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1 Marktmacher d a s M a g a z i n mi t w e i t b li c k starten: Worüber Marktexperten per Video direkt aus dem Handelssaal berichten. orientieren: Wer zu den Gewinnern der neuen industriellen Revolution zählt. handeln: Wie sich ein Investment in Mittelstandsanleihen gekonnt diversifizieren lässt. ankommen: Was Margot Käßmann über Reiche sagt. Welche Papiere Michael Opoczynski handelt. w w w. b o e r s e - s t u t tga r t. d e A P R I L 2019 DAS DRUCKEN IN 3D 2013 verändert die Industrieproduktion und bereichert die Produktwelt: Die neue Technologie macht die Fertigung flexibler und kostengünstiger. Das kann auch für Anleger vielversprechend sein.

2 editorial wird 2013 wirklich ein Bullenjahr, oder überwiegen am Ende doch die negativen Auswirkungen der Euro-Krise? In jedem Fall ist es für Privatanleger sinnvoll, sich intensiv zu informieren, den Schritt an den Finanzmarkt zu wagen und das umfangreiche Spektrum an börsengehandelten Wertpapieren zu nutzen. Denn nur so lässt sich vermeiden, dass niedrige Zinsen und inflationäre Tendenzen das Vermögen mittelfristig schmälern. Besonders im Fokus stehen dabei momentan Aktien nicht nur, weil sie als Sachwerte Inflationsschutz bieten. Im Frühjahr haben die Leitindizes Höchststände erreicht, und die Dividendensaison läuft. Es gibt also vielfältige Gründe, sich mit Aktien zu beschäftigen und Papiere zu finden, die zum eigenen Risikoempfinden und Anlageziel passen etwa langfris tig für die Altersvorsorge oder für Ertragschancen aus Dividenden. Dabei kann sich auch ein Blick über den Tellerrand lohnen, zum Beispiel in die USA, Mutterland des Shareholder-Value-Gedankens. Ebenfalls aus Nordamerika stammt ein innovativer Technologietrend, den wir im Schwerpunkt dieser Marktmacher -Ausgabe beleuchten: Der 3D-Druck hat das Potenzial, die Fertigung von Konsum- wie Investitionsgütern grundlegend zu verändern. Denn per Drucker lassen sich künftig individuelle Produkte kostengünstig und flexibel herstellen eine interessante Perspektive für Unternehmen, Verbraucher und auch Investoren. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre! Christoph Lammersdorf Vorsitzender der Geschäftsführung der Börse Stuttgart 2 starten 4 5 ZAHLEN & FAKTEN Jetzt bis 22 Uhr ordern Wie viel in Währungen gehandelt wird Schnelle Infos aus dem Handelssaal Attraktive Standorte für Immobilieninvestoren Rohstoffe interessieren Privatanleger Umfrageexperte Manfred Hübner zur Stimmung an den Aktienmärkten. orientieren 6 13 ZUKUNFTstrend 2019 Industrielle Revolution in 3D Drucken in der dritten Dimension bringt Massenproduktion und Individualisierung zusammen. Die Fertigungsmöglichkeiten sorgen in ganzen Volkswirtschaften für einen Wachstumsschub INTERVIEW Bestsellerautor und Journalist Chris Anderson Weshalb für den Visionär des 3D-Drucks vor allem die Kreativität eines Unternehmens zählt INVESTMENTHINTERGRUND Mögliche Ansätze für Privatanleger Bestimmte Unternehmen, Branchen und Länder profitieren, wenn sich die neuartige Fertigung per Drucker durchsetzt. handeln Börsenstrategien Gut durchdacht ordern Bewährte Vorgehensweisen mit klaren Vorgaben helfen, das Spektrum möglicher Aktieninvestments gezielt einzugrenzen. 21 mittelstandsanleihen Breit gestreut Mit einem neuen Investmentfonds erhalten Anleger erstmals einen diversifizierten Zugang zu börsennotierten Mittelstandsanleihen chartanalyse Tool für den Trend Welche Möglichkeiten das kostenfreie Profiwerkzeug der Börse Stuttgart für die technische Analyse eröffnet. Foto Cover: Platzhalter Foto Cover: links: Börse Jens-Ulrich Stuttgart Koch/DAPD/ddp images, Christoffer Askman/Cultura/gettyimages (Montage) Foto:li: Foto Platzhalter Börse Stuttgart; Foto re.: 3D Systems Liebe Leserin, Lieber Leser,

3 inhalt 6 13 ZUKUNFTstrend brasilien Der Cup als Chance Interessante Perspektive: Vor der Fußball-WM nimmt Brasiliens Wirtschaft wieder Fahrt auf dividendentitel Ausschüttung mit Ansage Das Zinsniveau liegt derzeit unterhalb der Inflationsrate. Das lenkt den Blick auf dividendenstarke Aktien, die regelmäßige Erträge bieten. ankommen REGULIERUNG Privatanleger zahlen doppelt Warum der EU-Entwurf zur Finanztransaktionssteuer Fragen nach einer fairen Verteilung der Belastungen aufwirft. 32 pro & contra Hauptversammlungen müssen den Dialog stärker fördern Die Aktionärsschützerin Jella BennerHeinacher und Klaus-Peter Müller von der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex diskutieren. 33 ESSAY Einen Augenblick, Frau Käßmann Weshalb der verantwortliche Umgang mit Finanzmitteln wichtig für die Gesellschaft ist. Eine neue Dimension des Druckens verändert die Welt 34 INTERVIEW Über Geld spricht man nicht. Oder doch, Herr Opoczynski? Wie risikoaffin der Fernsehjournalist ist und welche Anlageformen er privat favorisiert. 35 NACHGEFRAGT Leserfrage & Impressum Bei der Leserfrage nehmen alle eingesandten Antworten an der Verlosung teil. Zu gewinnen gibt es ein ipad 4. Nicht nur Lampenschirme und Spielzeug für Konsumenten, auch Bauteile für Flugzeuge und Maschinen entstehen mithilfe spezieller 3D-Drucker. Der Technologie sind kaum Grenzen gesetzt sie sorgt für Flexibilität und geringere Kosten in der Produktion. 3

