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1 Juni 2010 Disclose Aktuelles aus Rechnungslegung und Revision

2 Editorial 3 Schätzungen und Annahmen: eine Herausforderung für Unternehmen und Prüfer 4 IKS-Evaluierung durch den Verwaltungsrat 9 Neuerungen zur Behandlung von Rückstellungen unter IFRS 14 Finanzinstrumente: IFRS 9 bringt viele Veränderungen 18 Managementinformationen aus dem Datawarehouse Wie verlässlich sind Ihre Daten? 22 Wie die Interne Revision den grösstmöglichen Nutzen bringt 26 Leserservice 29 Herausgeber: PricewaterhouseCoopers AG, Geschäftsbereich Wirtschafts prüfung, Birchstrasse 160, 8050 Zürich Konzept, Redaktion und Gestaltung: PricewaterhouseCoopers AG, Zürich Textliche Überarbeitung: Graf Moll & Partner, Corporate Publishing GmbH, Zürich Druck: Stämpfli Publikationen AG, Bern Mix Produktgruppe aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern und anderen kontrollierten Herkünften. Cert. No. SQS-COC Forest Stewardship Council Disclose Aktuelles aus Rechnungslegung und Revision (www.pwc.ch/disclose) erscheint zweimal jährlich in deutscher und französischer Sprache mit einer Auflage von Exemplaren. Bestellungen von Gratisabonnementen und Adressänderungen:

3 Editorial Es steht ausser Frage: Die Finanzkrise hat ein Marktversagen offenbart; unzureichendes Risikomanagement ging einher mit einer bemerkenswerten Kreativität im Investment Banking. Doch nur wenige Phänomene sind monokausal zu erklären. Auch Marktversagen war nicht der einzige Grund für den übertriebenen Hypothekenboom, den Auslöser der Krise. Hinzu kamen fehlgeleitete staatliche Anreize und fehlgerichtete Regulierungen: Man denke an «Basel II» oder die Lockerung der Leverage-Vorschriften für Investmentbanken seitens der SEC im Jahr Unzureichende Regulierung heisst nicht ohne Weiteres, dass es zu wenig Regulierung gibt; in vielen Fällen ist die Regulierung falsch angelegt oder zu verkrustet, um künftige Entwicklungen einzubeziehen. Regulierung war indes selten so populär wie heute. Zwei Themen bestimmen dabei die öffentliche Debatte: Auflagen für die Banken und Begrenzung der Managementkompensationen. Auch Fachkreise, internationale wie nationale Institutionen und gesetzgebende Organe richten den Fokus auf die Finanzmarktaufsicht. So beabsichtigen Kreise in den USA ein Verbot des Eigenhandels für Banken; Deutschland und Frankreich machen sich gemeinsam für eine verschärfte Bankenregulierung stark; der sogenannt geordnete Konkurs systemrelevanter Finanzinstitute ist auf supranationaler wie auf nationaler Ebene ein Thema mit höchster Priorität. Liegt dieser Regulierungsdiskussion das Fehlverhalten von Marktteilnehmern zugrunde, so lieferten Übertreibungen den Zündstoff für die Auseinandersetzung um die Gehälter und Boni von Spitzenmanagern und Investmentbankern. Nur: Wie viel Regulierung braucht der Markt? Bei einzelnen Regulierungsvorhaben ist schwer zu sehen, wo das richtige Mass liegt. Es gibt indes Grundsätze, die beachtet werden sollten: Erstens, die Wirtschaft braucht Freiraum, um für Wachstum und Wohlstand zu sorgen. Die Kehrseite dieser Freiheit ist die Eigenverantwortung. Fehlleistungen und Übertreibungen müssen die Unternehmen daher im Rahmen ihrer Corporate Governance zu vermeiden wissen. Zweitens, Regulierung soll sich auf das Wesentliche beschränken. Massgebend sind der Inhalt und der Geist, nicht die einzelne Regel. Im Gegenteil: Ein Regelwerk, das für jeden denkbaren Fall eine Regel aufstellt, ist kontraproduktiv, denn es verliert leicht die Intention des Ganzen aus dem Auge. Zudem gilt: Je detaillierter ein Regelwerk ist, desto leichter lassen sich dessen unvermeidliche Lücken ausnutzen. Eine Marktwirtschaft bedarf eines regulatorischen Rahmenwerks. Doch dieses sollte flexibel genug sein, sich den jeweiligen Bedingungen anzupassen. Sobald eine Regulierung oder eine staatliche Aufsicht nicht mehr gebraucht wird, hat sie ausgedient. Die Politik sollte dann den Mut aufbringen, sie den neuen Verhältnissen anzupassen. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre! Peter Ochsner Partner, Zürich Mitglied der Geschäftsleitung Leiter Wirtschaftsprüfung Schweiz Disclose Juni

4 Schätzungen und Annahmen: eine Herausforderung für Unternehmen und Prüfer Zahlreiche Bilanzierungsansätze beruhen auf Schätzungen und Annahmen. Wirksame Prozesse und aufschlussreiche Dokumentationen erleichtern dem Unternehmen, dem Verwaltungsrat und der externen Revision den Umgang mit den Unsicherheiten. Die Vielschichtigkeit von Geschäftsmodellen und Geschäftsaktivitäten nimmt ebenso zu wie die Komplexität der Rechnungslegungsvorschriften, die diese Geschäftsaktivitäten abbilden sollen. Dies führt dazu, dass in immer mehr Bereichen Schätzungen und Annahmen über künftige Entwicklungen getroffen werden müssen. Solche Ermessensentscheide beeinflussen die Jahresrechnung und somit die Darstellung der Vermögens- und Ertragslage eines Unternehmens in erheblichem Masse. Thomas Brüderlin Partner, Basel Unternehmen: Prozesse definieren und dokumentieren Derartige Bilanzierungsentscheidungen sind von ihrem Wesen her mit Unsicherheit behaftet. Denn die angesetzten Zahlen und Werte basieren auf Szenarien, die mit Eintreffenswahrscheinlichkeiten gewichtet werden. Umso wichtiger ist es, Prozesse für die Herleitung der geschätzten Werte und Zahlen zu definieren, die sicherstellen, dass die Ermessensentscheidungen mit einer hohen Zuverlässigkeit getroffen werden können. Zudem muss dokumentiert sein, dass die Entscheidungen auf schlüssigen und nachvollziehbaren Grundlagen und Berechnungen beruhen; es muss also ein aussagefähiger Beleg existieren. Auch für Buchungen, die aus Ermessensentscheidungen resultieren, gilt das Belegprinzip: «Keine Buchung ohne Beleg». Insbesondere die folgenden Bilanzierungs- und Bewertungsansätze erfordern Ermessens entscheidungen: Beurteilung der Werthaltigkeit von Sachanlagen und immateriellen Vermögenswerten (z.b. Goodwill) Ansatz von Entwicklungskosten Ansatz von Rückstellungen Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen Bewertung der Vorräte und angefangenen Arbeiten (z.b. langfristige Verträge) Kaufpreisallokationen im Zusammenhang mit Unternehmenswerten Behandlung latenter Ertragssteuern 4 Disclose Juni 2010

