Prototypische Umsetzung einer mobilen open-source Applikation zur Material Stream Mapping Methode

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1 EnviroInfo 2010 (Cologne/Bonn) Integration of Environmental Information in Europe Prototypische Umsetzung einer mobilen open-source Applikation zur Material Stream Mapping Methode Nick Personn, Peter Krehahn, Tobias Ziep, Volker Wohlgemuth HTW Berlin, University of Applied Sciences, Fachbereich II, Studiengang Betriebliche Umweltinformatik Wilhelminenhofstrasse 75A, D Berlin Zusammenfassung Der Beitrag behandelt Konzeption und technische Entwicklung eines mobilen open-source Prototypen zur Umsetzung der Material Stream Mapping -Methode (deutsch: Material-Strom-Analyse). Die Methode stellt hierbei ein Instrument zur betrieblichen Stoffstromanalyse dar. Sie unterstützt die betriebliche Stoffstromanalyse und dient der Untersuchung von Effizienz-Potenzialen entlang einer Prozesskette speziell in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Bei bisherigen Ansätzen zur Umsetzung dieser Methode werden die hierfür relevanten Daten während einer Betriebsprüfung mit Stift und Zettel aufgenommen. Sollen die Ergebnisse weiterverarbeitet oder visualisiert werden, müssen diese dann in Desktop-Anwendungen, wie z.b. der für das Material Stream Mapping speziell entwickelte Mesor Kompass, übertragen werden. Durch die nun entwickelte digitale Aufnahme vor Ort wird dieser bisherige Medienbruch beseitigt und so eine große Fehlerquelle reduziert. Der vorgestellte Prototyp wurde im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektes MOEBIUS (Mobile Unterstützung der Erfassung umweltrelevanter Informationen in KMU) entwickelt. 1. Einleitung Der Begriff der Nachhaltigkeit spielt in unserer heutigen Gesellschaft eine immer größere Rolle. So stellen Umweltprobleme eine Schlüsselaufgabe im 21. Jahrhundert dar. Um diese zu lösen, ist die Erhaltung natürlicher Ressourcen und die Reduzierung von Emissionen bei allen anthropogenen Handlungen nötig (vgl. Darabaris 2008). Ein Weg, dieses Ziel zu erreichen ist es, eine erhöhte Materialeffizienz zu schaffen, also die Summe des Outputs im Vergleich zum Input zu verringern. Wurde in den vergangen Jahren jedoch besonders auf die Personalproduktivität in Unternehmen geachtet, ist die Materialeffizienz im verarbeitenden Gewerbe kaum gestiegen. 9 Eine Möglichkeit, um die Materialeffizienz zu erhöhen, ist neben anderen die Optimierung von Produktionsprozessen (vgl. Wied und Brüggemann 2009, S. 40f). An diesem Punkt setzt der im Beitrag beschriebene Prototyp zur Methode des Material Stream Mapping an. 9 Bereinigt um Sondereinflüsse und Preiseffekte, bezogen auf den Zeitraum 1996 bis

2 Projekt MOEBIUS Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekts MOEBIUS 10 (Konzeption und Entwicklung open-source basierender Anwendungen zur Erfassung umweltrelevanter Informationen via Mobile Computing als Datenquelle für Betriebliche Umweltinformationssysteme) werden Möglichkeiten des Einsatzes des Mobile Computing für die Datenerfassung im Rahmen der Stoffstromanalyse analysiert und prototypisch entwickelt. Das Projekt zielt unter anderem darauf ab, die Datenerfassung im Rahmen des Stoffstrommanagements zu fördern, insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Dieses soll über mobile, open-source basierende Datenerfassungssysteme als Datenquelle für betriebliche Umweltinformationssysteme (BUIS) geschehen. Hierbei werden verschiedene Aspekte der Datenerfassung, u.a. Abfall-, Material- und Zählerdatenerfassung, differenziert. Abbildung 7: Arbeitsziele des Projektes MOEBIUS, Quelle: Eigene Darstellung Abbildung 1 verdeutlicht die Arbeitsziele des Projektes. Der in diesem Beitrag vorgestellte Prototyp ist hierbei ein Teil der im Projekt entwickelten Erfassungssoftware. 