Heißt: Roland Bebber hatte bei seiner langen Suche nach Hilfe nicht einfach nur Pech wie ihm geht es offenbar immer mehr Patienten.

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1 1 Defizite in der Physiotherapeuten-Ausbildung Bericht: Andreas Rummel Roland Bebber ist schwer behindert. Um Hilfe gegen seine ständigen extremen Rückenschmerzen zu bekommen, muss er lange Wege in Kauf nehmen zweimal die Woche 70 Kilometer für eine ordentliche Behandlung beim Physiotherapeuten. Hinter ihm liegt eine wahre Odyssee von Praxis zu Praxis. O-Ton: Roland Bebber, Schmerzpatient Vorher habe ich das Rezept meiner Hausärztin gehabt, hab's abgegeben, hab' eine Stromoder eine Massagetherapie erhalten, und das war's dann auch. Frage: Und hat nichts gebracht? Es hat nichts gebracht. Schade um die Zeit. Ich hab' da Sachen erlebt, das kann man eigentlich fast niemandem erzählen. Und ich habe nichts gekonnt, wenn ich mit meinen körperlichen Gebrechen zur Physiotherapie komme und man bietet mir eine Massage an. Da komme ich nicht einen einzigen Schritt weiter! Die Odyssee Bebbers von einem Physiotherapeuten zum nächsten wundert den Leiter dieser Praxis nicht. Er weiß, dass viele Kollegen am wirklichen Problem der Patienten vorbeimassieren, es häufig erst gar nicht erkennen. O-Ton: Martin George, Physiotherapeut Zum einen können es viele Therapeuten nicht und/ oder halten es für unwichtig. Zum zweiten wird es in der Ausbildung nicht ausreichend vermittelt. Der Transfer von der Ausbildung in die Praxis fehlt völlig! Heißt: Roland Bebber hatte bei seiner langen Suche nach Hilfe nicht einfach nur Pech wie ihm geht es offenbar immer mehr Patienten.

2 2 Leipzig, ein Fortbildungszentrum für Physiotherapeuten. Dieser Arzt führt in verschiedenen Bundesländern Weiterbildungen für Therapeuten durch, deren Ausbildung bereits beendet ist. Die Klasse, in die er uns eingeladen hat, weist ein hohes Niveau auf - aber das ist eine große Ausnahme, wie der Mediziner sagt. O-Ton: Dr. Eyk Schiller, Arzt Nach den Erfahrungen der letzten Jahre in den Kursen, die ich hier gebe, würde ich zehn Prozent der Physiotherapeuten an meinen Körper lassen! Frage: Und 90 Prozent nicht? Und 90 Prozent nicht. Frage: Warum? Weil sie es nicht können? Weil sie es nicht können, ja. Kritisch sieht der Dozent vor allem die Entwicklung der letzten Jahre. Es gibt ganz offensichtlich ein Problem. O-Ton: Dr. Eyk Schiller, Arzt Ich musste in der Tat das Kursniveau von dieser Kursserie um zwei Drittel kürzen, weil die Qualifikation der Teilnehmer nicht vorhanden ist! Eine genügende Qualifikation der Teilnehmer nicht vorhanden ist. Frage: Sie meinen, das Niveau musste runter gefahren werden? Das Niveau musste runter gefahren werden. Frage: Was heißt das, warum haben sie diese Qualifikation nicht? Weil das Wissen, das dazu gebraucht wird, nicht vermittelt worden ist in der Ausbildung. Frage: Das heißt, was stellen Sie da fest? Es gibt massive Defizite in der Ausbildung der Physiotherapeuten in Deutschland! Defizite in der Ausbildung? Tatsächlich fördern doch etliche Bundesländer gerade diese Ausbildung massiv mit Steuergeldern: bis zu Euro pro Schüler und Jahr. Allein Sachsen zahlt jährlich mehr als sieben Millionen Euro. Solche Finanzspritzen für die Schulen haben offenbar einen Boom ausgelöst, denn die Zahl der Physiotherapeuten hat sich in den