5 Werthaltigkeitstest für Goodwill: Wo liegt das Ermessen? Der Werthaltigkeitstest für Goodwill veranschaulicht, wie vielschichtig Schätzungen und Annahmen sind. Hat das Unternehmen Goodwill-Positionen aus früheren Akquisitionen in der Jahresrechnung bilanziert, ist es nach IFRS verpflichtet, die Werthaltigkeit dieses immateriellen Wertes jährlich zu überprüfen. Dies bedeutet: Das Unternehmen muss nachweisen, dass der Buchwert der geldgenerierenden Einheit (Cash Generating Unit, CGU), welcher der Goodwill zugeordnet ist, niedriger als der Marktwert der CGU einschliesslich des Goodwills ist. Ist der Buchwert nicht mehr gedeckt, muss der Goodwill auf den Marktwert abgeschrieben werden. In den allermeisten Fällen wird der Marktwert der CGU auf der Basis der Discounted-Cash-Flow-Methode bewertet. Die folgende Berechnung zeigt, wie die Herleitung eines solchen Marktwertes aussehen könnte. Werthaltigkeitstest Goodwill (vereinfachtes Beispiel) Jahr 1 Jahr 2 Jahr 3 Jahr 4 Jahr 5 Residual- CHF CHF % 1 CHF % 1 CHF % 1 CHF % 1 wert 2 Nettoerlös Herstellkosten = Bruttogewinn Betriebsaufwand = Betriebsergebnis EBIT Steueraufwand (25%) Abschreibung Investitionen / Veränderung Nettoumlauf - vermögen = Freier Geldfluss (Free Cash Flow) Diskontierungssatz (WACC) 8% 0,93 0,86 0,79 0,74 0,68 0,68 = Barwert Total Barwert (Marktwert) Buchwert CGU inkl. Goodwill Jährliche Veränderung Über-/Unterdeckung 78 2 Ohne Wachstum als ewige Rente kapitalisiert Da künftige Geldflüsse und deren Entwicklung, also Planzahlen, die Basis der Berechnung bilden, ist es offensichtlich, dass umfangreiche Schätzungen und Annahmen getroffen werden müssen. Diese betreffen in erster Linie die Budgetzahlen zu den Nettoerlösen, den Wachstumsraten, den Kostensätzen, dem Bruttogewinn und den Investitionen. Des Weiteren muss für die Diskontierung der freien Geldflüsse (Free Cash Flow) der künftigen Jahre ein angemessener Zinssatz festgelegt werden. Grundlage für die eingesetzten Plandaten bilden die Zahlen, die der Verwaltungsrat genehmigt hat und die anschliessend auf die definierten CGU aufgeschlüsselt wurden. Das Zahlenwerk kann deshalb nicht isoliert erstellt werden, sondern muss in das Planungsgerüst für das Gesamtunternehmen eingebettet sein. Der ermittelte Barwert ist mit erheblicher Unsicherheit behaftetet, da er weitgehend auf den Schätzungen und Annahmen der ihm zugrunde liegenden Berechnungsgrössen beruht. Dennoch bildet er die Basis für Bilanzierungsentscheidungen, welche die Jahresrechnung und die darin dargestellte Finanzund Ertragslage wesentlich beeinflussen. Disclose Juni

6 Dies ist nur zu verantworten, wenn die eingesetzten Parameter und Planzahlen mit grösster Sorgfalt ermittelt, auf ihre Plausibilität hin überprüft und belegt werden. Es ist unerlässlich, die einzelnen Zukunftsgrössen und die zugrunde liegenden Annahmen und Szenarien gegeneinander abzuwägen und zu begründen. Nur dann lässt sich nachvollziehen, wie die Werte zustande gekommen sind. Die Zuverlässigkeit der Schätzungen und Annahmen kann nur im Nachhinein durch einen Abgleich mit den Ist-Zahlen nachgewiesen werden. Deshalb ist nicht nur ein Prozess zur Festlegung der Parameter notwendig, sondern es sind auch Prozesse zur Überwachung der Verlässlichkeit von Schätzungen anhand von Ist-Zahlen erforderlich. Beim Werthaltigkeitstest für Goodwill ist dies besonders wichtig, da der Test jedes Jahr durchgeführt wird. Verwaltungsräte: Ermessensentscheidungen als fixes Traktandum Der Verwaltungsrat trägt die Gesamtverantwortung für die Jahresrechnung und ist somit zumindest indirekt für Ermessensentscheidungen verantwortlich. Die Unsicherheiten, die mit den Bilanzierungsansätzen einhergehen, stellen besonders hohe Anforderungen an die Überwachungsfunktion der Verwaltungsräte. Eine intensive Auseinandersetzung mit Bilanzierungsfragen, die Schätzungen und Annahmen enthalten, muss indes nicht im gesamten Verwaltungsrat stattfinden. Vielmehr ist es sinnvoll, diese Aufgabe dem Prüfungsausschuss (Audit Committee) zu übertragen. Eine solche Aufgabendelegation ermöglicht ein sachkundiges und effektives Vorgehen, entbindet den Verwaltungsrat aber natürlich nicht von seiner Gesamtverantwortung. Ermessensentscheidungen und ihre Auswirkungen sollten zudem nicht erst im Rahmen der Besprechung des Jahresabschlusses thematisiert werden, wenngleich die Praxis zeigt, dass Verwaltungsräte oft erst sehr spät in die Entscheidungsprozesse involviert sind. Vielmehr sollten Schätzungen und Annahmen ein festes Traktandum an den regelmässigen Sitzungen des Audit Committee oder bei kleineren Unternehmen des Verwaltungsrats sein. Beispiel: Werthaltigkeitstest für Goodwill Der Werthaltigkeitstest für Goodwill muss einmal im Jahr vorgenommen werden. Konkret bedeutet dies, dass die Wertermittlung und der Test bereits im Oktober durchgeführt werden sollten. Die Finanzabteilung bereitet die dazu notwendigen Berechnungen vor und setzt die Beschlussfassung für die Dezembersitzung des Verwaltungsrats an. Neben den Berechnungstabellen verfasst das Unternehmen ein Dokument, in dem alle Annahmen und Parameter erläutert und begründet werden, die den Berechnungen zugrunde liegen. Der Verwaltungsrat erhält dadurch eine Basis für eigene Überlegungen und Beurteilungen, die er an der Sitzung mit ergänzenden Fragen abrunden kann. 6 Disclose Juni 2010

