RMB, RMB bill y all. Philanthropie und Nonprofit-Organisationen in China Lennart Bolliger. SwissFoundations swissnex 2014 DEUTSCH

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1 RMB, RMB bill y all Philanthropie und Nonprofit-Organisationen in China Lennart Bolliger SwissFoundations swissnex 2014 DEUTSCH

2 Lennart Bolliger RMB, RMB bill y'all Philanthropie und NonprofitOrganisationen in China SwissFoundations swissnex 2014

3 Impressum swissnex meets SwissFoundations Diese Studie ist in Zusammenarbeit von swissnex China in Shanghai und dem Verband Schweizer För- derstiftungen entstanden. Sie ist in deutscher und englischer Sprache erhältlich: swissnexchina.org swissfoundations.ch Basel/Shanghai/Zürich, im März 2014 Titelerklärung RMB, RMB bill y'all: Abgeänderte Version der Liedzeile «Dollar, dollar bill y all» aus dem Rapsong «C.R.E.A.M.» (Cash Rules Everything Around Me) der New Yorker HipHopGruppe WuTang Clan (Diggs et al. 1994). RMB ist das Kürzel für den Renminbi, die Währung der Volksrepublik China.

4 Vorwort des Herausgebers Von China lernen Die Schweiz braucht ein öffentlich zugängliches und aussagekräftiges Stiftungsregister swissnex: zeigen und lernen In Form der «swissnex» existieren an einigen Hotspots in der Welt Aussenpos- ten der Schweizer Innovationsgesellschaft, die gemäss ihrem Mission State- ment das «Bewusstsein für Schweizer Exzellenz» stärken. Mit ihren swissnex zeigt aber die Schweiz keine diplomatischprotokollarische, sondern eine spezi- fisch inhaltsbezogeninnovative Präsenz. Zwei Wirkungsvektoren sind im Modell swissnex auszumachen: Mit der Metho- dik des «Push» wird die Schweiz überzeugend und erfolgreich als Bildungs und Wissenschaftsstandort dargestellt, der in der Champions League der Wissens- nationen einen guten Platz besetzt. Noch etwas zu wenig wird die Methodik des «Pull» bewirtschaftet, die es ermöglicht, von den anderen zu lernen. Re- cherche, Informationsaufbereitung und vermittlung, Vernetzung und Kommu- nikation dies sind die Königsdisziplinen der swissnex. Beispiel gefällig? Die beiden nordamerikanischen swissnex' waren in den vergangenen 15 Jahren beim Aufbau eines von Grund auf neuen Spinoff, Startup und Entrepre- neurshipclusters in der Schweiz prägend. Und heute ist das erfolgreiche Inno- vationsbiotop Schweiz selbst Gegenstand von Studien. Transparenz im chinesischen Stiftungswesen Von China in Sachen Philanthropie lernen? Wie soll die Schweiz, die wegen ihrer liberalen gesetzlichen Rahmenbedingungen, ihrer langen Stiftungstradi- tion und ihren verlässlichen Finanzdienstleitern international als «Stiftungspa- radies» gehandelt wird, von China lernen, wo es erst seit kaum 20 Jahren so etwas wie unabhängige gemeinnützige Organisationen gibt? Eines der Hauptziele der vorliegenden Studie war es zunächst, mögliche Berei- che der Zusammenarbeit zwischen chinesischen und Schweizer Stiftungen zu erkunden und verschiedene Akteure des PhilanthropieSektors zu verbinden. Der allerdings stiftungspolitisch interessanteste Befund war die Tatsache, dass in China ganz im Gegensatz zur Schweiz sowohl von staatlicher wie privater Seite erfolgreiche Initiativen zum Aufbau möglichst umfassender öffentlicher Stiftungsdatenbanken existieren. Das China Foundation Center, eine private NGO, unterhält seit 2010 eine On- linestiftungsdatenbank (Foundation Transparency Index), die alle erfassten Stiftungen nach ihrer Transparenz klassifiziert. In einem Ranking lässt sich able- sen, welche Stiftungen bezüglich Foundation Governance vorbildlich, welche genügend und welche ungenügend sind. Diese private Initiative ist von folgen- den Motiven geprägt: Herstellung von Transparenz zugunsten aller Anspruchgruppen; selbstregulativer Ansatz, der staatlichen Überregulierungen vorgreift; Transparenz als öffentliche Kontrolle. Die swissnex zei- gen eine inhaltsbe- zogeninnovative Präsenz (Push). Der Push (Zeigen) wird vom Pull (Ler- nen) ergänzt. Stiftungsparadies Schweiz? Stiftungsneuling China macht es vor. Ein öffentlich zugängliches Stif- tungsverzeichnis ist der Motor für die nachhaltige Entwicklung des Sektors. S. 3

