Fachanwälte für Arbeitsrecht

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1 Fachanwälte für Arbeitsrecht von Rechtsanwalt Dr. Matthias Kilian Universität zu Köln Rechtswissenschaftliche Fakultät Direktor des Soldan Instituts für Anwaltmanagement Stefanie Lange Wiss. Mitarbeiterin des Soldan Instituts unter Mitwirkung von Dipl.-Soz. Nicole Reiß, Dipl.-Vw. Silke Krämer, Dipl.-Jur. Alexandra von Albedyll

2 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse Struktur der Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht Die Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht ist mit einem Anteil von 21 % die größte aller Fachanwaltschaften in Deutschland. 5,6 % aller deutschen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte verfügen über den Titel Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die Fachanwaltschaft verzeichnet seit ihrer Einführung im Jahr 1986 jährliche Zuwächse, wenngleich die jährliche Wachstumsrate seit 2007 leicht rückläufig ist. Im Vergleich zu den anderen älteren, d.h. vor dem Jahr 2000 geschaffenen Fachanwaltschaften ist die Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht zuletzt leicht unterdurchschnittlich gewachsen. 24 % aller Fachanwälte für Arbeitsrecht verfügen über einen oder zwei weitere Fachanwaltstitel neben dem Titel Fachanwalt für Arbeitsrecht. Dieser Wert liegt leicht über dem Wert für die übrigen 19 Fachanwaltschaften. In den Kammerbezirken liegt der Anteil der Fachanwälte für Arbeitsrecht an allen anwaltlichen Mitgliedern der Rechtsanwaltskammer zwischen 10 % (RAK Oldenburg) und 4 % (RAK Berlin). In eher ländlich geprägten Kammerbezirken ist die Anzahl der Fachanwälte für Arbeitsrecht im Vergleich zu sämtlichen registrierten Rechtsanwälten des Bezirks daher besonders hoch. Die Bezirke Hamburg und Bremen weisen zwar die geringste Anzahl von Fachanwälten für Arbeitsrecht im Verhältnis zur Gesamtzahl der Kammermitglieder auf, gleichzeitig besteht in diesen Gebieten jedoch die höchste Dichte von arbeitsrechtlichen Fachanwälten, also die theoretisch beste Versorgung der Bürger mit Beratung in diesem Bereich. Auch die Ballungsgebiete in Hessen, Berlin und Nordrhein-Westfalen verzeichnen eine besonders hohe Dichte von Fachanwälten für Arbeitsrecht. Auffällig ist die deutlich geringere Fachanwaltsdichte in den ostdeutschen Bundesländern. Fachanwälte für Arbeitsrecht sind zu über einem Drittel in Städten mit bis zu Einwohnern tätig. Noch häufiger, nämlich mit einem Anteil von 42 % sind sie jedoch in Ballungszentren mit mehr als Einwohnern ange- 165

3 siedelt. Die Verteilung der Fachanwälte für Arbeitsrecht auf den kleinstädtischen sowie auf den großstädtischen Raum hält sich damit beinahe die Waage. Rechtsanwältinnen sind in den Fachanwaltschaften allgemein mit einem Anteil von 27 % immer noch unterrepräsentiert. Auch in der Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht entfällt lediglich ein Anteil von 24 % auf Fachanwältinnen. Dieser Anteil ist damit noch einmal signifikant niedriger als in den anderen Fachanwaltschaften (28 %), so dass sich das Bild der Fachanwaltschaft als Männerdomäne im Bereich Arbeitsrecht durchaus bestätigt. Mehr als die Hälfte aller Fachanwälte für Arbeitsrecht übt den Anwaltsberuf in einer örtlichen Sozietät aus (55 %). Unter den übrigen Fachanwälten beträgt dieser Anteil nur 49 %. Über ein Drittel ist als Einzelanwalt oder in Bürogemeinschaft tätig, wenngleich dieser Wert bei den Arbeitsrechtlern niedriger ist als in den übrigen Fachanwaltschaften. Seltener sind Fachanwälte und so auch Fachanwälte für Arbeitsrecht in überörtlichen oder internationalen Sozietäten tätig. Besonders häufig bearbeiten Fachanwälte für Arbeitsrecht gewerbliche Mandate. Bei 37 % der Arbeitsrechtler nehmen diese Mandate einen Anteil von 31 bis 60 % an der Gesamttätigkeit ein. In den anderen Fachanwaltschaften liegt der Vergleichswert mit 22 % deutlich niedriger. Von den Fachanwälten für Arbeitsrecht, die eine Nebentätigkeit ausüben, sind 48 % als Notar und 21 % als Mediator tätig. Im Vergleich zu den übrigen Fachanwaltschaften sind Arbeitsrechtler zudem signifikant häufiger als angestellte Unternehmens- oder Verbandsjuristen tätig. Entscheidung für den Erwerb des Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht 166 Über zwei Drittel der Fachanwälte für Arbeitsrecht erwerben den Fachanwaltstitel innerhalb der ersten zehn Jahre nach dem Berufseinstieg und damit verhältnismäßig früh in der Berufskarriere. In den übrigen Fachanwaltschaften verhält es sich umgekehrt. Hier wird ein Fachanwaltstitel deutlich