7 Bei der Durchführung eines Werthaltigkeitstests für Goodwill können die folgenden Fragen einen Leitfaden darstellen: Wie sieht der Budgetierungsprozess aus? Wie hoch ist die Verlässlichkeit des Budgetierungsprozesses? Wie wird dies kontrolliert? Ist das Zahlenwerk insgesamt stimmig? Deckt sich das Gesamtbild mit den Erwartungen für das Gesamtunternehmen? Liegen für alle Annahmen und Parameter klare Begründungen vor? Wurden Sensitivitäten berechnet und deren Auswirkungen analysiert? Liegen Entscheidungsprotokolle vor? Wie beurteilt der Prüfer die Zahlen? Anhand eines solchen Leitfadens kann der Verwaltungsrat die Auswirkungen des Werthaltigkeitstests für Goodwill auf die Jahresrechnung beurteilen, bevor der Abschluss definitiv erstellt wird. Er wird damit in die Lage versetzt, seiner Verantwortung nachzukommen. Durch die Protokollierung inklusive der aufbereiteten Unterlagen ist die Entscheidung verständlich und schlüssig dokumentiert. Revisionsstelle: professionelles Ermessen erforderlich Ermessensentscheidungen stellen auch sehr hohe Anforderungen an die externe Revision. Denn Prüfungsnachweise sind in diesen Fällen nicht einfach zu erbringen. Sind Schätzungen und Annahmen die Basis der Bilanzierung, begibt sich der Prüfer zwangsläufig auf das Feld eigener Einschätzungen und Beurteilungen. Dazu benötigt er hinreichende und angemessene Prüfungsnachweise darüber, ob die Schätzungen angemessen sind. Auszug aus ISA 540/PS 540 «Prüfung von Schätzungen im Abschluss» 8. Der Abschlussprüfer muss hinreichende und angemessene Prüfungsnachweise darüber erlangen, ob eine Schätzung im Abschluss unter den jeweiligen Umständen angemessen ist und, wo verlangt, angemessen offengelegt wird. Die Prüfungsnachweise zur Stützung einer Schätzung sind oft schwerer zu erlangen und weniger schlüssig als Prüfungsnachweise zur Stützung anderer Angaben des Abschlusses. 10. Der Abschlussprüfer muss sich bei der Prüfung von Schätzungen für mindestens einen der folgenden Ansätze entscheiden: (a) Prüfung des von der Unternehmensleitung vorgesehenen Prozesses; (b) Verwendung einer unabhängigen Schätzung zwecks Vergleich mit jener der Unternehmensleitung oder (c) Durchsicht von Ereignissen nach dem Bilanzstichtag zwecks Bestätigung der Schätzung. Disclose Juni

8 Der Prüfungsstandard ISA 540/PS 540 überlässt der Revisionsstelle die Wahl zwischen drei Ansätzen und einer Kombination daraus, um die erforderlichen Prüfungsnachweise zu erlangen. Handelt es sich um wesentliche Positionen und/ oder um Ansätze, die in hohem Masse auf Schätzungen beruhen, dürfte der Prüfer eine Kombination der möglichen Ansätze wählen; dies gibt ihm die Gewähr, dass er die nötige Prüfungssicherheit erreicht. Es ist dabei offensichtlich, dass der Prüfer in zweierlei Hinsicht professionelles Ermessen (Professional Judgement) anwenden muss: erstens in der Art, wie er die Prüfung ansetzt, und zweitens bei der Beurteilung der Daten und Annahmen, die den Schätzungen zugrunde liegen, und der Überprüfung der Plausibilität der Resultate. Der Prüfer muss zudem abwägen, ob er über genügend Erfahrung und Know-how verfügt oder ob er einen Experten hinzuziehen muss. Im Zusammenhang mit Werthaltigkeitstests für Goodwill beispielsweise ist es üblich, einen Spezialisten für Bewertungsfragen zu involvieren. Dieser kann etwa zur Bewertungsmethodik, zur Marktentwicklung (z.b. Benchmarks) und zum Diskontierungssatz Stellung nehmen und dem Prüfungsteam Anhaltspunkte für die Angemessenheit der Schätzungen und Annahmen geben. Damit der Prüfer in der Lage ist, eine eigene Einschätzung vorzunehmen, muss er seine Überlegungen auf die Entscheidungsgrundlagen des Managements abstützen. Es ist daher unerlässlich, dass dem Prüfer nachvollziehbare und schlüssige Unterlagen vorliegen. Die beschriebene Vorgehensweise unter Einbeziehung des Verwaltungsrats legt die Basis für eine effiziente und wirkungsvolle Prüfung. Berufsaufsicht: schlüssige Dokumentation verlangt Die Revisionsaufsichtsbehörde überwacht, ob die Revisionsstelle die Prüfungsstandards im Zusammenhang mit Schätzungen und Annahmen eingehalten hat. Die Herausforderung für den Prüfer liegt darin, seine Prüfungshandlungen schlüssig und nachvollziehbar zu dokumentieren. Aus den Prüfungsunterlagen muss hervorgehen, dass der Prüfer die Schätzungen und Annahmen des Managements mit der erforderlichen kritischen Haltung hinterfragt und deren Plausibilität aufgrund eigener Beurteilungen überprüft hat. Als Grundlage für eine schlüssige und verständliche Prüfungsdokumentation gelten gut belegte Entscheidungsgrundlagen des Unternehmens. Die Möglichkeit des Zugriffs auf unternehmensinterne Dokumentationen bildet eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der Prüfer ohne Mehraufwand den formalen Ansprüchen der Berufsaufsicht entsprechen kann. Fazit Schätzungen und Annahmen beeinflussen die Jahresrechnungen erheblich. Um die Unsicherheiten, die mit Ermessensentscheidungen einhergehen, zu begrenzen, sollten die Unternehmen Prozesse für die Herleitung und die Überprüfung der geschätzten Werte definieren. Der Verwaltungsrat als für den Jahresabschluss verantwortliches Gremium sollte Schätzungen und Annahmen regelmässig thematisieren beziehungsweise diese Aufgabe an das Audit Committee delegieren. Mit einer schlüssigen und nachvollziehbaren Dokumentation schafft das Unternehmen die Entscheidungsgrundlagen, die es dem Management und dem Verwaltungsrat ermöglichen, die Angemessenheit der Entscheidungen zu beurteilen. Zugleich legt es damit die Basis für eine effiziente und wirkungsvolle Prüfung. 8 Disclose Juni 2010