5 Vorwort des Herausgebers Das chinesische Ministerium für Zivilverwaltung lancierte im August 2013 eine interaktive InternetDatenbank; eine Art öffentliches Register über gemeinnüt- zige Organisationen, welches umfangreiche Informationen zu über 1'500 Stif- tungen und anderen NonprofitOrganisationen (NPO) enthält. Selbstverständ- lich steckt hinter dieser Registration der Versuch der kommunistischen Staats- partei, Kontrolle über einen Wachstumssektor zu erlangen, der kaum staatlich gesteuert ist. Ein Stiftungsre- gister liefert Daten und macht den Sektor darstellbar. Intransparenz im Schweizer Stiftungswesen Im jungen Stiftungsstandort China werden statistische Daten erhoben, und Stif- tungen sehen sich einer öffentlichen Kontrolle ausgesetzt, was sie zu optimier- tem Förderhandeln zwingt. Ganz anders in der Schweiz: Mangels statistischer Erfassung und Aufbereitung von Stiftungsdaten fehlen in der Schweiz verlässli- che Angaben zum Sektor sogar die NPOForschung muss mit Schätzungen operieren. Bisher sind alle Versuche gescheitert, ein umfassendes, weitestge- hend öffentlich zugängliches und aussagekräftiges Stiftungsregister einzufüh- ren. Auch hier könnte die Schweiz von anderen Ländern lernen: Wo es keine gesetzlich verankerte Publikationspflicht von Daten gibt, scheitern private Stif- tungsverzeichnisse über kurz oder lang. 1 Paradoxerweise findet ausgerechnet der Schweizer Gesetzgeber die Intranspa- renz des Schweizer Stiftungssektors, die angesichts der Steuerbefreitheit ge- meinnütziger Stiftungen regelrecht anstössig ist, ganz in Ordnung. Dabei müss- te eigentlich unser Parlament über die Vor und Nachteile von Good Gover- nance im Stiftungsbereich bestens im Bilde sein: im Schnitt sitzt jede Parlamen- tarierin und jeder Parlamentarier in einem Stiftungsrat oder präsidiert diesen. Nahezu 20 % der Interessensbindungen betreffen Stiftungen. Seit der Gründung 2001 setzt sich SwissFoundations, der Verband der Schwei- zer Förderstiftungen, für mehr Transparenz im Stiftungswesen ein und machte sich damit im diskretionsgeprägten Stiftungssektor nicht nur Freunde. Der Ver- band strebt allerdings nicht die «gläserne Stiftung» an, sondern eine funktio- nale Transparenz, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Stiftungen Rücksicht nimmt. Eine solche Transparenz stützt den fairen Deal zwischen Steuerbefrei- ung und gemeinnützigem Engagement und fördert die Selbstregulation im Kon- text einer Marktkontrolle. Transparenz ist der Motor von Good Governance im Stiftungssektor; sie ist jeder Form von staatlicher Regulation überlegen. Eine solche könnte nämlich nie der Komplexität des produktiven und sich in seinen Modellen ständig verändernden Stiftungsbiotops Schweiz gerecht werden. In- effiziente Bürokratisierung läuft Gefahr, Schaden anzurichten. Ohne gesetzlich verankerte Publi- kationspflicht kein öffentliches Stif- tungsverzeichnis. Unsere Parlamen- tarier schützen mit der herrschenden Intransparenz sich selber. Transparenz ist der Motor für Good Governance im Stiftungssektor. 1 Von Schnurbein, Georg et al.: Handlungsempfehlungen zur Gestaltung eines nationalen Stiftungsregisters in der Schweiz, CEPS Centre for Philanthropy Studies, Universität Basel, 2012 S. 4

