IHKMonitor Dr. Frank Bodmer. Ostschweiz mit überdurchschnittlicher Dynamik

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1 IHKMonitor 2011 Dr. Frank Bodmer Ostschweiz mit überdurchschnittlicher Dynamik

2 Der IHK-Monitor Der von der IHK St.Gallen-Appenzell entwickelte Monitor berücksichtigt zehn Variablen, anhand derer die Attraktivität eines Kantons und einer Region erfasst werden können. Dabei wird auf der einen Seite eine Unterscheidung in die Attraktivität als Wohnort und als Arbeitsort vorgenommen, auf der anderen Seite in Niveau und Dynamik. Abbildung 1 zeigt die verwendeten Variablen. Abbildung 1: Aufbau des IHK-Monitors Niveau Dynamik Wohnort Verfügbare Einkommen pro Kopf Wachstum Verfügbare Einkommen pro Kopf Anteil Bevölkerung mit höherer Wachstum Bevölkerung Sekundarbildung Anteil Bezüger von IV, ALV und Sozialhilfe an der Bevölkerung Binnenwanderung in % der Bevölkerung Steuerbelastung mittlere und hohe Einkommen Veränderung Steuerbelastung mittlere und hohe Einkommen Arbeitsort Arbeitsproduktivität Wachstum Arbeitsproduktivität Beschäftigung / Bevölkerung Wachstum Beschäftigung Güterexporte pro Kopf Veränderung Exportanteil an der Wertschöpfung Steuerbelastung Unternehmen Veränderung Steuerbelastung Unternehmen Quelle: eigene Darstellung Wir verzichten auf Daten zur subjektiven Einschätzung der Region als Wohnort oder Unternehmensstandort. Falls die weichen Faktoren wie z.b. Sicherheit oder eine schöne Landschaft für den Wohnort wirklich so bedeutend sind, sollten sie sich eigentlich in den messbaren Daten niederschlagen, insbesondere beim Bevölkerungswachstum oder bei der Binnenwanderung. Aus den einzelnen Variablen werden mit Hilfe eines Aggregationsverfahrens Gesamtindikatoren zur Attraktivität entwickelt: erstens jeweils für Wohnort und Arbeitsort und für Niveau und Veränderung getrennt, zweitens auch für die kombinierte Attraktivität als Wohnort und Arbeitsort, allerdings immer noch getrennt für Niveau und Veränderung. 1 Bei der Dynamik werden jeweils die Wachstumsrate bzw. die Veränderung der letzten fünf Jahre berücksichtigt, für die gezeigten Daten sind es die Jahre 2005 bis Die 1 Details finden sich in Frank Bodmer (2009), Der IHK-Monitor: Ein neues Instrument zur Analyse der regionalen Entwicklung, IHK-Schriftenreihe Nr. 31, Industrie- und Handelskammer St.Gallen- Appenzell. 2

3 Niveauvariablen sind für das Jahr 2010, ausser im Falle des Anteils der Bevölkerung mit höherer Sekundarbildung, welcher im Moment nur für das Jahr 2000 vorliegt. Für die regionale Einteilung werden im Wesentlichen die Grossregionen des BfS zugrunde gelegt, mit einer Ausnahme (Abbildung 2). Die Grossregion Ostschweiz des BfS wird aufgeteilt in eine Kernregion Ostschweiz (OCH), welche die beiden Appenzell, St.Gallen und Thurgau umfasst. Schaffhausen wird zu Zürich hinzugefügt (ZH), Graubünden und Glarus werden mit dem Tessin zu einer Region Südostschweiz (SOCH) zusammengefasst. Die übrigen Regionen entsprechen der Einteilung des BfS: Die Zentralschweiz (ZENT) mit Luzern, Uri, Nid- und Obwalden, Zug und Schwyz; die Nordwestschweiz (NW) mit Aargau und den beiden Basel; der Espace Mittelland (ESP) mit Bern, Solothurn, Neuenburg, Jura und Freiburg; die Genferseeregion (LEM) mit Genf, Waadt und dem Wallis. Abbildung 2: Grossregionen der Schweiz ZH: NW: Schaffhausen, Aargau, Zürich Basel Land, Basel Stadt OCH: Appenzell AR, Appenzell AI, St.Gallen, Thurgau ESP: Bern, Solothurn, Neuenburg, Jura, Freiburg ZENT: Luzern, Uri, Nid- und Obwalden, Zug, Schwyz SOCH: Graubünden, Glarus, Tessin LEM: Genf, Waadt, Wallis Quelle: eigene Darstellung Einzelvariablen Das Jahr 2010 war durch eine überraschend schnelle und kräftige Erholung von der Rezession geprägt. Sowohl die Binnenwirtschaft als auch die Exportwirtschaft trugen zu diesem Aufschwung bei. Die Entwicklung der Exportwirtschaft stützte sich auf eine dynamische Weltwirtschaft und widerstand bisher auch der Aufwertung des Schweizer Frankens. Die Erholung der Exporte hat der Ostschweizer Wirtschaft starke Wachstumsimpulse gegeben. Mit den Exporten stieg auch die Beschäftigung wieder an. Die durch die Rezession verursachten Beschäftigungsverluste konnten bereits mehr als kompensiert werden. Der Anteil 3

