Geschichte des Kredits

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1 Arbeitspapier Geschichte des Kredits Matthias Schlecker April 2008 Zusammenfassung Dieser Artikel untersucht die Geschichte des Kredits. Die Menschheit hat in Mesopotamien bereits Bankgeschäfte getätigt, bevor es Münzen gab. Als Zahlungsmittel diente Silber und Getreide. Die exponentielle Zinsrechnung geht ebenfalls auf die mesopotamische Zeit zurück und im Codex Hammruapi sind erste schriftliche Regelungen zur Begrenzung des Kreditrisikos zu finden. 1

2 1 Geschichte des Kredits Aus heutiger Sicht könnte man vermuten, dass der erste Kredit der Menschheit erst begeben wurde, als Münzen als Zahlungsmittel verwendet wurden. Die ältesten Münzfunde im Königreich der Lyder in Kleinasien werden auf die Zeit von König Gyges (686? bis 656 v. Chr.) datiert. 1 Geld als Zahlungsmittel existierte jedoch schon vor dem Aufkommen von Münzen. In Keilschriftdokumenten aus Mesopotamien tauchen oft Wörter wie Geld, Zahlungsmittel oder Währung auf. 2 Gemeint ist damit Silber, denn Münzen tauchen in Mesopotamien erst gegen Ende des Altpersischen Reiches, kurz vor der Eroberung durch Alexander den Großen um 330 v. Chr. auf. 3 Die Entstehung eines Zahlungsmittels in Mesopotamien lässt sich auf den Zeitraum zwischen der Obed-Kultur (5900 bis 4300 v. Chr.) und 2500 bis 2000 v. Chr., als die Sumerer in Mesopotamien lebten, eingrenzen. 4 Seit dieser Zeit betrieben die Mesopotamier Handel mit Ägypten, Somalia oder Äthiopien und überquerten den Persischen Golf mit Booten, um Waren nach Indien zu transportieren. 5 Um ca v. Chr. sind Grundstücksgeschäfte schriftlich belegt, die mit Silber bezahlt wurden und auf ein Preissystem in Silber hinweisen. 6 Bereits vor 2500 v. Chr. bildete sich in der sumerischen Kultur eine deutliche Arbeitsteilung aus. Es finden sich Belege für Handwerker, aber auch für Schreiber, Priester, Tempelverwalter, Schankwirte, Händler, Bauern und Lehrer. 7 Die Hauptzahlungsmittel in dieser Zeit waren Silber und Gerste. Das Geld wurde gewogen. Dabei entsprach eine Mine (ca. 500 Gramm) 60 Shekel (ca. 8,3 Gramm). 8 Ein Scheffel Gerste entsprach dem Wert von einem Shekel Silber. 9 Erst später, als Münzen aufkamen, wurde Geld gezählt. Während um diese Zeit in Ägypten der Wert von Waren es ist der Verkauf einer Sklavin überliefert in Relation zu Silber festgesetzt wurde, 10 dienten die Zahlungsmittel in Mesopotamien auch als Wertspeicher. Tempel boten einfache Bankdienstleistungen wie Sparmöglichkeiten und Kredite an. 11 Das Kreditwesen entstand also zu einer Zeit, als bzw. nachdem die mesopotamische Hochkultur ein Zahlungssystem entwickelt hatte. 1 Vgl. Homer und Sylla (2005), S. 33; MacDonald und Gastmann (2001), S. 24; Weatherford (1997), S. 30f; Calmeyer und Naster (1995), S In China sind Münzfunde hingegen auf das dritte Jahrtausend v. Chr. datiert. Das Alte Reich in Ägypten, ca bis 2200 v. Chr. wird als Tauschwirtschaft charakterisiert. 2 Vgl. Powell (1996), S Vgl. Moorey (1994), S Vgl. Copeland (1974), S Vgl. MacDonald und Gastmann (2001), S. 21 sowie Kramer (1967), S Vgl. Copeland (1974), S. 11; Kramer (1963), S Vgl. Kramer (1963), S Vgl. Klengel (1999), S. 83; Powell (1996), S. 229; Copeland (1974), S. 7; Kramer (1963), S. 74, Vgl. Hudson (2000), S Vgl. MacDonald und Gastmann (2001), S. 22; Saggs (1989), S Vgl. Homer und Sylla (2005), S. 27; Powell (1996), S. 227; Heichelheim (1958), S. 133,

