Asset-Liability- Management in der Lebensversicherung. Prof. Dr. Christian Führer Mannheim

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1 Asset-Liability- Management in der Lebensversicherung Prof. Dr. Christian Führer Mannheim

2 Agenda I. Funktionsweise der privaten Versicherungswirtschaft II. III. IV. Begründung des Asset-Liability-Managements in der Lebensversicherung Ausprägungen des Asset-Liability-Managements in der Lebensversicherung ALM-Techniken in der Lebensversicherung V. ALM-Modell nach Gerstner et al. VI. Ausblick

3 I. Funktionsweise der privaten Versicherungswirtschaft Nach Altvater Farny gilt: Versicherung = Transfer eines Risikos von einem Versicherungsnehmer auf ein Versicherungsunternehmen, das zu diesem Zweck ein Versicherungskollektiv gleichartiger Risiken bildet Risikoausgleich im Kollektiv Risikoausgleich in der Zeit Ziel: Bezahlbarer Schutz vor den Unbilden des Lebens (Voraussetzung für Partizipation am Wirtschaftsleben und unbeschwerte Lebensplanung).

4 Speziell die Lebensversicherung beschäftigt sich mit Risiken, die in einem direkten Zusammenhang mit einschneidenden Ereignissen im Leben der versicherten Person stehen: Erlebensfallrisiko (sprich: Risiko der Unterversorgung im Alter), Todesfallrisiko ( Hinterbliebenenversorgung), Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsrisiko, Pflegefallrisiko, Unfalltodrisiko, Risiko schwerer Erkrankungen, Heiratsrisiko (klar, reines Versorgungsproblem ). Typische Eigenschaften von LV-Produkten daher: Langfristigkeit der Vertragsverhältnisse (tw. mehrere Jahrzehnte) Daraus folgend: Sparcharakter (Prämien werden nach Abzug von Kosten auf Kapitalmärkten nach den Vorgaben des 54 VAG angelegt.)

5 Oder anders ausgedrückt: Der Lebensversicherer betreibt wechselseitige Finanzierungsgeschäfte mit Kapitalmarkt und Versicherungskollektiv: Finanzierung Geld gegen Rendite Finanzierung Geld gegen Vers. schutz Kapital- Lebensversicherungs- Versicherungsmarkt unternehmen kollektiv Aktiva Passiva Vergleiche: Theorie der Finanzintermediation ( Kaiser)

6 II. Begründung des Asset-Liability- Managements in der Lebensversicherung Asset-Liability-Management wird in der Versicherungswirtschaft überwiegend mit historischen Erfahrungen begründet, die Idee als solche ist jedoch schon relativ alt: er Jahre: Stürmisches Wachstum in der internationalen Lebensversicherung bei stabilem Zinsniveau (bis 1970er Jahre: 2 4%). 1952: Redington fordert grobe Abstimmung der Fristigkeiten von Aktiv- und Passivseite, findet in der betrieblichen Praxis jedoch kein Gehör. Ab ca. 1975: Zunehmende Zinsvolatilität auf den internationalen Finanzmärkten; US-Banken gehen in der Folge dazu über, den Verlauf ihrer Aktivund Passivwerte zu simulieren (erste Vorformen des ALM).

7 Ab ca. 1970: US-Lebensversicherer geraten in Schwierigkeiten, nachdem immer mehr Versicherungsnehmer aufgrund schwankender Zinsen von vertragsimmanenten Optionen Gebrauch machen. 1980er/1990er Jahre: Nachdem das Zinsniveau langsam nachlässt, geraten vor allem solche US-Lebensversicherer in Schwierigkeiten, die zuvor Annuitäten mit hohen Zinsgarantien verkauft haben (einzelne Konkurse). 1993: US-Aufsichtsbehörde NAIC verordnet erstmals Cash-Flow-Tests, mit denen Lebensversicherer die Angemessenheit ihrer finanziellen Reserven nachweisen müssen. 1997: Japanischer Lebensversicherer Nissan Mutual muss Konkurs anmelden; das Unternehmen hatte Garantien von bis zu 5,5% ausgesprochen, die nach fallenden Aktienrenditen und einbrechenden Immobilienpreisen nicht mehr gehalten werden konnten. Nach 2000: Aktienbaisse treibt weltweit mehrere Lebensversicherer in den Konkurs; erneut passten die Prämieneinnahmen und Kapitalerträge nicht mehr zu den Verbindlichkeiten auf der Passivseite.

8 Und in Deutschland? Aufgrund strengerer aufsichtsrechtlicher Vorgaben treten Krisenphänomene erst spät auf, vor allem in Folge der Aktienbaisse nach dem März 2000: Hannoversche Leben VVaG wird zur Demutualisierung gezwungen, verliert ihre Unabhängigkeit und firmiert seither unter dem Dach der VHV Holding als Aktiengesellschaft (bessere Eigenkapitalausstattung) Familienfürsorge Leben VVaG muss ebenfalls demutualisieren und wird mehrheitlich von der HUK Coburg Versicherungsgruppe übernommen. Die BaFin hatte zeitweise Vorstand und Aufsichtsrat durch Treuhänder ersetzt. Mannheimer Lebensversicherung AG muss ihren Versicherungsbestand auf die neu gegründete Protektor AG übertragen. Der Mutterkonzern Mannheimer AG Holding wird von der österreichischen Uniqa-Gruppe übernommen (Folge: Arbeitsplatzabbau, Einbruch beim Neugeschäft etc.).

