Vereinbarkeit von Studium und Beruf Kurzbericht zu einem studentischen Forschungsprojekt

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1 Vereinbarkeit von Studium und Beruf Kurzbericht zu einem studentischen Forschungsprojekt Prof. Dr. Stefan Dietsche Alice Salomon Hochschule Berlin Alice-Salomon-Platz 5; Raum Berlin

2 1. Einleitung Dieses Projekt ist im Rahmen eines Moduls Qualitative und quantitative Forschungsmethoden im Bachelor-Studiengang Physiotherapie/Ergotherapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin bearbeitet worden. Die Studierenden konnten in diesem Seminar eine Forschungsfrage selbst auswählen und eine quantitative Befragung in wesentlichen Teilen eigenständig durchführen und auswerten. Im Semester zuvor wurde im Rahmen desselben Moduls qualitativ untersucht, inwieweit Studium und Beruf an der Alice Salomon Hochschule vereinbar sind. Hieran anknüpfend sollte dieses Thema quantitativ bearbeitet werden. Insbesondere durch die Modularisierung des Studiums im Zuge der Bologna-Reform ist die Frage der Studierbarkeit von Studiengängen in einer Vielzahl von Veröffentlichungen aufgeworfen worden (vgl. hierzu exemplarisch Studierendenrat Evangelische Theologie 2012, Lemke 2009 oder Voß & Wolff-Bendik 2010). In diesem Forschungsprojekt sollte herausgefunden werden, in welchem Verhältnis Studium, Berufstätigkeit und Freizeit aus Sicht der Studierenden stehen, welche Krankheiten bei den Studierenden wie häufig vorkommen und ob das Auftreten von Krankheiten in Beziehung zur Doppelbelastung durch Studium und Beruf steht. 2. Methodik Die Befragung wurde als Querschnittsstudie mit einem Online-Fragebogen geplant (über Durch die Seminargruppe wurden Fragen für verschiedene Themenfelder erarbeitet und dann auf dieser Basis eine erste Version des Fragebogens erstellt. Der Fragebogen wurde einem Pretest durch die Seminargruppe unterzogen und dann angepasst. Einige Fragen wurden umformuliert oder entfernt, andere Fragen ergänzend hinzugenommen. Auf soziodemografische Angaben wurde weitestgehend verzichtet, da im Zuge der Auswertungen wenige Angaben ausgereicht hätten, um einzelne teilnehmende Studierende zu identifizieren. Die Befragung wurde dann vom bis zum durchgeführt. Die Auswertung erfolgte mit IBM SPSS Statistics. 3. Ergebnisse 3.1 Beschreibung der Stichprobe Der Fragebogen wurde von n=64 Studierenden der Alice Salomon Hochschule Berlin bin zum Ende bearbeitet, wenn auch nicht alle Studierenden alle Fragen beantwortet haben. 37,5% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer studieren Physiotherapie/Ergotherapie im berufsbegleitenden Studiengang, 62,5% studieren Physiotherapie/Ergotherapie im primärqualifizierenden Studiengang. 3.2 Freizeit Den Studierenden wurden verschiedene Fragen zu Ihrer Freizeit gestellt (s. Abbildung 1). Nur knapp ein Drittel der Studierenden (30,7%) gibt an, ausreichend Zeit für alle wichtigen Aktivitäten zu haben. Dementsprechend ist auch nur die Minderheit der Studierenden mit der Menge der zur Verfügung stehenden Freizeit zufrieden (34,4%). Ein Bezug zum Studium wird hierbei von den Studierenden 1

