Wirtschaftswoche online vom Niedrigzinsen. Das Ende der Lebensversicherung (wie wir sie kennen)

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1 Wirtschaftswoche online vom Niedrigzinsen Das Ende der Lebensversicherung (wie wir sie kennen) Alte Garantien werden durch Niedrigzinsen zur erdrückenden Last, selbst ein schneller Zinsanstieg wäre ein großes Problem: Die klassische Lebensversicherung hat kaum eine Überlebenschance.1p1p1 Die Nerven in der Lebensversicherungsbranche liegen blank. Kritische Berichte, wie jüngst etwa in der Zeitschrift "Ökotest", führen zu heftigen Reaktionen auf Seiten der Versicherer. Die Rollen von Gut und Böse, von Recht-Habern und Wahrheits-Verdrehern sind dabei aber nicht eindeutig verteilt. Auf beiden Seiten werden die Fakten teils einseitig beleuchtet und sind zu oft von einer feststehenden Meinung beeinflusst. Das Gerede von den gierigen Versicherern und den geprellten Kunden geht am Kern des Problems vorbei. Das ist gefährlich. Denn die Lage der Lebensversicherung ist ernst. Gerade jetzt wäre daher der Zeitpunkt, offen über die Probleme der Branche zu diskutieren und Lösungsansätze für den - ohne jede Frage vorhandenen - Vorsorgebedarf zu suchen. Versuchen wir es, mit einem kritischen Blick auf einige Probleme der Branche und einer Analyse, warum die Zukunft der Lebensversicherung gefährdet ist. Aus Kundensicht ist der Befund eindeutig: Die Lebensversicherungen - mit rund 88 Millionen Verträgen immer noch einer der Hauptpfeiler der Altersvorsorge - werfen immer weniger ab. Die laufende Verzinsung der Sparguthaben wird laut Analysedienstleister Assekurata dieses Jahr auf 3,3 Prozent fallen. Das wären 0,2 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr, der Rückgang hätte sich damit erneut beschleunigt. Neukunden bekommen bei 25-jähriger Laufzeit aktuell noch eine garantierte Verzinsung ihrer Gesamtbeiträge von schlappen 0,4 Prozent. Würden die Lebensversicherer weiter ihre aktuellen Überschüsse auszahlen, kämen 2,9 Prozent Rendite zusammen. Dabei drücken allein die Kosten die Rendite um 0,8 Prozentpunkte.

2 Abhängigkeit von Zinsen Schon das ist kaum ein Grund zum Abschluss. Doch dass es bei konstanten Überschüssen bleibt, ist zudem extrem unwahrscheinlich. Denn die Lebensversicherer hängen fast komplett von einer einzigen Größe ab: den Zinsen. 80 Prozent und mehr ihrer Kapitalanlagen - dahinter steckt ganz überwiegend das Geld der Kunden - sind zu einem festen Zins angelegt. Das Problem ist nur, dass die Zinsen seit September 1981, also seit fast 34 Jahren, nur eine Richtung kennen: im Trend nach unten. Deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind von etwa 11,4 Prozent Rendite pro Jahr 1981 auf aktuell 0,3 Prozent Rendite gefallen - ein Rückgang der Jahresrendite um 97 Prozent. Laut historischen Daten war die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen seit 1815 nie unter drei Prozent gefallen (die Hyperinflation 1923 ist dabei ausgeklammert). Das hatte nur bis zur Finanzkrise 2008/2009 Bestand wurde dann auch die 2-Prozent-Schwelle dauerhaft durchbrochen, seitdem ging es stetig weiter runter. Klar, auch die Inflation ist seit Anfang der Achtzigerjahre deutlich gefallen, aber am Grundproblem der Lebensversicherer ändert das nichts. Sie müssen die den Kunden gemachten Zusagen erfüllen. Und das wird immer mehr zum Problem. Im Schnitt haben die Lebensversicherer ihren Kunden garantiert, die im Vertrag angesparten Gelder - also alles, was von den Sparbeiträgen nach Abzug der Kosten übrig bleibt -, mit gut drei Prozent zu verzinsen. So viel werfen die zehnjährigen Bundesanleihen aber eben nicht mehr ab. Vorerst ist das kein Problem: Zum einen legt kein Lebensversicherer alles in zehnjährigen Bundesanleihen an, zum anderen ist eine Stärke der Lebensversicherung immer ihr langfristiger Charakter. Konkret: In Phasen mit miesen Kapitalerträgen bekommen Kunden mehr als aktuell erwirtschaftet, in guten Zeiten eben weniger. Kunden profitieren von Altbeständen

