Das Ende der Solidarität: Rentnerkassen

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1 Das Ende der Solidarität: Rentnerkassen Swisscanto Vorsorge AG Stephan Wyss, Leiter Vorsorgeberatung Zürich lic. oec. HSG, Zugelassener Experte für berufliche Vorsorge Eidg. dipl. Finanzanalytiker, Vorstandsmitglied SKPE

2 Das Ende der Solidarität: Rentnerkassen Vorsorgesysteme brauchen Solidaritäten Auch Renditesolidaritäten? Folgerungen für Praxis und ein praktisches Beispiel Fazit, Diskussion und Fragen 2

3 1. Definitionen Solidarität Solidarität in der Versicherung heisst, dass jene, die Glück haben und vom Schadenereignis verschont bleiben, solidarisch sind mit jenen, die Pech haben und zufällig vom Schadenereignis getroffen werden. $ 3

4 1. Definitionen Umverteilung Unter Umverteilung wird die Verschiebung von verfügbarem Einkommen oder Kapital verstanden, um Ungleichheiten bei der Verteilung des Wohlstandes zu reduzieren. Sozial- bzw. wirtschaftspolitischer Ausdruck Westliche Welt: Weitgehende Einigkeit über Notwendigkeit von Umverteilung (von reich zu arm) Ausmass und Art der Umverteilung immer umstritten In der Regel übernimmt der Staat die Umverteilungsfunktion Schweizer Umverteilungssysteme sind Steuern und AHV (und BVG?) 4

5 1. Definitionen Solidaritäten sind nötig Grundprinzip der Versicherungswirtschaft und insbesondere der Sozialversicherungen Vorsorgesysteme leben von Solidaritäten Ausmass gewährter Solidaritäten ist im Überobligatorium steuerbar In der beruflichen Vorsorge sind Solidaritäten in allen drei Leistungskategorien anzutreffen: Alter Sparbeitrag für Finanzierung Sparkapital, Umwandlungssatz, Renditeverteilung IV Risikobeitrag von allen zur Finanzierung der Risikosumme der "Pechianer" Tod dito Solidaritäten ja, aber wo und in welchem Ausmass entscheidet der Stiftungsrat 5

6 Das Ende der Solidarität: Rentnerkassen Vorsorgesysteme brauchen Solidaritäten Auch Renditesolidaritäten? Folgerungen für Praxis und ein praktisches Beispiel Fazit, Diskussion und Fragen 6

7 2. Renditesolidarität risikoadäquate Anlagestrategie bei reiner Aktivenkasse 50% Aktien erw. Rendite 6.0% risikoadäquate Anlagestrategie bei reiner Rentnerkasse 15% Aktien erw. Rendite 6.0% risikoadäquate Anlagestrategie bei Pensionskasse mit je 50% Kapitalanteil A/R 32.5% Aktien erw. Rendite 6.0% 25% Bonds erw. Rendite 1.5% 70% Bonds erw. Rendite 1.5% 47.5% Bonds erw. Rendite 1.5% 25% Weiteres erw. Rendite 3.0% 15% Weiteres erw. Rendite 3.0% 20% Weiteres erw. Rendite 3.0% erw. Rendite 4.1% erw. Rendite 2.4% erw. Rendite 3.3% 7

8 2. Renditesolidarität Erwartete Verzinsung des Vorsorgekapitals aus risikoadäquater Anlagestrategie bei reiner Aktivenkasse = 4.1% Erwartete "Verzinsung" des Vorsorgekapitals aus risikoadäquater Anlagestrategie bei reiner Rentnerkasse = 2.4% Bei durchschnittlichem Umwandlungssatz des Altrentnerbestandes von 6.8% ist "echter" technischer Zinssatz 4.3%. Zuzüglich Kosten für steigende Lebenserwartung von 0.5% ergibt erwartete Verzinsung für 50% Aktive von (Rendite PK 3.3% - Zins für Rentner 50% x 4.8%)/50% = 1.8% Solidarität Aktive insgesamt an Rentner insgesamt = 3.0% Momentaufnahme ist klar nicht nachhaltig! 4.3% + 0.5% - 1.8% 8