4 starten Beliebte Beimischung Rohstoffe haben sich als Anlageklasse auch bei privaten Investoren etabliert. Das zeigte nicht zuletzt die Umfrage in der letzten Ausgabe von Marktmacher : Für knapp drei Viertel der Leser spielen Rohstoffe eine wichtige Rolle. Ein häufig genannter Grund ist dabei die Diversifizierung des Depots. Aufgrund seiner Wertbeständigkeit und als Inflationsschutz stößt Gold nach wie vor auf besonders großes Interesse. Doch weil sich die wirtschaftliche Lage bessert und auch die Weltkonjunktur offenbar wieder Fahrt aufnimmt, rücken weitere Edelmetalle wie Platin, Silber und Kupfer in den Fokus. Sie finden auch in der Industrie Verwendung von möglichen Steigerungen bei Nachfrage und Preisen können auch Anleger profitieren. Leserfrage: Spielen Rohstoffe als Anlageklasse für Sie eine wichtige Rolle? 74 % 26 % Ja Nein Euro Der Währungsmarkt ist gigantisch: Rund um die Uhr und weltweit handeln Marktteilnehmer pro Tag Währungen im Volumen von rund vier Billionen Euro. Der Großteil des Geschäfts läuft direkt zwischen Finanzinstituten. Aber auch Privatanleger können an der Entwicklung bestimmter Währungen teilhaben positiv wie negativ. So ist an der Börse Stuttgart eine Vielzahl von Anleihen in Fremdwährung gelistet, bei denen die Wechselkurse zum Euro den Anlageerfolg beeinflussen. Zuletzt wurden in Stuttgart beispielsweise Anleihen in den Handel eingeführt, die in indischen Rupien news-aus-dem-handel 4 VIER DEUTSCHE STÄDTE IN DEN TOP TEN Deutsche Großstädte sind sehr attraktiv für europäische Immo bi lien investoren. Das belegt eine Studie des Dienstleisters CBRE. Erstmals befinden sich gleich vier heimische Metropolen in den Top Ten Europas: München (2), Berlin (3), Hamburg (7) und Frankfurt (8). An der Spitze des Rankings liegt London. Im Rahmen des Real Estate Investor Intentions Survey haben professionelle Anleger benannt, welche Standorte ihrer Meinung nach sehr lohnend sind. Bezogen auf ganze Länder bescheinigen 35 Prozent der Befragten, Deutschland sei 2013 der begehrteste Immobilienmarkt. Dabei sind vor allem Büros, Logistikbauten und Einkaufszentren gefragt. Foto: Börse Stuttgart MARKTNAH UND AUS ERSTER HAND News aus dem Handel der Name des audiovisuellen Angebots ist Programm. Hier berichten Marktexperten per Video direkt aus dem Handelssaal der Börse Stuttgart, des größten europäischen Börsenplatzes für verbriefte Derivate. In maximal 90 Sekunden werden Trends im Handelssegment Euwax und aktuell häufig gehandelte Produkte vorgestellt. So erhalten Trader marktnahe Informationen ungefiltert aus erster Hand ein Novum in der deutschen Börsen bericht erstat tung. Alle Videos sind auf der Internetseite der Börse Stuttgart sowie über Youtube und Facebook verfügbar. Das Angebot soll noch auf andere Anlageklassen ausgeweitet werden.

5 starten Rund 89,2 Milliarden Euro Umsatz weist das Orderbuch der Börse Stuttgart für 2012 aus. Das ist dreimal mehr als das Volumen im E-Commerce in Deutschland im selben Jahr. Verbriefte Derivate, Anleihen, Aktien, Fonds und Genussscheine in diesen Anlageklassen kam an der Börse Stuttgart 2012 ein Handelsvolumen von 89,2 Milliarden Euro zusammen. Zum Vergleich: Im Onlinehandel mit Waren und Services wurden 2012 deutschlandweit nur 29,5 Milliarden Euro umgesetzt. Fotos: li. Ersinkisacik/E+/gettyimages, re. Sentix GmbH Bis 22 uhr handeln Die Börse Stuttgart setzt die Ausweitung der Handelszeiten fort. Seit März 2013 können Anleger alle Aktien, Genussscheine sowie Investmentfondsanteile und ETPs bis 22 Uhr handeln. Privatanleger haben jetzt zwei Stunden mehr Zeit, um auf Entwicklungen der US-Märkte zu reagieren, sagt Ralph Danielski, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Börse Stuttgart. Und wie erste Erfahrungen zeigen, stößt das Angebot auf positive Resonanz. Flankiert wird die Handelszeitverlängerung durch eine Ausweitung der Servicezeiten: Die aktive Limit-Überwachung und die kostenfreie Kundenhotline stehen Privatanlegern nun auch bis 22 Uhr zur Die Handelszeiten auf einen Blick Drei Fragen an Manfred Hübner, Geschäftsführer der Sentix GmbH, die auf internetbasierte Kapitalmarktumfragen spezialisiert ist. 1. Emotionen beeinflussen die Finanzmärkte. Was bringen Analysen der Anlegerstimmung? Für den einzelnen Anleger können Emotionen problematisch sein: Ausgeprägter Optimismus nach Kursanstiegen verleitet zu sorglosem Handeln, große Angst nach Kursverlusten verhindert, günstige Preise zum Einstieg zu nutzen. Sie bergen zudem die Gefahr, von der eigenen Befindlichkeit auf die des Marktes zu schließen. Deshalb ist es wichtig, jenseits des subjektiven Empfindens die tatsächliche Stimmung am Markt zu kennen also den Querschnitt aller Anleger. 2. Wie ist die Lage im Frühjahr? Die Stimmung für Aktien ist gut. Auf unserer Skala von minus 100 bis plus 100 liegt sie aktuell bei plus 40. Ab diesem Wert sprechen wir von Optimismus. In den vergangenen beiden Jahren haben wir in unseren wöchentlichen Internetumfragen unter Anlegern nur zweimal ein höheres Niveau ermittelt herrschte Krise, im Frühjahr sehen wir Rekordindexstände. Was ist geschehen? Seit Mario Draghi die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank bekräftigt hat, Anleihen der Krisenländer im Zusammenhang mit Reformauflagen zu kaufen, bildet sich die Unsicherheit an den Märkten zurück. Die Politik der EZB hat die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone reduziert. 5

6 orientieren orientieren Analyse: Wie 3D-Druck auf Dauer die Welt verändert S Interview: Wer zu den Profiteuren zählt S Strategie: Welche Schlüsse Privatanleger ziehen können S Gedruckte Objekte (von links oben nach rechts unten): Lampen, Architekturmodell, Steuerknüppel, Schmuckring, Oberschenkelprothese, Helikoptermodelle, Modell einer Kreissäge, Schaltsystem mit Zahnrädern