3 angegeben, 64,1% der Studierenden gibt an, seit Beginn des Studiums auf wichtige Freizeitaktivitäten verzichten zu müssen. Die Zufriedenheit mit der Menge der Freizeit hängt dabei nicht mit Angaben zur zeitlichen Belastung zusammen, weder mit der Arbeitszeit, den Semesterwochenstunden, der Vor- und Nachbereitungszeit für die Lehrveranstaltungen noch den wöchentlichen Fahrzeiten (Überprüfung mit Regressionsanalyse, hier nicht dargestellt). stimme voll und ganz zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme gar nicht zu Seit ich studiere, muss ich auf Freizeitaktivitäten verzichten, die mir wichtig sind 25,0% 39,1% 17,2% 18,8% Ich habe Zeit für alle Aktivitäten, die mir wichtig sind 9,7% 21,0% 50,0% 19,4% Mit der Menge meiner Freizeit bin ich zufrieden 9,4% 25,0% 43,8% 21,9% Meine Freizeit ist mir wichtig 82,8% 14,1% 3,1% Ich habe genügend Zeit für meine Freizeitaktivitäten 10,9% 29,7% 42,2% 17,2% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Abbildung 1: Zustimmung zu verschiedenen Aussagen zur Freizeit (Angaben in %, n=64) In Abbildung 2 ist dargestellt, welche soziale Unterstützung die Studierenden angeben. Jeweils etwas über 92% der Studierenden geben an, dass sie wissen, wo sie gegebenenfalls Hilfe bekommen können und dass sie in ihrem Umfeld Menschen haben, auf die sie sich immer verlassen können. stimme voll und ganz zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme gar nicht zu Wenn ich Hilfe benötige, weiß ich, wo ich sie bekommen kann 70,3% 21,9% 6,3% 1,6% In meinem direkten Umfeld habe ich Menschen, auf die ich mich immer verlassen kann 77,8% 14,3% 6,4% 1,6% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Abbildung 2: Zustimmung zu verschiedenen Aussagen zur sozialen Unterstützung (Angaben in %, n=64) 2

4 3.3 Arbeit 76,6% der Studierenden (n=49) geben an, neben dem Studium zu arbeiten, 34,4% der Studierenden (n=22) im Bereich der Physiotherapie oder Ergotherapie. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit beträgt 12,13 Stunden (±7,76). Als Vor- und Nachbereitungszeit der Arbeit werden im Mittel 2,49 Stunden pro Woche (±3,61) angegeben. In Abbildung 3 ist dargestellt, wie flexibel die Arbeitszeiten sind. Die Mehrheit der Studierenden (57,1%) gibt an, die Arbeitszeiten teilweise selbst bestimmen zu können. 28,6% 14,3% 57,1% Meine Arbeitszeiten kann ich vollständig selbst festlegen Meine Arbeitszeiten kann ich teilweise selbst festlegen Meine Arbeitszeiten sind nicht flexibel Abbildung 3: Flexibilität der Arbeitszeiten (Angaben in %, n=64) 3.4 Studium In Abbildung 4 ist dargestellt, wie sich die Studierenden das Studium finanzieren. Über zwei Drittel der Studierenden gibt an, zur Finanzierung des Studiums neben dem Studium zu arbeiten. Knapp zwei Drittel geben an, Unterstützung durch die Familie zu erhalten. 80% 60% 40% 70,3% 39,1% 40,6% 65,6% 20% 0% 1,6% 1,6% 15,6% Abbildung 4: Finanzierung des Studiums (Anteile in %, Mehrfachnennungen möglich, n=64) 3

