Statement. Peter Driessen Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages. anlässlich

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1 Statement Peter Driessen Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages anlässlich der Pressekonferenz zur Bilanz des Ausbildungsstellenmarktes 2011 am Montag, 07. November 2011, 13:30 Uhr in der Agentur für Arbeit, München, Zimmer 5089, Kapuzinerstraße 26, München

2 Sehr geehrte Damen und Herren, die betriebliche Ausbildung ist für die bayerischen Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung nach wie vor die zentrale Säule zur Fachkräftesicherung. Knapp 60 Prozent aller bayerischen Ausbildungsverhältnisse sind im IHK Bereich abgeschlossen worden. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge per 31. Oktober im IHK-Bereich um 6,3 Prozent auf gestiegen. Seit Beginn des Jahres konnten wir in Bayern Betriebe mit einem Angebot von Ausbildungsplätzen neu für die Ausbildung gewinnen. Mindestens jeder fünfte Ausbildungsplatz im IHK- Bereich konnte nicht besetzt werden. Meine sehr geehrten Damen und Herren, so erfreulich die genannten Zahlen sind, wegweisend für die Zukunft des Ausbildungsmarktes und damit auch für die Fachkräftesicherung in Bayern ist die letzte Aussage. Der Ausbildungsmarkt hat sich innerhalb der letzten zwei bis drei Jahre radikal verändert. Nicht Stellen, sondern Bewer- Seite 2 von 7

3 ber und Bewerberinnen sind knapp. An dieser Tatsache hat 2011 weder der doppelte Abiturjahrgang, noch die Aussetzung der Wehrpflicht etwas geändert. Unsere Prognose 2010, dass der Ausbildungsmarkt 2011 für alle Absolventen des doppelten Abiturjahrganges, die eine Berufsausbildung aufnehmen möchten, genügend Angebote bereitstellen wird, hat sich mehr als bewahrheitet. Wie ein Schwamm hat der Ausbildungsmarkt den doppelten Abiturjahrgang aufgesaugt. Die demografische Trendwende ist keine Zukunftsvision mehr, sondern sie ist für die bayerischen Unternehmen spürbare Realität und durch die Situation auf dem Ausbildungsmarkt belegt. Gefordert ist aber nicht nur die Wirtschaft, auch Politik, Eltern, Jugendliche und Schule müssen Verantwortung übernehmen. Die Devise lautet nicht mehr Wettbewerb um die besten Köpfe, sondern Investitionen in alle jungen Menschen. Was unternimmt die Wirtschaft konkret? Schon jetzt stellen sich viele bayerische Ausbildungsbetriebe auf lernschwächere Jugendliche ein. Fast 60 Prozent der bayerischen Betriebe greifen zur Selbsthilfe und bieten innerbetriebliche Nachhilfe an. Jedes dritte Unternehmen nutzt zudem die ausbildungsbegleitenden Hilfen der Arbeitsagenturen. Seite 3 von 7

4 Auf der Suche nach High Potentials versuchen die bayerischen Unternehmen ebenfalls neue und innovative Wege zu gehen. Alleine in Oberbayern hat sich die Anzahl der dual Studierenden, also derjenigen Jugendlichen, die eine Berufsausbildung mit einem Studium verknüpfen, seit 2009 auf knapp verdoppelt. Zwei Erfolgsmodelle miteinander zu verknüpfen, steigert sowohl die Attraktivität der Dualen Berufsausbildung, als auch die der Arbeitgeber. Damit sich dieser Bereich weiterhin positiv entwickeln kann und die Unternehmen verlässliche Rahmenbedingungen vorfinden, haben die bayerischen IHKs mit den Hochschulen in Bayern Kooperationsvereinbarungen zum Verbundstudium abgeschlossen. In Oberbayern ist dies 2011 beispielsweise mit den Hochschulen Ingolstadt und München realisiert worden. Was zeigen diese Beispiele? Um künftig alle Bildungspotenziale auszuschöpfen, brauchen wir Modelle, die sich individuell sowohl zeitlich, als auch inhaltlich an den verfügbaren Ressourcen orientieren. Mit alten Standardlösungen kommen wir nicht mehr weiter. Solche Lösungsansätze haben sich bereits am Markt bewährt: 1. Dazu zählt die sogenannte Einstiegsqualifizierung für Jugendliche, die noch nicht ausbildungsreif sind. Im IHK-Bereich stehen derzeit Plätze zur Verfügung. Einmündungsquoten von bis zu 70 Prozent in eine reguläre Ausbildung zeigen, dass es funktionierende Brü- Seite 4 von 7