7 2019 die neue industrielle revolution Fortschrittliches Drucken in der dritten Dimension verändert die Fertigung wie auch die Produktwelt und wird zum Wachstumstreiber ganzer Volkswirtschaften. von nando sommerfeldt und Holger Zschäpitz* M illionen US-Bürger sind bereits im Bilde: Sie in te r es sie ren sich für additive Fertigung. Was hierzulande eher Wissenschaftlern, Ingenieuren oder Technikfans ein Begriff ist, fasziniert in Übersee fast eine ganze Nation: Drucker begnügen sich nicht länger nur mit Papier, sondern spucken auch ganze Gegenstände aus etwa Schrauben, Tassen oder Flugzeugteile. Geräte, nicht größer als ein Kühlschrank, scheinen komplette Fabriken ersetzen zu können. Die Rede ist nicht von einer neuen Science-Fiction-Serie. Die TV-Zuschauer in den USA verfolgen stattdessen die allabendliche Tonight Show. Talk-Legende Jay Leno führt hier regelmäßig die neuesten Werke seines 3D-Druckers vor. Denn Leno ist nicht nur einer der bekanntesten Entertainer des Landes, er ist auch leidenschaftlicher Sammler von Oldtimern. Er bastelt und schraubt ständig an seinen Autos herum. Genervt von der ewigen Suche nach passenden Ersatzteilen, hat er den 3D-Druck für sich entdeckt. Nun kommen die Kurbelwellen Fotos (von links oben nach rechts unten): MakerBot, Electro Optical Systems (2x), Shapeways, Stratasys, Electro Optical Systems, MakerBot (2x) 7

8 orientieren NEUER SCHUB oder Stoßdämpfer aus seinem Drucker. Leno ist der größte Fan der neuen Technologie und lässt die halbe Nation regelmäßig daran teilhaben. Amerika wird damit bereits im Frühstadium Zeuge einer industriellen Revolution. Der bekannte Ökonom Robert Gordon hat davor gewarnt, dass die westliche Welt in ein Zeitalter der Stagnation zurückfallen könnte. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war Wachstum allein der Bevölkerungszunahme geschuldet. Erst durch drei große industrielle Revolutionen die Erfindung der Dampfmaschine und der Siegeszug der Eisenbahn, die Elektrifizierung der Welt sowie die Einführung von Computer und Internet verbesserte sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf deutlich. Seit 2004 verlangsamt sich die Dynamik merklich. Der 3D-Druck, so Experten, könnte neue Wachs tums impulse geben und die Welt vor einer drohenden Stagnation bewahren. Am 12. Februar 2013 hat auch ein anderer Amerikaner die 3D-Druck-Technologie als neuen Mega trend geadelt. US-Präsident Barack Obama griff das Thema in seiner Rede zur Lage der Nation auf. Unsere einstigen Industrieruinen sind jetzt die Labors, in denen mit dem 3D-Druck eine Revolution losgetreten wird. Sie hat das Potenzial zu verändern, wie wir produzieren, verkündete er. Spricht Obama noch von großen Visionen, ist die Revolution im Kleinen schon in vollem Gange in der sogenannten Maker-Bewegung. Dahinter verbergen sich Kreative aller Berufe: Architekten, Designer oder Ingenieure können ihre Ideen dank 3D-Druck relativ einfach in Produkte zum Anfassen umsetzen. Das Fertigungsprinzip ähnelt dem eines Tintenstrahldruckers: Beim 3D-Gerät trifft zwar keine Tinte auf Papier, dafür fließen aber Sand, Mineralstaub und Bindemittel auf die Druckfläche. Ist eine Schicht gelegt, hebt sich der Druckkopf und füllt die nächste Lage bis das eingescannte Objekt dreidimensional fertiggestellt ist (s. Infografik auf Seite 12). Mussten die Entwickler bislang teure Fertigungskapazitäten anmieten, um die ersten Stücke eines Produkts aufwendig herzustellen, kann nun schnell und kostengünstig ein Prototyp gedruckt werden. Das finanzielle Risiko ist damit verschwindend gering. So wie heute dank PC und Internet niemand mehr eine Druckerei benötigt, um seine Ideen zu veröffentlichen, so ermöglicht uns die 3DDruck-Technologie mit einem Klick den Zugang zur eigenen Fabrikhalle, schwärmt Chris Anderson, Technologie-Pionier und Autor des Bestsellers The Long Tail, in dem er das wirtschaftliche Potenzial von Nischenprodukten im Internetzeitalter beleuchtet. Was Anderson die Demokratisierung des Produktionsprozesses nennt, ist im Grunde nichts anderes als ein gewaltiges Innovationsprogramm (s. Interview auf Seite 14). Denn praktisch jeder kann jederzeit und überall seine Ideen in eine konkrete Form bringen. Wir wissen, dass in fast allen Industriezweigen 70 bis 8 Die Autoren sind Redakteure der WELT und WELT am SONNTAG. * 80 Prozent aller Innovationen nicht von Herstellern kommen, sondern letztlich von einem unzufriedenen Kunden, erklärt Frank Piller, Professor an der RWTH Aachen und Mitarbeiter des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Anstatt das unzureichende Angebot einfach hinzunehmen, könnten die Verbraucher selbst die Produktwelt aufmischen. Zumal die Drucker künftig nicht größer als eine Mikrowelle sein werden und so in jeder Wohnung eine Fabrik entstehen kann. Schon heute greift ein Handyhersteller den Trend auf: Kunden können anhand von Vorlagen im Internet ihre individuelle Handyhülle gestalten und anschließend selbst ausdrucken. Individualisierung und Massenproduktion finden erstmals zusammen. Das ist ein ganz neues gesellschaftliches Phänomen, sagt Piller. Mit dem 3DDruck verliert die herkömmliche Fertigung ihre Starre. Ohne große Umbauten und logistischen Aufwand kann die Produktions linie verändert werden. Individuelle Kundenwünsche lassen sich somit unmittelbar und günstiger als jemals zuvor umsetzen. Eine effiziente und gleichzeitig flexible Fertigung der 3D-Druck vereint das Beste aus zwei Welten. Claudio Dalle Donne ist in beiden Welten zu Hause als Chefentwickler von EADS Innovation Works. Seine For schungs ergeb nis se sollen die Produktion des Luft- und Raumfahrtkonzerns effizienter und gleichzeitig die Flugzeuge oder Satelliten besser machen. Additive Manufacturing,

