Situation pflegender Angehöriger

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1 Situation pflegender Angehöriger Forum Versorgung Berlin Dr. Frank Verheyen

2 Ausgangslage aktuell 2,5 Mio. Pflegebedürftige, von denen ca. 7 zuhause betreut werden Prognose: Anstieg der Pflegebedürftigen von 2007 um ca. 29% bis 2020 und um 5 bis 2030 Demographische Entwicklung zentrales Standbein der Versorgung derzeit pflegende Angehörige (noch?) als Welche sieht die Belastungssituation der Betroffenen aus? Welche Informationen können den Pflegenden helfen? Welche Entlastungsmöglichkeiten sind gefragt? Beitrag zur gesundheitspolitischen Diskussion in der GKV: Wie kann die TK unterstützen? Welche Maßnahmen sollten sinnvollerweise weiterentwickelt werden? 2

3 Methodik Zielgruppe: pflegende Angehörige CAPI-Befragung (FORSA), d.h. persönliche computer-unterstützte Interviews Quotenstichprobe mit Gewichtung insgesamt Befragte ab 18 Jahren, deutschlandweit repräsentativ Untersuchungszeitraum: Fragebogeninhalte: subjektives Befinden (u.a. "Häusliche Pflege Skala" aus der Leitlinie für pflegende Angehörige), Kenntnisse über Beratungs- und Entlastungsmöglichkeiten, Informationszugang 3

4 Wer pflegt? - Wer wird gepflegt? Verteilung der Pflegestufen Stufe 3 9% Stufe 2 28% Stufe 0 4% Stufe 1 59% Geschlecht: 79% der Befragten sind weiblich, 21% männlich Alter: die größte Gruppe stellen mit 51,8% die Jährigen, etwa 3 sind Jahre alt und 18,6% älter als 65 Jahre Der/die zu Pflegende ist bei 5 ein Elternteil, bei 18% der Lebenspartner und bei 11% ein Elternteil des Partners Pflegesituation: Während 62,8% der Befragten langsam in die Pflegesituation hineingewachsen sind, wurden 37,2% plötzlich mit der Notwendigkeit der Betreuung konfrontiert. 30,1% der Befragten gaben an, dass beim Pflegebedürftigen eine Demenzerkrankung vorliegt. fast 7 von 10 (65%) kümmern sich täglich um den pflegebedürftigen Angehörigen 4

5 Warum wird gepflegt? Ausschlaggebende Gründe für Übernahme der Pflege Mehrfachnennungen; Nennungen unter 1 nicht aufgeführt Pflichtgefühl, Familienzusammenhalt 38% 45% 61% pragmatische Gründe: kein anderer hat Zeit, Pflegender wohnt in der Nähe Mitgefühl, Hilfsbereitschaft 13% 21% 25% 1 19% 23% 66 Jahre und älter Jahre Jahre emotionale Bindung, Liebe, Vertrautheit 18% 15% 18%

6 Pflege: eine Kooperationsaufgabe? Teilen Sie sich die Pflegeaufgaben mit anderen? Mehrfachantworten ja, mit anderen Angehörigen, Bekannten, Freunden oder Nachbarn ja, mit professionellen Pflegekräften, die ins Haus kommen ja, mit professionellen Einrichtungen (Tages-, Kurzzeit- oder Nachtpflege) nein, pflege alleine 8% 24% 41% 54% Etwa ein Viertel der Befragten (24%) ist allein für die Pflege verantwortlich. Mehr als die Hälfte (54%) teilt sich die Pflegeaufgaben mit Familienangehörigen, Freunden und Nachbarn Professionelle Unterstützung bekommen 41% der Befragten durch Pflegepersonen, die ins Haus kommen und 8% durch Pflege-Einrichtungen (Tages- Kurzzeit- und Nachtpflege) % der Befragten haben Hilfe bei der Pflege 6

7 Die Pflege im Griff Ich habe das Gefühl, die Pflege im Griff zu haben 10 93% 91% 92% 9 Diesem Statement wird über alle Altersgruppen und Pflegestufen von 9 der Befragten oder mehr zugestimmt Pflegestufe 0 Pflegestufe 1 Pflegestufe 2 Pflegestufe 3 92% 92% Jahre 50 bis 65 Jahre 66 Jahre und älter 7