5 cken gibt, sie müssen nur passgenau sein. Die Konsequenz daraus heißt: Wenn wir schon ein Übergangssystem benötigen, dann sollten wir uns auf die Maßnahmen konzentrieren, die sich als erfolgreich herausgestellt haben. 2. Mit dem IHK-Sommercamp, das wir gemeinsam mit der Arbeitsagentur München für Jugendliche der achten Mittelschulklassen durchführen, haben wir gezeigt, dass kein Jugendlicher talentfrei und als Schulversager geboren wird. Im Gegenteil, mit frühzeitiger Intervention und einer ganzheitlichen Förderung werden aus vermeintlichen Schulversagern erfolgreiche Schulabsolventen und motivierte Auszubildende. 3. Unternehmer werden sich künftig daran gewöhnen müssen, Berufsausbildung auch in Teilzeit anzubieten. Mehr als die Hälfte aller Mütter unter 25 Jahren in Deutschland hat keinen Berufsabschluss. Ziel muss sein, auch diesen jungen Menschen eine flexible Möglichkeit zur Qualifizierung und zur anschließenden Beschäftigung anzubieten. In einem Pilotprojekt mit der Arbeitsagentur München, der Handwerkskammer München und der Landeshauptstadt München werden wir versuchen, die Teilzeitausbildung zu forcieren und zu etablieren. Potenzial ist ohne Zweifel vorhanden. Aber mit dem Angebot von Ausbildungsplätzen alleine ist es Seite 5 von 7

6 nicht getan. Viel entscheidender wird sein, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine erfolgreiche Ausbildung überhaupt möglich ist. Das betrifft zum Beispiel den Berufsschulunterricht, der auch in Teilzeit angeboten werden muss. Das betrifft auch die finanzielle Unterstützung. Eine alleinerziehende Mutter wird es kaum schaffen, allein mit der Ausbildungsvergütung über die Runden zu kommen. Und das betrifft nicht zuletzt die Kindergarten- und Kita-Plätze. Wir brauchen mehr Betreuungsangebote und flexiblere Öffnungszeiten. 4. Über 25 Jahre alt, arbeitslos, ohne Berufsabschluss, oder nicht die richtige Qualifizierung - dieser Personenkreis lässt sich nur sehr schwer in den Arbeitsmarkt integrieren. Wir werden deshalb in zwei Regionen, München und Nürnberg, mit dem Projekt Teilqualifizierung für Erwachsene ein Modell zum modularen Kompetenzerwerb entwickeln und gemeinsam mit den Arbeitsagenturen durchführen. Es wird eine kaufmännische und eine technische Basisqualifizierung abgestimmt auf den regionalen Fachkräftebedarf geben. Die IHK wird den Kompetenzerwerb prüfen und zertifizieren. Mit dieser Teilqualifizierung gehen wir einen ganz neuen Weg. Erstens werden damit die erforderlichen Qualitätsstandards für die Wirtschaft und die Teilnehmer erfüllt, zweitens ist mit einem IHK Zertifikat die rei- Seite 6 von 7

7 bungslose Integration in den Arbeitsmarkt sichergestellt. Die Schlussfolgerungen daraus lauten: Nachdem sich die Hoffnung der bayerischen Wirtschaft auf eine Verbesserung der Ausbildungsreife nicht so schnell erfüllen wird, müssen wir selbst noch mehr anpacken. Wir brauchen klar strukturierte, schriftlich fixierte, systematische, verlässliche und nachhaltige lokale Bildungspartnerschaften zwischen Wirtschaft und Schulen. Qualifizierungsmodelle, die in der Vergangenheit ausreichend waren, müssen wir auf den Prüfstand stellen und neu justieren. Bildungs- und schulpolitische Lippenbekenntnisse müssen sich endlich auch in Haushalten des Bundes und der Länder niederschlagen. Seite 7 von 7

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