3 Nur dürfen die schlechten Zeiten nicht zu lange dauern. Im Durchschnitt legen die Versicherer das Kapital mittlerweile etwa auf zehn Jahre an. Noch profitieren die Kunden also auch von den vor neun Jahren gekauften Anleihen und ihren deutlich höheren Zinserträgen (die zehnjährige Bundesanleihe brachte da noch fast vier Prozent Rendite). Doch Jahr für Jahr schlagen die neuen, niedrig verzinsten Anleihen stärker auf die Kapitalerträge durch. Eine Beispielrechnung: Angenommen, die Versicherer können bei einer Anlagedauer von zehn Jahren zu einem Prozentpunkt über der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen anlegen. Aber diese bringt dauerhaft nur die aktuellen 0,3 Prozent Rendite pro Jahr. Bei den Versicherten gehen wir von einem Austausch pro Jahr von fünf Prozent aus, stabiler Gesamtzahl der Versicherten und einem konstanten Garantiezins für Neukunden von 1,25 Prozent. Dann würde etwa 2023 der laufende Ertrag der Kapitalanlagen nicht mehr reichen, um die Garantiezinsen im Bestand zu finanzieren. Zwar würde auch dieser durchschnittliche Garantiezins im Bestand langsam sinken, aber viel langsamer als die Erträge der Kapitalanlagen. Klassischer Teufelskreis Genau dieses Problem haben natürlich auch die Versicherer und vor allem die Finanzaufseher im Blick. Nur gibt es keine simple Lösung. Schnell kann die vermeintliche Medizin die Krankheit sogar noch verschlimmern. Die europäische Regulierung Solvency II zwingt die Versicherer, die langfristigen Garantien stärker in ihren Risikomodellen zu berücksichtigen. Außerdem müssen sie alle Kapitalanlagen je nach Risiko mit Eigenmitteln unterlegen, um zu vermeiden, dass Verluste auf das für Kundenzusagen gebundene Kapital durchschlagen. Beides führt dazu, dass Lebensversicherer mehr Geld möglichst risikolos zurücklegen müssen. Und damit droht ein Teufelskreis: Mehr Kapital muss risikolos angelegt werden, das führt zu niedrigeren Kapitalerträgen, damit vergrößert sich die Lücke zwischen Kundenzusagen und Kapitalstock noch, also muss mehr Kapital risikolos angelegt werden. Probleme für Versicherer Schon jetzt ist die Zeit in der Lebensversicherung vorbei, wo alle Kunden gleich viel Zins gutgeschrieben bekamen - unabhängig davon, welcher Garantiezins in ihrem Vertrag stand.

4 Altkunden mit 4,0, 3,5 oder 3,25 Prozent Garantiezins bekommen noch so viel wie garantiert; alle anderen bekommen 2015 noch etwa 3,2 Prozent. Weil keine Zinswende in Sicht ist, müssen die Versicherer zudem einen besonderen Topf füllen, die Zinszusatzreserve. Daraus sollen sie dann später die hohen Altzusagen erfüllen mussten sie laut Analysedienstleister Assekurata acht Milliarden Euro in diesen Topf legen; seit 2011 waren es insgesamt über 20 Milliarden Euro. Dieses Jahr könnten neun Milliarden Euro dazukommen. Einige Versicherer könnten Probleme bekommen, die Zinszusatzreserve aus ihren Überschüssen zu füllen, sagt Reiner Will, Geschäftsführer von Assekurata. Wie ernst die Lage ist, zeigen auch die Auswirkungen des seit August 2014 geltenden Lebensversicherungsreformgesetzes. Demnach dürfen die Lebensversicherer stille Reserven aus gehaltenen Anleihen nicht mehr zur Hälfte an ausscheidende Kunden auszahlen, wenn sie selbst dieses Geld brauchen, um ihre abgegebenen Garantieversprechen bei anhaltenden Niedrigzinsen einhalten zu können. Ende 2013 machten diese Reserven 57,8 Milliarden Euro aus. Seitdem sind sie durch den anhaltenden Zinsverfall noch stark gestiegen, weil alte, höher verzinste Anleihen immer mehr wert sind und daher im Kurs steigen. Ursprünglich war erwartet worden, dass nur einige Anbieter unter die Ausschüttungsstopp-Regel fallen würden. Tatsächlich greift sie nun aber branchenweit und betrifft auch große Versicherer, wie die WirtschaftsWoche Mitte Januar aufdeckte. Angespannte Stimmung Wie soll es also weitergehen? Das Problem ist, dass in kaum einem denkbaren Szenario die Lebensversicherung wirklich gut abschneidet. Das zeigen drei Szenarien zur weiteren Zinsentwicklung: 1. Bleibt es längerfristig bei Niedrigstzinsen, können die Lebensversicherer die Altzusagen irgendwann nicht mehr erfüllen. Damit müssten Kundenansprüche reduziert werden, was rechtlich durchaus machbar ist.