9 orientieren Am Rechner werden digitale Daten zu dreidimensionalen Objekten. Fotos: o. Wang Fang/Xinhua Press/Corbis, u. privat wie wir den 3D-Druck nennen, ist derzeit das heißeste Thema in der Produktionstechnik, sagt Dalle Donne. Die Technologie existiert zwar bereits seit rund 15 Jahren. Doch erst jetzt beginnt sie, richtig abzuheben. Er muss es wissen. Die Luftfahrtindustrie ist das Paradebeispiel für den Nutzen der Technologie: Flugzeugbauer produzieren traditionsgemäß an vielen Standorten und sind in besonderer Weise abhängig von Zulieferern und deren Materialien. Komplexe Lieferketten und steigende Rohstoffkosten stehen den immer anspruchsvolleren Kunden gegenüber. Airlines fordern wegen der ständig steigenden Kerosinpreise Dr. Frank Piller, Professor an der RWTH Aachen und Mitarbeiter des Massachusetts Institute of Technology»INDIVIDUALISIERUNG UND MASSENPRODUKTION FINDEN ZUSAMMEN. DAS IST EIN NEUES GESELLSCHAFTLICHES PHÄNOMEN.«sparsamere Maschinen, vor allem aber eine pünktliche Auslieferung. Dass die Flugzeugbauer dabei oft an ihre Grenzen stoßen, offenbaren die jahrelangen Verzögerungen bei jüngsten Prestigeprojekten. In Zukunft könnte die 3DDruck-Technologie dieses Dilemma der Luftfahrtindustrie lösen. Durch das neue Produktionsverfahren lassen sich Bauteile überall auf der Welt vor Ort ausdrucken, was die Komplexität der Lieferkette erheblich reduziert. Außerdem können Ingenieure rund um die Uhr in Labors weltweit an innovativen Konstruktionslösungen tüfteln und ihre digital verfügbaren 9

10 orientieren Ohnehin reduziert das Drucken die Verschwendung von Rohstoffen. Dalle Donne führt als Beispiel eine etwa zehn Zentimeter große Titan-Verstrebung an, die in jedem Flugzeug verbaut wird. Bislang gab es bei der Herstellung durch Fräsen aus einem Metallblock bis zu 90 Prozent Abfall. Beim 3D-Druck hingegen wird das Titan-Teil quasi aus dem Nichts mithilfe von Pulver erschaffen Schicht für Schicht. Verschnitt gibt es bei dieser additiven Fertigung kaum. Mit der 3D-Technologie können wir die Natur nachahmen und für jedes Teil nur so viel Material verwenden, wie wirklich nötig ist, macht Chefentwickler Dalle Donne klar. Vorbild sind die hohlen Knochen von Vögeln, die leicht sind und dennoch vollständig ihren Zweck erfüllen. So kann auch die besagte Titan-Strebe bei gleicher Stabilität mit einem Hohlraum gedruckt werden, was nicht nur Rohstoffkosten spart, sondern auch viel Gewicht. Die gedruckten Flugzeuge könnten also in Zukunft um Tonnen leichter sein. Da jedes Flugzeug im Schnitt 30 Jahre in Betrieb ist, bringt jedes Kilogramm weniger der Airline eine Ersparnis von rund Liter Kerosin pro Flieger. allerdings gibt es Noch einen entscheidenden Makel. Die 3D-Drucker arbeiten nicht schnell genug, um täglich große Stückzahlen zu fertigen. Für die Luftfahrtindustrie ist der Faktor Zeit noch handhabbar. Für die Autoindustrie, die Schlüsselbranche der industriellen Fertigung, müssen die Drucker deutlich schneller werden. Wenn die Automobilkonzerne für ihre Massenfertigung additive Verfahren einsetzen, ist der Durchbruch für die 3D-Drucker geschafft, erklärt Dalle Donne. Bis 2019 setzen die Experten analog zu anderen Technologien auch beim 3D-Druck auf das sogenannte Moore sche Gesetz. Intel-Gründer Gordon Musik oder Filme unterliegen als künstlerische Werke gemäß 2 Abs. 1 des Urheberrechtsgesetzes (UrhG) einem besonderen Schutz. Dagegen kann man bei 3D-Druckstücken meist nicht von künstlerischen Werken sprechen. Denn beispielsweise einer Micky-MausFigur aus dem 3D-Drucker fehlt es zu einem urheberrechtlichen Schutz bereits an der sogenannten Schöpfungshöhe. In diesem Fall würde nämlich in freier Benutzung eines bereits vorhandenen Werks ( 24 Abs. 1 UrhG) ein eigenständiges neues Stück geschaffen. Dieses ist von dem Ursprungswerk lediglich inspiriert, was juristisch keine Urheberrechtsverletzung darstellt. Claudio Dalle Donne, Chefentwickler von EADS Innovation Works»ADDITIVE MANUFACTURING, WIE WIR DEN 3D-DRUCK NENNEN, IST DERZEIT DAS HEISSESTE THEMA IN DER PRODUKTIONSTECHNIK.«10 Moore hatte einst die Gesetzmäßigkeit erkannt, dass sich die Leistungsfähigkeit der Chips alle 18 Monate verdoppelt. Nun könnte dies auch für die 3D-Technologie gelten umso mehr, als die additive Fertigung besonders umweltfreundlich ist, weil Transportwege vermieden und Rohstoffe gespart werden. Allein wegen dieser Eigenschaften dürften Konzerne und Staaten die neue Technologie künftig konsequent vorantreiben. Entsprechend optimistisch fallen die Wachstumsprognosen aus: Der US-Analyst Terry Woh lers, dessen jährlicher Report als Branchen-Bibel gilt, erwartet Steigerungsraten von knapp 20 Prozent pro Jahr. Bis 2019 wird sich nach seiner Rechnung allein das Volumen des DruckerMarktes auf 6,5 Milliarden USDollar verdreifachen. Die amerikanische Denkfabrik Atlantic Council wagt einen noch weiteren Ausblick. Danach dürfte die Technologie der additiven Fertigung Produktionsströme mit Billionen-Dollar-Volumen bewegen. Davon profitieren neben Druckerproduzenten beispielsweise innovative Maschinenbauer, Hersteller von Kommunikationstechnik und Softwareanbieter sowie deren Kunden in der Fer ti gungs indus trie. Der Aufstieg der 3D-DruckTechnik wird auch folgenreich für ganze Volkswirtschaften sein. Wenn Kosten sinken und eine neue Flexibilität in der Fabrikhalle Einzug hält, kann es zu einem historischen Wachstumsschub kommen. Foto: EADS URHEBERSCHUTZ Forschungsresultate auch in physischer Form mit ihren Kollegen teilen.