6 Vorwort des Herausgebers Die verpasste Chance Tatsächlich schien sich im Zuge der Motion Luginbühl zur «Verbesserung der Attraktivität des Stiftungsstandortes Schweiz» vom 20. März auch die Forderung nach Transparenz durchzusetzen. 3 Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) des Nationalrats reichte die Motion zur «Schaffung eines nationalen Registers und Verbesserung der statistischen Grundlagen» ein. 4 Der Sand im Getriebe zeigte in dieser Sache rasch Wirkung: Trotz Annahme durch den Nationalrat lehnten Bundesrat und Ständerat lehnten die Vorschläge mit fadenscheinigen Argumenten ab: 5 Das Anliegen sei zu aufwändig, da eine umfassende Gesetzgebung nament- lich bezüglich der Grundlagen zur Schaffung eines Registers erforderlich wä- re. Der Bundesrat sah zudem Schwierigkeiten bei der Datenerhebung von Stif- tungen, die nicht im Handelsregister eingetragen seien. Dies, obwohl in der Motion klar und deutlich nur von den gemeinnützigen und damit eintragungs- pflichtigen Stiftungen die Rede gewesen war. Und schliesslich seien die Vor- schläg zu riskant, da das KostenNutzenVerhältnis nicht abgeschätzt werden könne. Bundesbern pflegt lieber das bewährte KostenNutzenVerhältnis wachsender Verwaltungsapparate: Im Jahr 2013 wurde die Motion Luginbühl abgeschrie- ben. Ein öffentlich zugängliches Stiftungsregister, das die steuerprivilegierten gemeinnützigen Stiftungen auf effiziente Weise einer öffentlichen (Markt) Kontrolle ausgesetzt hätte, soll nicht geschaffen, hingegen das Personal bei der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht um 650 Stellenprozente auf neu 1300 Stel- lenprozente aufgestockt werden. Ob 6.5 oder 13 Personen einen raschen Blick auf die Jahresberichte von Stiftungen werfen, bewegt den Stiftungsstandort Schweiz nicht, macht ihn weder attraktiver noch besser. Unseren VolksvertreterStiftungsräten dient u. a. ausgerechnet der Personen und Datenschutz als Killerargument gegen Transparenz. Statt griffige Massnah- men zur Wirkungssteigerung von Stiftungen im Dienste der Gesellschaft zu treffen, schützt das Parlament lieber die Intransparenz und auch sich selbst. Ein Stiftungsstandort jedoch, der sich Geheimniskrämerei auf die Fahne schreibt, statt sich den zeitgemässen Anforderungen der Good Governance zu stellen, kommt international schnell in Verruf. Abgesehen vom schlechten Image, das einen direkten Einfluss auf die Gründungsdynamik von Stiftungen hat, ermög- licht die herrschende Intransparenz ein Verharren in alten Fördermustern, die mit der Innovations und Wissensgesellschaft Schweiz wenig zu tun haben. Von der Branchen- forderung zum politischen Vor- stoss der schnell gebodigt wird. Mehr Personal ist kein Fortschritt. Die Intransparenz im Stiftungssektor schadet dem Standort Schweiz in zunehmendem Mass. 2 Motion swissfoundations.ch/de/motionenvorstösse 4 Motion ; Die Motion wurde am 6. Oktober 2009 als Reaktion auf die Stellungnahme von SwissFoundations zur Motion Luginbühl eingereicht. In dieser Stellungnahme hatte SwissFoundations mit Nachdruck die Errichtung eines nati- onalen Stiftungsverzeichnisses sowie die regelmässige Erhebung statistischer Daten zum Sektor gefordert. 5 Stellungnahme des Bundesrats vom 27. November 2009 S. 5

7 Vorwort des Herausgebers Neuer Anlauf zur Herstellung von Transparenz im Stiftungssektor gefordert Das zivilgesellschaftliche Engagement in der Schweiz nimmt eine bedeutende Rolle ein, das Potential ist erheblich: Mit über 13'000 gemeinnützigen Stiftun- gen und einem Kapital von (geschätzten) CHF 80 Mia. gehört die Schweiz zu den wichtigsten Stiftungsnationen Europas, pro Kopf steht sie weltweit an ers- ter Stelle. Da Stiftungen mit ihren Aktivitäten steuerprivilegiert in gesellschaftli- che Prozesse eingreifen und sich selbst gehören, sind sie quasiöffentliche Insti- tutionen. Transparenz im Schweizer Stiftungswesen würde nichts anderes bedeuten als Marktkontrolle und Steigerung der Wirksamkeit im Dienste der Gemeinnützig- keit. Auch im Bereich der Gemeinnützigkeit gibt es eine Wettbewerbsfähigkeit. Von China lernen? Und wie! Der zwischen Staat und Wirtschaft positionierte Stif- tungssektor hat eine zunehmende Bedeutung. Philipp Egger S. 6