9 In allen Fällen galt: Hohe Verbindlichkeiten gegenüber Versicherungsnehmern (Passivseite der Bilanz) konnten nach Turbulenzen bei den Kapitalanlagen (Aktivseite der Bilanz) nicht länger bedeckt werden, es drohte langfristig ein klassischer Konkurs (in USA, Japan, Australien etc. teilweise tatsächlich eingetreten). Einziger Ausweg: Bewusste, integrierte Steuerung der Aktiva und Passiva mit dem Ziel einer Risikoabwehr, aber auch einer Ertragssteuerung. Asset-Liability-Management

10 Daher definiere: Asset-Liability-Management =... alle auf die Zukunft ausgerichteten Techniken und Methoden, die Aktiva und Passiva simultan betrachten. Ziel des Asset-Liability-Managements ist es, eine Informationsgrundlage für Entscheidungen zu schaffen... Asset-Liability-Management ist dabei eine technische Voraussetzung, nicht die Lösung des Problems der Unternehmensführung. (Jaquemod, 2005)

11 Mit anderen Worten: Asset-Liability-Management ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl von Techniken, die darauf abzielen, Aktiv- und Passivwerte aufeinander abzustimmen. Asset-Liability-Management ist ein Führungsinstrument zur Entscheidungsunterstützung. Asset-Liability-Management betrachtet das Unternehmen in seiner Gesamtheit und ist eher strategisch ausgerichtet. Die einzelnen ALM- Instrumente weisen dagegen sowohl strategische als auch operative Züge auf (ALM = Philosophie & Methodik ). Asset-Liability-Management wurde aus der Not geboren (Abwehr von Risiken im Rahmen eines Risikomanagements), zielt aber auch auf den Unternehmenserfolg (Ertragskomponente des ALM).

12 III. Ausprägungen des Asset-Liability- Managements in der Lebensversicherung Folgende Einzelfragen sind im Rahmen eines Asset-Liability-Managements in der Lebensversicherung zu klären: 1) Prozessuale Grundchronologie Wer steuert wen? Sequenzielles ALM: Eine Seite der Bilanz steuert die andere, in der Regel steuern die Passiva (Versicherungsgeschäft) die Aktiva (Kapitalanlagen) Liability-driven Investment (LDI) Simultanes ALM: Beide Seiten werden im Zusammenhang gesteuert; in der Praxis schwer zu realisieren, stellt aber das wahre ALM dar.

13 2) Hierarchische Ablaufplanung Top-Down- oder Bottom-Up-Ansatz? 3) Aktionsebene Auf welcher Ebene im Unternehmen findet ALM statt? Makro-ALM: Alle Aktiva und Passiva werden zusammen betrachtet (ALM auf Unternehmensebene). Mikro-ALM: Die Aktiva und Passiva einzelner Produkte oder Produktgruppen werden aufeinander abgestimmt. Bemerkung: Ein ALM auf Vertragsebene ist nicht denkbar, da hier viele an sich wünschenswerte Effekte verloren gehen (Risikoausgleich etc.).

14 4) Zeithorizont Wird eine kurzfristige Liquiditätsplanung oder eine langfristige Solvabilitätsplanung angestrebt? Bemerkung: Streng genommen beides; in der Versicherungspraxis neigen Unternehmen jedoch dazu, einen klaren Fokus zu setzen. 5) Kernaufgabe ALM = AL-Matching Schwerpunkt liegt auf Abstimmung. ALM = AL-Modelling Schwerpunkt liegt auf Simulation. ALM = AL-Monitoring Schwerpunkt liegt auf Überwachung.

15 IV. ALM-Techniken in der Lebensversicherung Asset-Liability-Management in der Lebensversicherung Cash-Flow- Matching Rendite-/Risiko- Optimierung Duration- Matching u.v.m. Dynamische Finanzanalyse

16 Beispiel 1: Cash-Flow-Matching Ziel: Asset-Portfolio, dessen Rückflüsse mit den Auszahlungsströmen des Liability-Portfolios möglichst gut übereinstimmen (Beherrschung des Zinsänderungsrisikos). 1. Schritt: Ermittlung der erwarteten Auszahlungen an Versicherungskollektiv. (A i := Auszahlung im Jahre i) Auszahlungen in Mio Jahr

17 2.Schritt: Abstimmung des Asset-Portfolios (= Kapitalanlagen) mit den gefundenen A i Werten. Dazu stehen n Wertpapiere S k mit Kursen P k und Rückflüssen Z k,i am Ende der i-ten Periode zur Verfügung. Jedes Wertpapier tritt dabei im Asset-Portfolio mit dem Gewicht 0 < x k < 1 auf. Aufgabe daher: Minimiere den Ausdruck n k= 1 x k P k unter der Nebenbedingung x Z A für 1 i m. n k = 1 k k,i i Lineare Optimierungsaufgabe (Simplex-Algorithmus etc.)