8 Die Pflegetätigkeit gibt aber auch Kraft Ich ziehe viel Kraft aus dem Wissen, dass ich dazu beitrage, dass der Pflegebedürftige weiter zuhause wohnen kann % 84% 79% Durchschnittlich 81% der Befragten, geben an, dass sie viel Kraft aus dem Wissen schöpfen, dass der Pflegebedürftige weiter zuhause wohnen kann Pflegestufe 0 Pflegestufe 1 Pflegestufe 2 Pflegestufe 3 78% 82% 83% Jahre 50 bis 65 Jahre 66 Jahre und älter Die größte Zustimmung zeigt sich im 84% bei Pflegestufe 2. Je älter der Pflegende, desto höher ist auch die Zustimmung (78% der jährigen versus 83% der Befragte, die 66 Jahre oder älter sind). 8

9 Die Pflege ist kräftezehrend Die Pflege kostet mich viel von meiner eigenen Kraft % 56% 71% Pflegestufe 0 Pflegestufe 1 Pflegestufe 2 Pflegestufe 3 Durchschnittlich 62% der Befragten, geben an, dass die Pflege sie viel von ihrer eigenen Kraft kostet. Je höher die Pflegestufe, desto höher die Belastung: in Pflegestufe 3 ist sie fast doppelt so hoch wie in Stufe % 58% Bei den Pflegenden von Demenzerkrankten gibt ein signifikant höherer Anteil an, dass die Pflegetätigkeit sie viel ihrer eigenen Kraft kostet (71% vs. 58%). 4 2 Demenz andere Grunderkrankung 9

10 Herausforderung Demenz Die Pflege kostet mich viel von meiner eigenen Kraft 58% 71% Pflegende von Demenzerkrankten sind deutlich stärker belastet. Sie geben signifikant häufiger an, dass Ständig in Bereitschaft zu sein, strengt mich sehr an Ich fühle mich oft körperlich erschöpft Durch die Pflege wird meine eigene Gesundheit angegriffen 63% 51% 58% 46% 37% 27% die Pflege sie viel ihrer eigenen Kraft kostet (71% vs. 58%), es sie anstrengt, ständig in Bereitschaft zu sein (63% vs. 51%), die Pflege die eigene Gesundheit angreift (37% vs. 27%) und sie sich körperlich erschöpft fühlen (58% vs. 46%). Demenz andere Grunderkrankung 10

11 Pflege ist eine Dauerbelastung Ständig in Bereitschaft zu sein, strengt mich sehr an % 51% 63% 67% Durchschnittlich 55% der Befragten, geben an, dass es sie sehr anstrengt, ständig in Bereitschaft zu sein. Je höher die Pflegestufe ist, desto höher ist auch die Zustimmung Pflegestufe 0 Pflegestufe 1 Pflegestufe 2 Pflegestufe 3 Je älter der Pflegende, desto höher ist auch die Zustimmung (5 der jährigen versus der Befragte, die 66 Jahre oder älter sind). 5 56% Jahre 50 bis 65 Jahre 66 Jahre und älter 11

12 Gefühlte Gesundheit bei allein Pflegenden und Pflegenden im Vergleich zur Bevölkerungsstichprobe % 18% 35% 48% gemeinsam Pflegende 46% 36% allein Pflegende 11% 27% 61% TK Meinungspuls 2013 sehr gut / gut zufriedenstellend weniger gut/ schlecht Bei der Selbsteinschätzung des allgemeinen Gesundheitszustandes zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen Befragten, die allein pflegen und Befragten, die sich diese Aufgaben mit anderen teilen: die allein Pflegende schätzen ihren Gesundheitszustand deutlich schlechter ein. Bei den Befragten, die sich die Aufgaben mit anderen teilen, bewerten 48,2% ihren Gesundheitszustand mit "sehr gut" oder "gut", bei den allein Pflegenden sind es nur 36,2%. Im Vergleich zur repräsentativen Bevölkerungsstichprobe (TK Meinungspuls 2013) bewerten die Pflegenden Ihren eigenen Gesundheitszustand deutlich schlechter. 12