2. Stoffstrommanagement Stoffstrommanagement ist die konsequente, systematische Umsetzung des Leitbildes des Sustainable Development, welches seit der Konferenz in Rio 1992 die internationale Diskussion prägt. Das Kernstück des Stoffstrommanagements bildet dabei die Stoffstromanalyse. Diese detaillierte Betrachtungsweise erlaubt eine tiefer gehende Schwachstellenanalyse und Möglichkeiten zur Identifikation von Maßnahmen zur Verminderung von betrieblichen Umwelteinwirkungen (vgl. Wohlgemuth 2005, S.136). Durch die Erhebung von Stoff- und Energieflussdaten im Betrieb ändert sich die Betrachtungsweise von einer Black- Box hin zu einer überschaubaren White-Box. In der Folge werden Stoff- und Energieströme in einem System systematisch auf ökonomische, ökologische oder andere Ziele hin untersucht. Sukzessive oder lau- 10 Vgl. (Letzter Abruf: ) 384

3 fend wird versucht, die betrieblichen Transformationsprozesse zu analysieren und in der Folge zu optimieren. Die Ziele des Stoffstrommanagements lassen sich wie folgt kategorisieren (vgl. LfU 2003, S.10): einen groben Überblick zu gewinnen innerbetriebliche Stoffströme transparent zu machen Materialkosten verursachergerecht zuzuordnen Abfälle kostenmäßig zu bewerten Produkt- und auftragsbezogene Stoffströme darzustellen Insbesondere das prototypisch umgesetzte Verfahren Material Stream Mapping und die Value Stream Mapping Methode sind in der Lage, die innerbetrieblichen Stoffströme transparent zu machen und dabei eine so geringe Eigenkomplexität aufzuweisen, dass kein zusätzliches Personal ein- oder extra für die Anwendung freigestellt werden muss. Zudem werden Hemmnisse wie eine geringe Praktikabilität oder ein zu hoher Aufwand bei aktuell verfügbaren Methoden und Instrumenten zum Stoffstrommanagement bei diesen Ansätzen umgangen (vgl. Schwegler et al. 2007, S. 42). 2.1 Value Stream Mapping als Entwicklungsgrundlage des Material Stream Mapping Das Value Stream Mapping (deutsch: Wertstromanalyse, abgekürzt VSM) ist ein von der Firma Toyota im Rahmen der lean production entwickeltes Verfahren zur Stoffstromanalyse. Die Datenaufnahme der Wertströme erfolgt hierbei nach festgelegten Prinzipien vom Endprodukt hin zum Lieferanten. So wird neben einer festgelegten Symbolik auch geregelt, dass die Ist-Zustandsmodellierung in Form einer Begehung durchgeführt wird, welche den betrieblichen Wertströmen rückwärts folgt (vgl. Erlach 2007, S.35). Neben den methodischen Ergebnissen spielt auch das dabei erlangte Verständnis eine große Rolle bei der Bestimmung und Umsetzung des angestrebten Soll-Zustandes, welcher eine Minimierung von Verschwendungen vorsieht. Die Wertstromanalyse orientiert sich stark am Öko-Controlling Kreislauf, also einem sukzessiven Prozess der Zielfestlegung, Ist-Analyse, Maßnahmenplanung, Umsetzung und anschließender Analyse (vgl. Rautenstrauch 1999, S.12). Folglich muss auch bei der Wertstromanalyse nach der Bestimmung des Soll- Zustandes und dessen Umsetzung der Prozess erneut kontrolliert werden. Allein aus diesem Grund rechtfertigt sich eine Datenaufnahme und Verarbeitung durch eine mobile Applikation schon (vgl. Krehahn 2009, S.21). Dies gilt ebenso für die im Folgenden beschriebene Material Stream Mapping-Methode. 