4 häufiger erst angestrebt, wenn mehr Berufserfahrung gesammelt worden ist. Typische Qualifizierungskanzlei für künftige Fachanwälte für Arbeitsrecht ist die Kleinkanzlei, in der neben dem Fachanwaltsaspiranten ein bis vier weitere Rechtsanwälte tätig sind. In einem solchen Umfeld haben 72 % aller Fachanwälte für Arbeitsrecht ihren Fachanwaltstitel erworben. In den übrigen Fachanwaltschaften liegt die Vergleichsquote bei 62 % und damit deutlich niedriger. Wie bei allen anderen Fachanwaltschaften mischen sich bei der Entscheidung, den Fachanwaltstitel für Arbeitsrecht zu erwerben, intrinsische Motive also etwa das Motiv individueller fachlicher Qualifizierung - mit extrinsischen Motiven, die auf äußere Belohnung des Erwerbs eines Fachanwaltstitels durch Erfolge am Markt gerichtet sind. Den zentralen Beweggrund für den Erwerb eines Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht stellt das Interesse am Fachgebiet dar, welcher unter den Arbeitsrechtlern zudem signifikant stärker ausgeprägt ist als in anderen Fachanwaltschaften. Die Aussicht auf die Erlangung eines Wettbewerbsvorteils am Markt spielt ebenso wie der Wunsch nach einer formellen Bestätigung einer bereits ausgeprägten Spezialisierung bei der Entscheidung für den Erwerb des Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht eine große Rolle. Aber auch wirtschaftliche Motive, wie die Steigerung des persönlichen Umsatzes, ist bei den Arbeitsrechtlern maßgeblich. Erwerb des Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht Theoretische Kenntnisse Der Erwerb der für die Verleihung eines Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht nachzuweisenden besonderen theoretischen Kenntnisse im Arbeitsrecht erfolgt bei über 90 % der Bewerber durch den Besuch eines Präsenzlehrgangs. Andere Formen der Qualifikation wie Fernlehrgänge oder der Besuch von universitären Aufbaustudiengängen spielen - ebenso wie bei anderen Fach- 167

5 anwaltschaften - kaum eine Rolle. Von der grundsätzlich bestehenden Möglichkeit, das Vorhandensein besonderer theoretischer Kenntnisse auch ohne Lehrgangsteilnahme nachzuweisen, haben nur 7 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht Gebrauch gemacht. Die Bedeutung dieses alternativen Qualifikationsgangs hat allerdings kontinuierlich abgenommen und dürfte mittlerweile praktisch keine Rolle mehr spielen. Die beim Erwerb der theoretischen Kenntnisse zu bestehenden Leistungskontrollen sind aus Sicht der allermeisten Fachanwälte für Arbeitsrecht zwar keine ernsthafte Hürde auf dem Weg zum Fachanwaltstitel. Allerdings gehört das Arbeitsrecht zu den Fachanwaltschaften, in denen die Leistungskontrollen als mit am schwierigsten eingestuft werden immerhin ein Drittel der Fachanwälte bewertet die Klausuren als schwer oder sehr schwer, hingegen nur 6 % als leicht oder sehr leicht. Fachanwälte für Arbeitsrecht haben selten Mühe, die nach der FAO verlangten theoretischen Voraussetzungen zu erfüllen. Auffällig ist zudem, dass gerade die aufzuwendende Zeit für den Titelerwerb von den Arbeitsrechtlern als weniger problematisch eingestuft wird als von Fachanwälten aus anderen Bereichen, so dass sich ein Fachanwaltslehrgang im Bereich Arbeitsrecht offenbar besser in den beruflichen Alltag integrieren lässt als in den übrigen Fachanwaltschaften. Praktische Erfahrungen Soweit Fachanwälte für Arbeitsrecht von Problemen beim Erwerb der praktischen Erfahrungen berichten, handelt es sich regelmäßig um Probleme bei der Erfüllung des in 5 Abs. 1 lit. c FAO geforderten Fallquorums. Die Schwierigkeit, sämtliche Fälle in den einzelnen Teilrechtsgebieten nachzuweisen, fällt angehenden Fachanwälten im Bereich Arbeitsrecht deutlich schwerer als den Kollegen in anderen Rechtsgebieten. Der Nachweis der geforderten Fallanzahl aus dem Bereich des kollektiven Arbeitsrechts stellt hier die größte Hürde dar. 168