9 IKS-Evaluierung durch den Verwaltungsrat Die stetige Überwachung der Unternehmensleitung und die periodische Evaluierung des IKS gehören zu den strategischen Aufgaben des Verwaltungsrats. Er sollte sich dabei als Coach und Impulsgeber der Unternehmensleitung verstehen, zugleich aber deren Massnahmen und Informationen kritisch hinterfragen. Bedingt durch die seit 2008 wirksamen Änderungen des Gesellschaftsrechts haben die Unternehmen in den letzten Jahren ihre Systeme zur Risikoerfassung und zum Risikomanagement sowie ihre Internen Kontrollsysteme (IKS) mehr oder weniger intensiv konzipiert, eingeführt und dokumentiert. Massgebend dafür waren die Vorgaben des Verwaltungsrats. Die externen Revisoren haben erstmals zum 31. Dezember 2008 und nun wieder zum 31. Dezember 2009 Urteile zur Existenz des IKS abgegeben in der Regel uneingeschränkt positiv. Dies wirft die Frage auf, ob sich der Verwaltungsrat jetzt auf andere Themen konzentrieren sollte, beispielsweise auf die Anpassung der Geschäftsstrategien an die Wirtschaftslage nach der globalen Rezession und den sich nun abzeichnenden Aufschwung. Doch gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Druck verstärkt, alle Unternehmensabläufe effizienter zu gestalten und die Anforderungen an verlässliche Risikoeinschätzungen und Führungsinformationen zu erhöhen. Des Weiteren gilt es, den Begleiterscheinungen, die nach jeder Krise zutage treten, vorzubeugen; dies sind insbesondere die Zunahme deliktischer Handlungen von Mitarbeitern und die Manipulation der Finanzberichterstattung. Mithin sollten die Risikoerfassungs- und -managementsysteme sowie das IKS weiterhin im Fokus der Verwaltungsräte stehen. Denn es sind die Verwaltungsräte, die die strategischen Weichen für eine unternehmensgerechte Weiterentwicklung und für die Nachhaltigkeit dieser Systeme stellen müssen. Peter Kartscher Partner, Basel Strategische Aufgaben des Verwaltungsrats im Hinblick auf das IKS Zu den unübertragbaren und unentziehbaren Aufgaben des Verwaltungsrats gehören die Oberleitung der Gesellschaft und die Ausgestaltung der Finanzkontrollen. Daraus ergeben sich im Hinblick auf das IKS folgende strategische Kernaufgaben: Entwicklung der IKS-Vision: Konzeption eines IKS, das den Risiken, der Organisation und den Geschäftsaktivitäten des Gesamtunternehmens angemessen ist und das zwischen den beiden Polen «minimale Compliance mit den gesetzlichen Bestimmungen» und «voll integriertes IKS für alle strategischen Unternehmensbereiche» positioniert sein sollte; diese Vision sollte auch Aussagen zum angestrebten Sollzustand und zum Maturitätsgrad des IKS beinhalten. Bestimmung des Rahmens für das IKS: Konzeption eines Rahmenwerks (in der Praxis häufig in Anlehnung an das COSO-Framework) und Vorgabe von Richtlinien für eine pragmatische Ausgestaltung der einzelnen Komponenten dieses Rahmenwerks (im Wesentlichen Control Environment, Risk Assessment & Management, Control Activities, Information & Communication, Monitoring). Monitoring: Kontinuierliche Überwachung der Unternehmensleitung und regelmässige Evaluierung des IKS mit dem Ziel, dieses ständig im Hinblick auf die strategischen Zielsetzungen des Unternehmens zu optimieren. Rainer van Alphen Partner, Basel Disclose Juni

10 Die Praxis indes birgt zahlreiche Schwierigkeiten für den Verwaltungsrat, will er diesen Aufgaben gerecht werden. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um: die Nachhaltigkeit des implementierten IKS und dessen Anpassung an das sich ständig verändernde Unternehmensumfeld; die Notwendigkeit, sich angesichts eingeschränkter finanzieller Mittel, vor allem aber im Hinblick auf die begrenzte Zeit der Unternehmensleitung und des Verwaltungsrats, auf das Wesentliche zu konzentrieren; die Abhängigkeit von Informationen, welche die Unternehmensleitung vorbereitet und dem Verwaltungsrat bereitstellt. Praktische Empfehlungen für das Monitoring seitens des Verwaltungsrats Da diese Schwierigkeiten komplex sind, muss der Verwaltungsrat die Wahrnehmung seiner strategischen Aufgaben für das IKS professionalisieren. Bei grossen Unternehmen bietet es sich an, die Wahrnehmung dieser Aufgaben auf einen speziellen Ausschuss des Verwaltungsrats zu übertragen («Audit Committee» oder umfassender «Audit, Risk & Compliance Committee»). Die qualifizierten Mitglieder dieses Ausschusses haben die Aufgabe, die Aktivitäten der Unternehmensleitung kritisch zu hinterfragen und die Unternehmensleitung als Coach dabei zu begleiten, das IKS entsprechend den strategischen Vorgaben kontinuierlich weiterzuentwickeln. Des Weiteren sollte der Verwaltungsrat oder sein spezieller Ausschuss mehrere oder alle der folgenden Massnahmen ergreifen: Formales, periodisches Reporting Für ein wirksames Monitoring ist ein periodisches Reporting seitens der Unternehmensleitung an den Verwaltungsrat unerlässlich. Je nach den spezifischen Führungsstrukturen des Unternehmens kann dieses einige wenige Schlüsselindikatoren (KPI) enthalten oder aus einem voll integrierten, systemgestützten «Real- Time-Monitoring» (dashboards, cockpits) bestehen. Das Reporting sollte auch einen regelmässigen Statusbericht beinhalten, der die bestehende Situation und den angestrebten Sollzustand des IKS gegenüberstellt. Zudem sollte ein aktualisierter Massnahmenkatalog aufzeigen, wie und bis wann die Lücken zwischen Ist- und Sollzustand geschlossen werden sollen. Self-Assessment Die einzelnen Unternehmensbereiche sollten regelmässig selbst die Verlässlichkeit und den Maturitätsgrad der für sie relevanten Teilbereiche des IKS einschätzen. Im Rahmen dieses Self-Assessments sollten auch potenzielle Schwierigkeiten mit Systemen und Prozessen erhoben und Vorschläge für eine effizientere Aus gestaltung des IKS unterbreitet werden. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf die für das Unternehmen kritischen Bereiche gelegt werden, in der Finanzberichterstattung beispielsweise auf die Problematik von Schätzungen und Annahmen (siehe separaten Beitrag in dieser Ausgabe). 10 Disclose Juni 2010