8 Vorwort des Autors Vom Wirtschafts zum Philanthropiewunder? Vor dem Beginn der Wirtschaftsreformen Ende der 1970er Jahre waren Nonprofit Organisationen in China praktisch inexistent. Im Rahmen des rapiden Wirtschaftswachstums ist auch der chinesische Philanthropie Sektor stark gewachsen sowohl hinsichtlich jährlichem Spenden und Stiftungsvolumen als auch der Anzahl von Nonprofit Organisationen und ihrer Bedeutung in der chinesischen Gesellschaft. Heute sehen sich der noch junge Sektor und die grosse Mehrheit der Nonprofit Organisationen mit Finanzierungsschwierigkeiten, Problemen der guten Geschäftsführung und Transparenz sowie einem starken Regierungseinfluss konfrontiert. Dank seines noch jungen Bestehens und trotz zahlreicher Hindernisse verfügt der chinesische Philanthropie Sektor über enormes Entwicklungspotenzial. Daher könnten sich zukünftige Zusammenarbeitsprojekte zwischen chinesischen und Schweizer Stiftungen unter anderem in den Bereichen der Foundation Governance, des Mission Related Investing sowie der Transparenz für beide Länder als äusserst interessant erweisen. Insbesondere bezüglich Transparenz bestehen interessante Bereiche der Zusammenarbeit. In China gibt es sowohl private als auch staatliche Initiativen die Transparenz im Stiftungssektor durch öffentlich zugängliche Stiftungsregister zu fördern. Beispielsweise unterhalten die in Beijing ansässige Nonprofit Organisation China Foundation Center und das staatliche China Charity Donation Information Center beide relativ ausführliche und detaillierte Online Stiftungsdatenbanken. S. 7

9 Danksagung Mein herzlicher Dank gilt: der Gebert Rüf Stiftung für die Unterstützung dieser Arbeit, insbesondere Herrn Dr. Philipp Egger, Direktor/CEO und Gründungsmitglied von SwissFoundations, für seine Betreuung und sein konstruktives Feedback; Pascal Marmier, Executive Director von swissnex China, für sein Vertrauen, Unterstützung und Kontaktaufnahme mit zahlreichen Akteuren im chinesischen Philanthropie Sektor; Zhu Xin und Xiao Lan von swissnex China für ihre Recherchen unterstützung und Übersetzungshilfe; Jennifer Bebié, Isabel Götz, Ariel Litke, Daniel Nerlich und Joanna Wheaton für ihr geduldiges Gegenlesen und ihre kritischen Anmerkungen. Ein spezieller Dank geht an alle Gesprächs und Interviewpartner, deren Zusammenarbeit, Offenheit und wertvolle Beiträge diese Arbeit bereichert haben (in alphabetischer Reihenfolge): Agersnap, Jakob, HanWang Forum; Chen, Yutong, China Foundation Center; Fazan, Jean Luc, Three Valleys Foundation; Fan, Xiaowen, Save The Children, Chengdu; Gao, Ruili, Chinese Red Cross Foundation; Gu,Wei, Venture Avenue; Lai, Chao, Beijing Western Sunshine Rural Development Foundation; Lin, Hong, Narada Foundation; Liu, Xuanguo, Chinese Red Cross Foundation; Qian, Zheng, Shanghai United Foundation; Russell, Leigh Anne, Non Profit Incubator; Sheng, Xin, Kai Feng Foundation; Tao, Ze, China Foundation Center; Yang, Guoqiong, Beijing Western Sunshine Rural Development Foundation; Ying, Yile, ijoin; Ye, Xiawei, ijoin; Zhang, Hongyen, Venture Avenue; Zhang, Jinxuan, Doing BusinessWith China; Zhu, Yunjiao, Shanghai United Foundation S. 8

10 Inhalt Einleitung Kernbegriffe, Ziele und Vorgehen Kernbegriffe Ziele Methodik Grundlagen und historische Entwicklung Philanthropie im chinesischen Denken Späte Ming-Dynastie bis Ende Qing-Dynastie (ca ) Chinesische Republik ( ) Volksrepublik China ( ) Chinas Nonprofit-Sektor: 1980 bis heute Spenden in China Spendenvolumen Spendenempfänger Spendenbereiche Stiften in China Bedeutung von Stiftungen und NPOs in China Transparenz im Stiftungssektor Rechtsgrundlage von Stiftungen Herausforderungen und Entwicklungen im chinesischen NPO-Sektor Finanzierung Personelle Ressourcen Geschäftsführung, Verantwortbarkeit und Transparenz Gesetzliche Bestimmungen Fallbeispiele Chinas grösste Philanthropen Nonprofit-Organisationen Stiftungen Zusammenarbeitsbereiche zwischen Stiftungen Foundation Governance und Sebstregulierung Mission-Related Investing Stiftungsregister und Transparenz Zusammenfassung und Ausblick Abbildungen und Tabellen Bibliographie Anhang Nachwort: Zu dieser Studie S. 9