6 Verfahren der Titelverleihung Das den Rechtsanwaltskammern zur genaueren Überprüfung der besonderen theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen im Arbeitsrecht zur Verfügung stehende Instrument der Anordnung der Vorlage von Arbeitsproben spielt in der Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht in den meisten Kammerbezirken keine nennenswerte Rolle. Von der Möglichkeit, ein Fachgespräch zum Nachweis der besonderen theoretischen Kenntnisse und/oder praktischen Erfahrungen gemäß 7 FAO mit dem Fachanwaltsaspiranten durchzuführen, wird hingegen im Arbeitsrecht signifikant häufiger Gebrauch gemacht als in anderen Fachanwaltschaften. Die Dauer des Verwaltungsverfahrens von der Antragstellung bis zur Titelverleihung beläuft sich im statistischen Mittel auf 6,9 Monate, während es in den übrigen Fachanwaltschaften im Mittel 5,1 Monate sind. Ein Anwärter für den Fachanwaltstitel im Arbeitsrecht muss daher von sämtlichen Fachanwälten nur übertroffen vom Verwaltungsrecht eine der längsten Verfahrensdauer bis zur Titelverleihung in Kauf nehmen. Auswirkungen des Erwerbs des Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht Allgemeine Effekte des Titelerwerbs Fachanwälte im Arbeitsrecht nehmen signifikant häufiger Auswirkungen des Titelerwerbs wahr, wobei sie mit dem Erwerb des Fachanwaltstitels ganz überwiegend positive Erfahrungen verbinden. 63 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht stellen eine Verbesserung der Marktstellung und höhere Erträge fest. Dieser Effekt ist bei Fachanwälten für Arbeitsrecht signifikant stärker ausgeprägt als in den übrigen Fachanwaltschaften. 38 % registrieren zudem eine bessere Außendarstellung bzw. einen Reputationsgewinn. Mit einer Quote von 25 % wird eine stärkere strategische Profilierung als dritthäufigster Effekt nach Erlangung des Fachanwaltstitels für Arbeitsrecht festgestellt. Fachanwältinnen für Arbeitsrecht registrieren in Folge des Titelerwerbs noch häufiger Auswirkungen auf ihre Berufsausübung als ihre männlichen Kolle- 169

7 gen. So geben sie signifikant seltener an, kaum oder keine Auswirkungen durch den Titelerwerb zu registrieren als ihre Fachanwaltskollegen. Bei den konkreten Auswirkungen ist festzustellen, dass Fachanwältinnen für Arbeitsrecht ebenfalls eine bessere Marktstellung einschließlich höherer Erträge als stärksten spürbaren Effekt des Erwerbs des Fachanwaltstitels wahrnehmen. Weibliche Fachanwälte für Arbeitsrecht stellen nach dem Erwerb des Fachanwaltstitels im Vergleich zu ihren männlichen Fachanwaltskollegen jedoch eine signifikant stärkere Spezialisierung sowie strategische Profilierung in ihrem Fachgebiet fest. Darüber hinaus nehmen sie nach dem Titelerwerb eine signifikant stärkere Verbesserung der individuellen Qualifikation in ihrem Fachgebiet wahr. Spezialisierung vor und nach Titelerwerb Es zeigt sich, dass Fachanwälte für Arbeitsrecht vor Titelerwerb etwas weniger auf ihr Fachgebiet ausgerichtet sind als die Kollegen in den übrigen Gebieten, sie sich nach dem Titelerwerb jedoch im Vergleich zu den Kollegen stärker auf ihr Fachgebiet spezialisieren. Inhalte der Tätigkeit vor und nach Titelerwerb Der Anteil der arbeitsrechtlichen Tätigkeit liegt vor dem Titelerwerb im Mittel bei 33 %. Fast zwei Drittel (65 %) aller Fachanwälte für Arbeitsrecht registrieren durch den Titelerwerb eine deutliche Steigerung ihrer arbeitsrechtlichen Tätigkeitsanteile, während dieser Wert bei den anderen Fachanwaltschaften wesentlich geringer ist. Lediglich ein Drittel (35 %) verzeichnet keine Veränderung der Bedeutung des Fachgebiets an ihrer gesamten anwaltlichen Tätigkeit. Nach Erwerb des Fachanwaltstitels beträgt der Anteil der Tätigkeit im Arbeitsrecht im Mittel 61 %, so dass er knapp doppelt so groß ist wie der Anteil vor dem Titelerwerb. Nach dem Titelerwerb ist mehr als jeder zweite Fachanwalt für Arbeitsrecht zu mehr als der Hälfte seiner Arbeitszeit im Arbeitsrecht tätig, vor dem Titelerwerb traf dies nur auf jeden Siebten zu. 170