4 der von AHV, IV und Sozialhilfe abhängigen Bevölkerung blieb im 2010 allerdings noch relativ hoch. Als sehr positiv ist dort zu vermerken, dass die Entwicklung der Fallzahlen bei der IV und der Sozialhilfe stabilisiert werden konnte. Bei den Steuern hat auch das Jahr 2010 weitere Reduktionen gebracht. In der Ostschweiz senkte vor allem der Kanton St.Gallen die Steuerbelastung für die natürlichen Personen, aber auch im Thurgau wurde der kantonale Steuerfuss reduziert. Bei den juristischen Personen liegen die Ostschweizer Kantone weiterhin mit einer tiefen Belastung weit vorne, auch wenn der Kanton Schwyz die Spitzenposition von Appenzell Ausserrhoden und Obwalden übernommen hat, zumindest in einigen Tiefsteuergemeinden. Weiterhin bleibt das Wachstum der Produktivität in der Ostschweiz sehr erfreulich. Gesamtindikatoren Bei den Gesamtindikatoren konnte die Ostschweiz ihre Position gegenüber dem IHK- Monitor 2010 halten oder noch weiter verbessern. Bei Niveau und Dynamik als Wohnort nähert sich die Ostschweiz weiter dem schweizerischen Mittel an (Abbildung 3). Die Zentralschweiz bleibt in diesem Bereich die Spitzenreiterin. Bei der Attraktivität als Arbeitsort resultierte im Niveau ein Wert leicht über dem schweizerischen Durchschnitt, bei der Dynamik wiederum ein Spitzenwert (Abbildung 4). Klarer Verlierer ist auch in diesem Bereich der Espace Mittelland, wo der Einbruch bei der Exportwirtschaft weiter nachwirkt. Beim Niveau der Gesamtattraktivität resultierte für die Ostschweiz ein Wert leicht unter dem schweizerischen Mittel, die Dynamik war dagegen überdurchschnittlich gut (Abbildung 5). An dieser Stelle muss noch auf eine Eigenheit des IHK-Monitors hingewiesen werden. Die Dynamik wird mit anderen Variablen gemessen als das Niveau. Deshalb kann es geschehen, dass sich das Niveau nur wenig verändert, obwohl die Dynamik zum wiederholten Male sehr positiv war. Dies war gerade bei der Ostschweiz der Fall. Trotz hoher Dynamik konnte der Rückstand im Niveau der Attraktivität nur leicht verringert werden. Positive Impulse, wie sie z.b. von den Steuersenkungen ausgehen, müssen noch verstärkt in verbesserte Resultate bei Niveauvariablen wie dem verfügbaren Einkommen umgesetzt werden. Insgesamt stellen die Resultate des IHK-Monitors 2011 der Ostschweiz ein gutes Zeugnis aus. Die Region hat die Rezession von 2009 nicht nur gut überstanden, die letzten Jahre konnten sogar zu einer deutlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Attraktivität genutzt werden. Dazu haben nicht zuletzt wiederholte Steuersenkungen beigetragen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in diesem und dem nächsten Jahr entwickeln wird. Der starke Schweizer Franken stellt die Ostschweizer Industrie vor eine grosse Herausforderung. Sollte diese Situation anhalten, könnte der Werkplatz Schweiz bedroht sein, mit dramatischen Folgen für die Ostschweiz. 4

5 Abbildung 3: Kombinierte IHK-Indikatoren für Attraktivität als Wohnort, Regionen Dynamik Wohnort LEM CH OCH NW SOCH ZENT ZH Quelle: Eigene Berechnungen, siehe Text für Details ESP Niveau Wohnort Abbildung 4: Kombinierte IHK-Indikatoren für Attraktivität als Arbeitsort, Regionen Dynamik Arbeitsort ESP SOCH LEM OCH CH ZENT ZH NW Quelle: Eigene Berechnungen, siehe Text für Details Niveau Arbeitsort Abbildung 5: Kombinierte IHK-Indikatoren für Gesamtattraktivität, Regionen Dynamik Gesamt LEM OCH SOCH CH NW ZENT ZH Quelle: Eigene Berechnungen, siehe Text für Details ESP Niveau Gesamt 5

6 Über den Autor Dr. Frank Bodmer ist selbständiger Ökonom. Für die IHK St.Gallen-Appenzell bearbeitet er wirtschaftspolitische Themen. Er ist unter anderem Koautor der Studien «Crash: Marktversagen Staatsversagen» (mit Silvio Borner), «Aufschwung als Reformchance» (mit David Iselin und Hans Rentsch) sowie der «Wirtschaftsstudie Ostschweiz 2007» (mit Peter Eishenhut). Gallusstrasse 16 Postfach 9001 St.Gallen T F

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