Allokatives Marktversagen: Asymmetrische Informationsverteilung

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1 Wirtschaftspolitik B Allokatives Marktversagen: Asymmetrische Informationsverteilung Die Voraussetzungen des wohlfahrtsökonomischen Referenzmodells sind auf Märkten u.a. dann verletzt, wenn eine Marktseite besser als die andere über die relevanten Eigenschaften des gehandelten Gutes informiert ist und diese privaten Informationen (strategisch) zum eigenen Vorteil nutzen kann = asymmetrische Informationsverteilung die uninformierte Marktseite ist nicht in der Lage, Güter oder Individuen nach marktrelevanten exogenen Merkmalen zu unterscheiden = adverse Selektion (Negativauslese) die informierte Marktseite ist in der Lage, ihre Merkmale endogen zum eigenen Vorteil zu verändern, ohne dass die Gegenseite die Veränderung (vollständig) beobachten oder kontrollieren könnte = moralisches Risiko (moral hazard) Daraus resultierende allokative Effizienzprobleme: volkswirtschaftliche Kosten der Informationsverarbeitung Beeinträchtigung des Preiswettbewerbs dünne oder nicht-existente Märkte

2 Adverse Selektion: Market for Lemons Wirtschaftspolitik B George Akerlof, geb. 1940, University of California at Berkeley, Nobelpreis 2001 durchschnittliche Qualität von Gebrauchtwagen Qualitätskurve Preis von Gebrauchtwagen Nachfragekurve Angebotskurve E Preis von Gebrauchtwagen Menge an Gebrauchtwagen Die durchschnittliche Qualität steigt mit zunehmendem Preis an Die Nachfragekurve biegt sich nach hinten, weil (potentielle) Käufer wissen, dass die Qualität bei niedrigeren Preisen geringer ist

3 Adverse Selektion: Allokative Effizienzprobleme Wirtschaftspolitik B die schlechter informierte Marktseite verzichtet wegen ihrer geringeren Informiertheit häufig ganz auf das Tauschgeschäft, das eigentlich bei vollkommener Information zu beidseitigem Vorteil gewesen wäre sehr wenige Käufer bzw. Verkäufer weit weniger als bei vollkommener Information: dünne Märkte manchmal werden die Märkte sogar so dünn, dass sie zu existieren aufhören: Marktunvollständigkeit Selbst wenn der Markt nicht aufhört zu existieren, schädigt die asymmetrische Informationsverteilung die ehrlichen Anbieter und die Marktleistung gesamtwirtschaftlich bedeutsames Beispiel: Kreditmarkt (s. nächste Folie)

4 Adverse Selektion auf dem Kreditmarkt Wirtschaftspolitik B Erwarteter Ertrag der Bank je ausgeliehener Euro Zinssatz r Kreditnachfrage r * Überschussnachfrage r * Zinssatz r Kreditvolumen der Bank x Gesamtkreditvolumen Für die kreditgebende Bank nimmt die Ausfallwahrscheinlichkeit mit steigendem Zins, den ein Unternehmen zu zahlen bereit ist, zu. Dadurch kommt es, wenn die Bank einen hohen Kreditzins verlangt, zu einer Negativauslese ( adverse Selektion ): Mit steigendem Zins nehmen immer weniger gute Schuldner einen Kredit auf, der Anteil schlechter Schuldner nimmt zu. Mit steigendem Zinssatz r nimmt der Ertrag E der Bank daher zunächst zu und bei Zinssätzen oberhalb von r * wieder ab. Der Zinssatz r * stellt den ertragsmaximierenden Zinssatz dar. Die Bank verleiht nun nur eine feste Summe x zu diesem Zinssatz r *. Wenn ein Unternehmen einen Kredit verlangt, obwohl der Gesamtkreditrahmen der Bank bereits ausgeschöpft ist, erhält es den Kredit nicht, auch wenn es bereit ist, einen höheren Zinssatz zu zahlen. Es herrscht eine Überschussnachfrage nach Krediten.

5 Adverse Selektion: Versicherungsmarkt Wirtschaftspolitik B Ist bei einer Versicherung keine Differenzierung nach Schadensklassen möglich, so muss die Prämie im Marktgleichgewicht das durchschnittliche Risiko der Versicherten wiedergeben Gute Risiken, d.h. Versicherungsnehmer mit einer geringen Schadenswahrscheinlichkeit, subventionieren dann schlechte Risiken (Versicherungsnehmer mit einer hohen Schadenswahrscheinlichkeit) und bekommen im Durchschnitt weniger als ihre Beitragsleistungen zurück Wenn sich daher gute Risiken (mit normaler Risikoaversion) nicht versichern, schließen nur schlechte Risiken (bzw. Personen mit hoher Risikoaversion) Versicherungen ab, bei begründeter Vermutung, dass bei ihnen der Versicherungsfall eintritt Das treibt die Versicherungsprämie in die Höhe, da das durchschnittliche Risiko der nun noch Versicherten gestiegen ist Im Extremfall wird überhaupt keine Versicherung abgeschlossen