3 Voraussetzung war ein gewisser Wohlstand in den Städten der Sumerer, die sich verstärkende Arbeitsteilung und die Möglichkeit des Sparens. Die Grundzüge des Kreditwesen entsprachen modernen Regelungen. Die Zinsberechnung erfolgte anhand exponentieller Tabellen, die bereits den Zinseszins berücksichtigten. 12 Bei Zahlungsrückständen wurde der Schuldner inhaftiert. Das Kreditrisiko ist also so alt, wie der Kredit selbst. Die Zinssätze in Mesopotamien wurden weniger aufgrund von ökonomischen Gegebenheiten festgesetzt. Sie ergeben sich vielmehr aus der Verwendung eines auf 1 /60-beruhenden Zahlensystem. Für einen Silberkredit wurde ein monatlicher Zins von 1 /60 verlangt. Umgerechnet ergibt sich ein jährlicher Zinssatz von rund 20 %. 13 Die Verwendung des intuitiv plausiblen Zinssatzes führte jedoch zu gesellschaftlichen Problemen, da oftmals die Rückflüsse aus dem Kredit unter den Kapitalkosten lagen. König Urukagina ( 2371 v. Chr.) verbat in seinen Reformgesetzen nicht nur die missbräuchliche Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen durch die im Rang höher Stehenden, sondern er erwirkte auch die Freilassung von säumigen Schuldnern. 14 Die teilweise sehr hohen Zinssätze lassen sich durch die regelmäßige Stundung von Agrarkrediten erklären. 15 Im Codex Hammurapi 16, der ältesten bislang gefundenen Gesetzessammlung, die Aussagen zum Kredit macht, ist in 89 ein maximaler Zinssatz von 20 % für Silberkredite und 33 1 /3 % für Gerstenkredite vermerkt. 17 Bei säumigen Schuldnern konnten die Zinsen gepfändet werden. Es finden sich Regelungen zu Hypothekenkrediten, besicherten und unbesicherten Krediten sowie der Zinszahlung, die erst nach der Ernte, bei Missernten sogar erst im nächsten Jahr, fällig sind. Das Geschäftsleben war schon so weit entwickelt, dass im Codex Regelungen zur Buchführung und Gewinnaufteilung getroffen wurden. In Griechenland wurde die Versorgungssituation mit Nahrungsmitteln ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. derart schwierig, dass sich ein auf Handel basierendes Wirtschaftssystem etablierte. Das Kreditwesen und der Einsatz von Münzen vereinfachte den Handel. Mit der Demokratisierung von Athen 504 v. Chr. kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Es entstanden verschiedene Formen des Kredites, wie Hypothekenkredite, besicherte und unbesicherte Kredite sowie Handels- und Exportkredite. Ab dem 3. Jahr- 12 Vgl. Kramer (1963), S. 93. Der Zinseszins wurde allerdings erst ab dem 5. Jahr erhoben, wenn der Kredit erwachsen wurde, da 60 Mal der Monatszins angefallen war. 60 ist die Grundeinheit des mesopotamischen Zahlensystems. Vgl. Hudson (2000), S Vgl. Hudson (2000), S. 134f. 14 Vgl. Kramer (1963), S Vgl. Hudson (2000), S König Hammurapi regierte von 1792 bis 1750 v. Chr. Der Codex selbst lässt sich nur schwer zeitlich fixieren. Vgl. Klengel (1999), S. 50, 188f. 17 Vgl. Homer und Sylla (2005), S. 26; Klengel (1999), S