9 2. Renditesolidarität Nettorendite Aktive aus risikoadäquater Anlagestrategie Nettorendite Rentner aus risikoadäquater Anlagestrategie 4.1% 2.4% Pensionskasse Nettorendite 3.3% Verteilung 1.8% 4.8% Umverteilung oder Solidarität? 9

10 2. Renditesolidarität Wegfall Renditesolidarität Aktive Rentner 4.1% 1.8% Rendite Stabile Pensionskasse Zins 2.4% 4.8% Rendite Zins VK Aktive VK Rentner Aktive werden "verkauft" Aktive Rentner % Rendite 4.8% 2.4% Zins Rendite Instabile Pensionskasse VK Rentner

11 2. Renditesolidarität Wegfall Renditesolidarität Lösung England (vgl. NZZ S. 25) Rund 50% der Rentner kaufen Renten (Annuitäten) selbst ein bei Versicherung Einmaliger und irreversibler Vorgang, der "Beratung" erfordert Berater/Vermittler verlangen Kommissionen von 1.5% - 6% des Sparkapitals Intransparente Kosten und Beraterkommissionen innerhalb der Versicherungsprodukte Lösung führt zu "ausgebeuteten" Rentnern und "exzessiven Gewinnen" bei Versicherungen und Vermittlern Ursprünglich war dies als Stärkung des Wettbewerbs und der Wahlfreiheit gedacht! 11

12 2. Renditesolidarität Wegfall Renditesolidarität Lösung Schweiz, wenn keine Aktiven mehr Laufende Renten sind unantastbar und dürfen nicht gekürzt werden, auch wenn sich Solidarität schleichend in Umverteilung ändert Aktive müssen vor Weggang künftige Renditesolidarität vor Austritt leisten Guter Fall: Aktive erhalten lediglich keine Wertschwankungsreserven mehr Schlechter Fall: Freizügigkeitsleistung der Aktiven muss - unter Wahrung BVG Altersguthaben - soweit gekürzt werden, dass Renten "sicher" finanziert sind 12

13 Das Ende der Solidarität: Rentnerkassen Vorsorgesysteme brauchen Solidaritäten Auch Renditesolidaritäten? Folgerungen für Praxis und ein praktisches Beispiel Fazit, Diskussion und Fragen 13

14 3. Folgerungen für Praxis Schleichender Personalabbau Situation ohne Aktive, also Rentnerkasse, sollte aus Gründen der Verantwortlichkeit vermieden werden Zeichnet sich ab, dass es bald keine aktiven Versicherten mehr gibt, dann ist besondere Vorsicht und Sorgfalt geboten, weil Aktive als Solidaritätsquelle wegfallen Noch schlimmer: In Situation ohne Aktive gibt es oft auch keinen Arbeitgeber als Sanierungsquelle mehr Stiftungsrat und Experte sind verantwortlich mit Unterstützung der Aufsicht, dass Renten immer und unter allen Umständen bezahlt werden können (aber wie?) 14

15 3. Folgerungen für Praxis Anschlussvertrag Gesetzgeber hat sich Regelung von Artikel 53e BVG "einfach" gemacht: im Zweifelsfall oder ohne Einigung verbleiben die Rentner immer in der bisherigen Vorsorgeeinrichtung Falls also Anschluss keine Aktiven mehr hat, bleibt Anschlussvertrag in Bezug auf Rentner in Kraft, so dass der Arbeitgeber weiterhin ein Sanierungsrisiko trägt Absicht des Gesetzgebers war Rentenschutz; mit dieser Regelung haben die Rentner durch die verbleibenden Aktiven der anderen Arbeitgeber weiterhin zwei Solidaritätsquellen, die das Sanierungsrisiko tragen 15

16 3. Folgerungen für Praxis Jetzt wird es mühsam Was passiert, wenn kein Arbeitgeber mehr vorhanden ist? Firma A kauft Firma B, transferiert alle Arbeitsverhältnisse auf Firma A, mit Wechsel des Arbeitsortes (wohl kaum missbräuchliche Umgehung der Kündigung des Anschlussvertrages) Vorsorgeeinrichtung B verliert Aktive als Solidaritätsquelle Anschlussvertrag immer noch gültig, aber Firma B wird liquidiert Vorsorgeeinrichtung B verliert Arbeitgeber als Sanierungsquelle muss Rentner vorsichtig bilanzieren fällt dadurch in Unterdeckung muss Freizügigkeitsleistungen kürzen (falls möglich) Kann Vorsorgeeinrichtung B bei Schuldenruf der Firma B Sanierungsbeiträge einklagen? 16