11 Unternehmensinterne Überprüfung und Austausch von «Best Practices» Eine unabhängige, periodisch durchgeführte Prüfung, ob die Anforderungen an das IKS eingehalten werden, lässt Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeit und den Reifegrad des IKS zu. Für solche Prüfungen eignen sich vor allem die interne Revision oder eine eigenständige Compliance-Funktion des Unternehmens. Solche Prüfungen schaffen auch die Voraussetzung, um im Sinne eines «Best Practice Sharing» gute Erfahrungen aus einem Unternehmensteil auf andere Bereiche zu übertragen. Auswertung der Erfahrungen der externen Revision Die externe Revision muss unter anderem über die Existenz des IKS an die Generalversammlung berichten und ist darüber hinaus verpflichtet, den Verwaltungsrat über festgestellte Kontrollschwächen detailliert zu informieren. Sie bietet sich daher als unabhängiger Ansprechpartner für den Verwaltungsrat in allen Fragen rund um die Systeme zur Risikoerfassung und Risikobewältigung sowie um das IKS an. Allerdings gilt die Einschränkung, dass die externe Revision den Fokus auf jene Risiken und internen Kontrollen richtet, die für die Finanzberichterstattung relevant sind. Risiken und interne Kontrollen in operativen Abläufen und anderen Bereichen, in denen Compliance verlangt wird, treten im Rahmen der Abschlussprüfung dagegen in den Hintergrund. Da die externe Revision aber häufig fundiertes Wissen über Prozesse und Risiken jenseits der Finanzberichterstattung besitzt, könnte sie im Rahmen eines gesonderten Auftrags in den genannten Bereichen wertvolle Analysen durchführen. Spezifische Evaluierung durch unabhängige Experten Darüber hinaus könnte der Verwaltungsrat Aufträge an unabhängige Experten vergeben, um das IKS einzelner Unternehmensbereiche gezielt zu evaluieren und Verbesserungsvorschläge einzuholen. Empfehlenswert ist es, eine solche Beurteilung frühzeitig in Auftrag zu geben, also bevor es zu Vorfällen kommt, die eine Evaluierung notwendig machen. In der Praxis ist indes zu beobachten, dass die Unternehmen eher reagieren und erst in jenen Fällen unabhängige Experten hinzuziehen, in denen es zu erheblichen Problemen in den Unternehmensabläufen (z.b. zu materiellen Fehlern in der Finanzberichterstattung, Produktionsausfällen, Forderungsverlusten oder Betrug) gekommen ist, ohne dass das bestehende IKS dies verhindert oder rechtzeitig aufgedeckt hätte. Erfahrungsaustausch mit anderen Verwaltungsräten und Unternehmen Daneben sollte der Verwaltungsrat alle Möglichkeiten nutzen, sich mit anderen Verwaltungsräten auszutauschen und von den Erfahrungen anderer Unternehmen und Branchen zu profitieren. In seiner Rolle als Coach und Impulsgeber der Unternehmensleitung könnte er einen derartigen Erfahrungsaustausch auch auf der Ebene der Unternehmensleitung anregen und seine zahlreichen Kontakte nutzen, um einen informellen Austausch zu erleichtern. Disclose Juni

12 Kritisches Hinterfragen des IKS seitens des Verwaltungsrats Um die Unternehmensleitung angemessen als Coach begleiten und überwachen zu können, sollte der Verwaltungsrat die Einschätzung des IKS seitens der Unternehmensleitung stets kritisch hinterfragen. Gleiches gilt für sämtliche Informationen zum IKS, die ihm die Unternehmensleitung präsentiert. Hilfreich kann auch die direkte Befragung bestimmter Mitarbeiter in Stabsfunktionen (z.b. aus den Bereichen Finanzwesen, Recht, Steuern und IT) oder aus der Linie (z.b. Leiter Produktion, Einkauf, Verkauf wesentlicher Tochtergesellschaften) sein. Der folgende Fragenkatalog gibt dem Verwaltungsrat einen Leitfaden für diese anspruchsvolle Aufgabe an die Hand. Selbstverständlich können diese Fragen auch für die Diskussionen mit der internen und der externen Revision herangezogen werden. Sie können dem Verwaltungsrat zudem dazu dienen, sich auf all fällige Fragen der Gesellschafter vorzubereiten. Diese Fragen sollen (sich) Verwaltungsräte stellen Allgemeine Fragen zum IKS Wurde eine umfassende Risikoanalyse und -bewertung für das Gesamtunternehmen durchgeführt, und ist diese auf dem neusten Stand? Wurden daraus angemessene Massnahmen zur Risikobewältigung, insbesondere zur Anpassung des IKS, abgeleitet? Wie ist der Status der Umsetzung dieser Massnahmen? Welche Prioritäten setzt die Unternehmensleitung hinsichtlich der kontinuierlichen Verbesserung des IKS in den Folgeperioden? Welche weiter gehenden systemischen Automatisierungen der Abläufe und Kontrollen bieten sich an, beziehungsweise. welche Effizienzgewinne strebt die Unternehmensleitung in diesen Bereichen an? Hat die Unternehmensleitung die Ergebnisse der internen und der externen Revision und gegebenenfalls unabhängiger Spezialisten mit diesen diskutiert, und hat sie eventuell festgestellte Schwächen im IKS und diesbezügliche Verbesserungsvorschläge in ihrem Massnahmenkatalog berücksichtigt? Wie schätzt die Unternehmensleitung das Kontrollbewusstsein der Mitarbeitenden ein? Wie lebt die Unternehmensleitung die Einhaltung von Abläufen und Kontrollen vor? Wie beurteilt die Unternehmensleitung die Verlässlichkeit und die Qualität des IKS im Vergleich zu anderen Unternehmen der Branche bzw. zu Firmen vergleichbarer Grösse und Komplexität? Hat ein Erfahrungsaustausch mit Mitarbeitenden dieser Unternehmen stattgefunden? Reichen vorhandene Kontrollen, um eventuelles deliktisches Handeln von Mitarbeitenden zu verhindern oder zumindest frühzeitig aufzudecken? 12 Disclose Juni 2010

13 Spezielle Fragen zum IKS für die Finanzberichterstattung Welche Bereiche sind aus Sicht der Unternehmensleitung kritisch oder fehleranfällig im Hinblick auf die Finanzberichterstattung? In welchen Bereichen und in welcher Art wurden Ermessensspielräume genutzt («Critical Accounting Policies», «Management Judgement»)? Wie werden die getroffenen Entscheidungen, insbesondere die kritischen Annahmen, in diesen Bereichen begründet und dokumentiert? Wurden die Entscheidungen im Sinne der «Best Practices» oder doch zumindest in Einklang mit der Praxis der Branche getroffen und mit der externen Revision abgestimmt? Wurden gegebenenfalls erforderliche interne oder auch externe Spezialisten hinzugezogen? Wurde für alle seitens der externen Revision festgestellten Fehler in der Jahresrechnung, unabhängig von deren Wesentlichkeit, eine Analyse durchgeführt, um festzustellen, wie es zu diesen Fehlern kommen konnte und wie diese künftig vermieden werden können? Wurden die in früheren Perioden identifizierten Schwachstellen behoben und die Empfehlungen zu Prozessen und Kontrollen umgesetzt? Fragen eines jeden Verwaltungsrats an sich selbst Kann ich mich auf das IKS des Unternehmens und die Informationen der Unternehmensleitung verlassen? Sind die erhaltenen Informationen mit meinem sonstigen Wissen über das Unternehmen, dessen Umfeld und die Branche konsistent? Wäre ich überrascht, morgen über einen Betrugsfall im Unternehmen informiert zu werden? Bin ich mir bewusst, was ich alles nicht weiss, aber eventuell wissen sollte, um die Verlässlichkeit und die Qualität des IKS beurteilen zu können? Was würde ich auf diesbezügliche Fragen der Gesellschafter antworten? Fazit Die Systeme zur Risikoerfassung und zum Risikomanagement sowie das IKS sind Themen, mit denen sich der Verwaltungsrat dauerhaft auseinandersetzen muss. Im Sinne einer guten Corporate Governance, aber auch um die angestrebte Business Excellence zu erreichen, sollte der Verwaltungsrat es daher als eine strategische Aufgabe betrachten, Coach und Impulsgeber der Unternehmensleitung zu sein. Auf diese Weise kann er das Management wirkungsvoll darin unterstützen, das IKS nachhaltig an das sich permanent ändernde Unternehmensumfeld anzupassen und Optimierungspotenziale auszuschöpfen, die der Kom plexität und der Grösse des Unternehmens entsprechen. Disclose Juni