4 hundert wurden Kredite an Kommunen begeben, die als wenig kreditwürdig galten. Der Zinssatz sank von anfänglichen 10 % auf 6 %. 18 Ab dem 4. Jahrhundert entwickelte sich ein breites Spektrum an Bankdienstleistungen, wie Spareinlagen, Garantien, Scheckverkehr oder Geldwechsel. 19 Nach seinem Aufstieg wurde Rom das Zentrum der Bankwirtschaft, auch wenn viele Griechen sich als Banker betätigten. Die Zinssätze schwankten zwischen 6 und 10 Prozent, je nach innen- und außenpolitischer sowie wirtschaftlicher Lage. Zur Verhinderung von Wucher wurden Obergrenzen für die Zinssätze festgelegt. 20 Nach dem Aufkommen des Christentums und einer mehrere Hundert Jahre andauernden Diskussion über die moralische Zulässigkeit des Kreditwesens entwickelten sich im 13. Jahrhundert Banken mit Spar- und Kreditgeschäft in Italien. 21 Wechsel, die jedoch noch nicht diskontierbar waren, erleichterten Handelstätigkeiten. Zwischen 1430 und 1480 stieg die Bank der Medici in Florenz zum größten Finanzdienstleister mit Zweigstellen in ganz Europa und im Mittelmeerraum auf. Bis zu Renaissance traten vor allem die Könige in Europa als Kreditnehmer auf. Deren wenig ausgeprägte Haushaltsdisziplin sowie große Summen verschlingende Kriege führten nicht nur regelmäßig zum Bankrott der Königshäuser, sondern brachten auch ihre Financiers in Bedrängnis. So hat der 6-fache Bankrott der spanischen Krone innerhalb von 100 Jahren 22 sicherlich ihren Anteil am Zusammenbruch des Fugger-Imperiums. Die absolutistischen Herrscher Frankreichs ruinierten mit ihren regelmäßigen Staatsbankrotts die italienischen Banken. 23 Das einfache Volk war hingegen Geldleihern ausgeliefert, die oftmals horrende Zinssätze verlangten. Zum Ende der Renaissance kamen die ersten langfristigen Staatsanleihen auf, die an Börsen gehandelt wurden. So begaben die Niederlande 1672 ihre erste Anleihe an der Börse. 24 Doch schon zuvor konnten die niederländischen Kommunen Kredite zu rund 4 % aufnehmen. Im Gegensatz zu den wenig kreditwürdigen Königshäusern, bedienten sie regelmäßig das Fremdkapital. Diese Erkenntnis machte sich England zu Nutzen und gründete am 27. Juli 1694 die Bank of England, die die britische Regierung mit Krediten versorgte und das Bedürfnis von Kaufleuten nach einer sicheren Geldanlage befriedigte. 25 Consol-Anleihen mit einem Kupon von 3 % rentierten das gesamte 18. Jahrhundert über zwischen 3 und 5 Prozent. Die Bank of England war schließlich Grundlage des wirt- 18 Wie schon in Mesopotamien wurde der Zinssatz als kleinster Bruchteil des Zahlensystems festgelegt. Die Griechen verwendeten ein Dezimalsystem mit der kleinsten Einheit 1 /10. Vgl. Hudson (2000), S. 134f. 19 Vgl. Homer und Sylla (2005), S Vgl. Homer und Sylla (2005), S Die alttestamentarischen Regelungen, die zu hohe Zinsen verbieten, sind ebenfalls vor dem Hintergrund von Wucherzinsen zu sehen, vgl. Rasor (1993). 21 Vgl. Homer und Sylla (2005), S Die spanische Krone fiel 1557, 1575, 1596, 1607, 1627 und 1647 aus. 23 Vgl. Homer und Sylla (2005), S. 113; MacDonald und Gastmann (2001), S. 104f. 24 Vgl. Homer und Sylla (2005), S Vgl. Brewer (1989), S

5 Abbildung 1: Renditen preußischer und bayerischer Staatsanleihen, sowie Anleihen des Kaiserreiches im 19. Jahrhundert. Quelle: Kahn (1884), S Zitiert nach Homer und Sylla (2005), S schaftlichen Wohlstandes von England. 26 In Preußen wurde 1769 durch Friedrich II. die rechtliche Grundlage für die Emission von Pfandbriefen gelegt. 27 Während Preußen 1815 Napoleon vernichtend bei Waterloo schlug, finanzierten die USA den britisch-amerikanische Krieg von durch die Begebung des ersten syndizierten Kredites. 28 In Deutschland entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Kreditvereine (heutige Volksbanken) von Schultze-Delitsch. Raiffeisen gründete 1864 den Heddesdorfer Darlehnskassenverein als erste Genossenschaftsbank. Zur gleichen Zeit wurde die Expansion der amerikanischen Eisenbahn durch die Begebung von Anleihen finanziert. Somit war es möglich, die Anleihen an ausländische Investoren zu verkaufen, da die amerikanischen Banken sich nicht in der Lage sehen, die großen Kapitalbeträge aufzubringen. New York wurde zum Zentrum des Kreditgeschäftes und die großen Investmentbanken verlagerten ihren Firmensitz nach New York. 29 Ab 1815 liegen Renditen von langfristigen preußischen und bayerischen Staatsanleihen vor, die zwischen 3 und 5 Prozent rentierten und in Abbildung 1 dargestellt werden. Überraschenderweise liegt die Verzinsung von bayerischen Anleihen unter den preußischen Anleihen. Die Phase bis zur Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 war noch von großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten begleitet, was sich in den höheren Zinssät- 26 Vgl. MacDonald und Gastmann (2001), S Vgl. Hagen und Kullig (2007), S Vgl. MacDonald und Gastmann (2001), S Vgl. MacDonald und Gastmann (2001), S

