Öffentlichkeitsarbeit und Empowerment Politik beim cfd

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1 Öffentlichkeitsarbeit und Empowerment Politik beim cfd Feministische, nicht rassistische Öffentlichkeitsarbeit geht davon aus, dass Realitäten und ihre Wahrnehmung bereits durch Bilder vorbeschrieben sind. Dies gilt besonders für Projekt und Politikfelder wie Migration, in denen der cfd (1) aktiv ist und Empower ment strategien entwickelt. von Annemarie Sancar Die bestimmende Diskussion und die dominante Repräsentation der Folgen von Migra tion als Fragen von Sicherheit und nationaler Identität geben den Rahmen vor, wie Phänomene im Zusammenhang mit Migration gesehen und interpretiert werden sollen. Die Zentralperspektive erscheint als einzig gültige und die symbolische Ordnung bestimmende Sichtweise. Indem der cfd diese dominante Perspektive benennt und ihren Anspruch auf Alleingültigkeit in Frage stellt, öffnet er Möglichkeiten für die Perspektivenvielfalt als Sehschule und diese wiederum ist eine Voraussetzung für Empowerment. Bereits in den 80 er Jahren stellen zugewanderte Frauen ideale Fallbeispiele für Stereotypisierung dar. Als beliebtes Element öffentlicher Verlautbarungen wurden sie als vom Land kommend, Schleier tragend, fremd und malerisch dargestellt: zurückge blieben und geheimnisvoll zugleich wie Bilder mit exotischen Makeln. Als sich in den 90 er Jahren das Gesellschaftsdesign des Multikulturalismus durchsetzte, kam es zu einem Perspektivenwechsel: Aus "Defiziten" wurden "Ressourcen". Diese Bildmetamor phose diente u.a. dazu, bestehende (postkoloniale) Hierarchien politisch korrekt zu bebildern. Zwei Sorten von Fremd Bildern standen nun zur Verfügung: Bilder der Störung und Bilder der Bereicherung. Der pauschalisierende Blick blieb ein Merkmal beider Bildtypen, Produkte der einen dominierenden Zentralsperspektive und Ausdruck von Zuschreibungen, die durch die Spiegelung des Fremden am Eigenen überhaupt erst bedeutungsvoll werden: "das Eigene", "unsere Frauen", die nicht verschleiert, sondern modern und befreit sind. Sinn ergibt sich nur in Abgrenzung zum "Anderen", die Konstruktion des Wir erfolgt durch die Spiegelung des Fremden in der Differenz. Bilder von Abweichung Reportagen über Migrantinnen sind zusammengesetzt aus ethnographischen Versatz stücken und Einzelfallbeispielen. Sie bestimmen die Wahrnehmung dessen, was man sich unter MigrantInnenleben und unter Herkunftskulturen vorzustellen hat. Sie geben die Perspektive vor, für alternative Sichtweisen bleibt wenig Raum. Die dominante Logik geht aus von der Differenz, welche entlang nationaler Grenzen fest geschrieben ist eine kulturell definierte Differenz, kombiniert mit der Geschlechterdifferenz. Bilder und Texte über Migrantinnen sagen wenig aus über die Lebenszusammenhänge von Frauen. Vielmehr bekräftigen sie die "richtige" Sichtweise", die Meinung nämlich, dass die Situation der MigrantInnen wohl mit ihrer Andersartigkeit zu tun habe. Solche Bilder haben einen hohen Gebrauchswert für Repräsentationspolitiken wo um Macht gestritten, Herrschaftsverhältnisse fest geschrieben, Ausschluss begründet wird und wo letztlich die gültige symbolische Ordnung die Zentralperspektive bestimmt aus der das Eigene Souveränität, das Fremden indes Abhängigkeit meint. Kritische Öffentlichkeitsarbeit heisst, die Definitionsmacht dieser Perspektivensetzung in Frage zu stellen und statt dessen eine Vielfalt von Blickrichtungen vorzuschlagen. Dafür müssen die Zentralperspektive benannt und gleichzeitig Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie Wirklichkeit 1