11 Einleitung Seit Jahren gehört China zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften und stieg 2012 schliesslich zur zweitgrössten Wirtschaftsmacht hinter den USA auf. Im Rahmen dieses Wirtschaftswachstums findet aktuell eine der grössten Vermögensbildungen in der Geschichte der Menschheit statt. Ende 2011 gab es in China mehr als eine 1.05 Millionen Millionäre (deren Vermögen mehr als RMB 10 Mio. [ca. CHF 1.6 Mio.] beträgt) und mehr als Superreiche (deren Vermögen mehr als RMB 100 Mio. [ca. CHF 16 Mio.] beträgt). 6 Chinas hundert grösste Philanthropen von 2012/2013 spendeten und stifteten insgesamt rund USD 898 Mio. [ca. CHF 867 Mio.]. 7 Nicht nur Chinas Wirtschaft, die Anzahl Millionäre und das jährliche Spendenvolumen wachsen rapid, sondern auch der chinesische Nonprofit Sektor. Trotz zahlreicher sozialer und politischer Hindernisse und Herausforderungen etablieren sich mehr und mehr unabhängige Nonprofit Organisationen (NPOs) und private Stiftungen in Chinas Philanthropie Sektor, der jahrelang von Regierungsorganisationen dominiert wurde und sich, trotz verschiedener Reformen, weiterhin unter strenger Regierungskontrolle befindet. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl von NPOs fast verdoppelt und jene von Stiftungen mehr als verdreifacht. Angesichts dieses «Philanthropie Booms» stellt sich eine Reihe von Fragen: Wie reagiert die chinesische Regierung auf dieses Wachstum des Nonprofit Sektors? Was ist die Geschichte der Philanthropie in China und wie hat sie sich über die letzten Jahrhunderte bis heute entwickelt? Wer spendet wieviel an wen und wofür? Wer sind Chinas NPOs und was ist ihre Bedeutung in der chinesischen Gesellschaft? Mit welchen Herausforderungen sehen sich NPOs konfrontiert und wie gehen sie diese an? Wer sind Chinas Philanthropen und welche Personen stehen hinter Stiftungen und NPOs? Die vorliegende Studie beabsichtigt diese Fragen zumindest teilweise zu beantworten und ihren Lesern einen ersten Einblick in Philanthropie und Nonprofit Organisationen in China zu eröffnen. Anlass für diese Studie war die vierte Art Science Society BBQ Lecture von swissnex China am 30. August 2012 im Minsheng Art Museum in Shanghai: Die swissnex China BBQ Lectures boten eine Diskussionsplattform, in deren Rahmen jeweils eine Schweizer und eine chinesische Fachperson zu einem bestimmten Thema referierten. 6 GroupM Knowledge & Hurun Report (2013) 7 Hurun Report (2013) S. 10

12 Im August 2012 hielten Dr. Philipp Egger, Direktor/CEO der Gebert Rüf Stiftung, und Prof. Lu Xiaowen, stellvertretender Direktor des Institute of Sociology an der Shanghai Academy of Social Sciences, Vorträge zu den Philanthropie Sektoren in der Schweiz und in China. 8 Nach dieser Veranstaltung beschlossen Flavia Schlegel, ehemalige Geschäftsführerin von swissnex China, und Philipp Egger die Zusammenarbeit zwischen swissnex China und der Gebert Rüf Stiftung weiterzuführen und gemeinsam eine Studie zum Thema Philanthropie in China zu realisieren. Ziel der Studie sollte es nicht nur sein, einen Überblick über chinesische Philanthropie zu geben, sondern mögliche Bereiche der Zusammenarbeit zwischen China und der Schweiz zu untersuchen und beide Länder weiter zu vernetzen. 8 Egger (2012) S. 11