2.2 Material Stream Mapping als eine Methode der Stoffstromanalyse Das Material Stream Mapping (deutsch: Material-Strom-Analyse, abgekürzt MSM) stellt eine Fortentwicklung des Value Stream Mappings durch die IHK Südlicher Oberrhein und die Hochschule Pforzheim dar. MSM ist ein Instrument der Stoffstromanalyse, mit welchem schnell und einfach geprüft werden kann, welche Effizienz-Potenziale entlang einer Prozesskette vorhanden sind (vgl. Schmidt et al. 2007). Anders jedoch als bei dem Verfahren des Value Stream Mapping, welches sich auf den Fluss von Informationen und Material konzentriert (vgl. Vollmer und Halmosi 2003, S.33), wird hierbei der Material- und Energieverbrauch betrachtet. Da die Datenerhebung stark vereinfacht ist, kann sie unkompliziert, schnell und einfach durchgeführt werden (vgl. Keil 2009). Dennoch ergibt sich ein Überblick der möglichen Potenziale entlang einer Prozesskette. Durch diese Art der Datenerhebung im Material Stream Mapping ist die Methode für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) interessant, da diese meist wenig Kapazitäten 385

4 zur Verfügung stehen haben, um umfassende Stoffstromanalysen durchzuführen (vgl. Schwegler et al. 2007, S. 42). Kernelement der Datenaufnahme des MSM sind einzelne Transformationsprozesse und ihre Input- und Outputdaten. Das heißt jeweils grundlegend: Materialart, Preis des Materials und die entsprechende Menge. Sind zum Zeitpunkt der Begehung keine oder nicht ausreichend Daten, etwa zu den Preisen der Materialien, verfügbar, wird das Material entsprechend gekennzeichnet. Zu einem späteren Zeitpunkt, also nach einer Begehung, können fehlende Daten auf einen Blick identifiziert und nachgetragen werden. Ebenso werden Kreislaufmaterialien gekennzeichnet, welche nach einer Nutzung in einem anderen Prozess wiederverwendet werden und hiernach dem ursprünglichen Prozess wieder als Input dienen. Denn situationsabhängig kann es vorteilhaft sein, Materialien wiederzuverwenden, als wenn diese als Abfall enden und zu entsprechenden Kosten entsorgt werden müssen (vgl. Schmidt et al. 2007). Zu jedem Prozess werden ferner Durchlauf- und Betriebszeiten sowie Hilfs- und Facharbeiter inklusive ihres Arbeitslohnes aufgenommen. Prozess- und Zwischenlager stellen eine Kapitalbindung, also auch ein mögliches Effizienz-Potenzial, dar. Folglich werden Daten hierzu ebenfalls während der Begehung notiert. Unternehmensweite Stammdaten (Name des Unternehmens, Anzahl der Mitarbeiter am Standort, Umsatz, kalkulatorischer Zinssatz, durchschnittliche Arbeitstage pro Jahr, durchschnittliche Arbeitszeit pro Tag) sowie allgemeine Begehungs- und Analysedaten (Tag der Begehung, durchführende Person, anwesende Personen, Bezeichnung des untersuchten Produkts, durchschnittliche Kundenabrufe pro Zeiteinheit, durchschnittliches Stückgewicht) werden zusätzlich erhoben, insbesondere zur Vergleichbarkeit mehrerer Begehungen. Abbildung 8: Schematischer Zusammenhang Hauptprozess mit Nebenprozessen, Quelle: Eigene Darstellung 386

5 Um die Materialströme zu identifizieren, werden sowohl die vorgelagerten-, die nachgelagerten- als auch die Hauptprozesse im Modell miteinander verbunden und eventuelle Lager, Zuflüsse und Querverbindungen skizziert. Abbildung 3 soll verdeutlichen, wie ein ausgefüllter Erfassungsbogen im analogen MSM aussieht. Abbildung 9: Gesamter Datenaufnahmebogen im analogen Material Stream Mapping (entnommen aus Keil 2009, Folie 24) Erst nach der Ist-Analyse findet ein Abgleich mit Systemdaten aus bestehenden Systemen, wie z.b. PPSoder