14 Neuerungen zur Behandlung von Rückstellungen unter IFRS Das International Accounting Standards Board (IASB) hat im Januar Vorschläge für die Bemessung von Rückstellungen publiziert. Ein neuer Standard, der den aktuellen Rückstellungsstandard IAS 37 ersetzen soll, wird noch in diesem Jahr erwartet. Mit der Behandlung von Rückstellungen beschäftigt sich das IASB bereits seit mehreren Jahren. Ein erster Exposure Draft wurde schon 2005 publiziert. Im Januar 2010 veröffentlichte das Board nun einen überarbeiteten Vorschlag, der sich ausschliesslich mit der Bewertung von Rückstellungen befasst. Ein definitiver Standard, der IAS 37 ersetzen soll, ist für das dritte Quartal dieses Jahres in Aussicht gestellt. Die wesentlichen Änderungen betreffen nicht nur die Bewertung, sondern auch den Anwendungsbereich des Standards. So wird der neue Standard für alle nichtfinanziellen Verbindlichkeiten gelten, die nicht einem anderen Standard unterliegen. Eventualverbindlichkeiten und Eventualforderungen in der bisherigen Form wird es im neuen Standard nicht mehr geben. David Baur Senior Manager, Zürich Eventualverpflichtungen sind als Verbindlichkeit anzusetzen Ist ein Mittelabfluss aus einer Verpflichtung nicht wahrscheinlich, muss ein Unternehmen gegenwärtig unter IAS 37 keine Rückstellung bilden, sondern diesen Sachverhalt lediglich als Eventualverbindlichkeit offenlegen. Gemäss den Vorschlägen des IASB soll ein wahrscheinlicher Ressourcenabfluss kein Beurteilungskriterium mehr dafür sein, ob eine Verpflichtung anzusetzen ist. Die Wahrscheinlichkeit des Mittelabflusses wird vielmehr in der Bewertung der Verbindlichkeit berücksichtigt. Diese Änderung wird dazu führen, dass gewisse Positionen, die bisher bloss als Ausserbilanzgeschäft im Anhang offengelegt wurden, künftig als Verbindlichkeit zu bilanzieren sind. Ein Teil der bisher als Eventualverpflichtung betrachteten Positionen muss auch unter dem neuen Standard nicht als Verbindlichkeit angesetzt werden; dies gilt für jene Positionen, die für das Unternehmen keine gegenwärtige Verpflichtung darstellen. Ein solcher Fall dürfte beispielsweise bei Rechtsstreitigkeiten vorliegen, in denen das Unternehmen davon ausgehen kann, zu obsiegen. Beispiel 1 Ein Unternehmen produziert Motorräder unter einer Lizenzvereinbarung. Die Baupläne für die Motorräder dürfen keinem Dritten zugänglich gemacht werden. Ansonsten wird, falls der Lizenzgeber den Verstoss bemerkt, eine Strafzahlung von CHF 5 Mio. fällig. Das Unternehmen hat, ohne böswillige Absicht, die Pläne einem Dritten zugänglich gemacht und somit gegen die Lizenzvereinbarung verstossen. Unter der Annahme, dass der Lizenzgeber den Verstoss nur mit einer 30-prozentigen Wahrscheinlichkeit erkennt, ist der Sachverhalt unter IAS 37 nur im Sinne einer Eventualverpflichtung zu behandeln. Dies führte bisher nur zu einer Offenlegung im Anhang, nicht aber zu einer Rückstellung in der Bilanz. Gemäss den vorgeschlagenen neuen Bewertungsvorschriften wären unter Gewichtung der möglichen Resultate ein Aufwand und eine Rückstellung zum Gegenwartswert von CHF 1,5 Mio. zu verbuchen. 14 Disclose Juni 2010

15 Die neuen Bewertungsvorschriften der Erwartungswert Gemäss dem Exposure Draft sind Rückstellungen künftig zum Gegenwartswert jenes Betrages anzusetzen, den das Unternehmen vernünftigerweise zum Bilanzstichtag bezahlen würde, um von der Verpflichtung entbunden zu sein. Das IASB folgt dabei der Überzeugung, dass der Preis, der an eine Drittpartei zu zahlen ist, ein objektiveres Mass für künftige Geldabflüsse darstellt als die Kosten, die das Unternehmen erwartet, wenn es die Verpflichtung durch die Erbringung eigener Leistungen erfüllt. Der Ansatz für den vernünftigerweise zu zahlenden Betrag ist der niedrigste Wert der folgenden Grössen: Gegenwartswert der erforderlichen Mittel, um die Verpflichtung zu erfüllen; Betrag, den das Unternehmen der Gegenpartei für die Annullierung der Verpflichtung zu bezahlen hätte; Betrag, den das Unternehmen an einen unabhängigen Dritten für die Übernahme der Verpflichtung zu entrichten hätte. Die Mittel, die zur Erfüllung der Verpflichtung erforderlich sind, müssen in jenen Fällen zum Gegenwartswert angesetzt werden, in denen das Unternehmen keine Möglichkeit sieht, die Verpflichtung zu annullieren oder auf eine Drittpartei zu übertragen. Die Höhe der Mittel, die erforderlich sind, um eine Verpflichtung zu erfüllen, kann ebenso ungewiss sein wie der Zeitpunkt, zu dem die Verpflichtung fällig wird. Um die gesamte Bandbreite der Szenarien abzudecken, wird der Mittelabfluss als gewichteter Durchschnitt aller möglichen Ergebnisse berechnet. Dieser Betrag wird in den seltensten Fällen der Summe entsprechen, die letztlich effektiv bezahlt wird. Er widerspiegelt aber die in der Bewertung enthaltenen Unsicherheiten. Der so ermittelte Erwartungswert wird anschliessend auf den Gegenwartswert abgezinst. Beispiel 2 Ein Unternehmen hat die Verpflichtung, eine geleaste Produktionshalle zum Ende der Laufzeit des Vertrags zurückzubauen. Das Leasing läuft noch 10 oder 15 Jahre. Das Unternehmen identifiziert sechs mögliche Szenarien für die Rückbaukosten: Diskontsatz Szenario Laufzeit Erwartungswert Gegenwartswert 1 10 Jahre CHF % CHF Jahre CHF % CHF Jahre CHF % CHF Jahre CHF ,5% CHF Jahre CHF ,5% CHF Jahre CHF ,5% CHF Disclose Juni