2 anders gelesen, geschaut und wahrgenommen werden kann. Auch der cfd nimmt teil an der Konstruktion von Bildern aus der Zentralperspektive, beispielsweise wenn er Migrantinnenprojekte formuliert, Integrationsziele vertritt und Folgen von struktureller Ausgrenzung in Defizite oder Ressourcen von Migrantinnen übersetzt. Der Entscheid, kritische Öffentlichkeitsarbeit zu machen, die feministischen nicht rassistischen Ansprüchen genügt, bedeutet also, auch die eigenen in der zentra len Perspektivensetzung bedeutsamen Darstellungen zu kontextualisieren und zu entschleiern und die eigene Arbeit der Perspektivenvielfalt zugänglich zu machen. Das führt zu Irritation und braucht Mut, nicht zuletzt weil Projeke und ihre Beschreibung dann nicht mehr unbedingt der Logik der Institutionen entsprechen, die (öffentliche) Gelder für Integrationsprojekte sprechen. Trotzdem ist es ein Gewinn, die (Text )Bilder einzeln und als Bestandteile von (herrschen den) Ideologien zu zerpflücken und ihre Funktionsweise zu erklären. Die Brüche, die so entstehen, lassen andere, verdeckte und irritierende Möglichkeiten des Hinschauens zu. Die Sehschule ist eröffnet: Wir nehmen die Darstellung von Frauen in muslimischen Ländern, in der Türkei, in Iran oder in Afghanistan durch die hiesigen Medien und beobachten den Wandel im Bild. Die einst unterdrückte muslimische Frau in der Türkei, in Iran ist heute emanzipiert, mit Schleier. Die Gleichsetzung von Schleier und Unterdrückung wird gebrochen. Im Falle von Afghanistan wird sie indes weitergeführt in diesen Beschreibun gen hat die Metamorphose (noch) nicht stattge funden. Perspektivenvielfalt als Sehschule In nationalen, ethnischen Kategorien verfasste Berichte über "das Schicksal der musli mischen Frau", wir wir sie aus den Medien kennen, geben in der Regel keinen Aufschluss über die Lebenssituation der beschriebenen Frauen im Kontext, obgleich dies suggeriert wird. Sie bestätigen aber die symbolische (postkoloniale) Ordnung, in der die Frauen verortet im patriarchalischen Herrschaftsverhältnis gezeigt werden (2). Die Herrschaftsverhältnisse bleiben unangetastet auch dann, wenn wir den Schleier in ein neues Verhältnis zu Emanzipation stellen, denn letztlich handelt es sich auch hier um eine Beschreibung aus der Zentralperspektive, um den (patriarchalischen) Blick "des Nordens" auf die Frauen "des Südens", die (postkoloniale) Grenzziehung zwischen dem "Wir" und den "Anderen". Sehschule bedeutet hier, (geschriebene) Bilder in ihrer Funktion als Fest und Fortsetzung dieser zentralperspektivischen Grenze zu entziffern und nicht hegemoniale, subversive Sichtweisen von Wirklichkeit zu entdecken, neue Bild Kombinationen zu entwerfen, Bilder aus dem Rahmen zu nehmen eine subver sive Praxis, die Seh und Wahrneh mungsgewohnheiten irritiert und die Vorstellung scheinbar natürlich gegebener Ordnungen, Zugehörigkeiten und Gemeinschaften unterwandert. So demaskiert die Sehschule auch das Gefühl der "grenzenlosen" Solida rität der Frauen im Norden mit den Frauen aus dem "patriarchalischen Süden" und die Gewissheit der Männer, auf der "richtigen" Seite zu stehen, wenn sie