6 Adverse Selektion: privatwirtschaftliche Lösungsansätze Wirtschaftspolitik B In einer marktwirtschaftlichen Ordnung sind staatliche Eingriffe auch bei adverser Selektionsprobleme auf einem Markt so lange nicht notwendig, so lange privatwirtschaftliche Lösungen verfügbar sind Signaling Aktivitäten einer Marktseite, die eine hohe Qualität des gehandelten Gutes signalisieren sollen z.b.: Garantieleistungen, Ausstellungsraum mit viel gebundenem Kapital, etc. aus gesamtwirtschaftlicher Sicht dennoch: allokative Ineffizienz Preise als Qualitätssignal Konsumenten leiten die Qualität von Gütern häufig von deren Preis ab In Märkten mit unvollständiger Information setzen die Unternehmen Preise, und bei ihrer Preissetzung berücksichtigen sie, was die potentiellen Kunden über die Qualität des zu verkaufenden Gutes denken werden behindert die Effektivität des Preiswettbewerbs

7 Moralisches Risiko: Privatwirtschaftliche Lösungsansätze Wirtschaftspolitik B Marktlösungen In einfachen Transaktionen können Anreizprobleme durch Strafen und Belohnungen gelöst werden Je komplizierter eine Transaktion, um so schwieriger ist das Anreizproblem zu lösen Vertragslösungen Verträge helfen bei der Lösung von Anreizproblemen, bleiben aber notwendigerweise unvollständig und ihre Durchsetzung ist mit Kosten verbunden Verträge bieten daher nur eine partielle Lösung für Anreizprobleme Reputationslösungen Reputation kann als Anreizmechanismus effektiv nur auf Märkten mit Gewinnen, d.h. mit unvollkommenem Wettbewerb, funktionieren In Märkten, in denen Reputation wichtig ist, führt Wettbewerb nicht zu Preissenkungen Reputation wirkt als Markteintrittsschranke und begrenzt den Wettbewerb auf einem Markt

8 Resümee: Informationsprobleme auf Märkten Wirtschaftspolitik B Wohlfahrtsökonomisches Referenzmodell: eine Marktwirtschaft steuert die Allokation von Ressourcen über die (relativen) Preise, die die entscheidenden Informationen über (relative) Knappheiten beinhalten Bei asymmetrischer Informationsverteilung: Preise müssen noch andere Informationen verarbeiten als die relativen Knappheiten Wenn sie dies können, werden Verkäufer die Marktpreise manipulieren, um die Informationen zu kontrollieren, die diese beinhalten (Potentielle) Käufer durchschauen ihrerseits diese Manipulationen normalerweise und ihr Verdacht, dass die Verkäufer versuchen, die Preise zu beeinflussen, verhindert Tauschgeschäfte, die eigentlich zu beidseitigem Vorteil gewesen wären Wenn diese Art von Informationsproblemen gravierend sind, sind Märkte dünn oder sogar nicht-existent Zudem wird der Preiswettbewerb beeinträchtigt: selbst wenn ein Angebotsüberschuss besteht, senken die Unternehmen die Preise nicht und der Markt wird nicht geräumt

9 Wirtschaftspolitik B Wirtschaftspolitische Implikationen: Beispiel Krankenversicherung Allokativer Marktversagensgrund (1): Moralisches Risiko Kosten einer Krankheitsbehandlung durch eine Versicherungsgesellschaft übernommen Anreize verringern sich, in Bezug auf Behandlungskosten sparsam zu wirtschaften Allokativer Marktversagensgrund (2): Adverse Selektion Versicherungsgeber kennen die individuellen Krankheitsrisiken der Versicherungsnehmer nicht angebotene Versicherungsprämie muss auf durchschnittlichem Krankheitskostenrisiko beruhen nur die schlechten Risiken würden eine solche Versicherung abschließen; was sich wiederum für die Versicherungsunternehmen nicht rechnen würde Maßnahme gegen (2): staatliche Organisation einer Sozialversicherung (Deutschland: gkv): universelle Mitgliedschaft, unabhängig vom individuellen Gesundheitsrisiko, Zwangsbeitrag, gleicher Zugang zur medizinischen Versorgung Moral-Hazard-Problem besteht auch im Rahmen einer staatlichen Sozialversicherung weiter entweder explizite Rationierung bestimmter medizinischer Leistungen oder Problem: ständig steigende Gesundheitskosten

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