13 Kernbegriffe, Ziele und Vorgehen Kernbegriffe Philanthropie und philanthropisches Handeln Ähnlich wie im Deutschen oder Englischen wird der Begriff der Philanthropie auch im Chinesischen unterschiedlich verstanden, definiert, vielfältig verwendet und mit ähnlichen oder verwandten Begriffen assoziiert. Im Deutschen stammt das Wort Philanthropie aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich so viel wie Menschenfreundlichkeit (philos = Freund; anthropos = Mensch). Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Philanthropie menschenfreundliches Denken und Handeln, Menschlichkeit, Wohltätigkeit und/oder Gemeinnützigkeit. Im Chinesischen gibt es verschiedene Begriffe, die den deutschen Begriffen Wohltätigkeit und Philanthropie sehr ähnlich, aber nicht genau deckungsgleich sind: haoshi (= Wohltat ), shanju (= Mildtätigkeit ), shiji (= Grosstat ) cishan (= Wohltätigkeit ) und bo'ʹai (= Menschenliebe ). 9 Die beiden Letzteren sind dem deutschen Begriff der Philanthropie wahrscheinlich am nächsten, wobei bo ai Philanthropie eher als Denkweise und cishan Philanthropie eher als Verhalten versteht. 10 Diese Studie folgt in ihrer Definition der Philanthropie und des philanthropischen Handelns weitgehend der Konzeptualisierung und Definition in von Schnurbein & Bethmann (2010): Philanthropie umfasst jede private freiwillige Handlung für einen gemeinnützigen Zweck. 11 Aus handlungsorientierter Sicht handelt es sich bei philanthropischem Tun immer um eine Art der Spende, wobei unterschieden wird zwischen finanziellen Spenden (Einzelspende, Dauerspende, Legat, soziales Investment, Stiftungsgründung), Zeitspenden (informelle und formelle Freiwilligenarbeit) und Sachspenden. 12 Nonprofit Sektor Das Konzept des Nonprofit Sektors auch als Dritter, sozialer, zivilgesellschaftlicher, intermediärer oder Freiwilligen Sektor bezeichnet als dritter Gesellschaftssektor zwischen Markt und Staat hat sich in den 1970er Jahren etabliert. Während der Staat als erster Sektor aus der staatlichen Verwaltung und der Markt als zweiter Sektor aus Unternehmen und privaten Haushalten besteht, umfasst der Nonprofit Sektor alle Organisationen, die keinem der beiden ersten Sektoren eindeutig zugeordnet werden können. Diese Organisationen 9 Handlin Smith (1998), S The Chinese word for philanthropist is cishanjia. 11 von Schnurbein & Bethmann (2010), S von Schnurbein & Bethmann (2010), S. 8 S. 12

14 werden in der westlichen Literatur meist als Nonprofit Organisationen (NPOs) bzw. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bezeichnet. 13 Beispiele von Organisationen im Nonprofit Sektor sind Stiftungen, Vereine, Verbände und Genossenschaften. Da es zwischen den drei Gesellschaftssektoren zahlreiche Verbindungen und Überschneidungen gibt, ist eine klare Abgrenzung weder möglich noch gültig. Denn beispielsweise können auch gewinnorientierte Unternehmen philanthropisch tätig sein, und NPOs können eigennützige oder ertragsorientierte Ziele verfolgen. 14 Aus diesem Grund ist auch eine einheitliche Begriffsbestimmung des Nonprofit Sektors äusserst schwierig. Salamon & Anheier (1992) definieren Nonprofit Organisationen gemäss den folgenden Kriterien: Nonprofit Organisationen: sind private Organisationen; haben ein Mindestmass an formaler Organisation; sind weitgehend selbstbestimmte Organisationen; dürfen keine Gewinne an Mitglieder oder andere Gruppen ausschütten; verfügen über freiwillige Mitarbeitende. 15 Solche westlichen Definitionen des Nonprofit Sektors können in China aus verschiedenen Gründen nur bedingt angewendet werden. Erstens sind die regulatorischen Rahmenbedingungen für den Nonprofit Sektor sowie die Begriffsbestimmungen der verschiedenen NPOs weitgehend anders. Zweitens sind die organisatorischen Strukturen und strategischen Ausrichtungen von chinesischen NPOs fest mit dem politischen System sowie der aktuellen politischen Agenda der Regierung verbunden. Drittens wurde die grosse Mehrheit von Chinas heutigen NPOs vom Staat selbst gegründet und alle registrierten Organisationen stehen unter der Aufsicht der Regierung. Somit erfüllen viele chinesische NPOs das erste und dritte der fünf Kriterien in Salamon & Anheier (1992) nicht. Insgesamt gibt es sechs verschiedene Organisationstypen, die dem chinesischen Nonprofit Sektor zuzuordnen sind: 16 Öffentliche Institutionen (shiye danwei): quasi staatliche Institutionen des öffentlichen Dienstes wie z.b. öffentliche Spitäler, Universitäten und Forschungsinstitute. Da Privatpersonen und Unternehmen keine öffentlichen Institutionen gründen können, wird dieser NPO Typ in dieser Studie nicht diskutiert. Vereine (shehui tuanti): auf freiwilliger Basis gegründete Organsiationen, die das gemeinsame Ziel ihrer Mitglieder verfolgen; mehrheitlich staatlich organisierte Nicht 13 Aus Gründen der Klarheit und der Einheitlichkeit wird fast ausschliesslich nur der Begriff Nonprofit Organisation (NPO) verwendet. 14 von Schnurbein & Bethmann (2010), S von Schnurbein & Bethmann (2010), S China Development Brief (2011); Schrader & Zhang (2012) S. 13