5 Der zeitliche Aufwand des Studiums wurde mit mehreren Fragen erhoben. Als durchschnittliche Anzahl von Semesterwochenstunden werden 16,85 (±8,63; n=48) angegeben. Die durchschnittliche Zeit für Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen liegt angabegemäß bei 5,96 Stunden pro Woche (±4,43; n=61) und die durchschnittliche Fahrzeit wegen Studium und Beruf bei 8,62 Stunden pro Woche (±3,06; n=63). Die Frage nach der durchschnittlichen Zeit für die Vorbereitung von Leistungsnachweisen im Befragungssemester liefert kaum vergleichbare Angaben, da einige Studierende den laufenden Aufwand für ihre Bachelorarbeit eingerechnet haben; das arithmetische Mittel von 59,59 Stunden (±107,75; n=48) liefert hier also eine zu hohe Schätzung. Eine bessere Schätzung dürften hier Median und Modus liefern, beide liegen bei 20,0 Stunden. 3.5 Krankheiten Über die Hälfte der Studierenden (51,6%) gibt an, im letzten halben Jahr vor der Befragung krank gewesen zu sein ( Mussten Sie innerhalb des letzten halben Jahres der Hochschule und/oder der Arbeit aufgrund von Krankheit fernbleiben? ). In Abbildung 5 ist dargestellt, wie oft verschiedene Krankheiten bei den Studierenden vorliegen. Schulter-Nacken-Schmerzen, Kopfschmerzen und Rückenschmerzen sind die häufigsten Krankheiten in dieser Stichprobe. Burn-Out-Symptome und depressive Episoden sind die am seltensten genannten Krankheiten. immer oft gelegentlich selten nie Abbildung 5: Häufigkeit verschiedener Krankheiten (Arithmetisches Mittel und 95%-Konfidenzintervall, n=64) 3.6 Verbindung von Studium von Arbeit In zwei Items wurden die berufstätigen Studierenden dazu befragt, inwieweit die Inhalte des Studiums bei der Arbeit direkt umgesetzt werden können und inwieweit bei der Arbeit Erfahrungen gesammelt werden, die nützlich für das Studium sind (s. Abbildung 6). Diese Auswertungen werden nur für die Studierenden dargestellt, die im Bereich der Physiotherapie oder Ergotherapie arbeiten. Die Studierenden betonen eher den Transfer von der Arbeit zum Studium als umgekehrt. Etwa 87% der Studierenden geben an, dass die Erfahrungen bei der Arbeit für das Studium nützlich sind. Umgekehrt äußern nur 45%, dass die Inhalte des Studiums direkt bei der Arbeit umgesetzt werden können. Der Akademisierung wird dabei eine große Bedeutung für die Praxis zugesprochen. Mehr als 92% der befragten Studierenden stimmen der Aussage zu, dass durch die Akademisierung die Qualität der therapeutischen Versorgung verbessert werden kann. 4

6 stimme voll und ganz zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme gar nicht zu Durch die Akademisierung kann die Qualität der therapeutischen Arbeit verbessert werden 54,7% 37,5% 6,3% 1,6% Bei der Arbeit können Erfahrungen gesammelt werden, die für das Studium nützlich sind 45,2% 41,9% 12,9% Die Inhalte des Studium können bei der Arbeit direkt umgesetzt werden 9,7% 35,5% 51,6% 3,2% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Abbildung 6: Zustimmung zu verschiedenen Aussagen zur Verbindung von Studium und Arbeit (Angaben in %, n=49) Die Studierenden wurden auch dazu befragt, ob es durch Arbeit und Studium zu Terminkonflikten in beide Richtungen kommt. Die Ergebnisse sind in Abbildung 7 dargestellt. 32,7% der berufstätigen Studierenden geben an, dass sie gelegentlich oder oft Seminartermine aufgrund ihrer Arbeit verpassen. Umgekehrt geben 27,1% der berufstätigen Studierenden an, dass sie Termine bei der Arbeit gelegentlich oder oft aufgrund ihres Studiums verpassen. nie selten gelegentlich oft Wie häufig kommt es vor, dass Sie bei der Arbeit für die Hochschule lernen? 61,2% 24,5% 10,2% 4,1% Wie häufig verpassen Sie Seminartermine wegen der Arbeit? 34,7% 32,7% 26,6% 6,1% Wie häufig verpassen Sie Termine bei der Arbeit wegen des Studiums? 39,6% 33,3% 16,7% 10,4% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Abbildung 7: Zeitliche Probleme durch Arbeit und Beruf (Angaben in %, n=49) 3.7 Zusammenhang von Krankheiten und Belastungen in Studium und Beruf Um zu überprüfen, ob das Auftreten von Krankheiten mit der Belastung durch Arbeit und Studium zusammenhängt, wurden Regressionsanalysen durchgeführt. Tabelle 1 stellt die Regressionsanalyse für Burn-Out-Symptome dar. Es zeigt sich, dass die verwendeten Prädiktoren insgesamt keine gute Vorhersage ermöglichen, das Modell wird insgesamt trotz einer Varianzaufklärung von 16% nicht signifikant. Dies zeigt sich auch auf der Ebene der einzelnen Prädiktoren, nur die Einschätzungen bzgl. der Aussage Ich habe genügend Zeit für meine Freizeitaktivitäten hängen signifikant mit dem 5