ERP-Systemen, statt. Daher benötigt die Methode keinen oder, bei einem detailliertem Ansatz unter Verwendung von z.b. Materialpreisen und Löhnen, nur einen verminderten Einsatz von bestehenden Systemdaten. Die Stärken des MSM lassen sich in Anlehnung an Keil wie folgt beschreiben: Im Gegensatz zu detaillierten, aufwendigen Einzelanalysen wird eine Abbildung der Prozessverkettung aus der Aufnahme der Wertschöpfungskette erstellt. Dies ist naturgemäß wesentlich schneller durchführbar. Des Weiteren bietet das Instrument eine systematische Momentaufnahme der Stoff- und Energieströme, welche ohne oder mit vermindertem Einsatz von Systemdaten eine Abbildung des Ist-Zustandes darstellt. Eventuelle Differenzen zwischen dem realen Zustand und den Systemdaten werden aufgedeckt. Stoff- und Energieströme und deren Prozesssysteme werden im Rahmen des Material Stream Mapping einheitlich erfasst. Die Grenzen des MSM lassen sich ebenso schnell identifizieren. So bietet diese Methode lediglich eine deskriptive Beschreibung eines Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt. Folglich entsprechen die Ergebnisse nicht der durchschnittlichen Jahressituation, sondern den tatsächlich angetroffenen Verhältnissen. Zusammenhänge werden nicht erfasst und müssen in einer der Methode folgenden Analyse mit betrachtet 387

6 werden. Dem Grundsatz der starken Vereinfachung folgend, werden nur die wichtigsten Produktionsstränge betrachtet. Dies macht die Methode quick and dirty (vgl. Keil 2009). Bei bisherigen Ansätzen zur computergestützten Umsetzung der Material Stream Mapping Methode, z.b. dem 2007 vom Institut für Umweltinformatik Hamburg GmbH (ifu) entwickeltem Mesor-Kompass 11, werden die Daten auf speziellen Erfassungsbögen, mit Stift und Papier, aufgenommen und müssen in der Folge am stationären Arbeitsplatz in das Programm über einen Assistenten eingegeben werden. Anschließend werden die Daten als Sankeydiagramm visualisiert und können analysiert werden. Die hierbei nötige doppelte Erfassung entfällt bei der nachfolgend beschriebenen Umsetzung mit einem mobilen Gerät. 3. Prototypische Umsetzung der Material Stream Mapping Methode In dem hier beschriebenen Vorhaben ist prototypisch ein open-source Tool zur Aufnahme von für das MSM relevanten Daten entwickelt worden. Mit dessen Hilfe kann auf die analoge Datenaufnahme mit Papier und Stift verzichtet werden. Eine spätere arbeitsintensive Digitalisierung der Daten entfällt. Der Medienbruch, eine potenzielle Fehlerquelle, wird umgangen. Ein weiterer Vorteil ist, dass aufgenommene Daten z.b. direkt am Gerät validiert (etwa in dem sie mit vorher aufgenommenen Werten verglichen werden), aber auch weiterverarbeitet oder exportiert werden können. Der Prototyp basiert auf dem.net Compact Framework 3.5 und ist in C# geschrieben. Persistiert werden die aufgenommenen Daten in einer SQLite 12 -Datenbank. Die Bedienungsoberfläche besteht für die Sprachen Deutsch und Englisch. Die Anwendung ist für Windows Mobile 6.5 geschrieben, welches die Vorteile bietet, dass günstige Einstiegsgeräte bereits am Markt verfügbar sind und die Geräte sich in eine Windows-Umgebung einfach integrieren lassen. Grundsätzlich ist aber auch eine Portierung auf andere mobile Betriebssysteme denkbar, wie z.b. das von der Open Handset Alliance unter Federführung von Google Inc. entwickelte Android 13 oder das von Apple Inc. für die iphone-produktfamilie entwickelte ios 14. Die vorgestellte Anwendung folgt dem Assistenten-Prinzip und stellt so eine möglichst nahe, also einfache, Benutzerführung