13 Entlastung in der Pflege Anteil der Befragten, die diese Angebote kennen Anteil der Befragten, die diese Angebote nicht nutzen Anteil der Befragten, die diese Angebote nutzen Ambulanter Pflegedienst, der regelmäßig ins Haus kommt 10 42% 58% Tagespflege-Einrichtungen (für einige Stunden am Tag) Kurzzeitpflege-Einrichtung (kurzzeitiger vollstationärer Aufenthalt, ist für bis zu 28 Tage im Jahr möglich) 92% 72% 2 91% 65% 25% Nachtpflege-Einrichtung (nur über Nacht, damit die Pflegekraft zur Ruhe kommt) 74% 66% 7% Ersatzpflege, die ins Haus kommt, wenn die Pflegeperson verhindert ist (z.b. durch Krankheit) 87% 56% 3 Zusätzliche Betreuungsleistung wie zusätzliche stundenweise Unterstützung z.b. durch einen ambulanten Pflegedienst bei erhöhtem Betreuungsbedarf - vor allem bei Pflegebedürftigen mit Demenz 82% 61% 2 Gründe für Nicht-Nutzung: 67% schaffen es noch so / war bisher nicht notwendig 16% Pflegebedürftiger weigert sich 1 finanzielle Gründe 13

14 Beratungsangeboten können helfen ausgewählte Ergebnisse Anteil der Befragten, die diese Angebote kennen Anteil der Befragten, die diese Angebote nicht nutzen Anteil der Befragten, die diese Angebote nutzen Individuelle Pflegeschulung zuhause 5 32% 17% Pflegekurse in der Gruppe 58% 43% 14% Pflegeberatung durch eine Pflegekasse 73% 33% 4 Pflegestützpunkte* 55% 39% 14% Beratung bei Entlassung des zu pflegenden aus dem Krankenhaus 75% 3 43% Selbsthilfegruppen / Gesprächskreis 69% 52% 16% * nicht in allen Bundesländern vorhanden Gründe für Nicht-Nutzung: 57% bisher noch kein Bedarf 12% Angebot bisher unbekannt 8% zeitliche Gründe 14

15 Bedeutung der Krankenkassenangebote Welche Unterstützungsangebote würden Sie nutzen? Kennenlernen neuer Entlastungsmöglichkeiten Beratung zu Fragen der Pflegeversicherung Beratung und Unterstützung zur Organisation und Sicherstellung der Pflege meines Angehörigen, wenn ich selbst ausfalle Stimme voll und ganz zu / Stimme eher zu 85% Erlernen neuer Pflegetechniken 73% Kurmaßnahmen für pflegende Angehörige Beratung im Umgang mit der Pflegesituation [bezieht sich auf Verhaltensweisen des zu Pflegenden, z.b. Aggressivität beim Essen aufgrund von fehlendem Hungergefühl oder körperliche Probleme im Badezimmer] 67% 62% Erlernen von Entspannungstechniken 58% 54% der Befragten gaben an, dass sie sich Unterstützung von ihrer Krankenkasse wünschen würden. Diese sehen und mehr in der Beratung zu Fragen der Pflegeversicherung oder zur Organisation der Pflege sowie dem Kennenlernen neuer Entlastungsmöglichkeiten 42 % wünschen sich psychologische Unterstützung und 44 % den Austausch mit anderen Pflegenden Austausch mit anderen Pflegenden 44% Psychologische Beratung 42% 15

16 Zur Diskussion... Die Pflegesituation ist gekennzeichnet durch die enge emotionale und soziale Bindung zwischen Pflegeperson und Pflegendem. Oftmals pflegen enge Verwandte (Kinder). Die Sozialstruktur wird sich in den nächsten Jahren verändern. Dies erfordert eine Anpassung der "Pflege-Arrangements". Die Pflegenden ziehen auch Positives aus ihrer Tätigkeit. Sie nehmen Kraft aus der Pflege mit und fühlen sich in der Lage, die Pflege gut zu bewältigen. Es zeigt sich eine Belastungssituation je nach den Rahmenbindungen und auch dem individuellen Kontext. Die Belastungssituation ist deutlich ausgeprägt bei Personen mit Demenz. Wenn die Situation der Pflegepersonen optimiert werden soll, ist es notwendig, individuelle Konzepte zu entwickeln. Dabei kommt der Kommunikation mit der Pflegeperson eine entscheidende Bedeutung zu. Überraschend viele Entlastungs- und Beratungsangebote werden nicht genutzt oder sind gar nicht bekannt. Niederschwellige Angebote können dabei helfen, Entlastung zu schaffen. Die frühzeitige Information/Reflexion könnte das Entstehen zunehmender Belastung "entschärfen". 16

17 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Dr. Frank Verheyen

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