17 3. Folgerungen für Praxis Praktisches Beispiel Fortführungssicht Liquidationssicht Kapitalbedarf Renterkasse Position Aktiven Passiven Aktiven Passiven Vorsorgevermögen 105'000'000 61'583'333 Vorsorgekapital Aktive 45'000'000 0 Vorsorgekapital Rentner 45'000'000 55'000'000 BVG2010, 3.0% BVG2010, 1.0% Technische Rückstellungen Langlebigkeit Aktive 405'000 0 Langlebigkeit Rentner / Generationentafeln 675'000 2'750'000 Umwandlungssatz 2'000'000 0 Versicherungsrisiken Rentner 1'500'000 1'833'333 Latente Invaliditätsrisiken 1'200'000 2'000'000 Versicherungsrisiken Aktive 2'500'000 0 Wertschwankungsreserve 6'720'000 0 Freie Mittel / Fehlbetrag 0 0 Vorsorgevermögen 105'000'000 61'583'333 Vorsorgekapitalien und techn. Rückstellungen 98'280'000 61'583'333 Deckungsgrad 106.8% 100.0% 17

18 3. Folgerungen für Praxis Praktisches Beispiel Fortführungssicht Verbleibende Mittel für austretende Versicherte Position Aktiven Passiven Aktiven Passiven Vorsorgevermögen 105'000'000 43'416'667 Vorsorgekapital Aktive 45'000'000 45'000'000 Vorsorgekapital Rentner 45'000'000 0 BVG2010, 3.0% BVG2010, 1.0% Technische Rückstellungen Langlebigkeit Aktive 405'000 0 Langlebigkeit Rentner / Generationentafeln 675'000 0 Umwandlungssatz 2'000'000 0 Versicherungsrisiken Rentner 1'500'000 0 Latente Invaliditätsrisiken 1'200'000 0 Versicherungsrisiken Aktive 2'500'000 0 Wertschwankungsreserve 6'720'000 0 Freie Mittel / Fehlbetrag 0-1'583'333 Vorsorgevermögen 105'000'000 43'416'667 Vorsorgekapitalien und techn. Rückstellungen 98'280'000 45'000'000 Risikotragender Deckungsgrad 106.8% Deckungsgrad 96.5% 18

19 Das Ende der Solidarität: Rentnerkassen Vorsorgesysteme brauchen Solidaritäten Auch Renditesolidaritäten? Folgerungen für Praxis und ein praktisches Beispiel Fazit, Diskussion und Fragen 19

20 4. Fazit 1. Primärer Rentenschutz Gesetzgeber garantiert dem Rentnerbestand absoluten Schutz 2. Verantwortung des Stiftungsrats und des Experten Vorsorgeeinrichtung schrumpft, dann müssen die laufenden Renten sichergestellt werden, indem "risikofreie" Bilanzierung oder Einkauf Rentner bei anderer Vorsorgeeinrichtung und falls nötig, unschöne Kürzung der Freizügigkeitsleistungen auch bei Einzelaustritten, die oft in (temporäre) Arbeitslosigkeit fallen 3. Variable Renten Bevor Freizügigkeitsleistungen gekürzt werden, würden Renten möglicherweise auf Garantieteil gekürzt 20

21 4. Fazit 4. Gesetzliche Lösung unbefriedigend, weil Rentenbewertung heute zu Fortführungswerten also mit Einbezug von Solidaritätsquellen 5. Mögliche Lösungsskizzen (ohne Wertung) Liquidationsbewertung der Renten bei allen Vorsorgeeinrichtungen; Grobkostenschätzung: CHF 70 Mia. Gesetzesänderung so, dass Arbeitgeber bei Firmentransaktionen Pflicht zur Sicherstellung der laufenden Renten haben (Problem teilweise gelöst) Sicherheitsfonds früher involviert wird und Renten übernimmt, die aufgrund der Perennität des Sicherheitsfonds weiterhin von Renditesolidarität profitieren, wodurch volkswirtschaftliche Kosten geringer ausfallen Weitere? 21

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