11 orientieren zahlen & Fakten extrem günstige produktion Herstellungskosten einer Badeente in Euro Kosten pro Einheit Methode 1: Euro für die Form, 15,50 Euro für Material pro Ente. 773,00 Links zum Thema: 77,30 15,50 Methode 2: 15,50 Euro pro 3D-Druck für Zeit und Material. 7, Einheit Quelle: Chris Anderson 90 Minuten So schnell entsteht heute beim US-amerikanischen Schuhproduzenten Timberland mit Hilfe von 3DDruckern ein neuer Prototyp. Die Kosten: 35 US-Dollar. Noch 2002 haben Modellbauer dafür eine Woche benötigt und US-Dollar in Rechnung gestellt. Fotos: o. 3DSystems, u. 3D-Druck hilft: Ein vier Jahre altes Mädchen kann jetzt trotz eines Geburtsfehlers ihre Arme nutzen. Forscher eines Krankenhauses in Philadelphia/USA haben eine Art Außenskelett geschaffen. Es unterstützt das Kind, dessen Muskeln unterentwickelt sind: Das Mädchen spricht von ihren Zauberarmen. Eine Studie des Atlantic Council zum 3D-Druck: Details zum Wohlers Report 2012, dem Magazin für 3D-Druck: Forschern, Ökonomen und Staatsmännern in den westlichen Ländern schwebt vor, die Produktion von Gütern wieder nach Hause zu holen. Wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Herstellungskapazitäten in Niedriglohnländer verlegt, könnte sich dieser Trend mit dem Durchbruch des 3D-Druck-Verfahrens wieder umkehren. Denn die Technologie ermöglicht eine effiziente Fertigung, die auf individuelle Kundenwünsche eingeht. Die klassische Massenproduktion, etwa in China, die heute vor allem mit geringen Arbeitskosten punktet, würde dadurch weniger attraktiv. Hinzu kommt: Wenn Unternehmen fertige Produkte oder einzelne Bauteile nicht mehr von Zu lie fe rern in aller Welt beziehen, sondern selbst ausdrucken, krempelt das globale Lieferketten radikal um. Aufwendungen für Transport und Logistik sowie die unvermeidlichen Wartezeiten wären dann Geschichte. Gewinnt die Technologie weiter an Dynamik, muss sich auch Talkmaster Jay Leno etwas Neues einfallen lassen etwa mithilfe der Firma Voxeljet. Das Unternehmen aus Augsburg hat den legendären Aston Martin DB5 für den jüngsten James-Bond-Film detailgetreu nachgedruckt, damit der wertvolle Originalwagen bei Stunts keinen Schaden nimmt. Die Kopie entstand zwar nur im Maßstab 1 : 3. Doch Millionen Kinozuschauer haben den Unterschied nicht bemerkt. Einen Aston Martin DB5 hat Leno noch nicht in seiner Sammlung. Es wird also höchste Zeit, den Druckauftrag zu erteilen. 11

12 orientieren 12

13 Infografik: Niko Wilkesmann 13

14 orientieren»jeder KANN ZUM FABRIKANTEN WERDEN«Für Bestsellerautor, Journalist und Unternehmer Chris Anderson zählt bei der Produktion von Gütern im Zeitalter des 3D-Drucks weniger die Größe eines Unternehmens als seine Kreativität. Herr Anderson, Barack Obama hat unlängst über den 3D-Druck philosophiert, der eine industrielle Revolution hervorbringen könnte. Ist damit die neue Technologie in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Das ist vielleicht etwas zu weit gegriffen. Um von einem Massenphänomen zu sprechen, müsste es Millionen solcher Drucker geben. Tatsächlich sind es derzeit aber vielleicht mehrere Zehntausend. Dennoch sorgt die neue Technologie wegen der damit verbundenen denkbaren Umwälzungen für Aufsehen vom Silicon Valley bis nach Washington. 14 Worin besteht das Revolutionäre des 3D-Drucks? Das ist in etwa so, als ob Sie den PC und das Internet gleichzeitig einführen würden. Denn jeder kann in Zukunft mit einem einfachen Rechner seine eigenen Produkte herstellen. Was ist so außergewöhnlich daran, sich einen 3D-Drucker auf den Schreibtisch zu stellen und seine eigene Badeente auszudrucken? Es ist nicht die Ente an sich. Es ist die Tatsache, dass jeder ein Maker werden kann, der sich mit anderen