8 82 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht bearbeiten die gesamte Spannbreite des Arbeitsrechts. Nur 18 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht beschränken sich auf bestimmte Teilbereiche des Fachgebiets. Mandate nach Titelerwerb Ein Drittel der Fachanwälte für Arbeitsrecht registriert in Folge des Erwerbs ihres Fachanwaltstitels Mandatsverluste in anderen Rechtsgebieten, allerdings sind diese mehrheitlich (57 % der Verlustquote) beabsichtigt oder sogar erwünscht. Rund 15 % aller Fachanwälte für Arbeitsrecht sehen sich unerwünschten Mandatsverlusten ausgesetzt. Diese Quote liegt deutlich höher als in den übrigen Fachanwaltschaften und beschert der Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht im Gesamtvergleich der Fachanwaltschaften damit die vierthöchste Quote unbeabsichtigter Mandatsverluste. 9 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht lehnen Mandate außerhalb des eigenen Fachgebiets grundsätzlich ab. Ein Großteil von 61 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht übernimmt hingegen auch Mandate jenseits des Arbeitsrechts und bearbeitet diese in der Folge auch persönlich. Häufig (54 %) geben Fachanwälte für Arbeitsrecht ein fachfremdes Mandat zudem an einen Kollegen innerhalb der Kanzlei weiter. Mit der Weitergabe solcher Mandate an Kollegen aus externen Kanzleien tun sich die Arbeitsrechtler dagegen deutlich schwerer als andere Fachanwälte. Nur 30 % wählen diese Option, während es unter den übrigen Fachanwälten immerhin 36 % sind. Umsätze vor und nach Titelerwerb 55 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht registrieren in Folge des Erwerbs des Fachanwaltstitels im Vergleich zu Fachanwälten aus anderen Gebieten eine signifikante Steigerung der persönlichen Honorarumsätze. Im Mittel beträgt die Umsatzsteigerung 38 %, so dass lediglich drei Fachanwaltschaften noch höhere durchschnittliche Zuwächse erzielen. Vergütungssätze von Fachanwälten für Arbeitsrecht Fachanwälte für Arbeitsrecht profitieren von den zum Teil deutlichen Steige- 171

9 rungen der Stundensätze, die Fachanwälte im Allgemeinen im Vergleich zu Nicht-Fachanwälten erzielen können ihre festen Stundensätze liegen mit 197 EUR 23 EUR über den am Rechtsdienstleistungsmarkt von Nicht- Fachanwälten durchschnittlich erzielten festen Stundensätzen und immer noch 3 EUR über dem durchschnittlichen Stundensatz aller Fachanwälte. Fortbildung von Fachanwälten für Arbeitsrecht Überragende Bedeutung hat bei Fachanwälten für Arbeitsrecht die hörende Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen, welche zu 99 % genutzt wird. 10 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht erfüllen ihre Fortbildungspflicht zudem durch wissenschaftliche Publikationen. 24 % sind als Dozenten oder Referenten auf Fortbildungs- oder Vortragsveranstaltungen zu arbeitsrechtlichen Themen tätig, wobei Fachanwälte für Arbeitsrecht diese Fortbildungsmöglichkeit signifikant häufiger nutzen als ihre Kollegen in den übrigen 19 Fachanwaltschaften. Der gegenwärtige Umfang der Fortbildungspflicht wird von 74 % der Fachanwälte für Arbeitsrecht für angemessen erachtet. 172

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