dar. Es werden alle aufzunehmenden Prozesse nacheinander den Materialströmen folgend aufgenommen. Der Ablauf eines prototypischen digitalen, mobilen MSM-Prozesses soll im Folgenden dargestellt werden. Stammdatenaufnahme Bei der Stammdatenaufnahme werden, analog zum Verfahren mit Stift und Papier, unternehmensweite Daten wie Unternehmensgröße, Umsatz, Anzahl der Mitarbeiter, Arbeitstage im Jahr und Arbeitsstunden pro Tag aufgenommen. Um eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen MSM-Datensätzen zu erreichen, können diese Daten wichtige Indikatoren sein. Darüber hinaus lassen sich diese Daten auch zur Berechnung von Kostenströmen nutzen. Dies wird etwa in der Desktop-Anwendung Mesor Kompass getan. 11 Vgl. (Letzter Abruf: ) 12 Vgl. (Letzter Abruf: ) 13 Vgl. (Letzter Abruf: ) 14 Vgl. (Letzter Abruf: ) 388

7 Abbildung 10: Stammdatenaufnahme im digitalen Material Stream Mapping, in Deutsch unter Windows Mobile 6.5, Quelle: Eigene Darstellung Prozessdatenaufnahme Die Prozessdatenaufnahme stellt den Hauptbestandteil eines Material Stream Mappings dar. Zu jedem Prozess werden Basisdaten wie Prozesstyp (vorgelagerter-, nachgelagerter- sowie Hauptprozess, siehe Abbildung 2), Anzahl der Fach- und Hilfsarbeiter, deren Lohn sowie Betriebs- und Durchlaufzeiten aufgenommen. Zusätzlich bietet ein Feld für Kommentare die Möglichkeit, bereits während der Erfassung Auffälligkeiten zu notieren oder bereits erkannte Effizienz-Potenziale direkt zu vermerken. Zu den Input- und Outputmaterialien werden Name, Menge, Kosten erfasst. Der Anwender kann des Weiteren bestimmen, ob das Material ein Kreislaufmaterial ist. Falls die Datenqualität nicht ausreicht, kann dies entsprechend markiert werden. In der Folge wird das Material dann als nicht vollständig angezeigt. 389

8 Abbildung 11: Materialaufnahme im digitalen Material Stream Mapping, in Deutsch unter Windows Mobile 6.5, Quelle: Eigene Darstellung Projektstruktur Nach der Begehung und noch vor dem Export wird dem Nutzer die Möglichkeit gegeben, die aufgenommenen Daten zu korrigieren, zu erweitern oder zu löschen. Bereits aufgenommene Prozesse werden hierbei in einer Liste angezeigt. Der Benutzer kann zu korrigierende Prozesse einzeln auswählen, aufrufen und bearbeiten. Export Die Exportfunktionen stellen einen Hauptvorteil gegenüber dem analogen Verfahren dar. Durch sie ist die direkte Einbindung der mobil erhobenen Daten z.b. in ein betriebliches Umweltinformationssystem (BUIS) möglich. Ein Großteil der im MSM aufgenommenen Daten lässt sich über die standardisierte Schnittstelle PAS 1025 (vgl. Lang et al. 2003) abbilden, sodass ein Export in Systeme, die diese Schnittstelle unterstützen, einfach umzusetzen ist. Da vielfach Office-Anwendungen wie z.b. Microsoft Excel als Umweltinformationssystem fungieren, ist auch ein Export über strukturierte Dateiformate wie z.b. das CSV-Format (comma-separated values) möglich. 3.1 Einschränkungen im Mobile Computing Der Bereich des Mobile Computing unterlag in den letzten Jahren großen Entwicklungen. So nimmt der Trend der Miniaturisierung bei gleichzeitigen technischen Fortschritten immer weiter zu (vgl. Mutschler und Specht 2004, S.18). Eine Vorhersage, welche Entwicklungen sich insbesondere im Business-Bereich durchsetzen werden, wird auch in der Zukunft sehr schwer zu treffen sein. Es ist aber davon auszugehen, dass heutige (technische) Einschränkungen, wie z.b. Prozessorperformance oder Display-Größe, in Zukunft eine deutlich geringere Rolle spielen werden. Durch die Display-Größe heutiger mobiler Geräte werden hohe Ansprüche an die Bedienungsoberfläche gestellt. So kann es mitunter schwierig sein, viele Informationen gleichzeitig auf dem Display darzustellen. Eine Lösung hierzu bietet der Ansatz einer Top-Down -Interaktion, bei welchem nur für den Moment relevante Daten angezeigt werden (vgl. Gong und Taransewich 2004, S.3755). Zur Lösung dieses Problems sind in der prototypischen Umsetzung Tab-Controls eingesetzt worden. Durch sie werden nur 390