15 orientieren verbindet, um Ideen und Innovationen auszutauschen und die Produkte dann im Internet anzubieten. So wie durch das Internet heute praktisch jeder sein eigener Verleger sein kann, werden wir durch den 3D-Druck alle zu Fabrikanten. Foto: Peter Dasilva/The New York Times/NYT/Redux/laif Wenn jeder alles herstellen kann, wie sollen Firmen dann Geld verdienen? In der Tat handelt es sich um einen sehr wettbewerbsintensiven Markt. Aber Wettbewerb ist gut. Er bringt die Technologie voran macht sie effizienter. Es geht auch nicht so sehr um hohe Gewinnmargen; hohe Stückzahlen bringen das Geld. Hier muss ein Unternehmen immer einen Tick schneller sein, die bessere Qualität liefern oder einen wohlklingenden Namen mitbringen. Es ist aber nicht so, dass wenige das ganze Geschäft machen werden, vielmehr könnten ganz viele Firmen und auch einzelne Maker profitieren. Bei der Nutzung des 3D-Drucks zählt nicht Größe, sondern Kreativität. Es handelt sich um eine Art Demokratisierung der Produktion. Wer macht das Geschäft bei der von Ihnen beschriebenen industriellen Revolution? Unmittelbar lassen sich vor allem drei Gruppen von Profiteuren ausmachen. Das sind zum einen die Anbieter von 3D-Software. Denn jedes Produkt muss erst einmal am Computer entworfen und danach in eine für die Drucker lesbare Software übersetzt werden. Hier wird sich langfristig eine einheitliche Programmiersprache durchsetzen, die alle Endgeräte verstehen. Zum anderen verdienen natürlich auch die Hardware-Hersteller, welche die 3D-Drucker produzieren. Und nicht zuletzt existieren Plattformen im Internet, auf denen die Ideen und Designs ausgetauscht werden können. Wie wird geistiges Eigentum geschützt? Die 3D-Bewegung wirft noch mehr ju ris ti sche Fragen auf, als das bei digitalen Werken der Fall ist. Wenn Sie einen Text, zur person Chris Anderson hat den Posten des Chef redak teurs beim renom mierten Tech-Magazin Wired aufgegeben, um sich auf seine Firma zu konzentrieren. Sie bietet Verbrauchern eine Plattform, über die sie persönliche Aufklärungsdrohnen bauen lassen können. In Bestsellern wie The Long Tail und Makers beschreibt der 51-jährige USAmerikaner die Güterproduktion der Zukunft. Er gilt als Visionär des 3D-Drucks, spricht von einer neuen industriellen Revolution. Musik oder Filme erstellen, haben Sie automatisch ein Copyright. Das ist bei physischen Gütern anders. Hier haben die Firmen vielleicht ihren Markennamen geschützt, das Produkt aber nicht. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Micky-MausFigur auf dem Schreibtisch stehen. Dann reichen drei kostenlose Programme auf Ihrem Smartphone, um diese Maus zu kopieren und sie vielleicht mit einem eigenen Namen zu versehen. Aber haben Sie mit der bearbeiteten Micky Maus die Rechte eines Unternehmens verletzt? Nicht wirklich zumindest existiert noch keine entsprechende rechtliche Basis. Ich hoffe, dass in Zukunft ein völlig neuer Markt entstehen wird, der offene Lösungen und Ideen unterstützt. Werden Konzerne diesen Durchbruch nicht vereiteln? Nein, warum denn? Ein offenes System muss nicht schlecht sein es kann vielmehr großen Erfolg haben. Denken Sie an das offene Betriebssystem Linux. Rund um diese kostenlose Software haben sich profitable Geschäftsmodelle etabliert. Und trotzdem gibt es auch noch geschlossene, kostenpflichtige Betriebssysteme. Durch den harten Wettbewerb bringen sich beide Modelle gegenseitig voran, zum Nutzen aller. Das zeigt sich etwa auch bei der Software für Mobiltelefone. Es gibt eine Open-Source-Plattform, von der viele Gruppen profitieren und ziemlich viel Geld damit verdienen. Die Konkurrenz bietet ein geschlossenes System und verdient ebenfalls prächtig. Der Wettbewerb ist zum Vorteil beider. Dieses Prinzip könnte sich beim 3D-Druck auf andere Branchen ausweiten. Beispiel Konsumgüter: Wenn jeder vorhandene Designs weiterentwickeln kann, führt das zu einer ungeahnten Produktvielfalt. Gleichzeitig lassen sich auch kleinere Stückzahlen rentabel produzieren. Interview: Holger Zschäpitz, Nando sommerfeldt Redakteure der WELT und WELT am SONNTAG 15

16 orientieren 1 TECHNOLOGIEFÜHRER DES 3D-DRUCKS Da es sich noch um eine junge und volatile Branche handelt, eignen sich die Aktien reiner 3D-Druck-Unternehmen lediglich für sehr ri si ko freu di ge Anleger. So haben sich die Papiere der Programmierer von entsprechender Software oder der Druckerproduzenten in den vergangenen zwei bis drei Jahren sehr gut entwickelt und ihren Wert oft mehr als verdoppelt. Die Aktien sind also keine mögliche ansätze für Privatanleger Bei wirtschaftlichen Umwälzungen lohnt es sich, mögliche Gewinner in den Blick zu nehmen. Bei der Fertigung mit 3D-Druck geht es um Unternehmen, Branchen und Länder mit spezifischen Chancen und Risiken. 3 PRODUKTIONSSTANDORTE IM WANDEL Die industrielle Revolution der Gegenwart hat globale Auswirkungen. Während der Westen im 19. Jahrhundert fast 100 Prozent der Produktion erbrachte, ist der Anteil heute auf 50 Prozent gefallen Massenfertigung wurde aus Kostengründen in 16 Hintergrund: Der Druckkopf wandert und baut in dünnen Lagen Schicht für Schicht selbst komplexe Objekte auf; li. u.: ausgelagerte Arbeit: Fabrikarbeiterin setzt Maschinenteile zusammen

17 unentdeckten Perlen mehr, in ihren Kursen steckt bereits sehr viel Fantasie. Aktuelle Kennzahlen sind wenig aussagekräftig. Für die Investoren steht deshalb vor allem das künftige Wachstumspotenzial im Fokus. Wer sich in diesem Stadium als Aktionär engagiert, tritt gewissermaßen als Risiko- oder Wagniskapitalgeber auf. Einige Einzelaktien von 3D-Druck-Firmen dienen auch als Basiswert für derivative Hebelprodukte. Optionsscheine und Knock-out-Produkte erhöhen noch einmal die Ertragschancen, aber gleichzeitig auch die Risiken für den Anleger bis hin zum Totalverlust des eingesetz- ten Kapitals. Etwas weniger riskant sind die Aktien von etablierten Technologiekonzernen, die sich im 3D-Druck zusätzliche Geschäftsfelder erschließen. Dazu zählen Hersteller konventioneller Drucker, aber auch führende Softwareanbieter sie besetzen mit ihren 3D-Produkten bisher eine attraktive Nische bei professionellen Anwendern und könnten nun auch private Nutzer erreichen. Neben Einzelwerten von Technologiekonzernen werden an der Börse Stuttgart auch elf Exchange Traded Funds (ETFs) auf Technologieindizes gehandelt, die breiter gestreute Investments ermöglichen. Die Produktfinder der Börse Stuttgart: produkt-finder 2 Sollte sich die 3D-Druck-Technologie in der Breite durchsetzen, werden einige Branchen besonders großen Nutzen daraus ziehen. Der 3D-Druck ermöglicht individuelle Massenfertigung profitieren dürften vor allem Produktionsunternehmen, denen effiziente Individualisierung durch die additive Fertigung besondere Vorteile bringt. Das könnten Firmen der Konsumgüteroder der Automobilindustrie sein. Für den Investitionsgüterbereich spielen verkürzte Lieferketten mit der ent- sprechenden Zeit- und Kostenersparnis eine Rolle. Auch der Materialeinsatz dürfte gegenüber der herkömmlichen Produktion sinken. Diese Aspekte kommen bereits jetzt beim Einsatz des 3D-Drucks in der Medizintechnik und der Luftfahrtindustrie zum Tragen. An der Börse Stuttgart sind zehn ETFs mit Bezug zur Konsumgüterbranche gelistet. Die Umwälzungen im Investitionsgüterbereich lassen sich über zwölf Industrie-ETFs berücksichtigen. Bei Einzelaktien können Anleger beispielsweise jene Unternehmen betrachten, die heute einen Großteil ihrer Margen durch Logistikkosten verlieren und durch den 3D-Druck profitabler werden. Billiglohnländer ausgelagert. Der 3D-Druck dürfte das ändern: Firmen in westlichen Industrienationen könnten individuelle Produkte wieder vor Ort herstellen, Logistikkosten sparen und die Wirtschaft ankurbeln. Potenzielle Verlierer sind Länder, die als verlängerte Werkbänke auf den Export billig hergestellter Produkte angewiesen sind. Eine Verlagerung der Produktion würde ihr Wachstum schmälern. Mit aktiv gemanagten Fonds, ETFs oder Anlagezertifikaten können Anleger auf die Reindustrialisierung der USA oder Japans setzen und in die Industrienation Deutschland investieren. Zur Auswahl stehen an der Börse Stuttgart rund 70 Investmentfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland, die ohne Ausgabeaufschlag gehandelt werden. 29 in Stuttgart gelistete ETFs bilden deutsche Aktienindizes ab zum Teil auch gehebelt oder als Short-Variante. ANWENDER IN DER INDUSTRIE Fotos: Hintergrundbild: Veronika Lukasova/ZUMA Press/Corbis, li. u.: Eightfish/Iconica/gettyimages 17