sich solidarisch zeigen mit den Frauen in muslimi schen Gesellschaften. Sie zeigt auf, dass Geschlecht erhierarchien deswegen als Problem des muslimischen Patriarchats, also in der Fremd beschreibung als ernstes Problem wahrgenommen werden, weil sich so das Herr schaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern nationalisieren und nach Bedarf nach Aussen verschieben lässt. Solidarität wird dadurch nicht als ethische Haltung in Frage gestellt, sondern als bildhafter Bestandteil der Zentralperspektive, welche die Herrschaftsverhältnisse verschleiert und die Grenzziehungen zwischen Innen und Aussen bestätigt. Feministische nicht rassistische Öffentlichkeitsarbeit entziffert diese Beschreibungsgewohnhei ten und Bilder als Teil der dominanten Ordnung mit dem Ziel, mehr zu verstehen, neue Fragen aufzuwerfen und Empowerment möglich zu machen. 2

3 Sehschule bedeutet Empowerment Bilder und Beschreibungen von Migrantinnen beschäftigen die Mitarbeiterinnen der cfd Migrantinnenwerkstatt wisdonna täglich. Ihre Kommentare zu Ereignissen im Arbeitsalltag sind Ausdruck ihrer Verortung und ihres Umgangs mit Bildern für eine kritische Öffentlichkeitsarbeit. "Kennen Sie eine Afrikanerin, die wir für einen Schulanlass einladen könnten. Können sie uns eine Migrantin aus Asien, die zu den working poor gehört, oder eine Migrantin mit Gewalterfah rungen angeben? VertreterInnen von Schweizer Institutionen, Schulen, Zentren, Parteien verlangen nach Migrantinnen mit Fallgeschichten, die sich eignen, um Betroffenheit zu konstruieren. wisdonna lehnt diese Rolle entschieden ab: "Wir lassen uns nicht vorführen, auch wenn unsere Geschichten für Schweizer Ohren exotisch und abenteuerlich klingen, Geschichten von Elend, gerahmt mit Dschungelfantasien aus der Columbus Optik. Zugewanderte Frauen sind gefragt, wenn sich ihre Herkunft für die Reproduktionen kolonialistischer Vorstellungen eignet. Sobald sie als Fachfrauen auftreten, gelingt diese Projektion nicht mehr. Irritation ist die Folge. Die Mitarbeiterinnen von wisdonna werden an Tagungen eingeladen, um ihre persönli che Geschichte z.b. aus dem Treppenhaus zu erzählen. Wenn sie damit nicht einver standen sind und den Inhalt selber setzen wollen, wird das Konzept gestört. Für sie sind keine anderen Rollen vorgesehen als die der Opfer. Den Referatsinhalt selbst bestim men zu wollen, bedeutet eine Verschiebung der Perspektive, in der die Tagungen konzipiert sind. In wisdonna treffen unterschiedliche Beschreibungen, Bilder und Reden zusammen und werden debattiert eine Voraussetzung, um die Herrschaftsdiskurse entziffern zu können, die viele Anstrengungen für Gleichstellung ins Leere laufen lassen. Die Defizit bilder von Migrantinnen existieren und sind prominent in Umlauf. "Manchmal spielen wir mit und lassen uns darauf ein, in der Praxis der Perpektivenvielfalt. Der Rollenwechsel zwischen Bilderstürmerinnen und Bilderproduzentinnen ist eine Gratwanderung, in der Öffentlichkeitsarbeit und in der biographischen Verortung der Fachfrauen. Empowerment heisst auch Selbst Bebilderung wisniña, ein Empowermentprojekt für junge Migrantinnen, ist ein Beispiel für die Umset zung des Ansatzes mit dem Ziel, Ausgrenzungsmechanismen zu benennen und ihnen mit konkreten politisch und persönlich ausgerichteten Initiativen entgegenzutreten. Die Alltagserfahrungen von wisdonna, die Berichte