18 Beispiel 2: Duration-Matching Ziel: Erreichung ähnlicher Zinssensitivitäten von Assets und Liabilities. Vorgehen: Berechnung der absoluten Duration D a aller Auszahlungen und Einzahlungen dbw(ei.) D (Ei.) = = dr dbw(au.) dr a = D (Au.) a Ableitung des Barwertes Ableitung des Barwertes der Einzahlungen nach einem der Auszahlungen nach einem Diskontierungszinssatz Diskontierungszinssatz Sensitivitäten

19 Durch die Gleichung D a (Ei.) = D a (Au.) wird eine Immunisierung der finanzwirtschaftlichen Reserven ( Surplus S) gegenüber Zinsschwankungen impliziert. Wegen S := BW(Ei.) BW(Au.) führt die Bedingung D a (Ei.) = D a (Au.) auf ds dr = dbw (Ei.) dr dbw (Au.) dr = 0, der Surplus S ist also unempfindlich gegenüber Zinsschwankungen. Die mit den Auszahlungen zu bedienenden Verbindlichkeiten sind folglich immunisiert. Problem: Konkrete Umsetzung dieser Strategie... Phantasie gefragt!

20 V. ALM-Modell nach Gerstner et al. Moderne ALM-Modelle laufen häufig auf eine Gesamtsimulation des Lebensversicherungsunternehmens unter Verwendung vieler Annahmen und Parameter hinaus. Ziel ist es, die voraussichtliche künftige Entwicklung des Unternehmens unter Einbeziehung unterschiedlicher interner und externer Entwicklungen abzubilden ( Risikomanagement). Beispiel: A General Asset-Liability-Management Model for the Efficient Simulation of Portfolios of Life Insurance Policies von Gerstner, Goschnick, Griebel, Haep, Holtz (Preprint Universität Bonn / Zurich Group Germany, März 2007)

21 Das ALM-Modell von Gerstner et al. besteht aus fünf Einzelmodellen für: Bilanzstruktur Kapitalanlagen (Assets; es gibt drei Klassen) Kapitalmarktentwicklung (stochastisches Modell) Versicherungstechnische Verbindlichkeiten (Liabilities) Management Modellierung von Entscheidungsprozessen für: - Kapitalanlageentscheidungen - Entscheidungen zur Überschussdeklaration - Entscheidungen zur Gewinnbeteiligung der Anteilseigner

22 Ziel ist eine zeitliche Fortschreibung der Bilanzstruktur (k = Jahr): Aktiva Passiva Capital C k Equity Q k Actuarial Reserve D k Allocated Bonus B k Free Reserve F k Also etwa: Kapitalanlagen C k = Eigenkapital Q k + Deckungsrückstellung D k + Gebundene Rückstellung für Beitragsrückerst. B k + Freie Rückstellung für Beitragsrückstattung F k

23 Zur Modellierung der Kapitalanlagenentwicklung werden Aktien, Anleihen und der am Kapitalmarkt erzielbare Kurzfristzins (Short Rate) separat modelliert. Für die Short Rate wird beispielsweise das Modell von Cox, Ingersoll & Ross (CIR-Modell) verwendet: r k = r k-1 + a (b r k-1 ) t + σ (r k-1 ) 1/2 t 1/2 Z(N(0,1)) Driftterm Zufallsterm r k = Short Rate zum Zeitpunkt k a = Stärke der Drift (Trendkomponente des Zinsverlaufs) b = Grenzwert von b (r k strebt gegen b) σ = Stärke des Zufallsterms t = Zeitintervall zwischen r k-1 und r k Z = Zufallsvariable (standardnormal verteilt, daher N(0,1)) Wiener-Prozess

24 Daneben benötigt das Modell u.a. Input-Parameter und laufende Werte für: Neugeschäft Storno Höhe der Versicherungsleistungen Managemententscheidungen Biometrie Investitionsaktivitäten etc. Startwerte für Bilanz etc. etc. etc. etc. Arbeit!

25 VI. Ausblick Asset-Liability-Management in der Lebensversicherung wurde aus der Not heraus geboren (Risikomanagement), stellt aber mittlerweile auch ein Instrument zur Ertragssteuerung dar. Asset-Liability-Management ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl strategischer Ansätze und operativer Techniken. Eine Abgrenzung zu verwandten Begriffen ist nur rudimentär möglich. Relativ große Diskrepanz zwischen Theorie (wiss. Literatur) und Praxis (Kosten, Know-How!). Aktueller Trend: Gesamtunternehmensmodellierung zur Erfassung möglichst vieler Einzelphänomene. Asset-Liability-Management wird zusehends mathematisiert und professionalisiert. Absehbar: Aufsichtsrechtliche ALM-Verpflichtung für Versicherungsunternehmen infolge von Solvency II.

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