15 regierungsorganisationen (GONGOs); Beispiele von Vereinen sind wohltätige Organisationen, Handelskammern, Branchenverbände, Forschungsinstitute, etc. Öffentlich Spenden einwerbende Stiftungen (gongmu jijinhui): mehrheitlich GONGOs bzw. regierungsnahe Organisationen, die das Recht haben öffentlich Fundraising zu betreiben. Öffentlich einwerbende Stiftungen wiederum werden je nach regionalem Einzugsbereich der Spenden in entweder landesweite oder lokale öffentlich einwerbende Stiftungen unterteilt. Nicht öffentlich Spenden einwerbende Stiftungen (feigongmu jijinhui): mehrheitlich private Organisationen. Nichtkommerzielle Institutionen (NKIs, minban feiqiye danwei): Organisationen, die mit nichtstaatlichen Mitteln gegründet werden und in nichtgewinnorientierter Weise gemeinnützige Dienstleistungen anbieten, z.b. Krankenhäuser, Schulen und Museen. 17 Es ist unklar, wieso dieser NPO Typ in 1998 zusätzlich zu Vereinen und Stiftungen eingeführt wurde. Möglicherweise wurde das Verbot, für Stiftungen ein Unternehmen zu führen, in der Verordnung zum Management von Stiftungen von 1988 so verstanden, dass Stiftungen auch keine Erlaubnis haben, ein nicht gewinnorientiertes Geschäft zu führen. NKIs schlossen somit eine gewisse Lücke im NPO Sektor, die seit der Einführung der Verordnung zur Verwaltung von Stiftungen (im Folgenden Stiftungs verordnung ) 18 in 2004, nach der Stiftungen die Erlaubnis haben, jegliche Form von Unternehmen zu führen, nicht mehr besteht. 19 Unregistrierte oder als Unternehmen registrierte NPOs: mehrheitlich Graswurzel NPOs 20, die gar nicht bei den Behörden oder als Unternehmen registriert sind. Wörtliche Übersetzungen von Begriffen wie NPO (fei yingli zuzhi) und NGO (fei zhengfu zuzhi) sind im Chinesischen wenig gebräuchlich und einen einheitlichen Fachausdruck für NPOs gibt es bisher nicht. Verschiedene Begriffe wie minjian zuzhi (= Bürgerliche Organisation ), shehui zuzhi (= Soziale Organisation ), gongyi zuzhi (= Gemeinnützige Organisation ) sind am weitesten verbreitet und werden weitgehend synonym verwendet. Um sich von GONGOs zu unterscheiden, bezeichnen sich unabhängige NPOs oft als minjian (= bürgerlich ), caogen (= Graswurzel ) oder gongmin shehui (= zivilgesellschaftlich ). 21 In dieser Studie bezieht sich der Begriff NPO sich auf Vereine, nichtkommerzielle Institutionen (NKIs), Stiftungen sowie unregistrierte oder als Unternehmen registrierte NPOs. Öffentliche Institutionen sind somit im Begrif NPO nicht mit einbegriffen. 17 Pissler & von Hippel (2006), S. 128; Simon (2005), S Jijinhui guanli tiaoli [Verordnung zur Verwaltung von Stiftungen] vom , chinesisch deutsch abgedr. in: Zeitschrift für Chinesisches Recht 11 (2004), S. 393ff ; siehe Rechtsgrundlage von Stiftungen im Kapitel Stiften in China für mehr Informationen und Verordnung zur Verwaltung von Stiftungen im Anhang für die komplette Stiftungsverordnung. 19 von Hippel & Pissler (2010), S Graswurzel NPOs ist die wörtliche Übersetzung des englischen Begriffs ``grassroots NPO'ʹ'ʹ, der die Form der NPO bezeichnet, welche aus der Basis der Bevölkerung entsteht. 21 China Development Brief (2011) S. 14

