Handeln ist nicht per se utilitaristisch, sondern kulturell geformt rational

5 Kulturelle Muster als Konfliktrahmen: Kulturelle Muster begrenzen den Möglichkeitsraum, in dem Akteure mit widerstreitenden Interessen diskursiv ihre gegenwärtigen Konflikte austragen aber: Ursprünge vieler kultureller Tiefenstrukturen und darauf aufbauende Institutionen stehen nicht oder nur vage im Zusammenhang mit modernen Fragen sozialer Sicherheit

6 Wohlfahrtsstaatlich relevante kulturelle Tiefenstrukturen: Beispiel 1: Religion etablierte Sichtweise: Sozialstaat ersetzt Religion Sozialstaat als Motor der Säkularisierung vs. neuere / ergänzende Sichtweise: Sozialstaat übersetzt Religion Sozialstaat als säkularisierte Version unterschiedlicher konfessioneller Sozialdoktrinen

7 Wohlfahrtsstaatlich relevante kulturelle Tiefenstrukturen: Beispiel 1: Religion Entscheidende Weichenstellung: Reformation Nord West Ost Freikirchlicher Protestantismus Lutherische Staatskirche Katholizismus Süd

8 Wohlfahrtsstaatlich relevante kulturelle Tiefenstrukturen: Beispiel 2: Struktur des politischen Systems a)konfessionelle Verhältnisse schlagen sich in Parteienlandschaft und damit in Sozialpolitik nieder konfessionelle Einheit Etablierung politischer Parteien primär entlang Klassenkonflikt Betonung des Rechts-Links-Gegensatzes konfessionelle cleavages verlaufen quer zum Klassenkonflikt Etablierung politischer Parteien entlang religiöser Spaltungen, Kirche/Staat- und Klassenkonflikt Integration des Rechts-Links-Gegensatzes, Betonung konfessioneller Unterschiede

9 Wohlfahrtsstaatlich relevante kulturelle Tiefenstrukturen: Beispiel 2: Struktur des politischen Systems b) konstitutionelle Grundsatzentscheidungen schlagen sich in Parteienhandeln und damit in Sozialpolitik nieder Verhältniswahlrecht Koalitions-, also Kompromisszwang starke sozialpol. Pfadabhängigkeit, status quo bias Mehrheitswahlrecht kein Koalitionszwang sozialpol. Pfadabweichungen leicht möglich Polarisierungseffekte

10 Wohlfahrtsstaatlich relevante kulturelle Tiefenstrukturen: Beispiel 2: Struktur des politischen Systems c) konstitutionelle Grundsatzentscheidungen schlagen sich in Regierungshandeln und damit in Sozialpolitik nieder Zentralregierungssysteme vs. föderale Systeme mit hierarchischer Kompetenzverteilung und Ausgleichsmechanismen vs. föderale Systeme mit fiskal- und sozialpolitisch autonomen, kompetitiven subnationalen Einheiten

11 Wohlfahrtsstaatlich relevante kulturelle Tiefenstrukturen: Beispiel 3: Arbeitsbeziehungen Konfessionelle /konstitutionelle Tiefenstrukturen lagern sich ab in Konfliktstrukturen zwischen Kapital und Arbeit (gegenseitige Selbst-)Abgrenzung von Gewerkschaften entlang der Strukturen des Wirtschaftssystems (Branchen-/ Berufsgewerkschaften) oder entlang der Strukturen des politischen Systems (politische / konfessionelle Gewerkschaften) davon abhängig: Art der Interaktion und Zusammenarbeit zwischen Politik und Verbänden und Art und Weise der sozialpolitischen Gestaltung

12 Fazit: Unterschiede zwischen Wohlfahrtsstaaten resultieren aus kulturellen Unterschieden in sozialpolitisch relevanten gesellschaftlichen Wertebereichen Relevant sind kulturelle Werte v.a. in Bezug auf: Redistribution: wünschenswerte(s) Ausmaß und Form Armut: selbstverursacht vs. strukturell bedingt Verhältnis von Staat und Markt Erwerbsarbeit und Arbeitsmarkt: richtige bzw. normale Beschäftigungsformen, gruppenspezifisch legitimierte Dekommodifizierung Wohlfahrtsmix Bürgerstatus und Zugehörigkeitsrechte

13 Literatur: Castles, Francis G.; Obinger, Herbert; Leibfried, Stephan (2005): Bremst der Föderalismus den Leviathan? Bundesstaat und Sozialstaat im internationalen Vergleich, In: Politische Vierteljahresschrift 46 (2), S Iversen, Torben (2010): Democracy and Capitalism. In: Francis G. Castles, Stephan Leibfried, Jane Lewis, Herbert Obinger und Christopher Pierson (Hg.): The Oxford handbook of the welfare state. Oxford: Oxford University Press, S Manow, Philip (2002):,THE GOOD, THE BAD, AND THE UGLY. Esping-Andersens Sozialstaats- Typologie und die konfessionellen Wurzeln des westlichen Wohlfahrtsstaats. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 54 (2), S Manow, Philip (2008): Religion und Sozialstaat. Die konfessionellen Grundlagen europäischer Wohlfahrtsstaatsregime. Frankfurt am Main, New York: Campus. Pfau-Effinger, Birgit (2009): Wohlfahrtsstaatliche Politiken und ihre kulturellen Grundlagen. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 34 (3), S Rokkan, Stein (2006): Staat, Nation und Demokratie in Europa. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ullrich, Carsten G. (2003): Wohlfahrtsstaat und Wohlfahrtskultur. Zu den Perspektiven kultur- und wissenssoziologischer Sozialpolitikforschung. Universität Mannheim. Mannheim (MZES Working Paper, 67). Fehmel 2012

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