7 Auftreten von Burn-Out-Symptomen zusammen. Je größer die Zustimmung zu dieser Aussage ist, desto seltener werden Burn-Out-Symptome berichtet. Tabelle 1: Regressionsanalyse zur Aufklärung von Burn-Out-Symptomen (n=45) Burn-Out-Symptome r-quadrat,31 korrigiertes r-quadrat,16 ANOVA F=2,02; p=,07 Standardisierte β-koeffizienten: Konstante,00 habe im direkten Umfeld Menschen, auf die ich mich verlassen kann -,16 wenn ich Hilfe benötige, weiß ich wo ich sie bekommen kann,06 Arbeitszeit -,17 habe genügend Zeit für meine Freizeitaktivitäten,45** seit Studienbeginn muss ich auf Freizeitaktivitäten verzichten -,13 Fahrzeiten (Std./Woche),11 SWS -,06 Vor- und Nachbereitung Lehrveranstaltungen (Std./Woche) -,05 ** p,01 4. Diskussion Die Ergebnisse liefern einen Einblick in die Thematik der Vereinbarkeit von Studium und Beruf. Mehr als drei Viertel der befragten Studierenden gehen neben dem Studium einer Erwerbstätigkeit nach. Bei etwa einem Drittel dieser berufstätigen Studierenden kommt es gelegentlich oder sogar oft zum Fehlen bei Seminarterminen wegen der Arbeit. Die Studierenden geben mehrheitlich an, dass Erfahrungen die bei der Arbeit gemacht werden, nützlich für das Studium sind. Die direkte Umsetzbarkeit von Studieninhalten bei der Arbeit wird deutlich kritischer eingeschätzt. Der zeitliche Aufwand durch Studium und Beruf steht in keinem direkten Zusammenhang mit dem Auftreten von Krankheiten. Entscheidender ist an diesem Punkt offenbar das Gefühl, noch ausreichend Freizeit zu haben. Unklar ist hier allerdings die Kausalität. Ob das Auftreten von Krankheiten zu einer kritischeren Einschätzung der vorhandenen Freizeit führt oder die zu geringe freie Zeit zu Krankheiten, kann mit den vorliegenden Daten einer Querschnittsstudie nicht beantwortet werden. Die Reichweite dieser Ergebnisse ist allerdings klar begrenzt. Die Stichprobe ist mit n=64 klein und da es sich nur um Physiotherapie/Ergotherapie-Studierende der Alice Salomon Hochschule Berlin handelt möglicherweise auch sehr homogen. Um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Anonymität zusichern zu können, wurde weitgehend auf die Erhebung von soziodemografischen Parametern verzichtet. Aus forschungsethischen Gründen war dies angezeigt, es limitiert jedoch die Möglichkeiten der Auswertungen. Es ist zu vermuten, dass mit einer größeren Stichprobe und weiteren soziodemografischen Merkmalen insbesondere die Regressionsanalysen zum Auftreten der Krankheiten aussagekräftigere Ergebnisse erbracht hätten. 6

8 5. Literaturverzeichnis Lemke, N. (2009. Vergleich der Studierbarkeit der Bachelorstudiengänge Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik. Bachelorarbeit. Berlin: Humboldt-Universität. Studierendenrat Evangelische Theologie (2012). Studierbarkeit modularisierter Studienordnungen. Eine Vergleichsstudie zu Studiengängen Ev. Theologie. Abgerufen am unter: Voß, B. & Wolff-Bendik, K. (2010). E-Learning als Beitrag zur Verknüpfung von Studium und Beruf am Beispiel des Weiterbildenden Online-Masterprogramms "Educational Media". Zeitschrift für e- learning: Lernkultur und Bildungstechnologie, 4(5),

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