16 Ziele Zielsetzung dieser Studie ist es, bestehende Studien und Erhebungen zu spezifischen Teilbereichen des Philanthropie und Nonprofit Sektors zusammenzufassen und zu analysieren, um einen zahlenmässigen und strukturellen Überblick zu bieten. 22 Dabei hatte diese Studie zudem von Anfang an zum Ziel, folgende Fragen zu beantworten: Wie verbreitet und umfangreich ist Philanthropie in China? Was sind die sozialen, regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Philanthropie? Welches sind die wichtigsten philanthropischen Quellen (Individuen, Stiftungen, etc.)? Für welche Anlässe wird gespendet bzw. gestiftet? Was sind mögliche Bereiche der Zusammenarbeit mit Schweizer Experten? Während die Analyse den ganzen Nonprofit Sektor, d. h. Stiftungen, Vereine und NKIs, umfasst, stehen Stiftungen in dieser Studie in einem besonderen Fokus. Einerseits sind Stiftungen im Vergleich zu NKIs und Vereinen besser erfasst und dokumentiert. Andererseits hat diese Studie zum Ziel, Möglichkeiten der Zusammenarbeit speziell zwischen Schweizer und chinesischen Stiftungen zu untersuchen. Methodik Um diese Fragen zu beantworten, basiert die methodische Vorgehensweise insbesondere auf der Sekundäranalyse bestehender Studien und Daten. Diese empirisch gestützten Untersuchungen und Daten stammen aus offiziellen Statistiken und Umfragen (z. B. Beschäftigungsstatistiken, Verwaltungsunterlagen, etc.) über Spenden, Stiftungen, NPOs, etc. sowie aus weiteren Erhebungen und Umfragen, durchgeführt von Forschungsinstitutionen, Stiftungen und anderen NPOs. Dabei ist anzumerken, dass alle Studien auch solche basierend auf offiziellen Regierungsangaben statistische Ungenauigkeiten und teilweise widersprüchliche Angaben enthalten und somit kritisch zu beurteilen sind. Zusätzlich zur Sekundäranalyse bestehender Untersuchungen stützt sich diese Studie auf explorative Gespräche und Leitfadeninterviews mit lokalen NPO Mitarbeitern, NPO Vorsitzenden, Vertretern von Jugendorganisationen, Experten des Nonprofit Sektors sowie Vertretern von Unternehmen, welche mit NPOs zusammenarbeiten. 22 Vgl. von Schnurbein & Bethmann (2010), S. 13 S. 15

17 Grundlagen und historische Entwicklung Philanthropie ist keineswegs ein neues Phänomen in China. Traditionell hatten und haben Konfuzianismus und Buddhismus, in ihrer Betonung der Rolle der Familie und des Staats, einen starken Einfluss auf Philanthropie im chinesischen Denken. Insbesondere die enge Verbindung von Philanthropie und Familie helfen, die heutige Zurückhaltung der chinesischen Bevölkerung gegenüber der Hilfe für Fremde zu erklären. Neue Formen der Philanthropie abseits von Familie und Staat fanden ihren Anfang in der späten Ming und frühen Qing Dynastie, als neureiche Kaufleute zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen, Waisenheime und Witwenhäuser gründeten. Während der ersten chinesischen Republik entstanden kurzzeitig die ersten chinesischen NPOs, die mit dem Sieg der Kommunistischen Partei Chinas jedoch allesamt entweder in die Partei eingebunden oder ganz aufgelöst wurden, da sie grundsätzlich als Gefährdung der Staatssicherheit eingeschätzt wurden. Der heutige chinesische Nonprofit Sektor, der mit der wirtschaftlichen Reform und Öffnungspolitik Deng Xiaopings wiederauferstand, sieht sich mit einer starken und willkürlich wirkenden Regierungskontrolle und teilweise äusserst unklaren Rechts grundlagen konfrontiert. Philanthropie im chinesischen Denken Konfuzianische Philosophie erachtet den Menschen als grundsätzlich wohltätig. In Antwort auf die Frage nach der Begriffsbedeutung von Philanthropie, antwortete Konfuzius, Philanthropie sei die Liebe zu allen Menschen. Mengzi, einer der bedeutendsten Nachfolger von Konfuzius, lehrte, dass alle Menschen mit einem Gefühl für Mitleid geboren werden. Sowohl Konfuzius als auch Mengzi betrachteten Wohltätigkeit als wesentlichen Bestandteil eines noblen und erhabenen Charakters und Philanthropie als eine Tugend sowie auch als ein grundsätzliches Merkmal der Menschheit. 23 Tradtionell legt chinesische Wohltätigkeit grossen Wert auf gegenseitige Hilfe und persönliche Beziehungen. Konfuzianische und buddhistischer Glauben an Mildtätigkeit, Rechtschaffenheit, Ritual, Ordnung, Loyalität und feste soziale Hierarchien führten dazu, dass sich Philanthropie sehr oft auf Familie, Verwandte und persönliche Beziehungen beschränkte. Spenden an Fremde wurden kaum getätigt und Geldgeschenke an Mittlerorganisationen, die Zahlungen verwalteten und weiterleiteten, waren noch weniger verbreitet. 24 Weitverbreitete wohltätige Familienorganisationen während der Ming Dynastie beschränkten sich auschliesslich auf Abstammungslinien und Blutsverwandschaft. Diese Familienorganisationen spendeten beispielsweise Land, um Familienmitgliedern angesehene Regierungspositi 23 Tsu (1912), S. 16; Wong (1998), S Wong (1998), S. 25; Xin & Zhang (1999), S. 91 S. 16

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