5 Neukunden hätten bei weiter sinkenden Zinsen den Vorteil, noch von den vor ihrem Abschluss bereits gekauften Anleihen im Bestand der Versicherer zu profitieren. Nur würde die Finanzierung der an die Altkunden gemachten Garantien (bis zu 4,0 Prozent Garantiezins) für die Versicherer ein derart enges Korsett, dass Neukunden mit ihren deutlich niedrigeren Garantiezinsen (aktuell nur 1,25 Prozent) tatsächlich schlecht dastehen dürften. Die Versicherer müssten alle Überschüsse für die alten Hochzins-Verträge einsetzen. Ihnen bliebe kaum noch etwas, um die Verzinsung der neueren Verträge aufzustocken. 2. Steigen die Zinsen hingegen schnell und deutlich an, würde das den Versicherern wieder mehr laufende Zinserträge bringen. Allerdings nur sehr langsam, weil sie das verwaltete Kapital auf etwa zehn Jahre angelegt haben und diese Laufzeiten in den vergangenen Jahren noch verlängert haben, um die Zinserträge ein wenig aufzubessern. So berichtet etwa Generali-Finanzvorstand Torsten Utecht gegenüber dem Branchenverband GDV, dass die Generali Lebensversicherung die durchschnittliche Laufzeit der gehaltenen Anleihen (Duration) in den vergangenen Jahren von sechs auf neun Jahre erhöht habe. Die Folge der längeren Laufzeiten: Anders als seit 1981 würde angesichts stark steigender Zinsen die laufende Durchschnittsverzinsung der Kapitalanlagen der Versicherer schnell unter die aktuell erreichbaren Renditen sinken und sich nur sehr langsam diesem Niveau annähern. Das birgt zwei Probleme: Neukunden hätten kaum noch Gründe, eine Lebensversicherung abzuschließen. Denn mit ihrem Einstieg würden sie sich auch die von Versicherern früher gekauften, schlechter verzinsten Anleihen einkaufen. Die hohen stillen Reserven aus den gehaltenen Anleihen (Bewertungsreserven) würden sich bei einem schnellen Zinsanstieg zudem auflösen. Dieser Topf wäre also nicht mehr verfügbar, um daraus irgendwelche Kundenansprüche zu finanzieren. 3. Bleibt ein langsamer, aber ausreichend zeitnah beginnender Zinsanstieg. Dieses Szenario wäre für die Lebensversicherung wohl am besten. Die beschriebenen Probleme beim schnellen Zinsanstieg (Neukunden-Mangel, plötzliches Auflösen der Bewertungsreserven) kämen nur deutlich schwächer zum Tragen. Die Altzusagen könnten erfüllt werden; Neukunden wären zwar nicht leicht für die Lebensversicherung zu begeistern, könnten aber mit dem Verweis auf die lange Tradition und Krisenstabilität im Zweifel überzeugt werden.

6 Die angespannte Stimmung in der Branche wird sich so schnell wohl nicht beruhigen. Dass ausgerechnet Felix Hufeld, bisher oberster Versicherungsaufseher der Finanzaufsicht BaFin, nun auf den Chefposten der BaFin rücken soll, kann insofern auch als Signal verstanden werden: Die Versicherer werden in den kommenden Jahren große Herausforderungen zu meistern haben. Hoyer, Niklas

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