16 In einem zweiten Schritt wird der gewichtete Durchschnitt der möglichen Ergebnisse ermittelt: Szenario Wahrscheinlichkeit Gegenwartswert Gewichteter Gegenwartswert 1 6% CHF CHF % CHF CHF % CHF CHF % CHF CHF % CHF CHF % CHF CHF Total 100% Erwarteter Gegenwartswert CHF Im letzten Schritt wird der erwartete Gegenwartswert um jene Risiken bereinigt, die in der Berechnung zuvor nicht berücksichtigt wurden. Ohne weitere Erläuterungen zum Ansatz wird im Exposure Draft ein Risikozuschlag von 5% erhoben, was im obigen Beispiel zu einem Zuschlag von CHF und einem Rückstellungsbetrag von CHF führen würde. Dieser Betrag dürfte bei den meisten Anwendern von der Rückstellungshöhe abweichen, die sie unter IAS 37 erfassen. Rückstellungen zeichnen sich durch Ungewissheiten bezüglich des Zeitpunkts der Erfüllung und/oder des Betrags aus. Durch die neuen Vorschläge werden diese Ungewissheiten zwar nicht ausgeräumt, die klareren Vorschriften zur Bewertung von Rückstellungen sollten jedoch zu einer verbesserten Vergleichbarkeit der Abschlüsse beitragen. Einbeziehung von Gewinnmarge und Risikozuschlag Der Exposure Draft enthält auch detaillierte Richtlinien dazu, welche Elemente für die Berechnung des Erwartungswertes zu berücksichtigen sind. Einer der umstrittensten Punkte ist die Einbeziehung einer Gewinnmarge bei jenen Verpflichtungen, die seitens des Unternehmens erfüllt werden. Ein Beispiel dafür sind Garantierückstellungen für Produkte, die das Unternehmen als Hersteller im Rahmen der Garantie selbst repariert. In einem solchen Fall muss das Unternehmen neben den antizipierten Kosten für die anfallenden Reparaturen auch eine erwartete Gewinnmarge in die Rückstellung einkalkulieren. Die Einbeziehung einer Gewinnmarge wurde im IASB kontrovers diskutiert. Es wurde argumentiert, dass die Gewinnmarge einen hypothetischen Betrag darstelle, aus dem keine Mittelzu- oder -abflüsse resultierten. Ein weiterer Einwand lautete, dass der Effekt, der aus der Berücksichtigung einer Gewinnmarge resultiert, zu einer ungerechtfertigten Gewinnverschiebung zwischen den Abschlussperioden führen könne. 16 Disclose Juni 2010

17 Der Exposure Draft führt auch ein Konzept eines Risikozuschlags ein. Dieser Zuschlag stellt den Betrag dar, den das Unternehmen zusätzlich zum abdiskontierten Erwartungswert bezahlen würde, um sich des Risikos zu entledigen, dass die tatsächlichen Zahlungen höher ausfallen als der Erwartungswert. Der Exposure Draft gibt keine weiter gehenden Erläuterungen dazu, wie der Risikozuschlag zu berechnen ist. Er besagt bloss, dass eine solche Risikoadjustierung über eine Anpassung der erwarteten Geldflüsse, des Diskontierungssatzes oder als Risikozuschlag auf dem Erwartungswert ermittelt werden kann. Diese Unklarheiten im Konzept werden denn auch von einigen Mitgliedern des IASB bemängelt. Sechs der 15 Mitglieder des IASB haben aus diesen zwei Gründen der Publikation des Exposure Draft nicht zugestimmt. Ausblick Das IASB hat die Veröffentlichung des finalen Standards noch für dieses Jahr in Aussicht gestellt. Somit dürfte dessen Anwendung frühestens für die Jahresabschlüsse zum 31. Dezember 2012 verpflichtend sein. Dieser Terminplan sollte den Erstellern von Abschlüssen nach IFRS genügend Zeit einräumen, um die Auswirkungen der veränderten Vorschriften auf ihr Unternehmen zu evaluieren. Rückstellungen sind eine Position, die in praktisch allen IFRS-Abschlüssen zu finden ist. Die Neuerungen werden daher die allermeisten Unternehmen, die nach IFRS abschliessen, betreffen. Um einen reibungslosen Übergang zum neuen Standard zu ermöglichen, empfiehlt es sich, frühzeitig zu ermitteln, welche Auswirkungen dieser auf das eigene Unternehmen haben wird. Zwei Aspekte stehen dabei im Vordergrund: erstens der Einfluss, den möglicherweise höhere Rückstellungen auf wichtige Kennzahlen und allenfalls auf Zusagen gegenüber Banken (Bank Covenants) haben, und zweitens die Frage, ob die neuen Vorschriften zur Ermittlung der Rückstellungen Anpassungen der Systeme oder des konzerninternen Reporting notwendig machen. Disclose Juni

18 Finanzinstrumente: IFRS 9 bringt viele Veränderungen Die Regelungen zur Bilanzierung von Finanzinstrumenten unter den International Financial Reporting Standards (IFRS) werden komplett erneuert. Die Unternehmen sollten die weitere Entwicklung aktiv beeinflussen. Gesa Mannigel Senior Manager, Zürich Im Sommer 2009 hat das International Accounting Standards Board (IASB) damit begonnen, den IAS 39 Finanzinstrumente: Ansatz und Bewertung komplett durch den neuen Standard IFRS 9 zu ersetzen. Damit zieht das IASB Konsequenzen aus der globalen Finanzkrise; zugleich aber ist es bestrebt, die bestehenden Regelungen zu vereinfachen. Die Änderungen haben Auswirkungen auf alle Unternehmen, die Finanzinstrumente halten. Besonders betroffen aber werden die Unternehmen des Finanzsektors sein. Der vorläufige Projektplan des IASB ist in drei Phasen unterteilt: Phase 1: Klassifizierung und Bewertung Phase 2: Methoden zur Erfassung von Wertminderungen Phase 3: Sicherungsgeschäfte (Hedge Accounting) Am 12. November 2009 hat das IASB bereits den neuen Standard IFRS 9 Finanzinstrumente veröffentlicht. Sah der Exposure Draft zu IFRS 9 Regelungen für die Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten vor, enthält der veröffentlichte Teil des IFRS 9 ausschliesslich Vorschriften für finanzielle Vermögenswerte. Die Phase 1 ist somit noch nicht abgeschlossen. Die Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Verbindlichkeiten will das IASB gemeinsam mit dem US-amerikanischen Financial Accounting Standards Board (FASB) im Laufe des Jahres 2010 ausarbeiten. Phase 1: Klassifizierung und Bewertung Die Anwendung von IFRS 9 ist für alle Geschäftsjahre verbindlich, die ab dem 1. Januar 2013 beginnen, sie ist aber bereits zu einem früheren Zeitpunkt erlaubt. Der neue Standard kennt nur noch zwei Kategorien für die Bewertung finanzieller Vermögenswerte: die Folgebewertung zum Fair Value (beizulegenden Zeitwert) oder zu Amortised Cost (fortgeführten Anschaffungskosten). Das Geschäftsmodell bestimmt die Bilanzierung von Obligationen Festverzinsliche Vermögenswerte wie Obligationen können nur dann zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet werden, wenn die beiden folgenden Bedingungen kumulativ erfüllt sind: Das Geschäftsmodell ist darauf ausgerichtet, solche Finanzinstrumente zu halten, um die vertraglichen Zahlungsströme zu vereinnahmen. Die Vertragsbedingungen des Instruments sehen ausschliesslich Tilgungs- und Zinszahlungen auf ausstehende Rückzahlungsbeträge vor. 18 Disclose Juni 2010