6 zen niederschlägt. Auch sehr eindrucksvoll zeigt sich die Revolution von 1848 und der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. Kahn (1884) führt zusätzlich aus, dass der Bau der Eisenbahn (und wohl auch die Industrialisierung) auf dem Kapitalmarkt gewaltigste Erschütterungen hervorrief, da sie eine ungeheure Nachfrage nach Kapitalien darstellte und zugleich durch die Begebung von Aktien zur weiteren Verknappung von Kapital beitrug. 30 An die Industrialisierung schließt sich das 20. Jahrhundert an, das neben großen Kriegen weitere vielfältige Entwicklungen brachte blicken wir auf ein wechselvolles Jahrhundert mit Krisen und Boomphasen zurück. Den Kapitalmarktteilnehmern steht ein breites Spektrum an vielfältigsten Finanzprodukten und Finanzinnovationen zur Verfügung. Gleichzeitig explodierten die Volumina an den Kapitalmärkten. Nicht zuletzt das Platzen der Spekulationsblase am Immobilienmarkt und die damit einhergehenden Kreditausfälle 31 machen deutlich, dass sich am Kreditrisiko, auch 5000 Jahre nach Entstehung des Kreditwesens, wenig geändert hat. Lediglich die Staatsanleihen ausgewählter Staaten, wie USA, Deutschland, Frankreich oder des Vereinigten Königreiches gelten als ausfallsicher Vgl. Kahn (1884), S Vgl. Shiller (2007), Demyanyk und Van Hemert (2007). 32 Vgl. Bolte (2005), S

7 2 Literatur Bolte, Florian (2005): Auswirkungen des Schuldenmanagements auf Renditedifferenzen zwischen Anleihen öffentlicher Emittenten des Euro-Währungsgebietes. Sternenfels: Wissenschaft und Praxis, Dissertation Universität Potsdam. Brewer, John (1989): The Sinews of Power: War, Money and the English State, New York: Alfred A. Knopf. Calmeyer, P. und P. Naster (1995): Münzen. In Dietz Otto Edzard (Hrsg.): Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie., S Copeland, Morris A. (1974): Concerning the Origin of a Money Economy. American Journal of Economics and Sociology, 33, Nr. 1, S Demyanyk, Yuliya und Otto Van Hemert (2007): Understanding the Subprime Mortgage Crisis. Working Paper. Hagen, Louis und Sascha Kullig (2007): Ratingkriterien für Pfandbriefe. In Oliver Büschgen und Oliver Everling (Hrsg.): Handbuch Rating. 2. Auflage. Wiesbaden: Gabler, S Heichelheim, Fritz M. (1958): An Ancient Economic History. Leiden: Sijthoff. Homer, Sidney und Richard Sylla (2005): A History of Interest Rates. 4. Auflage. Hoboken, New Jersey: John Wiley and Sons. Hudson, Michael (2000): How Interest Rates Were Set, 2500 BC 1000 AD: Máš, tokos and fœnus as Metaphors for Interest Accrual. Journal of the Economic and Social History of the Orient, 43, Nr. 2, S Kahn, Julius (1884): Geschichte des Zinsfußes in Deutschland seit 1815 und die Ursachen seiner Veränderung. Stuttgart: J. G. Cotta schen Buchhandlung. Klengel, Horst (1999): König Hammurapi und der Alltag Babylons. Düsseldorf, Zürich: Artemins und Winkler. Kramer, Samuel N. (1963): The Sumerians: Their History, Culture, and Character. University of Chicago Press. Kramer, Samuel N. (1967): Cradle of Civilization. New York: Time. MacDonald, Scott B. und Albert L. Gastmann (2001): A History of Credit and Power in the Western World. New Bunswick (USA), London (UK): Transaction Publishers. Moorey, Peter Roger Stuart (1994): Ancient Mesopotamian Materials and Industries: The Archaeological Evidence. Oxford University Press. Powell, Marvin A. (1996): Money in Mesopotamia. Journal of the Economic and Social History of the Orient, 39, Nr. 3, S Rasor, Paul B. (1993): Biblical Roots of Modern Consumer Credit Law. Journal of Law and Religion, 10, Nr. 1, S Saggs, Henry William Frederick (1989): Civilization Before Greece and Rome. New Haven, CT: Yale University Press. 7

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