18 handeln handeln GUT DURCHDACHT ORDERN E motionale Distanz zum Marktgeschehen, ein kühler Kopf und gut begründete Entscheidungen bilden die Basis für jeden Erfolg im Wertpapierhandel. Kurzum: Ein Anleger sollte wissen, was er tut. Sich bestimmte Börsenstrategien anzueignen und dann nach ihnen zu handeln ist ein Weg bei Aktieninvestments: Die Strategien dienen als Richtschnur für Kauf- und Verkaufsentscheidungen. Sie schützen vor impulsivem Handeln. Und sie regen dazu an, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen, weil sie auf Anlage- und Risikotypen zugeschnitten sind. Fühlt sich der Anleger mit einer Strategie nicht wohl, kann er hinterfragen, woran das liegt und erfährt so mehr über sich selbst. Damit sind Börsenstrategien auch ein probates Mittel, um psychologische Fallstricke bei der Aktienanlage zu erkennen. Die intelligenten Ordertypen der Börse Stuttgart: ordertypen Den Klassiker unter den Börsenstrategien für Aktien hat US-In ves to ren -Legende Warren Buffett populär gemacht: den Value-Ansatz. Wichtigstes Kriterium für Buffett ist ein transparentes Geschäftsmodell. Er will unmittelbar verstehen, wie und womit ein Unternehmen sein Geld verdient. Kein Wunder also, dass sich sein Aktienportfolio vorwiegend aus Getränkeproduzenten, Versicherungen, Eisenbahnlinien und anderen Konzernen in eher bodenständigen Branchen zusammensetzt. Foto: Dominik Pabis/E+/gettyimages Das Spektrum möglicher Aktieninvestments lässt sich mithilfe ausgesuchter Börsenstrategien eingrenzen. Doch bei allen Leitlinien gilt: Die Titel müssen auch zu den Präferenzen des Anlegers passen.

19 handeln Foto: UniCredit Group Doch diese Vorgaben genügen noch nicht für eine Strategie: Buffett sieht sich ausschließlich die Großen an bekannte Marken mit einer starken Wettbewerbsposition. Und, das wird gerne vergessen, mit einem langfristig nachhaltigen Wachstumspotenzial, sagt Norbert Paul, Handelsexperte an der Börse Stuttgart. Heranzuziehen sind auch fundamentale Kennzahlen: ValueAktien haben in der Regel ein vergleichsweise geringes KursGewinn-Verhältnis (KGV) und zahlen meist eine ordentliche Dividende. Mit anderen Worten: Die Titel sind aus Sicht des Investors an der Börse günstig bewertet und daher interessant. Damit sind die Prüfkriterien für ein Investment und das Anlagespektrum beim Value-Ansatz klar umrissen. Die Strategie gilt insgesamt als konservativ, und gerade in turbulenten Börsenzeiten haben sich Value-Aktien immer wieder als Stabilitätsanker im Portfolio erwiesen. Dafür stehen schnelle Kursgewinne, verglichen mit anderen Konzepten, weniger im Fokus, und die Strategie ist eher langfristig angelegt, sagt Paul. Garantien gibt es allerdings auch beim Value-Ansatz nicht: Energieunternehmen zum Beispiel gelten eigentlich als klassische Value-Investments, doch in jüngster Zeit machte deutschen Betreibern von Atomkraftwerken die Energiewende zu schaffen. Und das spiegelte sich im Kursverlauf ihrer Aktien. Eine der wichtigsten Fragen vor jeder Anlageentscheidung ist deshalb, wo das Potenzial für negative Überraschungen liegen könnte, erklärt Aktienanalyst Stefan Röhle vom Frankfurter Analysehaus Independent Research. NUR FÜR PROFIS Eine gute Börsenstrategie zeichnet sich durch klare Kriterien aus. Bei manchen Ansätzen aber ist es schwer, Kauf- oder Verkaufssignale zu definieren für Privatanleger sind sie deshalb mit größter Vorsicht zu genießen. Beispiel Turn around: Ob ein Unternehmen in der Krise wieder auf die Erfolgsspur kommt und vor allem wann die Börse beginnt, das zu honorieren, ist äußerst schwer zu beurteilen. Im Ergebnis greifen Anleger hier in der Regel in das fallende Messer oder verpassen den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg. Christian Stocker, Aktienstratege bei der UniCredit Group in München Immer auf Überraschungen gefasst sein müssen Anleger, denen ein hohes Kurspotenzial besonders wichtig ist: Sie verfolgen eher eine Growth-Strategie. Die Unternehmen, deren Aktien dafür infrage kommen, sind meist junge Gesellschaften. Ihr Umsatz steigt überdurchschnittlich, und sie sind häufig in typischen Wachstumsbranchen zu finden, etwa Biotechnologie oder Internet industrie. Dividenden schütten sie in der Regel nicht aus, der gesamte Gewinn wird in das weitere Wachstum investiert. Das Schlagwort Risikostreuung bekommt hier für Anleger eine besondere Bedeutung: Ein Biotechunternehmen beispielsweise, dessen jüngstes Medikament und größter Hoffnungsträger die Vertriebszulassung in Europa oder den USA nicht erhält, kann so schnell von der Bildfläche verschwinden, wie es aufgetaucht ist. Wer solche Risiken vermeiden, aber dennoch eine gewisse Wachstumsfantasie in seinen Investments berücksichtigen will, könnte sich mit einer etwas anderen Definition von Growth anfreunden, wie sie Christian Stocker vertritt, Aktienstratege bei der UniCredit in München: Growth-Aktien können auch von etablierten Unternehmen stammen, die es geschafft haben, in den Schwellenländern Fuß zu fassen, und dort ein hohes Wachstumspotenzial haben. Ob Growth oder Value : Es stellt sich auch die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Ein- und Ausstieg. Hier kann es sinnvoll sein, einige recht simple Regeln zu beherzigen ein Stop-Loss zu nutzen ist die einfachste unter ihnen. Das bedeutet, ein maximales Verlustniveau zu definieren, zum Beispiel zehn Prozent, und zu verkaufen, wenn diese Marke unterschritten wird. Wer dieses Vorgehen noch verfeinern möchte, kann einen der intelligenten Ordertypen der Börse Stuttgart nutzen: Mit der Trailing-Stop-Order wird die Verkaufsschwelle bei steigenden Kursen automatisch nachgezogen. In der Vergangenheit sind Anleger auch durchaus gut damit gefahren, das Stop-Loss zu einer eigenständigen Strategie zu erheben und ihr dann mechanisch zu folgen. Die Vorgaben lauten, am Jahresbeginn zu investieren und die Stop-Loss-Marke festzulegen. Der Anleger verkauft in der Folge nur dann, wenn der festgelegte Wert»GROWTH-UNTERNEHMEN SIND FÜR MICH AUCH KONZERNE, DIE IN SCHWELLENLÄNDERN HOHES WACHSTUMSPOTENZIAL HABEN.«19