9 für den Moment relevante Daten (z.b. Material- oder Prozessdaten) angezeigt und bereits aufgenommene Daten ausgeblendet (siehe Abbildung 5). Hierdurch werden etwa lange Listen vermieden, welche insbesondere bei kleinen Displays unübersichtlich wirken können. In der analogen Variante des MSM werden, analog zur Wertstromanalyse, standardisierte Symbole verwendet. Diese sollen einerseits eine komprimierte Darstellung der Analyse bieten, andererseits die Aufnahme als Bleistiftskizze erleichtern und Transparenz über die Abläufe der Produktion schaffen (vgl. Erlach 2007, S.34). Da die aufgenommenen Daten einer mobilen Applikation sowieso in andere Systeme exportiert und somit weiter verarbeitet werden, ist eine einheitliche Form durch die Auswahl des Exportes gegeben. Zudem müsste bei Verwendung entsprechender Symbolik eine Hilfe angeboten werden, welche die Icons erklärt (vgl. Raskin 2000, S.168). Ansonsten wäre der Einstieg nicht mehr gemäß der Prämisse quick and dirty gegeben und auch für wenig erfahrene Nutzer möglich. Folglich werden die Symbole in Schrift übersetzt und gewährleisten so einen möglichst einfachen Einstieg in die Methode. Für Anwender, die bereits mit der Methode und ihren Symbolen vertraut sind, ist in späteren Versionen auch eine Auswahl einer Bedienungsoberfläche mit entsprechender Symbolik denkbar. 4. Fazit In diesem Beitrag wird gezeigt, wie eine mobile prototypische Umsetzung der Material Stream Mapping- Methode im Bereich der heutigen technischen Möglichkeiten aussehen könnte. Hierbei wird deutlich, dass sich etwa durch die Vermeidung des Medienbruchs und die Exportmöglichkeiten einer mobilen, digitalen Datenerfassung eine solche Applikation rechtfertigt. Ein Nachteil der Methode ist, dass sie nur eine deskriptive Beschreibung eines Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt bietet. Dieser lässt sich durch eine softwaretechnische Umsetzung minimieren. So lassen sich etwa einzelne Prozesse oder auch Prozessketten gezielt mehrmals mittels der mobilen Anwendung erfassen. Dies kann ähnlich dem Ist-Soll-Vergleich im Value Stream Mapping geschehen, bei welchem nach der Bestimmung des Soll-Zustandes und dessen Umsetzung ein Prozess erneut kontrolliert wird (vgl. Krehahn 2009, S.21). Durch technische Fortschritte wie einem vergrößertem Display oder auch Verbesserungen der Systemperformance ist es zukünftig denkbar, dass auch grafische Darstellungen, wie z.b. Sankey-Diagramme, vor Ort direkt möglich sein werden. Insbesondere die Entwicklungen im Tablet PC Bereich bergen in diesem Punkt ein großes Potenzial. Viele Möglichkeiten liegen in dem Im- als auch Export der aufgenommenen Daten. So ist etwa ein Import von Materialstammdaten, wie z.b. Materialkosten, aus ERP- oder PPS-Systemen denkbar. Zu beachten ist hierbei das Problem der semantic gap, was darauf zielt, dass die Daten eines ERP-Systems im betriebswirtschaftlichen Kontext erfasst und verarbeitet worden sind, allerdings im Rahmen von Stoffstromanalysen ggf. in der vorliegenden Form nur bedingt brauchbar sind (vgl. Wohlgemuth und Mäusbacher 2008, S.880). Die Potenziale eines Exports sind ebenso vielfältig. So bietet insbesondere eine Visualisierung z.b. als Sankey-Diagramm weitere Möglichkeiten zur Effizienz-Analyse. Eine im Projekt MOEBIUS noch zu entwickelnde Zwischenapplikation zwischen mobiler Erfassungssoftware und betrieblichen Umweltinformationssystemen (siehe Abbildung 1), soll zur Synchronisation, Aufbereitung und zum Export entwickelt werden. Neben dieser Applikation werden auch weitere mobile Prototypen erstellt. Hierbei sind Applikationen zur Verwaltung der Abfälle oder zur Durchführung von Begehungen mittels digitalisierte Checklisten denkbar. Auch die Portierung des hier vorgestellten Material Stream Mapping-Prototypen auf das Value Stream Mapping-Verfahren ist möglich. Eine Verknüpfung dieser mobilen Applikationen mit Technologien wie z.b. RFID oder Barcode-Scannern ist auch im Kontext des betrieblichen Umweltschutzes vorstellbar. 391

10 5. Danksagung Das Forschungsprojekt MOEBIUS wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter dem Förderkennzeichen 17N2109 gefördert. Die Verfasser danken für die Unterstützung. 6. Literaturverzeichnis Darabaris J. (2008): Corporate Environmental Management, CRC-Press, Boca Raton, FL Erlach K. (2007): Wertstromdesign: Der Weg zur schlanken Fabrik, Springer-Verlag, Heidelberg Gong J. und Taransewich P. (2004): Guidelines for Handheld Mobile Device Interface Design. In: Proceedings of the 2004 DSI Annual Meeting, Boston, MA, S Keil R. (2009): Stoff und Energieströme systematisch erfassen Eine Einführung in das Material Stream Mapping Krehahn P. (2009): Konzeption und Implementierung einer mobilen Applikation zur Stoffstromdatenerfassung und späteren Auswertung, Berlin LfU (Landesanstalt für Umweltschutz Baden Württemberg) (2004): Energie und Stoffstrommanagement Ein positives Fazit für die Unternehmen und die Umwelt, Karlsruhe Lang C., Rey U., Wohlgemuth V., Genz S., Pawlytsch S. (2003): PAS Austausch umweltrelevanter Daten zwischen ERP-Systemen und betrieblichen Umweltinformationssystemen, Beuth Verlag, Berlin Mutschler B., Specht, G. (2004): Mobile Datenbanksysteme: Architektur, Implementierung, Konzepte, Springer Verlag: Berlin Raskin J. (2000): The Humane Interface New Directions for Designing Interactive Systems, Addison- Wesley, Boston, MA Rautenstrauch C. (1999): Betriebliche Umweltinformationssysteme, Springer Verlag, Berlin Schmidt M., Raible C., Keil R., Gräber M. (2007): Energy and Material Stream Mapping. Schwegler R., Schmidt M., Keil R. (2007): Erfolgsfaktoren für betriebliches Energie- und Stoffstrommanagement (EFAS). In: Pforzheimer Forschungsberichte Nr. 7, Pforzheim Vollmer L. und Halmosi H. (2003): Lean Production auch für den Mittelstand. In: Maschinenmarkt, Ausgabe 44/2003, Würzburg Wied T. und Brüggemann A. (2009): Material- und Rohstoffeffizienz in Unternehmen, In: KfW Bankengruppe (Hrsg.): Perspektive Zukunftsfähigkeit Steigerung der Rohstoff- und Materialeffizienz, Frankfurt am Main, S.33ff Wohlgemuth V. und Mäusbacher M. (2008): Analyse umweltrelevanter Daten in SAP und Implementierung einer Beispielanwendung zum Datenaustausch mit betrieblichen Umweltinformationssystemen (BUIS). In: Lecture Notes in Informatics (LNI) - Proceedings Gesellschaft für Informatik, Bonn, S Wohlgemuth V. (2005): Komponentenbasierte Unterstützung von Methoden der Modellbildung und Simulation im Einsatzkontext des betrieblichen Umweltschutzes, Shaker Verlag, Aachen. 392

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