19 IFRS 9 Klassifizierung und Bewertung: Beispiel Obligation Entspricht es dem Geschäftsmodell, die Obligation zu halten und die vertraglichen Zahlungsströme zu vereinnahmen? Nein Ja Bestehen die vertraglichen Zahlungsströme ausschliesslich aus Tilgungs- und Zinszahlungen auf den ausstehenden Kapitalbetrag? Nein Ja Hat das Unternehmen für die Obligation die Fair-Value-Option ausgeübt? Ja Nein Fortgeführte Anschaffungskosten Fair Value Einzelne Verkäufe von festverzinslichen Wertpapieren stehen dem erwähnten Geschäftsmodell grundsätzlich nicht entgegen und machen daher keine Umklassifizierung notwendig. Ein Übergang von der Bewertungskategorie fortgeführter Anschaffungskosten hin zu jener des Fair Value ist grundsätzlich dann und nur dann zwingend vorzunehmen, wenn sich das Geschäftsmodell des Unternehmens im Hinblick auf die Steuerung seiner finanziellen Vermögenswerte ändert. Dies dürfte in der Praxis nur sehr selten der Fall sein. Die Beurteilung des Geschäftsmodells muss allerdings nicht auf Unternehmensebene erfolgen, sondern kann auch auf Portfoliobasis vorgenommen werden. Dies kann zur Folge haben, dass einige Portfolios die Anforderungen an die Bilanzierung zu fortgeführten Anschaffungskosten erfüllen, andere aber ausschliesslich Handelszwecken dienen und daher zum Fair Value bewertet werden müssen. Zudem sieht der neue Standard vor, dass die Folgebewertung von inflationsindexierten Anleihen grundsätzlich zu fortgeführten Anschaffungskosten möglich ist; hingegen sind Wandel- und Aktienindex-Anleihen künftig zwingend zum Fair Value anzusetzen. Die Fair-Value-Option räumt den Unternehmen auch weiterhin das unwiderrufliche Wahlrecht ein, finanzielle Vermögenswerte bei ihrer erstmaligen Erfassung erfolgswirksam zum Fair Value zu bewerten, sofern sie bestimmte Kriterien erfüllen. Bilanzierung von Aktien und anderen Eigenkapitalinstrumenten Eigenkapitalinstrumente wie Aktien sind unter IFRS 9 zum Fair Value zu bewerten. Die Ausnahmeregelung, diese unter bestimmten Bedingungen zu Anschaffungskosten zu bewerten, ist formell weggefallen. Allerdings erlaubt der neue Standard, die Anschaffungskosten in bestimmten Fällen als geeignete Schätzung für den Fair Value heranzuziehen. Der Standard sieht für den erstmaligen Bilanzansatz von Aktien und anderen Eigenkapitalinstrumenten das unwiderrufliche Wahlrecht vor, die Fair-Value-Änderungen nicht in der Erfolgsrechnung, sondern erfolgsneutral im Eigenkapital (Other Comprehensive Income, OCI) zu erfassen. Dies gilt für alle Eigenkapitalinstrumente, die nicht zu Handelszwecken gehalten werden. Macht ein Unternehmen von dieser sogenannten OCI-Option Gebrauch, darf es lediglich Dividendenerträge in der Erfolgsrechnung erfassen; alle anderen Fair-Value-Änderungen, aber auch Wertminderungen und eventuelle spätere Veräusserungsgewinne oder -verluste werden direkt im OCI verbucht. Dies heisst auch, dass das Unternehmen den Unterschiedsbetrag zwischen den ursprünglichen Anschaffungskosten und dem späteren Verkaufserlös nicht mehr in der Erfolgsrechnung erfassen Disclose Juni

20 kann. Ein realisierter Gewinn oder Verlust verbleibt direkt im Eigenkapital. Damit wird es die Available-For-Sale-Kategorie (AFS), die bei vielen IFRS-Anwendern für Aktien beliebt ist, in der heutigen Form nicht mehr geben. IFRS 9 Klassifizierung und Bewertung: Beispiel Aktien Wird die Aktie zu Handelszwecken gehalten? Ja Nein Hat das Unternehmen die OCI-Option ausgeübt? Nein Ja Erfolgsneutral im OCI zum Fair Value Fair Value Derivate werden in der Regel nicht mehr getrennt Eingebettete Derivate, die unter IAS 39 umfangreichen Regelungen zur Trennung unterliegen, sind für finanzielle Basisverträge innerhalb des Anwendungsbereichs des IFRS 9 nicht mehr zu trennen. Vielmehr wird ein Vertrag entsprechend den neuen Kriterien als Ganzes klassifiziert. Für Derivate, die bislang nach IAS 39 getrennt werden müssen, wird dies in der Regel dazu führen, dass das gesamte Hybridinstrument zum Fair Value zu bewerten ist. Für nichtfinanzielle Basisverträge, beispielsweise einen Warenkaufvertrag mit eingebettetem Fremdwährungsderivat, gelten hingegen weiterhin die Regelungen des heutigen IAS 39. Neue Regelungen für finanzielle Verbindlichkeiten stehen noch aus IFRS 9 regelt bisher ausschliesslich die Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Vermögenswerten. Finanzielle Verbindlichkeiten wurden ausgenommen, um die Auswirkungen, die sich aus der Berücksichtigung des eigenen Kreditrisikos für die Bewertung ergeben, genauer zu analysieren. So wird in der Praxis kontrovers diskutiert, ob die Verschlechterung der eigenen Bonität zu einem Bewertungsgewinn in der Erfolgsrechnung führen darf. Phase 2: Methoden zur Erfassung von Wertminderungen Im Rahmen der zweiten Phase des Projekts zum Ersatz von IAS 39 will das IASB ein Wertminderungsmodell festlegen. Den Entwurf «Finanzinstrumente: Fortgeführte Anschaffungskosten und Wertminderungen» hat das IASB am 5. November 2009 veröffentlicht. Bis zum 30. Juni 2010 besteht die Möglichkeit, dazu Stellung zu nehmen. Der Entwurf sieht für Vermögenswerte, die zu fortgeführten Anschaffungskosten angesetzt werden, ein Wertminderungsmodell auf der Basis erwarteter zukünftiger Cashflows (Expected-Loss-Modell) vor. Das derzeit noch gültige Modell zur Bestimmung von Wertminderungen gemäss IAS 39 (Incurred- Loss-Modell) verbietet es explizit, erwartete, aber noch nicht eingetretene Verluste sowie die Veränderung dieser Erwartungen zu berücksichtigen. Bislang müssen objektive Hinweise auf eine Wertminderung zum Bewertungsstichtag vorliegen. Ganz anders beim Exptected-Loss-Modell: Danach sind solche objektiven Hinweise nicht notwendig. Vielmehr muss das Unternehmen die zukünftigen Cashflows, die es aus den gehaltenen finanziellen Vermögenswerten erwartet, regelmässig ermitteln. Auf diese Weise kann es mit der gleichen Regelmässigkeit die Kreditausfallerwartungen anpassen und daraus resultierende zusätzliche Wertminderungsverluste früher berücksichtigen. 20 Disclose Juni 2010

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