3 3 vergangenen zehn Jahren annähernd verdoppelt. Im sächsischen Kultusministerium sagt man dazu, dass die Fördermillionen die Qualität der Ausbildung heben. Und: Man lege Wert auf strenge Kriterien eben auch bei der Auswahl der künftigen Physiotherapeuten. O-Ton: Jürgen Staupe, Staatssekretär Kultusministerium Sachsen In Sachsen gibt es nach Paragraph 114 der Berufsfachschulordnung eine Aufnahmeprüfung, die die Kandidaten bestehen müssen. Nur dann kommen sie in die Schule hinein. Sie müssen Geschicklichkeitstests machen, sie müssen Sprachtests machen, Beweglichkeitstest also für diesen speziellen Beruf auch prinzipiell geeignet sein. Das ist in Sachsen nach dieser Vorschrift an allen Berufsfachschulen der Fall! Hört sich erst mal gut an. Wir machen den Test an der Bernd-Blindow-Schule in Leipzig, einem großen privaten Schulträger mit versteckter Kamera: Mitte 40, Mittlere Reife, Job suchend. Zu unserer Überraschung heißt es: Ein Attest vom Arzt über die körperliche Eignung für den Beruf reicht. Keine Rede von irgendwelchen Tests die doch angeblich Vorschrift sind. O-Ton: Gespräch an der Bernd-Blindow-Schule mit versteckter Kamera Frage: Das heißt, es findet auch kein Eingangsgespräch mit irgendjemandem statt? Wir haben mehrere Tage der offenen Tür im Jahr. Wer sich interessiert, kann dort kommen. Frage: Mittlere Reife die Note spielt überhaupt keine Rolle? Nein, nein. Frage: Ich muss nur unterschreiben und dann kann's losgehen? Ja. Erstaunlich: Kein einziges der vom Ministerium behaupteten Zulassungskriterien wird tatsächlich gefordert. Die Leitung des Schulträgers ist zum Interview mit uns bereit. Und jetzt wird es noch erstaunlicher: Dass hier erstmal jeder aufgenommen wird, ohne Eignungstest, wird gar nicht bestritten.

4 4 O-Ton: Andreas Blindow, Bernd-Blindow-Gruppe Mir ist es neu, dass in Sachsen jetzt auch private Schulen quasi per Gesetz im Grunde verpflichtet sein sollen, solche Aufnahmeverfahren durchzuführen. Zumal wir das seit 30 Jahren nie gemacht haben sondern das auch bekannt ist, dass wir das nicht durchführen. Das heißt also: keine Aufnahmetests. Wer den Vertrag unterschreibt, hat seinen Platz in der Klasse ohne Bedingungen. O-Ton: Andreas Blindow, Bernd-Blindow-Gruppe Frage: Also festzuhalten bleibt: Uns wird gesagt, alle Schulen in Sachsen machen das, stimmt aber nicht. Und Sie haben noch nie ein Problem bekommen, weil Sie es nicht machen? Das ist bekannt, und das ist auch nie gesagt worden von irgendeiner Stelle, dass wir so was machen müssen! Unsere Recherchen ergeben, dass tatsächlich für einen Teil der Privatschulen Aufnahmetests doch nur eine freiwillige Leistung sind. Doch freiwillig oder verpflichtend: Im Ministerium glaubt man, alle Schulen führen Aufnahmetests durch. O-Ton: Jürgen Staupe, Staatssekretär Kultusministerium Sachsen Frage: Mir ist bekannt, dass es Schulen in Sachsen gibt, die keine Eignungsprüfung vornehmen. Sie kennen diese Vorschrift, und diese Vorschrift muss auch eingehalten werden. Ich gehe davon aus, dass das auch überall in Sachsen so ist! Ist es aber nicht. Und wie es aussieht, hat es bislang auch niemanden gekümmert. Schriftlich teilt uns das Ministerium nach dem Interview mit, dass man sich um die Angelegenheit kümmern werde. Für Praktiker wie den Physiotherapeuten Stefan Srugies, der auch als Dozent in der Weiterbildung tätig ist, stellt sich die Frage grundsätzlicher. Angesichts der Gesamtsituation wundert er sich, warum immer noch Fördermillionen in die Ausbildung fließen.

5 5 O-Ton: Stefan Srugies, Physiotherapeut Dadurch wird die qualitative Problematik der Physiotherapie sich eher verschlechtern als verbessern. Frage: Weil? Weil die Schulen geneigt sind, so viele wie möglich in die Ausbildung aufzunehmen, ohne gewisse Qualitätsstandards einhalten zu müssen und auch zu wollen. Leidtragende einer schlechter werdenden Ausbildungsqualität sind Patienten wie Roland Bebber, die lange suchen müssen bis sie einen Physiotherapeuten finden, der ihnen wirklich helfen kann.

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