der Benützerinnen der Migrantinnen werkstatt zeigen ebenso deutlich wie wissenschaftliche Erhebungen (3), dass Migrantin nen zum Beispiel in der Berufswelt im Vergleich zu zugewanderten Jungen und Männern, aber auch im Vergleich zu einheimischen Frauen die am meisten diskrimi nierte Gruppe sind (4). Der cfd thematisiert diese Ausgrenzungen mit dem Ziel, Gegen strategien zu entwickeln. Als Ausgangspunkt einer von vielen möglichen wurde der Übergang von Schule zu Beruf gewählt, ein kritischer Moment in der Biographie junger Migrantinnen. Sie treffen auf strukturelle Schranken im (Berufs ) Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt. Sie begegnen Vorbehalten und Bildern bei LehrmeisterInnen, BerufsberaterInnen und Lehrkräften, sogar bei sich selbst, die sie zentralperspektivisch jederzeit als abweichende, wenn nicht sogar defizitäre Individuen beschreiben lassen. Konkret sind es die flying wisniñas Migrantinnen, die in der Schweiz eine Berufsaus bildung absolvie ren oder abgeschlossen haben die den Schülerinnen (mit Migrati onsbiographien) bei der Berufsorientierung zur Seite stehen und sie motivieren, die Hürden zu nehmen. In ihren vielfältigen Rolle als Informationsvermittlerinnen, Vorbilder und kritische Beobachterinnen 3

4 unterstützen die flying wisniñas junge Migrantinnen, wenn sie die Wirkung struktureller Schranken auf ihr eigenes Leben durchleuchten und ihre Strategien und Ressourcen erkunden. Sie ermutigen sie, Bilder von Migrantinnen zu hinterfragen und an deren Stelle Eigenbeschreibungen zu setzen, die von den biographischen Erfahrungen ausgehen: eine Sehschule, welche die jungen Migrantin nen in ihrer Praxis stärkt und ermächtigt, dem dominanten Blick auf sie andere Bilder entgegenzusetzen. Anmerkungen (1) Der cfd ist ein feministisches Hilfswerk und engagiert sich für Gleichberechtigung und Gleichstellung. Er fördert Perspektivenvielfalt in der Diskurs und Projektpraxis und unterstützt Frauenprojekte. Aus feministischer Sicht nimmt der cfd Stellung zu migrations und friedenspolitischen Fragen und setzt sich ein für die Gleichstellung von Migrantinnen, z.b. in wisdonna, der Migrantinnenwerkstatt in Bern, wo Migrantinnen eigene Bildungsangebote realisieren und Politiken gegen Diskriminierung von Migrantinnen entwerfen. (2) Vgl. Kappeler, Susanne, Gittersichten: Feministische Bündnisse mit Männermacht. In: cfd Dossier 2/00. (3) Vgl. Bericht zur Situation der Migrantinnen im Kanton Bern, eine Studie von A. Sancar, H. Hungerbühler und B. Paiva, im Auftrag der Kantonalen Fachstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern, (4) Vgl. die cfd Projektberichte zu "wisniña" und die Studie "incluso" der Berner Informationsstelle für Ausländerfragen ISA, im Rahmen des Lehrstellenbeschlusses I und II des Kantons Bern. Kontakt und Literatur cfd, Falkenhöheweg 8, 3001 Bern, tel , fax wisdonna, Falkenhöheweg 8, 3001 Bern tel ch.org, ch.org cfd Dossiers zum Thema: Schleiersichten (2/01), Migration findet statt (2/99), Frauen, Gender und Empowerment (2/98 Annemarie Sancar, DEthnologin, Informationsbeauftragte beim cfd, nebenamtliche Dozentin an der HSA Luzern, Autorin des Berichts "Die Situation der Migrantinnen im Kanton Bern", Stadträtin Grünes Bündnis und Vizeratspräsidentin, verheiratet und Mutter von zwei schulpflichtigen Söhnen. 4

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