20 handeln Sell in Summer funktioniert langfristig Durchschnittliche DAX-Performance auf Monatsbasis seit 1959 (in %) DAX-Verlauf ,0 1,40 1,0 0,89 0,18 0,0 0,52 0,79 0,64 0,33 0,01 1,15 1, , ,0 2,0 2,10 Jan. Feb. Mär. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Okt. Nov. Dez Die Betrachtung seit 1959 zeigt: Der Juli macht auf lange Sicht die Verluste im Mai wett, der September entpuppt sich als der Minusmonat schlechthin. Dass aber Statistik wenig als Kurzfristindikator taugt, belegt der Kursverlauf des DAX im Jahr 2012: Abwärts ging es bereits von März an, und die Rallye zwischen Mai und September hätte man verpasst, wäre man der Regel entsprechend erst im Oktober wieder eingestiegen. Quellen: Finanzen.net, Deutsche Börse unterschritten wird. Ist das der Fall, wartet er bis Jahresende und startet eine neue Runde. Das ist nicht sehr unterhaltsam, kann aber erfolgreich sein. Ebenso einfach ist der Grundsatz Sell in Summer. Die Idee dahinter: August und September sind statistisch die schwächsten Monate an der Aktienbörse. Warum also nicht rechtzeitig alles verkaufen, Urlaub machen und im Herbst erneut einsteigen, wenn alles überstanden ist? In den Sommermonaten fehlen der Börse häufig die Impulse, erklärt Handelsexperte Paul, es gibt weniger Unternehmensnachrichten, viele Familien sind in den Ferien, und es wird eher Geld abgezogen als investiert. Statistisch ist das belegt, aber wer diesem Rat folgt, muss mitunter damit rechnen, eine ausgeprägte Rallye zu verpassen. Darauf verweist auch der Frankfurter Analyst Röhle und gibt zu bedenken, dass die Vergangenheit niemals verlässlich Prognosen für die Zukunft erlaubt. Wem Sell in Summer ein zu grobes Maß ist, der sieht sich die 200-Tage-Linien seiner Aktien an eine Methode, an der sich viele Investoren orientieren. Bei der 200-Tage-Linie wird für jeden Tag der Mittelwert der Schlusskurse der vergangenen 200 Handelstage berechnet, anschließend werden die einzelnen Durchschnittskurse miteinander verbunden. Anhand der Linie beobachtet der Anleger also den gleitenden Durchschnitt der vergangenen 200 Tage und wartet auf eine Trendwende. Beginnt die Linie zu fallen und notiert der Kurs aktuell darunter, wird verkauft. Setzt der Durchschnitt hingegen 20 ZUERST TESTEN Wer ohne Risiko testen möchte, welche Strategie zu ihm passt, kann sich auf der Internetseite der Börse Stuttgart anmelden und dort verschiedene Musterportfolios mit den jeweils ausgewählten Werten zusammenstellen. Dann heißt es abwarten: Verläuft der Test für eine Strategie im Sinne des Anlegers, lässt sich das schon ausprobierte Vorgehen mit echtem Kapital in die Tat umsetzen. zu einem Höhenflug an und der aktuelle Kurs liegt darüber, dann wird gekauft. Das funktioniert recht gut, meint der Münchner Aktienexperte Stocker, allerdings erfordert diese Regel viel Flexibilität vom Anleger er muss min des tens wöchentlich die 200-TageLinien seiner Titel prüfen. Eine eigenständige Aktienauswahl, wie sie Value- und GrowthAnsatz dem Investor abverlangen, übernimmt bei rein regelgebundenen Strategien der Markt selbst. Top-Flop ist eine dieser Strategien, und auch sie ist im Kern ganz einfach: Der Anleger setzt im ersten Halbjahr auf die fünf oder zehn Verlierer des abgelaufenen Vorjahres, denn sie haben Aufholpotenzial. Dann schichtet er im Juni auf die bisherigen Gewinner des laufenden Jahres um, denn sie haben ein positives Momentum. Auch dieses Vorgehen hat in der Vergangenheit schon zu guten Ergebnissen geführt. Wer eine solche regelbasierte Strategie verfolgt, muss sie allerdings sehr strikt anwenden und darf sich nicht von der aktuellen Nachrichtenlage verunsichern lassen, sagt UniCredit-Analyst Stocker. Aber die eine grosse Wahrheit gibt es leider nicht: Letztlich kommt es immer darauf an, dass sich der Investor mit seiner Strategie wohlfühlt. Eine Flop-Strategie passt nicht zu mir, wenn ich mit solchen Werten im Depot nicht mehr ruhig schlafen kann, sagt Handelsexperte Norbert Paul. Dann sollte ich besser eine TopTop-Strategie mit Umschichtungen in die jeweiligen Gewinner des Halbjahres fahren oder es gleich mit einem ganz anderen Ansatz versuchen. CARSTEN MICHAEL

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